Die Invasion von 1910 - William Le Queux - E-Book
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Die Invasion von 1910 E-Book

William Le Queux

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Beschreibung

"Die Invasion von 1910" gilt als Germanophobie vor dem Ersten Weltkrieg. Das Buch ist in Form einer Militärgeschichte geschrieben und enthält Auszüge aus den Tagebüchern und Briefen der Protagonisten sowie Beschreibungen des fiktiven deutschen Feldzugs selbst. Im Mittelpunkt steht eine Invasion der Deutschen, denen es gelingt, eine bedeutende Invasionsstreitmacht an der Ostküste Englands zu landen. Sie dringen ins Landesinnere vor, kappen alle Telegrafenleitungen und verwüsten das Ackerland, während die Engländer versuchen, eine angemessene Verteidigung zu organisieren und die Schlacht von Royston zu schlagen. Schließlich erreichen die Deutschen London und besetzen die Hälfte der Stadt.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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William Le Queux, und Herbert Wrigley Wilson

Die Invasion von 1910

Übersetzer: Traugott Tamm
e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I. Die Überraschung.
II. Die Deutschen in England gelandet!
III. Wirkung in der City. Suspendierung des Bankprivilegiums. Die Proklamation der Deutschen.
IV. Birmingham, Ansprache des Bischofs.
V. Feuer und Schwert in der Tyne-Gegend. Von Kronhelms Plan.
VI. Das Durcheinander der Mobilmachung. Proklamation.
VII. Unsere Flotte überrumpelt.
VIII. Der nächtliche Torpedoangriff. Zwei englische Schlachtschiffe außer Gefecht gesetzt.
IX. Die Niederlage der englischen Kreuzer.
X. Die englischen Schlachtschiffe zur Hilfe herbei. Rettung der Argyll durch die Dreadnoughts.
XI. Die Schlacht von North Berwick. Siegesmeldung nach Berlin.
XII. Das Ende der großen Schlacht.
XIII. Verfolgung der englischen Flotte. In der Falle gefangen!
XIV. Zwanzig Schlachtschiffe gegen sechs.
XV. Der Todeskampf der Nordseeflotte.
XVI. Landung des Feindes in Suffolk. Rekognoszierung seiner Stellung.
XVII. Landung in Weybourne Hoop.
XVIII. Landung bei Maldon.
XIX. Bericht aus Sheringham.
XX. Verhängung des Belagerungszustandes.
XXI. Zweite Landung bei Yarmouth. Fall von Norwich.
XXII. Deutsche Taktik.
XXIII. Die Landung in Goole.
XXIV. Barrikadenkämpfe in Hull.
XXV. Landung der Garde in King's Lynn.
XXVI. Weitere Nachrichten aus Essex. Die Engländer zurückgetrieben.
XXVII. London in Gefahr. Die Schlacht von Purleigh.
XXVIII. Niederlage der Engländer. Furchtbare Verluste.
XXIX. Schlacht bei Royston. Glorreicher englischer Sieg.
XXX. Sprengung der Stour-Brücken und Räumung Colchesters.
XXXI. Unser jüngster Schicksalsschlag. Die feindliche Übermacht.
XXXII. Der hitzige Kampf bei Chelmsford. Die Engländer zurückgeschlagen.
XXXIII. Die Lage vor Sheffield.
XXXIV. Flucht und Niederlage der Engländer.
XXXV. Die Verteidigung Londons.
XXXVI. Der Feind vor den Toren.
XXXVII. In der Feuerzone.
XXXVIII. Die Faust des Siegers.
XXXIX. Die deutschen Bedingungen. Der Vorfrieden.

I. Die Überraschung.

Inhaltsverzeichnis

Es war an einem Sonntagmorgen, am 4. September 1910, bald nach Anbruch der Dämmerung – die Sonne war noch nicht aufgegangen –, da schritten zwei aus der zahllosen Menge der Londoner Nachtarbeiter die Fleet-Street herunter.

In der mystischen stillen Beleuchtung, ehe das Bahrtuch des Rauchs sich niedersenkt, hat sie etwas Ruhiges, Anziehendes, diese Hauptader des Londoner Verkehrs, mit ihren unregelmäßigen Reihen von geschlossenen Läden und Zeitungsexpeditionen.

Nur am frühen Morgen steckt die altehrwürdige City ihre beste Miene auf, in dieser einen ruhigen, süßen Stunde, wo das Mühen der Nacht zu Ende ist, das des Tages noch nicht angefangen hat. Nur in dieser kurzen Pause bei des Tages Geburt, wenn die rosigen Tinten des Himmels langsam zu Gold erglühen, ruht die gigantische Metropole; schon um fünf Uhr beginnt wiederum das Zuströmen der arbeitenden Millionen in die Geschäftsstraßen aus allen Punkten der Windrose, und sofort hebt auch der Sturm und Drang des Londoner Lebens wieder an.

In dieser Stunde schweigenden Zaubers machten die beiden graubärtigen Nachtredakteure, obwohl bei rivalisierenden Zeitungen angestellt, zusammen ihren Weg heimwärts nach Dulwich, um den Sonntag in wohlverdienter Ruhe zu verbringen, und simpelten Fach, wie Preßleute tun.

»Ich nehme an, Sie hatten dasselbe Malheur und konnten auch von dieser Yarmouth-Geschichte das Ende nicht kriegen?« fragte Fergusson von der »Weekly Dispatch«, als sie Whitefriar's-Street kreuzten. »Gerade hatten wir so 'ne halbe Spalte voll, da war's mit dem Draht zu Ende!«

»Telegraph oder Telephon?« erkundigte sich Baines, der vier oder fünf Jahre jünger war als sein Freund.

»Wir arbeiteten selbstverständlich mit beiden.«

»Wir auch,« sagte Baines. »Eine gute Geschichte, die famos Lärm macht – mysteriöser Raubanfall, wenn nichts weiter –, aber wir kriegten höchstens die Hälfte davon ... Offenbar ist mit der Linie was los; wenn's nicht so ein herrlicher Herbstmorgen wäre, müßte man wohl annehmen, daß irgendwo Unwetter gewesen ist.«

»Ja – spaßig, was?« bemerkte der andere. »Schade, daß uns so der Rest der Geschichte flöten ging, sie war erster Güte, und wir brauchten so was. Setzten Sie sie ins Inhaltsverzeichnis?«

»Nein, wir hatten das Ende ja nicht! Ich versuchte es auf alle Weise – klingelte die Central-News, P. A. Exchange Telegraph Company, an, versuchte, auf der Hauptlinie bis nach Yarmouth durchzukommen, und verschwendete eine halbe Stunde oder so mit Herumkleppern; aber von allen Stationen, überhaupt von überall her, kam dieselbe Antwort: Linie unterbrochen!«

»Ganz unser Fall. Ich telephonierte ans Amt und bekam die Antwort: Linien offenbar in Unordnung!«

»Na ja, muß doch wohl schlecht Wetter gewesen sein, irgendwo; aber –« und Baines warf einen Blick auf den strahlenden, klaren Himmel, den gerade die auftauchende Sonne rötete – »zu sehen ist wahrhaftig nichts davon!«

»Es stürmt oft an der Küste, wenn's in London ganz still ist, mein Lieber,« sagte weise sein Freund.

»Sehr schön. Aber wenn plötzlich alle Verbindungen mit einer bedeutenden Stadt wie Yarmouth abgeschnitten sind, und das ist der Fall, dann hilft kein Hinundherreden: da muß was passiert sein, was wir wissen sollten –«

»So ist es,« stimmte Fergusson bei. »Bin wirklich gespannt, was da los ist! Wir haben alle beide nicht Lust, ins Bureau zurückgerufen zu werden, und Henderson, mein Assistent, dem ich den Kram übergeben habe, klingelt mich beim geringsten Quark heraus ... Die Telephonlinien laufen alle im Hauptfernamt zusammen, droben in Carter-Lane; wir könnten ja unterwegs mal rangehen, es wäre nur eine Viertelstunde weiter, und von Ludgate-Hill haben wir mehrere Züge nach Hause.«

Baines sah nach seiner Uhr. Wie sein Begleiter hatte auch er keine Lust, ins Bureau zurückgerufen zu werden, wenn er einmal in Dulwich war; dennoch war's ihm auch nicht recht, sich jetzt auf Reporterdinge einzulassen.

»Ich bin nicht besonders dafür,« sagte er. »Sicher ist gar nichts los, mein Lieber. Außerdem hab' ich scheußliches Kopfweh. Ich hatte schwer zu tun diese Nacht. Einer von meinen Leuten liegt krank.«

»Na, auf alle Fälle, ich geh hin,« sagte Fergusson. »Machen Sie mir nur keine Vorwürfe, wenn Sie zu einem Extrablatt zurückgerufen werden sollten: furchtbares Unwetter, schrecklicher Verlust an Menschenleben usw., wie üblich! Also bis auf weiteres –« Lächelnd winkte er mit der Hand und verließ seinen Freund bei der Billettausgabe der Ludgate-Hill-Station.

Seinen Schritt beschleunigend, eilte er durch die Halle, ging hinten heraus und stieg die steile enge Straße hinauf, bis er das Haupttelephonamt in Carter-Lane erreicht hatte, wo er seine Karte abgab und sich dem diensthabenden Inspektor melden ließ.

»Ich habe Sie aufgesucht,« erklärte der Redakteur, »um zu erfahren, ob Sie mir irgend etwas sagen können über die Ursache der Yarmouther Linienunterbrechung, die eben stattgefunden hat. Wir hatten wichtige Nachrichten, die durchkommen sollten, wurden aber mitten drin abgeschnitten, und dann erklärte man uns, daß alle Telephon- und Telegraphenlinien nach Yarmouth unterbrochen wären.«

»Ja, gerade das ist die Sache, die auch uns eben in Verlegenheit setzt,« war die Antwort des Nachtdiensthabenden. »Es ist vollständig unerklärlich! Unser Strang nach Yarmouth scheint gestört zu sein, ebenso die Telegraphenlinien nach Yarmouth, Lowestoft und bis jenseits Beccles. Ungefähr achtzehn Minuten auf vier merkten die Beamten, daß was in Unordnung sei.«

»Sonderbar! Versagten sie alle zur selben Zeit?«

»Nein. Die erste war die durch Chelmsford, Colchester und Ipswich nach Lowestoft und Yarmouth. Der Beamte fand heraus, daß er noch direkte Verbindung nach Ipswich und Beccles hätte. Dort aber wußte man von nichts, außer daß etwas nicht in Ordnung wäre ... Ipswich war noch anzuklingeln, darüber hinaus nichts!«

Während sie noch im Gespräch waren, klopfte es an die Türe, und der Assistent trat ein und meldete: »Jetzt hat auch die Norwichlinie durch Scole und Long Stratton versagt, Sir! Um halb fünf meldete Norwich eine Störung irgendwo im Norden, zwischen dort und Cromer; aber jetzt ist die Linie unterbrochen, desgleichen die von dort nach Cromer, Sheringham und Holt.«

»Also wieder eine Linie zum Henker!« rief der Nachtdiensttuende aus, in vollster Verblüffung. »Haben Sie versucht, auf den anderen Routen nach Cromer zu kommen – durch Nottingham und Kings Lynn oder durch Cambridge?«

»Alle Routen versucht, Sir, aber keine Antwort!«

»Könnten Sie nicht einige von den Plätzen – Yarmouth zum Beispiel – erreichen, indem Sie sie über den Kontinent antelegraphierten?« erkundigte sich Fergusson.

»Versuchen wir gerade,« antwortete der Assistent.

»Was für Kabel laufen in der Gegend von der Ostküste aus?« fragte schnell der Redakteur.

»Fünf zwischen Southwold und Cromer, drei nach Deutschland, zwei nach Holland,« erwiderte der Assistent. »Da ist das Kabel von Yarmouth nach Borkum, auf den ostfriesischen Inseln; das von Happisburg, bei Mundeslay, nach Borkum; das von Yarmouth nach Emden; das von Lowestoft nach Haarlem und das von Kessingland, bei Southwold, nach Zandyport.«

»Und Sie probieren all die Routen?« fragte sein Vorgesetzter.

»Vor einer Stunde sprach ich selbst mit Paris und ersuchte es, auf allen fünf Routen nach Yarmouth, Lowestoft, Kessingland und Happisburg zu kabeln,« war des Assistenten Erwiderung. »Ich ersuchte auch Liverpool-Street-Station und Kings Croß, nach ein paar von ihren Stationen an der Küste zu drahten; aber die Antwort war, daß sie in derselben Schwierigkeit wären wie wir. Ihre Linien versagten nördlich von Beccles, Wymondham, East Dereham, auch südlich von Lynn ... Ich laufe rasch mal hinüber und sehe, ob Antwort da ist von Paris, sie sollte schon hier sein, denn es ist Sonntagmorgen und kein Verkehr!« Eiligst ging er hinaus.

»Sicher ist was Besonderes los,« bemerkte der Inspektor vom Nachtdienst zum Redakteur. »Ist's ein Erdbeben oder eine elektrische Störung, dann jedenfalls eine ganz außergewöhnliche! Jede einzelne Linie, die bis an die Küste geht, scheint unterbrochen!«

»Ja, 's ist ungewöhnlich spaßig,« bemerkte Fergusson. »Bin sehr neugierig, was los sein kann. Sie hatten wohl nie einen vollständigen Niederbruch, wie diesen?«

»Nie. Aber ich denke –«

Der Satz blieb unvollendet, denn sein Assistent kam zurück, einen Papierstreifen in der Hand, und sagte:

»Da ist die Meldung von Paris. – Ich lese vor:

›Telephondirektion Paris an Telephondirektion London. – Habe direkte telegraphische Verbindung mit den Beamten an allen fünf Kabeln nach England. Haarlem, Zandyport, Borkum und Emden melden sämtlich Kabelunterbrechung. Sie bekommen keine Antwort von England, und die Prüfung ergibt Kabelbeschädigung irgendwo nahe der englischen Küste‹.«

»Ist das alles?« fragte Fergusson.

»Alles. Paris weiß nicht mehr als wir,« antwortete der Assistent.

»Dann sind die Küsten von Norfolk und Suffolk vollständig isoliert – abgeschnitten von Post, Eisenbahn, Telephon und Kabel!« rief der Diensthabende aus. »Ein geheimnisvoller Fall – absolut unerklärlich!«

Einen Augenblick später war er im Gespräch mit dem Verkehrsbureau zu Liverpool-Street, dem er die Meldung von Paris wiederholte und das er ersuchte, leichte Maschinen nördlich Wymondham oder Beccles bis in die Zone der geheimnisvollen Störungen zu senden.

Die Antwort lautete: Das wäre schon geschehen; aber ein Telegramm von Wymondham habe gemeldet, daß auf der Strecke Kimberley–Hardingham anscheinend die Brücken eingestürzt und die Linie durch Trümmer gesperrt sei ... Unterbrechung sei ebenfalls gemeldet worden jenseits Swaffham, bei Little Dunham ...

»Sogar die Eisenbahnen unterbrochen!« rief Fergusson. »Wär's möglich, daß ein so großes Erdbeben –«

»Ein Erdbeben könnte nicht wohl alle fünf Kabel vom Kontinent zerstören,« bemerkte ernst der Diensthabende.

Kaum hatte er den Hörer an den Haken gehängt, als wiederum ein Beamter eintrat und ihm meldete:

»Bitte an den Klappenschrank zu kommen, Sir –. Ein Mann im Fernamt von Ipswich hat mir eben eine höchst sonderbare Geschichte erzählt: Um halb vier heute morgen sei er in seinem Auto von Lowestoft nach London abgefahren, und als er bei Anbruch der Dämmerung am Rande von Henham Park, zwischen den Dörfern Wangford und Blythburgh, entlang fuhr, habe er drei Männer erblickt, die anscheinend die Telegraphendrähte reparierten, einer oben auf dem Pfahl, die anderen beiden drunten. – Im Vorbeifahren sah er's aufblitzen – einer der Leute hatte mit dem Revolver auf ihn gefeuert! ... Der Schuß ging glücklicherweise vorbei; er aber gab auf der Stelle volle Kraft und sauste nach Blythburgh hinab, obwohl einer seiner Radreifen entzweiging, wahrscheinlich von der Kugel durchbohrt, denn so eine Durchlöcherung war ihm noch niemals vorgekommen. In Blythburgh machte er der Polizei Meldung; der Gendarm weckte den Postmeister, und als der versuchte, an die Polizei zu Wrentham zurückzutelegraphieren, merkte er, daß die Linie unterbrochen war. Sollten etwa jene Leute die Drähte abgeschnitten haben, statt sie zu reparieren? ... Der Autler erzählte weiter, daß er nach Ausbesserung des Schadens den Dorfgendarmen und drei andere Leute auf sein Auto nahm und nach dem Fleck zurückfuhr, wo sie freilich nur konstatieren konnten, daß jenes saubere Kleeblatt entwischt war, nachdem es die Telegraphenlinie vollständig zerstört hatte: an vier oder fünf Stellen waren die Drähte durchschnitten, und ganze Strecken in dicke Massen zusammengewirrt; eine Anzahl von Pfählen lag abgesägt an der Wegseite ... Da er sah, daß nichts zu machen wäre, bestieg er sein Auto wieder, fuhr nach Ipswich und meldete die Sache auf unserem Fernamt an.«

»Ist er noch dort?« rief rasch der Inspektor, sehr betroffen über diesen Bericht.

»Ja, ich bat ihn, ein paar Augenblicke zu warten, damit ich's Ihnen sagen könnte, Sir.«

»Gut, ich gehe sofort selber hinauf. Vielleicht haben Sie Lust mitzukommen, Mr. Fergusson?«

Kurz danach war der Inspektor im Gespräch mit Ipswich. Noch einen Augenblick, und er sprach den Mann selber, der soeben von der heimtückischen Durchschneidung der Linie Augenzeuge gewesen war.

Plötzlich aber stieß auf der anderen Seite des Klappenschranks ein Beamter einen Schrei der Überraschung und der Ungläubigkeit aus.

»Was sagt Beccles?« fragte er erregt. »Bitte wiederholen –«

Unmittelbar darauf rief er: »Beccles meldet, daß deutsche Soldaten zu hunderten in die Stadt eindringen! ... Die Deutschen sollen in Lowestoft gelandet sein!« ...

Alle Anwesenden sprangen auf und starrten einander wie betäubt an.

Der Assistent stürzte auf den Beamten los und ergriff dessen Apparat:

»Hallo – Hallo, Beccles! Hallo – Hallo – Hallo!«

Die Antwort bestand in ein paar mürrischen deutschen Worten, und deutlich vernahm man Gewühl und Getümmel – dann war alles still ...

Fortwährend klingelte der Assistent das Suffolker Städtchen an, aber umsonst. Die schleunig vorgenommene Prüfung ergab, daß nunmehr der zweite Hauptstrang nach Norwich, von Ipswich über Harleston und Beccles, durchschnitten worden war, und zwar näher an London!

Aber was sie zwang, den Atem anzuhallen, war die Tatsache, daß die Landung, die die militärischen Kritiken der letzten Jahre so oft vorausgesagt hatten, nun wirklich ausgeführt, daß an diesem stillen Septembermorgen England das nichtsahnende Opfer eines Überfalls, daß die Invasion eine fertige Tatsache geworden war! ... Durfte – mußte man das Entsetzliche glauben?

Fergusson war schon auf dem Sprunge, nach der Expedition der »Weekly Dispatch« zurückzueilen und ohne Verzug ein Extrablatt auszugeben; aber der Inspektor, der noch im Gespräch mit dem Autler war, schärfte ihm Bedachtsamkeit und Vorsicht ein.

»Lieber noch eine Weile warten, damit wir das Publikum nicht unnötig alarmieren,« schlug er vor. »Wir brauchen eine Bestätigung, laßt uns den Autler herbestellen!«

Fergusson war einverstanden; er trat an den Apparat und ersuchte den Fremden, den die deutschen Vorhutspione – denn das waren sie zweifellos – zur Wahrung ihres Geheimnisses hatten erschießen wollen, daß er auf der Stelle nach London kommen und hier seinen Bericht, um den ihn sicher auch die Militärbehörden ersuchen würden, erstatten möge. Und gerade, als der Autler sich hierzu bereit erklärt hatte, lief von der Küstenwache zu Southwold eine vage, unzusammenhängende telephonische Meldung ein über nordwärts gesichtete fremde Schiffe; die Stationen King's Croß und Liverpool-Street aber läuteten beide fast gleichzeitig an und meldeten das Einlaufen ganz außerordentlicher Telegramme von King's Lynn, Diß, Harleston, Halesworth und anderen Städten: Deutsche Truppen ergössen sich über den Norden, Lowestoft und Beccles seien besetzt, Yarmouth und Cromer isoliert! ... Rücksichtslos sprenge der Feind die Brücken, reiße die Schienen auf und habe so alle Verbindung mit der Küste unterbrochen; mehrere wichtige Knotenpunkte seien von seinen Vorposten schon besetzt! ...

Das waren die erstaunlichen Nachrichten, die an diesem lieblichen, sonnigen Sonntagmorgen, als die ganze große Londoner Welt noch friedlich schlummerte, zu Carter-Lane, City, einliefen ...

II. Die Deutschen in England gelandet!

Inhaltsverzeichnis

Anderthalb Stunden blieb Fergusson auf dem Telephonamt, ängstlich auf weitere Bestätigung wartend. Es kamen auch wilde, wirre Geschichten genug durch die Drähte herein, wie die Leute in panischem Schrecken vor den feindlichen Vorposten landeinwärts flohen; so fuhr er nach der »Weekly Dispatch« zurück und traf die Vorkehrungen zu schleunigster Ausgabe eines Extrablattes, das sicherlich die verblüffendsten Neuigkeiten enthielt, die jemals London in Aufregung versetzt hatten!

Dennoch war er gewissenhaft genug, nichts in die Presse zu geben, ehe der Autler von Ipswich, der Augenzeuge, der tatsächlich das Abschneiden der Drähte gesehen hatte, angelangt sein würde. Er malte sich unterdessen die Wirkung aus, die sein Extrablatt auf die Welt ausüben müßte, und durchmaß in unbeschreiblicher Spannung sein Zimmer.

Den Konkurrenzblättern hatten die Nachrichten noch nicht zugehen können, denn mit journalistischem Vorbedacht hatte er seine Maßregeln so gewählt, daß die betäubende Wahrheit bis jetzt nicht hatte durchsickern können, weder von den Eisenbahnendstationen, noch vom Telephonamt aus. Seine einzige Furcht war, daß aus irgendeinem Dorfe oder Landstädtchen näher an der Hauptstadt, das noch in Verbindung mit dem Zentralamt wäre, ein Lokalkorrespondent telegraphieren könnte.

Furchtbar langsam verstrich die Zeit; jeder Augenblick steigerte Fergussons Erregung. Er hatte den einen Reporter, der noch auf Dienst war, nach dem Hause des Obersten Sir James Taylor, des Permanenten Untersekretärs im Kriegsministerium, gesandt und blickte nun aus dem offenen Fenster die Straße hinauf und herab, ob noch immer das Auto nicht eintreffen wollte. Aber alles war ruhig.

In diesem Mittelpunkte Londons – der Nabe der Welt – herrschte nach jenem fieberhaften Herzklopfen, nach all dem geschäftigen Getümmel, das sechs Tage in der Woche keinen Stillstand kennt, die ersehnte, willkommene Ruhe und Muße. Big-Ben hatte gerade acht Uhr geschlagen; die Straße erglänzte in warmem Sonnenschein und war völlig leer, bis auf ein paar Motoromnibusse und einige Gruppen hell aufgeputzter Sonntagsausflügler.

Plötzlich ertönte das Sausen eines Autos: es kam aus der Richtung des Strand und hielt vor der Expedition an. Das schöne Fahrzeug, ein Sechszylinder »Napier«, war grau vom Kot der Landwege, und auch der Autler selbst, ein Mann mit hagerem Gesicht, war bis über die Schutzbrille von Schmutzspritzern bedeckt.

Fergusson stürzte hinaus, ihm entgegen, und ein paar Augenblicke später waren sie beide oben im ersten Stock; geschwind brachte der Redakteur den Bericht des Autlers zu Papier, der sich aber sehr wenig unterschied von dem, den er bereits telephonisch erhalten hatte.

Dann, als Big-Ben halb schlug, erwachten auf einmal die Echos des halbverödeten Strand unter den lauten, gellenden Stimmen der Zeitungsjungen: »Weekly Dispatch, Extrablatt! Die Deutschen in Suffolk! Schreckliche Panik! Extraaaablatt! Weekly Dispatch, Weekly Dispatch, Extraablaatt!«

Sobald das Blatt in die Presse gewandert war, hatte Fergusson den Autler, der Horton hieß und in Richmond wohnte, aufgefordert, mit ihm nach dem Kriegsministerium zu fahren und Bericht zu erstatten. Beide bestiegen das Auto und hielten ein paar Momente später vor dem neuen Kriegsministerium in Whitehall.

»Ich möchte sofort einen der höheren Beamten sprechen!« tief Fergusson hastig der Schildwache zu, als er absprang.

»Läuten Sie dort am Seitenportal rechter Hand nach dem Kastellan,« antwortete der Mann und schritt weiter.

»Kastellan!« wiederholte bitteren Tones der aufgeregte Redakteur. »Und England überfallen durch die Deutschen! ...«

Er stürzte nach der angegebenen Tür und läutete. Zuerst ohne Erfolg. Dann hörte man etwas wie langsames Aufriegeln, die Tür ging auf, und ein großer, ältlicher Mann in Hausschuhen, der nach einem ausgedienten Unteroffizier aussah, guckte heraus.

»Ich muß sofort jemanden sprechen!« rief der Journalist aus. »Es ist kein Augenblick zu verlieren! Was für ständige Beamte sind hier?«

»Es ist niemand hier, Sir,« antwortete der Mann, einigermaßen erstaunt über das Verlangen. »Wissen Sie nicht, daß Sonntagmorgen ist?«

»Natürlich weiß ich's, aber ich muß jemanden sprechen! – Wer ist hier?«

»Bis morgen früh niemand; kommen Sie dann.«

Der alte Unteroffizier war schon daran, die Türe wieder zu schließen, als der Journalist weiter fragte: »Wo ist der Generalsekretär?«

»Wie soll ich's wissen? Vielleicht auf 'm Wasser, das Wetter ist ja gut –«

»Schön, aber wo wohnt er?«

»Bisweilen hier – bisweilen in seinem Apartement in Abury-Street.« Der Mann nannte die Nummer. »Kommen Sie lieber morgen früh, Sir, so gegen elf. Dann sind Sie sicher, daß einer da ist.«

» Morgen früh!« rief der andere. »Morgen früh! Mann, Sie wissen nicht, was Sie sagen! Morgen früh ist alles zu spät – vielleicht sogar schon jetzt: Die Deutschen sind gelandet!« ...

»O wirklich?« fragte der Kastellan und sah die beiden argwöhnisch an. »Ganz gewiß, da werden unsere Herren sich freuen, wenn sie das hören – morgen früh! ...«

»Aber haben Sie kein Telephon, keinen Privattelegraphen oder dergleichen hier, daß ich mich mit den Behörden verbinden kann? Können Sie nicht den Staatssekretär, den Permanenten Sekretär oder sonst jemanden anklingeln?«

Der Kastellan zögerte einen Augenblick, seinen ungläubigen Blick auf die bleichen, erregten Gesichter der beiden Männer geheftet.

»Na, warten Sie eine Minute, ich will sehen.« Damit verschwand er in einem langen, höhlenähnlichen Gange.

Nach ein paar Augenblicken kam er wieder und brachte den Schutzmann mit, der in dem Gebäude zu patrouillieren hatte.

Der Polizist musterte die Fremden von Kopf bis zu Fuß und fragte: »Was ist das für 'ne wunderliche Geschichte? Die Deutschen in England gelandet – eh? Scheint wirklich das Allerneueste zu sein!«

»Hören Sie denn nicht, was die Zeitungsjungen ausschreien?« rief der Autler aus.

»Hm – Na ja, Sie sind nicht der erste, wissen Sie, der mit einer Schreckgeschichte hier gewesen ist. Wenn ich Sie wäre, würde ich bis morgen warten,« und er warf einen bezeichnenden Blick auf den Kastellan.

»Bis morgen wart' ich nicht!« schrie Fergusson. »Das Land ist in Gefahr, und Sie weigern sich, mir Beistand zu leisten – auf Ihre eigne Verantwortung, verstehen Sie?«

»Schon gut, Verehrtester,« erwiderte der Polizist und steckte nachlässig seine Daumen in die Säbelkoppel. »Fahren Sie lieber nach Hause und sprechen Sie morgen früh wieder vor.«

»So also verliedert man die Sicherheit des Landes!« rief bitter der Autler und wandte sich ab. »Alle Welt fort, und dies ganze große Gebäude, das nur errichtet ist, um dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, wie es scheint, ist leer und seine Maschinerie nutzlos! Was wird England sagen, wenn es die Wahrheit zu hören bekommt? ...«

Als sie voll Ekels aus dem Portal nach dem Auto zurückgingen, sprang in atemloser Hast ein Mann aus einem Hansom. Es war der Reporter, den Fergusson nach Sir James Taylors Haus in Cleveland-Square, Hyde Park, abgeschickt hatte.

»Die Dienerschaft meinte, Sir James hätte die Nacht bei seinem Bruder oben in Hampstead zugebracht,« rief er aus. »Ich war dort, hörte aber, daß er über den Sonntag nach Chilham Hall gegangen sei, bei Buckden –«

»Buckden? Das ist an der Great-North-Eisenbahn!« schrie Horton. »Gehen wir auf der Stelle und suchen ihn auf! Sechzig Meilen von London – Wir können in knapp zwei Stunden dort sein!«

Horton wischte den getrockneten Schmutz von der Schutzbrille und stülpte sie vor seine halbgeschlossenen Augen. Kurz darauf sausten die beiden nordwärts, in der Richtung auf Finchley, davon, ohne auf die Zeichen der Schutzleute, daß sie halten sollten, zu achten.

Sie hatten in London Alarm geschlagen, und die »Weckly-Dispatch« verbreitete die erstaunliche Kunde überall hin – aber die Leute lasen wohl gierig, gafften einen Augenblick und lächelten dann in absoluter Ungläubigkeit. Nun waren die beiden Männer auf dem Wege, die entsetzliche Wahrheit einem der Häupter jener komplizierten Maschinerie unwirksamer Verteidigungsvorkehrungen, die wir so stolz unsere Armee benennen, zu enthüllen ...

Bis zum Platzen voll von ihrer Schreckensnachricht, beugten Sie ihre Köpfe vor dem Winde und flogen durch Barnet und Hatfield, fuhren langsamer durch die enge Straße von Hitchin, dann wieder mit voller Kraft die breite Landstraße entlang, durch Biggleswade, Tempsford und Eaton Socon, bis Horton in Buckden anhielt, um sich bei einem Bauernknecht nach Chilham Hall zu erkundigen.

»Dort, links hinauf, Sir. So eine kleine Meile Huntingdoner Weges,« war die Antwort.

Wieder sausten sie davon und bogen ein paar Minuten später in das hübsche Gatter von Chilham Park ein, flogen die große Ulmenallee entlang und fuhren an der Haupttüre des alten Landsitzes, eines zierlichen, vielgiebligen alten Gebäudes aus grauem Stein, vor.

»Sir James Taylor zu Hause?« brüllte Fergusson einem Manne in Livree zu, der die Tür öffnete.

»Er ist mit Seiner Lordschaft und den Forstaufsehern durch die Homefarm gegangen,« war die Antwort.

»Dann bringen Sie mich sofort zu ihm! Ich hab' keine Sekunde zu verlieren! Ich muß ihn augenblicklich sehen!«

Daraufhin führte der Diener die zwei durch den Park und mehrere Felder an den Rand eines kleinen Gehölzes, wo zwei ältliche Männer mit ein paar Forstaufsehern und einigen Hunden dahinschritten.

»Der große Herr ist Sir James, der andere Seine Lordschaft,« erklärte der Diener. Nach wenigen eiligen Sprüngen stand der Journalist vor dem Permanenten Untersekretär und überbrachte ihm seine Schreckenskunde: England überfallen – die Deutschen heimlich an der Ostküste gelandet! ...

Sir James und sein Gastfreund standen sprachlos. Gleich den anderen hielten sie den bleichen, bärtigen Redakteur zuerst für einen Verrückten, aber als Horton in Kürze seinen Bericht wiederholte, sahen sie ein: Was immer wirklich passiert sein mochte, diesen beiden war es todesernst mit ihrer Meldung ...

»Es kann aber nicht wahr sein!« rief Sir James aus. »Wir hätten doch davon hören müssen, die Küstenwächter hätten auf der Stelle telephoniert, und überhaupt, wo bliebe denn unsere Flotte?«

»Die Deutschen haben ihre Pläne offenbar sehr schlau angelegt: Die Spione, die sie bereits auf englischem Boden hatten, haben gestern nacht zu einer verabredeten Stunde die Drähte durchschnitten,« setzte Fergusson auseinander. »Sie schossen auf diesen Herrn, um zu verhüten, daß er Alarm schlüge. Sämtliche Eisenbahnen nach London sind entweder unterbrochen oder in Feindes Hand, und Flotte hin, Flotte her, eines ist klar: die Ostküste ist vollständig in der Macht der Deutschen!«

Gastfreund und Gast tauschten düstere Blicke aus.

»Wenn das, was Sie sagen, die Wahrheit ist,« rief Sir James aus, »so ist heute der schwärzeste Tag, den England je gekannt hat!«

»Ja, dank der deutschfreundlichen Politik der Regierung und den falschen Versicherungen der Blauwasserschule ... Sie hätten auf Lord Roberts hören sollen!« sagte bissig Seine Lordschaft. »Ich nehme an, Taylor, Sie machen sich sofort auf, um Erkundigungen einzuziehen?«

»Natürlich,« entgegnete der Permanente Sekretär. Eine Viertelstunde später fuhr er im Fonds von Hortons Auto nach London zurück.

Konnte die Geschichte des Journalisten wahr sein? ... Wie Sir James dasaß, sein Haupt gegen den Wind gebeugt, der Schmutz ihm ins Gesicht spritzend, erinnerte er sich zu gut der wiederholten Warnungen der letzten fünf Jahre, ernsthafter Warnungen von Leuten, die unsere Mängel kannten, aber auf die niemand hatte achten wollen! Regierung und Publikum waren apathisch geblieben und hatten die Idee einer Gefahr nur verhöhnt; das ganze Land hatte, wie der Vogel Strauß, seinen Kopf in den Sand gesteckt und den festländischen Nationen gestattet, uns in allem zu überflügeln, in Handel und Industrie wie in ihren Rüstungen.

Die Personen, die für die Landesverteidigung verantwortlich waren, hatten die Möglichkeit einer Invasion mit überlegenem Lächeln von sich gewiesen und in aller Seelenruhe die Marine reduziert, das Heer in seiner selbstzufriedenen Mangelhaftigkeit belassen.

Wenn Deutschland jetzt den Schlag wirklich geführt hatte? Wenn es drei oder vier von seinen dreiundzwanzig Armeekorps zu einem Stoß in das Herz des Britischen Reiches riskiert hatte? Was dann? Ja, was dann? ...

Während das Auto durch die Regent-Street nach Pall-Mall und auf Whitehall zuflog, konnte Sir James überall die Leute gruppenweise zusammenstehen sehen, die von der erstaunlichen, jetzt durch Extrablätter sämtlicher Sonntagszeitungen verbreiteten Neuigkeit sprachen. In ihrer Aufregung und Gier nach den jüngsten Berichten stürzten sich die Londoner auf die Jungen, die mit frischen Stößen aus den Pressen der Fleet-Street kamen, und rissen ihnen ohne weiteres die Bündel fort.

Rund um das Kriegsministerium und um die Admiralität lärmten die wachsenden Haufen nach der Wahrheit. – War es die Wahrheit oder nur ein Wippchen? Halb London war noch ungläubig. Dennoch ergossen sich die Tausende aus der ganzen äußeren in die innere Stadt, um Gewißheit zu erlangen, und nur mit der größten Schwierigkeit hielt die Polizei die Ordnung aufrecht.

Auf Trafalgar-Square, wo die Fontänen so ruhig in der Herbstsonne plätscherten, stieg ein pudelhaariger Mann auf den Rücken eines der Löwen und suchte unter heftigen Gebärden und in den wildesten Ausdrücken die Menschenmenge gegen die Regierung aufzuhetzen. Aber mitten in seiner leidenschaftlichen Anklagerede stieß die Polizei den Anarchisten von seiner improvisierten Rednerbühne herunter.

Es war halb drei Uhr nachmittags. Obwohl bereits seit zehn Stunden die Deutschen auf englischem Boden standen, war London immer noch über den Ort der Landung in Unkunde und wußte sich nicht zu raten noch zu helfen. Wilde Gerüchte aller Art waren im Umlauf durch die ganze Hauptstadt, von Hampstead bis Tooting, von Barking nach Hounslow, von Willesden nach Woolwich. – Die Deutschen in England! ...

Wo bleibt unsere Marine? fragte jedermann. Wo unsere »Seeherrschaft«, von der die Zeitungen solches Gerede gemacht haben? Besäßen wir sie wirklich, dann wäre die Landung ein Ding der Unmöglichkeit gewesen! ... Wo bleibt unsere Armee – die tapfere britische Armee, die in hundert Feldzügen siegreich gefochten, und deren absolute und sofortige Marschbereitschaft die Regierung so oft rühmend hervorgehoben hat? ... Wann wird sie sich dem eingefallenen Feinde entgegenstellen und ihn in die See zurückwerfen?

Wann? ...

Und der wilde, brüllende Haufe sah hinauf zu den vielen Fenstern der Admiralität und des Kriegsministeriums, nicht wissend, daß diese beiden gewaltigen Gebäude nur erschreckte Kastellane und eine doppelte Wache von Polizisten in sich bargen ...

Hatte ein feindlicher Einfall wirklich stattgefunden? Überrumpelten fremde Heersäulen Norfolk und Suffolk? Krümmten wir uns tatsächlich hilflos unter der eisernen Ferse des Feindes? ...

Das war unmöglich – unglaublich, England lebte ja in freundschaftlichen Beziehungen mit Deutschland! ...

Ja, aber trotz alledem – es war möglich, nein, wirklich: der furchtbare Schlag war gefallen, – London aber, oder vielmehr der Teil Londons, der nicht sein Sonntagsnachmittagsschläfchen in der gemütlichen Zurückgezogenheit der Vororte genoß, stand starr vor Erstaunen, atemlos, in ungläubiger Verwunderung ...

III. Wirkung in der City. Suspendierung des Bankprivilegiums. Die Proklamation der Deutschen.

Inhaltsverzeichnis

In der Nacht von Sonntag auf Montag war die Nachricht durch ganz Großbritannien geflogen. Obwohl noch nicht sämtliche Einzelheiten der Flottenkatastrophen bei der Hand waren, so wußte man doch jetzt oberflächlich, daß unsere Schiffe in der Nordsee Schlappen erlitten hatten und zum Teil gesunken waren.

Am Montag morgen aber, vor sieben Uhr, kamen aus dem Norden durch die unterirdischen Linien grauenerregende telegraphische Berichte über das Unheil, das die deutsche Flotte über die nichtsahnende englische gebracht hatte, in London an.

Mit London erwachten auch die großen Städte des Nordens, Liverpool, Manchester, Sheffield und Birmingham, in vollständiger Bestürzung. Es schien unglaublich und war doch Tatsache, daß der Feind sich durch seinen plötzlichen und verstohlenen Schlag die Seeherrschaft gesichert und seine Landung ausgeführt hatte! ...

Das Publikum war empört, daß nicht vorher eine förmliche Kriegserklärung erlassen worden sei; es wußte ja nicht, daß die dem Deutsch-französischen Kriege vorhergehende Erklärung seit 170 Jahren die erste war, die von zivilisierten Nationen vor Beginn von Feindseligkeiten erlassen worden war.

Die gefährliche Lage des Landes ward überall anerkannt. Tausende aufgeregter Leute strömten mit jedem Zuge aus den Vororten nach der City; sie erkundigten sich angstvoll nach der Wahrheit und waren wild vor Entrüstung, daß unser Landheer noch nicht mobilisiert und bereit wäre, dem einbrechenden Feinde ostwärts entgegenzurücken.

Sobald die Banken geöffnet hatten, begann ein allgemeiner Ansturm auf sie; gegen Mittag aber stellte die Bank von England ihre Barzahlungen ein, und die übrigen Banken, da sie nicht imstande waren, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen, schlossen ihre Türen und brachten so das Geschäftsleben zu jähem Stillstand. Am Sonntage hatten die Konsols auf 85 gestanden, aber Montag mittag waren sie auf 42 gefallen – tiefer sogar als im Jahre 1798, wo sie auf 47½ gestanden hatten. Fremde Spekulanten versuchten vielfach, auf der Börse diese Sachlage auszunützen, kamen aber damit nicht zustande, weil wegen der Ausschaltung des ganzen Bankwesens keine Übertragungen zu bewerkstelligen waren.

Am Nachmittage war die Panik auf der Börse unbeschreiblich. Alle möglichen Papiere waren vollständig entwertet, und niemand wollte kaufen. Die überrumpelte Finanz konnte nicht begreifen, weshalb keinerlei ernsthafte Warnung ihr den Stand der Dinge verraten hatte, wo London doch der finanzielle Mittelpunkt der Welt war!

Vor 1870 hatte Paris sich mit London in die Ehre geteilt, der Angelpunkt des Geldmarktes zu sein; aber nach der Einstellung der Barzahlungen durch die Bank von Frankreich während des Deutsch-französischen Krieges hatte Paris diese Stellung verloren. Falls nicht ein Teil der französischen Kriegsentschädigung in Gold unangetastet auf dem Spandauer Juliusturm gelegen hätte, würde Deutschland niemals daran haben denken können, Großbritannien plötzlich mit Krieg zu überziehen, ehe es den Berliner Platz finanziell von London unabhängig gemacht oder doch hinreichende Goldvorräte angehäuft hätte, um den Krieg wenigstens zwölf Monate aushalten zu können. Das einzige Mittel hierzu aber wäre die Erhöhung des Diskontsatzes gewesen, so daß Berlin bessere Bedingungen geboten hätte als London. Sobald jedoch die Bank von England entdeckt haben würde, daß der Wechselkurs gegen sie wäre, und ihr Goldvorrat abnähme, würde auch sie mit Erhöhung des englischen Diskonts geantwortet haben, um den Abfluß zu hemmen. Dieses Wettrennen aber würde angedauert haben, bis die Sätze so hoch gestiegen waren, daß aller Verkehr gestockt und jedermann seine Papiere veräußert hätte, um sich das nötige Bargeld zur Fortführung seiner Geschäfte zu verschaffen.

So also würde der kommende Krieg sich zweifellos vorher angekündigt haben, wenn Deutschland nicht schon längst im Besitze seines Kriegsschatzes gewesen wäre – eine Tatsache, die von den meisten bis zum heutigen Tage übersehen, durch die aber Deutschland jetzt in den Stand gesetzt worden war, unvermutet loszuschlagen; und auf einmal mußte jetzt die Bank von England, die Stütze der Goldwährung des Vereinigten Königreichs, die Erfahrung machen, daß durch die Einwechslung ihrer Noten ihr Goldvorrat derart reißend abnahm, daß sie in wenigen Stunden sich genötigt sah, bei der Regierung um Suspendierung des Bankprivilegiums einzukommen – eine Maßregel, die der Bank gestattete, die Barzahlungen einzustellen und ungedeckte Noten auszugeben.

Seltsam genug, die unmittelbare Wirkung hiervon war nicht etwa eine Verschlimmerung, sondern eher eine Milderung der Panik. In der City waren manche, zumal die Durchschnittsgeschäftsleute, der ruhigen Zuversicht, daß der gezielte Schlag unwirksam abgleiten, und daß die Deutschen, so viele ihrer auch gelandet wären, auf schnellen Rückzug würden bedacht sein müssen, sobald erst unsere Seeherrschaft wieder hergestellt wäre, was ja in einem oder zwei Tagen der Fall sein müßte! ...

Abgesehen vom Geldmarkt, war natürlich das Geschäft überhaupt vollständig demoralisiert. Der Einkauf der nötigsten Bedürfnisse war jetzt zuvorderst in jedermanns Sinn. Wegen der erregten Menschenansammlungen in den Straßen schlossen die meisten Läden in der City und dem West-End; die Admiralität aber umdrängten gewaltige Massen erhitzter Männer und Frauen aus allen Ständen, darunter weinende Seemannsfrauen und auch Offiziersdamen aus Mayfair und Belgravia, die sich nach den Ihrigen erkundigen wollten – Anfragen, die das Unfallsbureau leider nicht in der Lage war zu beantworten.

Der Schmerz, der Schrecken und die Spannung riefen herzzerreißende Auftritte hervor. Es war bekannt geworden, daß mehrere Schiffe nach tapferer Gegenwehr mit Mann und Maus untergegangen waren, und alle, die Männer, Brüder, Verlobte oder Väter an Bord hatten, riefen laut jammernd und schluchzend die Regierung zur Rache für den Tod ihrer Lieben auf.

In Manchester, in Liverpool, überhaupt in sämtlichen großen Industriezentren des Nordens, fand die Erregung Londons ihren Widerschein; Liverpool war in der größten Besorgnis, als die Nachricht sich verbreitete, daß deutsche Kreuzer sich vor der Mündung des Mersey zeigten, daß in Pernath, Cardiff, Barry und Llanelly bereits die Kohlenladeplätze, die Kräne und die Petroleumtanks zerstört, und daß Aberdeen bombardiert worden wäre. Natürlich lag es nahe, zu fürchten, daß trotz der Minen und Verteidigungswerke des Mersey die Stadt Liverpool mit ihrem ganzen Schiffsgewühl dasselbe Schicksal haben würde! Die gesamte Stadt geriet in Gärung. Gegen elf Uhr waren die Bahnhöfe voll von Frauen und Kindern, die aufs Land flüchten wollten, hinaus aus der dem Untergange geweihten, verteidigungslosen Stadt. Vergebens bemühte sich der Lord-Mayor, den Leuten Vertrauen einzuflößen, und als die Telegramme aus London den vollständigen finanziellen Zusammenbruch ankündigten, erreichte die Panik den höchsten Grad. Auf dem Old Hay Market und die Dale Street entlang bis an die Landungstreppen, rund um die Börse, die Town Hall und das Zollhaus drängte sich eine immer noch anschwellende Menge; alles schrie wild durcheinander und gebärdete sich, als ob das gefürchtete Unheil schon da wäre: Jeden Augenblick könnten die grauen Rumpfe jener todbringenden Kreuzer auf dem Flusse auftauchen, jeden Augenblick die erste Granate in ihre Mitte fallen und explodieren!

So stand Liverpool den ganzen Tag unter dem Schrecken der Vernichtung.

Inzwischen harrte London in atemloser Spannung auf die weiteren Ereignisse. Stunde um Stunde gaben die Morgenzeitungen neue Extrablätter aus mit den jüngsten Nachrichten über das große Flottenunglück, die man hatte auftreiben können. Die Telegraphen und Telephone nach dem Norden arbeiteten ununterbrochen, und von den Überlebenden eines Schlachtschiffes, das in St. Abbs, nördlich von Berwick, gelandet war, hörte man entsetzenerregende Berichte. Andere Überlebende von britischen Kreuzern und Schlachtschiffen hatten Dunbar und North Berwick erreicht und wußten von seltsamen und nie dagewesenen Dingen zu erzählen.

Ein Schilling das Stück, war in Cornhill, Moorgate Street, Lombard Street oder Ludgate Hill kein ungewöhnlicher Preis für ein Halbpennyblatt, und der Weizen der Zeitungsjungen blühte, außer wenn, was oft genug passierte, die erregte Menge sich über sie warf und ihnen ihre Zeitungen wegriß.

Fleet Street war vollständig blockiert, der ganze Verkehr wurde durch die Menschenmengen gehemmt, die vor den Zeitungsexpeditionen auf die Telegramme warteten, von denen die Auszüge hinter den Fensterscheiben angeschlagen wurden. Und bei jeder neuen Depesche gab es Seufzer, Stöhnen und Flüche an allen Enden: Die Regierung – die so selbstgenügsame Blauwasserschule mit der sanften Rede und den glatten Manieren – sei für alles verantwortlich, war die allgemeine Auffassung. Sie hätte das Heer auf den richtigen Fuß bringen und die Gründung von Schützenvereinen, in denen jeder Jüngling sein Heim zu verteidigen lernte, ermutigen sollen, sie hätte sich die tausend und einen Warnungsrufe, die während der letzten zehn Jahre von hervorragenden Staatsmännern, Militärs und Schriftstellern erhoben worden waren, zu Herzen nehmen sollen, zumal jene mächtigen und beredten Appelle Earl Roberts', des Kriegshelden Englands, der nach seinem Austritt aus dem Dienst gewiß nicht in dem Verdacht der Wahrnehmung eigensüchtiger Interessen hatte stehen können. – Furchtlos und aus Liebe zu seinem Vaterlande, dessen Verhängnis er voraussah, hatte er 1906 die Wahrheit ausgesprochen, aber die Regierung sowohl wie das Volk waren verstockt geblieben ...

Wohl gab es manche, die bramarbasierend prophezeiten, daß die britischen Truppen, einmal mobilisiert, die Eindringlinge ohne Mühe in die See treiben würden; diese Leute aber dachten nicht an die lange Zeit, die dazu gehörte, um unser Heer auf Kriegsfuß zu bringen, noch an die vielen lächerlichen Verfügungen, die anscheinend eher für die Verlangsamung als für die Beschleunigung der Mobilmachung erlassen worden waren!

Den ganzen Morgen hindurch, inmitten des Geschäftschaos der City, war die Erregung ständig gewachsen, bis kurz nach drei Uhr die Daily Mail ein Extrablatt ausgab mit dem Abdruck einer deutschen Proklamation, die, wie es hieß, jetzt überall in East Norfolk, East Suffolk und zu Maldon in Essex, also in der ganzen vom Feinde bereits besetzten Zone, angeschlagen war. Von unbekannter Hand auf eine Scheunentür in der Nähe des Städtchens Framlingham geklebt, war die Originalproklamation von einem Korrespondenten der Daily Mail entdeckt, abgelöst und per Automobil nach London gebracht worden.

Sie zeigte deutlich, daß es die Absicht der Deutschen war, mit zerschmetternder Härte aufzutreten. Ihr Wortlaut war folgender:

»Im Namen Sr. Maj. Wilhelms II., des Deutschen Kaisers, Königs von Preußen und Obersten Kriegsherrn des deutschen Heeres, wird dem englischen Volke hiermit kund und zu wissen getan:

»1. In dem gesamten von den deutschen Streitkräften besetzten Gebiete Großbritanniens wird das Standrecht erklärt; es tritt sofort mit dem Anschlag dieser Proklamation in Kraft.

»2. Mit dem Tode bestraft wird jede Person, die, ohne englischer Soldat zu sein und als solcher durch seine Kleidung erkennbar gemacht zu werden,

a) dem Feinde als Spion dient;

b) die deutschen Truppen durch falsche Angaben irre führt;

c) auf einen Angehörigen des deutschen Heeres schießt, ihn verletzt oder beraubt;

d) Brücken oder Kanäle zerstört, Telegraphen-, Telephon- und Beleuchtungsdrähte, Gasometer oder Eisenbahnen beschädigt, den Straßenverkehr stört und Kriegsmunition, -vorräte oder -quartiere der deutschen Truppen in Brand setzt oder sonstwie vernichtet;

e) gegen die deutschen Truppen die Waffen ergreift.

»Der dem Kriegsgericht jedesmal vorsitzende Offizier führt die Voruntersuchung und spricht das Urteil. Die Kriegsgerichte dürfen auf keine andere als die Todesstrafe erkennen. Die Urteile sind unverzüglich zu vollstrecken.

»3. Die Städte oder Dörfer des Gebietes, auf welchem die Übertretung stattgefunden hat, haben zur Strafe den Betrag eines Jahreseinkommens zu entrichten.

»4. Die Einwohner haben täglich den deutschen Truppen an Lebensbedürfnissen zu liefern, wie folgt:

1 Pfd. 10 Unzen Brot,

13 Unzen Fleisch,

3 Pf. Kartoffeln,

1 Unze Tee,

1½ Unzen Tabak oder 5 Zigarren,

½ Pinte Wein,

1½ Pinien Bier oder ein Weinglas voll Branntwein oder Whisky.

Die Ration für jedes Pferd:

13 Pfd. Hafer,

3 Pfd. 6 Unzen Heu,

3 Pfd. 6 Unzen Stroh.

»Bei Entrichtung der Verpflegung in Geld gilt der Satz von 2 sh. per Tag und Mann.

»5. Die Kommandeure detachierter Truppenteile haben das Recht, alles für die Wohlfahrt ihrer Leute für notwendig Erachtete einzutreiben; die Einwohner erhalten dafür offizielle Quittungen ausgestellt.

»6. Eine deutsche Mark ist als gleichwertig mit einem englischen Schilling zu betrachten.

»Der Kommandierende General des dritten deutschen Armeekorps von Kronhelm.

»Beccles, 4. September 1910.«

IV. Birmingham, Ansprache des Bischofs.

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Auch Birmingham war in Aufregung und auf den Beinen, seit jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen.

Gerade vor Schluß des Nachmittagsgottesdienstes waren die letzten Extrablätter vor den Hauptkirchen und -kapellen angekommen. Und jedesmal ward dem Prediger eine Notiz in die Hand gesteckt, so auch in der Kathedrale, wo der bejahrte Bischof predigte. Die Versammlung, ohnehin schon voll Besorgnis und Angst, bemerkte den Zwischenfall und wartete auf irgendeine Ankündigung.

Ehe der Bischof den Segen des Herrn sprach, sagte er, auf den Kanzelstufen stehend:

»Ich habe in diesem Augenblick eine kaum glaubliche Nachricht erhalten. Aber sie kommt mit dem ganzen Gewicht des Herausgebers der Daily Post und würde sicherlich nicht hierhergesandt sein, wenn sie nicht auf das sorgfältigste nachgeprüft worden wäre.«