Die Invasion von Krateno - Lucian Caligo - E-Book

Die Invasion von Krateno E-Book

Lucian Caligo

2,0

Beschreibung

Jahrhunderte wähnten sich die Elfen allein, doch nun, nach all den Kämpfen, streckt das dunkle Reich seine gierige Hand nach Krateno aus. Von Schätzen und altem Wissen gelockt, haben die Eroberer keine Ahnung, was sie dort erwartet. Doch nicht nur sie haben mit einer Invasion auf Krateno begonnen. Marelija und Enowir finden sich in einem Konflikt wieder, der auf Godwana schon seit Jahrhunderten tobt. Niemals werden sie den Kampf um ihre Zukunft aufgeben.

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Zum dritten Mal begeben wir uns auf den verderbten Kontinent Krateno. Die Elfen, die in ihrer Not nie über die Grenzen ihres Landes hinausgedacht haben, treffen nun auf weitere Völker Godwanas. Eine Invasion hat begonnen. Doch nicht nur das dunkle Reich interessiert sich für diesen Kontinent, sonder auch eine andere, weitaus üblere Macht.

Weitere Informationen zu vorliegendem Werk und anderen Büchern um Godwana findest du unter: www.lucian-caligo.de

Über den Autor:

Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Selfpublishern. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.

Für meinen Freund Flo,

einem der Erschaffer von Godwana

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

Prolog

Der vergessene Kontinent, wird er genannt. Mythen umgeben ihn, wie dichter Nebel. Um seine Geheimnisse weiß allein die hohe Schule der Magie und die Magier halten sich bedeckt. Bisher galt es nicht als lohnend, ihn zu Besetzen, doch nun ist es anders. Das Kräfteverhältnis der Mächte in Godwana hat sich verschoben.

Krateno ist ein verderbtes Land voller vergiftetem Wasser und mutierten Wesen, die diesem entsteigen. Einst war dieser Kontinent das Zentrum des Elfenreiches. Jetzt ist von ihrer Kultur nicht mehr viel übrig. In den Ländereien des hellen und des dunklen Reiches leben sie als Bettler und Straßenräuber. Auf Krateno - so scheint es - haben sie nicht überlebt. Nur wenige Eingeweihte wissen es besser. Einige Elfen konnten sich auf dem unwirklichen Eiland behaupten. Sie haben das Überleben mit ihrer Kultur bezahlt.

Jetzt, da sich für sie alles zum Guten wenden soll, ziehen am Horizont dunkle Wolken herauf. Das dunkle Reich der Menschen hat beschlossen, seine alles an sich reißende Hand nach diesem Land auszustrecken.

I.

»Sie lauern, in den Gräsern, den Bäumen, jeder Höhle ...

Doch das alles ist nichts gegen jenes, was in der Tiefe des Meeres haust.«

Letzter Überlebender der ersten Expedition

Hinrich krallte sich in die Reling. Der Gram über seine Verfehlung holte ihn täglich ein. Sie brannte, wie eine alte Wunde, die niemals ordentlich verheilt war. Die niemals heilen würde. Die Wut auf sich selbst musste irgendwo hin. So sah das Holz an dieser Stelle bereits so aus, als hätten Ratten daran genagt. Wie hatte ihm das nur passieren können? Er konnte niemandem die Schuld dafür geben. Er allein trug die Verantwortung.

Seine Männer ließen ihn zu jeder Zeit wissen, dass er auch vor ihnen sein Gesicht verloren hatte. Sie hassten ihn mehr, als es für einen Befehlshaber gut war. Denn schließlich war es Hinrich zu verdanken, dass sie sich nun auf der Fahrt zum letzten Kontinent befanden. Früher wären sie ihm blind auf eine Mission gefolgt, die kaum Aussicht auf überleben bot. Zum Ruhm des Reiches. Doch nun legte sich der Schatten der Schande über ihre Heldentat. Selbst wenn ihre Unternehmung glückte, so stand sie im Zeichen der Abbitte, die ihr Kommandant zu leisten hatte. Es blieb allein die Hoffnung, dass man sie nicht auf dem Feld der Schande beisetzen würde.

Reue stand Hinrich nicht gut zu Gesicht und dennoch konnte er sie nicht abschütteln. Am liebsten hätte er den verdammten Magier gebeten, in seinen Verstand einzubrechen und ihm diese Schmach zu nehmen. Aber das wäre der Ausweg eines Feiglings.

Seine Mission war klar. Den verfluchten letzten Kontinent besetzten und dort eine Kolonie errichten. Damit das dunkle Reich seinen Anspruch auf dieses unerforschte Land geltend machen konnte. Wenn ihm gelang, was vor ihm noch keiner vollbracht hatte, dann würden ihm die Herren vielleicht vergeben.

Die salzige Luft blies Hinrich um die Ohren. Manch ein Seemann sagte, hier draußen fühle man sich frei, ungebunden, wie ein König. Diese Gefühle wollten sich bei Hinrich nicht einstellen. Überall um sie herum gab es nur Wasser, das nicht einmal dazu geeignet war, davon zu trinken. Das war keine Freiheit, das war ein Gefängnis! Hinrich hatte sich noch nie für die Seefahrt interessiert. In der Vorbereitung auf diese Unternehmung hatte er es sich gänzlich anders vorgestellt, über das Meer zu fahren.

Das Schiff schwankte, die Taue knarrten und die Ruder stachen rhythmisch in die ruhige See. Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel und die Seemänner an Deck gingen routiniert ihrer Arbeit nach, von der Hinrich nichts verstand. Anscheinen gab es aber immer etwas zu tun.

»Joff!«, rief Hinrich seinen Hauptmann zu sich.

Der Gerufene trottete über das Deck, das in diesem Moment von einigen Seeleuten geschruppt wurde, als ging es um ihr Leben. Das Meer hatte Joff stark zugesetzt. Seine Schultern hingen schlaff hinab und sein breitbeiniger Gang, ließ das letzte bisschen militärischen Stolz vermissen. Er rasierte sich nicht einmal mehr. Sein Bauch, der deutlich sichtbar gegen den Waffenrock drückte und die erschlafften Muskeln trugen ihr übriges zu dem erbärmlichen Anblick bei.

Er blickte seinen General aus trüben Augen an.

Hinrich meinte, in dem Blick Verachtung zu lesen. Er ging nicht darauf ein, sondern bemühte sich um den Ton des Befehlshabers, der ihm einst im Blut gelegen hatte ... vor dieser vermaledeiten Sachen. »Wann habt ihr zuletzt die Ballisten gewartet, sie setzen Rost an?«

»Was soll uns hier draußen passieren?«, gähnte Joff. »Mit den Schwächlingen gibt es einen Friedensvertrag. Die Jamator verlassen ihr Land nicht, die Zwerge gehen nicht auf See und die Wilden dringen nicht in diese Gewässer vor.«

»Haltung, Soldat!«, ermahnte Hinrich. »Vergiss niemals wohin wir unterwegs sind.«

»Wie könnte ich das«, grollte Joff. Er vermied es, seinem General in die Augen zu sehen.

»Überprüft die verdammte Bewaffnung, wir wissen nicht, was da auf uns zu kommt. Wir müssen auf alles vorbereitet sein.« Früher hätte Hinrich sich nicht erklären müssen. Nicht einmal dieser Befehl wäre notwendig gewesen.

»Jawohl«, Joffs Stimme troff vor Hohn.

Wenn wir hier draufgehen, nur weil die Waffen nicht bereit sind, dann liefere ich dich persönlich bei Galwar ab, schwor sich Hinrich.

»Land in Sicht!«, donnerte es vom Ausguck herab.

Hinrich fuhr herum. Er suchte den Horizont ab, aber es war nichts zu ... Doch da! Nicht mehr als eine gezackte Linie, die sich über den Horizont erstreckte. Hinrich langte nach seinem Fernglas und griff ins leere. »Dieser verdammte Kobold!«, brüllte er aufgebracht. »Wo ist das verfluchte Mistvieh!« Der Zorn fühlte sich gut an, so wie früher, zielgerichtet und klar.

»Ich glaube, er ist bei dem Schwächling unter Deck«, überlegte Joff. Unter Soldaten galten Magier als erbärmliche und feige Männer, die nichts von Ehre verstanden. So war Joffs Verachtung für diesen Mann nicht sonderlich erstaunlich.

»Den kauf ich mir«, zürnte Hinrich. Auch wenn er wusste, dass er dem Kobold des Magiers nicht Herr werden konnte, so war Zorn ein weit willkommeneres Gefühl als Reue. Hinrich tat noch einen Blick über die Schulter, um sicher zu gehen, dass es sich beim Anblick des Festlandes nicht um ein Trugbild handelte. Er kniff die Augen zusammen. »Was ist das?«

»Was?«, fragte Joff.

»Das da, die Erhebung dort«, erklärte der General.

Jetzt sah es wohl auch der Hauptmann. »Vielleicht eine Sandbank, die da aus dem Wasser ragt.«

»Gib dem Kapitän bescheid«, befahl Hinrich.

»Jawohl.« Joff wollte sich aber nicht von dem Anblick losreißen.

Hinrich sah ihn durchdringend an. Er würde diesen Befehl nicht wiederholen, eher würde er den Hauptmann Kielholen lassen.

»General sie ist weg.« Joff blickte sich suchend um.

Hinrich wandte sich um. Tatsächlich! Eben noch hatte sich dort eine gigantische Schwelle befunden, die vom Wasser überspült wurde. »Wie kann das sein? Diese Sandbank lief fast über den gesamten Horizont, sowas verschwindet nicht von jetzt auf gleich?« Ein ungutes Gefühl beschlich Hinrich. »Gib Signal, die Schiffe sollen anhalten.«

»Jawohl«, nahm Joff den Befehl entgegen. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn. Natürlich kannte auch er die Geschichten, die sich um den letzten Kontinent rankten.

Es krachte, Schreie erklangen, Holz barst und Orks brüllten. Die Galeere wurde von einer mächtigen Welle erfasst und schwankte bedrohlich. Hinrich bekam gerade noch die Reling zu fassen. Joff verlor hingegen den Halt und rutschte, gegen eine Balliste. Verzweifelt klammerte er sich an deren Wurfarm.

Die Seemänner schrien wild durcheinander.

»Backbord!«, rief einer der Seeleute, der sich neben Hinrich an der Reling festhielt. Die Seemannssprache bereitete Hinrich Schwierigkeiten, aber es war nicht nötig, diesen Begriff zu verstehen, denn er sah es ebenfalls. Linker Hand war eines ihrer Kriegsschiffe nicht nur zerbrochen, es fehlte der gesamte Mittelteil, samt des Hauptmastes. Bug und Heck liefen voll Wasser und sanken. In dem Moment zerbarst, der vordere Teil des Schiffes. Holzsplitter flogen, die Schreie der Todgeweihten gellten an Hinrichs Ohren und zeitgleich erhob sich eine Flutwelle, die ihr Deck überspülte.

Hinrich spuckte das Salzwasser aus. »An die Ballisten!«, brüllte er. Er wusste zwar nicht, was es war, dass sie angriff, aber es würde diesen Entschluss bereuen.

Die wenigen Soldaten, denen es gelungen war sich an Deck zu halten, kämpften nicht nur um ihr Gleichgewicht, sondern auch mit dem schlecht instand gehaltenen Mordwerkzeug.

»Signal an alle Schiffe, sie sollen sich kampfbereit machen!«, Hinrichs Stimme donnerte über das Chaos hinweg.

Da erstarben alle Tätigkeiten an Deck. Die Blicke der Soldaten und Seemänner wandten sich nach rechts. Dort türmte sich die See zu einer gigantischen Wassersäule auf. Größer, als der Bergfried der Festung des Herrschers. Der Wasservorhang fiel und gab den Blick auf ein Ungeheuer frei. Der Kopf eines Drachen auf dem Körper einer Seeschlange. Das Monster kreischte markerschütternd. Die Männer pressten sich die Hände auf die Ohren, um sich der Gewalt des Schreies zu entziehen. Es half nichts. Hinrich fürchtete, im nächsten Moment müsse sein Kopf bersten. Daraufhin wurde es still, wenn seine Ohren nicht derart geklingelt hätten, so müsste Hinrich befürchten, sein Gehör eingebüßt zu haben.

Aus dem Maul des Monsters fiel ein Holzstück, das wie ein Strohhalm wirkte. Der Kommandant erkannte darin den Hauptmast der vernichteten Galeere. Das Monster schob seinen Leib aus dem Wasser. Hinrich musste den Kopf in dem Nacken legen, um die Bestie zur Gänze sehen zu können. Darauf ließ das Seeungeheuer seinen Körper auf eine Galeere fallen. Eine masthohe Welle brandete auf, sie brach kurz vor Hinrichs Schiff und lief darunter hindurch. Dieserhalb wurden sie weit in die Luft gehoben. Von oben konnte er die Trümmer des zerschmetterten Kriegsschiffes sehen. Ihre Galeere sank so schnell hinab, als befände sie sich im freien Fall. Eine weitere Welle traf ihr Schiff und rollte über das Deck. Das Wasser erstickte die Schreie jener, die sie von Bord riss.

»Was ist denn hier los?«, wie aus dem Nichts tauchte der verdammte Magier auf. Er stand von dem Seegang unbeeindruckt mitten an Deck, die Männer rutschten und stolperten an ihm vorbei. Auf seiner rechten Schulter saß der Kobold.

»Seht dort!«, rief ihm Hinrich zu.

Aus dem Wasser erhob sich erneut das Ungeheuer, diesmal zeigte sich nur der Kopf. Das Monster schoss wie ein Pfeil auf eine der Galeeren zu. Die Kiefer zermalmten den Bug und rissen den Rest des Schiffes unter die Wasseroberfläche.

»Ich verstehe«, kommentierte der Magier, er trat an die Reling und hob seinen Stock. Der blaue Edelstein in dessen Spitze erstrahlte in gleißendem Licht. Chotra der Kobold auf der Schulter des Magiers zerfloss zu waberndem Nebel.

Hinrich spürte, wie etwas an seinem Inneren zog, als wolle ihm eine unbekannte Macht die Seele aus der Brust reißen. Der Schweiß trat ihm auf die Haut und floss daran hinauf. Lestral hob zu einem Gesang an, der Hinrich bis in die Grundfesten erschütterte. Gegenüber den Kräften, die auf ihn einwirkten, fühlte er sich schwach und hilflos. Er sah sich einer Gewalt ausgesetzt, die ihn von innen zu zerreißen drohte. Den Männern an Deck schien es ähnlich zu ergehen. Sie sanken schweißüberströmt in die Knie, andere verloren das Bewusstsein.

Das Ungeheuer schoss aus dem Wasser, die Augen weit aufgerissen. Es gab ein Grollen von sich, versank hinab und bewegte sich dicht unter der Wasseroberfläche auf Hinrichs Galeere zu. Er konnte die Bewegungen der monströsen Seeschlange deutlich erkennen. Der Kopf brach durch die Meeresoberfläche, das Untier riss sein Maul auf, gab einen erstickten Laut von sich und erschlaffte. Der Leib des Untiers stieß gegen die Bordwand der Galeere.

Lestral fuhr mit dem Gesang fort. Es kam Hinrich wie eine Ewigkeit vor. Als er glaubte, es nicht mehr auszuhalten, brach der Magier ab. Er taumelte und sank auf die Knie. Auf seinem Rücken materialisierte sich der Kobold, der die Soldaten genau im Auge behielt. Chotra hielt die kleinen Fäuste geballt, als wolle er seinen Herrn gegen jeden verteidigen, der es wagte, die Schwäche des Magiers auszunutzen.

Die Soldaten und Hinrich atmeten erleichtert auf. Der Kommandant humpelte zu Lestral hinüber. Chotra sah zu ihm auf, zog das vermisste Fernrohr hervor und schwang es wie ein Schwert. Drohend reckte er die improvisierte Waffe dem General entgegen.

»Geht es ihm gut?«, erkundigte sich Hinrich. Das Wohlbefinden von Lestral war ihm herzlich egal. Aber für die Mission war die Macht des Magiers, nicht zu ersetzen.

»Er braucht Ruhe und jetzt fort!« Chotra stieß Hinrich das behelfsmäßige Schwert entgegen.

»Es ist gut«, flüsterte Lestral. »Aber General, die Gefahr ist noch nicht gebannt«, warnte er. »Jetzt seid Ihr an der Reihe, uns zu schützen.«

»Was meint Ihr?«

»Seht«, Lestral deutete zur Reling.

Dort schwamm der unwirklich große Leib des Monsters. Ihn zierten keine Schuppen, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Vielmehr waren es Geschwüre, dicke Blasen, die vom Sonnenlicht durchdrungen wurden. Darin bewegte sich etwas.

Durch die dünne Haut schlugen scharfe Klauen und rissen sie auf, trübe Flüssigkeit ergoss sich daraus. Geschuppte Bestien wühlten und bissen sich aus den Geschwüren heraus. Sie reckten ihre langen Hälse, schüttelten sich und entfalteten ihre Flügel. Die Wesen kreischten schrill.

»Wyvern«, erkannte Hinrich die Bestien. »Joff!«

»Der ist über Bord gegangen«, teilte ihm ein entsetzter Soldat mit.

Mehr und mehr dieser Kreaturen kämpften sich ins Freie.

»Schützen, an Deck!«, brüllte der General.

Die routinierten Soldaten, schritten zur Tat, eine Armbrust nach der anderen wurde gespannt. Schussbereit legten sie über die Reling hinweg an.

»Schießt!«, rief Hinrich. Die Bolzen schlugen in die Kreaturen ein. Zwei rutschten schwer getroffen vom Leib des Seeungeheuers herab. Die anderen kreischten, erbost ob der Geschosse, die ihnen in den Leibern steckten.

»Laden!«

Noch mehr der Bestien erwachten und wühlten sich aus den geschwürhaften Blasen.

»Infanterie, zu den Waffen!«, gab Hinrich den Befehl. »Gebt Signal, an die anderen Schiffe!« Es fühlte sich gut an, endlich wieder echte Befehle zu geben.

Die Schusswaffen konnten zwar vergleichsweise schnell geladen werden, dennoch dauerte es eine Weile, die Sehne zu spannen und den Bolzen einzulegen. Erschwerend kam hinzu, dass die Waffen über die Reise hinweg ebenso wenig Beachtung geschenkt bekommen hatten, wie die Ballisten.

»Schießt!«

Etliche der frischgeschlüpften Kreaturen fanden in dem Beschuss ein grausames Ende. Ihre Leiber fielen in die schäumende See. Aus dem aufgewühlten Meeresspiegel brachen weitere Wyvern hervor. Das Wasser floss von ihnen herab, als sie sich in die Luft erhoben.

Die meisten Soldaten waren starr vor Angst.

»Waffen laden!«, schrie Hinrich.

Als hätten sie sich beim Anblick ihrer fliegenden Brüder erinnert, zu was sie ihre Schwingen befähigten, erhoben sich die übrigen Wyvern hinauf in die Lüfte. Der Körper der toten Seeschlange war kaum mehr zu sehen, unter den flatternden Schwingen der Bestien.

»Schießt!«, brüllte Hinrich über das Kreischen der Monstren hinweg.

Die Salve aus Bolzen schlug in der Horde ein, ohne einen sichtbaren Effekt. Die Bestien flatterten auf die Schiffe zu.

»Seemänner unter Deck!«, befahl Hinrich. Die Wenigen, deren Neugier die Angst überwogen hatte, ergriffen ob dieses Befehls die Flucht. Auf dem Weg die schmalen Stufen nach unten, war sich jeder selbst der Nächste.

»Schildträger nach vorne!«

Die schweren Schilde wurden auf die Reling gewuchtet. Die Infanteristen stemmten sich dem Anflug der Monstren entgegen. Diese schlugen schwer in die Wand aus beschlagenem Holz ein. Die Schwertkämpfer bezogen hinter den Schildträgern Stellung und stachen auf jede der Bestien ein, die über den Schildwall hinweg flog. Die Wyvern schienen sich ihren Fähigkeiten noch nicht bewusst zu sein. Nur wenige schwangen sich hoch genug in die Luft, um über die Blockade hinwegzufliegen.

Hinrich zog sein Schwert und schlug auf eines der Monstren ein. Seine Waffe schnitt durch die weichen Schuppen und spaltete dem Biest den Schädel.

»Haltet die Linie!«, brüllte er.

Der Schildwall hielt und die Schwerkämpfer verrichteten ihre Arbeit. Allerdings konnte Hinrich nicht erkennen, was sich hinter der Barrikade tat. Da wurde es dunkel. Wie ein Schwarm gigantischer Fledermäuse stoben die Wyvern über das Schiff und gingen von allen Seiten auf die Soldaten nieder.

»Achtung!«, Hinrichs Wahrung war überflüssig, und kaum zu hören, im Konzert aus schlagenden Schwingen, kreischender Bestien und sterbender Männer.

Die Soldaten des dunklen Reichs stellten unter Beweis, dass sie das Mordhandwerk beherrschten. Jeweils ein Schildträger und ein Schwerkämpfer taten sich zusammen. Mit gedecktem Rücken droschen die Infanteristen auf alles ein, was Flügel, Klauen und Schuppen besaß. Auf Kommando wechselten sie die Position, damit der Schwertträger sich um jene Bestie kümmern konnte, die der Schildträger derweil zurückhielt.

»Schützt den Magier!«, brüllten Hinrich. Doch jetzt galten seine Befehle nichts mehr. Jeder Soldat war dem eigenen Überleben verpflichtet.

Mit einigen Schwertstreichen kämpfte sich Hinrich zu Lestral durch.

Der Kobold schlug mit dem Fernglas nach jeder der Bestien, die sich in seine Richtung reckte. Für jene, die ihm zu nahe kamen, hielt er in der anderen Hand einen Dolch bereit, den er den Wyvern in die Nasen rammte. Mit dieser Technik hielt er vier der Ungeheuer auf Abstand, die ihn mit zerschnittenen Schnauzen anbrüllten. Hinrich konnte zwei der Monstren niederstrecken, bevor sie ihn bemerkten. Die anderen beiden wichen seinen Hieben aus. Chotra nutzte die Ablenkung, sprang eines der Bestien von hinten an und rammte ihr den Dolch zwischen die Rippen. Das Biest verreckte, noch bevor es verstand, was geschah.

Indes gelang es Hinrich, der anderen Bestie Herr zu werden. Mit dem Handballen schlug er den Kopf des Ungeheuers beiseite und stieß ihm das Schwert in den Leib.

»Achtung!«, kreischte der Kobold.

Hinrich fuhr herum, in derselben Bewegung schlug sein Schwert in den Hals der Bestie, die sich von hinten an ihn rangeschlichen hatte. Sterbend brach das geflügelte Ungetüm zusammen.

Für jede Bestie die Hinrich erschlug, sah er sich zwei weiteren gegenüber. Er wehrte sich nach Leibeskräften. Die lange Zeit auf See hatte ihm nicht gutgetan. Sein Schwertarm schmerzte und ermattete zusehends. Für einen Moment dachte Hinrich daran, die Orksklaven zu entfesseln. Aber sie würde bei einem Kampf das Schiff in Trümmer schlagen.

Nebel zog über dem Deck herauf und legte sich als dünner Wasserfilm über Hinrichs Haut. Der Dunst wurde so dicht, dass es ihm schwerfiel zu Atmen. Eines der Monstren, das im Sturzflug auf ihn hinabstieß, verfing sich in den Nebelschwaden, wie in einem Netz.

Der Magier hatte sich erhoben. Er hielt seinen Stab mit beiden Händen in die Luft gereckt. Um ihn herum brauste das Wasser einer Windrose gleich, die angetan war sich über das gesamte Schiff auszubreiten. Hinrich und alle anderen Soldaten wurden davon erfasst. Das Salzwasser schlug ihnen wie die Gischt der See entgegen. Aber wenn der Wirbel auf eine der Wyvern traf, wurden die Untiere regelrecht zermalmt. Über das Rauschen des Wassers hinweg war das Brechen ihrer Knochen deutlich zu hören.

Mit beidhändig geführtem Schwert hackte Hinrich auf die kampfunfähigen Monster ein, die auf die Planken hinabstürzten. Die Soldaten taten es ihm gleich. Um sie herum tobte der Wassersturm, der jede der Bestien niederschmetterte, die einen Angriff auf ihre Galeere wagte.

Der Wasserzauber fiel wie ein Vorhang, er offenbarte einen blauen Himmel und eine Sonne, die ihre Strahlen auf das Massaker an Deck warf. Etliche Soldaten langen tot zwischen den abgeschlachteten Bestien. Hinrich blickte zu dem Magier hinüber, er schien unverletzt. In seiner Linken hielt er ein waberndes Schwert. Hätte Hinrich es nicht besser gewusst, so hätte er geglaubt, dass diese Klinge gänzlich aus Wasser bestand. Lestral nickte dem Kommandanten zu, offenbar wollte er ihm zu verstehen geben, dass alles in Ordnung sei.

Von den anderen Schiffen drang Kampflärm zu ihnen hinüber.

»Bringt uns zwischen die Galeeren!«, rief Hinrich.

Der Befehl ging von Mann zu Mann bis unter Deck, wo sich die Matrosen versteckten.

Hinrich stieg über die toten Bestien hinweg, um nach Lestral zu sehen.

»Habt Ihr noch Kraft?«, erkundigte er sich bei dem Magier.

»Es wird gehen«, gab dieser zur Antwort und wischte sich das Blut von der Nase.

»Wenn Ihr Euch selbst in die Luft sprengt, dann werde ich Euch auspeitschen lassen, Ihr seid zu wertvoll, um hierbei draufzugehen«, drohte Hinrich.

»Wenn mich die Magie aufzehrt, dann bleibt nicht mehr viel, was Ihr auspeitschen könnt«, lächelte Lestral. Das Wasserschwert in seiner Linken zerfloss und platschte auf die feuchten Planken. Zurück blieb ein Dolch, in dessen Schneide blaue Edelsteine eingearbeitet waren. Es handelte sich um die Waffe, die Chotra zuvor geführt hatte. Er schob die Klinge in die Scheide, an seinem Gürtel. Mit beiden Händen stütze sich Lestral auf den Stab. Offensichtlich hatte er mehr Kraft verbraucht, als er bereit war zuzugeben. Hinrich verstand nichts von Magie, er hoffte nur, dass sich Lestral wieder einigermaßen erholt hatte, wenn sie den Kampf erneut aufnahmen.

Der Taktgeber der Ruderer schlug die Trommel und das Schiff geriet in Bewegung.

***

Einundzwanzig Galeeren ... Hinrich konnte es immer noch nicht glauben. Sie hatten einundzwanzig Schiffe verloren. Einige waren zerschmettert, bei anderen war die Besatzung von den Wyvern abgeschlachtet worden. Dass er sich selbst zu den Überlebenden zählen konnte, verdankte er - es fiel ihm schwer, sich das einzugestehen - dem Magier und seinen Kräften. Hätte dieser mit seinen Zaubern nicht so viele der Bestien zur Strecke gebracht und dazu seine Soldaten abgeschirmt, wäre die Expedition bereits jetzt gescheitert.

Der Magier war in Wirklichkeit eine Waffe. Es galt darauf aufzupassen. So wie man sein Schwert von Rost befreit und die Klinge scharf hielt.

»Kommandant«, sprach ihn ein Seemann an, der sich bemühte, stramm zu stehen wie ein Soldat. »Der Proviant ist verladen. Sollen wir die Galeeren wirklich zurücklassen?«

Hinrich nickte nur.

Der Matrose sah betroffen zu Boden, schritt jedoch davon, um die Befehle weiterzugeben.

Der Gedanke behagte Hinrich ebenso wenig. Schiffe waren teuer. Aber was sollten sie mit ihnen anfangen, auf ihnen türmten sich die Leichen? Sie würden sich nicht damit aufhalten die Toten über Bord zu werfen, nicht auszudenken, welche Ungeheuer sie auf diese Weise anlocken konnten.

Am Horizont trieb der Kadaver der gigantischen Seeschlange, auf die Küste des letzten Kontinents zu. Hinrich hatte seine Flotte Abstand dazu nehmen lassen. Nur eine einzige Galeere hatte die Küste abgefahren. Natürlich hatte Hinrich der Besatzung nicht gesagt, dass sie lediglich als ein Köder, für etwaige Bestien fungierte, die dort womöglich auf der Lauer lagen. Widererwartend war sie, ohne Schaden zu nehmen, zur Flotte zurückgekehrt.

»Habt ihr eine Anlegestelle gefunden?«, erkundigte sich Hinrich bei einem der Matrosen, des Köderschiffs. Der Seemann hatte gerade mit einem Beiboot zu ihnen hinüber gewechselt, um persönlich Meldung zu machen.

»Bisher nicht, das Wasser ist tief, die Klippen sind steil, hier ist kein guter Ankerplatz«, vermeldete der Matrose.

»Weitersuchen«, verlangte Hinrich. Der verängstigte Blick des Seemanns entging ihm nicht. Aber es wäre Vergeudung von Ressourcen gewesen, die ganze Flotte, die immerhin noch aus neunundzwanzig Galeeren bestand, die Küste auf und abfahren zu lassen.

Er lenkte seine Schritte über Deck.

Die Peitsche fraß tiefe Bahnen in den Rücken des Soldaten, der sich am Mast festhielt. Es knallte laut bei jedem Schlag. Hundert Peitschenhiebe fand Hinrich angemessen, für die Ernennung eines neuen Hauptmanns. Garum sollte wissen, wo sein Platz in der Hierarchie war. Außerdem hielt Hinrich Hass für die stärkste Kraft, die er - wenn sie nur hell genug in seinen Hauptleuten loderte - leicht für seine Zwecke nutzen konnte. Eine Waffe musste im Feuer geschmiedet und danach geschliffen werden. Genauso verhielt es sich mit den Soldaten des dunklen Reiches.

Die umstehenden Infanteristen stießen sich nicht daran, sie wussten um die Bräuche der Armee. Ganz anders die Matrosen, ihre schwachen Gemüter schienen das Ritual nicht zu verstehen.

Der Magier hingegen - ebenso eine Waffe - bedurfte einer anderen Behandlung, das war Hinrich klar. Nur wusste er noch nicht, welche er anwenden sollte. Bisher hatte er Magier generell für Schwächlingen gehalten. Doch heute hatte er am eigenen Leib gespürt, welche Mächte sie bündelten. Vermutlich war Lestral, wenn er einen Zauber wirkte, weit stärkeren Kräften ausgesetzt, als jene die in seiner Nähe standen. Wie ein Mensch das aushielt, war Hinrich ein Rätsel.

Wenn er den Magier wirklich nach belieben einsetzen wollte, so musste er dessen Motive kennen. Warum hatte er sich seiner Expedition angeschlossen, da er doch wissen musste, wie gefährlich diese Reise war. Die Mythen, die sich um den letzten Kontinent rankten beschrieben unvorstellbare Grausamkeiten. Nach dem heutigen Tag hielt Hinrich sie allesamt für untertrieben. Dennoch hatte sich Lestral freiwillig für diese Unternehmung gemeldet.

Hinrich stieg die Stufen unter Deck, klopfte an der Kajüte des Magiers und trat ohne Aufforderung ein. Der Wohnraum war klein, aber gut ausgestattet. Links befand sich ein Schrank, der an die Wand genagelt worden war und ein solides Schloss besaß. Daneben stand eine Kiste, die so schwer war, dass zwei Orks nötig gewesen waren, um sie hereinzutragen. Soweit Hinrich wusste, war sie mit allerhand Flaschen und Büchern gefüllt. Unter dem Fenster stand ein Tisch, auf dem ein in Leder gebundener Foliant ruhte. Das Bett gegenüber schien zwar schlicht, aber wirkte wesentlich bequemer, als sein Eigenes. Der Magier saß mit untergeschlagenen Beinen und geradem Rücken auf der Matratze. Er hatte die Augen geschlossen.

Chotra, der vermaledeite Kobold, sprang Hinrich in den Weg, zückte das Fernrohr und baute sich drohend vor ihm auf. Der blaue Quälgeist reichte Hinrich geradeso bis zu den Knien. Am liebsten hätte ihn Hinrich beiseitegetreten. Diesen Fehler würde er aber nicht noch einmal begehen. Als er das erste und letzte Mal nach dem Winzling geschlagen hatte, war dieser zu blauem Dunst zerflossen, sodass sein Schlag ins Leere ging. Kurz darauf war ihm der Kobold im Nacken gesessen und hatte ihn, wie ein Pferd an den Ohren ziehend, über das Schiffsdeck geritten. An dem Tag hatte Hinrich endgültig den Respekt seiner Soldaten verloren. Er hätte es den Kobold nur zu gerne büßen lassen, nur wie? Lestral hatte versprochen ihn zu strafen, aber das Verhalten des Kobolds hatte sich nicht verbessert.

»Gib ihm das Fernglas zurück«, gebot Lestral seinem Helfer.

Chotra grummelte etwas Unverständliches und hielt Hinrich das Fernrohr entgegen. Nur, um es gackernd fortzuziehen, als dieser die Hand danach ausstreckte.

»Pest und Cholera, du verdammte Plage!«, schimpfte Hinrich.

Chotra sprang, ein Seemannslied schmetternd, davon.

»Es tut mir leid, Kommandant«, entschuldigte Lestral den Kobold. »Ich werde ihn später dafür zur Rechenschaft ziehen.«

»Ja ja«, tat Hinrich ab. Er wusste mittlerweile um die Erfolgsaussichten eines solchen Unterfangens. Wie eine fleischgewordene Karikatur verkörperte der Kobold die Haltung der Magier Autoritäten gegenüber. Sie achteten keine Herrscher. Im Gegenteil, sie mischten sich in die Belange von König und Fürsten ein, als seien sie mit ihnen gleichberechtigt.

»Was verschafft mir die Ehre?«, erkundigte sich Lestral. Er wirkte nicht mehr ganz so blass, auch wenn man das im Zwielicht der Kajüte nicht mit Sicherheit sagen konnte.

»Ich habe mir Sorgen um Euch gemacht«. Das stimmte zwar, aber auf eine sehr nüchterne Art und Weise. »Ich habe in meinem Leben nicht viele Männer Blut spucken sehen, die das lang überlebt hätten.«

Lestral lächelte milde. »Es war nur etwas viel heute«, tat er ab. »Ein, zwei Tage Ruhe und ich bin gänzlich wieder hergestellt.«

Der Kommandant sah in skeptisch an. Es blieb zu hoffen, dass der Magier sich richtig einschätzte.

»Wie habt Ihr das gemacht? Die Seeschlange getötet, meine ich?«, wechselte Hinrich das Thema. Als Kind hatte man ihm die Neugier ausgeprügelt und als Kommandant hatte er gelernt, keine Fragen nach dem Wie zu stellen, sondern Antworten zu verlangen. Aber dem Magier gegenüber empfand er zum ersten Mal, ein Gefühl von echter Unterlegenheit. Diese erinnerte ihn daran, wie er als Kind seinem Vater gegenübergestanden hatte. Natürlich besaßen die Könige von Godwana Macht, aber sie waren gewöhnliche Menschen, im Zweikampf nutze ihnen ihre Herrschaft nicht das Geringste.

»Ein Fisch muss atmen, wir haben lediglich das Wasser in seinen Atemwegen zum Stillstand gebracht«, erklärte Lestral.

»Das Monster ist erstickt«, fasste Hinrich zusammen. »So einfach, ja?«

»Pah, einfach«, empörte sich Chotra, er saß auf dem Schrank und betrachtete den Kommandant durch das Fernrohr, wobei er es verkehrt herum hielt. »Die Wassermassen, die wir festhalten mussten, waren größer als dieses Schiff! Einfach ...!«, redete er sich in Rage.

»Es ist gut, Chotra«, besänftigte Lestral in.

Hinrich entschied, sich nicht auf einen Streit mit dem Kobold einzulassen. Er griff in die Kiste, zog eine lange Flasche hervor, entkorkte sie und goss etwas davon in einen Holzbecher. Lestral hatte ihm angeboten, sich jederzeit zu bedienen. Ein paar der Weine, die der Magier mit sich führte, waren nicht zu verachten. Der eigentliche Hauptgrund warum Hinrich hierher gekommen war. Er ignorierte den Kobold, der ihn mit großen Augen anstarrte.

»Haben wir schon einen Ankerplatz gefunden?«, fragte Lestral und schloss die Augen.

Hinrich ließ sich schwer auf den Stuhl am Schreibtisch sinken. »Noch nicht, das Wasser ist wohl zu tief für einen Anker und die Klippen zu steil.« Er schwenkte nachdenklich den Inhalt des Bechers.

»Darf ich Euch einen Vorschlag unterbreiten?«, fragte Lestral, mit der falschen Bescheidenheit eines Magiers.

»Ihr werdet es doch ohnehin tun«, erwiderte Hinrich und nippte an dem Wein. Er wälzte ihn im Mund herum und musste einen aufkommenden Hustenreiz unterdrücken, als er ihn hinunterschluckte.

»Wenn ich es richtig spüre, dann legt sich die tote Seeschlange an die Küste, die Strömung drückt sie dagegen. Benutzt den Kadaver, um die Felsen zu ersteigen.«

Hinrich sah den Magier ungläubig an.

»Wenn wir die Küste weiter abfahren, dann könnte es geschehen, dass wir in das Territorium einer anderen Seeschlange geraten. Hier sollte es sicher sein, zumindest eine Weile.«

»Und was ist, wenn in dem Kadaver noch weitere Monstren lauern? Unsere Verluste waren bereits viel zu hoch, dafür, dass wir noch keinen Fuß auf das hundertfach verdammte Festland gesetzt haben.«

»Der Kadaver ist sicher«, beteuerte Lestral. »Ich spüre kein Leben mehr darin. Außerdem ist er noch zu frisch um Aasfresser zu fürchten. Und selbst wenn welche auf den Plan treten sollten, sie werden sicher das tote Tier fresse und nicht eure Männer.«

»Ich werde darüber nachdenken«, gestand ihm Hinrich zu und nahm einen weiteren Schluck. Er spürte, wie ihm die Glieder schwer wurden. »Das Zeug ist gut, steigt einem aber gleich in den Kopf«, urteilte er.

»Der Alkoholgehalt darin ist überdurchschnittlich hoch«, erklärte Lestral mit einem milden Lächeln auf den Lippen. »So üblich bei Desinfektionsmitteln.«

Chotra prustete los vor Lachen. Und stockte sogleich, als er sah, wie Hinrich den Becher mit einem Zug leerte.

II.

»Einst gehörte die Magie zu unserem alltäglichen Leben. Wie so vieles,

haben wir deren Gebrauch mit unserer Vergangenheit begraben. Ein

Preis, den wir für unser Überleben zahlten.«

Aus der privaten Aufzeichnungen von Kranach

Wir werden kommen und euch retten!« »Nein, es soll zwischen uns Elfen nie wieder Blut vergossen werden. Das müssen wir endgültig hinter uns lassen.«

»Ich verstehe.«

»Nein, das tust du nicht. Ich bin in deinen Gedanken, du kannst im Moment nichts vor mir verbergen. Selbst eine kleine Delegation könnte als Aggression verstanden werden. Zunächst werden wir herausfinden, was hier los ist, dann denken wir über weitere Schritte nach.«

»Geht es Farangar gut?«

»Er ist stark.«

»Auch ich habe Einblick in deine Gedanken. Ich weiß, dass es nicht gut aussieht. Norfra, ich werde euch nicht sterben lassen.«

»Gib mir zwei Tage, dann macht euch auf den Weg.«

»Wir haben schon zu lange gewartet!«

»Überstürze nichts, wir sind nur noch wenige ...« Die Verbindung riss ab. Norfra fuhr so heftig in seinen Körper zurück, dass es ihm weh tat. Er schlug die Augen auf, die Sonne schien durch die vergitterten Fenster. Die massive Tür ihrer Zelle war von der anderen Seite verriegelt. Zwei Schritte von ihr entfernt saß Farangar, Norfras Schützling. Er blickte in eine Schale angefüllt mit Wasser. Seine Lippen waren spröde, sein Körper ausgetrocknet.

»Du musst stark bleiben«, wies ihn Norfra an.

»Ich versuche es«, krächzte er heiser. In jungen Jahren war es für Elfen nicht einfach, auf Nahrung und Wasser zu verzichten. Auch Norfra fiel das schwer und er zählte bereits über dreihundert Jahre. Das unfreiwillige Fasten machte sich dahingehend bemerkbar, dass seine Muskeln einfielen und seine Konzentration litt.

»Wir sitzen jetzt schon neun Tage hier fest«, klagte der angehende Schamane.

»Du musst durchhalten, wir kommen hier schon irgendwie raus«, Norfra wusste nicht, woher er diese Zuversicht nahm.

»Nur einen Schluck, erlaube mir nur einen Schluck von dem Wasser, Norfra«, bettelte Farangar.

Das Wasser in der Schale war mittlerweile trüb geworden.

»Ich habe dabei kein gutes Gefühl, etwas stimmt hier nicht.« Norfra stand auf, nahm die Schale und stellte sie in die Sonne.

»Nicht, da verdunstet es doch.« Kraftlos streckte Farangar die Hände danach aus.

»Vertrau mir«, beschwor ihn Norfra.

»Wir haben euch Schamanen immer vertraut«, beteuerte er.

»Ich weiß, das dies eine schwere Prüfung ist.« Norfra blickte durch das Fenster hinab in die Festung. Sie befanden sich im zweiten Stockwerk des gigantischen Turmes. Ein Zeuge aus der Vergangenheit, der das große Ereignis unbeschadet überstanden hatte. Hier hatte Darlachs Klan Zuflucht vor den Schrecken Kratenos gefunden.

Innerhalb der Mauern schien alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Elfen kamen ihren Tätigkeiten nach, aber etwas fehlte ... Das Leben. Die Bewohner der Festung sprachen kaum miteinander. Sie verrichteten ihre Arbeiten zielstreben und still. Norfra war zu weit von ihnen entfernt, um ihre Emotionen empfangen zu können. Aber das Leben hätte er spüren müssen. Warum ihm das nicht gelang, konnte viele Gründe haben, vielleicht lag es lediglich an seiner mangelnden Fähigkeit sich zu konzentrieren.

Das Schloss knackte und die Tür wurde aufgeschoben.

»Warte hier«, befahl eine harte Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

Durch die Tür trat Dradnach, er gehörte offenkundig der Kriegerkaste an. Er war hoch gewachsen und breitschultrig. Wie üblich in diesem Klan waren seine Ohren mehrfach eingekerbt, sodass sie nicht nur spitz, sondern gezackt waren. Seine Haare trug er streng zurückgebunden. Wie alle Krieger bewegte er sich keinen Schritt ohne seine Rüstung, die aus den dicken Panzerplatten der Bestien von Krateno, hergestellt worden war.

Er musterte die beiden wie ein Raubtier seine Beute. Für einen Lidschlag wirkte er überrascht. »Ich biete euch meine Gastfreundschaft und ihr weist sie zurück«, empörte er sich.

Farangar sah sich um. Seine Miene verriet, dass er unter »Gastfreundschaft« mehr verstand, als ein karger Raum, in dem es nicht einmal eine Schlafstätte gab.

Norfra erhob sich. Seine eindrucksvolle Erscheinung ließ Dradnach einen halben Schritt zurückweichen. Um zu bedeuten, wer hier im Vorteil war, legte er eine Hand an den Schwertgriff.

»Wir danken dir für deine Gastfreundschaft«, beteuerte Norfra. »Wir wollten nur wissen, warum wir uns nicht frei bewegen dürfen?« Gemischte Emotionen schlugen ihm von Dradnach entgegen. Es fiel ihm schwer, sich daraus ein eindeutiges Bild zu schaffen. Er spürte, den Stolz eines Anführers, vermischt mit der Überheblichkeit, den dunkelhäutigen Elfen gegenüber. Aber da war auch Wut, wohl über den passiven Widerstand, den Norfra und sein Schüler leisteten. Und zu guter Letzt ... Verunsicherung, die er vergeblich zu überspielen versuchte. Wie ein Anführer der Befehle gab, von denen er nicht wusste, ob sie richtig waren. Dem jedoch keiner zu widersprechen wagte. Nicht in Frage gestellt zu werden, ließ jeden Anführer für sein Handeln erblinden.

»Meine Brüder mögen keine Fremden«, tat Dradnach ab. »Ich werde euch etwas Neues zu trinken bringen lassen. Kommt zu Kräften dann sprechen wir.«

Dradnach schritt zwischen den beiden Gefangenen hindurch und hob die Schale mit trübem Wasser auf.

Norfra signalisierte Farangar, sich ruhig zu verhalten. Doch dieser nahm ihn nicht wahr. Er warf sich mit der rechten Schulter voran gegen den Krieger. Dradnach geriet kaum ins Taumeln, er ließ die Schale fallen und schlug den Faranier zur Seite. Dieser prallte hart an die Wand. Er hatte sich kaum umgewandt, da setzte ihm Dradnach die Schwertspritze an die Kehle. Die Klinge ritzte dessen Haut an. Ein dicker Blutstropfen rollte über die Brust des angehenden Schamanen.

Dradnach sah ihn zornfunkelnd an. In seinen Augen flackerte für einen Moment die Unbeherrschtheit des Elfenfluchs auf, der jeden in einer hohen Position heimsuchte. Er machte einen Schritt auf Farangar zu, ohne das Schwert zu bewegen. Nun musste er den Arm nur noch ausstrecken, um das Leben des Elfen zu beenden.

Der ausgezehrte Faranier blickte ihn aus trüben Augen an. Es fehlte ihm die Kraft den Tod zu fürchten, vielmehr schien er ihn herbeizusehnen.

»Erbärmlich«, kommentierte Dradnach und nahm das Schwert herunter. »Ich werde noch einmal darüber hinwegsehen.« Ohne Hektik schritt er an Norfra vorbei, wobei er das Schwert in die Scheide gleiten ließ. Mit der Faust hieb er gegen die Holztür. »Aufmachen.«

Sie wurde geräuschvoll geöffnet.

Die Tür flog hinter Dradnach ins Schloss.

Norfra warf einen prüfenden Blick auf den Schnitt an Franguls Kehle. Er war nur oberflächlich und würde heilen. Tadelnde Worte sparte er sich. Er entnahm dem Blick von Farangar, dass dieser genau um seine Torheit wusste.

Norfras Aufmerksamkeit wurde nun von dem verspritzten Wasser in Anspruch genommen. Auf dem warmen Stein verdunstete die Flüssigkeit schnell und von der Pfütze war nicht mehr, als ein grüner Schatten geblieben. Norfra kniete sich hinab und strich mit den Fingern über den Feuchtigkeitsfilm. Prüfend zerrieb er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, um völlig sicher zu gehen, roch er daran. »Bestienblut«, stellte er fest.

»Aber warum sollte er versuchen uns zu vergiften?«, fragte Farangar, der neugierig neben seinen Lehrer trat.

»Vor einiger Zeit gab es unter den Elfen von Krateno jemanden, der versuchte die Klane aufzuwiegeln. Dazu setzte er einen üblen alchemistischen Zauber ein. Mit ihm unterwarf er sich einige Elfen, die daraufhin zu seinen willenlosen Dienern wurden. Dazu hat er ebenfalls das Bestienblut eingesetzt. Damit erschuf er Golem, wie Darlach sie nannte«, fasste Norfra zusammen.

»Dann will er uns zu solchen Dienern machen?«, krächzte Farangar.

»Vielleicht«, überlegte Norfra.

Die Tür wurde abermals geöffnet. Ein gerüsteter Elf trat ein. Er balancierte eine Wasserschale und stellte sie mitten in den Raum. Dabei behielt er die beiden Faranier genau im Blick.

Norfra versuchte irgendeine Emotion bei dem Krieger zu spüren. Er schloss sogar die Augen, um nicht vom Äußeren des Elfen abgelenkt zu werden. Aber er fühlte nichts. Ganz so, als wäre er mit Farangar alleine in der Kammer.

Als die Tür geschlossen wurde, öffnete er die Augenlider.

»Das war ein Golem.« Norfra schauderte ob seiner eigenen Worte.

»Du meinst, Dradnach hat ihn verwandelt, wie?«

Norfra hob die Schultern. »So weit ich weiß, hat der Intrigant von damals die Seiten gewechselt.«

»Du meinst der, der aus unseren Brüdern willenlose Diener gemacht hat, lebt noch?«, fragte Farangar mit weit aufgerissenen Augen.

Norfra nickte. »Ich werde mit meiner Nichte Kontakt aufnehmen und sie dazu befragen.« Er setzte sich mit untergeschlagenen Beinen zum Fenster.

Routiniert richtete er die Konzentration auf sein Innerstes. Sein Geist wandte sich Richtung Norden und schoss aus seinem Leib. Die Landschaft blieb ihm durch einen dunklen Schleier verborgen. Dennoch spürte er, wo sich Marelija aufhielt.

***

»Bei ihrer Flucht mussten Marelija und ihre Freunde eine Tasche, mit Radonars Blut zurücklassen«, erklärte Norfra, sein Kopf pochte. Es fiel ihm immer schwerer, die nötige Konzentration aufzubringen, um mit seiner Nichte in Kontakt zu treten.

Farangar saß in einer Ecke der Zelle und lehnte sich erschöpft an die Wand.

»Es kann sein, das Dradnach es nutzt, um die Elfen dieser Festung zu unterwerfen«, überlegte Norfra.

Sein Schüler hob die Augenlider. Zu mehr war sein geschwächter Körper kaum noch im Stande. »Wie können wir das unterbinden?«

»Wir müssen Dradnach töten«, offenbarte Norfra.

»Er ist einer unserer Brüder ...«, wandte Farangar ein.

»Es geht nicht anders, jedenfalls kenn ich keinen anderen Weg.« Auch Norfra bedrückte dieser Gedanke. Als Schamane galt ihm das Leben als höchstes Gut. Es war in seinen Augen ein Frevel nach dem Tod einer seiner Brüder zu trachten.

»Versuch dich auszuruhen«, wies Norfra seinen Schüler an. »Wenn uns Dradnach das nächste Mal aufsucht, dann werden wir ...« Er wagte nicht, auszusprechen, was er vorhatte. Norfra hatte bisher nur einem Elfen das Leben genommen und das war im Affekt geschehen, um Enowir das Leben zu retten. Den Mord an einem der ihren zu Planen, war etwas anderes. Norfra wusste aber auch, dass er nicht zögern durfte, falls sich eine Gelegenheit bot. Das wusste er mit solcher Sicherheit, wie ihm klar war, dass er bei seinem ersten Mordversuch ins Stocken geraten würde. Wenn es gelingen konnte, dann nur mit einer List. Schnell hatten die beiden eine Strategie gefasst.

Sie brauchten nicht lange zu warten, bis die nächste Wache vorbeikam. Da die Wasserschale leer war und die beiden Faranier apathisch in der Ecke saßen, lief der Krieger - wie erwartet - davon, um Dradnach zu holen. Ein zufriedenes Lächeln kräuselte dessen Lippen, als er eintrat.

»Erhebt euch, meine Diener«, sprach er.

Die beiden Gefangenen kamen der Aufforderung nach.

»Ihr werdet zurück in eure Heimat gehen«, verlangte Dradnach. »Dort will ich, dass ihr eurem Anführer etwas hiervon ins Trinkwasser mischt«, er zog ein Fläschen hervor. »Darauf wird er ebenfalls willenlos, er wird sich mir unterwerfen. Übermittelt ihm meinen Befehl: Er soll mit all seinen Kriegern hierher kommen.«

Norfra schritt mit trübem Blick auf ihn zu und besah die Flasche, seine wahre Aufmerksamkeit galt jedoch der Bewaffnung an Dradnachs Gürtel. Unvermittelt ergriff er das Schwert, riss es aus der Scheide und warf es hinter sich, in der Hoffnung, Farangar würde es fangen. In derselben Bewegung nahm er Dradnach den Dolch ab und stieß die Klinge in dessen Hals. Zumindest dorthin, wo sich dessen Hals eben noch befunden hatte. Der Krieger war, der Rüstung zum Trotz, blitzschnell ausgewichen. Die Klinge prallte an seiner Schulterplatte ab.

Norfra bekam eine Faust in den Bauch gerammt. Der Hieb warf ihn an die Wand, sein Kopf wurde gegen den Stein geschmettert. Durch den Nebel der Benommenheit sah er, wie der geschwächte Farangar die schwere Klinge schwang. Dradnach wehrte sie mit der linken Armschiene ab, die ob dieses Schlages zerbarst. Der Klanobere ergriff den Waffenarm des Faranier, drehte ihm das Schwert aus der Hand und rammt ihm den Griff gegen das Kinn. Farangar ging zu Boden und rührte sich nicht mehr. In derselben Bewegung stieß Dradnach das Schwert gegen Norfra. Dieser versuchte auszuweichen, doch der Angriff erfolgte zu schnell. Die Schneide fuhr ihm in den Unterleib. Als Dradnach das Schwert herauszog, explodierte der Schmerz, der Norfra zu zerreißen drohte. Seine Beine trugen ihn nicht mehr. Im Sturz kehrte Norfra in sich, um den inneren Frieden zu finden, in dem er so oft und lange verweilt hatte. Doch jetzt da Dradnach das Schwert über ihm zum tödlichen Schlag hob, blieb Norfra die geistige Ruhe verwehrt. Zu viel war unerledigt ...

***

Farangar wehrte sich nicht, wenngleich er eigentlich wissen musste, welche Gefahr es barg, das Wasser zu trinken. Als Norfra ihm die Trinkschale absetzte, wollte Farangar sie festhalten. Es verlangte ihm nach mehr, aber sein Körper musste sich erst wieder daran gewöhnen, Nahrung aufzunehmen.

Der angehende Schamane verschluckte sich an dem letzten Rest Wasser in seinem Mund.

Geduld, du bekommst genug. Da die Worte nicht über Norfras Lippen fanden, versuchte er, Farangar diese zu vermitteln, indem er ihm die Hand beruhigend auf die Stirn legte.

Mit verkniffenem Gesicht hielt sich Farangar den Kopf. Er musste wahnsinnige Schmerzen haben. Der zerstoßene Hybis würde seine Wirkung tun.

Auch wenn es brannte, so kaute Norfra auf einigen Blättern dieser Pflanze herum.

Farangar schlug die Augen auf. Erstaunt nahm er die vielen Kräuter wahr, die auf dem Boden lagen und im Fenster zum Trocknen aufgehängt waren. In ihrer Zelle standen nun einige Krüge mit Wasser. Es gab sogar zu essen, wenn auch nur Beeren und Wurzeln.

Der junge Schamane sah auf. »Norfra, haben wir gesiegt?«

Dieser schüttelte den Kopf.

»Was ist geschehen?«, wollte der Schüler wissen.

Norfra öffnete den Mund, um ihm den blutigen Stumpf seiner Zunge zu zeigen.

Farangar fuhr heftig zusammen. »Was hat er dir angetan?« Sein Blick blieb für einen Moment auf Norfras Bauch hängen, um den ein Verband geschlungen war, durch den Blut und schmerzlindernde Paste gleichermaßen hindurch quoll.

Norfra hob den Zeigefinger und kniete sich zu seinem Schüler hinab, wobei das Feuer des Schmerzes in seinem Bauch erneut aufflammte. Er legte ihm den Daumen auf die Stirn. Sein Schüler schloss die Augen, um sich besser konzentrieren zu können.

Er hat mir die Zunge herausgeschnitten, weil..., Norfra brach ab. Er spürte, dass er nicht zu seinem Schüler durchdrang. Dessen Gedankenstrom war zu stark, als dass er vermochte, diesen zu durchbrechen. Farangar war zu jung, um fremde Gedanken zu empfangen. Es grenzte an ein Wunder, dass Marelija diese Fähigkeit beherrschte, da sie bedeutend jünger war als er. Noch dazu auf solch eine weite Entfernung.

»Deine Wunde, Norfra, lass mich sie sehen«, verlangte Farangar.

Ergeben ließ er seinen Schüler den Verband öffnen.

Farangar roch an dem Wundsekret, so wie Norfra es ihn gelehrt hatte. »Dein Darm ist nicht verletzt und keine Entzündung«, diagnostizierte er.

Norfra nickte zustimmend.

»Aber du hast nur Schmerzstiller verwendet«, stellte Farangar fest. »Warum? Hier gibt es doch alles.« Er machte sich sogleich daran eine Heilpaste nach seinem Gutdünken anzurühren.

Norfra schlug die Augen nieder. Sein Schüler hatte recht, nur blieb ihm nicht genug Zeit, die Wirkung der besten Heilpaste abzuwarten. Zu gerne hätte er sich seinem Schüler mitgeteilt, aber auch des Schreibens und Lesens war dieser noch nicht mächtig.

Erst als es daran ging, Wasser zu verwenden, hielt Farangar inne und blickte Norfra fragend an. Dieser nickte ihm beruhigend zu. Er hatte alle Krüge getestet. Das Wasser hinterließ keine Blutspuren, wenn es verdunstete.

Die Worte Dradnachs, die er gesprochen hatte, nach dem er Norfra die Zunge herausgeschnitten hatte, beherrschten seine Gedanken. »Ich werde meinem Klan beweisen, dass ihr Wilde seid, die man vertilgen, oder in die Knechtschaft zwingen muss. Und du wirst mir dabei helfen!«

Was auch immer Dradnach vor hatte, Norfra würde all seine geistige Klarheit aufbringen müssen, um ihm zu widerstehen. Doch wenn er versuchte, sich zu versenken, raubten ihm nicht nur die Schmerzen die Ruhe, sondern auch das Fehlen seiner Zunge, die er nicht wie sonst am Gaumendach spürte. Gewohnheiten waren gefährlich, aber in der Meditation notwendig.

Farangar beherrschte die Wundversorgung ausgezeichnet, auch sein Verband linderte die Schmerzen. Allerdings verursachte der eintretende Heilungsprozess ein Jucken, das Norfra zusätzlich um die geistige Ruhe brachte.

***

Die nächsten Tage kam Farangar immer mehr zu Kräften. Er verbrachte seine Zeit damit zu Meditieren, um seinen aufgewühlten Geist zur Ruhe zu bringen. Es gelang Norfra dennoch nicht, ihm seine Gedanken mitzuteilen. Sie verständigten sich lediglich über Zeichen. Auf diese Weise vermochte Norfra ihm einiges begreiflich zu machen. Bis auf die eine Frage, die er sich selbst nicht beantworten konnte: Was hatte Dradnach mit ihm vor? Ein Teil von ihm fürchtete sich vor der Antwort.

Die Tür wurde aufgeschlagen. Herein drangen vier gerüstete Elfen, mit blank gezogenen Klingen. In der Zelle wurde es so eng, dass sie sich mit den Schwertern selbst im Weg umgingen. Dradnach zeigte sich nicht. Norfra wurde wortlos gepackt und aus dem Gefängnis geschleift. Hinter sich hörte er Farangar rufen. Es wurde still, als die Tür ins Schloss fiel. Das aufeinander schaben der Rüstungsplatten und die Schritte hallten durch den Turm.

Norfra versuchte sich auf seinen Körper zu konzentrieren, um die Ruhe zu finden, die er benötigte, um mit Marelija in Kontakt zu treten. Die Wunde in seinem Unterbauch juckte und biss. Der kümmerliche Rest seiner Zunge brannte und auf seiner Brust pochte etwas ...

Das Amulett! Er hatte es völlig vergessen. Ein Artefakt aus der Epoche ihres Volkes, vor dem großen Ereignis. Es warnte seinen Träger mit einem dumpfen Pochen, wenn sich verseuchte Bestien in der Nähe befanden. Magiekundige Elfen hingegen konnten es sogar nutzen, um diese Geschöpfe zu beeinflussen. Aber warum schlug es gerade jetzt aus? Es mussten schon ein gigantisches Monster nahen, wenn sich der Stein so penetrant bemerkbar machte.

Norfra wurde die Treppen hinab gezerrt. Um das Loch des Aufzuges herum, der sich noch nie bewegt hatte, seit er hier angekommen war. Im unteren Bereich waren einige Steine aus dem Boden und den Wänden gehebelt worden. Auch die Geheimgänge, die es dort zuhauf gab, standen allesamt offen. Sie führten zu weiteren Türmen außerhalb der Festung und wurden einst für Botengänge oder als Fluchtwege genutzt. Das sich Dradnach durch das Fundament des Turmes grub, konnte nur bedeuten, dass er etwas suchte.

Zwischen den Trümmern arbeiteten etliche Elfen. Sie sprachen nicht miteinander, sondern gingen stupide ihrer Tätigkeit nach. Dazu gehörte, dass sie die Wände abtasteten und mit Hammer und Meißel die Fugen aufsprengten, um Steinquader herauszulösen.

Die Elfen!

Der Stein in seinem Amulett reagierte auf die Elfen, die Norfra gefangen hielten. Mit seinem Geist griff der Schamane nach dem Stein. In diesem Moment wurde er durch die Torbogen nach draußen geführt. Die blendende Sonne lenkte ihn zu sehr ab, um den Zauber nutzen zu können. Der Schmerz und das Brennen in seinem Leib taten ihr Übriges.

Dradnach stand auf dem Podest, dessen Treppe hinab in die Festung führte, die aus Steinhäusern bestand. Umgeben von einer massiven Mauer. Diese Bauwerke waren wie der Turm erhalten geblieben. Wenn auch nicht ganz so unbeschadet. An vielen Stellen waren sie ausgebessert worden und auch die Dächer mussten ständig erneuert werden.

Am Fuß der Treppe hatten sich alle Elfen dieses Klans versammelt. Die Krieger hatten sich unter sie gemischt, wobei sie regelmäßige Abstände einhielten. Sie blickten teilnahmslos zu Dradnach hinauf. Die anderen Elfen, wirkten dagegen ... verunsichert!

Norfra spürte deutlich ihre Angst. Sie sind genauso gefangen wie ich, erkannte der Schamane. Das Gift hat wohl nicht für den ganzen Klan gereicht. Noch dazu wollte Dradnach mit dem letzten Rest des Giftes auch Norfras Klan unterwerfen.

»Hier seht ihr ihn, einen der Wilden!«, rief Dradnach. »Sie erdreisten sich, in unser Land zu kommen, und wollen uns den Boden streitig machen, in den das Blut unserer Ahnen geflossen ist!«

Norfra sah viele zweifelnde Gesichter. Es wagte jedoch keiner, zu widersprechen. Kaum einer der Elfen stand mehr als zwei Schritte von einem Krieger entfernt, der ihn - falls nötig - zum Schweigen gebracht hätte.

»Darlach glaubte, mit ihnen Frieden schließen zu können!« Er trat neben den Gefangenen. »Doch seht sie an, sie können nicht einmal richtig sprechen.« Er schlug Norfra auf die Wunde.

Blitze des Schmerzes zuckten durch dessen Körper. Der Schamane biss die Zähne zusammen. Freiwillig würde er nicht in die Rolle zu schlüpfen, welche Dradnach ihm zugedachte. Er verhielt sich still, wehrte sich nicht und versuchte Haltung zu bewahren.

Dradnach sah ihn wütend an. »Komm schon Wilder«, flüsterte er. »Wehr dich, zeig ihnen was für eine Bestie du bist.«

Norfra hielt seinen Blick stand und rührte sich nicht.

»So geben sie sich!«, rief Dradnach laut. »Er wartet nur auf eine Gelegenheit, mich angreifen zu können! Nun denn Wilder, die sollst du haben, damit du uns endlich dein wahres Gesicht zeigst!«

Norfra wurde losgelassen und sogleich bekam er ein Schwert in die Hand gedrückt. Er wollte es bereits fallen lassen, doch damit war niemandem gedient. Das war seine Möglichkeit diesen Klan zu befreien. Er musste Dradnach töten. Natürlich wollte dieser genau darauf hinaus. Norfra würde ihm direkt in die Hände spielen. Niemals wäre er so töricht gewesen zu glauben, er könnte gegen einen erfahrenen Krieger gewinnen. Aber wenn er von Nemira und Enowir eines gelernt hatte, dann, dass Galarus jenen bestärkt, der das Unmögliche wagte.

Dradnach sah ihn abwartend an. »Na los«, sprach er so leise, dass nur Norfra ihn hören konnte. »Zeig mir den Wilden. Willst du wissen, was ich mit deiner Zunge ...« Weiter kam er nicht.

Anstatt mit dem Schwert zuzuschlagen wie es Dradnach erwartete, rammte ihm Norfra den Handballen seiner Linken von unten gegen die Nase. Es knirschte erbärmlich. Dradnach verlor das Gleichgewicht und stürzte kopfüber die Treppe hinab. Sein Hinterkopf schlug gegen etliche Stufen, bevor er am Fuß der Treppe zum liegen kam.

Die Menge keuchte erschrocken.

Norfra ignorierte sie. Mit dem Schwert bewaffnet, sprang er dem Gestürzten hinterher. Wenn er den Klan retten wollte, dann musste Dradnach sterben. Das war die Gelegenheit.

Norfra kam neben Dradnach zum Stehen. Er holte aus, um dem Gefallenen den Schädel zu spalten. Metall klirrte aufeinander. Mit überelfischer Geschwindigkeit, hatte Dradnach sein Schwert gezogen und den Schlag abgefangen. Das Überraschungsmoment für sich nutzend hieb Dradnach die Klinge seines Gegners beiseite und sprang auf. Die Rüstung schien ihn dabei nicht zu behindern. Einige der Platten hatten sich ineinander verhakt. Er richtete deren Position beiläufig.

»Seht die Grausamkeit dieses Wilden. Nicht mehr, als ein Tier, das feige sein Opfer angreift!«, rief er.

Norfra behielt seinen Gegner im Auge. Er versuchte seinen Geist von allem Für und Wider zu befreien und nur zu spüren, was Dradnach fühlte.

Er ist unsicher, es gibt niemanden, der ihm widerspricht. Keinen, der ihm Ratschläge gibt. Er ist ganz allein. Er versucht, sich selbst zu überzeugen, dass er das Richtige tut. Nichts wischt so sehr alle Zweifel beiseite, als die Ausrichtung auf einen Feind. Vielleicht täuschte sich Norfra auch, denn ganz deutlich war dieses Gefühlsbild nicht. Darauf konnte er nun keine Rücksicht nehmen. Er musste gegen seinen Widersacher bestehen. Zum Wohle aller Elfen dieses Klans.

Er zögerte nicht einen weiteren Lidschlag, sondern ging zum Angriff über. Norfra konnte kämpfen, nur war er mit einem Stab geübter. Er legte sein Gewicht in einen Schlag von oben. Dradnach hielt spielend mit beiden Händen am Heft seiner Waffe dagegen. Norfra nahm die Kraft aus seinen Armen und warf sich mit der Schulter gegen den Gegner. Dieser geriet ins Taumeln. Der Schamane fuhr herum und schlug mit dem Schwert nach ihm. Die Klinge traf Dradnachs Brustpanzer. Die Platten brachen. Die Lederstriemen rissen.

Dradnach schlug das Schwert seines Gegners beiseite. Da er seine Waffe nicht loslassen wollte, wurde Norfra von der Wucht des Hiebes zu Boden geschleudert. Er kam auf dem Bauch zum Liegen. Das Amulett pochte gegen seine Brust. Einem Instinkt folgend klärte Norfra seinen Geist und schickte ihn aus, wie er es schon hunderte Male gegen die Bestien von Krateno getan hatte.

Aus den umstehenden Elfen traten die Krieger hervor. Ihre Rüstungen klapperten im Gleichschritt. Sie warfen sich Dradnach entgegen, der über Norfra zum Todesstoß ausholte. Der Schamane hörte das Klirren der Waffen und drehte sich um. Dradnach hatte die Überraschung schnell überwunden und kämpfte verbissen gegen die neuen Gegner. Seine Kraft überwog die seiner Krieger um ein vielfaches. Mit jedem Konter stieß er die Elfen zurück und brachte sie ins Taumeln. Es waren jedoch zu viele, als dass er auch nur einen davon niederstrecken konnte.