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Verschleppt, versklavt, verkauft – ein historisches Frauenschicksal Island, 1627: Algerische Freibeuter fallen mordend und brandschatzend auf den grünen Westmänner-Inseln ein. Sie verschleppen 252 Menschen – unter ihnen die junge Gudrid und ihren kleinen Sohn. Nach einer qualvollen Reise über den Atlantik werden die beiden auf dem Sklavenmarkt in Algier verkauft. Für Gudrid beginnt ein langer Kampf um das schiere Überleben – und um ihr Kind.
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Seitenzahl: 695
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Steinunn Jóhannesdóttir
Die Isländerin
Aus dem Isländischen von Helmut Lugmayr
Ihr Verlagsname
Verschleppt, versklavt, verkauft – ein historisches Frauenschicksal
Island, 1627: Algerische Freibeuter fallen mordend und brandschatzend auf den grünen Westmänner-Inseln ein. Sie verschleppen 252 Menschen – unter ihnen die junge Gudrid und ihren kleinen Sohn. Nach einer qualvollen Reise über den Atlantik werden die beiden auf dem Sklavenmarkt in Algier verkauft. Für Gudrid beginnt ein langer Kampf um das schiere Überleben – und um ihr Kind.
Steinunn Jóhannesdóttir, geboren 1948 in Akranes/Island, arbeitet als Regisseurin, Journalistin und Autorin in Reykjavík. Sie veröffentlichte neben mehreren Theaterstücken auch Kinderbücher, Biographien und Kurzgeschichten. Nach über sechsjähriger Recherchearbeit schrieb sie den auf historischen Geschehnissen basierenden Roman «Die Isländerin», der in einer anderen Ausgabe unter dem Titel «Das sechste Siegel» erschien.
Die Übersetzung wurde gefördert vom Fund for the Promotion of Icelandic Literature, Reykjavík
Für meine Mutter
Sie schlief. Neben ihr lag ihr kleiner Sohn. Sie ließ ihn bei sich im Bett an der Wand schlafen, wenn ihr Mann auf See war. Sie liebte es, den ruhigen Atem des Jungen im Schlaf an ihrer Wange zu spüren.
Sie erwachte von einem leichten Picken an die durchscheinende Tierhaut, die über den Fens terrahmen gespannt war. Pick-pick. Pick.
Der Laut drang in ihren Schlaf, ohne dass sie sagen konnte, woher er kam. Sie setzte sich halb im Bett auf und blickte forschend zum Fenster, doch da war der Laut verstummt. Draußen regte sich nichts. Aber noch während sie sich wieder auf das Kissen zurücksinken ließ, begann das Picken von neuem. Sie stand jetzt auf und legte ihr Gesicht dicht an die dünne Haut, durch die ein fahler Schein der hellen Sommernacht hereindrang. Ein erstauntes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie die Umrisse eines kleinen schwarzen Schnabels erkannte. War das möglich? Ein kleiner Papageitaucher? Tatsächlich. Bei ihr hatte das erste Papageitaucherjunge dieses Sommers Zuflucht gesucht. Das war ungewöhnlich früh. Gewöhnlich verirrten sie sich nicht vor Anfang August zu den Häusern herab. Aber die Fangzeit hatte begonnen, und vielleicht hatte das kleine Ding seine Eltern verloren. Natürlich würde sie diesem verfrühten Nestflüchter helfen, wie unzähligen, kaum flügge gewordenen Papageitauchern jeden Sommer. Sie hatte als Kind gelernt, dass es Glück bringt, Papageitaucherjunge zu retten. Sie hatte nur keine Lust, sofort hinauszugehen, und legte sich zurück zu ihrem Sohn ins Bett und versuchte wieder einzuschlafen. Aber der kleine Vogel ließ ihr keine Ruhe. Zu guter Letzt sprang die Frau auf, warf sich einen weiten Rock über, schlüpfte in Jacke und Schuhe und ging hinaus.
Auf dem Dach des Grassodenhauses bewegte sich kein Halm. Aber das Gras war feucht vom Tau und strich ihr kühl um die nackten Knöchel. Sie fand den Papageitaucher auf dem breiten Sims unter dem Stubenfenster, wo er immer noch an die straff gespannte Haut pickte. Sie schloss das kleine, warme Leben in ihre Hand. Der Vogel piepste schwach, und seine schwarzen Augen blickten die Frau ängstlich an. Er zitterte am ganzen Körper.
«Hab keine Angst, Dummerchen», flüsterte sie. «Ich will dir helfen.»
Es war ein kurzes Stück, das sie mit dem Vogel bis zum Meer hinuntergehen musste, und auf dem Weg dorthin lag er ganz still in ihren Händen. Nur die daunenweichen Federn auf der Brust bebten leicht über dem pochenden Herzen. Es kitzelte auf der Hand. Sie wollte lachen, gab aber keinen Laut von sich. Es war nichts zu hören als das Rauschen des Meeres, das wie ein gutmütiges Murren in der dämmrigen Nacht klang. Sie hielt an einer kleinen Bucht inne und blickte über die Sandbank auf das Meer hinaus. Obwohl die Sonne kurz nach Mitternacht unter dem Horizont verschwunden war, überzog sie den Himmel immer noch mit einem rötlichen Schein, färbte die Wellenkämme rot. Sie hörte, wie die Wellen an den Steinen leckten. Rosa Schaumspuren leuchteten auf, wo sie im Sand verliefen. Draußen brach sich die Dünung leise an einer Schäre. In ihren dünnen Sachen hatte sie auf dem Weg keine Kälte verspürt, aber hier wehte eine kühle Brise. Sie hob die Arme hoch und öffnete die Hände. Der kleine schwarze Knäuel auf ihren Handflächen hob sich dunkel vor den leuchtend gelben Wolken ab.
«Flieg jetzt», flüsterte sie. «Flieg!»
Der kleine Papageitaucher verharrte einen Augenblick lang still, als könnte er nicht an die Freiheit glauben. Dann spürte die Frau, wie die kurzen Flügel flatternd um sich schlugen, und der Vogel flog davon.
Gudrid schreckte aus einem Traum hoch: Zum zweiten Mal in dieser Nacht wurde sie geweckt. Diesmal von einem Kuss. Sie spürte im Halbschlaf einen kühlen Salzgeschmack und riss die Augen auf. Im Traum war der Mann dunkel, riesenhaft gewesen. Ihr Herz hämmerte in der Brust. Aber es gab keinen Grund zur Angst. Es war natürlich Eyjólf, der nach Hause gekommen war. Sie stand auf, ließ ihn sich setzen und zog ihm schlaftrunken die schweren Fischerstiefel von den Füßen. Er lehnte sich zurück und betrachtete ihr Gesicht im matten Licht des milchig gelben Fensters. Sie spürte, wie seine Augen jeder Bewegung ihres Körpers folgten, während sie ihm aus der nassen Seemannskleidung half. Sie gähnte. Dann nahm sie einen seiner Füße zwischen ihre Hände und massierte die kalten Zehen. «Morgen gibt es frischen Fisch», flüsterte er, während er den anderen Fuß unter den Saum ihres Unterrocks schob. Sie wusste, was er gern hatte, und hob den Rock. Ein kurzes Zucken durchlief sie, als er seinen eisigen Fuß zwischen ihre schlafheißen Schenkel bohrte. Dann schob er ihn langsam hinauf und ließ seine Zehen mit ihrem Schamhaar spielen. Ihr Atem ging rascher, und sie öffnete die Beine. Als er mit seinen Hände ihre Hüften umschloss und sie an sich zog, flüsterte sie, dass sie das Kind nicht wecken dürften.
«Er wacht nicht auf», sagte der Mann und vergrub sein bärtiges Gesicht an der Brust der Frau. Sein windzerzaustes Haar duftete nach Salz. Sie kannte kaum einen besseren Geruch als diesen, den er im Sommer vom Meer mit nach Hause brachte. Er füllte ihr dunkles Haus, in dem sich das ganze Jahr über ein feuchter, säuerlicher Muff in den Torfwänden hielt, mit Meer und Sonnenschein. Sie wühlte ihre Nase in den blonden Schopf des Mannes. Dann zog sie ihm die Hose herunter und setzte sich auf ihn.
Der Junge bewegte sich unruhig im Bett, während seine Eltern ihr Verlangen stillten, drehte sich dann aber herum und schlief weiter. Als sein Atem wieder ruhig und gleichmäßig ging, ergriff Eyjólf die Hand seiner Frau und sagte: «Komm!»
«Sollten wir nicht schlafen?», flüsterte sie.
«Es ist Sommer», antwortete er.
«Aber wenn Sölmund aufwacht?»
«Wir sind bald wieder zurück.»
Er führte sie an der Hand durch den dunklen Flur in die stille, ruhige Nacht hinaus. Der Himmel glühte. Über dem Gletscher schwebten goldgesäumte Wolken, und die Schneefläche darunter war in ein zauberhaftes Licht getaucht. Hinter dem Felsen Heimaklettur am Hafen kündigte die Sonne ihr Kommen an. In einer Stunde würde sie sich im Felsspalt bei Ystiklettur zeigen. In Nächten wie diesen hatte Gudrid das Gefühl, am Tor zum Paradies zu leben.
Auf der Steinplatte am Hauseingang lagen zu einem Bündel gebundene Schellfische. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Seit drei Wochen hatte sie keinen frischen Fisch bekommen – und das zur Hauptfangzeit! Nach der Mittsommernacht hatten die Boote zuerst lange Zeit wegen schlechten Wetters nicht auslaufen können. Und als die See sich wieder beruhigt hatte, war ein Boot vom Festland gekommen, mit Schrecken erregenden Nachrichten: Seeräuber waren an der Südküste, in Grindavik, an Land gegangen und hatten ein Massaker angerichtet. Sie hatten Verletzte und Verstümmelte am Strand zurückgelassen und andere gefangen genommen und auf ihr Schiff geschleppt. Außerdem, so erzählte man, hätten sie ein dänisches Handelsschiff gekapert, das zu den Westfjorden unterwegs gewesen war. Danach hätten die Freibeuter versucht, beim Sitz des dänischen Landvogts in Bessastadir an Land zu gehen, aber abdrehen müssen, weil das Seeräuberschiff vor der flachen Küste auf Grund gelaufen wäre.
Diese Nachrichten verbreiteten auf den Westmänner-Inseln Angst und Schrecken, und die Obrigkeit erklärte den Belagerungszustand, auch wenn keine fremden Schiffe zu sehen waren. Selbst den tüchtigsten Seemännern wurde verboten, auf Fischfang zu gehen, stattdessen befahl man ihnen, beim Bau der Schanze an der Hafeneinfahrt mitzuhelfen. Die Befestigungsanlage dort war halb verfallen. Nun sollten wieder Kanonen aufgestellt werden. Wachen wurden auf dem Berg Helgafell postiert. Alle, die irgendwie zur Arbeit taugten, mussten ihren Teil zur Verteidigung der Inseln beitragen. Angst und Sorgen befielen die Menschen, die eben erst begonnen hatten, sich an dem kurzen Sommer zu erfreuen. Die Priester predigten in den Kirchen vom bevorstehenden Zorn Gottes, der, ehe man sich’s versah, über die sündige Gemeinde herabkommen würde. Sie drohten allen, die durch Unkeuschheit, Habgier oder auf andere Weise die Gebote Gottes missachteten, mit ewiger Verdammnis und warnten jene, die, in ihrer maßlosen Gier, Fische an Land zu ziehen, den Tag des Herrn nicht heiligten. Dann baten sie Gott im Himmel, die Einwohner der Inseln vor der schrecklichen Tyrannei des Türken zu bewahren. Denn am heiteren Sommerhimmel ballten sich erneut schwere Unwetterwolken zusammen, diesmal jedoch unsichtbar für menschliche Augen.
Gudrids Mann, Eyjólf, hatte nach anfänglichem Zögern der Versuchung nicht länger widerstehen können. Sobald sich die Sonne des Sonntags hinter dem Berg Dalfjall gesenkt hatte, begannen er und Jón Oddsson, mit dem er gemeinsam den Hof Stakkagerdi bewirtschaftete, ihre Schnüre und Angelhaken bereitzumachen. Sie warteten noch, bis das Abendrot endgültig den Sonnenuntergang verkündete, dann schoben sie ihr Ruderboot ins Wasser.
«Gleich an der Faxi-Schäre bissen schon die Ersten an», sagte Eyjólf. «Jetzt bekommen wir wieder Fisch auf den Teller, und unten auf dem Trockenplatz wartet ein schönes Fass voll Dorsch auf dich.» Dann verschwand er kurz im Schuppen, kam mit einem zusammengerollten Seil um die Schulter wieder heraus und ging in Richtung Fiskhellaberg davon. Sie eilte ihm nach, halb angezogen, die Jacke noch in der Hand und klebrig zwischen den Beinen. Sein Samen sickerte ihr beim Laufen an den Schenkeln hinab. Plötzlich überkam sie das Verlangen, sich im Tau zu säubern.
«Ich will mich waschen.»
Er sah ihr zu, wie sie ihren Rock hochschlug, sich auf die Fersen hockte und mit dem Tau die Scham wusch.
«Das ist so frisch», sagte sie. «Ich bin ganz schmutzig.»
«Nennst du das Schmutz?», fragte er mit vorwurfsvollem Blick aus seinen grauen Augen.
Sie wusste, dass er viele Söhne bekommen wollte. Eine ganze Schiffsmannschaft. Aber sie hatte den Schmerz noch nicht überwunden. Sie hatten erst vor kurzem einen Sohn verloren. Es war furchtbar, Kinder zu gebären, nur um sie sterben zu sehen. Das war das Los so vieler Frauen auf den Westmänner-Inseln. Sie bekamen Kinder, die starben. Gudrid konnte sich glücklich preisen, dass sie Sölmund hatte behalten dürfen.
Sie wusch sich und genoss das Gefühl, rein zu sein. Er sah sie an, als ob er sie auf den Rücken ins Gras legen wollte. Stattdessen nahm er sie aber an der Hand, zog sie vom feuchten Boden hoch und führte sie das letzte Stück zur Felswand hinauf.
Gudrid fühlte sich immer etwas unwohl unter diesem Kliff. Es ragte siebzig Faden senkrecht über ihnen auf und schien unerklimmbar. Und trotzdem hatten die Bewohner der Insel seit jeher die Höhlen in der Felswand genutzt. Es waren unterschiedlich tiefe Aushöhlungen im braunen Tuffgestein, die in schräg nach oben verlaufenden Reihen angeordnet waren und den Leuten als Fischlager dienten. Ihre Höhle lag etwas unterhalb der Mitte des Kliffs, und sie fand den Gedanken, dort hinaufzuklettern, erschreckend. Und doch war es ihr lieber, als eine noch höher gelegene Höhle zu haben, wie manche, die sich von der Felskante oben abseilen mussten. Allein von der Vorstellung wurde ihr schwindelig. Eyjólf hatte einige Male versucht, sie zum Hinaufklettern zu bewegen, aber sie hatte immer irgendwelche Ausflüchte gefunden. Jetzt war er entschlossen.
«Du musst es versuchen», sagte er. «Wenn Feinde auf die Insel kommen, sind die Höhlen unsere einzige Zuflucht.»
Sie trat nervös von einem Bein aufs andere und ließ die Augen über die Wand zur schroffen Felsnadel hinübergleiten, die sich wie ein drohender Zeigefinger vor dem Tal abhob. Ihr Blick blieb an einem schlafenden Papageitaucher hängen. Sie beneidete den Vogel um seine Ruhe. Selbst war sie alles andere als ruhig. Sie sah zu, wie Eyjólf geschickt auf den untersten Absatz des Kliffs kletterte. Man hatte an manchen Stellen dicke Eisenhaken tief in die Wand getrieben. Eyjólf schwang das Seil und warf es um einen starken Haken. Dann zog er die Schlinge zu und kletterte am Seil zur Höhle hoch. Er schlüpfte unter der Stange durch, die zwischen zwei Felsvorsprüngen quer vor dem Eingang lag und an der Fische zum Trocknen hingen. Sie sah, wie er den Fisch nahm und daran roch. Er rief ihr zu, dass er gut rieche. Dann griff er wieder nach dem Seil, ließ sich ein Stück daran hinunter, stieß sich mit den Füßen von der Felswand ab und flog in einem schönen, weiten Bogen zur anderen Seite hinüber. Ihr stockte der Atem.
So hatte er damals ihr Herz gewonnen, am Ende einer erfolgreichen Eiersammelzeit, vor dreizehn Jahren. Er hatte sich das Seil um die Hüften gebunden und sich mit einem kräftigen Tritt vom Kliff abgestoßen und war weit über die Wasseroberfläche hinausgesegelt. Sie hatte kaum zu atmen gewagt vor Spannung und Entsetzen. Und als er sich wieder dem Felsen näherte, dachte sie, jetzt müsse er zerschmettern, aber seine Beine fanden eine sichere Stelle, und er stieß sich erneut ab und flog abermals hinaus. Ein ums andere Mal schleuderte er seinen Körper mit einem kräftigen Tritt von der Felswand weg und schwebte in einem langen Bogen wieder an sie heran. Ihr barst fast das Herz vor Bewunderung und Freude, als er sich mit Hilfe der Sicherungsmänner oben endlich bis an die Kante des Kliffs hinaufgearbeitet hatte. Dann kam er mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen zur Schar der Zuschauer herab. Die Augen aller Mädchen glänzten, aber seine waren von einer zur anderen gewandert und hatten erst an den ihren Halt gemacht.
Heute konnte sie den Gedanken kaum ertragen, dass er dieses Spiel noch einmal spielte. Sie bewunderte seine Kraft, fürchtete aber seine Verwegenheit. Hier toste zwar nicht das Meer unter ihnen, aber es gab auch keinen, der oben das Seil sicherte oder ihn hinaufzog. Außerdem war aus dem federleichten Jüngling von damals ein gut dreißigjähriger Seemann und Bauer geworden, von harter Arbeit gezeichnet, gedrungener, schwerer. Und doch war es wieder da, dieses jugendhafte, unbeschwerte Lächeln, als er sich am Seil schwang. Ein geschickter Kletterer und tüchtiger Vogelfänger, den sie sich da geangelt hatte. Im selben Augenblick, in dem er zu ihr heruntersprang, spürte sie wieder den vertrauten Stolz und die Freude in ihrer Brust. Er reichte ihr das Seil.
«Jetzt du», sagte er. Sie trat an die Felswand heran und zog kurz am Seil, um zu spüren, dass es fest verankert war. Dann raffte sie ihren Rock hoch, biss die Zähne zusammen, setzte einen Fuß in eine Felsspalte, umklammerte das Seil mit beiden Händen und versuchte Eyjólfs Anweisungen zu folgen. Er schob sie am Hintern hoch und ließ dann los. Er sagte, sie solle sich vorstellen, der Hundstürke sei ihr auf den Fersen. Sie müsse sich retten! Er feuerte sie an. Formte die Hände zu einem Trichter vor dem Mund und schrie, die Feinde seien dicht hinter ihr! Er führte einen Höllentanz unter ihr auf. Gudrid zog sich mit halb geschlossenen Augen ein kleines Stück höher, doch der raue Fels vor ihr war schlimmer als jede eingebildete Gefahr. Der Rock war ihr im Weg und machte es schwer, die Beine zu gebrauchen. Sie wusste nicht, was tun gegen die Höhenangst. Als Mädchen war sie furchtlos an jedem Kliff entlangspaziert, aber seit sie selbst ein Kind hatte, schwindelte es ihr so, dass ihr alle Kräfte versagten. Sie wollte sich nach unten gleiten lassen. Sie war wie ein hilfloses Vogeljunges, ein kleiner Papageitaucher, der sich verirrt hat und das Meer nicht finden kann. Wenn sie bloß Flügel hätte!
«Du darfst nicht aufgeben», rief ihr Eyjólf zu, als er sah, dass sie wieder nach unten rutschte. «Du willst doch nicht, dass sie dich wegtragen wie eine leere Fischtonne. Du musst es bis zum untersten Absatz schaffen. Dort kannst du verschnaufen!»
Sie hatte das Gefühl, die Arme würden reißen, und versuchte mit den Füßen Halt zu finden. Sie ertastete einen kleinen Felsvorsprung, auf dem sie sich mit den Zehen abstützen konnte, und jammernd gelang es ihr, sich ein Stück höher zu ziehen. Als sie mit den Augen über die Felskante spähte, sah sie, dass der Absatz breiter war, als er von unten schien. Aber wie sollte sie sich fast eine ganze Körperlänge nach oben schwingen? Wieso kletterte sie da hoch? Die einzige wirkliche Gefahr hier war, dass sie unter den Füßen den Halt verlor. Und jetzt verlor sie den Halt. Die Beine zappelten in der Luft, und die Kraft der Arme war am Ende. Ein brennender Schmerz fraß sich tief in ihre Handflächen, als sie in Eyjólfs Arme hinunterrutschte.
Er torkelte unter ihrem Gewicht ein paar Schritte zurück, ließ sie beinahe ins Gras unter der Felswand fallen und landete selbst auf ihr. Sie kugelten den Hang hinab. Sie weinte und lachte zugleich vor Schmerz und vor Freude, in den sicheren Armen ihres Mannes zu ruhen. Eyjólf schalt sie für ihre Schwächlichkeit, küsste sie, lachte sie aus, strich ihr über die nackten Schenkel, und zum zweiten Mal in derselben Nacht drang er in seine Frau ein. Im Schutz der Felswand regte sich kein Lüftchen, aber sie konnten das Rauschen der Brandung in der Ferne und das Schwappen der Wellen in der Grotte Kaplagjóta hören. Ihre raschen Atemzüge vermischten sich mit dem fröhlichen Gesang des Goldregenpfeifers und dem hellen Ruf des Austernfischers. Im selben Augenblick, in dem sie spürte, wie sich Eyjólfs Samen in das Dunkel ihres Schoßes ergoss, erwachten die Vögel in den Kliffs und das Stöhnen der Liebenden ging im morgendlichen Gekreisch der Meeresvögel unter.
Gudrid setzte sich auf und legte Eyjólfs Kopf in ihren Schoß. Sie blickte auf das Meer hinaus. Vor ihr lagen die Inseln mit runden, grasbewachsenen Kuppen in einer Reihe nach Südwesten: Alsey und Brandur, Sudurey, Hellisey, Súlnasker und Geirfuglasker. Vorratskammern und Augenweide zugleich. Ein merkwürdiger Einfall des Schöpfers, all diese kleinen Inseln. Wie mochten sie entstanden sein? Und wie waren diese zerklüfteten Berge und senkrechten Felsen der Insel Heimaey entstanden, die das Dorf vor dem Nordwind schützten? Es gab so viel, was sie nicht verstand, aber gern gewusst hätte.
Sie ließ, in Gedanken versunken, die Hand durch das Haar ihres Mannes gleiten. Jeden Sommer bleichten Wind, Salz und Sonne seine rötliche Farbe aus. Sie konnte nicht anders, als es zu berühren. Ihre wunden Finger wühlten in den dicken, sonnengebleichten Locken. Sie beugte sich hinab, um sie zu küssen, und strich mit den Lippen über seine bärtigen Wangen. Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Dann kniff er die Augen zusammen und zeigte zum Vulkan Helgafell hinauf. Dort waren Menschen zu sehen. Wahrscheinlich wurden die Wachposten auf dem Kraterrand abgelöst. Vor drei Nächten hatte Eyjólf selbst dort oben Wache gestanden. Auf diese Weise wechselten sich die Inselbewohner seit den Nachrichten vom Überfall in Grindavik auf dem Wachposten ab. Der Berg in der Mitte der Insel bot einen guten Ausblick in alle Richtungen, aber bisher hatte man nichts Ungewöhnliches entdeckt. In Wahrheit glaubten die meisten nicht mehr an ein Kommen der Schiffe. Jetzt musste allerdings etwas geschehen sein, denn sie sahen, wie ein Mann in größter Eile den Bergkamm herabgeritten kam. Die Wachposten schienen aufgeregt hin und her zu laufen. Einer blieb oben auf dem Berg zurück, und drei liefen nach Süden, während der Mann auf dem Pferd quer über den hellen Fleck, den die Morgensonne auf den grünen Hang zeichnete, zum Dorf hinabritt.
Gudrid und Eyjólf sprangen auf. Man musste Schiffe gesehen haben. Wenn es die Seeräuber waren, bedeutete dies, dass der Zorn Gottes über ihnen schwebte. Sie hatten gesündigt. Eyjólf war gegen das Verbot der Obrigkeit zum Fischen gerudert. Sie waren leichtfertig gewesen, und sie hatten zweimal in derselben Nacht dem Verlangen ihres Fleisches nachgegeben. Ihr Junge war allein im Haus. Sie hatten der Dienstmagd Thórdis in den vergangenen Tagen erlaubt, bei ihren Eltern in Ormsbaer zu übernachten. Sie liefen los.
Oft meinen wir, kein Ungeschick
könn’ uns auf uns’rem Weg passieren,
und halten uns gar lästerlich,
lassen das sündig Fleisch regieren.
So hatte ihr Großonkel und früherer Hausherr, Hochwürden Jón in Kirkjubaer, gedichtet. Sie sah beim Laufen in Gedanken sein strenges Gesicht vor sich.
Im Haus war alles ruhig. Der kleine Sölmund schlief fest und hatte sich zur Wand gedreht. Sie standen außer Atem am Bett und betrachteten, Seite an Seite, ihren Sohn. Langsam ging die Ruhe des schlafenden Kindes auf die Eltern über, und ein Lächeln erschien auf beider Lippen. Sie waren eine untrennbare Dreieinigkeit, und ihre kleine Torfhütte war ein sicherer Ort der Geborgenheit.
Gudrid legte ihre kleinen, wunden Finger in Eyjólfs große Hand. Die Schwielen auf seinen Handflächen fühlten sich hart an, aber seine Hände waren stets warm. Sie gaben ihr ein Gefühl von Liebe und Vertrauen. Er hatte gute Hände.
Es war sonderbar, unter solchen Umständen die Flucht vorbereiten zu wollen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Schwer zu glauben, dass sie wirklich von Bedeutung war. Wie konnte ihnen an diesem sonnigen Sommermorgen irgendeine Gefahr drohen?
Trotzdem begannen sie, sich gegenseitig Anordnungen zuzuflüstern. Gudrid sollte ein paar Kleidungsstücke zusammensuchen und in einen Beutel stecken, während Eyjólf zu den Dänischen Häusern am Hafen hinuntergehen wollte, um zu erfahren, was geschehen war. Es wäre das Beste, alles griffbereit zu haben, falls sie gezwungen sein sollten, in die Höhlen zu fliehen. Und dann würde ihr auch kein Jammern helfen. Sie dürfe aber nicht vor ihm losgehen. Sie müsse warten, bis er mit Neuigkeiten wiederkäme.
Der Tag war angebrochen, und im Dorf waren viele Menschen auf den Beinen. Man hatte Schiffe gesichtet. Drei große Schiffe, von denen eines die beiden anderen an Größe übertraf, kreuzten südöstlich der Inseln vorm Wind. Das jagte den Menschen Angst ein. Sie standen an den Umfriedungen ihrer Hofwiesen beisammen und unterhielten sich lang und breit darüber, was das bedeuten könnte. Manche hielten es für unwahrscheinlich, dass dies die Räuberschiffe von Grindavik sein sollten. Sie waren nach Westen fortgesegelt. Konnte es sein, dass sie zurückgekommen waren, und das aus dieser Richtung? War es nicht wahrscheinlicher, dass dort endlich die Küstenwachschiffe der dänischen Krone aufgetaucht waren? Man hatte sie seit dem Frühjahr erwartet. «So wird’s wohl sein», meinte Kaufmann Bagge. «Es kann sich aber auch um deutsche oder englische Kaufleute handeln, die versuchen, illegal Handel mit den Einheimischen zu treiben.»
Die fremden Schiffe waren noch zu weit vom Land entfernt, als dass man hätte sehen können, unter welcher Flagge sie segelten. Das größte verbreitete den meisten Schrecken. An Bord eines so riesigen Schiffes musste ein ganzes Heer von Männern sein, und wer weiß, was für ein zwielichtiges Gesindel das sein mochte. Es war erst gut zehn Jahre her, dass englische Abenteurer wochenlang raubend und plündernd über die Insel gezogen waren und den Einheimischen alles Wertvolle abgepresst hatten. Man erinnerte sich noch gut daran. Einige hatten damals ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Die Banditen hatten den dänischen Kaufmann, der gleichzeitig auch Statthalter des Königs war, in seinem eigenen Haus unter Arrest gestellt, und das unbewaffnete gemeine Volk hatte keine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt. Unter den Kostbarkeiten, die die Plünderer fortschleppten, war auch die Glocke der Kirche Landakirkja gewesen. Die hatten sie später zwar wieder zurückgegeben, und kein einziger Mann hatte bei dem Überfall sein Leben und keine anständige Frau ihre Ehre verlören, aber dennoch. Dem Engländer war nicht über den Weg zu trauen.
Die Unruhe erfasste das ganze Dorf. Und doch geschah nichts weiter, als dass die Schiffe vor der Insel kreuzten. Sie näherten sich nur langsam in der Flaute und der spiegelglatten See.
Wer als umsichtig gelten wollte, bereitete die Flucht vor. Man war sich allerdings nicht einig, wohin man fliehen sollte. Nur die Tüchtigsten würden den Aufstieg zu den Fischlagerhöhlen schaffen, und für Frauen und Kinder waren sie praktisch unerklimmbar. Einfacher wäre es, sich in der großen Höhle am Ende des Lavafeldes bei Ofanleiti zu verstecken. Bauern von nahe gelegenen Höfen hatten seit den Nachrichten vom Überfall in Grindavik Tag und Nacht geschuftet, um die Höhle zu vergrößern. Sie würde 120 Leute fassen. Manche hielten die Höhle Raudhamarshellir auf der Halbinsel Stórhöfdi für die bessere Wahl. Sie sei geräumig und leicht gegen Angreifer zu verteidigen. Allerdings würden sich Menschen mit Höhenangst kaum dorthin wagen. Und einige meinten, es wäre klug, die Leute zum Festland zu rudern. Wieder andere fanden das zu riskant. Wenn plötzlich Wind aufkäme, wäre es die reinste Tollheit, sich mit ein paar kleinen Booten so großen Schiffen in den Weg zu stellen. In Wirklichkeit gab es nur eine Hoffnung: sich der göttlichen Vorsehung anzuvertrauen und den, der alles lenkt, zu bitten, er möge die drohende Gefahr abwenden.
So verging der Tag, ohne dass etwas geschah. Auf der Wiese vor dem Haus in Stakkagerdi standen Gudrid und ihre Nachbarin Anna Jasparsdóttir und spähten in die Ferne. Die Angst, die sie bei der ersten Nachricht von den fremden Schiffen befallen hatte, war während der alltäglichen Verrichtungen gewichen. Jetzt war sie wieder da. Sie warteten ungeduldig auf ihre Männer. Sie warteten, dass etwas passierte. Anna hatte einen Säugling auf dem Arm, und Sölmund spielte zu Gudrids Füßen mit Muscheln. Die leichte Brise küsste seine Wangen.
Gudrid blickte auf den Kopf ihres Sohnes hinab, der sich von der Unruhe, die in der Luft lag, nicht stören ließ. Er sah seinem Vater ähnlich: blond, mit einer kleinen Kinderstupsnase und einem schön geformten Mund. Die dunklen Augen hatte er von ihr. Und in ihr wurde wieder die Erinnerung an jenen wunderbaren Sommer wach, als Eyjólf sie hinter dem Stein versteckt gefunden hatte und ihre Augen den seinen zum ersten Mal begegnet waren. Sie war damals sechzehn Jahre alt gewesen und hatte im Winter zuvor bei einem Schiffsunglück ihren Vater verloren. Ihre Mutter war mit den drei Kindern, ihr selbst, Solveig und Einar, der erst neun war, allein. Die Welt glich einem schaukelnden Kahn auf hoher See. Hochwürden Jón in Kirkjubaer, ein Onkel ihrer Mutter, hatte damals angeboten, der Familie unter die Arme zu greifen, und der Witwe einen Knecht für die Arbeit auf dem Hof gesandt. Dafür sollte ihre älteste Tochter, Gudrid, als Kindermädchen für den kleinen Jón und seine Schwester Margret ins Haus der Pfarrersleute kommen. Jón war damals im zweiten Jahr und Margret im selben Alter wie Sölmund heute.
Gudrid hatte sich trotz der vielen Leute im Pfarrhof von Kirkjubaer einsam gefühlt. Sie vermisste ihr Elternhaus und trauerte um ihren Vater. Sie weinte am Abend vor Gottes Angesicht, aber am Tag verbarg sie ihre Trauer und spielte mit den Pfarrerskindern. Der kleine Jón war so aufgeweckt, dass sie ihn nie aus den Augen lassen durfte, aber Margret, ein stämmiges Mädchen, war gut erzogen und mahnte ihren Bruder oft zur Ruhe. Sie hatte alle Hände voll zu tun, sich um sie zu kümmern, und nach und nach begann sie sich im Haus des Priesters wohl zu fühlen.
Eines Tages, als sie mit den Kindern am Fuß eines Hügels spielte, hatte sie plötzlich einen lauten Knall gehört. Danach folgten heftiges Gepolter und wildes Geschrei. Sie war auf den Hügel gelaufen, um zu sehen, was geschehen war, und hatte sich sofort zu Boden gworfen. Auf dem Vorplatz des Hauses trieb sich eine Schar unbekannter Männer herum, die lärmten und sich wie Rohlinge aufführten. Gudrid griff erschrocken nach den Kindern. Sie nahm Jón auf den Arm und Margret an der Hand und lief mit ihnen davon, bis ihre Kräfte versagten und sie sich zuletzt im Schutz eines großen Steines zu Boden fallen ließ. Dort hielt sie sich mit den Kindern bis zum Abend versteckt.
Gudrid erinnerte sich, wie froh sie war, als endlich zwei Männer des Pfarrers zu Pferd auf der Wiese aufgetaucht waren. Nebel war vom Meer hereingezogen, und es hatte zu nieseln begonnen. Sie waren alle drei durchnässt und froren, als Gudrid die Rufe der beiden Männer hörte und ihnen antwortete. Einer von ihnen war Eyjólf. Er lächelte erleichtert, als er das Mädchen mit den zitternden Kindern im Schoß an den Stein gekauert entdeckte, hob die Kinder hoch und setzte sie zu seinem Kameraden aufs Pferd. Dann reichte er Gudrid die Hand und half ihr auf die Beine. Sie würde nie vergessen, wie warm seine Hand gewesen war, in der die ihre vor Kälte zitterte. Sie war ganz steif vom Sitzen gewesen und kam sich schwer und ungelenk vor, aber er hob sie mühelos auf das Pferd und schwang sich dann hinter ihr auf den Rücken des Tieres. Als er es antrieb, flüsterte er ihr ins Ohr, dass die Räuberhorde zu englischen Segelschiffen gehörte und dass es verdammt bitter wäre, keine Waffen zu besitzen, um sich zu wehren. Das Diebsgesindel hätte den ganzen Pfarrhof geplündert.
Das waren ungeheure Nachrichten. Das ruhige Leben der Menschen, die kaum eine andere Bedrohung als durch das Meer und die Stürme kannten, wurde nun von einer neuen Gefahr erschüttert. Sie dachte an ihre Mutter zu Hause in Gjábakki und begann vor Angst und Schrecken zu zittern. Und trotzdem fühlte sie sich merkwürdig geborgen in den Armen des jungen Mannes. Er strahlte Wärme aus, obwohl er genauso durchnässt war wie sie. Ihr war kalt und doch nicht kalt. Sie hatte Angst und doch keine Angst. Zu Hause angekommen, hob er sie vom Pferd und blickte ihr rasch ins Gesicht. Ein warmes Leuchten lag in seinen graublauen Augen. Sie errötete. Dann nahm sie den kleinen Jón auf den Arm und eilte mit den Kindern über den Vorplatz zum Haus. Sie sah, dass die Tür zur Vorratskammer aufgebrochen worden war und drinnen alles durcheinander lag. Fässer mit sauer eingelegtem Fleisch lagen umgestoßen, und Skýr und saure Molke flossen über den gestampften Lehmboden. Die Plünderer hatten halb aufgegessene Blutwürste, fette Fleischstücke, Lummeneier und andere Köstlichkeiten in den Schmutz getreten, während alle Vorräte an Geflügel und Trockenfisch verschwunden waren. Drinnen im Haus waren die Leute dabei, die Spuren der Verwüstung zu beseitigen und ihre Kleidung und Habseligkeiten wieder in Ordnung zu bringen. Manche hatten bei den Auseinandersetzungen mit den Angreifern, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel aufgetaucht waren, Verletzungen davongetragen. Die Pfarrersleute standen mit besorgter Miene dabei und versuchten, den anderen Anweisungen zu geben. Als Madame Margret Gudrid mit den Kindern kommen sah, geriet sie außer sich vor Freude. Sie riss die beiden an sich und verschwand mit ihnen in der Schlafkammer.
Gudrid erschauerte, als sie sich diese längst vergangenen Sommerwochen wieder ins Gedächtnis rief. Zu Anfang hatte völliges Chaos auf der Insel geherrscht, aber nach einigen Tagen war die zerstörerische Wut der Räuber verflogen. Eines Tages, als Gudrid bei ihrer Mutter zu Besuch war, drangen dort zwei Banditen ein und verlangten zu essen und zu trinken. Voller Angst setzte die Mutter ihnen das Beste im Hause vor, und die Männer machten sich gierig über die Speisen her. Sie kauten zufrieden an den Papageitaucherbrüsten. Gudrid stand mit ihrer Schwester Solveig zu Tode erschrocken in einer Ecke – und hörte dennoch gebannt zu, wie sich die Männer unterhielten. Sie konnte nicht anders. Ihre Sprache klang so sonderbar in ihren Ohren. Und als sie aufstanden, reichten sie ihrer Mutter die Hand und bedankten sich höflich für die Mahlzeit. Sie stahlen diesmal nichts.
Auch aus Annas Elternhaus hatten die Schurken keine Vorräte gestohlen, aber sie hatten die vortrefflichen Soldatenstiefel, das Gewehr und den Degen mitgenommen, die noch aus der Zeit stammten, als ihr Vater König Christian IV. gedient hatte. Anna, die übrigens den Namen der Gemahlin dieses großen Monarchen, Anna Katrine, trug, erinnerte sich noch, wie sie das Entsetzen packte, als die Räuber ihrem Vater den Lauf des Gewehrs auf die Brust setzten. Sie war damals im Konfirmationsalter und hatte erwartet, ihn sogleich blutüberströmt auf den Boden der Stube sinken zu sehen. Sie erschossen ihn nicht. Aber sie zwangen ihn, alle Truhen und Verschläge im Haus zu öffnen, und traktierten ihn mit Fußtritten, als sie fanden, dass es nicht genug zu holen gab.
Dann, eines schönen Tages, waren die Räuber so plötzlich, wie sie gekommen waren, wieder verschwunden. Keiner wusste so genau, was sie vertrieben hatte. Vielleicht war es der Regen gewesen. Aber Gudrid erinnerte sich noch, dass Unnur in Daltjörn Tränen über die Wangen liefen, als sie das Dorf verließen. Es waren nicht alle böse gewesen, sagte sie. Lorry war ein guter Junge!
Unnur trauerte Lorry nach und würdigte danach die jungen Männer auf der Insel keines Blickes mehr. Später heiratete sie einen gestandenen Bauern auf dem Festland. Man erzählte sich, dass einer ihrer Söhne Ólaf Lorry hieß.
Gudrid und Anna Katrine standen vor der Giebelwand und ließen sich von der Nachmittagssonne wärmen, während sie sich die Ereignisse dieses bewegten Jugendsommers in Erinnerung riefen. Die Wiesenvögel sangen und die Fliegen surrten. Wie konnte ihnen Böses bevorstehen?
Sie spähten, die Hand über den Augen, zum Helgafell hinauf. Dort war nichts Ungewöhnliches zu bemerken. Aber den ganzen Tag über waren Leute an ihrem Hof vorbeigegangen. Die Menschen waren zu den Dänischen Häusern unterwegs, wo alle waffenfähigen Männer der Verteidigungsmannschaft zugeteilt wurden, die der Kaufmann Bagge rekrutiert hatte. Die Inselbewohner wollten dieses Mal nicht unvorbereitet sein, wenn Feinde an Land gingen. Gudrid und Anna hatten erfahren, dass ihre Männer jetzt auf der Schanze, mit Musketen aus dem dänischen Handelsschiff bewaffnet, auf und ab marschierten. Aber dorthin zu gehen war den Frauen verboten. Die Schanze war kein Platz für Frauen und Kinder, so wie die Dinge standen.
Gudrid und Anna gingen mit den Kindern ins Haus. Noch hatten sie nicht alle Vorbereitungen für den schlimmsten Fall getroffen, dass auf den fremden Schiffen Freibeuter sein sollten. Die wertvollsten Stücke ihrer Habe hatten sie allerdings schon beiseite geschafft. Anna besaß ein Festtagskleid aus dunkelrotem Tuch mit Silberknöpfen an den Ärmeln, die zusammen mit einer Halskette aus Silber Erbstücke ihrer Großmutter väterlicherseits auf Seeland waren. Dieses Kleid hatte sie an ihrem Hochzeitstag getragen. Jetzt lag der Brautschmuck zusammen mit Gudrids Sonntagsgewand in einer Truhe auf dem Dachboden des Schuppens. Dort hatten sie ihre Habseligkeiten schon am Tag zuvor versteckt und ein altes Focksegel und ein zerrissenes Großsegel darüber gebreitet. Sie versuchten alles so herzurichten, dass es keinen Verdacht erregte, und hatten noch einen Ballen Angelschnur und die Seemannskleider ihrer Männer darüber geworfen. Die schäbigsten Kleidungsstücke legten sie dagegen zusammengefaltet in Gudrids Truhe am Fußende ihres Bettes.
Am Boden der Truhe bewahrte Gudrid ihren Geldbeutel auf. Dieser Platz schien jetzt nicht mehr sicher. Sie nahm den Beutel, trug ihn in die Küche und vergrub ihn mit einem Kochlöffel hinter der Feuerstelle in der Erde. Dann stampfte sie das Loch mit dem Fuß gut zu, streute Asche über die Stelle und stellte zuletzt noch einen Besen darauf, um die Spuren zu verdecken. Als sie damit fertig war, wetzte sie ihr Messer, schnitt einen fetten Schellfisch in Stücke und ließ diese in einen Topf mit heißem Wasser gleiten. Während sie zusah, wie es zu kochen anfing, ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass es nützlich sein könnte, ein gut geschliffenes Messer zur Hand zu haben, falls Feinde in das Haus eindrangen. Schließlich legte sie die fertig gekochten, dampfenden Stücke auf ein Holztablett und trug es in die Wohnstube. Dort setzten sich Gudrid und Anna mit Sölmund hin und aßen mit bester Lust den frischen Schellfisch mit Butter. Der Junge bat um mehr. Und beim köstlichen Geschmack des frischen Fisches zerfloss auch die Angst in ihrer Brust wie die Butter auf der Zunge. Als sie satt waren, knöpfte Anna Jacke und Hemd auf und gab ihrem Kind die Brust. Mit den zufriedenen Nuckelgeräuschen der kleinen Óshild breitete sich eine tiefe Ruhe in der dämmrigen Wohnstube aus.
Später am Abend kam Jaspar Christiansen, um nach seiner Tochter zu sehen. Er bot ihr an, mit ihm nach Hause zu kommen. Es war zwar nichts geschehen, die Schiffe kreuzten nach wie vor südöstlich der Inseln, aber ihrer Mutter würde das eine gewisse Beruhigung verschaffen. Doch Anna hatte kurz zuvor Óshild in die Wiege gelegt und wollte das kleine Mädchen nicht wecken. Sie sagte, dass sie mit Gudrid warten wollte, bis ihre Männer abgelöst würden. Sie hätten gesehen, dass die Männer, die fast den ganzen Tag bei den Dänischen Häusern zugebracht hatten, jetzt einer nach dem anderen nach Hause kämen. Jón und Eyjólf müssten bald da sein.
Aber ihre Männer kamen die ganze Nacht nicht nach Hause, und die Frauen fanden keinen Schlaf. Sie gingen ab und zu vors Haus, um nach ihnen Ausschau zu halten.
«Ich habe Angst», flüsterte Anna. «Hätte ich doch mit meinem Vater nach Hause gehen sollen?»
Gudrid erzählte ihr vom Papageitaucher, den sie vorige Nacht auf dem Felsen gesehen hatte. Sein Leben lag in Gottes Händen, genau wie ihres. Sie reichte ihrer Nachbarin die Hand, und gemeinsam knieten sie im Gras nieder.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Die Stille der Sommernacht hatte sich über das Dorf ausgebreitet. Außer dem immer währenden Rauschen des Meeres und einem vereinzelten Piepsen der Wiesenvögel war nichts zu hören. Nur das ferne Echo des Gekreisches der Seevögel drang von der Küste herüber. Schließlich verstummte auch das. Die Frauen standen auf und gingen in ihre Häuser. Gudrid setzte sich auf das Bett, in dem der Junge an der Wand schlief. Sie wollte wachen.
Gudrid hatte nicht bemerkt, dass sie eingenickt war, bis sie von Lärm vor dem Haus aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie hatte sich ein wollenes Schultertuch umgelegt, fühlte aber trotzdem ein Frösteln im Körper, und ihr Hals war steif. Als sie die Füße auf den Boden setzte, spürte sie ein schwaches Zittern wie von Getrappel von Pferdehufen. Sie hörte, wie jemand mit Gepolter durch den Flur hereinkam, und wusste sofort, dass dies nicht Eyjólf war. Dann wurde die Tür zur Stube aufgerissen, und ein fremder Mann stand vor ihr. Sie hatte noch nie zuvor ein so dunkles Gesicht gesehen. Der Mann hatte eine rote, spitze Mütze auf dem Kopf, ein rasiertes Kinn und einen dichten Schnauzbart, der ihm über die Mundwinkel hinabreichte. Er trug eine weite Pluderhose mit einer breiten Schärpe um die Taille, in der ein langer, gebogener Dolch und eine Pistole mit verziertem Schaft steckten. Er riss das Messer hoch und schrie mit heiserer Stimme etwas, das sie nicht verstand. Dann blickte er sich im Raum um. Als er keine weiteren Personen entdeckte, steckte er den Dolch wieder weg und kam mit raschen Schritten auf sie zu.
Gudrid hatte wie versteinert dagestanden. Jetzt beugte sie rasch die Knie, streckte die Hand nach hinten aus und tastete nach dem Fischmesser unter der Matratze. Aber noch bevor ihre Finger den Griff berührten, stieß der Mann ihre Hand mit einem Fußtritt weg. Sie schrie vor Schmerz auf. Sölmund wachte auf und begann zu weinen. Gudrid wollte das Kind an sich reißen und spürte im selben Augenblick, wie sich der eiserne Griff des Mannes um ihre Arme schloss. Er stieß sie auf das Bett, sodass ihr Kopf mit einem dumpfen Schlag gegen das Fußende prallte. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihren Nacken. Sölmund stand plärrend im Bett, während der Mann einen Strick, den er um seinen Bauch trug, löste. Gudrid war wie gelähmt. Sie lag vor ihm, unfähig, sich zu bewegen. Als der Mann sich über sie beugte, stieß er mit dem Kopf an die Dachschräge über dem Bett, und feiner Staub rieselte ihm aus den trockenen Grassoden ins Gesicht. Er murmelte etwas und rieb sich die Augen. Gudrid nutzte die Gelegenheit und trat ihn mit aller Kraft. Er stieß einen Schmerzenslaut aus und taumelte zurück. Aber noch ehe sie sich hochgerappelt hatte, stürzte sich der Mann zum zweiten Mal auf sie und schleuderte sie zu Boden. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen, doch der Mann drehte sie auf den Bauch, setzte sich auf ihren Rücken und drückte ihr mit einer Hand den Kopf auf den Boden. Ihr Gesicht wurde gegen die Dielen des Holzbodens gepresst. Mit der anderen Hand drehte er ihr die Arme auf den Rücken. Sie spürte einen stechenden Schmerz in der Schulter und hatte Blutgeschmack im Mund. Als er ihr die Hände gefesselt hatte, stand der Mann auf und versetzte ihr einen Tritt in die Seite. Sie wurde auf dem Boden herumgeschleudert und winselte um Gnade, aber er antwortete ihr mit einem festen Tritt in den Bauch. Sie rang nach Luft. Dann lag sie zusammengekrümmt vor dem Bett. Sölmund schrie wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Der Mann wandte sich dem Kind zu, und Gudrid hörte, wie er ihm eine schallende Ohrfeige versetzte, die dem Jungen den Schrei im Halse stecken bleiben ließ. Sie unternahm einen schwachen Versuch, auf die Beine zu kommen, aber der Mann stieß sie sofort wieder zu Boden. So kauerte sie bewegungslos auf allen vieren, den Rock weit über die Hüften hochgeschoben, und versuchte verzweifelt, sich irgendeinen Ausweg einfallen zu lassen, während sie Sölmund schluchzen hörte. Der Mann sprach in beruhigendem Ton auf den Jungen ein, und plötzlich verstummte das Kind. Sie versuchte den Kopf zu heben, um zu sehen, was vor sich ging, aber der Mann setzte ihr den Stiefel auf die Schläfen und drückte den Kopf wieder auf den Boden. Sie stöhnte auf, als sich ein Splitter des Holzbodens in ihre Wange bohrte. Schließlich schien der Mann sicher zu sein, dass sie keine weiteren Versuche machen würde aufzublicken, nahm den Fuß von ihrem Kopf und setzte ihn auf ihren nackten Po. Dort ließ er ihn ruhen, während er weiter in lockendem Ton auf Sölmund einsprach.
Zu guter Letzt zog der Mann den Fuß weg, streifte mit der Stiefelspitze den Rock nach unten und riss Gudrid vom Boden hoch. Er nahm Sölmund auf den Arm, griff mit der freien Hand nach ihr und stieß sie durch den Flur vor sich her. Sie stolperte durch die Tür ins Freie. Der Anblick, der sich ihr dort bot, übertraf alles, was sie sich jemals von den Kämpfen der Wikinger und den Kriegen in der Bibel ausgemalt hatte. War Gott dabei, die sieben Schalen seines Zorns über die Erde auszugießen?
Ein Heer von Männern jagte über die Insel, schreiend wie Bestien, Schwerter und Pistolen überall in der Luft. Das Krachen der Schüsse und das Kriegsgeheul der Männer waren entsetzlich. Sie wollte sich die Ohren zuhalten, aber ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Beim Versuch, sie zu bewegen, durchzuckte sie wieder der stechende Schmerz in der Schulter, und sie sank auf der Steinplatte vor der Tür zu Boden. Sie wunderte sich über das weiße Leuchten über dem Gletscher. Sie hatte sich immer vorgestellt, die Erde würde am Tag des Jüngsten Gerichts in Finsternis versinken. In ihrem Kopf hallten die Worte aus der Offenbarung des Johannes wider:
Und alle Berge und Inseln wurden bewegt von ihrer Stätte.
… Inseln bewegt von ihrer Stätte … So würde es kommen. Gottes Zorn war über sie gekommen. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Gudrid wurde in eines der Dänischen Häuser am Hafen hineingestoßen. Drinnen herrschte Durcheinander und Gedränge: weinende Frauen und Kinder, jammernde Greise, gefesselte Männer. Irgendwie hatte man sie halb bewusstlos ins Dorf hinunter geschleppt. Sie war nicht sicher, ob sie all das wirklich gesehen hatte, was sie gesehen zu haben glaubte. Hatte sie gesehen, wie der Kopf eines Mannes davonflog? Hatte sie einen blutigen Arm gesehen, den man auf die Umfriedung ihrer Hauswiese warf? Hatte sie gesehen, wie Anna Jasparsdóttir mit ihrer kleinen Tochter im Arm vor einem der Kerle floh, die ihr auf den Fersen waren? Er holte sie ein, riss ihr das Kind aus den Armen, warf es dem nächsten Kumpanen zu und schleuderte sie zu Boden. Dann zog er ihr die Röcke hoch und versuchte sie dort mitten auf der Straße zu schänden. NEIN! Sie schloss die Augen. Es konnte nicht sein, dass sie das gesehen hatte. Sie hatte nur gehört, wie sich Annas Hilferufe mit ihren eigenen Schreien vermischten. Was war aus Anna geworden? Was war aus der kleinen Óshild geworden? Und wo war Sölmund? Mein Gott, wo war Sölmund?
Als sie begriff, dass Sölmund nicht bei ihr war, packte sie neues Entsetzen. Sie rief nach ihm und versuchte sich durch die Menge der winselnden Kinder im Lagerschuppen zu drängen, aus deren Mitte sie ihn antworten zu hören meinte. Unter ihnen waren viele, die von ihren Eltern getrennt worden waren.
«Sölmund!» Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum, als sie den Namen des Jungen rief. Sie klang fremd und schneidend. Bei der Anstrengung flammte der Schmerz im Nacken wieder auf.
«Sölmund, wo bist du? Weiß einer, wo mein Junge ist?» Keiner antwortete ihr. Manche sahen aus, als hätten sie den Verstand verloren, andere schüttelten den Kopf. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun.
«Sölmund!», rief sie aus allen Leibeskräften und lief an die Tür, aber ihre Stimme ging in einer Gewehrsalve unter, die draußen plötzlich losbrach. Sie hörte das Jammern einer Frau, hastige Schritte und Hufschläge, Hundegebell und Kindergeschrei, das sich mit den Klagelauten drinnen vermischte.
«Schießen die meinen Jungen tot? Schießt nicht meinen Jungen tot! Lasst mich raus!» Sie schrie. Sie warf sich mit dem Gewicht ihres ganzen Körpers gegen die Tür und brach im nächsten Augenblick unter dem betäubenden Schmerz in der Schulter zusammen.
Gudrid lag am Boden des Lagerschuppens, die Hände auf dem Rücken gefesselt, und zitterte am ganzen Leib. Wie hatte dieses Unglück so plötzlich über sie hereinbrechen können? Wo kamen diese Männer her? Sie hatte kein Schiff gesehen. Niemand hatte Schiffe im Hafen gesehen. Dort lagen nur das dänische Handelsschiff, die Krabben, die königlichen Boote und die Fischerboote der Inselbewohner. Eine ansehnliche Flotte, wenn keiner auf See war. Waren diese Teufel aus dem Krater des Vulkans Helgafell gekrochen? Sendboten des Leibhaftigen aus den Eingeweiden der Erde?
Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen.
Sie hatte das gelesen, aber nie geglaubt, dass es je wirklich geschehen könnte. War sie eine ungläubige Törin gewesen?
Gudrid hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als die Tür aufgerissen wurde und der alte Pfarrer von Ofanleiti, Hochwürden Ólaf Egilsson, hereinstolperte. Hinter ihm folgte seine Frau Asta zusammen mit deren Mägden und den Kindern. Die Hände des Priesters waren auf dem Rücken gefesselt, und blutige Rinnsale liefen ihm aus dem grau gesprenkelten Haar über die Schläfen. Er wirkte verstört und wimmerte erbärmlich. Seine Frau hielt sich die Hände vor den Bauch und stöhnte vor Angst und Erschöpfung. Sie war hochschwanger, und es fiel ihr schon sehr schwer zu gehen. Dankbar sank sie auf einen mit Wolle voll gestopften Sack, den ihr ihre Nachbarin von Brekkuhús in aller Eile zuschob. Eine ihrer Mägde, Gudborg, hatte die Hände frei und versuchte ihre Hausherrin zu stützen und ihr den Rücken zu massieren. Die andere Magd, ein blutjunges Mädchen vom Festland, warf sich gegen die Tür und schrie und bettelte, dass man sie hinauslasse. Ásta rückte zur Seite, um ihrem Mann auf dem Wollsack Platz zu machen, aber er fiel nur weinend vor ihr auf die Knie und legte sein Haupt in ihren Schoß. Sie strich ihm sanft über die bärtigen Wangen. Ihr Sohn Egill hielt seine kleine Schwester im Arm, ein einjähriges Mädchen, das sein Gesicht am Hals des Bruders verbarg. Das Gesicht des Jungen war von Angst gezeichnet, aber er versuchte trotzdem, dem Mädchen beruhigend auf den Rücken zu klopfen. Die beiden Stiefkinder, der kleine Valdimar und Kristjana, standen mit vor Entsetzen geweiteten Augen dabei. Das war die ganze Familie des Pfarrers, außer der ältesten Tochter, Helga. Wo war Helga?
Keiner sprach den Priester an, und es war, als ob die Leute Scheu hätten, sich diesem gesetzten, ehrwürdigen Mann zu nähern, wie er jetzt so unter der elenden Schar als jammernder Greis hockte. Und doch empfanden viele Zuneigung für ihn. Auch Gudrid. Er hatte sie im Katechismus unterrichtet und ihr Lesen und Schreiben beigebracht. Und er war, genauso wie Hochwürden Jón in Kirkjubaer, mit ihr verwandt. Hochwürden Ólaf war der Bruder ihres Großvaters Eyjólf von Snorrastadir. Außerdem war auch seine Frau Ásta eine Verwandte von Gudrid: Ástas Mutter und Gudrids Großmutter waren Schwestern von Hochwürden Jón gewesen. Als Ólaf die erste Frau verloren hatte, hatte ihm sein Amtskollege Jón seine Nichte Ásta als Haushälterin gesandt. Man hatte damals gemunkelt, dass nicht viel Zeit zwischen der Hochzeit des Pfarrers mit der neuen Haushälterin und der Geburt ihrer Tochter vergangen sei, die sie nach Ólafs erster Frau Helga nannten. Kein Zweifel, Hochwürden Ólaf liebte seine Frau. Und er machte ihr noch immer Kinder, der Mann mit seinen dreiundsechzig Jahren.
Nach einer Weile wagte es Gudrid, sie anzusprechen, und fragte, ob sie vielleicht Eyjólf oder ihren Jungen vor den Dänischen Häusern gesehen hätten. Nein, sie hatten keinen von beiden gesehen – was aber nichts bedeute, denn die Henker hätten sie den ganzen Weg von Ofanleiti her gehetzt und mit Peitschen angetrieben, auch Ásta, obwohl ein jeder sehen konnte, in welchem Zustand sie war. Die Mörder hatten ihnen keinen Augenblick Rast gegönnt. Eines hätten sie aber gesehen, dass Kaufmann Bagge zusammen mit seiner ganzen Familie und Kapitän Thomsen zum Festland geflohen war und dass das Handelsschiff verlassen im Hafen lag. Es würde eine leichte Beute für die Freibeuter sein, ebenso wie seine eben erst gelöschte Fracht.
Kaufmann Bagge geflohen! Ein Raunen ging durch die Schar der Gefangenen im Lagerschuppen. Der Befehlshaber selbst! Er, der allen waffenfähigen Männern befohlen hatte, ihre Fischmesser und Gewehre hervorzukramen, der Schießübungen veranstaltet und drei Wochen an der Schanze hatte bauen lassen und dabei die Nachkommen der Wikinger mit Schimpfwörtern und Flüchen überhäuft hatte. Er, der Stellvertreter des Königs, der die Verantwortung für die Verteidigung der Inseln trug, war als Erster vor den Feinden weggerannt. Was für eine Memme!
Die Menschen vergaßen für einen Augenblick ihr eigenes Elend und ihr Unglück, während sie sich über die Feigheit von Lauritz Bagge empörten.
Aber wer hatte ihn zum Festland gerudert? Er hatte keine Ahnung vom Rudern, geschweige denn die Kraft dazu, dieser Schwächling. Waren es die dänischen Matrosen vom Handelsschiff oder die isländischen Seemänner von den königlichen Booten gewesen?
«Das wird wohl die Erklärung für Eyjólfs Verschwinden sein, Gudrid. Er ist natürlich auf dem Weg zum Festland.»
Wie ein vergifteter Pfeil bohrte sich die ungeheure Vermutung in Gudrids Herz. Eyjólf geflohen mit Bagge! Und sie zurückgelassen! Wer hatte es gewagt, auf einen solchen Gedanken zu kommen? Sie drehte sich blitzschnell zu dem Mann herum. Es war Hall, ein Knecht von Sandhóll. Sie hatte früher oft bemerkt, wie er ihr verstohlene Blicke zuwarf. Er hatte versucht, sich bei Eyjólf einzuschmeicheln und sich gut mit ihm zu stellen. Sie verabscheute Hall.
«Das ist eine unverschämte Behauptung. Du bist nur neidisch auf Eyjólf», stieß sie hervor.
Der Mann lachte kalt. Auch seine Hände waren auf dem Rücken gefesselt, und er trug ein Fußeisen um einen Knöchel, an dem eine schwere Kette hing.
«O nein. Ich beneide Eyjólf Sölmundarson nicht, denn jetzt hat er sich deine Verachtung zugezogen.»
Sie spürte, wie Zorn in ihr hochwallte. Aber sie wollte keine weiteren Worte an ihn verschwenden und wandte sich ab. Nur mit Mühe gelang es ihr, die Tränen zurückzuhalten. Es konnte nicht sein, dass Eyjólf sie im Stich gelassen hatte.
«Wenn Eyjólf unter denen ist, die Bagge an Land rudern, dann nur, weil man ihn dazu gezwungen hat, Gudrid.»
Es war die alte Emerentsjana, Eyjólfs Stiefmutter, die diese tröstenden Worte sprach. Und sie fügte hinzu: «Mein Eyjólf würde dich und den Jungen nie im Stich lassen.»
Sowie Emerentsjana den Jungen erwähnte, konnte sich Gudrid nicht länger beherrschen. Sie sank neben der alten Frau zu Boden und weinte. Sie verstand kaum die eigenen Worte, die ihr über die Lippen sprudelten. Das waren alles Fragen, auf die es keine Antworten gab. Warum? Warum? Warum? Die alte Frau versuchte nicht zu antworten. Sie strich ihr nur über das zerzauste Haar und sagte:
«Wie furchtbar doch dein Haar aussieht, mein Zottelkopf. Man müsste dich kämmen.»
Den ganzen Tag über wurden immer wieder neue Gefangene ins Haus geworfen. Die meisten von ihnen waren übel zugerichtet und verwundet, viele hatten zerrissene Kleider, manche waren halb nackt. Bald würde es im Haus keinen Platz für noch mehr Gefangene geben. Die Luft war zum Schneiden, und aus einer Ecke stieg übler Gestank auf. Dort hatten die Jungen von Kornhóll, denen es gelungen war, ihre Fesseln zu lösen, ein paar Dielen aus dem Holzboden gebrochen und darunter ein Loch gegraben, in das die Leute ihre Notdurft verrichten konnten.
Gudrid schloss die Augen, während sie auf den Fersen über der Kotgrube hockte. Sie wollte nicht sehen, wer ihr dabei zusah. Es war eine Schande, sich vor anderen erleichtern zu müssen, und wenig Trost, dass es denen genauso erging.
Es war bereits Abend, als schließlich einige Seeräuber in der Tür erschienen und alle Gefangenen ins Freie trieben. Dort wurden sie von einem Ring bewaffneter Männer umstellt, und zwei von ihnen, offensichtlich Anführer der Horde, begannen auszuwählen, wer von den Gefangenen zum Meer hinuntergetrieben werden sollte. Alte Leute stießen sie wieder in das Haus zurück.
«Gott stehe dir bei, Gudrid, auf all deinen Wegen», sagte die alte Emerentsjana mit gebrochener Stimme in der Tür des Schuppens. «Ich werde Eyjólf die Nachricht bringen, dass dich die Seeräuber auf das Schiff geschleppt haben.»
Gudrid sah zu, wie die alte Frau im Dänischen Haus verschwand. Sie selbst wurde vorwärts gestoßen. Sie sah auch, wie sich Hochwürden Ólaf und Ásta vor dem Anführer auf die Knie warfen und um Gnade flehten. Der Rädelsführer stieß ein höhnisches Gelächter aus und zwang den Gottesdiener unter Fußtritten wieder auf die Beine. Dann trieb man die Pfarrersleute hinter den anderen her zum Hafen. An der Anlegestelle hatte man bereits begonnen, die Gefangenen in die größten Boote der Inselbewohner zu pferchen. Die Sklaventreiber nahmen den Männern die Fesseln ab und legten ihnen Fußeisen an. Dann wurden sie an die Ruder gesetzt. Zuletzt stiegen in jedes Boot noch zwei Freibeuter, sie schlugen mit Peitschen auf die Rücken der Ruderer ein.
Gudrid saß in einem der größten königlichen Boote, einem schlanken Zwölfruderer mit dem Namen Vonin, die Hoffnung. Eyjólf gehörte zur Mannschaft dieses Bootes. Gudrid setzte jetzt ihr ganzes Vertrauen in den Namen dieses Schiffes: Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung, dass Eyjólf sie retten würde. Die Hoffnung, Sölmund zu finden.
Als die Vonin am verlassenen Handelsschiff Krabben im Hafen vorüberglitt, begann das Boot plötzlich heftig zu schaukeln. Einer der Ruderer war unvermutet aufgesprungen und hatte sich über Bord gestürzt. Die Gefangenen stießen unterdrückte Rufe aus, halb vor Freude, halb vor Bestürzung, während die Freibeuter zornig schrien und die Peitschen über den Köpfen der Gefangenen im Boot knallen ließen. Einer von ihnen legte sein Gewehr an und schoss hinter dem Flüchtling her, der eine Strickleiter an der Seite der Krabben zu fassen bekommen hatte.
«Gütiger Gott, lass den Schuss danebengehen», betete Gudrid.
Gleichzeitig sah sie, wie sich das Meer vom Blut färbte. Sie hörte einen zweiten Schuss, und die Hand des jungen Mannes löste ihren Griff. Dann verschwand er in der Tiefe.
Er hatte Gudbrand geheißen, der Sohn des Vogelfängers Hálfdan von Stórhöfdi. Ein tüchtiger Junge und viel versprechender Kletterer. Er war gerade siebzehn Jahre alt geworden.
Die Vonin wurde an zwei Seeräuberschiffen, die in der Bucht vor dem Hafen vor Anker lagen, vorbeigerudert und steuerte auf das gewaltigste Segelschiff zu, das je einer von ihnen gesehen hatte. Die Vonin wirkte wie eine Nussschale neben diesem stolzen Segler mit seinen himmelhohen Masten, an deren höchster Spitze eine rote Fahne mit weißem Halbmond wehte. Oben an Deck herrschte geschäftiges Gedränge. Die Matrosen waren dabei, die Segel einzuholen und die Anker zu werfen. Manche von ihnen hatten dunkle Gesichter, wie die meisten der Räuber an Land, während sich andere Männer kaum von den Einwohnern der Westmänner-Inseln zu unterscheiden schienen. Als die Vonin an der Seite des Kriegsschiffes anlegte, ließen die Matrosen eine Strickleiter von oben herab. Dann wurden den Gefangenen die Fesseln abgenommen, und einer nach dem anderen wurde emporgeschoben.
Es kostete Gudrid größte Überwindung, beim Hinaufklettern beide Hände zu gebrauchen. Ihr rechter Arm war von den Tritten des Mannes blau und angeschwollen und schmerzte, und das Stechen in der Schulter raubte ihr beinah die ganze Kraft. Auch das altbekannte Schwindelgefühl war wieder da. Für einen Augenblick schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, sich einfach fallen zu lassen. Dann schrie sie auf vor Schmerz, als zwei starke Arme von oben sie packten und über das Schanzkleid an Deck zogen. Aber ihre Klagelaute gingen im Lärm und den Hurrarufen der Matrosen unter, mit denen jeder neue Gefangene an Bord begrüßt wurde.
Die Gesichter, die von unten so vertraut erschienen waren, entpuppten sich fast alle als Gesichter von Isländern. Die Westmänner-Inseln waren also nicht die erste Station der Freibeuter, und es berührte die Leute sonderbar, Leidensgenossen an Bord vorzufinden. Die Männer sagten, sie kämen aus den Ostfjorden. Die meisten von ihnen waren an den Händen gebunden, manche trugen auch Fußeisen, und zwei hatten Eisen um den Hals. Sie sagten, dass man ihre Frauen und Kinder unten im Frachtraum gefangen halte. Ein Bauer von Djúpivogur, der sich Guttorm Hallsson nannte und der Wortführer war, erzählte, dass die Hundstürken ihren Raubzug an der Südostspitze Islands in Lón begonnen hätten und dann entlang der Ostküste bis in den Berufjord nach Norden gesegelt seien. Dort hätten sie von den meisten Höfen Leute geraubt. Selbst sei er am 6. Juli auf seinem Hof Búlandsnes gefangen genommen worden und seinen Schafhirten hätten die Seeräuber sogar bis auf den Berg Búlandstindur hinauf verfolgt. Die Pfarrersleute von Háls seien ebenfalls mit ihrem ganzen Gesinde an Bord, ihnen hätten die Verfolger bis an den Fluss Hamarsá nachgestellt. Dann seien die Freibeuter nach Breiddalsvik gesegelt und wollten noch weiter nach Norden, hätten aber, weil ihnen so starker Nordwind entgegenschlug, im Reydarfjord abdrehen müssen. Guttorm hielt es für wahrscheinlich, dass die Verbrecher hundert Mann oder mehr von den Ostfjorden entführt hätten. Sie hätten die Gefangenen auf die drei Schiffe verteilt, aber hier an Bord seien gut sechzig von ihnen. Er sagte, sie würden schlecht behandelt und müssten Hunger und Durst und andere Qualen ertragen.
Es schien fast, als hätten die Matrosen die Klagen Guttorms verstanden, denn jetzt begannen einige, aus Säcken hartes Brot unter den Gefangenen zu verteilen. Sie reichten Hochwürden Ólaf und seiner hochschwangeren Frau, die qualvoll stöhnte, als Erste ein Stück Brot. Ólaf nahm einen Bissen und einen Schluck Wasser. Es schmeckte aber faulig und war schlecht. Ásta wollte nichts.
Die Kinder ergriffen freudig, was man ihnen reichte, und Gudrid fand, dass das Brot erstaunlich gut schmeckte, obwohl es trocken war. Sie probierte auch vom Wasser, wollte es aber am liebsten wieder ausspucken. Das war nicht zu vergleichen mit dem Wasser aus dem Brunnen von Vilborgarstadir.
«Ein scheußliches Gesöff», sagte eine Frau aus dem Osten, die eben an Deck gekrochen kam. Dann leerte sie aber einen ganzen Becher davon und stopfte sich den Mund mit Brot voll.
