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Im Juli 2009 wird ein Mann aus dem sechsten Stock eines Hauses des Stockholmer Vororts Bredäng gestoßen. Während der Mordermittlung deckt die Polizei auf, dass der Mann eine Neigung zu gewaltsamem Gruppensex hatte. Im Verhör sagt eins der jungen weiblichen Opfer, dass einer der Täter Polizist ist. Der Kommissar Jonas Trolle ist schockiert. Der Mann ist Göran Lindberg, "Captain Kleid", Rektor der Polizeihochschule, der gegen Sexismus und Kränkungen gearbeitet hat und als Vorkämpfer für die Gleichberechtigung bekannt war. Die Jagd auf Captain Kleid ist die wahre Geschichte eines einzigartigen Falles. Nie zuvor wurde ein so hochrangiger Polizeichef derart schwerer Verbrechen verdächtigt wie Lindberg. Die Handlung liest sich wie ein Kriminalroman: Das Abhören von Telefonen, eine geheime Fahndungsgruppe innerhalb der Polizei und die Hausdurchsuchung der Polizeihochschule. Hier werden jedoch auch die traumatisierten Opfer geschildert, deren Leben für immer verändert wurde. Göran Lindberg wurde u.a. wegen Vergewaltigung und grober Vergewaltigung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2019
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„Jede Begegnung im Leben mit einem anderen Menschen soll von Respekt geprägt sein.“ Göran Lindberg
Der Mann, der vom Balkon fiel
Der Umzugskarton
Die Entdeckung
Das Treffen mit den internen Ermittlern
Schmutzhandy
Geheime Zwangsmittel
Auf wen kann man sich eigentlich verlassen?
Die Ermittlungen beginnen
Durchsuchung auf der Polizeihochschule
Die Uniform
Julia, 14 Jahre
Jennifer und Frida
Das Telecafé
Erpressung?
Einsam
Unterwegs mit Lindberg
Kommunikationszentrale im Hotel Ronja
Jobcoaching in Skåne
Johan Falk
Gestörtes Gefühlsleben
Nach Falun
Vor dem Zugriff
Der Pädophil an der Schule
Die Festnahme
Tove
Die Polizeiwache in Falun
Hausdurchsuchungen
Zuhälterei
Ida
Die Inhaftierung
Olivia, Karin und Tove
Deckel drauf
Therese
„Eine nette Begegnung“
Die Verhöre laufen weiter
Lindberg wird über Julia verhört
Bea
Nebengeschäfte
Netzwerke und die große Konspiration
Das Urteil
Beton
Epilog: Die Zeit im Gefängnis und Freilassung
Nachwort
Danke
Am 1. Juli 2009 erzählt Karin ihrem Freund Jussi, dass sie Sex an einen Mann um die 60 verkauft habe. Kenneth, wie wir diesen Mann nennen können, hat sie umfassenden Übergriffen ausgesetzt. Mehre Male auch zusammen mit anderen Männern. Kenneth hat Karin an diese Männer verkauft.
Jussi wird wütend und entscheidet sich, dafür selber Gerechtigkeit zu schaffen. Er ist definitiv kein Mann, der zur Polizei geht. Jussi wird das auf seine Art regeln.
Am 27. Juli ruft Karin Kenneth an, um zu sagen, dass eine junge Frau, noch keine 18 Jahre alt, bei ihr wohnt, mit der er Sex haben kann. Kenneth findet, dass es sich verlockend anhört, und begibt sich nach Bredäng, ein Gebiet, welches er als Anwohner des eleganteren Enskede normalerweise nicht besuchen würde.
Aber in der Wohnung auf Vita liljans väg in Bredäng wartet keine Minderjährige auf Kenneth, sondern Karin, Jussi und Karins Mutter. Darüber, was danach geschieht, gibt es unterschiedliche Meinungen.
Klar ist, dass Jussi wegen dem, was er Karin angetan hat, auf Kenneth wütend ist und ihn damit konfrontiert. Kenneth soll Karin von jetzt ab in Ruhe lassen.
Die Aufforderung wird mit aller Deutlichkeit ausgesprochen.
Während der nächsten zwei Stunden wird Kenneth in der Wohnung verprügelt, wobei er zusammen mit Jussi auf den Balkon gerät. Bei dem Handgemenge greift Jussi nach Kenneths Beinen, der daraufhin irgendwie über das Balkongeländer fällt und zwölf Meter in die Tiefe stürzt. Als er, vier Stockwerke tiefer, um halb sieben auf der Erde gefunden wird, ist er tot. Schockierte Nachbarn laufen auf die Straße und gehen hinaus auf ihre Balkone: „Da floss Blut von seinem Kopf“, erzählt ein Nachbar einem Reporter von Expressen.
Bei der Obduktion kann der Rechtsmediziner eine Reihe von Verletzungen feststellen, u.a. auch solche, die nicht durch den Fall verursacht sein konnten. Die Blase ist aufgeplatzt und von der Bauchdecke abgefallen, und die Hoden sind zerschmettert.
Jussi gibt beim Verhör zu, dass es in der Wohnung zu Gewalttätigkeiten kam, jedoch wäre seine Absicht nicht gewesen, jemanden zu töten. Kenneth sollte in Zukunft nur verstehen, dass es keine gute Idee wäre, sich an Karin oder irgendeiner anderen jungen Frau zu vergreifen.
Das Amtsgericht kann nicht feststellen, wie Kenneth über das Balkongeländer geraten ist, darum ist es auch nicht möglich die Anklage des Staatsanwaltes zu beweisen, dass Jussi den Vorsatz hatte, einen Mord zu begehen. Jussi wird zu vier Jahren und sechs Monaten Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung, schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung verurteilt. Karin und ihre Mutter bekommen beide jeweils Strafaufschub.
Später, im Oberlandesgericht, wird Jussi der fahrlässigen Tötung freigesprochen und nur wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Karin und ihre Mutter erhalten die gleiche Strafe wie im Amtsgericht.
Während der Untersuchung ahnt Lilian, Ermittlerin bei der Polizei im südlichen Bezirk, dass sie und ihre Kollegen auf viel mehr als einen gewöhnlichen Mord gestoßen sind.
Lilian glaubt etwas in dem Material entdeckt zu haben, mit dem ich, als Voruntersuchungsleiter in der Abteilung für Menschenhandel der Stockholmer Polizei, und meine Mitarbeiter ganz sicher weiterarbeiten können.
– Tja, sagt sie in ihrem gewöhnlichen Stil, als sie mich im Herbst 2009 anruft. Ich kenne Lilian schon seit langem und weiß, dass es sich um alles zwischen Himmel und Erde handeln kann, diesmal aber ist es eine Polizeiangelegenheit.
Sie erzählt, dass der Ermordete und einer der Mordverdächtigen wahrscheinlich in etwas wie Zuhälterei verwickelt waren, mit dem Toten als Kopf des Unternehmens.
Ich fühle mich gleich entmutigt, wie sollen wir eine eventuelle Zuhältertätigkeit untersuchen, wenn der mutmaßliche Kopf des Unternehmens tot ist? Aber das sage ich selbstverständlich nicht.
Am Tag danach kommt Lilian am Polizeigebäude auf Kungsholmen mit einem normalen Umzugskarton vorbei. Im Karton liegen Voruntersuchungsprotokolle, Ermittlungsunterlagen sowie Telefonaufzeichnungen, Protokolle der technischen Untersuchung, Mailabschriften und Briefe. All das, was unter Journalisten und Rechtsanwälten normalerweise als „Ramsch“ bezeichnet wird und als extrem wertvoll und geheim zu betrachten ist.
Zwischen den heruntergezogenen, aber offen gelassenen Jalousien scheint die Sonne auf den Staub in meinem Büro. Die Schnüre sind ab, so ich kann die Jalousien nicht mehr hochziehen. Durchs Fenster kommen Stimmen von Leuten, die draußen auf der Straße vor dem Passamt oder im nebenan liegenden Sicherheitssaal warten.
Lilian setzt sich in einen meiner unbequemen Besucherstühle.
Obwohl sie auf die 60 zugeht, sind in ihren roten Haaren keine Anzeichen von grau zu erkennen. Sie spricht laut und ihre Beschreibungen sind oft malerisch. Sie ist meistens guter Laune, kann aber auch verdammt wütend werden. Groß ist sie auch, mit langen Händen und Fingern, die sie benutzt, um Druck hinter ihre Worte zu setzen. Sie beginnt zu reden.
Der ermordete Mann sei reich gewesen und hätte kurz vor seinem Tod ein großes Unternehmen mit gutem Gewinn verkauft. Er hatte, laut Lilian, ein Nebeninteresse. Er kaufte gerne gewaltsamen Sex mit jungen Frauen. Gruppensex, besonders mit mehreren Männern und einer Frau, lag ihm am Herzen.
Ich beginne zu ahnen, dass Lilian recht hat. Das hier ist etwas für meine Abteilung.
Nun sitzen wir also da, Lilian und ich, mit einer Menge von Papieren. Ich lese Verhöre, Memoranden, Aussagen und Berichte, nehme Fakten und Namen zur Kenntnis. Lilians Gedanke von einem Netzwerk mit Männern, die Sex von jungen Frauen kaufen, scheint zu stimmen. Aber werden wir es beweisen können? Ist da ein Täter zu identifizieren? Einen haben wir, aber der ist tot.
Es wäre heuchlerisch zu sagen, dass ich mich über die Akten werfe. Wir haben viele Fälle zu untersuchen, die dringender sind und dazu auch noch leichter zu lösen. Die schwedische Polizei befasst sich sehr ungern mit Verbrechen, wo keine unmittelbaren sogenannten Erfolgsfaktoren zu sehen sind. Um so effektiv wie möglich zu sein, sollen wir, der heutigen Praxis nach, mit aktuellen Fällen arbeiten, die zu einer Strafe führen können.
Das schlechte an dieser Praxis ist, dass die schwedische Polizei, in ihrem Eifer effektiv zu sein, ihre Ausdauer verloren hat. Alles steht unter Zeitdruck, sodass im Prinzip keiner die Möglichkeit hat, sich für eine längere Zeit mit einem Fall zu beschäftigen. Das Bild vom pfeifenrauchenden Detektiv, der Tag und Nacht Puzzle löst, stimmt nicht. Tiefer zu graben wird sogar manchmal als illoyal gegenüber den Kollegen bezeichnet, die immer neuere Fälle in ihrem Postfach abarbeiten müssen. Dadurch wird viel Kriminalität nie untersucht. Sie ist genau vor unseren Augen, aber viele von uns weder wagen noch können sich damit befassen.
Die Abteilung für Menschenhandel hat in gewissem Ausmaß die Möglichkeit in alten Fällen zu bohren. Zum Teil hängt es davon ab, dass wir aus bestimmten Mitteln finanziert werden, und dass der Einblick ziemlich gering ist. Das Resultat unserer Arbeit wird in den Medien berichtet, und wir bringen Kriminelle ins Gefängnis. Politiker und Chefs der Polizei lesen Zeitungen und gucken Fernsehen, also dürfen wir weitermachen.
Immi, eine meiner vertrauten Kolleginnen, ist eine kluge, seriöse und systematische 50-Jährige. Im Moment ist sie fix und fertig. Sie hatte die Hauptverantwortung für die IX-Untersuchung, benannt nach der Chatseite, auf der Männer Kontakt miteinander hatten. Eine große Anzahl von etablierten Männern zwischen 35 und 60 Jahren hatten sich damit amüsiert, sich in Gruppen an jungen Mädchen zu vergreifen. Die Fahnder und Ermittler, die vieles sehen und hören mussten, standen unter einem enormen Druck.
Nachdem ich den Karton durchgegangen bin, denke ich, dass Immi weitermachen kann. Es wäre vielleicht gut für sie, ein bisschen entspannende Detektivarbeit durchzuführen; in einem Fall graben, der nicht viel bringen würde. Ein Fall, den wir uns bei der schwedischen Polizei eigentlich nicht leisten können.
Herbst, 29. Oktober. Wir, die in den Ermittlungs-, Genehmigungs- und Fahndungsdezernaten der Citypolizei arbeiten, schlendern in einem unregelmäßigen Strom in unsere Zimmer. Wir gehen durch die gleiche schwere, kupferbekleidete Tür auf der Bergsgatan 48 ins Polizeigebäude hinein, die auch von Passantragstellern benutzt wird. Gehen eine halbe Treppe hoch mit einer Rampe links für Kinderwagen. Danach rein in die große Eingangshalle mit ihren vielen Schaltern entlang der Wände. Hinter Schutzglas sitzen Polizisten, die von morgens bis abends Pässe ausstellen.
An diesem Morgen sehe ich eine Familie mit schreienden Kindern. Eine gestresste Geschäftsfrau bleibt stehen, um sich ihr Passfoto anzuschauen, obwohl sie es eilig hat. An einem Fotoautomaten steht ein Behinderter, dem von seinem Begleiter geholfen wird, ein so gutes Bild wie möglich zu machen.
Ich gehe weiter in Richtung Aufzug. Erst Karte durch Kartenleser ziehen, Code eingeben und ins verglaste Drehkreuz hinein. Danach gehe ich noch an einigen Türen mit Codeschlössern vorbei, bis ich zuletzt die Tür im vierten Stock erreiche. Ewa Carlenfors, die Leiterin der Abteilung für Menschenhandel, ist im Urlaub, und in der Zwischenzeit bin ich ihr Stellvertreter. Ich komme wie immer als letzter. Ich soll eine Einsatzbesprechung mit Immi, Mikaela, Ann, Anette, Walle, Nina, Mia, Catrine, Jeanette und Jane haben, die im Innendienst arbeiten. Die Fahnder sind auch da. Welche Prioritäten sollen wir setzen? Was hat das Abhören von Telefonen ergeben? Wer soll wo sein? Aha, sie hat kranke Kinder und muss früher gehen.
Immi hat sich in den letzten Wochen mit dem Inhalt des Kartons beschäftigt. Eine Morduntersuchung, die den Deckel zu etwas Größerem geöffnet hat, vielleicht ein Fall von Zuhälterei, ein eventueller Pädophilen-Ring oder Menschenhandel. Junge Mädchen haben Sex mit älteren Männern gehabt, oftmals für Geld. Manchmal zusammen mit anderen Mädchen, manchmal alleine mit einem Mann, andere Male mit mehreren. Das, was beschrieben ist, war ziemlich grob.
Wenn es sich um Sexualverbrechen und perverse Menschen handelt, ist fast alles, womit sie sich beschäftigen, kriminell. Die Polizei kann nur versuchen in dem Schmutz zu navigieren, um das zu untersuchen, was bearbeitet werden kann. Den Rest muss man liegen lassen.
Immi konstatiert, dass es eine ganze Menge von Strippen gibt, an denen man ziehen kann, falls man möchte. Sie findet, dass es wert wäre ein paar Leute zu vernehmen, um zu sehen, ob es zu etwas mehr führen könnte. Ich habe keine Einwände.
Im Handy von Kenneth gibt es eine große Anzahl von Kontakten, u. a. Nummer und SMS eines Mädchens namens Ulrika. Die SMS wecken unser Interesse an ihr. Als sie später durch ihr Handy auch identifiziert werden kann, wirkt sie noch interessanter und wird zum Verhör geladen.
Ulrika erzählt Immi, dass sie mit Kenneth durch ein Mädchen in Kontakt kam, das sie im Netz kennengelernt hatte, als sie 14 war. Ulrika und das andere Mädchen hatten zuerst gechattet, sich dann aber später bei einem Kaffee getroffen. Das Mädchen hatte ihr erzählt, dass sie mit Kenneth bekannt war, und dass sie an ihn und andere Männer sexuelle Dienste verkaufte. Sie konnte dadurch bis zu 30 000 Kronen pro Monat verdienen.
Nachdem sie eine Zeit lang Kontakt miteinander gehabt hatten, nahm das Mädchen Ulrika mit zum Hotel Ibis in Västertorp, um Kenneth zu treffen. Im Hotel bot er Ulrika ein paar Gläser Wein an, redete über sich selbst, und schlug ihr dabei vor Sex zu verkaufen. Er sagte, dass er gerne ein nettes süßes Mädchen treffen würde. Es war keine ausgefeilte Planung seinerseits bei ihrer ersten Begegnung.
In den folgenden vier Jahren trafen sich Kenneth und Ulrika ungefähr 30 Mal.
Kenneth mietete ein Hotelzimmer an der Södra Station und eine Wohnung in der Nähe von Sabbatsberg Krankenhaus, und später auch noch ein Appartement auf dem Trollesundsvägen in Bandhagen.
Ulrika hatte nur an Kenneth Sex verkauft, und auch zusammen mit Kenneth und fünf – sechs anderen Männern Sex gehabt. Die Männer waren zwischen 30 und 50 Jahre alt, oft unbekannt für einander und selbstverständlich auch für Ulrika. Sie hatte während dieser Begegnungen fast immer eine Augenbinde um. Diese Art von Sex wird allgemein Gangbang genannt, das heißt Gruppensex, der oft als Gruppenvergewaltigung bezeichnet werden kann.
Ulrika erzählt, dass sie im Januar 2009 von Kenneth angerufen wurde. Er wollte, dass sie zum Trollesundsvägen in Bandhagen komme, wo er eine kleine Einzimmerwohnung hatte. Dort würde sie sich mit Kenneth und einem anderen Mann treffen, um Sex zu haben.
In der Diele standen ein Schrank und eine Bank. Rechts lag die Toilette. Das Zimmer hatte eine Kochnische, und in der Ecke waren ein Bett, ein Tisch mit zwei Stühlen und ein Fernseher. Ulrika fand die Wohnung ein bisschen schäbig.
Kenneth sagte ihr, dass sie ins Badezimmer gehen solle, um sich umzuziehen: Reizwäsche im Stewardess-Thema, BH, Stay-ups, schwarze hohe Lederstiefel, ein Schal und eine kleine dazugehörende Mütze. Sie sollte auch eine Augenbinde umbinden, denn sie dürfte den Mann, den Kenneth eingeladen hatte, nicht sehen.
Als sie umgezogen aus dem Badezimmer kam, warteten die beiden Männer im Schlafzimmer auf sie. Ulrika wurde angewiesen, dem Mann, der Kenneth begleitet hatte, einen zu blasen. Ihr schien, dass es ein älterer Mann war.
Nach einer Weile schmiss der Mann Ulrika auf dem Rücken ins Bett. Er war groß und schwer. Er setzte sich über Ulrikas Gesicht und presste seinen Anus gegen ihren Mund und ihre Nase. Dann schob er seine Hoden und seinen Penis in ihren Mund. Ulrika wäre fast erstickt und war dem Brechen nahe. Der Mann hielt ihre Arme mit seinen Beinen fest, sodass sie nicht loskommen konnte. Sein Gewicht wurde immer beschwerlicher für die physisch unterlegene Ulrika. Er sagte ihr, dass sie eine Hure und Schlampe sei. Ulrika versuchte mehrmals, den Mann wegzuschieben, aber er behielt seine Position und sagte, dass sie stillliegen solle. Sie spürte, dass sie nichts gegen die Kraft des Mannes tun konnte und fing hinter der Augenbinde an zu weinen.
Als er fertig war, ließ er sie auf dem Rücken liegen und drang in sie ein. Kenneth saß daneben, guckte sich alles an, ohne für eine Sekunde zu versuchen, gegen den älteren und physisch überlegenen Mann einzugreifen. Das Ganze dauerte etwa 40 Minuten.
Der ältere, schwere Mann war zuletzt befriedigt. Ulrika hatte überlebt. Schnell begab sie sich auf die Toilette, wo sie weinend und würgend Sperma, Schleim und Kacke abwusch. Der ältere Mann zog sich an und redete mit Kenneth. Er ging an der Toilettentür vorbei, guckte rein, wollte etwas sagen, aber Ulrika schaffte es nicht ihn anzusehen.
Ulrika hatte keinen Sex mit Kenneth, sondern nur mit dem Mann, der eingeladen war. Später verließ sie den Platz mit einem Taxi und fuhr direkt zu einem Psychologen, mit dem sie früher Kontakt gehabt hatte. Dort brach sie zusammen.
Ulrika erzählt Immi, dass der Mann mit dem sie Sex gegen Bezahlung in der Wohnung auf Trollesundsvägen hatte, ein Polizeichef war. Er sei besonders brutal gewesen. Weder Immi noch ich sind allzu schockiert über diese Information. Es ist schon früher passiert, dass Polizeidirektoren, Politiker und Juristen angezeigt wurden, ohne dass es möglich gewesen ist, irgendwelche Beweise für die Aussagen zu finden. Auch jetzt glauben wir, dass es nicht möglich ist, eine identifizierbare Person zu finden. Nach der Vernehmung kommt Ulrika wieder, um zu sagen, dass der in Frage kommende Polizeidirektor in einem Artikel in Dagens Industri zu sehen ist. Kenneth hätte ihr das erzählt, als die beiden nach einer Weile über das, was in der Wohnung geschah, geredet haben.
– Ich werde heute zum Bonnierhaus auf der Torsgatan fahren, um mir ein paar alte Zeitschriften anzuschauen, bin wohl eine Stunde weg, sagt Immi zu mir.
– Eh, wieso? Ja, richtig, es ist wohl besser, das gleich hinter uns zu bringen, damit wir den Verdacht dann abschreiben können.
– Genau, ich fahre sofort los.
Dann kann Sie ja gleich auch eine rauchen, denke ich.
Immi geht zur Theke des Lesesaals im Bonnierhaus auf Torsgatan. Sie fragt das Personal, ob sie sich die Ausgaben von Dagens Industri von November 2008 bis März 2009 anschauen kann. Wir waren gemeinsam zu der Schlussfolge gekommen, dass das ein angemessener Zeitraum war, um einen eventuellen Polizeidirektor zu finden. Dazu auch die Aussage von Ulrika darüber, wann sie die Sache mit Kenneth besprochen hatte. Immi hat nie zuvor Dagens Industri gelesen. Sie stellt mit gewisser Irritation fest, dass es keine Monats- oder Wochenzeitung, sondern eine Tageszeitung ist. Sie wird viele Ausgaben durchblättern müssen. Als sie zuletzt den 10. Februar 2009 erreicht, blättert sie schnell bis zum Mittelfaltblatt durch. Das Bild, das sie dort sieht, entgeistert sie. Sofort schlägt sie die Zeitung zu, schaut sich im Lesesaal um. Hat jemand gesehen, was sie gerade gesehen hat?
* * *
Nachdem Immi zum Bonnierhaus gefahren ist, gehe ich meine Mails durch. Die meisten Mails sind für andere Leute, werden aber zur Kenntnisnahme auch an mich geschickt. Als wolle der Absender die ganze Welt darauf hinweisen, dass der Betreffende wirklich hart arbeitet. Ich rede mit einigen Ermittlern über abgeschlossene und laufende Fälle. Gelächter natürlich, wir lachen oft und haben viel Spaß. Gleichzeitig sind alle zu hundert Prozent auf ihre Aufgaben fokussiert. Am Arbeitsplatz scherzen wir miteinander, aber privat treffen wir uns im Prinzip nie.
Ich schreibe gerade auf dem kleinen Whiteboard neben meiner Tür, weil ich mit meinem Kumpel Patrik Mittagessen gehen will und wie immer verspätet bin.
– Jonas, warte!
Immi ist außer Atem und ihre Wangen sind gerötet.
– Wo bist du gewesen?
– Ich war doch auf der Torsgatan, um alte Zeitungen durchzusehen.
– Richtig, ich bin unterwegs zum Mittagessen. Patrik wartet auf mich. Können wir später darüber reden?
– Nein, das können wir nicht, sagt Immi nachdrücklich.
Sie geht vor mir in ihr Büro. Sie zeigt, dass ich mich hinsetzen soll. Nachdem sie ihre Jacke aufgehängt hat, nimmt sie ihre Tasche hervor und holt ein paar Zeitschriften heraus. Sie schließt die Jalousien zum Korridor. Sie wirkt etwas paranoid, und ich stelle mir vor, dass sie gleich auch noch die Jalousien am Fenster schließen wird.
– Guck mal!
Sie wirft eine Ausgabe von Dagens Industri auf ihren Schreibtisch.
– Wusstest du eigentlich, dass es eine Tageszeitung ist?
– Ja, klar.
– Ich nicht, da gab’s schon ein paar … Blättere mal durch!
Ich blättere in der Zeitung, die vor mir liegt. Ich habe nicht auf die Titelseite geschaut und schlage das Mittelfaltblatt auf. Ich mache die Zeitung sofort wieder zu und starre Immi an.
– Ich habe genau so reagiert, musste mich versichern, dass keiner das Gleiche gesehen hat wie ich.
Ich schlage die Zeitung noch einmal auf. Ein Mann in einem grün gestrickten Pullover ist auf dem Bild zu sehen. Er steht in einem Klassenzimmer und hält in seiner rechten Hand eine blaue Laterne mit einer Kerze. Der Artikel beschreibt ihn als einen der Besten in Schweden in seinem Fach. Ein Mann, der mit Emphase und unverdrossen – obwohl er hart kritisiert worden ist – nie von seiner Überzeugung abwich, dass alle Frauen gleich behandelt werden müssen. Dass Kränkungen und Übergriffe an Frauen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden müssen.
Der Mann auf dem Bild ist der ehemalige Rektor der Polizeihochschule und der frühere Polizeipräsident der Provinz Uppsala, Göran Lindberg.
– Was zum Teufel machen wir jetzt?
– Keine Ahnung, ich dachte, du hättest vielleicht eine Idee, sagt Immi.
Meine Schläfen klopfen, ich spüre wie meine Nackenhaare sich aufrichten. Jetzt müssen wir alles richtig tun, sonst wird hier die Hölle losbrechen. Ich sage zu Immi, dass ich die Abteilung für interne Ermittlungen anrufen werde, um mit deren Leiterin Leena Kangas zu reden.
Leena antwortet sofort.
– Hallo, ich habe was ganz Wichtiges mit dir zu besprechen, wir müssen uns treffen.
– Kein Problem, du kannst hier vorbeikommen, wenn du möchtest. Nächste Woche habe ich Zeit, entweder Montag oder Dienstag, dann …
– Nein! sage ich. Ich muss jetzt nach dem Mittagsessen kommen, und ich bringe eine Kollegin mit. Bitte bring du auch einen Kollegen mit, ich will, dass mehrere das, was wir zu sagen haben, zu hören bekommen.
Die Information, die Ulrika uns gegeben hat, ist der Anfang von etwas, dessen Ausmaß wir im Büro von Immi nicht verstehen können.
Nach dem Mittagessen gehen Immi und ich mit beschwingten Schritten die Bergsgatan auf Kungsholmen in Stockholm hinab. Wir laufen schnell die Treppen an der U-Bahn-Station Rådhuset hoch, durchqueren den Park, der zum Polizeigebäude gehört, und kommen auf die Kungsholmsgatan, genau neben dem von Stockholmer Taxifahrern häufig benutzten Pissoir.
Immi trägt eine kleine schwarze Aktentasche. Darin liegen Papiere, Abschriften eines Verhörs und Auszüge von einer Voruntersuchung. Da liegt auch ein Exemplar von Dagens Industri.
Mit dem Hotel Amaranten im Rücken biegen wir links ab und gelangen auf das kleine Stück der Kungsgatan, am Kreisverkehr, das noch auf Kungsholmen liegt. Ich sage zu Immi, dass, falls wir jetzt die schwarze Aktentasche ins Wasser werfen würden, wir vergessen könnten, warum wir überhaupt den Spaziergang machen. Immi lacht und sagt, dass ich nicht gescheit wäre. Das sagt sie oft, aber sie meint es nur herzlich.
Im Haus auf Kungsbron 21 gehen wir an der bemannten Rezeption vorbei, melden uns nicht an, gehen sofort eine halbe Treppe nach oben und dann noch etwa 20 Meter weiter. Wir bleiben vor einer Glastür auf unserer rechten Seite stehen. An der Tür steht: „Polizeiamt Provinz Stockholm, CU“. CU ist die Abteilung für interne Ermittlungen der Stockholmer Polizei. Ich bin schon früher dort gewesen. Ob Immi auch schon einmal da war, weiß ich nicht. Ich habe mich nie wohl gefühlt dahinzugehen. Heute ist es keine Ausnahme.
* * *
Wie zwei Schulkinder mit leicht geröteten Wangen sitzen Immi und ich im großen Konferenzraum der CU. Immi legt ihre Aktentasche auf den Tisch vor ihr. Ich fingere nervös auf dem Tisch herum. Ich habe ja immerhin Leena Kangas, der Leiterin der CU, gesagt, dass das, was wir heute zu sagen haben, derart wichtig ist, dass sie für die nächsten Stunden alle ihre übrigen Verpflichtungen einstellen muss. Was ist, wenn sie das nicht interessant findet? Oder falls sie unseren Fall so verrückt findet, dass sie uns sofort rausschmeißt?
Leena und Per-Erik, ein Ermittler der Abteilung, treten ein. Er hat mich früher einmal verhört, um Informationen in einem Fall zu bekommen, wo man mich wegen eines Dienstvergehens hätte verdächtigen können. Damals ist nichts daraus geworden, aber ich habe ihn als eine korrekte und ehrliche Person in Erinnerung.
Ich beginne zaghaft zu reden, erzähle, dass wir von einer ernsten Sache Kenntnis bekommen haben, ein Polizist, der vielleicht eines sehr schweren Verbrechens schuldig ist, Vergewaltigung. Immi übernimmt, und präsentiert das Verhör mit Ulrika, die Nachforschungen, die Lilian uns gegeben hat, dass wir darin Fakten gefunden haben, die darauf hinweisen, dass Kenneth in großem Ausmaß Sex gekauft hat, und dass er skrupellos gewesen ist. Er war auch der Zuhälter der Mädchen, von denen er Sex gekauft hat. Er hat sie also an andere Männer verkauft. Leena und Per-Erik winden sich etwas unbequem in ihren Stühlen.
Immi berichtet über Ulrikas Aussage, dass Sie von einem Polizeichef vergewaltigt worden sei, aber dass wir skeptisch gewesen sind, weil Geschichten über Polizisten, Rechtsanwälte und Politiker, die sich eines Sexualverbrechens schuldig machen, oft auftauchen. Eine Dramaturgie, die aus der Literatur, Medien und Filmen bekannt ist. Leena und Per-Erik nicken zustimmend.
Aber Ulrika hat uns geholfen, indem sie den Artikel in Dagens Industri erwähnt hat, eine Angabe, die überprüfbar war.
Leena und Per-Erik schielen auf die Zeitung, die auf dem Tisch liegt.
Ich spüre, dass wir eine recht positive Stimmung aufgebaut haben. Leena und Per-Erik sind wahrscheinlich zum Platzen nahe vor Neugier, aber sie lassen sich nichts anmerken.
Immi erzählt weiter, dass sie heute Vormittag im Bonnierhaus gewesen ist, um Ausgaben vom Ende 2008 bis zum ersten Viertel 2009 durchzusehen, und dass sie dabei einen Artikel gefunden hat, der sich in der Zeitung befindet, die vor den beiden liegt.
Immi reicht die Zeitung hinüber und sagt, dass sie einen Blick auf das Mittelfaltblatt werfen sollen.
Leena öffnet die Zeitung, guckt.
– Großer Gott, schrecklich! ruft sie.
Sie gibt Per-Erik die Zeitung, der auch stark betroffen ist.
Immi und ich sind fertig, um es mild auszudrücken. Was geschieht jetzt? Was, wenn man nichts beweisen kann? Ich bekomme ein leichtes Panikgefühl. Wir müssen unbedingt damit weitermachen dürfen, denke ich.
– Wir haben eine ziemlich große Erfahrung mit Zuhältern, Sexhandel und Vergewaltigungen, außerdem haben wir Fahndungspersonal. Vielleicht können wir behilflich sein? Wir könnten in der Tat unsere gesamten Fahndungsressourcen zur Verfügung stellen, und gegebenenfalls auch unsere Ermittler, höre ich mich selber sagen.
Immi versetzt mir einen Tritt gegen das Bein. Ich verstehe, was sie denkt. Ich kann ihnen nicht unser Personal versprechen. Ich bin nur Gruppenchef und polizeilicher Voruntersuchungsleiter. Wir haben in der Tat eine Unterabteilungsleiterin, Ewa Carlenfors, und einen Chef des Dezernates, Stefan Holmén.
Aber ich bin Ewas Stellvertreter. Also treffe ich die Entscheidungen. Ich bin mir sicher, dass sie in dieser Situation genauso gehandelt hätte.
Leena findet, dass es eine gute Idee ist. Sie gibt zu, dass diese Art von Verbrechen nicht zu den gewöhnlichsten ihrer Einheit gehört. Fahndungspersonal benutzen sie auch nicht so oft. Die CU hat nur einen Ermittler, der in Sexualverbrechen ausgebildet ist, und er wird sicherlich Unterstützung brauchen, falls die Untersuchung an Umfang zunimmt. Daher findet Leena zumindest hier und jetzt, dass es ein gutes Angebot ist.
Leena wird mit Björn Ericson Kontakt aufnehmen, er ist Erster Generalstaatsanwalt und Leiter aller Anwälte, die mit polizeilichen Fällen arbeiten. Sie will, dass wir ihn so schnell wie möglich treffen. Wir brechen auf.
Wir gehen mit leichten Schritten die Treppe hinunter.
– Das ist ja gut gelaufen, sage ich.
Immi zündet sich eine Zigarette an. Sie nimmt einen tiefen Zug und bläst den Rauch in Richtung der vorbeifahrenden Autos.
– Du Mistkerl, wie kannst du uns alle versprechen? Du bist verrückt, weißt du das?
Immi und ich gehen in den gleichen Konferenzraum auf der Kungsbron 21 wie beim letzten Mal. Es ist der 2. November, und wir sollen uns mit Generalstaatsanwalt Björn Ericson treffen. Ich bin selbstverständlich ein bisschen nervös, wie er auf das, was wir zu sagen haben, reagieren wird.
Die Angst vor Anwälten bei der schwedischen Polizei ist groß. Manche Anwälte können durch die Art und Weise, in der sie diskutieren und reden, bewusst missverstehen, was ein nicht Schriftgelehrter zu sagen versucht – eine effektive Methode, um Menschen dazu zu bringen, sich dumm und unterlegen zu fühlen.
Im Saal sitzen Leena Kangas und Per-Erik. Ein kräftiger Mann im Anzug um die 60 wartet auch da. Björn Ericson sieht nicht gerade wie ein Staatsanwalt aus. Meine Hand verschwindet in seiner, als begrüße ein Kind einen Erwachsenen.
Ich weiß nicht, ob Leena schon erzählt hat, wovon das Meeting handeln wird, aber Ericsson sagt nichts und lässt uns die ganze Geschichte vom Anfang bis zum Artikel in Dagens Industri erzählen.
Als wir fertig sind, äußert er seine Meinung zur Sache, dass vieles darauf hindeute, dass Göran Lindberg für die Übergriffe an Ulrika zu verdächtigen sei, aber dass es schwierig sein wird, es zu beweisen. Die Tat liegt relativ lange zurück, der einzige Augenzeuge ist tot, und irgendwelche technischen Beweise zu finden scheint unmöglich zu sein. Es wird um Lindbergs Wort gegen Ulrikas gehen, daher müssen wir sein heutiges Leben genauestens untersuchen, um eine Auffassung davon zu bekommen, ob er eine Person ist, die so handelt und wirkt, wie Ulrika es beschrieben hat. Wenn wir das zeigen können, wird ihre Geschichte bestärkt werden. Das Risiko in der Zwischenzeit ist, dass Lindberg, falls er ein Vergewaltiger ist, es schaffen wird sich an noch mehr Frauen zu vergreifen. Aber das ist dasselbe Risiko wie in anderen ähnlichen Fällen.
Ericsson findet auch, dass Immi, ich und unsere Mitarbeiter mit dabei sein sollen. Der Schwedische Sicherheitsdienst (SÄPO) wird sich, falls es aktuell wird, um die geheimen Zwangsmittel kümmern, in diesem Fall das geheime Abhören von Telefonen.
Wenn der Verdacht gegen Lindberg sich als richtig erweist, ist das ein potentielles Sicherheitsrisiko. Es ist nicht auszuschließen, dass er erpresst wird, oder erpresst worden ist. In dieser Situation wäre es nur ungeschickt, den Schwedischen Sicherheitsdienst nicht an Bord zu haben.
Am Tag darauf treffen wir – Björn Ericson, Leena Kangas, Per-Erik, Immi und ich – uns mit der SÄPO. Der Unterabteilungsleiter Fredrik und sein Mitarbeiter Jonathan kommen zur Kungsbron 21 um in Dagens Industri zu blättern. Die beiden geben einen seriösen Eindruck und hören mit steigender Faszination zu, was wir zu erzählen haben. Genau wie die Leute allgemein, haben auch Immi und ich, obwohl wir bei der Polizei angestellt sind, eine sehr vage Auffassung vom Schwedischen Sicherheitsdienst, und glauben, dass es äußerst geheimnisvoll und kompliziert sein wird, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Bald stellt sich das genaue Gegenteil heraus.
* * *
Die darauf folgende Zeit vergeht langsam für Immi und mich. Wir sind daran gewöhnt sofort unsere Fälle „anzugehen“, manchmal dauert es nur ein paar Tage vom ersten Verdacht bis zum Beginn der Fahndungs- und Ermittlungsarbeit. Jetzt dauert es länger und es ist klar, dass hier zwei verschiedene Welten zusammenstoßen. Diejenigen, mit denen wir kooperieren sollen – die Abteilung für interne Ermittlungen, die schwedische Staatsanwaltschaft und der Schwedische Sicherheitsdienst –, arbeiten normalerweise mit Fällen auf längere Sicht. Vielleicht müssen sie Erwägungen ziehen, mit denen wir normale Polizisten nichts zu tun haben. Gleichzeitig haben sie, genau wie wir, andere wichtige Verpflichtungen, die Arbeitseinsätze erfordern.
Als polizeilicher Voruntersuchungsleiter beschließe ich, Listen mit Kenneths Telefonnummern einzuholen, weil es den Verdacht eines Verbrechens im Strafrahmen von mindestens zwei Jahren Gefängnis gibt. Wir bekommen Listen, die die Telefongesellschaften für ihre Rechnungen benutzen.
Im November geht Immi die Telefonlisten von Kenneth durch, die Gespräche, die er auf seinem sogenannten Schmutzhandy geführt hat, ein Telefon mit einer nicht registrierten Prepaid-Karte. Die Ermittlung zeigt, dass Ulrikas Vergewaltigung mit hoher Wahrscheinlichkeit um den 8. Januar herum statt gefunden hat. Die Tage davor und danach sind selbstverständlich die interessantesten. Kenneth hatte mit vielen Leuten Kontakt, und die Nummern sind alle ohne Ausnahme nicht registrierte Pre-paid-Karten. Unter diesen soll also Lindbergs eventuelle nicht registrierte Prepaid-Karte gefunden werden. Wir gehen davon aus, dass er in diesem Zusammenhang nicht sein Diensttelefon benutzte.
Alle festen Telefonnummern bei der Polizei im Bezirk von Stockholm beginnen mit 401. Sehr früh in der Ermittlung stellen wir fest, dass Kenneths Handy zweimal von so einer Nummer angerufen worden ist, ein Telefon, das sich in einem Zimmer neben einem Konferenzzimmer auf der Wache im Süden von Stockholm befindet. Immi geht auf die Homepage von Göran Lindbergs privatem Vorlesungsunternehmen, um nachzuprüfen, welche Aufträge er im Frühling 2009 hatte. An dem Tag, als die 401-Nummer in dem kleinen Raum auf der Polizeiwache im südlichen Stockholm benutzt wurde, hielt Lindberg eine Vorlesung im angrenzenden Konferenzzimmer. Dass er es war, der Kenneth angerufen hat, ist eine nicht allzu abwegige Vermutung. Obwohl es schon als etwas auffällig gesehen werden muss, dass Lindberg während der Arbeitszeit im Polizeigebäude eine Person anruft, die irgendeine Art von Zuhältereitätigkeit betreibt, und deren Spezialität es ist Sex mit jungen Frauen zu haben, macht das keinen Vergewaltiger. Wie sieht es aus mit den Kontakten um den 8. Januar herum? Gibt es auch da eine verborgene Nummer, die zu Lindberg gehört?
Immi macht mit ihren Nachforschungen weiter und findet eine Nummer, die ihrer Meinung nach zu Lindbergs „Schmutzhandy“ gehören könnte. Anfang Dezember beschließen wir, Aufzeichnungen von dieser Nummer, und gleichzeitig auch von Lindbergs Diensttelefon, zu verlangen.
Es gibt eine Krankheit bei der schwedischen Polizei. Es wird so verdammt viel geredet. Alle müssen alles wissen. Es ist spannend und der einzelne fühlt sich wichtig, gut unterrichtet, aber je mehr Leute etwas wissen, desto größer ist das Risiko, dass früher oder später etwas schief geht.
Im Falle des Verdachts gegen Lindberg bin ich wegen undichter Stellen äußerst paranoid. Hier sollen auch noch drei polizeiliche Einheiten zusammenarbeiten: die Abteilung für interne Ermittlungen, CU, das Fahndungsdezernat der Citypolizei und SÄPO. Ich kann nur meinen Teil vertreten, das Fahndungsdezernat der Citypolizei und die Abteilung für Menschenhandel.
Ich bin der Auffassung, dass alle, die mit einem Fall zu tun haben können, einen so kompletten Bericht wie möglich bekommen sollen. Die anderen, die nichts mit dem Fall zu tun haben, sollen herausgehalten werden, sowohl verbal als auch physisch.
Wir brauchen Unterstützung von Walle. Ich sage ihm, dass es um einen Fall geht, den nur Immi und ich kennen, und dass er die Anträge auf Einholung von Telefonaufzeichnungen auf einem anderen Konto fakturieren soll. Walle, der in den Sechzigern ist und schon früher dabei war – zu Zeiten der Olof Palme-Ermittlungen und vielen anderen –, opponiert sich nicht. Ein Beamter des Staates mit Integrität. Pflichtbewusst, handfest, zuverlässig und sympathisch.
24 Stunden nachdem ich Walle gebeten habe, den Antrag zur Einholung von Telefonaufzeichnungen zu stellen, kommt er zu mir ins Büro.
– Die sind jetzt gekommen, die Aufzeichnungen.
– Danke, kannst du die bitte in Immis Zimmer bringen?
Walle schlendert in Immis Zimmer. Ich ziehe die Jalousien runter. Walle steht, die Papiere in seinen Händen. Immi setzt sich hin, ich bleibe auch stehen. Er legt die Papiere in zwei Stapeln auf den Tisch. In dem einen ist die Nummer von einem bekannten Abonnenten, im anderen von einer nicht registrierten Prepaid-Karte.
– Sie wissen, dass die eine Nummer zu diesem Lindberg gehört, nicht wahr?
– Ja, das wissen wir.
– Hm … na dann.
Walle verlässt das Zimmer.
Aber was ist los mit dem Kerl, denke ich und gehe zur Tür.
– Hallo, willst du nicht wissen worum es geht?
– Doch, aber ich dachte, dass es vielleicht nicht …
– Komm zurück!
Walle wird in den Fall eingeweiht. Wir bestätigen, dass er richtig gesehen hat, dass die Nummer nach der er gesucht hat, wirklich die von Göran Lindberg ist. Wir erzählen ihm auch welcher Verbrechen er verdächtigt wird.
Walle verzieht keine Miene, aber er sieht sehr ernst aus. Wir brauchen kaum zu erwähnen, dass der Fall delikat ist, dass es unter uns bleiben muss, und dass nicht auszuschließen ist, dass es vielleicht auch andere Verdächtigte gibt.
Jetzt sind wir drei in der Abteilung für Menschenhandel, die auf dem Laufenden sind.
Nach ein paar Tagen fängt es an schwierig zu werden sich auszudenken, was für Arbeitsaufgaben es sein könnten, mit denen Immi sich beschäftigt. Wir wissen, dass eine Rechnung für die Einholung von Telefonaufzeichnungen bald von unserer Chefin, Ewa, bescheinigt werden muss. Spätestens dann, wenn nicht vorher, werden wir gezwungen sein ihr zu erzählen, welche Untersuchungen wir gemacht haben.
Am gleichen Tag als Ewa aus dem Urlaub zurück kommt geht Immi in ihr Büro, schließt die Tür ab und erzählt alles. Nachher treffen wir uns alle drei, ich, Immi und Ewa. Ich stelle unseren gedachten Plan vor und „gestehe“, was ich getan habe, dass ich weit und breit den internen Ermittlern unsere Assistenz in einem Fall versprochen habe, mit dem unsere Abteilung normalerweise nichts zu tun hätte. Ewa hat jedoch nichts dagegen, und wir reden viel über den Fall und wie wir künftig agieren sollen. Da ich derjenige war, der den Einsatz initiiert hat, werde ich mich auch weiterhin darum kümmern. Ewa wird mein Sparringpartner sein. Sie wird uns gegen den Rest unserer Organisation den Rücken freihalten.
Jetzt sind wir vier, die in der Abteilung von dem Fall wissen, und da es keine Anforderung von weiteren Ermittlungsmaßnahmen oder Fahndungseinsätzen gibt, haben wir keinen Grund die übrigen Kollegen zu informieren. Aber ich erzähle ihnen, dass Immi einen sehr sensiblen Auftrag hat, mit dem nur sie arbeitet. Je nachdem, wie es sich weiterentwickelt, könnten auch mehrere Leute mit einbezogen werden.
Lindberg wohnt in „Kärringstan“ von Enskede. Als sein Diensttelefon in der Wohnung eingeschaltet wird, geschieht das Gleiche auch auf denselben Koordinaten mit der nicht registrierten Prepaid-Karte. Wir können den Anschlüssen beider Telefone in Verbindung mit Gesprächen und SMS folgen – Sofielundsplan, Globen, Centralbron, Klarastrandsleden, Karolinska Sjukhuset und Frösunda – ein gewöhnlicher Morgen oder Vormittag für Lindberg auf dem Weg zu seinem Büro in der Polizeihochschule in Sörentorp. Mit Hilfe des Schemas auf der Homepage von Lindbergs privatem Unternehmen ist es auch möglich zu sehen, wie sich sein Diensttelefon parallel mit dem Prepaid-Handy bewegt.
Ein Mal rufe ich sein Prepaid-Handy an. Es gibt eine aufgezeichnete Antwort von einem Mann, der sich „Peter“ nennt. Ich finde, dass die Stimme Lindbergs ähnelt. Als Leena sich das anhört, glaubt auch sie die Stimme zu erkennen.
Wir haben Lindbergs „Schmutzhandy“ gefunden und seinen Decknamen entlarvt.
* * *
Im Herbst 2009 habe ich eine Teilzeitarbeit an der Polizeihochschule und halte einen 10-Tage-Kurs über das Verbrechen Menschenhandel für Polizisten, die eine Weiterbildung machen. Mein Arbeitszimmer liegt im selben Gebäude wie Lindbergs Büro. Immi, Ingrid und ich haben entschlossen, dass ich, da ich ab und zu in der Schule bin, herausfinden soll, was für ein Auto Lindberg hat. Ich hoffe, dass Lindberg irgendwann mal auftauchen wird, wenn da nicht so viele Autos im Hof sind, sodass man ausrechnen kann, welches ihm gehört. Er ist als Besitzer zweier Nissan King Cab-Lieferwagen registriert, aber der eine gehört zu seinem Bauernhof in Vimmerby.
An einem stockdunklen Herbstabend mache ich Überstunden um Prüfungen zu korrigieren. In meinem Zimmer habe ich nur die Schreibtischlampe an. Rechts ist eine Glaswand, die zur Pantry-Küche und der Kaffeemaschine führt.
Plötzlich fühle ich mich beobachtet. Ich gucke hoch und blicke direkt in die Augen von einem Mann auf der anderen Seite des Glases. Es ist Göran Lindberg. Er starrt mich an. Mein Herz fängt an zu klopfen. Weiß Lindberg, dass wir eine Voruntersuchung gegen ihn eingeleitet haben? Ich schaffe es ein „Hallo“ herauszukriegen. Er antwortet und latscht im Dunkeln davon.
In seiner Hand trägt er eine schwarze Tasche.
Ich schalte den Computer aus, werfe mich in meine Kleider und laufe in den Herbstwind hinaus. Die Blätter liegen in nassen Haufen auf dem Erdboden. Schnell gehe ich zu meinem Auto, starte und fahre los. Im Rückspiegel sehe ich, wie es hinter den Jalousien im dritten Stock, in Lindbergs Büro, leuchtet. Ich vergesse nachzusehen, was für ein Auto er hat.
Anfang Dezember erfahren wir, dass Lindberg überraschenderweise in Pension gegangen ist. Aber wir stellen fest, dass er immer noch über Diensttelefon, Büro, Schlüssel, Log-In-Karte, Durchgangskarte und Personalausweis verfügt, so wir machen weiter wie geplant.
Zusammen mit Staatsanwalt Björn Ericson beschließen wir in unserer kleinen Ermittlungsgruppe, sein Diensttelefon und sein Handy mit der nicht registrierten Prepaid-Karte abzuhören. Wir lassen sein Heimtelefon und das feste Telefon in seinem Büro in der Polizeihochschule weg. Zum einen, weil wir nicht glauben, dass es uns neue Information über seine eventuelle Kriminalität geben würde, zum anderen, weil das Heimtelefon auch von anderen außer Lindberg benutzt wird. Wir wollen auch nicht allzu viel Material zum Durchgehen haben. Außerdem kann der Respekt vor der Privatsphäre durch das Abhören aufgelockert werden.
Ich bereite eine kurze und präzise Unterlage vor, um das Abhören zu beantragen. Die Unterlagen bestehen aus einer Beschreibung des verdächtigen Verbrechens, einer Schilderung, wie die Polizei zu der angeblichen Kriminalität gekommen ist und etwas über die Dringlichkeit des Abhörens. In diesem Fall geht es darum, die Auffassung der Polizei und des Staatsanwaltes über Lindbergs mutmaßliche Vergewaltigung von Ulrika zu stärken.
