Die Jagd des Wolfes - Timothy Stahl - E-Book
Beschreibung

Verloren und verfolg - der dritte Teil der spannenden Mysterythriller-Serie "Wölfe" Die Jagd des Wolfes. Nowhere, die Stadt im Nirgendwo. Noch nie ist hier irgendetwas passiert. Bis vor kurzem dieser mysteriöse Fremde immer wieder in der Stadt auftaucht und eine Serie an bestialischen Morden beginnt. Hat der Unbekannte etwas mit den Vorfällen zu tun? Oder versetzt Brandon Hunt die Bewohner in Angst und Schrecken? Hat ihn der Ruf der Wölfe ein für alle mal ereilt? Erlebe die Wiedergeburt von "Wölfe", die Serie mit Kult-Potenzial von Timothy Stahl. Einmal angefangen, wirst du nicht mehr aufhören können! Du möchtest wissen wie es weitergeht? Die anderen Bände der "Wölfe"-Serie findest du unter: Band 1: Der Fluch des Wolfes Band 2: Der Bund der Wölfe Band 3: Die Jagd des Wolfes Band 4: Der Kerker der Wölfe Band 5: Der Friedhof der Wölfe Band 6: Der Herr der Wölfe

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Seitenzahl:144


Inhalt

Cover

Über die Serie

Was bisher geschah

Über diesen Band

Über den Autor

Impressum

Die Jagd des Wolfes

Vorschau

Wölfe – Die Serie

»Gewöhn dich lieber dran, dass das Leben oft schlimmer ist als jeder Film, Junge«, hatte ihm sein Freund und Kollege Detective Dave Allred gesagt, bevor sie das Hotel betraten. Wie recht der Alte damit haben sollte, konnte sich Brandon Hunt nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen vorstellen ...

Seitdem ein brutaler Serienmord die Bevölkerung rund um San Francisco in Angst und Schrecken versetzt, ist Detective Brandon Hunt dem Killer auf den Versen. »Das Tier« betiteln die Tageszeitungen die Bestie, die Ihre Opfer auf grausame Weise tötet und nur einzelne Körperteile zurücklässt. Wer oder was ist im Stande so etwas zu tun? Brandon Hunt verfolgt das Ungeheuer und weiß noch nicht, welche tragende Rolle er selbst spielen soll – in der Geschichte, die eine ganze Spezies in eine neue Zeit bringen wird ...

Erlebe die Wiedergeburt von »Wölfe« – eine hochspannende Mysterythriller-Serie von Timothy Stahl, in dem Brandon Hunt seiner Bestimmung folgt, die sein Leben völlig auf den Kopf stellen wird.

Band 1: Der Fluch des Wolfes

Band 2: Der Bund der Wölfe

Band 3: Die Jagd des Wolfes

Band 4: Der Kerker der Wölfe

Band 5: Der Friedhof der Wölfe

Band 6: Der Herr der Wölfe

Was bisher geschah

Ein Serienkiller, der San Francisco in Angst und Schrecken versetzt, entpuppt sich als Werwolf. Er verletzt den jungen Police Detective Brandon Hunt, der daraufhin ebenfalls zum Ungeheuer mutiert. Sein erstes Opfer: seine Freundin Rowena McGee, von der anschließend nur die rechte Hand gefunden wird …

Brandon Hunt entgeht der Verhaftung. Auf seiner Flucht zieht es ihn wie magisch an einen ihm unbekannten Ort im Nordosten Kaliforniens. Unterwegs trifft er auf Morgan, einen erfahrenen Wölfischen, wie sich die im Volksmund »Werwolf« genannten Gestaltwandler selbst bezeichnen. Sie erreichen den Ort, zu dem es Brandon hingezogen hat: ein, so scheint es, »Paradies der Wölfe« und zugleich einer von etlichen heiligen Orten des wölfischen Volkes, an dem ihre Kraft besonders stark verwurzelt ist. Hierher haben sich Wölfische zurückgezogen, die ihr Dasein friedlich und fernab der Menschen zubringen wollen.

Was Brandon Hunt nicht weiß: Man hält ihr für den New One, eine messianische Gestalt aus den Legenden und Prophezeiungen des Volkes der Wölfe. Doch einer Vision der Seherin Lucinda zufolge wird der New One die ganze wölfische Rasse ins Verderben stürzen. Deshalb ordnet sie Brandon Hunts Hinrichtung an. Unter dramatischen Umständen und mit Morgans Hilfe gelingt es ihm, der Vollstreckung des Todesurteils zu entgehen.

Bevor er sich mit Morgans Pick-up-Truck und Wohnwagen absetzen kann, kommt es zur Konfrontation mit Captain Edward McGee, der bis vor Kurzem Hunts Vorgesetzter war und der Vater der ermordeten Rowena ist. Bevor die Situation zwischen den beiden Männern eskaliert, wird McGee von einem Heckenschützen erschossen. Eine rätselhafte Notiz, die Hunt am Wagen findet, sorgt für zusätzliche Verwirrung.

Und noch etwas weiß Brandon Hunt nicht: Mindestens zwei Unbekannte sind ihm auf der Spur. Ihre Absichten liegen allerdings noch im Verborgenen: Wollen sie ihn, den New One, nur schützen – oder haben sie finstere Pläne mit ihm?

Über diesen Band

Band 3: Der Jagd des Wolfes

Nowhere, die Stadt im Nirgendwo. Noch nie ist hier irgendetwas passiert. Bis vor Kurzem dieser mysteriöse Fremde immer wieder in der Stadt auftaucht und eine Serie an bestialischen Morden beginnt. Hat der Unbekannte etwas mit den Vorfällen zu tun? Oder versetzt Brandon Hunt die Bewohner in Angst und Schrecken? Hat ihn der Ruf der Wölfe ein für alle mal ereilt?

Über den Autor

Timothy Stahl, geboren 1964 in den USA, wuchs in Deutschland auf, wo er unter anderem als Chefredakteur eines Wochenmagazins und einer Jugendzeitschrift tätig war. 1999 kehrte er nach Amerika zurück. Seitdem ist das Schreiben von Spannungsromanen sein Hauptberuf. Mit seiner Horrorserie WÖLFE gehörte er zu den Gewinnern im crossmedialen Autorenwettbewerb des Bastei-Verlags. Außerdem ist er in vielen Bereichen ein gefragter Übersetzer. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Las Vegas, Nevada.

Timothy Stahl

Die Jagd des Wolfes

Mysterythriller

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Covergestaltung: Timo Wuerz

E-Book-Erstellung: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1143-3

www.bastei-entertainment.de

Obwohl ihr kalt war, zog Sadie ihre Jacke nicht wieder über und blieb in ihrem knappen weißen Top auf der Pritsche sitzen. Jim Phelan sollte sehen, was sie ihm zu bieten hatte, er sollte wissen, dass sie alle Mühen wert war, die es bedeutete, sich heimlich mit ihr zu verabreden.

Aber das wusste er doch längst, sagte sich Sadie, natürlich wusste er das. Hätte er sich andernfalls auch nach inzwischen fast einem Jahr noch so oft mit ihr getroffen, damit sie ihm, wie er sagte, »den Himmel auf Erden« bereiten konnte?

Der Gedanke an Jim, an die vielen gemeinsamen, verstohlenen Stunden, ihre Schäferstündchen, machte aus Sadies Frösteln ein wohliges Schaudern – das allerdings gleich wieder ein wenig schwand, als sie sich in Erinnerung rief, worüber sie heute Abend mit Jim reden wollte.

Ein Dutzend Mal und öfter hatte er ihr schon gesagt, ins Ohr geraunt und gestöhnt, dass er seine Frau Maggie um ihretwillen verlassen würde. Dass er sich scheiden lassen und sie, Sadie, heiraten und zu einer ehrbaren Frau machen würde. Nur hinterher, wenn sie nebeneinanderlagen, erschöpft und glücklich, wollte Jim nie über dieses Thema reden.

Heute aber würde Sadie es vorher ansprechen, und sie würde Jim ein Versprechen abverlangen und ihm ein Ultimatum stellen. Wenn er bis zu dessen Ablauf zu Hause nicht reinen Tisch mit Maggie gemacht hatte, würde Sadie ihr Verhältnis beenden.

Sie hoffte nur, dass sie überzeugend genug sein würde – und sich selbst glauben könnte, im Falle eines Falles wirklich so konsequent zu sein …

Aber es musste sein. So ging es nicht weiter. Sie wollte nicht mehr nur das Liebchen, das Betthäschen sein. Sie war jung, und sie wollte leben, glücklich sein mit dem Mann an ihrer Seite, den sie liebte.

Und dieser Mann war James Phelan. Dass er gut 20 Jahre älter war als sie, störte sie nicht. Im Gegenteil, er sah gut aus, sie fühlte sich in seinen kräftigen Armen geborgen wie nie zuvor im Leben, und er war ein ebenso erfahrener wie zärtlicher Liebhaber, dem keiner der Jungs, mit denen sie vorher zusammen gewesen war, auch nur annähernd das Wasser reichen konnte.

Und ihn kümmerte es doch auch nicht, dass sie glatt seine Tochter hätte sein können, das hatte er ihr jedenfalls oft genug …

Ein Geräusch schreckte Sadie aus ihren Gedanken. Sie sah auf, lauschte zur Zelle hinaus, wo sich jenseits der wabernden Insel aus Kerzenlicht die Schatten wie zu schwarzen Mauern verdichteten. Aber sie hörte nichts weiter.

Trotzdem war sie sich sicher, sich nicht getäuscht zu haben.

Sie schluckte trocken, als könnte sie die in ihr aufkeimende Unruhe einfach hinunterschlucken. Es gelang ihr nicht. Und dass sie sich im Stillen einredete, es gäbe ganz sicher keinen Grund zur Beunruhigung, half auch wenig.

Vor fast zwei Jahrzehnten, kurz nach Sadies Geburt, hatte man vor der Entscheidung gestanden, dieses Staatsgefängnis entweder mit hohem Aufwand zu renovieren oder aufzugeben. Man hatte sich zu Letzterem entschlossen, und seither stand das ein paar Meilen außerhalb von Nowhere, Nevada, gelegene alte Gemäuer leer. Die Mühe, es abzureißen, hatte man sich nicht gemacht, vielleicht hatten auch dazu die Mittel gefehlt. Der Zahn der Zeit hatte unterdessen in bescheidenem Maße daran genagt, aber es war in all den Jahren nicht wirklich baufällig geworden oder richtig verfallen.

Was natürlich nicht hieß, dass das verlassene Gefängnis kein unheimlicher Ort gewesen wäre.

Wie wohl um jedes leer stehende alte Gebäude, so rankten sich auch um dieses allerlei Spukgeschichten. So gingen angeblich in manchen Nächten die Geister zum Tode verurteilter Mörder in den Mauern um, gejagt wiederum von den Geistern ihrer Opfer. Und solche Geschichten gab es noch mehr.

Davon allerdings ließ sich Sadie nicht Bange machen. Sie hatte hier noch nie einen Geist gesehen, noch nicht einmal etwas wirklich Unheimliches erlebt, nichts zumindest, wofür sich keine vernünftige Erklärung finden ließ. Und sie kam schon seit langer Zeit hierher – als Kind mit Freunden zum Spielen und seit fast einem Jahr mit Jim Phelan zum … Nun, eigentlich auch zum Spielen.

Sie wollte kichern, es perlte in ihr in der Kehle hoch wie Bläschen im Sekt – aber es blieb ihr im Halse stecken.

Das Geräusch wiederholte sich.

Das hieß, nein, es wiederholte sich nicht, es war ein anderes Geräusch, das sie diesmal hörte. Es dauerte länger an, und es klang so, als ziehe irgendwo im Dunkeln jemand etwas Hartes über die Gitter einer Zelle.

Dann verstummte das ratternde Geräusch. Stille kehrte ein. Und brachte etwas Bedrückendes mit sich.

Sadie Carter konnte ihr Herz klopfen hören.

Was war das? Oder vielmehr, wer war das?

Vor Jahren noch hätte sie ja auf spielende Kinder getippt. Aber es war einerseits irgendwie außer Mode gekommen, in dem alten Bau zu spielen. Und andererseits kam dazu, dass es in Nowhere kaum noch Kinder gab. Die Zahl der jungen Familien im Ort ließ sich an einer Hand abzählen. Wer etwas aus seinem Leben machen und vor allem seinen Kindern etwas bieten wollte, den hielt es nicht in Nowhere.

Abgesehen davon war es längst Nacht und zu spät, als dass sich hier noch Kinder herumtreiben könnten.

Nahe liegend war natürlich der Gedanke, dass es Jim Phelan war. Aber der schlich nicht herum, sondern kam stets eilends zu ihr, weil er keine Minute vergeuden wollte.

Aber vielleicht war er ja heute zu Spielchen aufgelegt, das mochte durchaus sein. Jim steckte bisweilen voller Überraschungen, und vor allem mit seinen »Spielchen« hatte er Sadie schon manches Mal überrascht – nicht immer angenehm zwar, aber doch meistens …

Der Gedanke ließ sie ein Lächeln zustande bringen und die beginnende Angst verdrängen.

Sie stand auf, nahm eine der vielen Kerzen, die sie in der Zelle – ihrem Liebesnest, wie sie es nannten – aufgestellt und angezündet hatte, und trat durch die offene Gittertür hinaus auf den Gang.

Zu beiden Seiten und gegenüber reihten sich weitere Zellen, zwei mal vier Meter große Kammern mit steinernen Wänden, die Front vergittert. Manche der Schiebetüren standen offen, andere waren geschlossen. In einigen Zellen türmte sich der Müll von Trinkgelagen, die irgendwann irgendjemand darin veranstaltet hatte …

Und irgendwo stieß ein Fuß gegen eine leere Flasche und ließ sie mit hohlem Geräusch durchs Dunkel rollen!

Sadie wirbelte herum, so heftig, dass die Flamme der Kerze in ihrer Hand beinahe erloschen wäre.

»Jim?«, rief sie.

Keine Antwort, nur das schwache und rasch verebbende Echo ihrer eigenen Stimme.

»Lass doch den Unsinn, Jim.« Die Kerzenflamme mit der Hand vor der Zugluft schützend ging Sadie ein paar Schritte in die Richtung, aus der sie das Geräusch der rollenden Flasche gehört hatte. Das Liebesnest blieb hinter ihr zurück, die Kerze in ihrer Hand spendete weit weniger Licht, als Sadie sich wünschte. Ihre Sicht reichte kaum zwei Meter weit.

»Jim«, versuchte sie es noch einmal, »lass uns keine Zeit verlieren, hm?«

Nichts.

Eine Gänsehaut überzog Sadies nackte Arme, und das nicht nur, weil es verflucht kalt war in dem alten Gemäuer.

Sie ging noch ein paar Schritte. Und dann stieß ihr Fuß gegen die leere Flasche und ließ sie davonrollen. Ums Haar hätte Sadie vor Schreck aufgeschrien – vor Schreck und weil sie jetzt wusste, dass die Person, die hier im Dunkeln umherschlich, nicht weit entfernt sein konnte.

Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass es Jim Phelan war. Noch einmal rief sie seinen Namen – das hieß, sie wollte rufen, aber mehr als ein Flüstern brachte sie nicht heraus.

Gespenstisch wisperte der Name ihres Geliebten von ihren Lippen und durchs Dunkel.

Und dann – da! War da nicht eine Bewegung gewesen? Ein Huschen durch die Finsternis, knapp jenseits des Kreises aus kupferfarbenem Licht, den die Kerzenflamme um sie zog?

Sadie hielt den Atem an. Wieder hörte sie nichts außer dem Pochen ihres eigenen Herzens. Bis …

Was war das?

Ein … Stöhnen?

Oder knurrte da jemand?

»Jim.« Diesmal flüsterte sie nicht, rief sie nicht fragend in die Schwärze hinein. Diesmal wusste sie, dass er es war. »Jim, hör auf. Ich finde das nicht komisch«, sagte sie fast streng, als sie sich darauf besann, worüber sie heute mit ihm reden wollte, bevor sie mit ihm schlief.

Aber Jim Phelan schien nicht nachgeben zu wollen.

Ein weiterer Laut drang aus dem Dunkeln zu ihr. Sie konnte ihn lokalisieren und ging auf die Zelle zu, in der sich Jim versteckt haben musste. Während sie sich ihr näherte und das nicht eindeutig zu erkennende Geräusch zum dritten Mal vernahm, korrigierte sie sich – Jim war entweder in der Zelle, auf die sie zuging, oder in der daneben.

Na gut, dachte sie, wenn du das lustig findest, dann hast du deinen Spaß jetzt gehabt. Mal sehen, ob du auch komisch findest, was ich dir zu sagen habe!

Sie erreichte die Zelle. Die Tür war halb aufgeschoben. Sadie streckte die Hand mit der Kerze durch den Spalt. Das Licht drängte die Schatten in die Ecken zurück. Sie hielt die Kerze noch ein wenig weiter vor, und die Schatten lösten sich auf.

Die Zelle war leer.

Dann also nebenan …

Sadie zog die Hand zurück. Oder wollte es tun.

Sie kam nicht dazu.

Zwei Dinge geschahen gleichzeitig.

Ein Schatten tauchte neben ihr auf, ein Schemen, den sie nur aus dem Augenwinkel wahrnahm.

Und die halb offene Gittertür setzte sich rumpelnd und in den Führungsschienen markerschütternd kreischend und blitzschnell in Bewegung, wurde mit Gewalt zugeschoben. Sie traf mit mörderischer Wucht auf Sadies vorgestreckten Arm und klemmte ihn ein.

Die junge Frau schrie auf, spürte, hörte, wie der Knochen brach.

Ihre Finger öffneten sich. Die Kerze fiel zu Boden. Die Flamme verlosch nicht. Und in ihrem Licht sah Sadie Carter, wer die Tür zugeworfen hatte, oder vielmehr was, und jetzt …

Ihr Schrei gerann zu einem Wimmern. Der Schmerz, der in ihrem gebrochenen Arm tobte, war höllisch.

Aber doch nichts im Vergleich zu dem, der sich jetzt buchstäblich in ihren Körper hineinbohrte und -wühlte.

Dieser Schmerz überstieg alles Vorstellbare, ließ sich nicht in Worte fassen, spottete jedem Versuch, ihn beschreiben zu wollen.

Und er hörte nicht auf, sondern wurde nur immer noch schlimmer und schlimmer …

»Verdammt!«

Fluchend warf Sheriff Jim Phelan die Tür seines Privatwagens zu, den er hinter einer Ecke der aufgegebenen Strafvollzugsanstalt neben Sadies kleinem Japaner abgestellt hatte, sodass die Fahrzeuge drunten vom Highway 50 aus nicht zu sehen waren. Eine Gefahr, die zwar ohnehin kaum bestand – man nannte den US-50 nicht umsonst den einsamsten Highway der Vereinigten Staaten –, aber Vorsicht war nun mal die Mutter der Porzellankiste. Und Jim Phelan war ein vorsichtiger Mann. Andernfalls wäre seine Frau längst hinter sein Verhältnis mit dem jungen Ding gekommen, das ihm seit ein paar Monaten so manche Nacht versüßte – was Maggie seit ein paar Jahren nicht mehr tat …

Sadie wusste natürlich, dass er nicht immer pünktlich sein konnte und sie schon mal ein Weilchen auf ihn warten musste. Als Sheriff hatte er nun mal Verpflichtungen, die Vorrang hatten vor allen anderen Dingen. Aber heute Abend hatte ihn die Verzögerung selbst genervt. Weil Maggie schuld daran war!

Sie hatte ihn zu Hause endlos aufgehalten, ihm mit irgendwelchem Quark über Versicherungen die Ohren vollgequatscht. Verdammt, was interessierte ihn dieser Mist? Sollte sie sich doch darum kümmern! Sie hatte doch sowieso kaum etwas anderes zu tun.

Manchmal fragte er sich, warum er sich nicht wirklich von ihr trennte. Die Antwort darauf fiel ihm natürlich noch im selben Moment ein. Er hörte sie, als flüstere Maggies Stimme selbst sie ihm ins Ohr:

Weil du auf das Geld meines Daddys scharf bist, darum bist du immer noch mit mir verheiratet, mein Lieber!

Phelan knirschte mit den Zähnen, während er sich durch das spaltbreit offen stehende stählerne Doppeltor in der meterdicken Gefängnismauer schob.

Ja, verdammt, das stimmte. So war es. Der alte Warwick, Maggies Vater, hatte Geld wie Dreck. Er war einer der Wenigen, die in dieser Gegend mit Silber ihr Glück gemacht hatten, und er hatte sein Geld als junger Mann so geschickt investiert, dass er längst schon von den Zinsen leben konnte. Was er allerdings nicht im großen Stil tat. Und das hieß, dass sein Geld nicht weniger, sondern immer mehr wurde. Und irgendwann würde es seiner einzigen Tochter Margaret zufallen, und die würde es mit ihrem Ehemann teilen – wenn er nur gut zu ihr war und sie nicht sitzen ließ …

»Ich frag mich, ob’s das wirklich wert ist«, knurrte Phelan vor sich hin. »Gibt’s überhaupt so viel Geld, für das es sich lohnt, sich mit dieser Zicke herumzuplagen, während ich so ein junges Ding wie Sadie haben könnte?«

Auch auf diese Frage, die er sich ebenfalls nicht zum ersten Mal stellte, kannte er natürlich die Antwort: Ja, es gab so viel Geld. Und Benson Warwick besaß es. Noch …

Und überhaupt, worüber beklagte er sich denn eigentlich? Sadie Carter stand ihm zur Verfügung, wann immer er wollte, die Kleine war ihm beinahe hörig, und am Horizont wartete ein mittleres Vermögen auf ihn, das mit jedem Tag ein bisschen näher rückte.

Gut, dieses Näherrücken hätte für seinen Geschmack ruhig etwas schneller vonstattengehen und die Konstitution seines Schwiegervaters etwas weniger eisern sein können. Aber er hatte schon gesündere Männer als Benson Warwick überraschend das Zeitliche segnen sehen. Nein, nein, es bestand kein Anlass, die Hoffnung aufzugeben …

Phelan grinste, lachte kurz auf – und verstummte und blieb mitten auf dem Gefängnishof stehen.

Er hatte ein Heulen gehört. Jetzt verklang es.