Die Jasmininsel - Patricia Matthews - E-Book
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Die Jasmininsel E-Book

Patricia Matthews

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Beschreibung

Ihrer Schönheit kann niemand widerstehen … Der historische Liebesroman »Die Jasmininsel« von Patricia Matthews jetzt als eBook bei dotbooks. South Carolina im Sommer 1817. Als die schöne Rebecca zum ersten Mal einen Fuß auf Pirate’s Bank setzt, fühlt sie sich wie im Traum: Die prächtige Idylle der abgelegenen Insel und des edlen Herrenhauses zieht sie magisch an. Ebenso fasziniert ist Rebecca von den beiden Brüdern Jaques und Armand Molyneux, deren glühende Blicke sie schon bald verfolgen. Rebecca ist hin- und hergerissen zwischen den zarten Gefühlen, die sich zwischen ihr und Jaques entspinnen und ihrer unbändigen Leidenschaft für Armand, dem sie kaum zu widerstehen vermag. Doch beide Männer scheint ein dunkles Geheimnis zu verbinden, das tief in ihrer Familie verwurzelt ist – und der Schlüssel dazu liegt hier verborgen, auf der Insel der Jasminblüten … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das romantische Lese-Highlight »Die Jasmininsel« von Patricia Matthews. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 500

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Über dieses Buch:

South Carolina im Sommer 1817. Als die schöne Rebecca zum ersten Mal einen Fuß auf Pirate’s Bank setzt, fühlt sie sich wie im Traum: Die prächtige Idylle der abgelegenen Insel und des edlen Herrenhauses zieht sie magisch an. Ebenso fasziniert ist Rebecca von den beiden Brüdern Jaques und Armand Molyneux, deren glühende Blicke sie schon bald verfolgen. Rebecca ist hin- und hergerissen zwischen den zarten Gefühlen, die sich zwischen ihr und Jaques entspinnen und ihrer unbändigen Leidenschaft für Armand, dem sie kaum zu widerstehen vermag. Doch beide Männer scheint ein dunkles Geheimnis zu verbinden, das tief in ihrer Familie verwurzelt ist – und der Schlüssel dazu liegt hier verborgen, auf der Insel der Jasminblüten …

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«.

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eBook-Neuausgabe Dezember 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1987 unter dem Originaltitel »Enchanted« bei Pyewacket Corporation, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1989 unter dem Titel »Die Zauberinsel« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1987 by Pyewacket Corporation, New York

Copyright © 2020 Robert Thixton

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1989 Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Sarah Kendall, Kareryna Upit, PQK, Jasminka M

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-96655-611-8

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Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Patricia Matthews

Die Jasmininsel

Roman

Aus dem Amerikanischen von Irene Bonhorst

dotbooks.

Kapitel 1

Sommer, 1817

Der Mann war ein affektierter Typ in mittleren Jahren, keineswegs die Sorte, auf die Rebecca Trenton normalerweise eingegangen wäre. Doch schien er sich recht gut in der Geschichte der Gegend auszukennen wie auch im gesellschaftlichen Klatsch, und offensichtlich hatte er großes Interesse daran, sein Wissen mit zwei attraktiven jungen Damen zu teilen.

Rebecca ignorierte die mißfälligen Blicke ihrer Cousine Margaret Downing und schenkte Joshua Sterlin ihr süßestes Lächeln, während sie alle drei an der Reling des kleinen Küstenbootes lehnten, das langsam seine Bahn entlang der sommerlichen Küste von South Carolina zog.

»Also wirklich, das finde ich überaus faszinierend«, sagte Rebecca überschwenglich; sie wußte, daß Sterling viel zu einfältig war, um ihre Scheinheiligkeit zu bemerken, und außerdem war sie sich sehr wohl bewußt, wie sehr sie Margaret damit ärgerte.

Sterling strahlte bei den Worten Rebeccas, die er für anerkennend hielt. »Nun, ich muß sagen, daß ich wirklich entzückt bin, zwei junge Engländerinnen kennengelernt zu haben, die sich so sehr für unsere Geschichte interessieren. Die meisten jungen Frauen von heute scheinen nicht viel für die Vergangenheit übrig zu haben.«

Rebecca bedachte ihn mit einem weiteren strahlenden Lächeln. »Oh, uns interessiert sie sehr. Besonders was Pirate’s Bank betrifft. Edouard Molyneux ist nur ein entfernter Cousin von uns, und wir wissen sehr wenig über ihn und seine Heimat. Und ich bin der Meinung, man sollte soviel wie möglich über eine Gegend, die man besucht, erfahren. Meinen Sie nicht, Sir?«

Sterling antwortete mit einem breiten Lächeln, bei dem er große, ziemlich gelbe Zähne zeigte. Er ähnelt sehr einem alternden Pferd, dachte Rebecca und bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. Sie durfte ihn nicht merken lassen, daß sie sich über ihn lustig machte, jedenfalls nicht, bevor er ihnen alles erzählt hatte, was er über Pirate’s Bank und die allem Anschein nach recht extravagante Familie Molyneux wußte.

»Sie sagten, daß Pirate’s Bank in früheren Zeiten ein Anlegeplatz für Piraten war?«

Sterling nickte. »Ja, in der Tat. Daran gibt es keinen Zweifel. Die Überlieferung behauptet sogar, daß dort noch ein Schatz vergraben sei, obwohl ich zugeben muß, daß bis jetzt noch niemand etwas davon gefunden hat.«

»Und die Molyneux, wann sind sie auf die Insel gekommen?«

»Das genaue Datum ist mir nicht bekannt, aber es ist ungefähr fünfzig Jahre her, daß Jean Molyneux das Haus der Tollheiten für seine Braut Mignon bauen ließ.«

»Sie sagten ›Haus der Tollheiten‹? Hat er sein Heim so genannt? Das scheint mir sehr ungewöhnlich.«

Sterling lachte und zog ein großes, spitzenbesetztes Taschentuch aus der Tasche, um sich die Stirn abzuwischen. Er schätzte sich überaus glücklich über den Zufall, der ihn mit zwei so charmanten Reisebegleiterinnen zusammengeführt hatte, auch wenn sie Engländerinnen waren.

Die kleinere der beiden, Rebecca, war eine echte Schönheit; jung, doch an den richtigen Stellen gut gebaut, und ihre dunklen blauen Augen waren wirklich aufregend, vor allem im Gegensatz zu ihrer vornehmen blassen Haut und dem silberblonden Haar. Er hatte noch nie eine Frau mit einer so hellen Haut gesehen, wie vermutlich die meisten Südstaatler nicht. Sie würde bald die Aufmerksamkeit der Männer auf sich ziehen, das war sicher, und er wollte sich gerne rühmen, der erste zu sein, der sie kennengelernt hatte. Die andere junge Frau, Margaret, war es sicher ebenfalls wert, daß man ein zweites Mal hinsah, besonders wenn man sie allein betrachtete. Doch ihr weiches braunes Haar, die haselnußbraunen Augen und die ruhigen Züge erschienen eher nichtssagend und durchschnittlich, verglichen mit der strahlenden Schönheit ihrer Cousine.

»Sir, Sie wollten uns erklären, warum Cousin Edouards Heim das ›Haus der Tollheiten‹ genannt wurde.«

Sterling, dem zu spät bewußt wurde, daß seine abschweifenden Gedanken die Unterhaltung ins Stocken gebracht hatten, war etwas verwirrt. Diese Frau, diese Rebecca Trenton, war ohne Zweifel eine aufregende Person.

»Ja, natürlich. Ich bitte ergebenst um Verzeihung, Ma’am. Ich versuchte gerade, mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Es war selbstverständlich nicht der Vater Ihres Cousins, der dem Haus diesen Namen gab, sondern einige seiner Freunde und Leute aus der Gegend. Der Name, den Molyneux diesem Ort gab, war – und ist immer noch – sehr schön: Maison de Rêverie, Haus der Träume. Doch die Architektur des Hauses war für die damalige Zeit etwas extrem, wissen Sie. Viele Leute halten sie auch heute noch für außergewöhnlich.«

»Maison de Rêverie. Was für ein hübscher Name! Klingt das nicht schön, Margaret?«

Rebecca stieß Margaret nicht allzu sanft gegen den Arm, und ihr eindringlicher Blick forderte die andere junge Frau auf, sich endlich an der Unterhaltung zu beteiligen, wenn sie sich nicht den Zorn ihrer Cousine zuziehen wollte.

Margaret seufzte schwer. Immer mußte sie Rebecca in irgendeiner Weise nachgeben; seit sie sich erinnern konnte, war das so gewesen. Sie bewunderte ihre Cousine wegen ihrer Schönheit und ihrer Fähigkeit, sich das Leben nach ihren Bedürfnissen einzurichten, doch oft wünschte sie sich, Rebecca wäre etwas weniger herrschsüchtig und den Wünschen anderer Menschen gegenüber etwas toleranter. Was Mr. Sterling zu erzählen hatte, war alles sehr interessant, ohne Zweifel, und bei einer anderen Gelegenheit hätte sie es sicher genossen, ihm zuzuhören. Aber zur Zeit war sie nach einer strapaziösen Reise aus Indien gesundheitlich sehr mitgenommen, und die drei Tage, die sie in Charleston zum Ausruhen verbracht hatten, hatten keineswegs ausgereicht, um im vollen Besitz ihrer Kräfte wieder zu sein.

Und jetzt befanden sie sich bereits auf einem Schiff, auf dem Weg zu einer Insel, die sie noch nie gesehen hatten, und zu Verwandten, die sie nicht kannten. Nach allem, was Margaret über die Vereinigten Staaten gelesen hatte, war sie zu dem Schluß gekommen, daß dieser Teil des Landes möglicherweise noch nicht einmal zivilisiert sei. Wie konnte Rebecca nur so vergnügt sein? Woher nahm sie ihre Energie und Stärke?

Nun ja. Es wäre immer noch einfacher, Rebeccas Wünschen nachzugeben, als ihr Mißfallen zu erregen.

Margaret sagte: »Ja, wirklich, das hört sich sehr hübsch an, Mr. Sterling. Ist die Insel selbst schön? Viele Inseln, an denen wir vorbeigekommen sind, schienen sehr stark bewaldet zu sein.«

Sterling lächelte und nickte sehr zufrieden darüber, daß beide Frauen seinen Worten lauschten.

»O ja, sie ist schön, obwohl sie, soviel ich weiß, nicht mehr mit dem zu vergleichen ist, was sie früher einmal war. Edouard hält das Haus in einem sehr guten Zustand, und auch das anschließende Land ist sehr gepflegt, aber ich befürchte, den Rest der Insel hat er etwas vernachlässigt, so daß sie sich mehr oder weniger wieder in ihrem Urzustand befindet.«

Margarets Interesse war unwillkürlich erwacht, und sie beugte sich vor. »Was wollen Sie damit sagen, Sir? War sie nicht immer in ihrem ›Urzustand‹?«

Sterling kicherte in sich hinein. »O nein. Ich habe sie zwar in früheren Zeiten nicht gesehen, da ich nicht ganz so alt bin, aber ich weiß, was man sich darüber erzählt, und außerdem gibt es Bilder und Skizzen des Malers Polydoro, der sehr berühmt war und ein enger Freund der Familie Molyneux.

Früher war die ganze Insel eine gestaltete Landschaft, mit verschlungenen Pfaden, kleinen Tempeln, versteckten Gärten und seltenen Pflanzen und Bäumen. Jean Molyneux nannte sie sein verzaubertes Königreich, und nach allem, was ich gehört habe, traf das genau zu. Man sagt, daß er seine kleine Insel tatsächlich wie ein König regierte, umgeben von einem Hofstaat von Freunden und Bekannten, von denen die meisten auf ihre Weise sehr berühmt waren. Ja, Berühmtheiten und Halbberühmtheiten mischten sich dort mit der Halbwelt. Es ging das Gerücht …« Er warf Rebecca einen listigen Blick zu. »Aber vielleicht sollte ich Ihnen das nicht erzählen. Vielleicht ist das für die Ohren von zwei wohlerzogenen jungen Damen eine Beleidigung.«

Rebecca, die wußte, daß er darauf brannte, sich mit seiner Erzählung in etwas schlüpfrigere Bereiche vorzuwagen, lächelte ihn an und warf ihm einen koketten Blick zu. »Oh, Sie sind gemein. Sie müssen fortfahren. Sie können uns doch nicht so auf die Folter spannen.«

Sterling nahm die Gelegenheit wahr, um etwas näher an Rebecca heranzurücken und ihr einen eindeutigen Blick zuzuwerfen. Sterling verstand etwas von weiblicher Mode, und er erkannte, daß sie sehr modisch und vorteilhaft gekleidet war. Ihr Kleid aus blauem Batist brachte ihre Figur bestens zur Geltung. Und die Kleine hatte einen wundervollen Busen!

In diesem Moment schlingerte das Boot, und Sterling streckte die Arme aus, um sie zu halten, aber Rebecca entzog sich geschickt seinem Griff. Um von der peinlichen Situation abzulenken, fing Sterling schnell wieder an zu sprechen. »Wie unangenehm. Es scheint, wir müssen mit schlechtem Wetter rechnen, vielleicht einem Gewitter. Aber ich nehme an, Sie beide werden noch rechtzeitig vorher an Land gehen. Ich werde wohl weniger Glück haben. Nun, wo war ich stehengeblieben?«

»Sie waren im Begriff, uns etwas über das mysteriöse Treiben des ›Hofstaates‹ von Jean Molyneux zu erzählen.« Rebeccas Augen blickten kühl, und Sterling, der möglichst rasch ihr Wohlgefallen zurückerlangen wollte, beeilte sich fortzufahren.

»Ja, genau. Nun, wie Sie sicher schon gemerkt haben, war Jean Molyneux seiner Zeit weit voraus. Er war selbst künstlerisch veranlagt, ein begabter Maler und Bildhauer. Er hatte das Maison de Rêverie entworfen. Und die meisten seiner Freunde gehörten zur Welt der Kunst – es waren Maler, Schriftsteller, Schauspieler, Sänger und generell Kunstfreunde. Molyneux lud sie alle auf seine Insel ein, wo er und seine Frau verschwenderische und, wenn man den Gerüchten glauben darf, etwas anstößige Feste gaben.«

»Und was für ein Mensch war er persönlich? Wissen Sie das?«

»Ein sehr charmanter Mann, wie man sagt. Gutaussehend und geistreich. Doch man sagt auch, daß er unbeherrscht und jähzornig gewesen sei, daß seine Zornesausbrüche jedoch nicht lange angehalten hätten und er ein Freund ›abartiger‹ Unterhaltung gewesen sei.«

Rebecca spürte, wie Margaret zusammenzuckte, und mit einem verschmitzten Blinzeln fragte sie: »In welcher Hinsicht ›abartig‹, Mr. Sterling?«

»Das sind natürlich alles nur Gerüchte, uralte Geschichten. Aber wo Rauch ist… Wie dem auch sei, es wird behauptet, daß Edouard und Mignon auf der Insel sonderbare Riten abhielten, mit merkwürdigen Spielen, ein Zeitvertreib, bei dem sogar ihre Kinder teilnehmen durften. Natürlich fanden die üblichen Ausschweifungen statt – maßlose Trinkgelage und reges Hin und Her zwischen den Schlafzimmern …«

Margaret schnappte entsetzt nach Luft, und Sterling heuchelte Betroffenheit. »Oh, meine liebe junge Dame, es tut mir entsetzlich leid. Ich vergaß mich. Bitte vergeben Sie mir.«

Margaret wandte das Gesicht ab, aber Rebecca, die genau wußte, daß dem alternden Lebemann klar war, was er tat, nickte nur gelassen. »Dann waren sie also sehr fortschrittliche Leute, Jean Molyneux und seine Frau? Und reichlich sonderbar, so scheint es. Ich nehme an, sie sind beide tot?«

Sterling nickte, und da er fürchtete, er könnte zu weit gegangen sein und die Sympathie seines Publikums eingebüßt haben, sprach er schnell weiter. »Ja, so ist es. Sie sind seit vielen Jahren tot, doch selbst die Umstände ihres Todes waren ungewöhnlich. Mignon wurde im Turmzimmer gefunden, ganz in Weiß gebettet und mit auf der Brust gefalteten Händen. Man sagt, die Ärzte hätten keine Todesursache feststellen können. Und Jean …« Hier senkte Sterling die Stimme und machte ein Gesicht, das er für geheimnisvoll hielt. »Man fand Jean mit einem Strick um den Hals im Jagdzimmer hängen.

Sein Sohn, Ihr Cousin Edouard, fand die beiden. Er war damals noch ein Kind. Sie können sich den Schock vorstellen.«

Margarets zartes, empfindsames Gesicht war blaß geworden. »Ich glaube, ich gehe und kümmere mich um unsere Sachen, Rebecca, wenn du nichts dagegen hast. Vielleicht kommst du mit? Wir werden bald an Land gehen, oder nicht?«

Rebecca lächelte und tätschelte ihrer Cousine mitfühlend die Schulter. »Natürlich, meine Liebe. Du siehst wirklich etwas erschöpft aus.« Sie hatte von Sterling erfahren, was sie wissen wollte, und wollte ihn jetzt loswerden. Sie wandte sich an ihn. »Margaret verträgt Seereisen nicht besonders, wissen Sie, und ich war gedankenlos. Aber unsere kleine Unterhaltung war sehr interessant. Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, Sir, daß Sie uns so großzügig an Ihrem Wissen teilhaben ließen. Ich habe das Gefühl, daß ich jetzt über Pirate’s Bank und die Geschichte der Familie Molyneux viel besser Bescheid weiß.«

»Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite, meine Liebe. Ich hoffe, Sie erlauben mir, daß ich Sie während Ihres Aufenthalts auf der Insel besuche. Wie ich Ihnen schon sagte, wohne ich in Beaufort auf der Insel Port Royal, die nicht weit von Pirate’s Bank entfernt liegt. Und ich würde mich überaus glücklich schätzen, wenn Sie mich einmal besuchen kämen. Beaufort ist die einzige Ortschaft in der ganzen Gegend, und alle machen in den Geschäften dort ihre Einkäufe.«

Obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, welche Veranlassung sie haben könnte, diesen Mann zu besuchen, neigte Rebecca anmutig den Kopf und sagte: »Selbstverständlich, Sir. Margaret und ich wären entzückt. Aber jetzt müssen wir uns um unsere Sachen kümmern. Oh! Ist das dort vorn schon Pirate’s Bank?«

Als ob sie alle Marionetten wären, von derselben Hand geführt, wandten alle gleichzeitig den Kopf in Richtung einer leichten, grün bewachsenen Erhebung, die vor dem Bug zu schweben schien.

Sterling beugte sich vor, um durch die hereinbrechende Dämmerung zu der Insel zu sehen. »Ja, wirklich. Das ist Pirate’s Bank. Ihre charmante Gesellschaft hat die Zeit im Fluge vergehen lassen.«

Rebecca machte an diesem Nachmittag zum erstenmal eine Bewegung, hinter der keine Berechnung steckte, indem sie aufgeregt den Arm ihrer Cousine ergriff. »Da ist es, Margaret«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Pirate’s Bank! Wie wird es wohl wirklich dort sein?«

Auf dem hölzernen Anlegesteg von Pirate’s Bank stand Armand Molyneux mit weit gespreizten Beinen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt; sein dunkles, kantiges Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck, was ihn älter als vierundzwanzig Jahre erscheinen ließ. Er hatte breite Schultern und kräftige Beine, und schon als Heranwachsender hatte er eher den Eindruck eines Mannes als den eines Knaben gemacht. Neben ihm kauerten zwei schwarze Männer, einer fast noch ein Knabe, der andere in mittlerem Alter.

Armand blickte mit mürrischen und harten Augen dem sich nähernden Schiff entgegen. Er hatte eine Menge Arbeit zu erledigen, und er hatte weder Lust noch Begabung für die Aufgabe, die ihm sein Vater übertragen hatte. Es hätte doch auch jemand anders diese beiden entfernten Cousinen abholen können, die sie jetzt für wer weiß wie lange besuchen kamen. Der ganze Nachmittag war verdorben. Er mußte die beiden jungen Frauen und ihr Gepäck zum Haus bringen, und wenn er sich endlich einigermaßen anständig aus dem Staub machen konnte, wäre der Arbeitstag zu Ende – nicht nur für ihn selbst verschwendet, sondern auch für die Männer, die er von ihrer normalen Arbeit zum Gepäcktragen hatte abziehen müssen. Armand kannte sich mit Frauen nicht sonderlich gut aus, aber er wußte immerhin so viel, daß die beiden Neuankömmlinge bestimmt mit jeder Menge Gepäck anreisen würden.

Wenn nur Jacques zu Hause gewesen wäre – solche Aufgaben fielen eindeutig mehr in den Bereich seines Bruders –, aber Jacques war mit ihrem Vater Edouard wegen irgendwelcher geschäftlichen Angelegenheiten in Savannah. Jacques hätte gewußt, wie man sich mit jungen Damen unterhält. Er wäre höflich und charmant gewesen, und vor allem hätte er die Aufgabe genossen. Edouard hätte das Abholen ebenfalls mit Leichtigkeit erledigt. Nur ihm, Armand, fehlte es an gesellschaftlichem Schliff, so wie es ihm an vielem fehlte, das sein Vater gern bei ihm gesehen hätte.

Eine leichte Brise kam auf, und das Wasser kräuselte sich leicht. Pirate’s Bank lag nur wenige Meilen von der Küste von South Carolina entfernt, und es war keineswegs die am weitesten im Meer liegende Insel der kleinen Gruppe, zu der sie gehörte, aber bei ungünstigem Wetter konnte das Wasser ringsherum sehr gefährlich werden, und im Moment sah es ganz so aus, als ob sich ein Sturm zusammenbraute.

Der kleine Küstendampfer schien schwer gegen den Wind anzukämpfen, während er sich der Anlegestelle näherte. Armands volle Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Wenn seine beiden Cousinen Seereisen nicht gut vertragen konnten, würden sie in ziemlich mitgenommenem Zustand von Bord kommen. Er verstand selbst nicht, warum ihn dieser Gedanke mit Genugtuung erfüllte, aber so war es. Vielleicht weil die beiden Frauen von vornherein in einer schwächeren Position wären, wenn sie durchnäßt und seekrank ankämen. Und er würde sich dann weniger unbeholfen vorkommen. Das war keine besonders ehrenhafte Einstellung gegenüber Verwandten, wie entfernt die Verwandtschaft auch sein mochte. Aber jedenfalls war er sich selbst gegenüber ehrlich.

Seine düstere Stimmung verflog etwas, er ging zu den beiden Schwarzen, und gemeinsam begaben sie sich an die Kante des Anlegestegs und stellten sich so auf, daß sie die Leinen auffangen konnten, wenn das Schiff nah genug herangekommen war.

Armands erster Eindruck von seinen Cousinen war durch das Anlegemanöver etwas verwischt. Verschwommen nahm er bunte Kleider, blasse Gesichter und mädchenhafte Stimmen wahr.

Die bewegte See machte das Aussteigen etwas schwierig, und die enge Kleidung und die zarten Schühchen der jungen Damen erwiesen sich als hinderlich. Armand streckte der ersten die Hand entgegen – sie schien auf der Laufplanke angewurzelt zu sein – und packte sie unter dem Arm. Er hob sie auf den Steg, wo sie taumelnd und mit vor Angst und Überraschung weit aufgerissenen Augen aufkam. Sie war mit irgend etwas Rosafarbenem bekleidet. Hübsch, vermutete Armand.

Als er sich wieder zur Laufplanke umdrehte, um der anderen zu helfen, sah er, daß sie es allein schaffte. Als sie auf den Steg trat, erstarrte er wie vom Blitz getroffen. Eine Frau wie diese hatte er noch nie gesehen. So strahlend hell, als wäre sie nicht aus Fleisch und Blut; sie schien in der feuchten, sturmgrauen Luft zu glühen. Ihr Anblick brannte ihm in den Augen. Er merkte, daß er sie anstarrte, aber konnte den Blick nicht von ihr lassen. Sie war die aufregendste Frau, der er je begegnet war.

Und dann bemerkte er, daß ihn ihre tiefblauen Augen leicht amüsiert betrachteten, und er fand seine Fassung wieder. Er kam sich töricht vor und ärgerte sich, daß er so außer sich geraten war.

Die Männer trugen das Gepäck heran – stapelweise –, und Armand war froh, daß er seine Aufmerksamkeit einen Moment etwas anderem als den beiden Frauen zuwenden konnte.

Als er sich ihnen wieder zuwandte, tat er es mit untadeliger, aber oberflächlicher Höflichkeit.

Er vollführte eine ungelenke kleine Verbeugung. »Ich bin Armand Molyneux und stehe zu euren Diensten. Ich bin hier, um euch zum Haus zu bringen, Willkommen auf Pirate’s Bank und willkommen im Maison de Réverie.«

Die größere der beiden, diejenige, die er auf den Steg gehoben hatte, nickte leicht. Ihr Gesicht war sehr blaß, und sie schwankte ein wenig, als sich ihre Blicke trafen. »Ich bin deine Cousine Margaret«, sagte sie mit betont englischem Akzent. »Ich fühle mich nicht sehr gut. Ich wäre sehr dankbar …«

Armand verbeugte sich erneut. »Natürlich. Ihr seid erschöpft. Ich habe die Kutsche mitgebracht. Die Fahrt zum Haus dauert nur ein paar Minuten. Die Männer werden das Gepäck im Karren nachbringen. Wenn ihr mir bitte folgen würdet.«

Rebecca war trotz ihrer Müdigkeit und der feuchten, drükkenden Luft gespannt und aufgeregt. Mr. Sterling hatte in einem Punkt recht gehabt; die Insel – wenigstens das, was sie von dem Anlegesteg aus sehen konnte – war wirklich sehr schön, selbst im trüben Licht des Unwetters. Ein schmaler weißer Sandstrand, unterbrochen von grasbewachsenen Dünen, grenzte an einen Wald. Mit seinem üppigen Bewuchs von großen Bäumen, blühenden Büschen und Ranken duftete der Wald wie ein riesiges Gewächshaus.

»Es sieht wirklich alles wie verzaubert aus, nicht wahr?« flüsterte sie Margaret zu.

Die kleine Kutsche, die auf dem Weg am Rand des Stegs abgestellt war, war hübsch verziert, und das Pferd davor schien von edlem Geblüt. Es war offensichtlich, daß sich Cousin Edouard auf schöne Dinge verstand und sich damit umgab.

Was den jungen Mann betraf, der gekommen war, um sie abzuholen, ihren Cousin Armand – nun, sein Benehmen hätte noch einen gewissen Schliff vertragen, doch er war ein gutaussehender Bursche, auf eine wilde, urtümliche Art. Kräftige Beine zeichneten sich unter der enganliegenden Hose ab, der blaue Rock umspannte breite Schultern, und die weiße Weste brachte sein ungebändigtes schwarzes Haar, dem sicher ein Schnitt nichts geschadet hätte, gut zur Geltung. Rebecca fragte sich einen Augenblick lang, ob die ganze Familie wohl so gutaussehend wäre, und hoffte, daß nicht alle ebenso mürrisch seien.

Als sie Margarets Arm ergriff, war sie ein wenig peinlich berührt, wie müde und erschöpft ihre Cousine aussah. Margarets normalerweise rosiges Gesicht war weiß wie Milch, und ihre Augen waren von dunklen Schatten umrandet. Rebecca erkannte, daß sie von Margaret nicht hätte verlangen sollen, daß sie mit ihr an der Reling stehen blieb; sie hätte ihr einen Sitzplatz verschaffen und sie ausruhen lassen sollen, aber sie war so voller Energie und so überschwenglich gewesen, daß sie nicht daran gedacht hatte, daß Margaret nicht ihre körperliche Konstitution besaß. Sie mußte wirklich versuchen, weniger egoistisch zu sein.

Jetzt tätschelte sie zärtlich den Arm ihrer Cousine. »Komm, Margaret, wir bringen dich zum Haus, wo du dich hinlegen kannst.«

Margaret sah ihre Cousine dankbar an. Trotz ihrer eigenwilligen Art konnte Rebecca überraschend mitfühlend und liebevoll sein, wenn man es am wenigsten von ihr erwartete, und das Unerwartete dabei machte einen um so dankbarer für ihre Freundlichkeit.

Armand half ihnen beiden mit abgewandtem Gesicht in die Kutsche, nahm selbst Platz und gab dem Pferd die Peitsche. Einen Augenblick später setzten sie sich auf der gutgepflegten Straße in Bewegung, die von dem Steg weg unter großen grünen Bäumen hindurch und an reizvollen Bauerngärten mit derben Zäunen und bunten Blumen vorbei zum Haus führte.

All das war wunderschön, ohne Zweifel, aber irgend etwas an der Üppigkeit der Pflanzen – die pralle Reife – bereitete Margaret Unbehagen. Die Luft, drückend vor dem drohenden Gewitter, fühlte sich an wie eine heiße, feuchte Decke, die sich ihr auf die Schulter legte. Nicht zum erstenmal seit Beginn ihrer Reise fragte sich Margaret nach dem Sinn und Zweck dieses Unternehmens, und sie wünschte, sie wäre wieder bei ihren Eltern in Poona. Obwohl sie selten darüber sprach – es war eine sehr zweifelhafte Gabe, für die sie sich schämte und vor der sie sich fürchtete –, hatte Margaret schon seit der Kindheit merkwürdige Zukunftsvisionen. Diese Tatsache war an sich schon schlimm genug, aber die Erfahrung hatte ihr gezeigt, daß ihre Ahnungen sehr oft Wirklichkeit wurden. Auch kurz vor Antritt dieser Reise hatte sie solche Ahnungen gehabt, aber da sie alle bedrängt hatten, ihre eigene Familie, Rebecca und deren Familie, war sie machtlos gewesen, ihre Befürchtungen auszudrücken. Wie hätte sie sie denn auch formulieren sollen?

Jetzt, da die kleine Kutsche so flink über die schmale Landstraße holperte, sah Margaret hinüber in Rebeccas strahlendes Gesicht und wünschte sich inniglich, daß sie genauso lebensfroh und furchtlos in die Zukunft blicken könnte wie diese. Rebecca war immer neugierig auf das, was ihr das Leben als nächstes bescherte. Schließlich, dachte Margaret, bewahrheiteten sich ihre Ahnungen auch nicht immer. Vielleicht beruhten ihre Befürchtungen für die Zukunft in diesem Fall einfach auf der Tatsache, daß sie zum erstenmal so weit entfernt von ihren Eltern war und von dem Land, in dem sie die meiste Zeit ihres einundzwanzigjährigen Lebens verbracht hatte.

Verwirrt und durcheinander griff sie nach Rebeccas Hand, als hoffte sie, daß diese feste Berührung etwas von Rebeccas Stärke auf sie übertrug. So näherten sie sich dem Maison de Rêverie, das Mr. Sterling so beängstigend dargestellt hatte.

Kapitel 2

Die Sitzbank der Kutsche war kaum breit genug, daß sie alle drei darauf Platz hatten, und Rebecca war sich deutlich bewußt, daß ihr Schenkel den ihres ihr noch ziemlich fremden Cousins berührte. Sie bildete sich ein, daß sie Armands Körperwärme durch den dünnen Stoff ihres Kleides spüren konnte, und das war eine sehr anregende Vorstellung. Sie merkte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Armand war zwar nicht besonders unterhaltsam, aber er sah sehr gut aus, und er strahlte eine urtümliche Vitalität aus, die auf eine gewisse Kraft schließen ließ.

Sie lächelte in sich hinein und überlegte, wie diese Berührung wohl auf ihn wirken mochte. Obwohl sie noch Jungfrau war, wußte Rebecca eine ganze Menge über Männer und deren Bedürfnisse.

Manchmal kam es ihr vor, als wäre sie mit dem Wissen auf die Welt gekommen, wie man sich Knaben und Männer gegenüber verhält, und schon seit frühester Kindheit waren diese von ihr angezogen. Als sie zur Frau heranreifte, fing sie an, Notiz von der Wirkung zu nehmen, die sie auf das andere Geschlecht hatte. Sie wurden über und über rot im Gesicht, fingen an zu stammeln, und auch andere Veränderungen waren ihr nicht entgangen. Es war mitleiderregend einfach, einen Mann, jeden Mann, durcheinanderzubringen, indem sie sich einfach dicht an ihn stellte oder sich so vorbeugte, daß er ihr in den Ausschnitt sehen konnte; es war so einfach, daß es eigentlich fast schon langweilig war.

Über ihre eigenen Gefühle behielt sie jedoch im allgemeinen vollkommen die Beherrschung. In diesem Moment war es für sie eine interessante Erfahrung, daß sie bei der Berührung mit ihrem gutaussehenden Cousin eine sonderbare Erregung spürte.

Um sich abzulenken, beugte sich Rebecca vor und betrachtete über den Rand der Kutsche die üppige Pflanzenpracht, die sich entlang der Straße durch die Zaunlatten drängte, und sie hielt Ausschau nach alten Tempeln und Türmchen, die nach Sterlings Erzählung immer noch auf der Insel verstreut sein mußten. Sie war im übrigen sehr begierig, das Haus zu sehen, und fragte sich, was Sterling wohl gemeint haben mochte, als er seine Architektur etwas ›extrem‹ genannt hatte.

Plötzlich machte die Kutsche auf der Straße eine Wendung und bog in eine elegante runde, mit weißen Kieselsteinen bepflasterte Auffahrt ein. Die Bogen der Auffahrt rahmten einen kunstvoll angelegten Garten ein, in dessen Mitte ein kleiner goldgelber Pavillon mit einem pagodenartigen Dach und fremdartigen Ornamenten stand.

Margaret entfuhr beim Anblick des Pavillons ein kleiner Schrei der Überraschung, während Rebecca von dem Haus selbst, dem Maison de Rêverie, so beeindruckt war, daß sie aufgeregt auf die Kante der Sitzbank vorrutschte.

Es war ein Gebäude von enormen Ausmaßen, und selbst das graue Licht des gewitterschwangeren Nachmittags konnte den matten Glanz der vergoldeten Fassade nicht trüben. Rebecca war noch nie in China gewesen, doch sie hatte Abbildungen von chinesischen Tempeln gesehen, und daran erinnerte sie dieses riesige Bauwerk. Kein Wunder, daß diese Architektur die Leute hier verblüfft hatte und sicher immer noch verblüffte. Keines der Häuser, die sie während ihres kurzen Aufenthalts in Charleston bewundert hatte, glich im entferntesten diesem auf eigenartige Weise schönen Gebäude mit den fremdartigen Dachlinien. Den Eingang des Hauses bildete ein großes, überdachtes Portal – eine Wiederholung der geschwungenen Dachform –, gestützt von hohen Säulen, die mit einem glänzenden Lack in einem dunkleren Goldton als dem des Hauses bemalt waren.

Genau in der Mitte war eine prunkvolle Tür mit zwei Flügeln angebracht, die mit Messing in spiralförmigen Ornamenten beschlagen zu sein schien. Aus dieser Entfernung konnte Rebecca es nicht genau erkennen. Die Ausmaße des Gebäudes wurden noch durch zwei vergitterte Außengänge vergrößert, die von ähnlichen Säulen wie das vordere Portal gestützt wurden. Diese beiden Gänge führten zu beiden Seiten im gleichen Bogen wie die Auffahrt um das Haus herum, und sie waren mit Wein und blühenden Ranken überwachsen. Überall im Garten und bei den Säulen standen Statuen im orientalischen Stil. Die Wirkung des Ganzen war überwältigend und verblüffend; kein Wunder, daß seine Erbauer es das ›Haus der Träume‹ genannt hatten.

Auf der obersten Stufe vor der Eingangstür stand eine große dunkelhaarige Frau in einem modischen Kleid in französischem Stil. Und neben ihr stand ein schlanker Mann, mit einem Gewand, wie es wohlhabende Männer in Ostindien trugen. Ein kleiner schwarzer Junge kam ums Haus gerannt, als die Kutsche sich den Stufen näherte.

»Du lieber Himmel!« rief Margaret aus.

Rebecca war nicht weniger erstaunt als ihre Cousine. Man hätte wirklich in diesem Teil der Welt alles mögliche erwartet, aber keinen Ostinder, und sie fragte sich sehr erstaunt, was ihn wohl an diesen unpassenden Ort verschlagen haben mochte und warum er dastand und sie mit dieser Frau erwartete, die nach Rebeccas Vermutung Felicity sein mußte, Edouards Frau und die Mutter von Armand und Jacques.

Inzwischen hatte der Rotbraune stampfend vor den Stufen angehalten, und Armand reichte die Zügel zu dem grinsenden schwarzen Jungen hinunter, der offensichtlich großes Vergnügen an seinem Job hatte, die Kutsche in den Stall zu fahren.

Armand sprang von der Kutsche und ging dann ohne ein Wort auf die andere Seite, wo er zuerst Margaret und dann Rebecca herunter half.

Als Rebecca sich auf den muskulösen Arm von Armand stützte, warf sie ihm einen kurzen Blick zu. Wenn er das leiseste Zeichen von Freundlichkeit zeigen würde, würde sie das mit einem Lächeln erwidern. Aber seine dunklen Augen waren unbeirrt geradeaus gerichtet, und seine abweisende Haltung versetzte ihr einen bisher für sie unbekannten Stich. Was war er doch für ein ungehobelter Klotz! Sie würde niemals mehr eine freundliche Annäherung auch nur in Betracht ziehen!

Sie nahm Margaret bei der Hand und ging langsam die breiten Treppen zu dem Portal hinauf. Sie sah mit neugieriger Erwartung zu den beiden Menschen hinauf, die sie oben erwarteten, und würdigte Armand keines Blickes, als er sich ihnen anschloß.

Die Frau war immer noch sehr attraktiv, obwohl sie schon älter sein mußte – mindestens fünfundvierzig –, und sie hatte ein ruhiges, sanftes Gesicht mit freundlichen haselnußbraunen Augen.

Der Mann hatte aus der Nähe betrachtet hellbraune, straffe Gesichtszüge mit einer Hakennase und tiefliegenden Augen. Seine Lippen waren schmal, ohne Lächeln, und sein Gesicht zeigte keinerlei Ausdruck oder Regung. Rebecca wunderte sich erneut über seine Anwesenheit. Er trug die Kleidung eines Hindus, der einer hohen Kaste angehörte, doch auf der Stirn hatte er kein Kastenzeichen.

Als sie die obersten Stufen der Treppe zum Portal erreicht hatten, ließ Rebecca Margarets Hand los und trat vor. »Cousine Felicity?«

Das Lächeln der älteren Frau wurde breiter. Sie legte die Hände um Rebeccas Schultern und küßte sie auf beide Wangen.

»Du mußt Rebecca sein! Natürlich bist du es. Deine Mutter hat mir geschrieben, daß du die blonde von beiden wärst.«

Sie ließ Rebecca los und wandte sich an Margaret, die sich ziemlich steif in Felicitys Umarmung fügte.

»Und dann bist du sicher Margaret. Ich freue mich sehr, daß ihr gekommen seid. Willkommen im Maison de Rêverie und auf Pirate’s Bank. Ich hoffe, Armand hat euch schon ein angemessenes Willkommen bereitet.«

Rebecca, die es vermied, Armand anzusehen, nickte kühl.

Margaret, die den unergründlichen Blick des Inders auf sich spürte, ließ Felicitys Begrüßung über sich ergehen und lächelte schwach. Sie konnte sich nicht erklären, warum die Anwesenheit des Inders ihr Unbehagen bereitete, da sie ja den größten Teil ihres Lebens in Indien verbracht hatte. Vielleicht lag es daran, daß er ihr hier, an diesem abgelegenen Ort, so deplaziert vorkam.

»Wir freuen uns auch, daß wir hier sind, Cousine Felicity«, hörte sie Rebecca sagen. »Es ist sehr freundlich von dir und Cousin Edouard, daß wir bei euch sein dürfen.«

Margaret wußte, daß sie jetzt auch etwas sagen mußte, und wiederholte murmelnd die Worte: »Sehr freundlich, daß wir bei euch sein dürfen.«

Sie bemerkte, daß Felicity, die ein hübsches, mütterliches Gesicht hatte, sie einigermaßen besorgt ansah. »Oh, meine Liebe, du siehst müde aus. Ich bin sicher, ihr habt eine lange und anstrengende Reise hinter euch, und wahrscheinlich wollt ihr zuerst ein Bad nehmen und euch etwas ausruhen. Ich habe Dhupta, der hier unser wichtigster Diener ist, gebeten, die Zimmermädchen oben anzuweisen, eure Zimmer vorzubereiten, und ihr werdet dort alles finden, was ihr braucht. Natürlich kann ich es kaum erwarten, alle Neuigkeiten von euren Familien zu erfahren und im einzelnen zu hören, wie die Reise war. Aber ich werde versuchen, meine Neugier zu zügeln, bis ihr euch etwas ausgeruht habt.«

»Ich werde euch jetzt zu euren Zimmern führen, und ihr seid bis zum Abendessen, das um acht serviert wird, vollkommen ungestört. Bis dahin werden Edouard und Jacques wohl auch aus Savannah zurück sein. Mein Mann hat mich gebeten, euch auszurichten, daß er es sehr bedauerte, daß er euch bei eurer Ankunft nicht willkommen heißen konnte. Nachdem wir erfahren hatten, daß ihr mit dem Boot diese Woche ankommen würdet, ist leider etwas Unvorhergesehenes dazwischengekommen. Er bittet euch um Vergebung, aber die Angelegenheit war dringend.« Sie klatschte in die Hände. »Oh, ich kann euch gar nicht sagen, wie erfreulich das sein wird, zwei junge Frauen im Haus zu haben!«

Margaret brachte ein weiteres Lächeln zustande. Felicity schien recht nett zu sein, aber sie redete auch ziemlich viel, und Margaret wußte jetzt schon, daß sie kaum etwas von dem, was hier geredet wurde, im Gedächtnis behalten würde. Sie war einfach zu erschöpft.

Felicity nahm die beiden jungen Frauen am Arm, während Dhupta, immer noch mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck, die großen Türflügel öffnete, die mit zwei kunstvoll gearbeiteten, aber unheilvoll dreinblickenden Drachen verziert waren, so daß sie nebeneinander in das kühle Innere des großen Hauses treten konnten.

Margaret war zu müde, um viel von der Einrichtung der weitläufigen, hohen Eingangshalle in sich aufzunehmen. Felicity geleitete sie und Rebecca zu einer breiten Treppe, die bis zum nächsten Stockwerk führte.

Über dem Treppenabsatz hing ein riesiger Leuchter, wie sie noch nie einen gesehen hatte. Er sah fremdartig und sonderbar aus, und sie spürte sein Gewicht über sich wie das eines Damoklesschwertes.

Als sie unter dem riesigen Leuchter hergingen, entdeckte sie zwei große Ölgemälde, die in geschnitzten, vergoldeten Rahmen an der Wand des Absatzes hingen.

Margaret verspürte kein Verlangen, sich in diesem Moment näher mit ihnen zu befassen, aber Rebeccas Hand auf ihrem Arm zwang sie zum Anhalten.

»Was für beeindruckende Porträts«, sagte Rebecca und hielt Margaret immer noch mit kräftigem Griff fest. »Die Art der Malerei ist sehr ungewöhnlich. Wer sind die Dargestellten?«

»Jean und Mignon Molyneux«, erklärte Felicity. »Die Porträts wurden von einem ihrer Freunde gemalt, von Polydoro, sechs Monate vor ihrem Tod. Man zählt diese Porträts zu seinen besten Arbeiten.«

Margaret, die nun nicht mehr umhin konnte, den Gemälden ihre Aufmerksamkeit zu widmen, sah hinauf in ein Paar dunkler Augen, von denen sie unwillkürlich gefangen war. Das Gesicht von Jean Molyneux war kein freundliches Gesicht. Er hatte ausgeprägte Wangenknochen, fast slawisch, und die tiefliegenden Augen schienen sowohl Arroganz als auch spöttische Belustigung widerzuspiegeln. Der Mund, mit vollen und schön geschwungenen Lippen, war für einen Mann entschieden zu sinnlich, dachte Margaret. Eine prächtige weiße Perücke umrahmte seine dunkelhäutigen Gesichtszüge und hob sie noch hervor, genauso wie der prunkvolle rote Samtumhang, den er trug.

Als sie den Blick dem Porträt der Frau zuwandte, hatte sie den gleichen unangenehmen Eindruck. Mignon Molyneux trug einen ähnlichen Umhang wie ihr Mann; die üppige Kapuze war zurückgeschlagen und umrahmte ihren langen, schlanken Hals und das schmale, blasse Gesicht.

Auch sie hatte dunkle Augen, doch sie waren viel größer als die ihres Mannes, und sie spiegelten etwas wider, das in Margaret eine Ahnung von finsteren Dingen auslöste. Das Haar der Frau war kastanienrot und in kunstvollen Locken und Spiralen hoch auf ihrem Kopf aufgetürmt. Sie hatte eine lange, aristokratische Nase und schmale rote Lippen, die irgendwie gierig erschienen.

Keines der beiden Gemälde stellte einen Menschen dar, dem Margaret besonders gern begegnet wäre, und sie drängte Rebecca zum Weitergehen.

Schließlich gelangten sie in das obere Stockwerk. Felicity führte sie in einen sonnigen Raum, in dem ein großes Himmelbett stand, daneben eine niedrige Kommode mit Waschgeschirr und weißen Leinentüchern, und auf einem hübschen Sheraton-Tischchen vor dem Fenster ein Tablett mit einem Krug, einem Glas, einer Schale mit Früchten, Käse und Gebäck.

Margaret lächelte Felicity unsicher an und flüsterte: »Danke.« Sie versuchte, keine unhöfliche Hast an den Tag zu legen, als sie die Tür fest schloß.

Der Himmel hatte sich etwas aufgeklärt, und ein Strahl der späten Nachmittagssonne fiel direkt durch Rebeccas Schlafzimmerfenster und umhüllte sie, die in ihrem Unterkleid auf der Chaiselongue ausgestreckt lag, mit einem durchsichtigen Schleier.

Sie griff nach einem der köstlichen Pfirsiche und biß in das süße, goldgelbe Fleisch, dessen Geschmack sie genoß. Sie war ausgehungert nach frischen Früchten, denn auf dem Schiff hatte es nur wenige gegeben.

Sie wußte, daß sie sich ausruhen sollte, doch obwohl ihr Körper müde war, arbeitete es in ihrem Kopf unentwegt weiter, so daß sie einfach nicht schlafen konnte. Margaret würde sicher schon in einen gesunden Schlaf gesunken sein.

Die Arme! Rebecca mußte vor sich hinlächeln. Margaret hatte so entsetzlich blaß ausgesehen. Rebecca hoffte, daß sie sich bis zum Abendessen besser fühlen würde, denn es würde ihr eigenes Vergnügen beeinträchtigen, wenn ihre liebe Freundin und Cousine nicht in der Lage wäre, an der Unterhaltung bei Tisch interessiert teilzunehmen. Außerdem würde sonst die allgemeine Stimmung des Abends gedrückt, und Rebecca wollte ihren ersten Abend in diesem sonderbaren, aber eleganten Haus uneingeschränkt genießen.

Sie hatte bis jetzt noch nicht viel von seinem Inneren gesehen, aber das, was sie gesehen hatte, gefiel ihr ausnehmend gut. Dieses Zimmer zum Beispiel war außerordentlich ansprechend: groß, sonnig, mit einer hohen Decke. Es war im Chippendalestil eingerichtet, und einige Chinoiserien schmückten den Raum. Die Rückenlehnen der Stühle zeigten die Form einer Pagode, und auch das wundervolle Chippendalebett mit den vier Pfosten sah wie eine kleine Pagode aus, mit einem Baldachin, der eine Nachbildung des geschwungenen Daches des Hauses zu sein schien.

Auf dem polierten Holzboden lag ein dicker orientalischer Teppich, seine Farben waren schon etwas verblaßt, aber das machte sie weicher und erhöhte noch seine Schönheit. Er schimmerte warm im Sonnenschein, und Rebecca ertappte sich dabei, wie sie sich in seinen Mustern verlor und darin merkwürdige Formen und Dinge sah, wie man sie manchmal in Wolken hineindeutete.

Vor sich hin dösend dachte sie daran, wie es wohl ihrer Mutter und ihrem Vater zu Hause gehen mochte, und einen Moment lang verspürte sie einen Anflug von Heimweh nach dem großen, luftigen weißen Haus in Poona, das von ihrer und Margarets Familie gemeinsam bewohnt wurde. Rebecca nahm sich vor, am nächsten Tag an ihre Eltern zu schreiben. Die Post nach Indien war schrecklich lange unterwegs, und sie machten sich sicher Gedanken um ihr Wohlergehen.

Natürlich hatte Margaret, die stets Pflichtbewußte, während ihres dreitägigen Aufenthaltes in Charleston bereits an ihre Eltern geschrieben, und Tante Mary würde den Inhalt dieses Briefes natürlich an ihre Schwester Amanda, Rebeccas Mutter, weitergeben. Es war also fast so, als ob Rebecca selbst geschrieben hätte. Trotzdem mußte sie sich auch zu einem Brief aufraffen, das hatte sie versprochen. Es war ja von ihren Eltern sehr großzügig gewesen, sie diese lange und kostspielige Reise unternehmen zu lassen.

Die Reise war als Volljährigkeitsgeschenk für sie und Margaret gedacht gewesen, damit sie ihre Kenntnisse erweitern konnten, denn sie hatten seit ihrem achten Lebensjahr in Indien gelebt und nur gelegentlich Reisen nach England unternommen.

Der ursprüngliche Plan für diese Reise war, daß sie zuerst nach London fahren und anschließend zusammen mit ihrer Großtante Lavinia Frankreich besuchen sollten. Doch kurz bevor alles in die Wege geleitet war, starb Lavinia völlig unerwartet, und leider gab es in England keine anderen Verwandten, die ihnen als Anstandsdame oder Reisebegleitung hätten dienen können. Sowohl die Trentons als auch die Downings hatten keine besonders große Verwandtschaft. Rebecca war ein Einzelkind, und Margaret hatte keine Geschwister außer einem älteren Bruder, der mit vierzehn an einem Fieber in Indien gestorben war.

Rebecca hatte versucht, ihre Mutter und ihre Tante zu überreden mitzukommen, aber keine der beiden Frauen wollte sich für eine so lange Zeit von ihrem Mann trennen. Rebecca, die sich sehr für Politik und das Geschehen in der Welt interessierte, wußte sehr wohl, daß viel über Unruhen unter den Indern in ihrer Gegend geredet wurde, und da sie ihre Mutter kannte, vermutete sie, daß das ein Grund dafür war, daß sie ihren Mann nicht allein lassen wollte.

Amanda Trenton war aus hartem Holz geschnitzt – eine Frau, die ihrem Mann in jeder Situation zur Seite stand. Rebecca bewunderte ihre Mutter, begriff aber nicht ganz, wie man als Frau so empfinden konnte, einen Mann so zu lieben, daß man ihm nicht von der Seite wich, auch wenn man dadurch das eigene Leben in Gefahr brachte. Rebecca war noch keinem Mann begegnet, der in ihr solche Gefühle hervorrufen könnte.

Jedenfalls schien nach dem Tod von Großtante Lavinia die Reise nach London unmöglich. Die beiden jungen Frauen hatten sich schon damit abgefunden, in diesem Jahr eben keine Reise unternehmen zu können. Doch dann bekamen sie einen Brief vom Cousin von Rebeccas Mutter, Edouard Molyneux aus dem Staat South Carolina in den Colonies.

Eigentlich waren es seit dem Freiheitskrieg nicht mehr die Colonies. Inzwischen hießen sie die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber wie sie sich nannten, war für sie von geringer Bedeutung. Entscheidend war, daß Cousin Edouard, mit dem Rebeccas Vater seit Jahren eine nicht sehr regelmäßige, doch beständige Korrespondenz unterhielt, in seinem letzten Brief vorgeschlagen hatte, daß Rebeccas Vater doch gemeinsam mit seiner Familie die amerikanischen Verwandten in dem neuen Land besuchen sollte, wann immer er Zeit hätte und sein Amt es ihm gestattete.

Daraufhin gingen weitere Briefe hin und her, und schließlich wurde vereinbart, daß Rebecca und Margaret doch noch zu ihrer Reise kommen sollten, wenn auch mit einem ungewöhnlichen Ziel und etwas später, als ursprünglich geplant – denn zu dem Zeitpunkt war es für eine solche Reise schon zu spät im Jahr, und sie mußten bis zum nächsten Frühjahr warten.

Als dann endlich der Tag ihrer Abreise kam, war Rebecca fast froh darüber, daß sie nicht nach England fuhren, denn sie war sehr begierig darauf, diese neuen Vereinigten Staaten kennenzulernen.

Außerdem hörten sich die Nachrichten aus England ungeheuer bedrückend an. Das, was Rebeccas Vater als ›Wirtschaftsdepression‹ bezeichnete, hielt an, und Anfang des Jahres war es bei der Parlamentseröffnung zu heftigen Unruhen gekommen. Auf den Prinzregenten war ein Anschlag verübt worden.

Kurze Zeit später wurden weitere Umsturzpläne und Aufwiegelungen bekannt, was zu neuen Exekutionen und zu einer Kette von Unruhen führte. Schließlich hatte es den Anschein, als wäre London kein sicherer Ort mehr für anständige Leute.

Natürlich war Rebecca klar, daß auch dieses neue Land etliche Gefahren barg. Sie hatte Berichte über die Indianer gelesen, die große Gebiete unbesiedelten Landes unsicher machten, aber Cousin Edouard hatte ihre Eltern in seinen Briefen überzeugt, daß das Leben auf seiner Insel, Pirate’s Bank, alle Annehmlichkeiten böte und vollkommen ungefährlich sei, und daß Savannah in Georgia, wo Edouard im Winter wohnte, viele reizvolle Häuser und öffentliche Gebäude hätte und ein überaus abwechslungsreiches Gesellschaftsleben ermöglichte.

Nun, was Pirate’s Bank betraf, hatte er auf jeden Fall nicht die Unwahrheit gesagt. Soweit sich das bis jetzt beurteilen ließ, verfügte man hier über jeglichen Komfort, und es lag ein Hauch von Abenteuer in der Luft, der Rebecca nicht mehr los ließ, seit sie den Fuß auf den Anlegesteg gesetzt hatte. Sie fühlte ganz deutlich, daß sie in diesem Sommer etwas wirklich Wundervolles erleben würde. Daran hatte sie gar keinen Zweifel.

Benommen wachte Rebecca auf, und es dauerte einige Augenblicke, bis ihr bewußt wurde, daß sie doch eingeschlafen war. Der Sonnenstreifen war verschwunden, und der Himmel vor dem Fenster war dunkler geworden.

Die Geräusche, die sie aufgeweckt hatten, wiederholten sich jetzt – das Stampfen von Pferdehufen, das Klirren von Geschirr und die Stimmen von Männern.

Rebecca stand von der Chaiselongue auf und ging hinüber zum anderen Fenster. Sie blickte hinaus zur Vorderseite des Hauses, zur Auffahrt und in den Garten.

Unten sah sie die Kutsche, mit der Armand sie und Margaret abgeholt hatte. Zwei Männer stiegen aus.

Einen Augenblick lang überlegte sie, wer die beiden wohl sein mochten, doch dann fiel ihr ein, daß Felicity davon gesprochen hatte, daß Edouard und der andere, Jacques, nach Savannah gefahren waren und zum Abendessen zurückerwartet wurden.

Inzwischen war sie völlig wach geworden, und sie zog den Vorhang halb zu, da sie unbekleidet war, und schaute durch den Spalt.

Die beiden Männer hatten fast die gleiche Größe und den gleichen Körperbau, und beide sprachen mit kräftiger, tiefer Stimme. Aus ihrem Blickwinkel war es nicht leicht, ihre Gesichter zu erkennen, aber dann nahm der eine der beiden beim Hinaufsteigen der vorderen Treppe den Hut ab, und sie sah einen Kopf mit dichtem, welligen kastanienroten Haar, das mit einem schwarzen Band hinten zusammengebunden war. Das mußte sicher Jacques sein, denn Cousin Edouard war bestimmt älter.

Als der Mann auf der obersten Stufe angekommen war, hielt er inne und warf den Kopf zurück.

Rebeccas erste instinktive Reaktion war, sich zurückzuziehen, aber sie zwang sich stehenzubleiben, während der Mann heraufsah und den Eindruck erweckte, genau auf das Fenster zu starren, hinter dem sie stand.

Selbst im schwachen Licht der Dämmerung konnte sie erkennen, daß er ausgesprochen attraktiv war. Außerdem schien er eindeutig mehr Gentleman zu sein als sein Bruder Armand. Geschmackvoll gekleidet und makellos gepflegt war er, und er bewegte sich mit einer männlichen, selbstverständlichen Eleganz, die sie sehr beeindruckte. Wenn das wirklich Jacques war, dann würde sich ihr Aufenthalt hier als noch aufregender erweisen, als sie erwartet hatte. Jetzt mußte sie aber wirklich anfangen, sich für den Abend zurechtzumachen.

In Gedanken versunken zog sie an der Klingelschnur, um eine der Zofen für die obere Etage zu rufen, damit sie ihre Garderobe auspackte und eines ihrer hübschesten Abendkleider aufbügelte. Das war gerade richtig für ihr erstes Abendessen im Maison de Rêverie und ihre erste Begegnung mit der ganzen Familie Molyneux.

Kapitel 3

Die Abendtafel war sehr lang, und zu ihrem größten Mißfallen hatte man Rebecca einen Platz neben Armand zugewiesen, während ihr gegenüber Margaret neben Jacques saß, der sich bei näherem Hinsehen als noch attraktiver entpuppte, als es von Rebeccas Schlafzimmerfenster aus den Anschein hatte.

In ziemlicher Entfernung saßen Edouard und Felicity jeweils am Ende des Tisches.

Edouard lächelte sie vom Tischende her an. »Demnach war eure Reise verhältnismäßig komfortabel, Cousine Rebecca, wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit einer Seereise überhaupt gebrauchen darf.«

Rebecca setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Nun, ich kann eigentlich nicht sagen, daß es ein Genuß war, aber wir haben es immerhin ausgehalten. Glücklicherweise hatten wir nur kurze Zeit schlechtes Wetter. Ich glaube, für mich war der Mangel an frischem Obst das Unangenehmste, natürlich vermißte man auch das Fehlen aller Annehmlichkeiten, die einem an Land so selbstverständlich sind.«

Edouard – den sie von ihrem Fenster aus nicht genau hatte sehen können – war fast genauso attraktiv wie sein ältester Sohn. Beide Männer waren hochgewachsen und schlank, mit schmalen, aristokratischen Gesichtern. Beide hatten die gleichen haselnußbraunen Augen, die hohen Wangenknochen und vollen Lippen, die auf Empfindsamkeit schließen ließen. Der einzige deutliche Unterschied war der, daß Edouards Haar reizvoll mit grauen Strähnen durchzogen war und einige feine Linien um Augen und Mund zu erkennen waren, aber deswegen sah er keineswegs weniger gut aus.

Doch es war vor allem Jacques, von dem Rebecca völlig fasziniert war, und sie schmollte ein wenig, daß man sie nicht neben ihn gesetzt hatte.

Er behandelte Margaret sehr zuvorkommend, unterhielt sich mit ihr und schenkte ihr hin und wieder sein etwas melancholisches Lächeln. Armand hingegen saß ziemlich steif und wortkarg auf seinem Stuhl, als wäre er ein Fremder. Seine Tischmanieren waren tadellos, wie Rebecca feststellte, nur aß er so schnell, als ob er das Abendessen möglichst bald hinter sich bringen wollte.

Immerhin konnte sie über den Tisch hinweg Jacques beobachten, aber was wichtiger für sie war, daß auch er sie häufig anschaute.

In diesem Moment erschien Dhupta, der Diener, in der Tür. Er schob einen Servierwagen mit einer großen silbernen Terrine darauf vor sich her. Zuerst ging er zu den Damen und servierte eine ziemlich dicke Suppe in flachen Suppenschalen. Bei dem herrlichen Geruch floß einem das Wasser im Munde zusammen.

Rebecca erkannte Krabben, Huhn, Schinken, Grieß, Tomaten und ein nicht zu identifizierendes, in Scheiben geschnittenes Gemüse in der herzhaften Brühe; sie war genauso stark gewürzt wie alle indischen Gerichte, die sie von zu Hause kannte.

Der Tisch war geschmackvoll gedeckt und geschmückt. In der Mitte stand ein hübscher Tafelaufsatz mit frischen Blumen und an den Enden des Tisches jeweils ein silberner Kandelaber. Das Porzellan hatte ein zartes blaues Weidenmuster, und das Besteck war aus wertvollem, schwerem Silber. Edouard Molyneux scheute keine Kosten, für sich und seine Familie das Leben stilvoll zu gestalten.

»Magst du Musik, Rebecca?« fragte sie Jacques.

»O ja«, antwortete sie und senkte die Lider, schaute ihn dann aber wieder auf eine Art an, die ihre Mutter ›den gewissen Blick‹ nannte. Sie fuhr fort: »Ich spiele Klavier, wenn auch nicht allzu gut, und ich singe gelegentlich, obwohl meine Stimme nicht sehr kräftig ist.«

»Ich bin sicher, du bist nur bescheiden. Nach dem Abendessen pflegen wir immer eine Stunde im Musikzimmer zu verbringen, und wenn du mir erlaubst, werde ich etwas für dich spielen, damit du dazu singst. Vater und mich langweilen unsere eigenen Darbietungen schon ziemlich, und ich bin sicher, meiner Mutter würde es sehr gefallen, einmal eine frische weibliche Stimme zu hören.«

Rebecca lächelte, sie konnte ihre Freude kaum verbergen. Es war offensichtlich, daß sowohl Jacques als auch sein Vater kunstsinnige Männer waren. Im übrigen stimmte es, was Jacques gesagt hatte – sie hatte ihre Talente mit großer Bescheidenheit beschrieben. In Wirklichkeit spielte sie recht gut Klavier, und ihre Stimme war wohlklingend, natürlich und kräftig.

»Das wäre ein großes Vergnügen für mich«, erwiderte sie deshalb.

Jacques wandte sich an Margaret. »Bist du auch musikalisch? Würdet ihr uns dann ein Duett singen?«

Margaret sah nach ihrem langen, erholsamen Schlaf sehr ausgeruht aus; sie sah sogar außergewöhnlich hübsch aus in ihrem aprikotfarbenen Abendkleid und mit dem locker nach hinten gebundenen Haar.

Bei Jacques’ Frage errötete sie leicht. »Oh, ich spiele ein bißchen Klavier, aber ich habe keine Stimme.«

Peinlich berührt durch das Interesse Jacques’, blickte Margaret zu ihrer Gastgeberin am Ende des Tisches hinüber. »Und du, Cousine Felicity? Singst du?«

Sie lächelte und schüttelte den Kopf. Obwohl sie bei der Ankunft der Mädchen sehr gesprächig gewesen war, machte sie jetzt einen eher zurückhaltenden Eindruck.

»Um Himmels willen, nein, meine Liebe«, sagte sie. »Ich fürchte, ich bin in höchstem Maße unmusikalisch. Edouard wird euch sicher bestätigen, daß ich überhaupt kein musikalisches Empfinden habe. Trotzdem höre ich gerne zu.«

Rebecca sah Armand an. »Und wie ist es mit dir, Armand?«

Armands Gesicht schien sich zu straffen, und auch er errötete leicht.

Er drehte sich zu ihr, und seine Augen funkelten im Kerzenlicht. Sein Ausdruck war so grimmig, daß sich Rebecca in die Enge getrieben fühlte. Was, um alles in der Welt, stimmte nur mit diesem Mann nicht?

»Ich fürchte, ich schlage niemandem in der Familie nach, Cousine Rebecca«, antwortete er ihr in sarkastischem Ton. »Die Familie hat schon sehr viel über diesen bedauernswerten Umstand diskutiert. Ich habe mich auch oft gefragt, ob ich vielleicht von einer Bande von Kobolden auf der Eingangstreppe abgelegt worden bin.«

Edouard stellte sein Weinglas energisch auf den Tisch, und sein angenehmes Lachen ertönte.

Mit einem breiten Lächeln beugte sich Jacques über den Tisch.

»Armand ist ein Spaßmacher, Rebecca. In Wirklichkeit spielt mein Bruder mehrere Instrumente und hat eine sympathische Baritonstimme. Allerdings muß ich gestehen, daß sich sein Musikgeschmack ein wenig von meinem unterscheidet.«

Erstaunt sah Rebecca wieder zu Armand. Sie hätte niemals vermutet, daß er sich überhaupt aus Kunst etwas machte. Er machte eher den Eindruck eines Bauern als den eines Gentleman. Zwar trug er einen edlen Anzug und ein strahlend weißes Hemd, doch sein Haar sah ungebändigt aus. Es war vor allem sein Benehmen, das im Widerspruch zu seiner Umgebung stand. Er hatte nichts von dem Charme und dem Geist seines Vaters oder seines Bruders und wirkte wie ein Fremdkörper in dieser ansonsten so charmanten Familie.

Nachdem die Tafel aufgehoben war – als Nachtisch hatte es eine köstliche Süßspeise gegeben – und die Männer sich zu Zigarren und Brandy und die Damen zu Mokka und Sherry zurückgezogen hatten, versammelte sich die Familie im Musikzimmer.

Obwohl Margaret in London schon sehr gut ausgestattete Musikzimmer gesehen hatte, war sie noch nie in einem gewesen, in dem es so viele Instrumente gab. Es war ziemlich groß und wie auch die anderen Räumlichkeiten des Hauses, die sie bis jetzt gesehen hatte, mit einzelnen Chinoiserie-Stücken dekoriert. Es gab zwei ausgezeichnete Klaviere, beide mit aufwendigen Holz- und Perlmutteinlegearbeiten, die nebeneinander in einer Ecke des Raumes aufgestellt waren. Beim Fenster stand eine große vergoldete Harfe, und in einer großen Vitrine konnte sie eine beträchtliche Anzahl verschiedener Flöten und anderer Blasinstrumente sehen. Ein Geigenkasten lag auf einem kleinen Tischchen, und auf einigen anderen waren alle möglichen Saiteninstrumente verteilt, die sie nicht kannte.

Sie hatte nur ein kleines Glas Sherry getrunken, doch sie fühlte sich ein wenig benebelt, aber recht glücklich. Auch wenn sie im allgemeinen sehr befangen war, sich mit Männern zu unterhalten, hatte sie die Gesellschaft von Jacques Molyneux an der Abendtafel sehr genossen. Er war so zuvorkommend und charmant gewesen, daß sie ihre Hemmungen fast vergessen hatte. Sie gestand sich ein, daß sie sehr überrascht war, einen Gentleman von einer derartigen Empfindsamkeit und Vornehmheit an diesem abgelegenen Ort anzutreffen, noch dazu in einem so jungen, rauhen Land. Jacques und sein Vater standen ohne Zweifel keinem der englischen Gentlemen nach, die sie in London oder Indien kennengelernt hatte. Der jüngere Bruder jedoch, Armand, blieb ein Rätsel, und zwar ein etwas beunruhigendes.

Margaret sah zu den beiden Brüdern hinüber, die jetzt nebeneinander beim Kamin standen. Bis auf eine gewisse Ähnlichkeit im Schnitt ihrer Augen hatten sie auch äußerlich nichts gemein, und ebensowenig glichen sie sich offenbar charakterlich. Man konnte allerdings nicht abstreiten, daß sie beide gut aussahen. Obwohl Armand in gewisser Weise der Besseraussehende war, hatte seine schroffe Art und die muskulöse Kraft seines Körpers etwas Bedrohliches für sie. Jacques entsprach entschieden mehr dem Typ Mann, den sie bewunderte.

Jacques blickte jetzt in ihre Richtung, und sie spürte, wie sie errötete. Natürlich bedeutete die Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte, gar nichts. Er hatte sich bei Tisch sehr eingehend mit ihr beschäftigt, aber das lag sicher nur daran, daß er neben ihr saß und höflich sein wollte. Er würde sich bestimmt bald unsterblich in Rebecca verlieben, das wußte Margaret; so ging es allen Männern.

Rebeccas Anziehungskraft auf Männer war stets eine unumstößliche Tatsache gewesen. Solange sich Margaret erinnern konnte, hatten zunächst Knaben und dann Männer Rebecca umschwirrt, immer in der Hoffnung, einen Blick oder ein freundliches Wort von ihr zu erhaschen.

Margaret hielt sich für ein vernünftiges und auch hübsches Mädchen, wußte aber, daß ihr Aussehen neben der Schönheit ihrer Cousine verblaßte. Doch sie neidete Rebecca die Schönheit und Beliebtheit nicht. Sie fragte sich aber nie, warum das so war.

Sie mochte Rebecca sehr, die für sie mehr eine Schwester als eine Cousine war. Die beiden Mädchen waren im Abstand von einem Monat zur Welt gekommen und hatten seitdem kaum einen Tag ohne einander verbracht. Obwohl ihre Charaktere beinahe so unterschiedlich waren wie die von Jacques und Armand, hatte sie in den ganzen Jahren eine enge Freundschaft verbunden.

Margaret hatte längst erkannt, daß sie in dieser Beziehung die größeren Zugeständnisse machte und mehr von sich einbrachte, aber ein solches Verhalten lag nun mal in ihrer Natur. Das feurige Temperament und den Schwung ihrer Cousine würde sie nie erlangen können. Aber darüber war sie eigentlich nicht unglücklich. So war es nun einmal, und deswegen mit dem Schicksal zu hadern hatte wenig Sinn. Auf jeden Fall hatte es ihr sehr gutgetan, von Jacques so behandelt zu werden, als besäße sie die gleichen Reize und die Anziehungskraft wie Rebecca. Sie freute sich auf einen schönen Sommer.

Felicity war zu ihr gekommen, und Margaret fragte sie: »Was sind das für fremdartige Saiteninstrumente auf den Tischen? Dergleichen habe ich noch nie gesehen.«

Felicity nickte mit einem versonnenen Lächeln. »Ja, sie sind wirklich ziemlich fremdartig, nicht wahr? Sie gehörten dem Vater meines Mannes, Jean Molyneux. Soweit ich weiß, hat er sie aus China mitgebracht. Angeblich konnte sie seine Frau Mignon spielen, aber von uns hier weiß niemand, wie man mit ihnen umgeht. Doch sie sind zweifellos sehr schön, findest du nicht? Oh, sieh nur, ich glaube, Rebecca und Jacques sind im Begriff, uns etwas zu bieten.«

Margaret hatte Rebecca schon oft singen hören, und sie hatte ihre Stimme immer als sehr angenehm empfunden. Mit Freude stellte sie fest, daß Jacques sehr gut Klavier spielte und eine hervorragende Begleitung war.

Die Darbietung erntete den verdienten Applaus, danach wandte sich Edouard an Armand. »Armand, dein Bruder und unser entzückender Gast waren so freundlich, für uns zu spielen und zu singen. Ich glaube, jetzt wäre es an der Zeit, daß wir auch von dir etwas hören.«

Armand warf seinem Vater einen verächtlichen Blick zu, was Margaret erneut veranlaßte, sich über sein ungehobeltes Benehmen Gedanken zu machen. Das war sicher nicht die angemessene Art, wie ein Sohn auf einen Vorschlag seines Vaters reagieren sollte, schon gar nicht, wenn es sich um eine so harmlose Bitte handelte.