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In "Die Juden von Barnow", einem zentralen Werk der jüdischen Literatur des 19. Jahrhunderts, entführt Karl Emil Franzos die Leser in die Welt des ostjüdischen Lebens in einer fiktiven Stadt im Galizien des frühen 20. Jahrhunderts. Der Roman vereint einfühlsame Charakterstudien mit einem scharfen Blick auf die sozialen und politischen Realitäten der Zeit. Franzos' präzise Sprache und seine lebendige Schilderung der jüdischen Traditionen und ihrer Herausforderungen vermitteln sowohl Tragik als auch Resilienz der Protagonisten in einer sich rasant verändernden Welt, geprägt von Vorurteilen und Diskriminierung. Karl Emil Franzos, selbst in einer jüdischen Familie geboren, wuchs in einer Zeit auf, in der Antisemitismus und soziale Ungerechtigkeiten allgegenwärtig waren. Diese persönliche Verbindung zu den Themen seines Werks stellt eine fundamentale Motivation für die Schaffung von "Die Juden von Barnow" dar. Franzos, als Vertreter der jüdischen Emanzipation, nahm durch seine feinfühligen und oft auch kritischen Erzählungen eine Brückenfunktion zwischen den Kulturen ein und war ein Pionier für die literarische Repräsentation jüdischen Lebens. Dieses Buch ist für Leser, die ein vertieftes Verständnis der jüdischen Identität und ihrer Herausforderungen im 19. Jahrhundert suchen. Franzos' meisterhafte Erzählweise und sein Engagement für soziale Themen machen "Die Juden von Barnow" nicht nur zu einem literarischen Klassiker, sondern auch zu einer wichtigen Lektüre in der Auseinandersetzung mit kulturellen und historischen Fragen, die bis heute relevant sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Ausgabe vereint unter dem Titel Die Juden von Barnow den bekannten Zyklus von Karl Emil Franzos, der das Leben jüdischer Gemeinden in einer fiktiven ostmitteleuropäischen Kleinstadt mit eindringlicher Anschaulichkeit schildert. Enthalten sind die neun Erzählungen Der Shylock von Barnow, Nach dem höheren Gesetz, Zwei Retter, Der wilde Starost und die schöne Jütta, Das Kind der Sühne, Esterka Regina, Baron Schmule, Das Christusbild und Ohne Inschrift. Ziel der Zusammenstellung ist es, das Panorama, das Franzos mit diesen Stücken entwirft, geschlossen zugänglich zu machen und die gemeinsame Welt der Figuren, Schauplätze und Konflikte in ihrer ganzen Spannweite sichtbar zu halten.
Im Umfang handelt es sich um eine Sammlung erzählender Prosa; Romane, Dramen, Gedichte oder Briefe sind hier nicht vertreten. Die Texte stehen in der Tradition der deutschsprachigen Realisten des 19. Jahrhunderts und sind als Erzählungen mit novellistischer Zuspitzung angelegt. Sie verzichten auf umfangreiche Rahmenhandlungen und verdichten Konflikte auf prägnante Kernmomente. Die vorliegende Zusammenstellung folgt dem Konzept, jene Stücke zu vereinen, die Franzos unter dem gemeinsamen Namen Barnow zu einem literarischen Ort bündelte. Dadurch wird deutlich, dass es sich weniger um lose Einzeldrucke als um einen aufeinander bezogenen Zyklus handelt.
Innerhalb dieser Prosa entfaltet Franzos eine bemerkenswerte Vielfalt der Tonlagen. Einige Texte wirken legendenhaft und anekdotisch, andere entwickeln eine leise, humorvolle Beobachtung, wieder andere arbeiten mit tragischer Ernsthaftigkeit. Der erzählerische Blick bleibt dabei konsequent auf Figuren, Milieu und Handlung gerichtet; Reflexionen entstehen aus Situationen, nicht aus essayistischer Belehrung. Mit knapper Szenik, deutlicher Motivführung und klaren Wendepunkten nutzt Franzos die Möglichkeiten der Novelle, ohne auf die Wärme eines lebensnahen Erzähltons zu verzichten. So entstehen dichte, in sich geschlossene Geschichten, die zugleich miteinander kommunizieren und untereinander Themen, Motive und Beziehungslinien teilen.
Verbindend sind die großen Themen, die das soziale und geistige Leben einer Region prägen: das Spannungsverhältnis zwischen religiöser Tradition und aufkommender Moderne, zwischen persönlicher Moral und weltlichem Recht, zwischen Zugehörigkeit und individueller Selbstbehauptung. Wiederkehrend sind Fragen nach Verantwortung, Schuld und Sühne, nach sozialem Aufstieg und Absturz, nach Formen der Solidarität in Nachbarschaften, die aus unterschiedlichen Sprachen und Konfessionen bestehen. Barnow wird so zur Bühne, auf der sich vertraute menschliche Konflikte in einer spezifischen historischen Konstellation zeigen, ohne zu Folklore zu gerinnen. Die Geschichten legen Konfliktlagen frei, statt sie mit schnellen Antworten zu übertönen.
Stilistisch kennzeichnen Franzos Genauigkeit der Beobachtung, klare Linienführung und eine anschauliche, dialognahe Sprache. Figuren werden nicht als Typen vorgeführt, sondern in ihren jeweiligen Lebenslagen gezeigt; Sympathie und Distanz sind sorgfältig austariert. Wiederkehrende Bilder und Motive verbinden die Erzählungen, während der Autor kulturelle Details behutsam einarbeitet, um Milieus plausibel zu machen, nicht um sie exotisch zu markieren. Ironie und leiser Witz stehen neben ernsten, bisweilen düsteren Tönen. Diese Mischung erzeugt einen realistischen Eindruck, der das Lesende Publikum nahe heranführt, ohne die Komplexität historischer Situationen zu verflachen.
Die anhaltende Bedeutung der Juden von Barnow liegt in ihrer literarischen und kulturhistorischen Vermittlungsleistung. Franzos macht Lebenswelten sichtbar, die im deutschsprachigen Kanon lange randständig waren, und eröffnet seinen Lesern differenzierte Perspektiven auf jüdischen Alltag im östlichen Kronlandraum des 19. Jahrhunderts. Zugleich reflektiert die Sammlung Mechanismen von Vorurteil, sozialer Herrschaft und rechtlicher Ordnung, deren Wirkweisen weit über den Entstehungskontext hinaus verständlich bleiben. Damit eignet sich der Band sowohl als Einstieg in das Werk von Karl Emil Franzos als auch zur vertiefenden Lektüre über Formen realistischer Prosa und deren gesellschaftliche Reichweite.
Die hier versammelten Erzählungen lassen sich einzeln lesen; zusammen entfalten sie jedoch eine größere, thematisch und motivisch verflochtene Erzählwelt. Wer Barnow als zusammenhängenden Ort erkundet, entdeckt wiederkehrende Konstellationen, Figurenkreise und symbolische Setzungen, die aus dem Nebeneinander der Texte ein Ganzes formen. Die Zusammenstellung ermuntert dazu, zwischen Perspektiven zu wechseln und die Spannungen des Ortes in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen. Indem sie auf die erzählerische Evidenz vertraut, überlässt sie Deutungen dem Urteil der Lesenden und eröffnet so Raum für eigene Schwerpunkte, Fragen und Entdeckungen.
Die Schauplätze der Barnow-Erzählungen liegen in Ostgalizien und Podolien, Regionen, die nach den Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 großteils an das Haus Habsburg fielen und als Königreich Galizien und Lodomerien verwaltet wurden. Städte wie Lemberg (Lwiw), Brody, Czortków und Kolomea prägten ein Mosaik aus polnischer Adelsdominanz, ruthenischer Bauernmehrheit und bedeutenden jüdischen Gemeinden. Das fiktive Barnow bündelt typische Züge eines galizischen Städtchens, in dem kaiserliche Normen, lokale Gewalten und religiöse Milieus aufeinandertreffen. Die Geschichten greifen Entwicklungen vom späten Ancien Régime bis in die Doppelmonarchie auf und spiegeln Konflikte, die durch politische Umbrüche, Rechtsreformen und soziale Mobilität verschärft wurden.
Besonders wirksam wurden die josephinischen Reformen, die seit 1782 mit dem Judenedikt neue Pflichten und Rechte brachten: deutsche Schulen, fixe Familiennamen, begrenzten Zunftzugang und seit 1788 die allgemeine Wehrpflicht. Diese Eingriffe lockerten korporative Schranken, zielten aber auf staatlich gelenkte Akkulturation. In vielen Gemeinden stießen Schulzwang, Militärdienst und Amtssprache auf Widerstand frommer Kreise, während westlich orientierte Familien Chancen sahen. Die daraus entstehenden Spannungen zwischen Halacha, Gemeindeautonomie und kaiserlichem Gesetz bilden einen Hintergrund, vor dem Themen wie Ehre, Konversion, Gerichtsbarkeit und soziale Aufstiege in mehreren Stücken der Sammlung plausibel werden und biografische Brüche sichtbar machen.
Vor 1848 stützte sich die regionale Ordnung auf die polnische Szlachta, königliche Amtsträger wie Starosten und abhängige Bauernarbeit. Juden fungierten häufig als Pächter, Schankwirte oder Vermittler zwischen Gutsbesitz und Landbevölkerung, was sie zugleich unverzichtbar und angreifbar machte. Der Bauernaufstand von 1846 und die Revolution von 1848, die die Robot abschaffte, zerschnitten alte Bindungen, schwächten Adelsmacht und verschoben Erwerbsfelder in Handel, Handwerk und Kleinindustrie. Diese Übergänge verstärkten Konflikte um Kredit, Besitz und Reputation, die in Erzählkonflikten mitschwingen, wenn Figuren zwischen Standessitten, neuen Marktlogiken und dem Zugriff der k.k. Behörden lavieren oder an überkommenen Loyalitäten zerbrechen.
Mit dem Ausgleich von 1867 und der galizischen Autonomie erstarkte die polnische Verwaltungsschicht; Polnisch wurde Amtssprache, die Schulreformen von 1868/69 säkularisierten den Unterricht und förderten nationale Curricula. Gleichzeitig formierte sich eine ruthenische/ukrainische Bewegung um Klerus und Vereine wie Prosvita (gegründet 1868), die kulturelle Rechte einforderte. Juden sahen sich zwischen diesen Nationalprojekten, deren Symbolpolitik vom Amtszimmer bis zur Straßenszene reichte. Sprachwahl, Namensführung, Vereinszugehörigkeit und Wahlbündnisse wurden zu Markern der Zugehörigkeit und zu Konfliktstoffen, die Handlungsräume in Barnow begrenzen oder öffnen. So gewinnen städtische Räte, Kreisämter und Gymnasien erzählerisches Gewicht als Bühnen politischer Selbstbehauptung.
Religiös prägten zwei Bewegungen die Region: der seit dem späten 18. Jahrhundert erstarkende Chassidismus mit Höfen in Belz, Husiatyn oder Sadagora, wo Israel Friedman von Ruschin ab 1842 wirkte, und die Haskala, vertreten durch Maskilim wie Joseph Perl in Tarnopol und den Philosophen Nachman Krochmal in Żółkiew. Zwischen charismatischer Frömmigkeit und bürgerlich-rationaler Reform entzündeten sich Streitfragen zu Autorität, Ehe, Bildung und Gerichtsbarkeit. Die daraus resultierenden Loyalitätskonflikte erklären Figuren, die zwischen Rabbi und Lehrer, Beth Din und kaiserlichem Richter, Jiddisch und Hochdeutsch oszillieren, und den Ernst, mit dem Tradition, Vernunft und soziale Anerkennung gegeneinander abgewogen werden.
Die Grenzlage zu Russland und der freie Handelsbezirk Brody (1779–1879) förderten Zwischenhandel, Schmuggel und Kosmopolitismus. Mit den Eisenbahnen – etwa der Lemberg–Czernowitz–Iași-(Jassy)-Linie, deren Abschnitte 1866–1869 eröffnet wurden – verbanden sich Märkte vom Schwarzen Meer bis Wien; Kaufleute knüpften Netze zwischen Odessa, Brody und Leipzig. Der Gründerkrach von 1873 und regionale Agrarkrisen ließen Kreditketten reißen, verarmten Kleinhändler und trieben seit den späten 1870er/80er Jahren Migration nach Wien, Berlin und Amerika voran. Diese Zyklen aus Aufstieg und Absturz, Grenzregime und Mobilität strukturieren Handlungen, in denen Pässe, Wechsel und Bahnhöfe ebenso bedeutsam werden wie Jahrmärkte und Dorfkrüge.
Rechtlich brachte das Staatsgrundgesetz von 1867 die bürgerliche Gleichstellung der Juden im Habsburgerreich; doch soziale Ressentiments blieben virulent. Geistliche und völkische Publizistik agitierte gegen „Wucher“ und „Entwurzelung“, gelegentliche Ritualmordgerüchte – später berüchtigt im ungarischen Fall Tiszaeszlár 1882 – schwappten in Grenzregionen. Nach dem Börsenkrach befeuerten Krisen, Wahlkämpfe und, in Wien, der Aufstieg Karl Luegers antisemitischer Rhetorik die Polarisierung. Vor diesem Hintergrund liest sich der Ruf nach Gesetz, Ehre und Mitmenschlichkeit in Barnow doppelt: als literarische Ethik und als Stellungnahme im öffentlichen Streit, in dem Gerichte, Zeitungen und Kanzleien über Zugehörigkeit und Ruf entschieden.
Karl Emil Franzos, 1848 in Czortków geboren und seit den 1860er Jahren in Graz und Wien ausgebildet, verband liberale österreichische Rechtsstaatsideen mit journalistischer Beobachtung. In Aus Halb-Asien (1876) skizzierte er den Osten der Monarchie als reformbedürftige Peripherie; Die Juden von Barnow folgte 1877 als erzählerische Konkretisierung. Sein poetischer Realismus und ethnographischer Blick zielten auf Verständigung und Akkulturation, ohne Elend und Missbrauch zu beschönigen. Das deutschsprachige Bildungsbürgertum las die Sammlung als Fenster in eine „fremde Nähe“, jüdische Leser schwankten zwischen Anerkennung und Kritik am Assimilationsideal, während polnische und ruthenische Milieus teils Stereotype, teils faire Zeugnishaftigkeit erkannten.
Ökonomische Abhängigkeiten und Vorurteile prallen aufeinander, wenn ein als Shylock verschriener Geldverleiher und ein nach Adelstitel strebender Schmule um Ansehen kämpfen.
Der Ton reicht von gesellschaftssatirisch bis empathisch; im Fokus stehen Stereotypisierung, der Wunsch nach Respektabilität und die Kosten der Assimilation.
Zwischen religiöser Norm, staatlichem Recht und persönlichem Gewissen geraten Juden und ihre Nachbarn an heikle Grenzen.
Symbole wie ein Christusbild oder ein namenloses Grab werden zu Prüfsteinen für Toleranz und Erinnerung; die Erzählungen halten die Spannung nüchtern, aber human aus.
Rettung kommt aus unterschiedlichen, nicht immer uneigennützigen Händen und bindet die Geretteten an neue Verpflichtungen.
Schuld und die Erwartung von Sühne formen Biografien bis in die nächste Generation; der Ton ist moralisch ernst, ohne melodramatische Zuspitzung.
Begegnungen zwischen Adelsmacht und weiblicher Schönheit, zwischen Legende und Dorfwirklichkeit, zeigen das Reizvolle und Gefährliche von Grenzüberschreitungen.
Zwischen romantischem Glanz und ernüchternder Realität verhandeln die Geschichten Begehren, Abhängigkeit und die Asymmetrie sozialer Macht.
Barnow erscheint als Mikrokosmos eines mehrsprachigen Grenzlandes, in dem unterschiedliche Kulturen, Glaubensformen und Rechtslogiken ein fragiles Gleichgewicht bilden.
Der Stil verbindet realistische Milieuzeichnung, ironische Zuspitzung und empathische Beobachtung; wiederkehren Motive wie Rang und Ruf, Gesetz und Gewissen sowie Erinnerung und Auslöschung.
Gerade dem alten, grauen Kloster der Dominikaner gegenüber steht das große, weiße Haus des Juden, hart an der Heerstraße, die von Lemberg nach Skala führt und das düstere Städtchen durchschneidet. Wer in einem der kleinen, schmutzigen Häuser des Ghetto geboren ist, wächst in Ehrfurcht und Bewunderung auf vor diesem Hause und seinem Besitzer, dem alten Moses Freudenthal. Dieses Haus und dieser Mann sind der Stolz von Barnow[1q]. Und beide rechtfertigen auch, jedes in seiner Weise, diesen Stolz.
Da ist zuerst das Haus. Es ist, als wüßte es seinen Wert, so stolz und stattlich steht es da in seinem weißen, reinlichen Aufputz, mit der langen, glänzenden Fensterreihe des ersten Stockwerks, mit den bunten Kaufläden zu ebener Erde, zu beiden Seiten des mächtigen Torwegs, der einladend geöffnet ist. Denn dieses Haus ist ein Einkehrhaus, und die Edelleute wissen seine Vorzüge zu schätzen, wenn sie ins Bezirksamt oder zum Wochenmarkt in die Stadt kommen, und ebenso die Kavallerieoffiziere aus den Dörfern der Umgegend, wenn sie die Langeweile hereintreibt. Aber daneben ist das Haus auch ein Zinshaus, denn im ersten Stockwerk wohnen die vornehmsten Honoratioren von Barnow, der Bezirksrichter und der Arzt, zur Miete und daneben – noch alles mögliche dazu. Denn es ist fast schwer, zu sagen, was alles im Erdgeschoß zusammengedrängt ist. Da findet sich eine Lottokollektur und eine Assekuranzagentschaft für Vieh, Menschen und Getreide, eine Tuchhandlung und ein Spezereiwarenladen, eine Weinstube für die vornehmen Gäste und ein Branntweinschank für die Bauern. Und Kollekteur, Agent, Kaufmann und Wirt, dies alles ist Moses Freudenthal.
Aber der alte, hochgewachsene Mann mit den düsteren Zügen ist noch weit mehr. Seine Familie ist seit Menschengedenken die vornehmste im Städtchen, sein Betständer in der »Schul'« steht als der erste in der ersten Reihe. Wie nach seines Großvaters Tode sein Vater, so ist er nach seines Vaters Tode Vorstand der Gemeinde geworden, ohne daß er sich darum beworben, ohne daß es jemand eingefallen wäre, ihn nicht zu wählen. Er gilt als der frömmste und ehrlichste Mann der Judenschaft. Und dazu sein Reichtum, sein ungeheurer Reichtum!
Seine Glaubensgenossen halten ihn für einen Millionär, und sie haben recht. Denn ihm gehört nicht nur das Haus mit all dem, was drum und dran ist, auch mehrere Güter der Umgegend kann er mit größerem Rechte sein nennen als die polnischen Barone und Edelleute, die auf ihnen sitzen. Und das herrliche Gut Komorówka gehört vollends ihm, nachdem es die früheren Eigentümer, der kleine Graf Smólski und seine schöne Gemahlin Aurora, in wenigen Jahren vergeudet. Es ist ein schönes, großes Gut, und der Graf hatte nicht grundlos aus Verzweiflung den größten Rausch seines Lebens, als er es verlassen mußte.
Würde es euch nach all dem wundern, wenn ihr hören würdet, daß Moses Freudenthal nicht nur der reichste und stolzeste, sondern auch der meist beneidete Mann des Ortes ist?! Aber dem ist nicht so. Fraget den ärmsten Mann in der Judenstadt, den Thoralehrer, der mit seinen sechs Kindern am Hungertuche nagt, oder den Wasserträger, der die Woche hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend vom und zum Stadtbrunnen keucht, fragt sie, ob sie mit Moses tauschen wollen, und sie würden euch »nein« sagen. Denn größer als dieses Mannes Reichtum ist sein Unglück[2q].
Ihr könnt es ihm freilich nicht vom Gesicht ablesen, wenn ihr ihn so stolz und stattlich vor dem Torwege seines Hauses stehen seht. Unter dem kleinen schwarzen Sammetkäppchen quillt das Haar silbergrau hervor; silbergrau und dünn sind auch die beiden langen Locken, die nach der Weise der Chassidim an den Wangen herabfließen. Aber die Gestalt ist noch kräftig und ungebeugt, und der seltsam geschnittene, talarähnliche Judenrock aus schwarzem Tuche kleidet sie stattlich genug. Der alte Mann steht fast bewegungslos da und sieht dem Anstreicher zu, der die Türe des Branntweinladens mit frischer, giftgrüner Farbe überzieht und Flasche, Glas und Bretze gelb und weiß daraufmalt. Nur selten wendet er den Blick ab, um einem Grüßenden zu danken. Denn es ist heute wenig Leben auf der Gasse. Ein Haufe ruthenischer Bauern torkelt angetrunken zur Stadt hinaus; ein Edelmann fährt in leichter Britschka vorüber; einige arme Dorfgeher, welche die Woche über von Bauernhof zu Bauernhof gegangen und für Geld und Tücher Felle eingetauscht, ziehen, mit der erhandelten Ware auf dem Rücken, wieder ein. Die Last ist schwer und der Erlös gering, aber auf den bleichen, abgehärmten oder verschmitzten Gesichtern ruht doch ein Schimmer der Freude und des Stolzes. Denn wenige Stunden noch, und sie sind nicht mehr elende, mit Lumpen bekleidete Schacherjuden, an denen der Bauer seinen Witz und seine Peitsche prüft, sondern stolze Fürsten, die jubelnd in ihrem Palaste die wonnige Braut empfangen – die Sabbatruhe.
Nur wenige Stunden noch, denn die Sonne neigt zum Untergang, und der Freitagnachmittag geht zu Ende. In den Häusern rüsten sie überall für den Ruhetag; die Gasse liegt im hellen Sonnenglanze verödet. Nur vom Amte her kommt der Bezirksrichter, der gelbe, magere Herr Lozinski, mit einem jungen Fremden den Weg herauf und bleibt einige Minuten plaudernd bei Moses stehen, ehe er die Treppe zu seiner Wohnung emporsteigt. Sie sprechen von den schlechten Zeiten, wie hoch das Agio stehe, und dann, wie schön sich diesmal der April anlasse. Und es ist auch heute ein so lieber rechter Frühlingstag, wie ihn dieses Land sonst kaum im Mai zu erleben pflegt. Die Gassen der Stadt sind bis auf einige Kotlachen in der Mitte des Ringplatzes getrocknet, die Luft weht fast sommerlich lau, und im Garten der Mönche drüben blühen die Fruchtbäume und der Flieder. »Frühling! Frühling!« jauchzen die Christenkinder, die eben aus der Nachmittagsschule vorübereilen. »Es wird Frühling!« sagt der Herr Bezirksrichter, greift an den Hut und führt seinen Gast die Treppe empor. »Es wird Frühling«, wiederholt der alte Mann unten und streicht sich über die Stirn, als erwache er aus einem Traum – »es wird Frühling!«
»Ein merkwürdiger Mensch, der alte Moses!« plaudert oben der Bezirksrichter zu seinem Gaste, dem neuen Aktuar. »Ich weiß nicht, ein Sonderling. Man würde es ihm nicht ansehen; er weiß mehr vom Jus als der beste Advokat. Und denken Sie nur: Er ist der reichste Mann im ganzen Kreise. Man spricht von mehreren Millionen. Und dabei plagt er sich die ganze Woche, als müßte er sein Essen für den Sabbat verdienen!«
»Ein Schmutzian, wie die Juden alle«, sagt der Aktuar und ringelt den Rauch seiner Zigarre in die Luft.
»Hm, doch nicht! Er ist wohltätig, man muß sagen, sehr wohltätig. Das macht ihm aber keine Freude und das Verdienen auch nicht. Und doch spekuliert er fortwährend. Für wen? Ich bitte Sie, für wen?!«
»Hat er keine Kinder?« fragt der andere.
»Ja freilich! Das heißt, wie man's nimmt. Nach seiner Auffassung hat er keine. Aber kennen Sie seine Geschichte noch nicht?! Die weiß ja alle Welt – da sieht man, daß Sie aus Lemberg kommen. Da haben Sie wohl auch nichts von der Tochter des Alten gehört, von der schönen Esther Freudenthal? Das ist ja ein ganzer Roman, den müssen Sie hören!«
Der alte Mann, dessen Geschichte alle Welt kennt, lehnt unten noch immer an der Tür seines Hauses und sieht zu, wie die Blütenzweige im Klostergarten im Winde schwanken. Woran er wohl denken mag? An seine Geschäfte nicht. Denn seine Augen sind feucht geworden, und um die Lippen zuckt es einen Augenblick wie verhaltener Schmerz. Er legt seine Hand über die Augen, als blende ihn das Sonnenlicht.
Dann richtet er sich auf und schüttelt das Haupt, als wollte er die trüben Gedanken mit abschütteln. »Beeilt Euch! Es wird bald Sabbat![3q]« ruft er dem Anstreicher zu und tritt näher heran, um die Arbeit zu besichtigen. Der kleine, buckelige Mann im abgeschabten polnischen Schnürrock ist eben mit den beiden Türflügeln fertig geworden und hinkt nun mit dem Farbentopf an den Fensterladen. Im heilsten Zinnoberrot hatte diese Tafel einst in schöneren Tagen geprangt, und in weißen Buchstaben war darauf jener schlichte Witz zu lesen gewesen, den man überall an den Schenkstuben der jüdisch-polnischen Städtchen findet: »Heute ums Geld, morgen umsonst!« Nun ist die Pracht längst dahin, die Worte sind unleserlich geworden, und emsig führt der Kleine den Pinsel mit dem saftigen Grün darüber hin. »Wißt Ihr noch, Pani Moschkos, plaudert er dabei, »daß auch dies hier mein Werk ist?« Und er deutet auf das schmutzige Braunrot des alten Anstrichs.
Aber Moses denkt wohl an Wichtigeres und blickt kaum auf. »So?« sagt er dann gleichgültig.
»Ei freilich!« fährt das Männchen eifrig fort. »Erinnert Ihr Euch nicht mehr! Vor fünfzehn Jahren war's und gerade an einem so schönen Tag wie heute, da hab' ich's gemalt. Das Haus war noch neu und ich noch ein junger Bursch. ›Ich bin zufrieden mit Euch, Janko!‹ habt Ihr damals gesagt. Ihr seid vor dem Tore gestanden, ich glaube gar, an derselben Stelle und neben Euch Eure kleine Esterka. Heilige Jungfrau, was war das Kind schön! Und wie lieb es gelacht bat, wie so ein weißer Buchstabe nach dem andern auf dem roten Grund herauskam! Es hat auch gleich gefragt, was sie bedeuten, das liebe Kind! Und drei Theresienzwanziger habt Ihr mir für die Arbeit gegeben. Ich weiß es noch ganz genau. Ich hab' damals gedacht: ›Janko! Das ist deine letzte Arbeit in Barnow.‹ Denn der alte Herr von Polanski hat mich nach Krakau schicken wollen, in die Malerschule. Aber er hat bald selbst nichts gehabt und sogar später seine Tochter Jadwiga aus Not und Durst verkaufen müssen, und so bin ich ein Anstreicher geblieben. Ja, der Mensch denkt und ...Teufel! Der Alte ist fort, und ich lüge da nur mich selber laut an wie ein Narr. Der Jud' zählt gewiß wieder seine Millionen ...«
Aber Janko irrt. Moses Freudenthal zählt in diesem Momente seine Schätze nicht. Und ungezählt gäbe er sie vielleicht hin, könnte er dadurch die Tatsache aus seinem Leben streichen, durch die er ärmer und elender geworden ist als der Bettler vor seiner Türe. Er hat sich in die große, dämmerige Wohnstube geflüchtet, in die kein Sonnenstrahl und kein Menschenlaut dringt. Hier darf er sich in den Sorgenstuhl werfen und aufschluchzen aus tiefstem Herzensgrund, ohne daß ihn die Leute fragen, was ihm fehle, hier darf er sein Haupt beugen und sein Haar zerwühlen und die Hände vor das Antlitz pressen. Er weint nicht, er betet nicht, er flucht nicht, aber zischend wie ein schriller Wehelaut klingt es immer wieder durch das öde Gemach: »Wie lieb das Kind gelacht hat ...!«
So sitzt er lange in der Dämmerung. Dann erhebt er sich und richtet den Blick nach oben, nicht wie ein Flehender – nein! Wie ein Mann, der sein gutes Recht fordert. »Mein Herr und Gott!« ruft er. »Ich flehe nicht, daß sie wiederkomme, denn durch meine Knechte ließe ich sie von meiner Schwelle jagen; ich flehe nicht, daß sie glücklich werde, denn sie hat zu viel gesündigt an dir und mir; ich flehe nicht, daß sie elend werde, denn sie ist mein Fleisch und Blut; ich flehe nur, daß sie sterbe, damit ich meinem einzigen Kinde nicht fluchen muß, daß sie sterbe, mein Herr und Gott, sie oder ich ...!«
Und oben schließt der Bezirksrichter seine Erzählung: »Was aus der hübschen Kleinen geworden ist, weiß man nicht. Man denkt nicht mehr an sie; auch der Alte scheint die Geschichte vergessen zu haben. Denn sie sind ein herzloses Volk, diese Juden, einer wie der andere ...«
* * * * *
Es ist Dämmerung geworden im Städtchen, aber Licht in den Herzen seiner Bewohner. Das düstere winkelige Ghetto strahlt im Glanze von tausend Kerzen und tausend frohen Menschenangesichtern. Wie ein gewöhnliches, natürliches Ereignis und doch zugleich wie eine geheimnisvolle, wonnige Offenbarung ist der Sabbat eingezogen in die Herzen und in die Stuben und hat alles Dunkel und alle Ärmlichkeit der Wochentage aus ihnen verscheucht. Heute ist jede Kammer erleuchtet und jeder Tisch gedeckt und jedes Herz selig. Der Thoralehrer hat des Hungers vergessen, der Wasserträger der harten Arbeit, der Dorfgeher des Hohnes und der Schläge und der reiche Wucherer der Prozente. Heute sind alle gleich und alle gläubige, fröhliche, demütige Söhne eines Vaters. Das dürftige Talglicht im Tonleuchter und die Wachskerzen im silbernen Kandelaber bescheinen dasselbe Bild. Die Tochter des Hauses und die kleinen Knaben sitzen still da und sehen der Mutter zu, die nach altem schönem Brauch ihren Segen über die Sabbatlichter spricht, der Vater langt vom Bücherbrett das mächtige Gebetbuch und gibt es seinem ältesten Knaben, daß er es ihm bis zum Tore der Synagoge nachtrage. Dann treten sie auf die Gasse; die Männer gehen mit den Männern, die Weiber mit den Weibern, wie es die strenge Sitte fordert. Sie sprechen nicht viel miteinander, und das wenige ernst und ruhig. Heute wird keine Klage laut und kein Jubelruf, denn in ihrem Innern ist es Sabbat, tiefer, heiliger Gottesfriede ...
Auch in dem großen, weißen Hause gegenüber dem Kloster strahlen die Sabbatlichter. Aber eine fremde Hand hat sie entzündet, und kein frommer Frauenmund spricht den Segen über sie. In der guten Stube prangt das feinste Linnen auf den Tischen und reicher schwerer Hausrat an den Wänden, doch kein frohes Kinderlachen klingt darin und kein liebes Wort. Nur die vielen Kerzen knistern leise im Verbrennen, und das gibt einen traurigen Ton.
Aber der alte Mann, der nun im Festtagsgewand in die Stube tritt, ist der Einsamkeit und dieser Töne schon seit Jahren gewohnt, seit langen, ewig langen fünf Jahren. Früher freilich hat er oft um sich blicken und lauschen müssen, ob die liebe Stimme nicht wieder klinge. Denn ein solcher Abend war es ja, da sein Kind von ihm gegangen. Heute jedoch schreitet er rasch durch die Stube, nimmt das schwere, ledergebundene Buch vom Brette und verläßt eilig das Haus. Oder fürchtet er gerade heute die Geister der Erinnerung, die ihm aus allen Ecken und Enden der einsamen, lichtbestrahlten Stube aufsteigen müssen?!
Wenn dem so, dann ist es töricht, ihnen entfliehen zu wollen, Moses Freudenthal! Sie heften sich an deine Fersen, und sie umschwirren dein Haupt, magst du noch so rasch dahineilen durch die engen, dämmerigen Gäßchen. Sie klingen in deinen Ohren, magst du es auch versuchen, mit den Begegnenden zu plaudern; sie stehen vor deinen Augen, magst du auch noch so gläubig aufblicken zu den Weihetäfelchen an den Pfosten des Gotteshauses! Und wie du durch die Reihen schreitest und dich auf deinen Sitz niederlassest, da schlagen sie vollends die Flügel über deinem Haupte zusammen, und sie blicken dich an aus den Lettern deines Buches, und sie rufen dir zu aus den Stimmen der Beter ...!
»Jubelt vor Gott! Brechet aus in Freude, in Jubelklang und Sang. Er richtet die Welt nach seinem Rechte, die Völker nach Gerechtigkeit!«
»Und den einzelnen?« schreit es in dem unglücklichen Mann auf. »Den einzelnen – zermalmt er!« Seine Augen ruhen auf den Zeilen des Buches, seine Lippen flüstern die Worte des Gebetes, aber er betet nicht, er kann nicht beten! Wie ein Gespenst erwacht sein ganzes Leben und drängt sich vor sein Auge, wie ein Gespenst und doch in quälender Greifbarkeit und Lebendigkeit ...
»Wer nicht mehr beten kann«, hat ihm sein alter Vater oft gesagt, und er muß heute der Worte gedenken, »den soll man wegweisen von dem Angesicht des Ewigen.« Noch weiß er sich des Tages ganz genau zu entsinnen, da er es vernommen. Damals war er ein Knabe von dreizehn Jahren gewesen und hatte eben zum ersten Male die Betriemen anlegen dürfen, zum Zeichen, daß er in den Bund der Männer getreten. An jenem Tage war ihm das Leben aufgegangen, nicht weich und feenhaft wie den Glücklichen dieser Erde, sondern hart und nüchtern wie den anderen Söhnen seines Volkes. Wie alle die anderen hatte auch er allmählich gelernt, um zweier Dinge willen zu leben: um zu beten und um Geld zu verdienen. Und als er siebenzehn Jahr alt geworden, da hatte ihn sein Vater in seine Stube gerufen und ihm dort kurz und kühl gesagt, in drei Monaten werde er heiraten und Chaim Grünsteins Rosele sei seine Braut. Er kannte das Mädchen nicht, er hatte es vorher nur zweimal gesehen, und recht angeschaut hatte er es eigentlich nie. Aber der Vater hatte für ihn gewählt, und so war es ihm recht gewesen. Und nach drei Monaten war das Rosele sein Weib ...
Horch! Jubelnd, sehnend, herzergreifend beginnt nun der Vorbeter das uralte Sabbatlied: »Lecho daudi likras kallo.« Und im stürmischen Chor stimmen die anderen ein: »Lecho daudi likras kallo« – komm, o Freund, der Braut entgegen, den Sabbat laßt uns fröhlich enpfangen!
Seltsames Weben in der Seele eines Volkes! Auf die Gottheit, und allein auf diese überträgt es alle Glut und alle Sinnlichkeit seines Herzens und seines Geistes. Demselben Volke, welches einst das Hohelied gedichtet, den ewigen Hymnus der Liebe, und die Geschichte der Ruth, die schönste Idylle der Weiblichkeit, demselben Volk ist in der tausendjährigen Nacht, Bedrückung und Ruhelosigkeit die Ehe ein Geschäft geworden, geschlossen, um Geld zu erwerben und um die Auserwählten Gottes nicht aussterben zu lassen. Und sie ahnen nicht einmal den entsetzlichen Frevel, der darin liegt.
Auch Moses Freudenthal nicht. Er hat sein Weib hochgehalten alle Tage ihres Lebens, wie auch sie ihm treu zur Seite gestanden in Freud und Leid. Es war Segen auf seinen Werken, und was er begann, glückte. Mit rastlosem Eifer studierte er die Sprache der Christen und die deutschen Gesetze; der dreißigjährige Mann lernte wie ein Knabe. Nicht die Geldgier allein trieb ihn, auch ein stolzes Streben nach Ehre und Wissen. Und dieses Wissen trug seine Früchte, er wurde reich, sehr reich. Die Edelleute und die Offiziere kamen in sein Haus und beugten sich vor seinem Gelde: aber durch seinen Stolz und seine Ehrlichkeit zwang er sie, sich auch vor ihm selbst zu beugen. Damals beneideten sie ihn alle, und wenn er vorüberging, dann zischelten sie einander zu: »Das ist der glücklichste Mensch im ganzen Kreise.«
Aber war er es wirklich?! Warum war dann seine Stirne so häufig umdüstert, warum weinte dann das Rosele, wenn es allein war, als wollte ihm das Herz brechen?! Auf dem Glücke dieser beiden Menschen, die sich erst allmählich in gegenseitige Achtung hineingewöhnt, lag ein schwerer Schatten: ihre Ehe blieb kinderlos. Und weil eine fremde Hand sie zusammengefügt, weil sie einander doch in tiefster Seele fremd gegenüberstanden, darum konnten sie es nicht verwinden und fanden in sich kein Gegengewicht gegen diesen Schmerz. Der stolze Mann trug sein Weh verschlossen in der Brust und sah fast unbewegt zu, wie sein Weib dahinwelkte. Wenn seine Leute von Trennung sprachen, dann schüttelte er das Haupt, aber sein Mund fand auch kein Wort der Liebe für die Unglückliche. So vergingen lange Jahre. Aber eines Abends – es war im Winter –, als er in die Stube trat und seinem Weibe den »guten Abend« bot, da erwiderte sie seinen Gruß nicht leise wie gewöhnlich, da blickte sie ihn nicht scheu und gedrückt an wie sonst, da eilte sie ihm entgegen, da preßte sie sich in seine Arme, als hätte sie jetzt erst das Recht, an seinem Herzen zu ruhen. Überrascht, dann in seligem Ahnen blickte er ihr in das erregte, hocherrötende Antlitz. Dann ergriff er ihre Hand, zog sie auf den Sitz neben sich nieder und lehnte ihr Haupt an seine Brust. Ihre Lippen bebten, aber sie fanden beide kein Wort für ihre Seligkeit, kein armes Menschenwort ...!
