Die Katze, die durch Wände geht - Robert A. Heinlein - E-Book

Die Katze, die durch Wände geht E-Book

Robert A. Heinlein

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9,99 €

Beschreibung

Ein Mann sitzt gerade mit seiner Traumfrau beim Rendezvous, als ein Fremder hereinplatzt, irgendetwas von Mord erzählt und dann vor ihren Augen erschossen wird. Und damit fängt für Richard Ames und Gwen Novak ein wildes Abenteuer an, das sie durch Raum und Zeit und quer durchs Sonnensystem jagen wird ...

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Seitenzahl: 720

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Das Buch

Sein Rendezvous mit Gwen Novak hatte sich Dr. Richard Ames irgendwie anders vorgestellt: Statt seiner Traumfrau bei einem romantischen Candle-Light-Dinner tief in die Augen zu blicken, muss er sich mit einem Fremden herumplagen, der wie aus dem Nichts am Tisch des Paares auftaucht und Richard mit einem Mord beauftragt. Noch bevor Richard das Missverständnis aufklären kann, wird der Unbekannte erschossen. Der Täter kann entkommen, und Richard wird plötzlich wegen Mordes gesucht. Zusammen mit Gwen, die selbst das ein oder andere Geheimnis zu verbergen hat, flieht er zunächst auf den Mond, doch auch dort sind die beiden vor ihren Verfolgern nicht sicher. Für das Paar beginnt ein wildes Abenteuer, das sie quer durch Raum und Zeit führen wird ...

Der Autor

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane Fremder in einer fremden Welt und Mondspuren gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

Mehr über Robert A. Heinlein und seine Romane erfahren Sie auf:

ROBERT A. HEINLEIN

Die Katze,

die durch Wände

geht

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

THE CAT WHO WALKS THROUGH WALLS

Deutsche Übersetzung von Harro Christensen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt

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sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der

Erstveröffentlichung verweisen.

Überarbeitete Neuausgabe: 10/2017

Copyright © 1985 by Robert A. Heinlein

Copyright © 2017 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung eines Motivs von Carlos Amarillo/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-18046-1V001

www.diezukunft.de

»Ach, Liebste! Könnten wir uns nur verbünden

Mit Ihm, den Plan der Dinge zu ergründen,

In Stücke schlagen sollten wir ihn, um

Ihn neu, dem Herzen näher, zu erfinden.«

DIE RUBAIJAT DES OMAR CHAJJAM

Quatrain XCIX, Fünfte Ausgabe

ERSTES BUCH

LEIDLICH EHRLICH

»Was immer du tust, du wirst es bereuen.«

ALLAN McLEOD GRAY 1905 – 1975

1

Wir brauchen Sie. Sie sollen einen Mann töten.«

Der Fremde schaute sich nervös um. Ich finde, ein volles Restaurant ist nicht der Ort für ein solches Gespräch, denn selbst ein hoher Geräuschpegel gewährt keine völlige Ungestörtheit.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Mörder. Töten ist für mich eher eine Art Hobby. Haben Sie schon gegessen?«

»Ich bin nicht hier, um zu essen. Lassen Sie mich nur …«

»Oh, nein. Ich bestehe darauf.« Ich war verärgert, denn er hatte mich an einem Abend gestört, den ich mit einer entzückenden Dame verbrachte; ich zahlte mit gleicher Münze zurück. Man darf die Leute in ihrer Unhöflichkeit nicht auch noch bestärken. Man muss zurückschlagen, verbindlich, aber wirksam.

Diese Dame, Gwen Novak, hatte sich für einen Augenblick entschuldigt und den Tisch verlassen, worauf dieser Herr Namenlos plötzlich auftauchte und ungebeten Platz nahm. Ich wollte ihn gerade auffordern zu verschwinden, als er den Namen Walker Evans erwähnte.

Es gibt keinen »Walker Evans«.

Nein, dieser Name ist eine Botschaft von einem von sechs Leuten, fünf Männern und einer Frau, ein Code, der mich an eine Schuld erinnert. Es wäre denkbar, dass eine Ratenzahlung auf diese Schuld darin besteht, dass ich jemanden töten muss – möglich, aber unwahrscheinlich.

Aber es war unvorstellbar, dass ich auf Geheiß eines Fremden töten würde, nur weil er diesen Namen erwähnte.

Ich sah mich zwar veranlasst, ihm zuzuhören, aber ich hatte nicht die Absicht, mir den Abend verderben zu lassen. Da er schon mal an meinem Tisch saß, sollte er sich verdammt noch mal wie ein geladener Gast benehmen. »Sir, wenn Sie keine komplette Mahlzeit wünschen, probieren Sie doch eine der Kleinigkeiten, die man nach dem Theaterbesuch isst. Das Kaninchenragout auf Toast mag zwar eher Ratte als Kaninchen sein, aber der Küchenchef bereitet es so zu, dass es wie Ambrosia schmeckt.«

»Aber ich will nicht …«

»Bitte!« Ich schaute auf, und mein Kellner sah mich an. »Morris?«

Morris stand sofort neben mir. »Dreimal Kaninchenragout, Morris, und bitten Sie Hans, mir einen trockenen Weißwein auszusuchen.«

»Gern, Dr. Ames.«

»Bitte, tragen Sie erst auf, wenn die Dame wieder hier ist.«

»Selbstverständlich, Sir.«

Ich wartete, bis der Kellner sich entfernt hatte. »Mein Gast wird bald wieder zurück sein. Sie haben ein paar Minuten Zeit, mir das alles zu erklären. Beginnen Sie damit, dass Sie mir Ihren Namen nennen.«

»Mein Name spielt keine Rolle. Ich …«

»Kommen Sie, Sir. Ihren Namen, bitte.«

»Man hat mir nur aufgetragen, ich sollte ›Walker Evans‹ sagen.«

»Das ist ja schön und gut, aber Ihr Name ist nicht Walker Evans, und ich will nichts mit einem Mann zu tun haben, der mir seinen Namen nicht nennt. Sagen Sie mir, wer Sie sind, und es wäre sehr gut für Sie, wenn Sie die entsprechenden Ausweispapiere bei sich hätten.«

»Aber … Colonel, es wäre doch viel wichtiger, dass Sie erfahren, wer sterben muss und warum Sie der Mann sind, der ihn töten muss! Das müssen Sie doch zugeben!«

»Ich muss überhaupt nichts zugeben. Ihren Namen, Sir! Und Ihren Ausweis. Und nennen Sie mich bitte nicht ›Colonel‹; ich bin Dr. Ames.« Ich musste die Stimme heben, um den Trommelwirbel zu übertönen, der die letzte Show des Abends ankündigte. Das Licht wurde abgeblendet, und ein Scheinwerfer erfasste den Zeremonienmeister.

»Schon gut, schon gut.« Mein ungeladener Gast griff in die Tasche und zog eine Brieftasche hervor. »Aber Tolliver muss bis Sonntagmittag sterben, oder wir sind alle tot!«

Er öffnete die Brieftasche, um mir seinen Ausweis zu zeigen. Ein kleiner dunkler Fleck erschien vorn an seinem weißen Hemd. Plötzlich sah er ganz erschrocken aus. »Tut mir leid«, sagte er dann leise und beugte sich vor. Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, doch Blut quoll aus seinem Mund. Sein Kopf sank auf das Tischtuch.

Ich fuhr sofort von meinem Stuhl hoch und sprang an seine rechte Seite. Morris stand schon an seiner linken. Vielleicht wollte Morris ihm helfen; ich nicht – es war zu spät. Ein Vier-Millimeter-Pfeil macht nur ein kleines Einschussloch, und eine Austrittswunde gibt es nicht; das Geschoss explodiert im Körper. Wenn die Wunde am Oberkörper ist, tritt der Tod sofort ein. Ich schaute mich vielmehr unter den Anwesenden um – das und noch eine Kleinigkeit.

Während ich noch versuchte, den Killer zu entdecken, waren der Oberkellner und ein anderer Mann zu Morris geeilt. Die drei bewegten sich so rasch und umsichtig, als würde jeden Abend ein Gast an einem ihrer Tische ermordet. Sie beseitigten die Leiche mit der Geschwindigkeit und der Diskretion chinesischer Bühnenarbeiter. Ein vierter Mann schlug das Tischtuch hoch, trug es zusammen mit dem Tafelsilber davon und kam sofort mit einem neuen Tuch und zwei Gedecken zurück.

Ich setzte mich wieder. Es war mir nicht gelungen, den mutmaßlichen Mörder zu entdecken; ich sah auch niemanden, der ein auffälliges Desinteresse an den Vorgängen an meinem Tisch vorspiegelte. Einige Leute hatten zwar herübergeschaut, aber als die Leiche verschwunden war, hatten sie sich wieder auf die Show konzentriert, die gerade ablief. Es gab kein Geschrei und keinen Aufruhr. Wer es gemerkt hatte, vermutete wahrscheinlich, hier sei einem Gast schlecht geworden oder jemand habe zu viel getrunken.

Die Brieftasche des Toten steckte in meiner linken Jackentasche.

Als Gwen Novak zurückkam, stand ich auf und schob ihr den Stuhl zurecht. Sie lächelte mir dankbar zu und fragte: »Habe ich was versäumt?«

»Nicht viel. Die Witze waren vor deiner Geburt schon alt. Andere waren sogar vor Neil Armstrongs Geburt schon alt.«

»Ich liebe alte Witze, Richard. Bei ihnen weiß ich wenigstens, an welcher Stelle ich lachen muss.«

»Dann bist du ja hier genau richtig.«

Auch ich liebe alte Witze; ich liebe alles mögliche Alte: alte Freunde, alte Bücher, alte Gedichte, alte Theaterstücke. Wir hatten den Abend mit einem alten Lieblingsstück von mir begonnen, mit dem Sommernachtstraum, dargeboten vom Halifax Ballett Theater, mit Luanna Pauline als Titania. Ballett bei geringer Schwerkraft, lebende Schauspieler und magische Hologramme hatten eine Märchenwelt erschaffen, von der Will Shakespeare begeistert gewesen wäre. Das Neue ist keine Tugend.

Bald übertönte Musik die angestaubten Witze des Conférenciers, und die Revue-Girls wogten über die Tanzfläche, sinnlich und elegant bei halber Schwerkraft. Das Ragout wurde aufgetragen und mit ihm der Wein. Als wir gegessen hatten, wollte Gwen mit mir tanzen. Ich habe dieses komische Bein, aber bei einem halben g schaffe ich die klassischen Tänze – Walzer, Tango und so weiter. Gwen ist ein warmes, lebendiges, duftendes Bündel; mit ihr zu tanzen ist ein einziger Genuss.

Es war das fröhliche Ende eines schönen Abends. Da war immer noch die Angelegenheit mit dem Fremden, der die Geschmacklosigkeit begangen hatte, sich an meinem Tisch umbringen zu lassen. Aber da Gwen nichts von dem unangenehmen Zwischenfall bemerkt zu haben schien, hatte ich ihn im Kopf gespeichert, um mich später damit zu befassen. Natürlich war ich jeden Augenblick auf dieses ominöse Schultertippen gefasst, aber vorläufig genoss ich gutes Essen, guten Wein und gute Gesellschaft. Das Leben ist voller Tragik; wenn man sich von ihr überwältigen lässt, kann man die unschuldigen Freuden des Lebens nicht genießen.

Gwen weiß, dass mein Bein kein langes Tanzen vertragen kann; bei der ersten Pause ging sie mit mir an unseren Tisch zurück. Ich gab Morris einen Wink, uns die Rechnung zu bringen. Er holte sie sozusagen aus der Luft. Ich gab meinen Kredit-Code ein, stellte ihn auf Standard-Trinkgeld plus die Hälfte und fügte meinen Daumenabdruck hinzu.

Morris bedankte sich. »Einen Nachttrunk, Sir? Vielleicht einen Brandy? Oder möchte die Dame einen Likör? Mit den besten Empfehlungen des Hauses.« Der Eigentümer des Rainbow’s End, ein alter Ägypter, legte Wert auf solche Gesten, wenigstens seinen Stammgästen gegenüber. Ich weiß nicht, wie er es in dieser Beziehung mit Touristen vom Dreckplaneten hielt.

»Gwen?«, fragte ich und erwartete eine Ablehnung – Gwens Trinken beschränkt sich auf ein Glas Wein zu den Mahlzeiten. Ein Glas.

»Ich hätte gerne einen Cointreau. Ich möchte noch einen Augenblick der Musik zuhören.«

»Cointreau für die Dame.« Morris notierte. »Doktor?«

»Mary’s Tears und ein Glas Wasser, bitte, Morris.«

Als Morris gegangen war, sagte Gwen ruhig: »Ich brauche Zeit, mit dir zu reden, Richard. Willst du heute Nacht in meiner Wohnung schlafen? Keine Angst; du kannst allein schlafen.«

»So gern schlafe ich nun auch wieder nicht allein.« Ich überschlug die Möglichkeiten. Sie hatte einen Drink bestellt, den sie nicht wollte, um mir ein Angebot zu machen, das nicht passte. Gwen ist sonst sehr direkt; wenn sie mit mir hätte schlafen wollen, hätte sie es mir gesagt – sie hätte damit nicht Versteck gespielt.

Also hatte sie mich in ihre Wohnung eingeladen, weil sie es für unklug oder unsicher hielt, wenn ich in meinem eigenen Bett schlief. Also …

»Du hast es gesehen.«

»Von Weitem. Ich wartete, bis alles sich wieder beruhigt hatte, bevor ich an den Tisch zurückging. Richard, ich weiß nicht, was passiert ist. Aber wenn du eine Weile untertauchen willst – sei mein Gast!«

»Vielen Dank, Liebes!« Ein Freund, der Hilfe anbietet, ohne Erklärungen zu verlangen, ist unbezahlbar. »Ob ich annehme oder nicht, ich bin in deiner Schuld. Hmmm, Gwen, ich weiß selbst nicht, was passiert ist. Ein völlig Fremder, der sich ermorden lässt, während er versucht, mir etwas mitzuteilen … Ein Klischee, ein abgegriffenes Klischee. Wenn ich heute eine Geschichte auf diese Weise anlegen wollte, würde die ganze Zunft mich meiden.« Ich lächelte sie an. »Bei diesem klassischen Plot würde sich herausstellen, dass du die Mörderin bist … eine Tatsache, die sich langsam entwickeln würde, während du so tust, als seist du mir bei der Suche behilflich. Der intelligente Leser wüsste vom ersten Kapitel an, dass du die Täterin bist, aber ich, der Detektiv, würde etwas nicht erraten, was doch so banal ist wie die Nase in deinem Gesicht. Korrektur: in meinem Gesicht.«

»Oh, meine Nase ist banal genug; die Männer erinnern sich eher an meinen Mund. Richard, ich werde dir nicht helfen, mir das anzuhängen; ich habe dir nur ein Versteck angeboten. Wurde er wirklich getötet? Ich war mir nicht sicher.«

»Also …« Morris erschien mit den Getränken, und das rettete mich vor einer zu raschen Antwort. Als er wieder gegangen war, antwortete ich: »Ich habe noch über keine andere Möglichkeit nachgedacht. Gwen, er war nicht verletzt. Entweder war er auf der Stelle tot … oder es war gespielt. Kann es gespielt gewesen sein? Gewiss. Wenn man es auf Holo sieht, könnte es mit ein paar kleinen Tricks in der richtigen Zeit ablaufen.« Ich grübelte darüber nach. Warum hatte das Restaurantpersonal so rasch und präzise alle Spuren beseitigt? Warum hatte ich nicht dieses Schultertippen erlebt? »Gwen, ich nehme dein Angebot an. Wenn sie mich finden wollen, werden sie mich finden. Aber ich möchte die Sache mit dir genauer durchgehen, als wir das hier könnten, und wenn wir noch so leise sprächen.«

»Gut.« Sie stand auf. »Ich bin sofort wieder da, Schatz.« Sie ging zum Ausgang, der zu den Toiletten führte.

Als ich aufstand, reichte Morris mir meinen Stock, und ich stützte mich darauf, als ich ihr zu den Toilettenräumen folgte. Ich muss nicht unbedingt einen Stock benutzen – wie Sie wissen, kann ich sogar tanzen –, aber wenn ich einen Stock benutze, wird mein krankes Bein nicht so schnell müde.

Als ich aus der Herrentoilette kam, stellte ich mich ins Foyer und wartete.

Und wartete.

Als ich über jedes vernünftige Maß hinaus gewartet hatte, suchte ich den Oberkellner. »Tony, könnten Sie eine weibliche Angehörige des Personals bitten, in den Toilettenräumen nach Miss Novak zu schauen? Vielleicht ist sie krank geworden oder hat sonst irgendwelche Schwierigkeiten.«

»Die Dame an Ihrem Tisch, Dr. Ames?«

»Ja.«

»Aber sie ist vor zwanzig Minuten schon gegangen. Ich habe sie selbst zur Tür begleitet.«

»So? Dann muss ich sie missverstanden haben. Vielen Dank und gute Nacht.«

»Gute Nacht, Doktor. Wir würden uns freuen, Sie bald wieder begrüßen zu dürfen.«

Ich verließ das Rainbow’s End und blieb einen Augenblick vor dem Lokal im öffentlichen Korridor stehen – Ring dreißig, Ebene mit halber Schwerkraft, im Uhrzeigersinn nur ein kleines Stück von Radius zwei-siebzig bei Petticoat Lane entfernt, einer selbst um ein Uhr morgens sehr belebten Gegend. Ich prüfte, ob Disziplinarbeamte auf mich lauerten, und erwartete schon halb, dass man Gwen festgenommen hatte.

Nichts dergleichen. Ein steter Menschenstrom floss vorbei, ihrer Kleidung und ihrem Verhalten nach waren die meisten Erdferkel auf Urlaub, Leute, die ihre Einkäufe machten, sonstige Dummköpfe, Taschendiebe und Priester. Das Gebiet von Golden Rule ist im ganzen System dafür bekannt, dass man hier alles kaufen kann, und Petticoat Lane unterstützt diesen Ruf, jedenfalls was die Fleischtöpfe anbetrifft. Wenn es um nüchterne Dinge ging, musste man im Uhrzeigersinn neunzig Grad weiter bis zur Threadneedle Street gehen.

Keine Spur von Disziplinarbeamten, keine Spur von Gwen.

Sie hatte versprochen, mich am Eingang zu treffen. Oder doch nicht? Nein, nicht ganz. Ihre genauen Worte waren: »Ich bin sofort wieder da, Schatz.« Ich hatte angenommen, dass sie mich am Ausgang zur Straße hin treffen würde.

Ich kenne alle die alten Witze über Frauen und ihre Launen: La donna è mobile und so weiter – ich glaube nicht daran. Gwen hat es sich nicht plötzlich anders überlegt. Aus irgendeinem Grund – aus einem guten Grund – war sie ohne mich gegangen und erwartete mich wahrscheinlich jetzt bei sich zu Hause.

Das sagte ich mir jedenfalls.

Wenn sie eine Kabine genommen hatte, war sie schon dort; wenn sie zu Fuß gegangen war, musste sie jeden Augenblick eintreffen – »vor zwanzig Minuten«, hatte Tony gesagt. An der Kreuzung Ring dreißig und Petticoat Lane liegt eine Haltestelle. Ich fand eine leere Kabine, gab Ring eins-null-fünf ein, Radius eins-dreißig-fünf und sechs Zehntel Schwerkraft. Das würde mich an den Haltepunkt des öffentlichen Transportsystems bringen, der Gwens Wohnung am nächsten lag.

Gwen wohnt in Gretna Green, direkt am Appian Way, wo er die Yellow Brick Road kreuzt – was niemandem etwas sagt, der Golden Rule noch nie besucht hat. Irgendein PR-»Experte« hat gemeint, dass sich die Leute hier eher wie zu Hause fühlen, wenn sie von Ortsnamen umgeben sind, die ihnen vom Dreckplaneten her vertraut sind. Es gibt sogar (fangen Sie nicht an zu würgen) ein »House at Pooh Corner«. Ich hatte die Koordinaten des Hauptzylinders eingegeben: 105, 135, 0.6.

Irgendwo in der Nähe von Ring zehn akzeptierte das Gehirn der Kabine diese Koordinaten und wartete. Ich gab meinen Kredit-Code ein und duckte mich gegen die Beschleunigungspolster.

Dieses idiotische Gehirn brauchte beleidigend lange dazu festzustellen, dass mein Kredit in Ordnung war. Dann legte es ein Netz um mich, zog es zu, schloss die Kapsel, und wuff! Bing! Bamm!, waren wir schon unterwegs … dann ein rasches Schweben über drei Kilometer von Ring dreißig bis Ring eins-null-fünf, dann bamm! Bing! Wuff!, und ich war in Gretna Green. Die Kabine öffnete sich.

Für mich lohnt solcher Service das Fahrgeld. Aber der Manager erzählt uns seit zwei Jahren, das System rentiere sich nicht. Wir müssten es entweder häufiger benutzen oder höhere Preise bezahlen, sonst würden die Kabinen ausgebaut und der Raum anderweitig genutzt. Ich hoffe, sie kommen noch zu einer anderen Lösung; einige Leute brauchen diesen Service. (Ja, ich weiß; Laffers Theorie bietet für so ein Problem immer zwei Lösungen, eine auf höherer, die andere auf niedrigerer Ebene – außer wenn die Theorie besagt, dass beide Lösungen gleich sind … und nur auf Einbildung beruhen. Was hier zutreffen könnte. Vielleicht ist ein Kabinentransportsystem beim heutigen Stand der Technik für ein Wohngebiet im Raum zu kostspielig.)

Der Weg zu Gwens Wohnung war eine Kleinigkeit: bis zu sieben Zehntel Schwerkraft nach unten, dann fünfzig Meter »vorwärts« bis zu ihrer Nummer – ich klingelte.

Ihre Tür antwortete: »Dies ist die aufgezeichnete Stimme von Gwen Novak. Ich bin ins Bett gegangen und hoffe, dass ich schon selig schlafe. Wenn es sich bei Ihrem Besuch um einen Notfall handelt, deponieren Sie hundert Kronen über Ihren Kredit-Code. Wenn ich der Meinung bin, dass es gerechtfertigt war, mich zu wecken, werde ich das Geld zurückzahlen. Wenn nicht – lach, jauchz, kicher! –, werde ich es für Gin ausgeben und Sie trotzdem draußen lassen. Wenn es sich bei Ihrem Besuch nicht um einen Notfall handelt, hinterlassen Sie bitte Ihre Botschaft, sobald mein Schrei ertönt.«

Darauf ertönte ein gellender Schrei, der so abrupt endete, als hätte man irgendein unglückliches Mädchen zu Tode gewürgt.

War dies ein Notfall? War es gar ein Hundert-Kronen-Notfall? Ich fand, dass es überhaupt kein Notfall war, und ließ aufzeichnen:

»Liebe Gwen, hier spricht dein ziemlich treuer Verehrer Richard. Irgendwie müssen wir uns missverstanden haben. Aber das können wir morgen früh klären. Rufst du mich in meiner Wohnung an, wenn du aufgewacht bist? Liebe Grüße und einen Kuss, Richard Löwenherz.«

Ich versuchte, meine nicht unbeträchtliche Verärgerung aus meiner Stimme herauszuhalten. Ich kam mir übel verladen vor, aber irgendwie war ich überzeugt, dass Gwen mich nicht absichtlich schlecht behandeln würde; irgendetwas musste schiefgegangen sein, obwohl ich mir jetzt noch nicht vorstellen konnte, was es gewesen sein mochte.

Dann fuhr ich nach Hause wuff! Bing! Bamm! … bamm! Bing! Wuff!

Ich habe ein Luxus-Abteil, in dem Schlafraum und Wohnzimmer getrennt sind. Ich öffnete, überprüfte das Terminal auf Nachrichten – keine –, stellte Tür und Terminal auf Schlafbedingungen ein, hängte meinen Stock auf und ging ins Schlafzimmer.

Gwen schlief in meinem Bett.

Sie schlief süß und friedlich. Leise zog ich mich zurück, zog mich geräuschlos aus und ging in den Erfrischungsraum. Ich schloss die Tür. Schalldicht natürlich; ich sprach von einem Luxusabteil. Dennoch versuchte ich, so wenig Geräusch wie möglich zu machen, denn »schalldicht« ist eher eine Hoffnung als eine Gewissheit. Als ich so hygienisch einwandfrei und geruchlos war, wie ein männlicher, unbehaarter Affe ohne chirurgische Hilfe überhaupt werden kann, ging ich leise in mein Schlafzimmer zurück und stieg sehr vorsichtig ins Bett. Gwen bewegte sich, aber sie wachte nicht auf.

Irgendwann, als ich nachts aufwachte, stellte ich den Wecker ab, aber ich wachte zur gewöhnlichen Zeit auf, denn meine Blase kann man nicht abstellen. Ich stand also auf, erledigte das Problem und erfrischte mich für den Tag. Dann beschloss ich, mich um etwas Essbares zu kümmern. Ich schlüpfte in einen Overall, ging leise ins Wohnzimmer, öffnete meine Speisekammer und inspizierte die Vorräte. Für einen besonderen Gast braucht man ein besonderes Frühstück.

Ich ließ die Zwischentür offen, damit ich Gwen im Auge behalten konnte. Ich glaube, sie war vom Kaffeeduft wach geworden. Als ich sah, dass sie die Augen geöffnet hatte, rief ich: »Guten Morgen, meine Schöne. Steh auf, und putz dir die Zähne; das Frühstück ist fertig.«

»Ich habe mir die Zähne schon geputzt; vor einer Stunde. Komm wieder ins Bett.«

»Nymphomanin! Orangen- oder Vogelkirschensaft oder beides?«

»Hmm … beides. Aber wechsle nicht das Thema. Komm her, und stell dich deinem Schicksal wie ein Mann.«

»Iss erst.«

»Feigling! Richard ist ein Schwächling, Richard ist ein Schwächling!«

»Ein ausgesprochener Feigling. Wie viele Waffeln willst du essen?«

»Ach … schon wieder eine Entscheidung! Kannst du sie nicht einzeln auftauen?«

»Es sind keine gefrorenen. Ich habe sie eben eigenhändig angerührt. Nun sag schon, sonst esse ich sie alle selbst.«

»Welch ein Jammer und welche Schande! – wegen ein paar Waffeln abgelehnt zu werden. Ich werde unter die Mönche gehen müssen. Zwei.«

»Drei. Du meinst unter die Nonnen.«

»Ich weiß schon, was ich meine.« Sie stand auf und ging in den Erfrischungsraum. Als sie nach kurzer Zeit wieder herauskam, trug sie einen meiner Morgenmäntel. Hier und da schauten angenehme Teile von Gwen hervor. Ich reichte ihr ein Glas Saft; sie nahm einen Schluck, bevor sie weitersprach. »Gluck, gluck. Das tat gut. Richard, wenn wir erst verheiratet sind, machst du dann jeden Morgen das Frühstück für mich?«

»Diese Frage geht von Voraussetzungen aus, die ich nicht bestätigen will …«

»Nachdem ich dir vertraut und dir alles gegeben habe!«

»… aber ich will einräumen, wenn auch ohne jede Garantie, dass ich genauso gern Frühstück für zwei wie für einen mache. Warum glaubst du, dass ich dich heiraten werde? Welche Anreize hast du zu bieten? Willst du jetzt eine Waffel?«

»Hören Sie, Mister, nicht alle Männer heiraten gern eine Großmutter. Ich habe schon Angebote gehabt. Ja, ich möchte jetzt eine Waffel.«

»Reich mir deinen Teller.« Ich grinste sie an. »›Großmutter‹, dass ich nicht lache. Nicht einmal, wenn du dein erstes Kind gleich nach der ersten Menstruation empfangen hättest und deine Tochter genauso prompt geworfen hätte.«

»Das war bei keiner von uns der Fall. Richard, ich möchte zwei Dinge klarstellen. Nein, drei. Erstens. Wenn ich sage, dass ich heiraten will, meine ich das ganz ernst, vorausgesetzt, du hältst still … und wenn du nicht stillhältst, halte ich dich als Schoßtier und mache selbst für dich das Frühstück. Zweitens bin ich tatsächlich Großmutter. Drittens, wenn du trotz meiner fortgeschrittenen Jahre Kinder mit mir haben willst, die Wunder der modernen Mikrobiologie haben mich fruchtbar und relativ faltenlos gehalten. Wenn du mich also schwängern willst, sollte es dir nicht allzu schwerfallen.«

»Ich könnte mich dazu zwingen. Hier Ahornsirup, da Blaubeersirup. Vielleicht habe ich es ja gestern Nacht schon getan?«

»Das Datum wäre um mindestens eine Woche falsch gewesen … aber was hättest du gesagt, wenn ich ›Hauptgewinn!‹ gerufen hätte?«

»Hör auf mit deinen Witzen, und iss deine Waffel. Die nächste ist gleich fertig.«

»Du bist ein sadistisches Ungeheuer. Und deformiert.«

»Nicht deformiert«, protestierte ich. »Dieser Fuß wurde amputiert; ich wurde nicht ohne ihn geboren. Aber mein Immunsystem weigert sich einfach, ein Transplantat anzunehmen, das ist alles. Einer der Gründe, warum ich lieber in geringer Schwerkraft lebe.«

Gwen war plötzlich ernüchtert. »Oh, Liebster! Ich sprach doch nicht von deinem Fuß. Du lieber Himmel! Dein Fuß spielt keine Rolle … außer, dass ich jetzt besonders darauf achten werde, dich nicht zu überanstrengen, jetzt, wo ich weiß, warum.«

»Tut mir leid. Fangen wir von vorn an. Was meintest du dann, als du sagtest, ich sei ›deformiert‹?«

Sofort war sie wieder sie selbst. »Das solltest du doch wissen! Erst weitest du mich so aus, dass ich für keinen normalen Mann mehr zu gebrauchen bin. Und dann willst du mich nicht heiraten. Lass uns wieder ins Bett gehen.«

»Erst frühstücken wir zu Ende und lassen es ein wenig sacken – kennst du denn keine Gnade? Ich habe ja nicht gesagt, dass ich dich nicht heiraten will … und ich habe dich nicht ausgeweitet.«

»Oh, was für eine sündige Lüge! Gibst du mir bitte die Butter? Natürlich bist du deformiert. Wie groß ist denn die Geschwulst mit dem Knochen darin? Fünfundzwanzig Zentimeter? Mehr? Und der Durchmesser? Wenn ich das Ding vorher gesehen hätte! Ich glaube nicht, dass ich es dann riskiert hätte.«

»Ach, Unsinn! Nicht einmal zwanzig Zentimeter. Ich habe dich nicht ausgeweitet; ich habe höchstens mittlere Größe. Da solltest du mal meinen Onkel Jock sehen. Noch etwas Kaffee?«

»Ja, bitte. Gewiss hast du mich ausgeweitet! Äh … ist dein Onkel Jock wirklich stärker als du? Örtlich?«

»Sehr viel sogar.«

»Äh … wo wohnt er denn?«

»Iss deine Waffel auf. Willst du immer noch mit mir ins Bett zurück? Oder willst du dich mit Onkel Jock in Verbindung setzen?«

»Warum kann ich nicht beides haben? Ja, ein wenig mehr Schinken, danke, Richard. Du kannst gut kochen. Nein, ich will Onkel Jock nicht heiraten. Ich bin nur neugierig.«

»Du solltest ihn nicht bitten, dir das Ding zu zeigen, wenn du es nicht ernst meinst … denn er meint es immer ernst. Als er zwölf Jahre alt war, hat er die Frau des Leiters seiner Pfadfindergruppe verführt. Die beiden sind dann zusammen durchgebrannt. Das verursachte damals im südlichen Iowa beträchtliches Gerede, denn sie wollte ihn nicht aufgeben. Das ist über hundert Jahre her, damals wurden solche Dinge noch ernst genommen, wenigstens in Iowa.«

»Richard, du willst mir doch nicht erzählen, dass Onkel Jock über hundert und immer noch sexuell aktiv ist?«

»Er ist hundertsechzehn und bespringt immer noch die Ehefrauen, Töchter, Mütter und das Vieh seiner Freunde. Und nach den für Iowa geltenden Ehegesetzen für ältere Bürger hat er außerdem noch drei eigene Ehefrauen. Eine von ihnen – Tante Cissy – besucht noch die Highschool.«

»Richard, ich muss vermuten, dass du dich nicht immer ganz an die Wahrheit hältst. Du hast einen Hang zur Übertreibung.«

»Frau, so redet man nicht mit seinem zukünftigen Ehemann. Hinter dir steht ein Terminal. Gib Grinnel, Iowa ein; Onkel Jock wohnt gleich draußen vor der Stadt. Sollen wir ihn anrufen? Wenn du ihn nett darum bittest, zeigt er dir vielleicht seinen ganzen Stolz. Wie wär’s, Schatz?«

»Du willst dich nur davor drücken, mit mir ins Bett zu gehen.«

»Noch eine Waffel?«

»Hör auf mit diesen Bestechungsversuchen. Nun ja, vielleicht eine halbe. Wollen wir uns nicht eine teilen?«

»Nein. Für jeden eine ganze.«

»Heil, Caesar! Du bist das schlechte Beispiel, das ich immer gesucht habe. Wenn wir erst verheiratet sind, werde ich fett.«

»Gut, dass du das gesagt hast. Ich wollte nicht davon anfangen, aber du bist tatsächlich ein bisschen mager. Zu viele scharfe Ecken und Kanten. Ein kleines Polster könntest du schon gebrauchen.«

Was Gwen als Nächstes sagte, werde ich auslassen. Es war farbig, sogar lyrisch, aber (nach meiner Meinung) nicht sehr damenhaft. Es entsprach nicht ihrem wahren Selbst, und deshalb werden wir es nicht aufzeichnen.

»Das ist wirklich irrelevant«, antwortete ich. »Ich bewundere dich wegen deiner Intelligenz. Und wegen deines engelhaften Geistes. Deiner schönen Seele. Lass uns nicht körperlich werden.«

Auch ihre nächste Antwort fällt meiner Zensur zum Opfer.

»Gut«, stimmte ich zu, »wenn du es unbedingt willst. Geh wieder ins Bett, und mach dir ein paar körperliche Gedanken. Ich schalte das Waffeleisen aus.«

Ein wenig später fragte ich sie: »Willst du eine kirchliche Trauung?«

»Großer Gott! In Weiß? Bist du in der Kirche, Richard?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Du und ich gehören auch eigentlich nicht in die Kirche.«

»Da bin ich deiner Meinung. Aber wie willst du denn heiraten? Soviel ich weiß, gibt es in Golden Rule keine andere Möglichkeit zu heiraten. So etwas findet sich nicht in den Vorschriften des Managers. Vor dem Gesetz existiert die Institution Ehe hier überhaupt nicht.«

»Aber Richard, viele Leute heiraten doch.«

»Aber wie, Schatz? Ich weiß, dass einige heiraten, aber wenn sie es nicht über eine Kirche tun, wie denn sonst? Das habe ich noch nie herausfinden können. Gehen sie nach Luna City? Oder hinunter zum dreckigen Planeten? Wie?«

»Wie es ihnen gerade passt. Sie mieten einen Saal und holen sich einen VIP, der in der Gegenwart von Gästen den Knoten bindet. Anschließend gibt es Musik und einen großen Empfang … oder sie heiraten zu Hause in Anwesenheit von nur ein paar Freunden. Oder etwas zwischen beidem. Du hast die Wahl, Richard.«

»Ääh, hmm, nicht ich. Du. Ich war lediglich einverstanden. Was mich betrifft, so gefällt mir eine Frau immer dann am besten, wenn sie ein wenig angespannt ist, weil sie sich ihrer Situation nicht ganz sicher sein kann. Das hält sie fit. Findest du nicht auch? He! Hör auf damit!«

»Dann hör auf, mich zu reizen. Wenn du nicht auf deiner eigenen Hochzeit Sopran singen willst.«

»Tu das noch einmal, dann wird es keine Hochzeit geben. Und nun sag endlich, was für eine Hochzeit du haben willst.«

»Richard, ich brauche keine Trauzeremonie. Ich brauche keine Zeugen. Ich will dir nur alles versprechen, was eine Frau ihrem Mann versprechen sollte.«

»Bist du ganz sicher, Gwen? Ist das nicht alles ein bisschen übereilt?« Verdammt, etwas, was eine Frau im Bett verspricht, sollte nicht bindend sein.

»Ich handle nicht übereilt. Ich habe schon vor mehr als einem Jahr den Entschluss gefasst, dich zu heiraten.«

»Tatsächlich? Das ist ja – Halt! Wir haben uns vor weniger als einem Jahr kennengelernt. Auf dem Ball des Ersten Tages. Am zwanzigsten Juli. Das weiß ich noch.«

»Stimmt.«

»Nun?«

»›Nun‹ was, Liebling? Schon bevor wir uns kennenlernten, habe ich beschlossen, dich zu heiraten. Ist das ein Problem für dich? Für mich nicht.«

»Hmm. Ich sollte dir lieber einiges erzählen. In meiner Vergangenheit gab es Episoden, derer ich mich nicht gerade rühmen kann. Sie waren nicht gerade unehrenhaft, aber doch ein wenig trübe. Und mit dem Namen Ames wurde ich nicht geboren.«

»Richard, ich werde stolz darauf sein, wenn man mich ›Mrs. Ames‹ nennt. Oder auch ›Mrs. Campbell‹ … Colin.«

Ich sagte nichts, jedenfalls nicht laut – und fügte dann hinzu: »Was weißt du sonst noch?«

Sie schaute mir fest in die Augen, aber sie lächelte nicht. »Alles, was ich wissen muss, Colonel Colin Campbell, bei seinen Truppen und in den amtlichen Kriegsberichten als ›Killer‹ Campbell bekannt. Ein rettender Engel für die Studenten der Percival Lowell Academy. Richard, oder Colin, meine älteste Tochter gehörte zu diesen Studenten.«

»Ich will in alle Ewigkeit verdammt sein.«

»Das bezweifle ich.«

»Und deshalb willst du mich heiraten?«

»Nein, mein Lieber. Das reichte vor einem Jahr als Grund aus. Aber inzwischen habe ich viele Monate Zeit gehabt, den Menschen hinter dem Bilderbuchhelden zu entdecken. Und … ich habe dich gestern Nacht zwar gedrängt, rasch zu mir ins Bett zu kommen, aber keiner von uns würde allein aus diesem Grund heiraten. Willst du etwas über meine eigene befleckte Vergangenheit erfahren? Ich werde es dir erzählen.«

»Nein.« Ich wandte mich ihr zu und nahm ihre Hände. »Gwendolyn, ich will, dass du meine Frau wirst. Willst du mich zum Mann haben?«

»Ja.«

»Ich, Colin Richard, nehme dich, Gwendolyn, zu meiner Frau und werde dich lieben und achten, solange du mich haben willst.«

»Ich, Sadie Gwendolyn, nehme dich, Colin Richard, zu meinem Mann, und ich werde dich lieben und achten, solange ich lebe.«

»Hui! Das dürfte genügen.«

»Ja. Aber du musst mich küssen.«

Ich tat es. »Wann ist dir denn ›Sadie‹ eingefallen?«

»Sadie Lipschitz, mein Familienname. Den mochte ich nie, und deshalb habe ich ihn geändert. Richard, das Einzige, was noch fehlt, um die Sache offiziell zu machen, ist die Bekanntgabe unserer Eheschließung. Dann ist die Sache fest beschlossen, und ich will, dass wir sie fest beschließen, solange du noch groggy bist.«

»Okay. Aber wie wollen wir sie veröffentlichen?«

»Darf ich dein Terminal benutzen?«

»Unser Terminal. Du brauchst mich doch nicht zu fragen, wenn du es benutzen willst.«

»Unser Terminal. Danke, Liebling.« Sie stand auf, trat an das Terminal und wählte das Adressenverzeichnis. Dann rief sie den Golden Rule Herald und verlangte den für die Gesellschaftsspalte zuständigen Redakteur. »Bitte nehmen Sie zur Kenntnis: Dr. Richard Ames und Mistress Gwendolyn Novak geben sich die Ehre, ihre heutige Eheschließung bekannt zu geben. Geschenke und Blumen verbeten. Bitte bestätigen Sie.« Sie schaltete ab. Die Leute riefen sofort zurück. Diesmal meldete ich mich und bestätigte die Eheschließung meinerseits.

Sie seufzte. »Richard, ich habe dich zur Eile angetrieben. Aber das musste ich tun. Jetzt kann kein Mensch mehr von mir verlangen, dass ich vor irgendeinem Gericht gegen dich aussage. Ich will dir auf jede erdenkliche Weise helfen. Warum hast du ihn getötet, Liebster? Und wie?«

»Wer einen Tiger weckt, sollte einen langen Stock benutzen.«

MAO TSE-TUNG 1893 – 1976

2

Ich sah meine Braut nachdenklich an. »Du bist eine mutige Frau, mein Schatz, und ich bin dir dankbar, dass du nicht gegen mich aussagen willst. Aber ich bin nicht sicher, ob der Rechtsgrundsatz, den du zitiert hast, in der örtlichen Gerichtsbarkeit Gültigkeit hat.«

»Aber es ist eine allgemeine Rechtsregel, Richard. Eine Ehefrau kann nicht gezwungen werden, gegen ihren Mann auszusagen. Das weiß doch jeder.«

»Die Frage ist: Weiß der Manager das? Die Firma behauptet, dieser Wohnbezirk habe nur ein Gesetz, die Goldene Regel, und die Vorschriften des Managers seien nur praktische Auslegungen dieses Gesetzes, nur Ausführungsbestimmungen, die sich ändern können – die sich nicht nur mitten in einem Prozess, sondern auch rückwirkend ändern können, wenn der Manager das beschließt. Gwen, ich weiß nicht recht. Der Stellvertreter des Managers könnte beschließen, dass du die Hauptzeugin der Firma bist.«

»Das würde ich nicht tun! Bestimmt nicht!«

»Vielen Dank, Liebling. Aber lass uns einmal darüber nachdenken, wie deine Aussage denn ausgesehen hätte, wenn du Zeugin gewesen wärest in – wie wollen wir es nennen? Ach, sagen wir einfach, man wirft mir vor, ich hätte unrechtmäßig den Tod des Mr. X verursacht … wobei Mr. X der Fremde ist, der gestern Abend an unsern Tisch kam, als du gerade in der Damentoilette warst. Was hast du gesehen?«

»Richard, ich habe gesehen, wie du ihn umbrachtest! Ich habe es gesehen!«

»Ein Anklagevertreter würde aber mehr Einzelheiten wissen wollen. Hast du ihn an unseren Tisch kommen sehen?«

»Nein, ich sah ihn erst, als ich den Vorraum verließ und wieder zu unserem Tisch ging … ich war erstaunt, dass jemand auf meinem Platz saß.«

»Okay, nun noch einmal von Anfang an. Sag mir genau, was du gesehen hast.«

»Also, ich kam aus dem Vorraum und ging nach links auf unseren Tisch zu. Du wirst dich daran erinnern, dass du mir den Rücken zudrehtest …«

»Woran ich mich erinnere, spielt hier keine Rolle; sag mir, woran du dich erinnerst. Wie weit warst du vom Tisch entfernt?«

»Ach, ich weiß nicht. Vielleicht zehn Meter. Ich könnte hingehen und nachmessen. Ist das wichtig?«

»Falls es je wichtig werden sollte, könntest du es nachmessen. Du sahst mich also aus einer Entfernung von etwa zehn Metern. Was tat ich in dem Augenblick? Stand ich? Saß ich? Bewegte ich mich?«

»Ich sah dich am Tisch sitzen, und du hattest mir den Rücken zugedreht.«

»Ich hatte dir den Rücken zugedreht. Das Licht war nicht sehr gut. Wie konntest du wissen, dass ich es war?«

»Ach, Richard, du bist absichtlich so schwierig.«

»Ja, denn Anklagevertreter sind auch absichtlich schwierig. Wie hast du mich erkannt?«

»Äh – du warst es, Richard. Ich kenne deinen Hinterkopf genauso gut wie dein Gesicht. Als du aufstandest und dich bewegtest, habe ich dein Gesicht gesehen.«

»Was tat ich als Nächstes? Stand ich auf?«

»Nein, nein. Ich sah dich an deinem Tisch. Als ich sah, dass jemand dir gegenüber auf meinem Stuhl saß, blieb ich stehen. Ich stand da und schaute hinüber.«

»Hast du ihn erkannt?«

»Nein. Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals gesehen habe.«

»Beschreib ihn.«

»Äh, das kann ich nicht sehr gut.«

»Klein? Groß? Alter? Bart? Hautfarbe? Wie war er gekleidet?«

»Ich sah ihn ja nicht aufstehen. Er war kein ganz junger Mann, aber er war auch nicht alt. Ich glaube nicht, dass er einen Bart trug.«

»Vielleicht einen Schnurrbart?«

»Ich weiß es nicht.« (Ich wusste es aber. Kein Schnurrbart. Alter etwa dreißig.)

»Hautfarbe?«

»Weiß. Jedenfalls helle Haut. Aber er war nicht blond wie ein Schwede. Richard, ich hatte keine Zeit, mir all diese Einzelheiten zu merken. Er drohte dir mit einer Art Waffe, und du hast auf ihn geschossen. Als der Ober herbeieilte, sprangst du auf. Und ich blieb stehen und wartete, bis sie ihn wegbrachten.«

»Und wohin brachten sie ihn?«

»Das weiß ich nicht genau. Ich zog mich in die Damentoilette zurück und schloss die Tür. Vielleicht haben sie ihn in die Herrentoiletten gebracht, die gegenüberliegen. Aber am Ende des Ganges ist noch eine Tür mit der Aufschrift ›Nur für Personal‹.«

»Du sagtest, er habe mich mit einer Waffe bedroht?«

»Ja. Dann hast du ihn erschossen, bist aufgesprungen und hast ihm die Waffe weggerissen und in die Tasche gesteckt. In diesem Augenblick trat der Ober an die andere Seite des Mannes.«

(Oho!) »In welche Tasche habe ich die Waffe gesteckt?«

»Lass mich überlegen. Ich muss mich in Gedanken in die Richtung drehen. In die linke Tasche. Die linke Außentasche deiner Jacke.«

»Wie war ich gestern Abend gekleidet?«

»Abendanzug, wir waren direkt von der Ballettvorstellung gekommen. Weißer Sweater mit Rollkragen, kastanienbraunes Jackett, schwarze Hose.«

»Gwen, weil du im Schlafzimmer schliefst, habe ich mich gestern hier im Wohnzimmer ausgezogen und meine Kleidung in den Kleiderschrank dort neben der Außentür gehängt, um sie später ins Schlafzimmer zu bringen. Öffnest du bitte den Schrank und holst die Jacke heraus, die ich gestern trug? Und dann nimmst du aus der linken äußeren Tasche die ›Waffe‹, die ich hineingesteckt haben soll.«

»Aber …« Sie verstummte, und mit ernstem Gesicht entsprach sie meinem Wunsch.

Sie war sofort wieder da und hielt die Brieftasche des Fremden in der Hand. »Mehr war nicht in der Tasche«, sagte sie.

Ich nahm ihr die Brieftasche ab. »Dies ist die Waffe, mit der er mich bedroht hat.« Dann hielt ich ihr meinen rechten Zeigefinger vor die Nase. »Und mit dieser Waffe habe ich ihn erschossen, als er seine Brieftasche auf mich richtete.«

»Ich verstehe nicht.«

»Liebling, das ist genau der Grund, warum Kriminologen sich lieber auf Indizienbeweise als auf Zeugenaussagen verlassen. Du bist die ideale Zeugin, intelligent, genau, kooperativ und ehrlich. Du hast eine Mischung aus dem berichtet, was du gesehen hast, aus dem, was du glaubtest, gesehen zu haben, aus dem, was du zwar sahst, aber nicht bemerktest, und aus dem, was dein Verstand hinzufügte, um die Lücken zu schließen. Die ganze Mischung hast du jetzt als wahre Erinnerung im Kopf, eine Zeugenaussage aus erster Hand. Aber so ist es nicht abgelaufen.«

»Aber Richard, ich habe wirklich gesehen …«

»Du hast gesehen, dass der arme Clown umgebracht wurde. Du hast nicht gesehen, dass er mich bedrohte, und du hast nicht gesehen, dass ich ihn erschoss. Irgendeine dritte Person erschoss ihn mit einem Explosivpfeil. Da der Mann am Tisch mit dem Gesicht zu dir saß und in die Brust getroffen wurde, muss der Pfeil direkt an dir vorbeigesaust sein. Hast du irgendjemanden dort stehen sehen?«

»Nein. Das heißt, die Kellner liefen umher, und auch der Oberkellner stand irgendwo. Einige von den Gästen standen auf oder setzten sich gerade, aber mir ist keiner von ihnen besonders aufgefallen – ganz sicher niemand, der etwa eine Waffe abfeuerte. Was für eine Waffe kann es denn gewesen sein?«

»Gwen, sie mag nicht wie eine Waffe ausgesehen haben. Es war die versteckte Waffe eines Attentäters, aus der man aus kurzer Entfernung einen Pfeil abschießen kann – es hätte also jeder etwa fünfzehn Zentimeter lange Gegenstand sein können. Eine schmale Damengeldbörse. Eine Kamera. Ein Opernglas. Eine endlose Liste harmlos aussehender Gegenstände. Aber das bringt uns nicht weiter, denn ich hatte dem Geschehen den Rücken zugedreht, und du hast nichts Auffälliges bemerkt. Vergiss es also. Der Pfeil wurde wahrscheinlich irgendwo hinter deinem Rücken abgeschossen. Wir wollen lieber feststellen, wer das Opfer war oder für wen der Mann sich ausgab.«

Ich leerte die Fächer der Brieftasche, darunter ein kaum verstecktes »Geheimfach«. Das Letztere enthielt Goldzertifikate einer Zürcher Bank im Wert von etwa siebzehntausend Kronen – höchstwahrscheinlich sein Fluchtkapital.

Ich fand einen Ausweis von der Art, wie Golden Rule sie an jeden ausgibt, der an der Nabe des Gebiets sein Raumschiff verlässt. Aus einem solchen Ausweis geht lediglich hervor, dass die »identifizierte« Person ein Gesicht hat, einen Namen benutzt und dass sie sich über ihre Nationalität, ihr Alter, ihren Geburtsort etc. geäußert hat. Ferner geht aus dem Dokument hervor, dass sie ihr Rückreiseticket oder dessen Gegenwert in bar bei der Firma hinterlegt und die Atemluft für neunzig Tage im Voraus bezahlt hat. Die letzten beiden Bedingungen sind die einzigen, deren Einhaltung die Firma scharf überwacht.

Ich kann nicht mit Gewissheit behaupten, dass jemand, der vielleicht durch Nachlässigkeit nicht im Besitz eines Rückreisetickets ist und auch kein Geld für seine Atemluft hat, von der Firma im Raum ausgesetzt wird. Vielleicht zwingen sie den Betroffenen lediglich dazu, seine Verträge zu verkaufen. Aber darauf würde ich mich nicht verlassen. Ich würde unter keinen Umständen riskieren, Vakuum atmen zu müssen.

Der Ausweis der Firma identifizierte den Inhaber als Enrico Schultz, 32 Jahre alt, Wohnsitz Belize, geboren in Cuidad Castro, Beruf Buchhalter. Das Bild im Ausweis zeigte einen armen Kerl, der umgebracht wurde, weil er mich an einem zu öffentlichen Ort angequatscht hatte … und zum soundsovielten Mal fragte ich mich, warum er mich nicht angerufen hatte, um sich mit mir privat zu verabreden. Ich stehe als »Dr. Ames« im Verzeichnis … und die Erwähnung des Namens »Walker Evans« hätte ihm eine private Unterredung mit mir garantiert.

Ich zeigte Gwen den Ausweis. »Ist das unser Mann?«

»Ich denke schon, aber ich bin nicht sicher.«

»Ich aber. Schließlich habe ich ihm ein paar Minuten gegenübergesessen und mit ihm gesprochen.«

Das Seltsamste an Schultz’ Brieftasche war das, was ich nicht in ihr fand. Außer den Goldzertifikaten enthielt sie achthundertdreißig Kronen und den Ausweis von Golden Rule.

Aber das war alles.

Keine Kreditkarten, kein Führerschein, keine Versicherungskarte, keine Gewerkschaftskarte, keine Mitgliedskarte irgendeiner Organisation, kein eigener Ausweis, nichts. Die Brieftaschen der Männer sind wie die Handtaschen der Frauen; in ihnen sammelt sich allerlei unnützes Zeug an: Fotos, Zeitungsausschnitte, Einkaufslisten etc. und kein Ende; sie müssen regelmäßig ausgemistet werden. Aber wenn man das tut, lässt man das Dutzend Dinge darin, die der moderne Mensch zum Leben braucht. Mein Freund hatte keines von diesen Dingen.

Schlussfolgerung: Ihm war wenig daran gelegen, seine wahre Identität zu offenbaren. Logische Folgerung: Irgendwo im Bezirk Golden Rule lagen seine persönlichen Papiere versteckt … ein auf einen anderen Namen lautender Ausweis, ein ganz gewiss nicht in Belize ausgestellter Pass, andere Papiere, aus denen man auf seinen Hintergrund und seine Motive würde schließen können, aus denen möglicherweise zu erfahren war, wieso er den Namen »Walker Evans« erwähnt hatte.

Konnte man diese Dinge finden?

Noch etwas anderes störte mich: diese siebzehntausend in Goldzertifikaten. Könnte es sein, dass es sich dabei gar nicht um sein Fluchtkapital handelte, sondern dass er glaubte, mich für eine so lächerliche Summe zum Mord an Tolliver bewegen zu können? Wenn das der Fall war, hatte ich jeden Grund, beleidigt zu sein. Ich wollte lieber glauben, er hätte gehofft, mich zu diesem Mord im Dienste der Öffentlichkeit überreden zu können.

»Willst du dich von mir scheiden lassen?«, fragte Gwen.

»Was?«

»Ich habe dich in die Ehe hineingetrieben. Ich hatte die besten Absichten, wirklich! Aber es hat sich herausgestellt, dass ich dumm war.«

»Oh, Gwen, ich heirate nicht, um mich noch am selben Tag wieder scheiden zu lassen. Niemals. Wenn du mich wirklich wieder loswerden willst, musst du morgen mit mir darüber reden. Obwohl es nur fair wäre, wie ich meine, wenn du mich dreißig Tage lang ausprobiertest oder doch wenigstens zwei Wochen. Und gestatte mir bitte dasselbe. Bisher war ich mit deinen Leistungen, sowohl horizontal als auch vertikal, zufrieden. Sollte sich das ändern, werde ich dich informieren. Einverstanden?«

»Einverstanden. Allerdings könnte ich dich eines Tages mit deinen eigenen Haarspaltereien erschlagen.«

»Ihren Mann totzuschlagen ist das Privileg jeder verheirateten Frau, vorausgesetzt, sie tut es nicht in der Öffentlichkeit. Aber jetzt halt bitte den Mund, Liebes; ich habe Schwierigkeiten. Fällt dir ein vernünftiger Grund ein, warum Tolliver umgebracht werden sollte?«

»Ron Tolliver? Nein. Mir fällt allerdings auch kein vernünftiger Grund ein, warum er am Leben bleiben sollte. Er ist ein Rüpel.«

»Das ist er gewiss. Wenn er nicht einer der Partner der Firma wäre, hätte man ihm schon lange sein Rückreiseticket gegeben und ihn zum Teufel gejagt. Aber ich sagte nicht ›Ron Tolliver‹, ich sagte ›Tolliver‹.«

»Gibt es denn mehr als einen? Hoffentlich nicht.«

»Das werden wir gleich sehen.« Ich ging zum Terminal, wählte das Adressenverzeichnis und ließ es bis zum Buchstaben T durchlaufen.

»›Ronson H. Tolliver, Ronson Q.‹ – das ist sein Sohn – und dies ist seine Frau, ›Stella M. Tolliver‹. Heh! Hier steht: ›Siehe auch Taliaferro‹.«

»Das ist die ursprüngliche Schreibweise«, sagte Gwen. »Aber es wird trotzdem ›Tolliver‹ ausgesprochen.«

»Bist du sicher?«

»Ganz sicher. Jedenfalls südlich der Mason-Dixon-Linie zu Hause auf dem Dreckplaneten. Bei der Schreibweise ›Tolliver‹ denkt man an heruntergekommene, arme Weiße, die nicht buchstabieren können. Wer es lang ausschreibt und jeden Buchstaben mitspricht, könnte zu den neuen Yankees gehören, die vorher vielleicht ›Lipschitz‹ oder so ähnlich hießen. Der authentische, Plantagen besitzende, Neger schindende und schürzenjagende Aristokrat wählte die lange Schreibweise und sprach es kurz aus.«

»Schade, dass du mir das gesagt hast.«

»Warum, Schatz?«

»Weil hier drei Männer und eine Frau verzeichnet sind, die es lang schreiben, Taliaferro. Ich kenne keinen von ihnen, und jetzt weiß ich nicht, wen ich töten soll.«

»Musst du einen von ihnen töten?«

»Ich weiß es nicht. Hmm, es wird Zeit, dass du erfährst, worum es überhaupt geht. Jedenfalls, wenn du mindestens vierzehn Tage mit mir verheiratet bleiben willst. Ist das der Fall?«

»Natürlich will ich das! Vierzehn Tage und für den Rest meines Lebens! Und du bist ein männliches Chauvinistenschwein!«

»Bei schon bezahlter lebenslanger Mitgliedschaft.«

»Ich glaube, du willst mich auf den Arm nehmen.«

»Du etwa nicht? Willst du wieder ins Bett?«

»Nicht bevor du weißt, wen du umbringen willst.«

»Das kann noch eine Weile dauern.« Ich versuchte Gwen einen möglichst detaillierten, den Tatsachen entsprechenden und ungefärbten Bericht über meine kurze Bekanntschaft mit dem Mann zu geben, der sich »Schultz« genannt hatte. »Und das ist alles, was ich weiß. Er starb zu rasch, als dass ich mehr hätte erfahren können. Und er ließ eine endlose Reihe von Fragen zurück.«

Ich ging wieder zum Terminal und schaltete ihn auf Textverarbeitung. Dann bereitete ich eine neue Akte vor, als wollte ich ein billiges Theaterstück inszenieren:

DAS ABENTEUER EINES FALSCH GESCHRIEBENEN NAMENS

Offene Fragen:

1. Tolliver oder Taliaferro?

2. Warum muss T. sterben?

3. Warum sind »wir alle tot«, wenn T. bis Sonntagmittag nicht stirbt?

4. Wer ist die Leiche, die sich »Schultz« nannte?

5. Warum muss gerade ich die Dreckarbeit tun und T. ermorden?

6. Ist dieser Mord nötig?

7. Welches der Mitglieder des Walker-Evans-Gedächtnis-Vereins hat diesen total beknackten Trottel an meinen Tisch gekotzt und warum?

8. Wer hat »Schultz« ermordet und warum?

9. Warum kamen die Angestellten des Rainbow’s End sofort herbei, um den Mord zu vertuschen?

10. Wieso ging Gwen vor mir, und warum ging sie in meine Wohnung anstatt nach Hause, und wie ist sie überhaupt reingekommen?

»Gehen wir sie der Reihe nach durch?«, fragte Gwen. »Nummer zehn ist nämlich die einzige, die ich beantworten kann.«

»Die Frage ist nicht so wichtig«, sagte ich. »Aber wenn ich von den ersten neun Fragen drei beantworten könnte, ganz gleich welche, könnte ich daraus die Antworten auf die übrigen logisch ableiten.« Ich ließ weitere Worte auf dem Schirm erscheinen:

MÖGLICHE MASSNAHMEN

»Sind Zweifel und Gefahr dabei:

Dann lauf im Kreis und brüll und schrei.«

»Hilft das?«, fragte Gwen.

»Das hilft immer! Frag jeden alten Militär. Und jetzt nehmen wir uns eine Frage nach der anderen vor.«

Frage 1 – Jeden Taliaferro im Adressenverzeichnis anrufen. Auf die Aussprache des Namens achten. Alle streichen, die jeden Buchstaben mitsprechen.

Frage 2 – Den Hintergrund der übrigen durchleuchten. Mit dem Archiv des Herald anfangen.

Frage 3 – Bei Klärung der Frage 2 auf alles achten, was für Sonntagmittag geplant ist oder erwartet wird.

Frage 4 – Wenn du eine Leiche wärest, die im Raumbezirk Golden Rule ankommt und ihre Identität nicht preisgeben will, die aber jederzeit Zugang zu ihrem Pass und ihren sonstigen Reisepapieren haben muss, wo würdest du diese Papiere verstecken? Hinweis: Prüfe, wann diese Leiche in Golden Rule ankam. Dann Hotels, Schließfächer, postlagernde Sendungen überprüfen.

Frage 5 – zurückstellen.

Frage 6 – zurückstellen.

Frage 7 – So viele Angehörige der »Walker-Evans«-Gruppe wie möglich anrufen. So lange, bis einer auspackt. Zur Beachtung: Irgendein Trottel mag, ohne es zu wissen, zu viel geredet haben.

Frage 8 – Morris oder der Oberkellner oder der andere Mann oder alle drei oder zwei von ihnen wissen, wer Schultz getötet hat. Einer oder mehrere hatten den Mord erwartet. Wir müssen also bei jedem die schwachen Punkte ermitteln – Alkohol, Drogen, Geld, Sex (comme ci où comme ça) – und wie hießen Sie noch damals auf dem Dreckplaneten, alter Junge? Hängt irgendwo Ihr Steckbrief aus? Diese schwachen Punkte müssen wir finden. Bei allen dreien. Und dann prüfen wir, ob ihre Geschichten zusammenpassen. Jeder hat seine Leiche im Keller. Das ist ein Naturgesetz – wir müssen sie nur finden.

Frage 9 – Hier könnte Geld im Spiel sein (diese Vermutung wird aufrechterhalten, bis sie sich als falsch erweist).

(Frage: Wie viel wird das alles kosten? Kann ich es mir leisten? Gegenfrage: Kann ich es mir leisten, diese Ermittlungen nicht aufzunehmen?)

»Ich habe mir darüber Gedanken gemacht«, sagte Gwen. »Als ich meine Nase reinsteckte, glaubte ich, du stecktest wirklich in Schwierigkeiten. Aber du bist anscheinend völlig unbelastet. Warum musst du denn überhaupt etwas unternehmen, mein Gatte?«

»Ich muss ihn töten.«

»Was? Aber du weißt doch nicht, welcher Tolliver gemeint ist! Oder warum er sterben muss, wenn überhaupt.«

»Nein, nein, nicht Tolliver. Obwohl es sich herausstellen könnte, dass auch er sterben muss. Nein, Liebes, ich meine den Mann, der Schultz umbrachte. Ich muss ihn finden und töten.«

»Oh, ich sehe ein, dass er den Tod verdient, denn er ist ein Mörder. Aber warum musst du das tun? Für dich sind beide Fremde – das Opfer und wer immer der Mörder sein mag. Eigentlich geht dich die ganze Sache doch gar nichts an, oder?«

»Sie geht mich etwas an. Schultz, oder wie er auch geheißen haben mag, wurde getötet, während er als Gast an meinem Tisch saß. Das ist eine unerträgliche Unhöflichkeit, und die lasse ich mir nicht gefallen. Gwen, meine Liebe, wenn man schlechte Manieren duldet, werden sie nur noch schlechter. Unser schöner Wohnbezirk könnte genau wie Ell-Five zu einem Slum herunterkommen, wo nur noch schlechte Manieren, unnötiger Lärm und eine ungehobelte Sprache herrschen. Ich muss den Rüpel finden, der das getan hat. Ich werde ihm das Verwerfliche seiner Tat erklären, ihm Gelegenheit geben, sich zu entschuldigen, und dann werde ich ihn töten.«

»Man sollte seinen Feinden verzeihen, aber nicht, bevor sie am Galgen hängen.«

HEINRICH HEINE 1797 – 1856

3

Meine hübsche Braut starrte mich an. »Du würdest einen Mann töten? Nur weil er schlechte Manieren hat?«

»Fällt dir ein besserer Grund ein? Soll ich etwa unhöfliches Benehmen ignorieren?«

»Nein, aber … ich kann verstehen, dass ein Mann wegen Mordes hingerichtet wird; ich bin nicht gegen die Todesstrafe. Aber das solltest du den Disziplinarbeamten und dem Management überlassen. Warum musst du das Gesetz in die eigenen Hände nehmen?«

»Gwen, ich habe mich vielleicht nicht deutlich genug ausgedrückt. Ich will nicht bestrafen, sondern ausjäten … hinzu kommt die ästhetische Befriedigung darüber, dass ich bäurisches Benehmen heimgezahlt habe. Dieser unbekannte Killer kann gute Gründe dafür gehabt haben, die Person umzubringen, die sich Schultz nannte … aber jemanden in der Gegenwart von Leuten zu töten, die gerade essen, ist genauso anstößig wie Ehepaare, die sich in der Öffentlichkeit streiten. Und dann setzte dieser Trottel dem Ganzen noch die Krone auf, indem er es tat, während sein Opfer mein Gast war … und das macht die Rache zu meiner Verpflichtung und zu meinem Privileg.«

Ich fuhr fort: »Das vermeintliche Delikt des Mordes interessiert mich nicht. Aber da du meinst, dass die Disziplinarbeamten und das Management sich dieser Angelegenheit annehmen sollten, kennst du irgendeine Vorschrift, die einen Mord verbietet?«

»Was? Aber Richard, es muss eine solche Vorschrift geben.«

»Ich habe noch von keiner gehört. Ich nehme an, der Manager könnte Mord als Verletzung der Goldenen Regel auslegen …«

»Das möchte ich wohl meinen!«

»Tatsächlich? Ich bin niemals ganz sicher, was der Manager denkt. Aber, Gwen, mein Liebling, Töten ist nicht notwendigerweise Mord. Oft ist es das wirklich nicht. Wenn diese Tötungshandlung je die Aufmerksamkeit des Managers erregt, könnte der vielleicht entscheiden, dass es sich um einen gerechtfertigten Totschlag gehandelt hat. Ein Verstoß gegen gute Manieren, aber nicht gegen die Moral.«

Ich wandte mich wieder dem Terminal zu und fuhr fort: »Aber der Manager hat die Angelegenheit vielleicht schon geregelt. Wir wollen sehen, was der Herald darüber sagt.« Ich wählte wieder die Zeitung und stellte den Tagesindex ein. Dann wählte ich die Statistiken des Tages.

Die erste Information, die vorbeizog, war »Eheschließung – Ames-Novak.« Ich arretierte sie, schaltete auf Verstärkung und ließ die Information ausdrucken. Ich riss den Zettel ab und reichte ihn meiner Braut. »Schick das deinen Enkelkindern, damit sie sehen, dass ihre Großmutter nicht mehr in Sünde lebt.«

»Vielen Dank, Darling«, sagte sie. »Du bist so galant.«

»Und außerdem kann ich kochen.« Dann las ich die Todesfälle. Gewöhnlich lese ich die Todesfälle zuerst, denn es besteht immer die Möglichkeit, dass ich mich über einen von ihnen besonders freue.

Heute allerdings nicht. Kein Name, den ich kannte. Vor allem kein »Schultz«. Kein nicht identifizierter Fremder. Kein Todesfall »in einem bekannten Restaurant«. Nichts als die übliche traurige Aufzählung von Fremden, die auf natürliche Weise gestorben waren. Einer war einem Unfall zum Opfer gefallen. Darum schaltete ich die allgemeinen Nachrichten ein und ließ sie über den Schirm laufen.

Nichts. Nur endlose Routine: Ankunft und Abflug von Schiffen und (die wichtigste Nachricht) der Anbau der Ringe 130-140, die soeben in Rotation versetzt worden waren und, wenn alles nach Plan verlief, am Sechsten um 0800 am Hauptzylinder eingepasst und verschweißt werden sollten.

Aber ich fand nichts über »Schultz«, und auch Tolliver oder Taliaferro wurde nicht erwähnt. Es war auch nirgends die Rede von einer unbekannten Leiche. Noch einmal sah ich im Index nach und holte die Ereignisse des Sonntages auf den Schirm. Für den Sonntag wurde nur ein Ereignis angekündigt, eine öffentliche Diskussion, die über Holo von Den Haag, Tokio, Luna City, Ell-Four, Golden Rule, Tel Aviv und Agra ausgestrahlt werden sollte. Das Thema lautete: »Glaubenskrise: Die Moderne Welt am Scheideweg«. Als Co-Moderatoren wurden der Präsident der Humanistischen Gesellschaft und der Dalai Lama genannt, und ich wünschte ihnen Glück.

»Bisher war das wirklich nichts«, sagte ich. »Gwen, wie erkundigt man sich bei Fremden höflich nach der Aussprache ihrer Namen?«

»Ich würde sagen: ›Miss Tolliva, hier spricht Gloria Meade Calhoun aus Savannah. Haben Sie eine Cousine namens Stacey Mae, die in Charleston lebt?‹ Wenn sie die Aussprache ihres Namens korrigiert, würde ich mich entschuldigen und die Unterhaltung beenden. Wenn aber sie – oder er – den Namen akzeptiert, aber behauptet, Stacey Mae nicht zu kennen, würde ich sagen, ich hätte schon gleich vermutet, dass es sich um einen Irrtum handeln müsse. Was aber dann, Richard? Sollte man ›aus Versehen‹ auflegen oder versuchen, eine Verabredung zu treffen?«

»Wenn möglich, solltest du eine Verabredung treffen.«

»Für dich oder für mich?«

»Für dich, und ich gehe dann mit. Oder du verabredest dich in deiner Wohnung. Aber erst muss ich mir einen Hut kaufen.«

»Einen Hut?«

»Eine von diesen komischen Schachteln, die man auf den flachen Teil des Kopfes setzt. Jedenfalls ist es auf dem Dreckplaneten so üblich.«

»Ich weiß, was ein Hut ist! Ich wurde auch auf dem Dreckplaneten geboren, genau wie du. Aber ich bezweifle, ob man jemals außerhalb der Erde einen Hut gesehen hat. Wo würdest du denn einen kaufen?«

»Ich weiß nicht, liebstes Mädchen, aber ich kann dir sagen, warum ich einen brauche. Damit ich mir höflich an den Hut tippen und sagen kann: ›Sir oder Madam, bitte sagen Sie mir, warum jemand wünscht, dass Sie spätestens Sonntagmittag tot sind.‹ Gwen, das ist ja gerade mein Problem: Wie eröffnet man ein solches Gespräch? Es gibt allgemein anerkannte Methoden, sich höflich nach allem Erdenklichen zu erkundigen, ob man nun eine sonst keusche Ehefrau zum Ehebruch veranlassen oder ob man jemanden bestechen will. Aber wie eröffnet man ein Gespräch über dieses Thema?«

»Kannst du nicht einfach sagen: ›Schauen Sie sich bitte nicht um, aber jemand versucht, Sie umzubringen.‹?«

»Nein, das ist die falsche Reihenfolge. Ich will den Kerl doch nicht warnen, indem ich ihm sage, dass jemand es auf ihn abgesehen hat; ich versuche herauszufinden, warum. Wenn ich weiß, warum, bin ich vielleicht so sehr einverstanden, dass ich mich einfach nur freue … oder vielleicht bin ich dann so inspiriert, dass ich die Bitte des verstorbenen Mr. Schultz als Dienst an der Menschheit tatsächlich erfülle.

Andernfalls wäre ich vielleicht so sehr dagegen, dass ich mein ganzes Leben und meine ganzen Kräfte der heiligen Aufgabe widme, diesen Mord zu verhindern. Das ist zwar unwahrscheinlich, wenn Ron Tolliver das erklärte Ziel ist. Aber noch ist es zu früh zu entscheiden, auf welche Seite man sich schlagen sollte. Ich muss erst wissen, was los ist. Gwen, mein Schatz, im Mordgeschäft sollte man nie erst töten und dann Fragen stellen. Das könnte den einen oder anderen verärgern.«

Ich wandte mich dem Terminal zu und starrte es an, ohne eine Taste zu berühren. »Gwen, bevor wir Ortsgespräche führen, sollten wir sechs zeitverschobene Gespräche anmelden, und zwar mit jedem einzelnen der Freunde Walker Evans’. Die Tatsache, dass Schultz diesen Namen erwähnt hat, ist vorläufig unser einziger Anhaltspunkt. Irgendeiner der sechs muss ihm den Namen genannt haben, und der Betreffende muss wissen, wieso Schultz in solcher Bedrängnis war.«

»Zeitverschoben? Sind sie denn alle so weit weg?«

»Ich weiß es nicht. Einer lebt wahrscheinlich auf dem Mars, zwei weitere könnten sich im Asteroidengürtel aufhalten. Einer oder zwei sind vielleicht auf dem Dreckplaneten, aber wie dem auch sei, sie führen alle einen falschen Namen, genau wie ich. Gwen, das Debakel, das mich dazu veranlasste, den fröhlichen Waffendienst aufzugeben, und das meine sechs Kameraden zu meinen Gesinnungsgenossen machte … nun, in der Öffentlichkeit hat das Ganze einen üblen Eindruck hinterlassen. Ich könnte sagen, dass die Medienvertreter, die die Vorfälle nicht aus eigener Anschauung kannten, unmöglich verstehen konnten, warum alles geschah. Ich könnte wahrheitsgemäß behaupten, dass wir im damaligen Zusammenhang moralisch handelten – zu jener Zeit, an jenem Ort, unter jenen Umständen. Ich könnte. Aber lassen wir das, Liebes; lassen wir es dabei, dass meine Brüder sich alle verstecken müssen. Sie zu finden dürfte schwierig sein und könnte sehr lange dauern.«

»Aber du willst doch nur mit einem reden, nicht wahr? Mit dem, der sich mit diesem Schultz in Verbindung gesetzt hat.«

»Ja, aber ich weiß nicht, wer von ihnen das war.«

»Richard, wäre es nicht leichter, die Sache über Schultz zurückzuverfolgen, um so den Mann zu finden? Es wäre doch viel schwerer, sechs Leute zu finden, die über das ganze Sonnensystem verteilt oder vielleicht sogar außerhalb des Sonnensystems unter falschem Namen leben.«

Ich dachte darüber nach. »Vielleicht. Aber wie soll ich Schultz’ Weg zurückverfolgen? Hast du da vielleicht eine Eingebung, mein Schatz?«