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Hammelburg, eine idyllische Kleinstadt im fränkischen Saaletal. Hier führt Anna eine Pension mit fünf Zimmern. Ein unerwarteter Anruf ändert ihr Leben schlagartig. Sie wird mit den Schatten ihrer Vergangenheit konfrontiert, die sie dachte, abgeschüttelt zu haben. Als dann auch noch ein neuer Nachbar bei ihr gegenüber einzieht, der alles daransetzt, ihr nicht über den Weg zu laufen, ist ihr Misstrauen endgültig geweckt.Hinzu kommen neue Pensionsgäste, deren Geschichten sich in Widersprüche verstricken. Unweigerlich muss sich Anna die Frage stellen, wen sie hier beherbergt. Hat sie, ohne es zu merken, dem Bösen Zutritt zu ihrer Pension gewährt? Durch weitere Geschehnisse werden die Karten neu gemischt und Anna erkennt, dass das Tor zu ihrer Vergangenheit längst unwiderruflich geöffnet wurde. Wer ihrer Gäste ist nicht der, für den er sich ausgibt? Die Zeit arbeitet erbarmungslos gegen sie ...
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Hammelburg, eine idyllische Kleinstadt im fränkischen Saaletal. Hier führt Anna eine Pension mit fünf Zimmern. Ein unerwarteter Anruf ändert ihr Leben schlagartig. Sie wird mit den Schatten ihrer Vergangenheit konfrontiert, die sie dachte, abgeschüttelt zu haben.
Als dann auch noch ein neuer Nachbar bei ihr gegenüber einzieht, der alles daransetzt, ihr nicht über den Weg zu laufen, ist ihr Misstrauen endgültig geweckt.
Hinzu kommen neue Pensionsgäste, deren Geschichten sich in Widersprüche verstricken. Unweigerlich muss sich Anna die Frage stellen, wen sie hier beherbergt. Hat sie, ohne es zu merken, dem Bösen Zutritt zu ihrer Pension gewährt?
Durch weitere Geschehnisse werden die Karten neu gemischt und Anna erkennt, dass das Tor zu ihrer Vergangenheit längst unwiderruflich geöffnet wurde. Wer ihrer Gäste ist nicht der, für den er sich ausgibt? Die Zeit arbeitet erbarmungslos gegen sie …
Natascha Kippes lebt im fränkischen Saaletal und holt sich die Inspiration für ihre Bücher am liebsten direkt vor der Haustür. So ist auch die Idee zu ihrem ersten Saaletal-Thriller Schnappschuss in den Tod entstanden. Wenn sie nicht gerade an einem neuen Buch schreibt, dann liest sie gerne oder probiert neue Koch- und Backrezepte aus.
Mehr Infos unter:www.nataschakippes.com
Für meine Eltern
Vielen Dank für eure Unterstützung. Dieses Buch ist mit viel Herzblut geschrieben.
Eure Natascha
Aleksandra rollten stumm die Tränen die Wangen hinab. Die Angst, die sie lange unterdrückt hatte, presste sich auf ihre Lungen und raubte ihr die Luft zum Atmen. Was hatte sie Wiktoria neben sich verachtet, die bei der allerkleinsten Erschütterung in Hysterie ausgebrochen war. Alles deutete darauf hin, dass Wiktoria den besseren Instinkt gehabt hatte. Im Gegensatz zu Aleksandra hatte sie tief in ihrem Inneren geahnt, wo sie hier hineingeraten waren.
Aleksandra schämte sich, dass sie sich haltlosen Versprechungen hingegeben hatte. Spätestens beim Treffpunkt hätte sie umdrehen sollen. Selbst der Anblick der versammelten Frauen hatte sie nicht die Flucht ergreifen lassen. Ihre Naivität würde ihr nun zum Verhängnis werden.
Sie schluchzte auf. »Es tut mir leid, Mumia«, flüsterte sie.
Sie war umso überraschter, als sich in der kaum aushaltbaren Geräuschkulisse aus Wehklagen und Gejammer eine Hand auf ihren Oberschenkel legte und sachte zudrückte. Wiktorias Geste, um ihr Trost zu spenden.
Sie drehte ihren Kopf nach links. Dorthin, wo sie Wiktoria in der undurchdringlichen Dunkelheit vermutete. »Wir hätten nicht in diesen Container steigen dürfen.«
»Dafür ist es jetzt zu spät«, antwortete Wiktoria auf Polnisch.
Sie hatten ihre Pässe gegen das Versprechen auf ein besseres Leben in die Hände eines Mannes gegeben, mit dem sie zuvor lediglich wenige Sätze gesprochen hatten. Für Aleksandra war es die einzige Möglichkeit, die teure Krebsbehandlung ihrer Mumia zu bezahlen. Sie musste diese Überfahrt überstehen, um sich einen Job suchen zu können und Geld für ihre Mutter zu verdienen.
»Was denkst du, wo wir sind?«, fragte Wiktoria, die sich mittlerweile beruhigt und ihre anfängliche Panik gegen Resignation getauscht hatte.
»Ich weiß es nicht.«
Es konnten Minuten oder Stunden vergangen sein. Aleksandras Zeitgefühl war mit dem Betreten des Containers und dem Einrasten der Riegel abhandengekommen. Hier saß sie, eingepfercht mit dreißig weiteren Frauen. Das Metall unter ihr fühlte sich kalt und hart an. Ihre Beine waren mittlerweile vom Sitzen eingeschlafen, und ihre Blase drückte. Wenn sie nicht bald ankamen, dann würde sie in die Hose pinkeln müssen. Eine größere Erniedrigung konnte sie sich nicht vorstellen.
Die aufgebrauchte Luft verursachte ihr Kopfschmerzen. Durch den Stahl des Schiffscontainers drang keine einzige Brise. Sie hoffte, dass sie nicht alle erstickten, bevor sie den Hamburger Hafen erreichten.
Wiktoria neben ihr bebte, kämpfte erneut mit ihren Emotionen.
»Komm, ruh dich aus. Du kannst deinen Kopf auf meine Oberschenkel legen.« Sie streichelte Wiktoria über das Haar. Die immer wiederkehrenden Bewegungen lenkten sie von der Warterei ab und hielten ihre Gedanken im Zaum. Als es heftig schaukelte, wusste sie, dass sie einen törichten Fehler begangen hatte, indem sie in diesen Container gestiegen war.
Der Lärmpegel schwoll an. Manche von ihnen waren so ausgelaugt, dass sie nur noch zu einem Wimmern im Stande waren, andere schrien aus Leibeskräften. Das Schwanken nahm zu. Der Container wackelte umher wie eine Schiffschaukel im Freizeitpark bei voller Fahrt.
Aleksandra krallte sich haltsuchend am Boden fest, um nicht durch die Gegend geschleudert zu werden. Es folgte ein dumpfer Aufschlag, durch den sie wenige Zentimeter in die Luft flog, ehe sie hart mit dem Steißbein auf dem Containerboden aufschlug. Aleksandra zischte. Der Schmerz schoss von ihrem Gesäß aufwärts in ihre Wirbelsäule. Die Bewegungen verebbten schlagartig. Stattdessen hörte sie das Kreischen einer Maschine, die sich von außen an der Tür zu schaffen machte. War ihre Freiheit zum Greifen nah?
»Sind alle auf Position?«, fragte Hubert Maier, Leiter des Landeskriminalamts Hamburg.
»Team eins hat den Container gesichert«, bestätigte Leon Kramer über sein Funkgerät.
»Team zwei steht vor dem Bordell«, antwortete prompt ein Kollege einer weiteren Einheit, dessen Stimme blechern aus dem Funkgerät hallte.
»Team drei sichert das Gebäude am Güterbahnhof.«
Diesem Einsatz waren lange Planungen vorausgegangen. Heute sollte einer der größten Menschenhandelsringe in Deutschland ausgehebelt werden. Die Hintermänner versprachen Frauen aus Osteuropa ein neues Leben. Was sie ihnen nicht sagten, war, dass sie ihnen die Pässe wegnahmen und sich die Überfahrt mit anschließender Zwangsprostitution bezahlen ließen. Ein Herankommen war jahrelang gescheitert, bis sich das Blatt durch Zufall gewendet hatte. Das Landeskriminalamt hatte sich daher bei diesem Einsatz auf ein Minimum an Funkkontakt zwischen den Einheiten verständigt.
»Zugriff!«, lautete das Kommando von Hubert Maier.
Leon Kramer gab seiner Mannschaft das Startzeichen, woraufhin alle Einsatzkräfte ihre Waffen entsicherten und mit gezückten Pistolen losstürmten. Als Anführer der Gruppe schritt er voran und gab die Schnelligkeit des Zugriffs vor.
Team eins hatte sich sternförmig um den besagten Container aus dem Danziger Hafen verteilt, damit ihnen kein Schleuser entwischte. Ebenso waren sämtliche Zufahrten in diesem Hafenabschnitt abgesperrt. Es kam niemand ohne Kontrolle vom Gelände.
Leons Gedanken waren abgeschaltet, die jahrelang eingeübte Routine übernahm das Zepter. Er würde schießen, wenn es sein musste. Seine schusssichere Weste gab ihm die nötige Sicherheit.
Um einen verrosteten roten Container standen fünf Gestalten, die durch ihre dunkle Kleidung mit der Umgebung verschmolzen. Einzig eine Taschenlampe mit matter Leuchtkraft erhellte das Schloss des Containers, das sie mit einer Flex aufschweißten.
»Polizei, Hände hoch!«, schrie Leon.
Einer der Männer sah von seiner Arbeit auf, reagierte blitzschnell, indem er das Licht ausschaltete. Leon dachte nicht weiter nach, betätigte den Abzug und feuerte zielsicher auf dessen Bein. In diesem Moment schaltete sein Kollege neben ihm seine Taschenlampe an, und er sah, dass sein Widersacher unter Schmerzensschreien zu Boden ging.
Mit dem ersten Schuss brach das Chaos aus. Die Schleuser zogen Handfeuerwaffen und zerstreuten sich in alle Richtungen. Mehrere Schüsse folgten. Ein Kollege kassierte eine Kugel in den Oberschenkel und rettete sich humpelnd hinter die nächste Metallwand. Ein weiterer wurde durch einen Schlagring außer Gefecht gesetzt.
Leon drückte erneut ab und ersparte einem Kollegen damit einen Messerstich in den Unterleib. Der Angreifer hatte sich unbemerkt mit einer tödlich blitzenden Klinge genähert. In seinen Augen war die Bereitschaft zum Morden zu sehen gewesen.
»Wo ist Nummer fünf?«, rief Leon.
Der Zugriff war innerhalb weniger Sekunden ausgeartet, jeder Beamte war in einen Kampf verwickelt, weshalb niemand seine Frage registrierte. Er zählte nach, doch er erblickte in dem unübersichtlichen Handgemenge nur vier der fünf Menschenhändler. Suchend schaute er sich um und sah eben noch eine Gestalt, die zwischen zwei eng stehenden Containern verschwand.
»Verfolgt ihn!«, forderte er seine Teamkameraden mit einem Fingerzeig auf.
Leon rannte los, ohne sich umzudrehen und zu prüfen, ob ihm ein Kollege folgte. Der Kies unter seinen Schuhsohlen spritzte bei seinem Sprint auf. Blindlings hechtete er dem Flüchtigen ins dunkle Labyrinth der Container hinterher. Während er rannte, schaltete er vorsorglich die Taschenlampe aus. Der Menschenhändler sollte nicht wissen, dass er sich dicht auf seinen Fersen befand.
An einer Weggabelung hielt er inne, sondierte die für ihn sichtbaren Winkel, ehe er sich aus der Deckung wagte.
»Verdammter Mist!«, fluchte er, als er den Weg vor sich leer vorfand. Leon entschied sich gegen die Anweisung Maiers und zückte sein Funkgerät. »Männliche Person entkommen. Wiederhole, männliche Person auf der Flucht. Ich bitte um Luftunterstützung.«
»Ist unterwegs«, schallte es prompt aus den Lautsprechern des Geräts.
Er schaute über seine Schultern, hoffte auf Unterstützung. Wie er feststellte, war ihm niemand gefolgt. Er war auf sich gestellt.
Der Containerpark war riesig und bildete einen unüberschaubaren Irrgarten. Bereits nach wenigen Metern war er sich sicher, dass er die Orientierung verloren hatte.
Glücklicherweise hatten sich seine Augen mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und konnten einzelne Umrisse selektieren.
Er lauschte, kaum wahrnehmbar hörte er Schritte einer Person, die sich möglichst leise auf dem unebenen Untergrund fortbewegte, um keine Geräusche zu verursachen. Derjenige war nahe, sehr nahe.
Kerzengerade richtete Leon seine Waffe nach vorn und sprang um die Ecke. Zu spät bemerkte er, dass der kieselige Untergrund auch ihn verriet.
Unvermittelt traf ihn ein Schlag in die Magengrube. Er stöhnte. Es war nicht nur eine bloße Faust, die sich in seine Eingeweide grub. Nein, der Angreifer hatte seine Faust mit einem Schlagring bestückt. Im blassen Licht des Mondes sah er ihn kurz aufblitzen.
Er wich dem nächsten Hieb aus, indem er sich blitzschnell duckte. Ebenso zackig sprang er wieder auf und richtete seine Waffe auf den Schatten vor sich. Sein Widersacher ließ sich von der ausgestreckten Pistole nicht beirren und sicherte sich das Überraschungsmoment. Leons Handgelenk wurde herumgerissen, und die Pistole landete wertlos zu seinen Füßen. Eine Mischung aus Schmerz und Frustration durchflutete seinen Körper. Der Typ durfte ihm nicht entkommen.
Der Wind um sie herum frischte auf. Das Rattern von Rotorblättern am Himmel schwoll an, und im nächsten Augenblick waren sie in gleißendes Licht gehüllt wie zwei Gladiatoren in einer Arena, eingezäunt von blechernen Frachträumen.
Leon sandte ein Stoßgebet an Maier, denn die Luftverstärkung war zur rechten Zeit gekommen.
»Hier spricht die Polizei. Ergeben Sie sich!«, dröhnte es von oben herab.
Auf der Stirn des Schmugglers erschien ein roter Laserpunkt. Leons Gegner ergab sich, indem er die Hände in die Höhe streckte. Sein Blick war starr auf den Helikopter am Himmel gerichtet, als er sich hinkniete.
Bevor Leon die Handschellen anlegte, ließ sich der Menschenhändler nach vorn in den Kies fallen und flüchtete damit aus dem Schussfeld. Blitzschnell robbte er auf die am Boden liegende Pistole zu und schnappte sich diese.
Leon vernahm ein dumpfes Geräusch, das sich wie eine Kugel anhörte, die in einen menschlichen Körper eindrang. Für einen Moment dachte er, dass er angeschossen worden war. Mit seiner eigenen Dienstpistole. Nach oben zum Helikopter blickend, verstand er, dass der Schuss von dort gekommen war. Aus den Augenwinkeln sah er seinen Widersacher, der sich mittlerweile aufgerichtet hatte. Der Schuss hatte ihn verfehlt.
Der Lauf der Pistole war auf ihn gerichtet. Leon zögerte nicht. Blitzschnell ließ er sich zur Seite fallen und entging knapp einer Schussverletzung. Neben seinem Ohr schlug das Projektil in den Kies ein. Das Rauschen in seinem Gehörgang ignorierend, stürzte er sich im nächsten Moment beherzt auf den bewaffneten Menschenhändler. Er war sich darüber im Klaren, dass er gegen sämtliche Regeln verstieß, die sie auf der Polizeischule für einen Zweikampf erlernt hatten. Im Grunde genommen hatte er bereits gegen die wichtigste Regel, niemals einen Alleingang zu starten, verstoßen.
Mit seinem Eingreifen versperrte er den Kollegen aus der Luft das Schussfeld. Er wollte nicht riskieren, dass der Drahtzieher des Rings bei einem Schusswechsel ums Leben kam. Die Luftunterstützung hatte einzig das Ziel, ihn aus dieser heiklen Situation zu retten – den Tod des Menschenhändlers nahmen sie dafür in Kauf. Leon wollte den Kopf der Bande im Gefängnis sehen. Er sollte für seine Taten büßen. Der Tod wäre ein zu leichter Ausweg.
Leon gewann das Gerangel und entriss dem Schmuggler seine Waffe. Er riss ihm den Arm nach hinten und zog ihn in einen harten Polizeigriff. Wenn er sich einen Millimeter bewegte, dann würde er ihm den Arm brechen. Er wusste nur zu genau, wen er hier in Gewahrsam hatte, und es brachte ihn in Aufruhr. Tief durchatmend entledigte er sich seiner düsteren Gedanken. Eine Suspendierung von diesem Fall würde ihm nicht weiterhelfen, daher musste er sich zusammenreißen, auch wenn er den Menschen vor sich verachtete.
»Kamil Kowalski, Sie sind wegen Menschenhandels und Zwangsprostitution festgenommen. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht zu schweigen.«
Kowalskis markantes Gesicht mit den herausstechenden Schläfen und den tief liegenden Augen zierte das Whiteboard seines Büros seit Jahren. Verstärkt wurde die Härte durch die kurz geschorenen Haare, die keinerlei Zweifel übrig ließen, dass sie hier den Kopf der Bande vor sich hatten. In der Realität sah Kamil Kowalski weitaus skrupelloser aus als auf den Fotos.
Leon zückte die Handschellen und machte Kowalski kampfuntauglich.
»Deine Alleingänge bringen dich früher oder später ins Grab!«, schimpfte sein Chef Hubert Maier, als er atemlos um die Ecke stürmte.
»Ist doch alles gut gegangen. Ich hoffe, du kennst den Weg zurück«, meinte Leon an seinen Chef gewandt und fügte in Kowalskis Richtung hinzu, »ich brenne darauf, zu erfahren, was sich in dem Container befindet.«
Hubert Maier führte sie sicher durch den Stahldschungel. Die anderen Schleuser waren schon abgeführt worden und warteten im Gefangenentransporter auf die Abfahrt. Leon übergab den Gefangenen an seinen Vorgesetzten und schritt zielstrebig zu den Türen des Containers, der unverkennbar einen polnischen Schriftzug trug. Auf dessen Öffnung hatten die Kollegen bis zu seiner Rückkehr gewartet.
Er gab einem Kollegen ein Zeichen, woraufhin dieser die Flex anschaltete und begann den Container zu öffnen. Als er seine Aufgabe erledigt hatte und nur noch der Eisenhebel umzulegen war, gab Leon per Fingerzeig zu verstehen, dass jeder seine Position einnehmen solle. Er hatte keine Ahnung, was sie erwartete.
Der Hubschrauber hatte mittlerweile gewendet und schwebte über ihnen. Mit seinen grellen Scheinwerfern erleuchtete er den Schauplatz bis in den letzten Winkel.
Auf Leons Kommando hin wurden sämtliche Pistolen entsichert, bereit, im Ernstfall ohne zu zögern zu schießen.
Mit einem Ruck öffnete er die Stahltür und trat beiseite. Die Schreie, die aus dem Inneren drangen, gepaart mit den Bildern würden ihn nie wieder loslassen. Der Container war gefüllt mit dicht aneinandergedrängten Frauen. Er konnte sie nicht zählen, so viele waren es. Sie waren eingezwängt wie Legehennen, ohne jeglichen Bewegungsspielraum. Der Gestank nach verbrauchter Luft, vermischt mit dem Geruch von Schweiß und Urin, war unerträglich. Die Kleidung der Frauen war teils zerknittert oder von undefinierbaren Substanzen durchtränkt. Die Schminke in ihren Gesichtern war verlaufen und verdeutlichte die erbärmlichen Zustände, in denen sie sich über Stunden, wenn nicht sogar Tage, befunden haben mussten. Mit geweiteten Augen starrten sie ihm entgegen.
»Waffen runter!«, befahl Leon und steckte seine eigene ebenfalls weg. »Polizei, wir tun euch nichts!«, rief er in den Container und vollführte eine beruhigende Geste, wie er hoffte. Seine Stimme hallte unnatürlich laut von den Stahlwänden wider.
In ihren Blicken konnte er ablesen, dass sie ihn nicht verstanden. Er probierte es mit brüchigen Wortfetzen in ihrer Sprache. »Policja.«
Einige nickten, andere starrten ihn ungläubig mit weit aufgerissenen Augen an. Nachdem sein Wortschatz in Polnisch damit aufgebraucht war, fügte er auf Englisch hinzu: »Sie sind in Sicherheit.«
Das Schluchzen einiger Frauen drang aus dem Container. Die versprochene Freiheit in Deutschland würde für sie mit einer polizeilichen Erfassung in Hamburg und der anschließenden Überführung zurück nach Polen enden. Leon wusste nicht, was für diese Frauen schlimmer war. Das Zerplatzen ihrer Träume, die zur Zwangsprostitution geführt hätten, oder das Zurückkehren in die Aussichtslosigkeit?
Montag
»Da kann es jemand kaum abwarten.« Anna lachte. Ihr Jack Russell Terrier Bruno sprintete voraus und verschwand durch die Hundeklappe im Inneren ihres Apartments. Während sie ebenfalls die letzten Meter bis zur Eingangstür zurücklegte, löste sie ihren Schlüsselbund von der Gürtelschlaufe, an dem auch ein metallener Stift zur Selbstverteidigung – ein Kubotan – befestigt war, und schloss auf. Bruno lag bereits in seinem Körbchen, das seinen festen Platz neben ihrem Bett hatte.
Sie blickte nochmals hinaus in den Garten. Die dichten Hecken trennten ihre Oase von den Nachbargrundstücken ab und schützten sie vor ungewollten Blicken. Im Anschluss schloss sie die Tür, drehte den Schlüssel zweimal um und betätigte zusätzlich den Mechanismus für den Panzerriegel. Als sie sich sicher war, dass alle Fenster verschlossen waren, zog sie die Vorhänge zu. Ihre abendliche Routine war fest verankert wie das Amen in der Kirche.
Erst jetzt, im Schutz ihres Apartments, sackten ihre Schultern kaum merklich ab, und der stressige Alltag in ihrer Pension war vergessen. Am liebsten genoss sie ihre freien Abende mit Bruno, ihrem loyalsten Begleiter. Im Gegensatz zu den Menschen enttäuschte er sie nie.
Anna streifte ihre Turnschuhe ab und stellte sie an ihren angestammten Platz neben der Tür. Anschließend ging sie hinüber zu ihrer Kochnische, die sich nahtlos an den Eingangsbereich anschloss.
Das Apartment war früher ein alter Schuppen im hinteren Teil des Gartens gewesen. Die wenigen Quadratmeter hier drinnen waren ihr Rückzugsort von der Welt da draußen. Ihr Esstisch fungierte gleichzeitig als Schreibtisch für ihre Recherchen und als Ausweich-Büro. Mittig hing ein Boxsack, den sie für ihre Trainingseinheiten benötigte. An das Sportgerät schloss sich direkt ihr Bett an, womit man am Ende der Wohnung angelangt war.
Sie goss sich heißes Wasser für eine Tasse Tee ein und lief hinüber zu Bruno. Der Terrier wandte ihr den Kopf zu, sein Zeichen, dass er Streicheleinheiten einfordern wollte.
»Du bist leicht zufriedenzustellen.« Über ihr Gesicht huschte ein Lächeln, als sie Brunos genießerischen Blick erhaschte, der nicht genug von ihren Krauleinheiten bekommen konnte.
Ihr Terrier winselte, weil sie stoppte. Sein braun-weiß gescheckter Kopf neigte sich nach rechts, und er schaute sie vorwurfsvoll an.
»Du weißt, dass ich nie mit meiner Arbeit fertig werde.«
Er gab sich geschlagen, wusste, wann er verloren hatte.
Sie klappte ihren Laptop auf und trommelte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte, bis er betriebsbereit war. Die neue Buchungsanfrage im Onlineportal versetzte sie in Euphorie.
Wen haben wir denn da?
Sie kopierte den Namen und fügte ihn in den sozialen Medien ein. Sofort erhielt sie umfangreiche Informationen über die Person, die bereits morgen anreisen wollte.
»Tamara Wohlgemuth.«
Bei ihrem potenziellen Gast handelte es sich um eine Influencerin, die ihre ganze Existenz online stellte.
Wer’s braucht.
An ihrem Tee nippend scrollte Anna zum nächsten Beitrag. Die Influencerin war eine zierliche Frau mit mandelfarbigem Teint. Mit ihrer braunen Mähne verdrehte sie den Männern sicherlich den Kopf. Tamara verkörperte das Sinnbild der heutigen Zeit. Perfektes Leben, perfektes Aussehen und online stets erreichbar.
»Ich weiß ja nicht«, sagte Anna an Bruno gewandt und äußerte damit ihre Bedenken dem einzigen Zuhörer, den sie hatte. Sie mochte diese Möchtegern-Models nicht, denen das Geld fürs Posieren zuflog. Influencing betrachtete sie nicht als Arbeit. Sie dachte an die zwölf Stunden, die sie täglich in ihrer Pension schrubbte, und dennoch musste sie jeden Cent mehrmals umdrehen.
Auf dem nächsten Schnappschuss präsentierte sich Tamara breit lächelnd und gut gelaunt der Öffentlichkeit. Ihr Haar umspielte ihr Gesicht und fiel locker über ihre Schultern. Ein Stich durchfuhr Anna.
Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?
Sie hatte ihr Äußeres ihrer Arbeit angepasst. Der Pixie-Cut war modisch und praktikabel zugleich. Durch ihre Frisur waren ins Gesicht fallende Haare ausgeschlossen, gleichwohl sie ihrer wallenden Mähne lange hinterhergetrauert hatte. Ihre alltägliche Garderobe war ebenso funktional. Sie bestand aus Jeans, Tanktops und Karohemden, die sie in allen Farben besaß.
Schmeiß deine Bedenken über Bord und bestätige die Buchung. Denk an deine leerstehenden Zimmer.
Sie nahm die Anfrage von Tamara an. Schon morgen würde sie einen neuen Gast haben.
Mit Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass es erst zwanzig vor acht war. Sie hatte noch genug Zeit für eine Sporteinheit. Die Übungen waren ein weiteres festes Ritual, daher absolvierte sie viele von ihnen wie im Schlaf. Das Sprungseil trieb ihren Puls in die Höhe und sorgte dafür, dass die letzten Gedanken an den Arbeitstag aus ihrem Gehirn verschwanden. Nach dem Warm-up postierte sie sich an ihrem Boxsack und stellte das linke Bein vor, sodass sie einen sicheren Stand hatte. Mit gezielten Schlägen brachte sie das Trainingsgerät in Schwingung. Wie so oft bekam der Boxsack vor ihr ein Gesicht. Dunkle, böse Augen starrten ihr entgegen, ein arrogantes Lächeln schien sie zu verhöhnen.
»Du kannst mir nichts anhaben!«, schrie sie.
Bruno winselte.
»Ich werde mich ab jetzt beherrschen«, meinte sie entschuldigend mit einem kurzen Blick über ihre Schulter.
Nachdem sie ihr Gewicht verlagert hatte, fügte sie dem Boxsack hohe Tritte mit dem rechten Fuß zu. Ihre Schläge wurden manisch, immer schneller. Das imaginäre Gesicht vor ihr verblasste allmählich, je öfter sie zuschlug. Als es verschwunden war, sank sie ausgelaugt zu Boden.
Bruno erhob sich aus seinem Körbchen, tapste zu ihr herüber und legte sich an ihre Seite. Sein konstanter Herzschlag beruhigte sie und brachte auch ihren Puls herunter, während der kalte Boden ihren überhitzten Körper abkühlte.
Er ist immer in meinen Gedanken. Ich kann ihn nicht vertreiben.
Ihre Kehle wurde eng. Eine Enge, die sie nur spürte, wenn sie an ihn dachte. Sie bekam ihn nicht aus ihrem Leben.
Ihr Hund kuschelte sich dichter an sie, gab ihr zu verstehen, dass er für sie da war.
Das Klingeln des Telefons, das an der Wand neben der Küchenzeile angebracht war, riss sie aus ihren bedrückenden Gedanken. Sie unterschied sich vom Großteil der Menschheit, weil sie kein Mobiltelefon besaß.
»Hallo, Onkel Fred. Schön, von dir zu hören.«
Es war Punkt acht Uhr. Onkel Fred war nie zu spät.
»Hallo, Anna. Wie geht es dir?«
»Du weißt ja, wie immer.«
»Wie ist das Wetter?«
Sie überlegte kurz, ehe sie antwortete: »Eigentlich heiter, manchmal ziehen ein paar Wolken auf. Hin und wieder etwas unbeständig. Und bei dir?« Sie hielt die Luft an.
»Ich blicke in einen wolkenlosen Himmel. Die Sonne kitzelt mir auf der Nase.«
Hörbar atmete sie auf. »Das freut mich.«
Neben ihrem Telefon hing ein Kalender. Der dort notierte Countdown verdeutlichte ihr, dass die Zeit für sie rückwärts lief. Noch einhundertvierundfünfzig Tage. Sie griff nach dem Rotstift, der immer griffbereit lag, und markierte den heutigen Tag mit einem X. Mit jedem weiteren Tag wurden ihre Kreuze zaghafter, nahmen ein Stückchen ihrer Selbstsicherheit.
»Wie läuft’s bei dir?«
»Es könnten mehr Buchungen eingehen. Wenn sich nicht bald etwas ändert, dann muss ich die Pension schließen.« Die Last, die auf ihrem Herzen festsaß, verminderte sich durch Onkel Freds ehrlich gemeinte Nachfrage um einen Hauch. »Ich darf nicht mehr wählerisch sein.«
»Ich kann dir finanziell aushelfen, das kriegen wir irgendwie geregelt. Du und ich sind ein super Team, und ein paar ausbleibende Buchungen sind lange kein Grund zur Beunruhigung«, meinte Onkel Fred.
»Kommt nicht infrage!«, wehrte sie vehement ab. Sie wollte es allein schaffen.
»Wie du meinst.« Er wusste, wann es zwecklos war, weiter mit ihr zu diskutieren.
»Bis Donnerstag«, verabschiedete sie sich.
Das Klicken in der Leitung bestätigte ihr, dass der Anruf beendet war. Sie schaute hinauf zur Wanduhr. Fünf nach acht. Die Gespräche dauerten nie länger als fünf Minuten. Auch Onkel Fred liebte die Routine.
Dienstag
Das Knistern von zerdrücktem Karton hallte wie das Pfeifen eines Güterzugs durch die Wohnung, woraufhin das Schnarchen ihres Vaters auf dem Sofa augenblicklich aufhörte. Die Zigarettenschachtel unter ihren Füßen schien sie zu verhöhnen.
Mit einem erstaunlich beschwingten Ruck – wenn man den Alkoholgehalt in seinem Blut berücksichtigte – hatte sich ihr Vater aufgerichtet. Er blickte sich finster dreinschauend nach dem Verursacher der Störung um.
Sie ging hinter dem Sessel in Deckung, doch ihr Vater hatte sie bereits entdeckt. Mit zu Fäusten geballten Händen nahm sie all ihren Mut zusammen und verließ eigenständig ihr Versteck.
Ihr Vater kam schwankend auf sie zu, rammte dabei den Couchtisch. Das Klirren von umfallenden Bierflaschen war weitaus lauter als ihr Tritt auf die Zigarettenschachtel. Dennoch würde sie es sein, die büßte.
Die Augen ihres Vaters blitzten voller Abneigung. Sie hatte noch nie erlebt, dass er sie liebevoll anblickte. Seine Welt bestand aus dem Hass auf die Menschheit.
»Du Biest hast mich aufgeweckt!«
Seine Worte klangen verwaschen, was bedeutete, dass ihre Strafe heute besonders hart ausfallen würde.
Sie zog ihre Schultern hoch, versuchte, sich kleiner zu machen. Sie hoffte, dass sie der Boden verschluckte.
»Ich muss alle Mäuler stopfen! Zum Dank kann ich nicht einmal ausschlafen.« Er griff in ihr Haar und zog sie daran in die Höhe.
Sie gab keinen Laut von sich, denn das würde seine Wut nur weiter anstacheln. Ihre großen Zehen berührten noch knapp den Boden, der Schmerz in ihrer Kopfhaut war unerträglich. Sie blinzelte hektisch die Tränen weg. Er hasste Widerworte und Schwäche. Tränen waren das schlimmste Zeichen von Weichlichkeit.
Er warf sie mit einem Ruck über die Armlehne des Sessels und drückte ihr Gesicht vehement in die Polster. Sie bekam kaum Luft, atmete die Flusen ein. Als sie versuchte, den Kopf zu drehen, verstärkte er daraufhin seinen Griff. Sie wusste, was folgen würde. Das Klicken der Gürtelschnalle bestätigte ihre Vermutung. Gleich darauf war ihr Hinterteil freigelegt, ihr nackter Kinderpopo ihm ausgeliefert. Die nächsten Tage würde sie kaum sitzen können.
»Stopp!«
Sie vernahm die Stimme ihres Bruders und verfluchte ihn zugleich innerlich. Wieso mischte er sich ständig ein? Er wusste, was das bedeutete.
»Lass sie in Ruhe!«, fuhr er unerbittlich fort und besiegelte damit sein eigenes Schicksal.
Ihr Vater hieb mit der Hand auf ihr Hinterteil, ehe er sie hochzerrte und wegschubste. »Verschwinde!«
Sie stolperte mit heruntergelassener Hose in die Richtung ihres Bruders, der todesmutig mit zusammengepressten Lippen auf ihren Vater zuging. Er schaute ihm demonstrativ in die Augen und zog dabei seine Hose hinunter. Beiden war bewusst, dass er mit dieser Geste die Wut des Tyrannen entfachte.
Sie fand ihren Bruder tapfer und leichtsinnig zugleich. Ab diesem Zeitpunkt konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten.
Beim ersten Klatschen des Gürtels auf blanke Haut zuckte sie zusammen. Die Hiebe klangen in ihren Ohren heftiger als sonst. Sie wandte feige den Blick ab, spürte die Schmerzen ihres Bruders innerlich. Jeder Schlag zerriss ihr Herz in tausend Stücke. Das pochende Etwas in ihrer Brust war mittlerweile ein irreparabler Trümmerhaufen.
Sie verließ den Wohnraum und begab sich über den Flur in ihr Kinderzimmer, das sie sich mit ihrem Bruder teilte. Dabei kam sie an der Küche vorbei.
Ihre Mutter starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Ebenfalls bemüht, die Geräusche aus dem Nachbarzimmer zu verdrängen. Sie würde nicht einschreiten. Das hatte sie noch nie getan.
Anna wachte schweißgebadet und schwer atmend auf. Sie schlug die Decke zurück, die sich zwischen ihren Beinen verheddert hatte und an ihrer Haut klebte.
Der Radiowecker zeigte vier Uhr morgens an. Sie könnte weiterschlafen, getrost liegen bleiben, wenn ihr Geist zur Ruhe käme.
Bruno winselte neben ihr, der durch den unruhigen Traum seines Frauchens ebenfalls aufgewacht war.
»Schlaf weiter.«
Sie tapste in ihr Badezimmer und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Ihr Spiegelbild zeigte gehetzte Augen und hauchdünne, harte Linien um ihren Mund. Linien, die sich über Jahre hinweg gebildet hatten, als sie ein ums andere Mal den Frust über ihr verkorkstes Leben hatte hinunterschlucken müssen.
Sie ging zurück in den abgedunkelten Wohnraum, doch um erneut Schlaf zu finden, war es zu spät. Wie so oft begann ihr Tag mitten in der Nacht.
Damit Bruno weiterschlafen konnte, knipste sie das Licht in ihrer Küchenzeile an. Sie füllte ein Glas mit Leitungswasser und trank es gierig aus, wobei ihr Blick auf den Kalender neben ihrem Wandtelefon fiel. Sie schnappte sich den Rotstift und fügte ein X hinzu. Heute waren es noch einhundertdreiundfünfzig Tage. Einhundertdreiundfünfzig Tage der Freiheit und Sicherheit, ehe sie Angst haben musste.
»Aufgeben ist keine Option.«
Bruno schmiegte sich an ihre Beine, als würde er ihre düsteren Gedanken erahnen, die er mit all seiner Liebe versuchte, zu verscheuchen.
»Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht aufstehen musst.« Sie ging in die Hocke und streichelte ihm über den Kopf.
Der Terrier sah sie aus liebevollen Augen an und vermittelte ihr das Gefühl, dass sie niemals einsam war. Bruno schaffte es jedes Mal, ihre depressiven Gedanken zu vertreiben und stattdessen den Fokus zurück auf sich und ihr Leben zu lenken. Den Alltag, den sie allein bewerkstelligen musste.
»Wenn wir beide schon mal wach sind, dann können wir auch einen ausführlichen Morgenspaziergang unternehmen. Was meinst du?«
Brunos Köpfchen bewegte sich sachte, als gäbe er sein Einverständnis zu dieser Idee. Zumindest in dieser Hinsicht hatte die frühe Morgenstunde etwas Gutes an sich.
Dienstag
Zum Glück sind die Frühstücksvorbereitungen bei wenigen Gästen zügig abgeschlossen.
Anna hoffte wehmütig, dass die Anfangszeiten zurückkehrten, in denen es hier von Gästen nur so gewimmelt hatte. Sie hatte sich damals vor Buchungsanfragen kaum retten können.
Die Pension, ein altes Steinhaus vom Ende des 19. Jahrhunderts, lag im Herzen der Altstadt von Hammelburg. Das Resultat der aufwendigen Renovierungsarbeiten – ein Mix aus Vergangenem und Neuem – konnte sich sehen lassen und hatte bisher jeden Gast überzeugt.
Das untere Stockwerk bestand aus einem offenen Raum, lediglich ihr Büro und die Küche waren separiert. Wenn man durch die hellblau gestrichene Eingangstür trat, gelangte man direkt an den Empfangstresen, der seitlich von Barhockern gesäumt war und jeden Abend als Bar umfunktioniert wurde. Rechter Hand schloss sich der Frühstücksbereich an. Das selbst zusammengetragene Sammelsurium aus Vintage-Stühlen lud zum Verweilen ein. Keine Sitzgelegenheit passte zu der anderen, und dennoch harmonierte es. Linker Hand der Theke befand sich das Kaminzimmer. Die gemauerte Feuerstelle war an eisigen Wintertagen ein absoluter Wohlfühlort. Auf den ledernen Sesseln um den Kamin konnten die Gäste verweilen und die Welt um sich herum ausblenden.
Im oberen Stockwerk des Hauses waren die Gäste während ihres Aufenthalts in insgesamt fünf Zimmern untergebracht. Ihre Pension war groß genug, dass sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte, wenn sie ausgebucht war. Zeitgleich erlaubte ihr die Zimmeranzahl, alles ohne Hilfe stemmen zu können.
Nach dem Frühstück war es ruhig im Haus. Annas Gäste waren direkt zur Stadtbesichtigung aufgebrochen. Das Weinanbaugebiet um Hammelburg und die nahegelegene Rhön sprachen für einen Kurzurlaub oder einen Wochenendtrip hier bei ihr in der Pension.
Draußen auf der Straße hörte sie lautstarkes Schimpfen. Von der Neugierde getrieben, spitzte sie durch die in die Jahre gekommenen Sprossenfenster, deren zusätzliche weiße Farbschicht ihr Alter nicht kaschieren konnte.
Im Sommer hielten die dicken Steinmauern die Hitze fern, und im Winter heizte der Kamin ordentlich ein. Sie liebte es, wenn die Scheiben beschlugen und die Sicht verhüllten. Sie fühlte sich dann vom Haus wie in eine sichere Umarmung gezogen.
Die Verursacherin der Störung war eine Frau, die, halb verdeckt vom Efeu der Außenfassade, zwei Koffer am unteren Ende der Dalbergstraße hinter sich herzog und über das Kopfsteinpflaster stolperte. Die Absätze ihrer hohen Schuhe blieben immer wieder in den Ritzen hängen.
Als Anna sah, dass die Frau umknickte, zuckte sie zusammen.
Das muss wehgetan haben. Aber wer reist auch in hohen Schuhen an?
Sie kniff die Augen zusammen und meinte, dass sie anhand der wallenden braunen Mähne Tamara Wohlgemuth erkannte – ihren neuen Gast. Sie legte den Putzlappen weg und eilte ihr entgegen. »Warten Sie, ich helfe Ihnen!«
Tamara Wohlgemuth blickte auf. »Sind Sie die Inhaberin?«, fragte sie und nickte in Richtung Pension.
Aus der Nähe sah sie noch hübscher aus. Wenngleich ihr Gast nicht sonderlich groß war, so machte sie dies mit ihrer Ausstrahlung wett. Die Influencerin hatte Modelmaße und war eine Naturschönheit. Als Anna zumindest einen kleinen Makel in Form von kaum ausgeprägten Augenringen entdeckte, war sie froh.
»Ja, ich bin Anna Bauer.« Sie schenkte ihrem neuen Gast ein kurzes Lächeln und nahm ihr einen Koffer ab.
»Tammy reicht.«
»Anna.«
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass die ganze Stadt aus Kopfsteinpflaster besteht«, meinte Tammy mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme.
»Nur in der Altstadt«, antwortete Anna wahrheitsgemäß.
Wobei der größte Teil Hammelburgs Altstadt ist.
»Herzlich willkommen in meiner Pension.« Mit diesen Worten öffnete sie die Eingangstür und gab den Blick auf den Gästebereich frei.
Tammy trat ein und schaute sich mit offen stehendem Mund um. »Es ist genauso gemütlich wie auf den Bildern. Ich hatte erst Angst, dass die Auszüge im Internet eine Fotomontage sind – heutzutage weiß man nie. Ich hatte im Zug ernsthafte Bedenken, ob sich der Weg hierher lohnt. Die letzten Stunden sind nur Felder und Wiesen an mir vorbeigezogen, und ich war kurz davor, umzudrehen.«
Als Anna vor vielen Jahren nach Hammelburg gezogen war, hatte es sich für sie zuerst auch angefühlt, als würde sie am Rande der Welt leben. Im Nachhinein konnte sie sagen, dass alles auf Gewöhnung basierte. Die wenigen Male, die sie bisher wieder in eine Metropole geführt hatten, waren für sie ein Spießrutenlauf gewesen. Hupende Autos, Radfahrer, die dauerklingelten, und Menschen, die lautstark in ihr Handy plärrten und ihre Umwelt nicht wahrnahmen. Das alles hatte ihr den Schweiß auf die Stirn getrieben, und sie war froh gewesen, als sie wieder in Hammelburg gewesen war.
»Ich brauche zwei Unterschriften von dir und deinen Personalausweis für eine Kopie, dann wäre der Check-in erledigt.« Auf der Theke breitete sie die Blätter vor ihrem Gast aus und zeigte auf die Passagen.
Tammy ergriff den Kugelschreiber und unterzeichnete, ohne die Dokumente genauer zu betrachten. Ungeniert gähnte sie, als die Müdigkeit die Oberhand gewann. »Ich hatte für heute eigentlich ein volles Tagesprogramm, aber mir fehlt die Energie dafür.«
»Die Stadt läuft dir nicht davon.« Sie sortierte die von Tammy unterzeichneten Papiere. »Du bist ohnehin ungewöhnlich lange hier.« Gespannt wartete sie auf die Antwort ihres Gegenübers, denn sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was ihr Gast hier eine Woche lang wollte.
»Ich habe viel vor«, meinte Tammy ausweichend.
Sie wartete, doch Tammy gedachte nicht, ihre Pläne weiter auszuführen.
»Den Check-in hätten wir erledigt. Hier ist dein Zimmerschlüssel. Im Flur oben befindet sich dein Zimmer hinter der zweiten Tür auf der linken Seite.«
Tammy nickte und begab sich zu ihren Koffern, die an der Eingangstür standen. Sie drehte sich nochmals zu Anna um, öffnete ihren Mund, als brenne ihr eine Frage auf der Zunge, schloss ihn wieder und biss sich stattdessen auf die Unterlippe. Mit ihrem Gepäck am Fuße der Treppe angekommen, überlegte sie es sich anders und stellte ihre Frage: »Wenn ich meinen Aufenthalt nach dieser Woche spontan verlängern möchte, wäre das möglich?«
Natürlich hätte sie vorschieben können, dass sie erst im Computer nachsehen müsse, doch Anna wusste, dass dort gähnende Leere herrschte. »Das ließe sich einrichten.«
Tammy nickte und begab sich wortlos ein Stockwerk nach oben.
Anna schaute ihrem Gast hinterher. Ihr gegenüber hatte nicht die strahlende Influencerin aus dem Internet gestanden. Es schien ihr, als wären die Frau in den sozialen Medien und die, die hier in ihrer Pension verkehrte, zwei verschiedene Persönlichkeiten. Hatte sie sich aufgrund weniger Schnappschüsse im Internet vorschnell ein Urteil gebildet? Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie vorhin insgeheim die Augen verdreht, als Tamara in ihren High Heels angestackst gekommen war – eben weil es ins Bild gepasst und das Klischee bestätigt hatte.
Ich muss ihr unvoreingenommen eine Chance geben.
Selbst wenn Anna menschlich nichts mit ihr anfangen konnte, so war sie zumindest ein zahlender Gast. Den hatte ihre leere Kasse bitter nötig.
Mit einem inneren Kribbeln klickte sie auf die beiden neuen Nachrichten in ihrem Posteingang. »Es geht aufwärts.«
Die erste Anfrage war eine Stornierung, was ihrer Euphorie einen jähen Dämpfer versetzte. Die Gäste hätten am Donnerstag anreisen sollen.
Typisch!
Sie stützte ihren Kopf in die Hände und schloss die Augen. Ihre Pension war in letzter Zeit nie ausgebucht. Von zwei, drei vermieteten Zimmern überlebte sie nicht, sie brauchte ein volles Haus.
Auf verschiedenen Portalen hatte sie unzählige Preisangebote platziert, und kurzfristig hatte sich Erfolg eingestellt. Doch sie konnte nicht unentwegt ihre Zimmer zum absoluten Null-Tarif zur Verfügung stellen. Sie brauchte Rücklagen, falls Reparaturen anfielen, die bei einem alten Haus nie ausgeschlossen waren.
Wie soll es nur weitergehen?
Sie dachte an Onkel Freds Angebot zur finanziellen Aushilfe. Musste sie womöglich doch ihren Stolz hinunterschlucken und diese Möglichkeit in Betracht ziehen? Es stand mehr auf dem Spiel als ihr Bankrott. Das Damoklesschwert schwebte in jeglicher Hinsicht über ihr.
Vielleicht ist die zweite Nachricht erfreulicher.
Eine Rechtsanwaltskanzlei brauchte kurzfristig von Donnerstag bis Samstag zwei Zimmer. Vor Erleichterung jauchzend studierte Anna eifrig die weiteren Angaben. Schnell fand sie heraus, dass die Kanzlei ihren Sitz in Hamburg hatte.
Bilder der Vergangenheit blitzten vor ihr auf. In ihrem Bauch zwickte es, da sie eigentlich mit Hamburg abgeschlossen hatte.
Die Gefahr ist zu groß.
Ihr Maus-Cursor schwebte über dem Ablehnungsbutton. Einzig ihre miserablen Umsätze verhinderten den Klick. Stattdessen schrieb sie sich die Namen der Mitarbeitenden auf, die übermorgen anreisen sollten. Sie öffnete im Internet eine Suchmaschine und tippte den Namen des ersten potenziellen Gasts Dr. Gottfried Seidel ein. Sofort fand sie die Homepage der besagten Rechtsanwaltskanzlei. Das Bild eines Mannes, Mitte fünfzig, mit Schnauzbart und rundlicher Figur prangte ihr entgegen, sobald sie die Internetseite geöffnet hatte. Sein dunkelbraunes Haar war größtenteils ausgefallen und bildete einen Kranz auf seinem Kopf. Auf der Seite entdeckte sie ebenfalls ein Foto der Sekretärin, die ihr die Buchungsanfrage geschickt hatte. Anna atmete erleichtert aus.
Tatsächlich ein Rechtsanwalt.
Sie schalt sich gleich darauf selbst: »Was hast du denn gedacht?«
Ihre übertriebene Vorsicht war schuld an ihrer finanziellen Lage.
»Dr. Gottfried Seidel, was willst du hier in der Gegend?«
Sie scrollte zu den Aufgabengebieten der Kanzlei und las, dass er auf internationales Wirtschaftsrecht spezialisiert war.
Sicheres Terrain.
Nun stand die Prüfung des zweiten Mitarbeiters an. Zu ihrer Verwunderung fand sie ihn nicht auf der Seite der Kanzlei.
»Komisch.«
Um jeglichen Irrtum auszuschließen, durchstöberte sie die Seite erneut. Die Kanzlei hatte zwanzig Mitarbeitende und gehörte damit zu den großen Fischen im Hamburger Haifischbecken, doch der besagte zweite Gast tauchte nicht auf der Homepage auf.
»Wieso bist du hier nicht aufgeführt, Markus Schmitt?«
In Zusammenhang mit der Kanzlei tippte sie den zweiten Namen als Suchauftrag im Internet ein. Die Anzahl der Treffer war überwältigend.
»Schmitt ist in Deutschland ein Allerweltsname.«
Bauer auch.
Ihre Augen schmerzten vom Starren auf den Bildschirm, weshalb sie sich entschied, einen letzten Vorstoß zu wagen. Sie tippte diesmal Markus Schmitt, Hamburg ein.
Wie zu erwarten, war die Flut an möglichen Ergebnissen unüberschaubar. Sie scrollte sich halbherzig durch die ersten Treffer, stellte ihre Suche aber schnell ein. Ihre Bedenken standen in harter Konkurrenz zu ihrem leeren Bankkonto. Wenn sie überleben wollte, dann musste sie diese Buchungsanfrage annehmen. Wie oft hatte sie schon unbegründet eine Anfrage abgelehnt?
Oft genug.
Schließlich entschied sie sich dafür, die Buchung zu bestätigen, obwohl sie keine Ahnung hatte, wer Markus Schmitt war. Sie würde es erst am Donnerstag erfahren. Zumindest vermied sie es mit dieser Buchung vorerst, Onkel Fred nach Geld fragen zu müssen.
Mittwoch
Beim Auffüllen des Orangensafts bemerkte Anna aus den Augenwinkeln, wie Tammy lustlos und mit auf der Hand abgestütztem Kopf in ihrem Spiegelei stocherte. Ihr Blick war dabei starr auf den Teller gerichtet. Die anderen Gäste – ein Ehepaar aus den Niederlanden – holten sich hingegen beherzt Nachschub vom Buffet.
Am Tisch der Holländer nahm Anna deren benutztes Geschirr mit und steuerte auf Tammy zu. »Schmeckt es denn nicht?«
Ihr Gast sah erschrocken auf. Das Zermatschen ihrer Speise hatte ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht, sodass sie ihr Näherkommen nicht bemerkt hatte.
»Nein, nein. Es schmeckt fabelhaft.« Tammy räusperte sich. »Oder besser gesagt, mein fehlender Appetit hat nichts mit dem hervorragenden Frühstück zu tun.«
Bisher war es nur ein Gedanke von Anna gewesen, doch dieser schien zutreffend zu sein. Tammy wollte nicht die Weinberge erkunden, sie suchte Abstand.
»Die Männer. Kein Mann ist nichts, aber wenn man mal einen hat, dann kann der einen auch wahnsinnig machen«, meinte sie und hoffte, dass ihre Einschätzung nicht danebenlag.
Als hätte ich auch nur ansatzweise Ahnung von Männern.
Sie war normalerweise kein offener Mensch, hielt ihre Gäste auf Abstand, doch Tammy umgab eine spezielle Aura, die dafür sorgte, dass sie sich mit ihr unterhalten wollte. So etwas war ihr noch nie passiert.
Tammy brachte aufgrund ihrer Äußerung einen Laut hervor, den man am besten als eine Mischung aus Lachen und Weinen wertete. Sie fuhr sich rasch mit der Hand über ihre Augen und wischte sich überquellende Tränen weg. »Sehr gut auf den Punkt gebracht. Nimm’s mir nicht übel, sonst wäre ich kaum hierhergekommen.«
»Das Spiegelei kann nichts dafür, und mir scheint nicht, als würde dich innerhalb der nächsten Minuten der Hunger überkommen.« Anna stapelte den Teller mit dem Spiegelei auf dem restlichen Geschirr.
»Nein, das glaube ich nicht.« Tammy grinste. »Darf ich dich noch etwas fragen?«
Anna stellte ihren Tellerberg auf dem Tisch ab.
»Ich muss nachdenken. Gibt es irgendeinen Ort, der sich gut dafür eignet?«
Mit Blick aus dem Fenster stellte Anna fest, dass bisher nur vereinzelt Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke brachen. Dennoch war heute ein sonniger Frühlingstag für Anfang März vorausgesagt worden.
»Ich würde dir das Terrior F empfehlen. Von dort hast du einen phänomenalen Ausblick, weit über Hammelburg hinaus. Der Weg hinauf führt an Weinbergen vorbei, und man ist meistens ungestört.«
Tammy nickte.
»Und wenn du genug vom Nachdenken hast, kannst du dort sogar die Weingeschichte der Region erkunden.«
Ihr Gast zog eine nicht allzu begeisterte Miene.
Anna lachte. »Du findest das Terrior F sogar auf Google Maps. Du kannst also dein Handy als Navi verwenden.«
»Genau das, was ich nicht will. Meine Arbeit mitnehmen. Ich hänge sonst jeden Tag am Handy. Das hilft nicht unbedingt beim Nachdenken.«
»Ich bring dir die Wanderkarte«, bot Anna an.
»Großartig. Ich wusste doch gleich, dass ich hier in meiner momentanen Lage am besten aufgehoben bin.«
Tammy brach nach dem Frühstück auf. Vertieft in die Wanderkarte lief sie in Richtung der Weinberge. In der Multifunktionshose, dem weiten Oberteil und der Steppweste, die sie sich übergeworfen hatte, war die stylische Influencerin aus dem Internet nicht wiederzuerkennen. Selbst an die Wanderschuhe hatte sie gedacht.
Wie weit Realität und soziale Medien manchmal auseinanderklaffen.
Anna nutzte die freie Zeit und loggte sich im Internet in den einschlägigen Foren ein, in denen Tammys Welt zu finden war. Bis vor vier Wochen war hin und wieder ein Johannes an ihrer Seite abgelichtet und namentlich in den Beiträgen erwähnt worden. Johannes war der typische Sunnyboy. Halblange, blonde Haare und braun gebrannt. Man sah ihm an, dass er stundenlang im Fitnessstudio trainierte, anders waren seine stahlharten Muskeln nicht zu erklären.
Die letzten Wochen waren merklich weniger Posts erschienen. Tammy hatte sich um betont fröhliche Schnappschüsse bemüht, von Johannes fehlte jegliche Spur.
Anna scrollte weiter zurück und überflog ältere Beiträge. Vor zwei Jahren hatten sich die beiden glücklich das Ja-Wort am Starnberger See gegeben. Tammy strahlte über das ganze Gesicht. Ihr Blumenkranz und das schlichte, aber elegante Hochzeitskleid erinnerten entfernt an eine Strandhochzeit am Mittelmeer.
War wohl nicht die Liebe des Lebens, sonst wäre sie nicht hier in meiner Pension.
Anna löste sich vom Bildschirm und widmete sich ihrer eigentlichen Arbeit. Die Zimmerreinigung stand auf der Tagesordnung. Nachdem Tammy bereits gegangen war, würde sie sich ihres zuerst vornehmen.
Anna liebte die Routine. Auch die Reinigung der Zimmer lief nach einem einheitlichen Schema ab. Sie stellte ihr tragbares Radio auf dem Schreibtisch ab, auf dem auch einer von Tammys beiden Koffern Platz gefunden hatte, und schaltete es ein. Zuerst empfing sie nur ein Rauschen, das ihr die Härchen an den Unterarmen zu Berge stehen ließ. Sie bediente den Regler und suchte einen Sender. Der erste, den sie bekam, war der Hessische Rundfunk. Das fränkische Saaletal war nicht weit vom Nachbarbundesland entfernt, sodass sich ein paar Funkwellen hierher verirrten. Beschwingt zog sie summend zur Musik die Vorhänge beiseite und öffnete die Fenster.
Sie widmete sich zuerst dem Bett, zog die Decke glatt und schüttelte die Kissen auf. Im Bad reinigte sie die Armaturen und drapierte neue Handtücher auf dem Waschtisch.
Währenddessen sprang das Musikprogramm auf die tagesaktuellen Nachrichten um: »Frankfurt am Main. Am kommenden Wochenende findet der alljährliche City-Marathon statt. Es ist auf den Hauptverkehrsstraßen mit Behinderungen und Sperrungen zu rechnen. Von Fahrten mit dem Auto in die Innenstadt sollte daher abgesehen werden. Auf der Internetseite der Frankfurter Verkehrsbetriebe finden Sie den Sonderfahrplan. Bad Vilbel. Mord an einem Ehepaar in einer Luxusvilla. Derzeit ermittelt die Polizei in alle Richtungen.«
Anna schüttelte es. Es war immer wieder erstaunlich, was in dieser kranken Welt vor sich ging. Sie verstand die Menschen, die sich lieber in eine Scheinwelt flüchteten.
Im letzten Schritt saugte sie den Teppichboden und schloss die Fenster. Ihr Blick blieb dabei am Koffer auf dem Schreibtisch hängen. Ihre Hand legte sich um den Reißverschluss, bereit, ihn zu öffnen.
Soll ich?
»Nicht bei ihr«, sagte sie zu sich.
Es juckte ihr in den Fingern, sie würde sich nicht zurückhalten können. Dieser Punkt ihrer Liste gehörte ebenso wie das Reinigen des Bades zu ihrem Ablauf. Sie wusste, dass es falsch war und die Privatsphäre ihrer Gäste verletzte. Es gab allerdings Gründe, weshalb es erforderlich war.
Rechtfertigst du damit dein widerrechtliches Handeln?
Nicht weiter überlegend zog sie den Reißverschluss auf und sah sich den Kofferinhalt an. Die Kleidung im Gepäckstück war unsortiert. Sie erblickte Spitzenunterwäsche, die aus einem Hauch von Nichts bestand, neben recht freizügigen Nachthemden, die eher für tropische Nächte geeignet waren.
Der zweite Koffer hatte auf der dafür vorgesehenen Ablage Platz gefunden. Dort fand sie einen Laptop und weitere Tageskleidung. Ganz unten entdeckte sie eine Fotografie. Sie zog diese hervor und betrachtete sie eingehender. Unverkennbar war Tammy mit einem Baby im Arm darauf abgelichtet. Sie schätzte die Tammy auf dem Foto auf achtzehn Jahre. Im Hintergrund waren das Meer und Palmen zu sehen. Gedanklich ging Anna das Profil ihres Gastes in den sozialen Medien durch. Mittlerweile hatte sie herausgefunden, dass Tammy Filipina war, folglich musste das Foto auf den Philippinen entstanden sein.
Ist das ihr Kind?
Sie legte das Bild an seine Ursprungsstelle zurück. Dabei entdeckte sie unter dem Kleiderstapel einen schmalen Ordner. Nach kurzem Zögern zog sie ihn hervor. Er enthielt Dokumente in einer fremden Sprache, vereinzelt fand sie Papiere auf Deutsch. Es ging hauptsächlich um Sorgerecht und Familiennachzug, wie sie feststellte.
Die Scham kroch in ihr hoch, brachte ihre Wangen zum Glühen. Wie konnte sie ihrem Gast später in die Augen schauen? Sie wusste, dass sie gegen ihre eigenen Grundsätze verstoßen hatte. Sie suchte sonst nur nach Auffälligkeiten zur Person, aber niemals schnüffelte sie mehr, als es sein musste. Sie hätte diesen Ordner nicht öffnen dürfen. Was auch immer Tammy zu regeln hatte, es stellte keine Gefahr für sie dar, und damit hatte sie ihre Suche zu beenden.
Anna riss sich aus ihrem Gedankenkarussell, verließ das Zimmer und schloss ab. Ihre Gewissensbisse ließen sich nicht wie die Tür zusperren, sie blieben.
Mittwoch
»Bruno, es reicht langsam.« Obwohl sie gerne mit ihrem Terrier spielte, konnte Anna es heute nicht vermeiden, dass sie genervt klang. Dennoch hob sie das Stöckchen auf, das Bruno ihr vor die Füße legte, und warf es erneut. Ihr Terrier schoss schwanzwedelnd hinterher. Der Ast war geradewegs in der Hecke gelandet, doch das störte ihn nicht. Ohne Rücksicht auf Verluste stürzte er sich ins Gestrüpp.
In Windeseile war Bruno wieder zurück und hoffte erneut auf einen Wurf, als er ihr das Stöckchen zurückgebracht hatte. Hechelnd setzte er sich auf die Hinterbeine und reckte den Kopf. Er wartete ungeduldig darauf, dass sein Frauchen die nächste Runde einläutete.
»Ich belustige dich seit über einer halben Stunde.«
Er senkte den Kopf und gab ein betretenes Winseln von sich.
»Du Schlawiner! Du weißt, wie du mich um den Finger wickelst.« Seufzend warf sie zum wiederholten Male das Stöckchen. Diesmal jedoch in Richtung Tor, das den Hinterhof von der Straße abtrennte.
Während Bruno davonrannte, hörte sie, wie im oberen Stockwerk ein Fenster geschlossen wurde. Ihr Hund hatte wohl schon einen Fan unter den Gästen. Tammy winkte zu ihr hinunter und zog mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Vorhang zu.
Bruno war ein Frauenheld durch und durch und eroberte die Herzen der Damen im Sturm. Er hatte jedoch striktes Hausverbot in der Pension. Sein Bereich war klar abgegrenzt. Er durfte auf der Eingangsstufe warten, aber der Gang über die Schwelle war ihm untersagt. Am Anfang war Anna zu nachsichtig gewesen und hatte den Fehler begangen, den die meisten Hundehalter zwangsläufig machten. Sie verzogen ihren Hund, weil sie ihm alles durchgehen ließen. Bruno war von den Gästen verwöhnt worden und hatte sich in deren Aufmerksamkeit gesuhlt. Er hatte sich stets so geschickt platziert, dass er nicht übersehen werden konnte. Am Ende hatte dies immer öfter dazu geführt, dass Anna über ihn gestolpert war, weswegen sein Platz in Richtung Türschwelle verlagert worden war. Eine Position, mit der er sich mittlerweile abgefunden hatte, obwohl er ebenso gerne in ihrem Apartment auf sie wartete, bis sie abends ausführlich mit ihm tobte.
Bruno rannte zu ihr zurück und legte abermals das Stöckchen vor ihren Füßen ab.
»Diesmal reicht es. Ich bin schon den ganzen Tag auf den Beinen. Gönn mir eine Auszeit.« Sie ging in die Hocke und kraulte den Terrier hinter den Ohren, woraufhin dieser die Augen schloss und seinen Kopf in ihre Hand schmiegte. »Lass uns reingehen.«
Diesmal protestierte Bruno nicht.
Anna schaute sich auf der Schwelle nochmals um, überblickte die dichten Hecken, ehe sie die Tür schloss. Sie drehte den Schlüssel zweimal um und betätigte anschließend den Auslösemechanismus für den Panzerriegel. Jedes Fenster wurde einzeln von ihr begutachtet, und erst als sie sich vergewissert hatte, dass alle ordnungsgemäß geschlossen waren, zog sie die Vorhänge zu. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und stellte diese akkurat ausgerichtet neben der Eingangstür ab. Danach begab sie sich zur Küchenzeile und beschmierte sich eine Scheibe Brot mit Frischkäse, die heute ihr spärliches Abendessen sein würde. Ihr Blick fiel dabei auf den Wandkalender, der das absehbare Unheil verkündete.
Mit dem Rotstift setzte sie ein weiteres X. Noch einhundertzweiundfünfzig Tage, bis sich alles änderte. Kauend betrachtete sie die Kästchen, die ohne farbliche Markierung waren. Mit jedem zusätzlichen Kreuz entschwand das Leben, mit dem sie sich in den letzten Jahren arrangiert hatte. Sie spürte, wie sich so etwas wie Bedauern in ihr breit machte. Hammelburg war am Anfang nicht das gewesen, was sie sich für sich vorgestellt und erwünscht hatte. Im Laufe der Jahre war die Stadt jedoch zu ihrer Heimat geworden. Wenn man es so nennen konnte, dann hatte sie Wurzeln geschlagen.
Bruno, der ihre Angst gespürt haben musste, strich um ihre Beine.
»Ich weiß das zu schätzen«, sagte sie an ihn gewandt und räusperte sich gleich darauf, weil ihre Stimme brach.
Sie schob sich den letzten Bissen ihres Brotes in den Mund und schnappte sich ihren Laptop. Arbeit lenkte sie immer ab. Die täglich wiederkehrenden Aufgaben in der Pension waren ihr Motor, wenn sie am liebsten in ihrem Bett liegen bleiben würde, weil ihr die Kraft fürs Aufstehen fehlte oder die dunklen Stunden der Nacht sie mahnend an ihre Vergangenheit erinnerten.
Ihr Magen zog sich bei der gewohnten Leere des Buchungspostfachs schmerzhaft zusammen. Sie stützte die Ellbogen auf die Tischplatte, legte den Kopf in ihre Hände und massierte sich die Schläfen. Den aufsteigenden Frust konnte sie nur mühsam unterdrücken.
Was mache ich falsch?
Ein Klingeln, das sie zuerst nicht lokalisieren konnte, ließ sie zusammenzucken. Ihr Blick wanderte automatisch zur Haustür, bis sie sich daran erinnerte, dass diese nicht mit einer Türklingel versehen war. Außerdem hatte sie noch nie Besuch empfangen. Sie wusste nicht einmal, wen sie hätte einladen sollen.
Der Ton, der entfernt an eine Sirene erinnerte, erklang sonst nur zweimal wöchentlich. Montags und donnerstags, wenn Onkel Fred anrief. Niemand sonst kannte ihre Festnetznummer.
Das beharrliche Läuten wies sie unmissverständlich darauf hin, dass sie endlich den Hörer abnehmen sollte. Das außerplanmäßige Klingeln brachte sie mehr aus der Ruhe, als ihr lieb war. Mit wackeligen Beinen lief sie hinüber zum Apparat und nahm ab.
»Ja, bitte?« Sie hasste sich dafür, dass ihre Stimme piepsig klang. Ihr selbstsicheres Auftreten war mit dem unangekündigten Anruf wie weggewischt.
»Hier ist Onkel Fred.«
»Du hast dich im Tag geirrt.« Mit diesen Worten gewann sie etwas Souveränität zurück.
Nur ein Missverständnis.
»Nein. Ich wünschte, dem wäre so.«
Ihr Herzschlag setzte einen Takt aus. Sie krallte sich an den Telefonhörer, bis ihre Fingerknöchel markant hervorstachen.
Onkel Fred räusperte sich und fuhr fort: »Über Nacht ist ein Sturm aufgezogen, der in seiner Stärke nicht vorhersehbar war.«
»Welche Stufe?«, hakte sie nach. Ihre Gedanken überschlugen sich. Mittlerweile hatte sie mit ihrer anderen Hand fest die Telefonschnur umklammert. Bereit, sie jederzeit aus der Wand zu reißen, falls ihr das Gespräch nicht gefallen sollte.
»Zwölf.«
In ihrem Gehirn ratterte es. Wie viele Stufen gab es auf der Beaufort-Skala? Die Erkenntnis ließ sie heftig schlucken und zwang sie beinahe in die Knie.
»Wie konnte ein Orkan bisher auf dem Radar unentdeckt bleiben?«, stellte sie die Gegenfrage und wurde sich bewusst, wie hysterisch sie klang.
»Er ist draußen.«
Drei vernichtende Worte, die alles änderten. Ihr Leben auf den Kopf stellten. Mit diesem kurzen Satz zerplatzte die bisher sichere Blase, in der sie gelebt hatte. Die roten Kreuze auf dem Wandkalender schienen sie zu verhöhnen.
»Es sind doch noch einhundertzweiundfünfzig Tage.« Ihr entwich ein Schluchzer, gefolgt von den ersten Tränen.
Urplötzlich fühlte sie sich diesem Gespräch nicht mehr gewappnet. Sie spürte, wie ihr die Zügel entglitten, und legte daher kommentarlos auf. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, ließ sie sich zu Boden gleiten und zog die Beine zu sich heran.
Sie hatte sich diesen speziellen Tag oft in ihrer Fantasie ausgemalt und sich mit ihrem eigenen Countdown auf die Unausweichlichkeit dieses Ereignisses vorbereitet. In ihrer Planung hatte sie nie berücksichtigt, dass die Zeit ein mieser Verräter sein konnte und ihr einen Streich spielte.
Das hat nichts zu bedeuten.
Mit zittrigen Händen wischte sie sich über ihr mittlerweile verklebtes Gesicht, bevor sie auf allen vieren zum Schrank unterhalb der Spüle kroch. Dort zerrte sie wahllos Spülmittel, Lappen und andere Reinigungsutensilien hervor. Im hinteren Teil war ihr Getränk für Notfälle, eine Glasflasche mit durchsichtigem Inhalt. Sie drehte den Verschluss auf, setzte die Flasche an die Lippen und legte den Kopf in den Nacken. Die ersten Schlucke waren immer wieder eine Überwindung. Ihr Magen zog sich zuerst schmerzhaft zusammen, ehe sich eine wohlige Wärme in ihrem Bauch ausbreitete. Auch die Geschmacksknospen gewöhnten sich allmählich an das bekannte Getränk.
Nachdem die ersten Schlucke des Hochprozentigen sie beruhigt hatten, stellte sie die Flasche neben sich ab. Es handelte sich um Grasovka, ihr geheimstes Laster. Sie trank nie Alkohol, hatte gerne klare Gedanken und wollte jederzeit handlungsfähig sein. Der heutige Griff war eine absolute Ausnahme.
Grasovka wurde auf Basis von Roggen angesetzt und mit duftendem Mariengras aromatisiert. Daraus ergab sich der unverkennbare Waldmeistergeschmack. Ebenso typisch war für diesen Alkohol, dass in jeder Flasche ein Grashalm steckte.
Davon darf Onkel Fred nie erfahren.
Sie wusste, dass sie Unaufrichtigkeiten ihm gegenüber in Teufels Küche brachten, doch in solchen Momenten war es ihr herzlich egal.
»Na zdrowie!« Sie reckte die Flasche erneut empor und prostete Bruno zu. Anschließend nahm sie weitere kräftige Züge. Der Alkohol wirkte rasch in ihrem Körper. Die anfängliche Aufgewühltheit legte sich.
Mit der Erkenntnis, dass sie den Lauf der Dinge nun nicht mehr in der Hand hatte, stellte sie den Wodka zurück in sein Versteck und drapierte sämtliche Putzutensilien vor der Flasche. Anschließend kuschelte sie sich zusammen mit Bruno in ihr Bett. Der Terrier beschwerte sich nicht, als sie ihn enger an ihre Brust drückte. Seine Hitze durchströmte bald auch sie. Sie lehnte ihren Kopf an Brunos, kurz darauf fielen ihr die Augen zu. Der Alkohol und die Aufregung zogen sie in einen traumlosen Schlaf.
Donnerstag
Die eingeworfene Kopfschmerztablette entfaltete noch nicht ihre Wirkung, weshalb Anna hoffte, dass ihr zumindest die frische Luft helfen würde, das Pochen aus ihrem Schädel zu verbannen.
Heute wären es noch einhunderteinundfünfzig Tage gewesen.
Obwohl heute der erste Tag nach vielen Jahren war, an dem er sich auf freiem Fuß befand, hatte Anna über Nacht etwas von ihrem Mut und ihrer Selbstsicherheit zurückgewonnen. Als sie am Morgen aufgestanden war, hatte sie festgestellt, dass sich ihr Tagesablauf im Grunde genommen nicht geändert hatte. Er war draußen, ihr Leben ging dennoch unbeirrt weiter.
Die kühle Märzluft vertrieb den Teil der Kopfschmerzen, den die Tablette nicht beseitigt hatte. Sie genoss den Spaziergang, betrachtete gerne die aufwendig sanierten Gebäude, von denen ein ganz eigenes Flair ausging.
Bruno ging es genauso. Er lief wild umher, reckte seine Schnauze in die Höhe und sog sämtliche Gerüche und Eindrücke in sich auf. Für ihn war es jedes Mal ein Highlight, wenn er sich außerhalb seines gewohnten Terrains bewegen durfte.
Nach wenigen Metern stießen Bruno und Anna auf die Bahnhofstraße, die wie eine Hauptschlagader ins pulsierende Herz der Kleinstadt führte. Dort fuhr Lukas, der örtliche Streifenpolizist, in seinem Dienstwagen an ihnen vorbei. Er hob die Hand zum Gruß, ehe er beschleunigte und in Richtung Dienststelle davonbrauste.
Bevor sie auf den Marktplatz gelangten, bogen sie an der Bankfiliale rechts in eine schmalere Straße, genannt Langer Graben, ab.
Für ihre Einkäufe besuchte Anna am liebsten Dagmar. Die Dame Anfang sechzig führte einen Tante-Emma-Laden. Ihr Sortiment konnte nicht mit dem der großen Supermärkte mithalten, war dafür geprägt von Waren der lokalen Bauern. Den Austausch mit der Ladenbesitzerin schätzte sie, da Dagmar die einzige Person war, mit der sie mehr als zwei Sätze gesprochen hatte, seit sie nach Hammelburg gezogen war.
Anna leinte Bruno vor dem Laden an einem dafür vorgesehenen Eisenring an. »Ich bin gleich wieder da.«
Der Terrier setzte sich auf seine Hinterbeine und blickte ihr sehnsüchtig nach.
»Guten Morgen, Dagmar!«
»Grüß Gott! Schön, dich zu sehen.«
Die altmodische Dauerwelle und ihre grauen Haare, die sie seit einiger Zeit nicht mehr färbte, ließen Dagmar älter wirken. Sie hatte ihre Mähne nachlässig mit einem Haargummi im Nacken zusammengebunden, einzelne Strähnen waren schon wieder herausgesprungen und umrahmten ihr Gesicht. Ebenso wenig passte ihre verspielte Rüschenbluse in Pink zu ihrer Figur. Die unvorteilhaft angebrachten Applikationen betonten ihre Kurven, was sie rundlicher erscheinen ließ. Dagmar war hinsichtlich der Farbwahl ihrer Kleidung unerschrocken. Anna fragte sich manchmal insgeheim, ob sie farbenblind war oder ob ihr einfach jeglicher Geschmack für Mode fehlte.
Heute hatte die Ladenbesitzerin eine lila Cordhose mit dem Ungetüm aus Rüschen kombiniert. Das Farbspektakel schmerzte in den Augen.
»Ich brauche ein paar Kleinigkeiten. Morgen zum Frühstück habe ich fast volles Haus.« Während sie die Worte aussprach, fühlte Anna innerlich, wie Freude in ihr aufstieg. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal so viele Zimmer gleichzeitig vermietet hatte.
»Das kriegen wir hin. Lass mich überlegen.« Dagmar ging um die Theke herum und legte ihren Finger nachdenklich auf die Lippen. Beim Blick auf einen Korb voller Äpfel hellte sich dieser auf. »Bauer Heinz hat frische Äpfel aus der Lagerung vorbeigebracht. Saftiger wirst du sie nirgends bekommen. Er hat auch Bärlauch mitgebracht. Daraus lässt sich ein prima Pesto oder Aufstrich herstellen. Wenn du deine Gäste für die Region begeistern willst, dann würde ich es damit probieren.«
»Gekauft.«
»Dich kann ich leicht überzeugen.«
»Du bist eben ein Verkaufstalent.«
Dagmar lachte und nahm Anna den Einkaufskorb aus Weiden ab, den sie stets für die Einkäufe im Tante-Emma-Laden nutzte. Die Ladenbesitzerin packte ihr die Hälfte des Korbes mit Äpfeln voll. Anschließend holte sie eine Papiertüte und befüllte diese mit Bärlauch. »Hier, reib mal dran und rieche.«
Als Anna an ihren Fingern roch, entfaltete sich in ihrer Nase das intensive Aroma von Knoblauch. »Frischer geht es tatsächlich nicht.«
Dagmar nickte bestätigend. Sie lief hinüber zu einem Regal und legte eine kleine Schachtel in den Korb.
»Was ist das?«
»Ein Geschenk für dich.«
»Wieso denn das?«
Dagmar zuckte mit den Schultern. »Ich habe heute einen guten Tag.«
»Wann hast du mal keinen guten Tag?« Anna schmunzelte.
»Frag meinen Sohn. Der kann dir eine Antwort liefern.« Sie deutete auf die Verpackung, die sie soeben in den Korb gelegt hatte. »Vorgestern war eine junge Frau bei mir, die demnächst ein Pralinengeschäft in der Schafgasse eröffnen wird.«
»In Hammelburg?«
»Ja, sie hofft auf die Laufkundschaft vom Reformhaus. Wo war ich stehen geblieben?«
»Beim Pralinengeschäft in der Schafgasse«, half Anna aus, während sie noch versuchte, sich vorzustellen, dass sich demnächst eine Chocolaterie in Hammelburg ansiedelte.
»Stimmt. Sie hat mich gefragt, ob ich ihre Köstlichkeiten ins Sortiment aufnehme.« Ein Grinsen breitete sich auf Dagmars Gesicht aus, als sie hinzufügte: »Ich habe mich durchprobiert und muss sagen, dass sie auf der Zunge zerfließen.«
Dagmar legte dabei unbewusst ihre Hand auf den Bauch, der mittlerweile eher ein ausgeprägter Rettungsring war. Ihr Blick blieb sehnsüchtig an der Schachtel Pralinen in Annas Weidenkorb hängen.
»Interessant, auf was für Geschäftsideen die Leute in dieser Kleinstadt kommen.« Anna bezweifelte, dass sich eine Chocolaterie in Hammelburg rentierte, gönnte der wagemutigen Geschäftsgründerin jedoch im Vorfeld jeglichen Erfolg. Er würde wahrscheinlich von nicht allzu langer Dauer sein.
