Die Königin der Orchard Street - Susan Jane Gilman - E-Book

Die Königin der Orchard Street E-Book

Susan Jane Gilman

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Beschreibung

New York, 1913. Für die kleine Malka eröffnet sich inmitten der dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen von Manhattans Lower East Side eine vollkommen neue Welt, als das Schicksal sie direkt vor Salvatore Dinellos Pferdefuhrwerk laufen lässt. Denn der fahrende Händler, der jeden Tag Arien trällernd mit seinem Wagen durch die Straßen zieht, weiht sie in das köstlichste Geheimnis der Welt ein: das Wunder der Eiscreme. Und so beginnt für Malka eine wahre Tour de Force durch das Leben – bei der aus dem listigen und erfinderischen Mädchen die Grand Dame Lillian Dunkle wird, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …
Lebensprall, bunt und voller Fabulierlust fegt dieser Roman wie ein Wirbelwind durch das 20. Jahrhundert und erzählt die außergewöhnliche Geschichte einer ungezähmten Heldin, eines turbulenten Lebens und der Entdeckung der süßen Magie.

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Seitenzahl: 754

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New York, 1913. Die kleine Malka lebt mitten in den dicht gedrängten Straßen und übervölkerten Mietskasernen im Einwandererviertel auf der Lower East Side. Die meisten Menschen hier sind arm, haben zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Doch listig und raffiniert, wie sie ist, lernt Malka schnell, sich im Viertel durchzuschlagen. Und mitten im abenteuerlichen Gemenge wendet sich Malkas Schicksal. Denn dort trifft sie Papa Dinello, der sie in das köstlichste Geheimnis der Welt einweiht: das Wunder der Eiscreme. Für Malka beginnt eine wahre Tour de Force durch das Leben – und aus dem pfiffigen und erfinderischen Mädchen wird eine Grande Dame, die »Eiskönigin von Amerika« und berühmt-berüchtigte Herrscherin über ein Eiscreme-Imperium …

 Lebensprall, bunt und voller Fabulierlust fegt dieser Roman durch das 20. Jahrhundert und erzählt die außerge-wöhnliche Geschichte einer ungezähmten Heldin, eines turbulenten Lebens und der Entdeckung der süßen Magie.

Susan Jane Gilman, geboren in New York, studierte an der Universität von Michigan. Sie hat bislang drei Sachbücher veröffentlicht, außerdem schreibt sie für The New York Times, The Los Angeles Times, Ms. Magazine u. ‌a. Die Königin der Orchard Street

Susan Jane Gilman

DIE KÖNIGIN DER ORCHARD STREET

Roman

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

The Ice Cream Queen of Orchard Street

bei Grand Central Publishing in der Hachette Book Group, New York.

Copyright © 2014 by Susan Jane Gilman

This edition published by arrangement with Grand Central Publishing, New York, NY, USA. All rights reserved.

Umschlagfotos: Nathan Blaney/Corbis, akg-images/AP

eBook Insel Verlag Berlin 2015

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2015.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

FürSteve Blumenthal&

1. KAPITEL

Wir waren gerade mal ein Vierteljahr in Amerika, als das Pferd mich umrannte. Wie alt ich da war, weiß ich nicht genau. Vielleicht sechs? Von meiner Geburt gibt's keine Einträge. Ich weiß nur noch, dass ich die Hester Street entlangrannte, auf der Suche nach Papa. Der gebleichte Himmel über mir war von Dächern und eisernen Feuerleitern eingerahmt. Tauben kreisten, Straßenhändler schrien, Hühner gackerten; und dazwischen die seltsame, wacklige Dampforgel des Leierkastenmanns. Dicke Staubwolken wogten um die Handwagen, sodass die Ladenschilder wie Fahnen hin und her schwangen. Ich hörte Getrappel, dann schlug ich hin. Einen Sekundenbruchteil lang blitzte ein Huf auf, dann grellweißer Schmerz. Dann: nichts.

Das Pferd, das mich niedertrampelte, zog einen Eiswagen. War das nicht eine sonderbare Laune des Schicksals? Hätte mich, sagen wir, ein Lumpensammler oder Kohlenhändler zum Krüppel gemacht, wäre ich nie die Lillian Dunkle geworden, wie alle Welt sie heute kennt. Und nie im Leben wäre ich zur Legende geworden.

Die Öffentlichkeit meint immer, mein Glück gehe ausschließlich auf meinen Mann zurück. Ach, wie die Medien ihre Königinnen hassen. Wie sie uns übelwollen! Das schreckliche Foto, das die Zeitungen ständig bringen – auf dem ich aussehe wie Joan Crawford, wenn sie einen Einlauf kriegt –, mehr Beweise braucht man wohl nicht. Die sind so schnell mit ihrem Urteil!

Aber das will ich euch sagen, meine Schätzchen: die »Wonder Tundra« mit Schokostückchen, Regenbogenstreuseln, M&Ms oder gehackten Erdnüssen, ganz nach Wunsch. Unsere neue Paradetorte, die »Nilla Rilla«, geformt wie unser Markenzeichen, der Comic-Affe, umhüllt mit Kokosraspeln und mit einer geheimen Schicht aus Keksbröckchen gefüllt – die hatten wir anfangs nur für Geburts- und Vatertage im Sortiment, aber ist Ihnen klar, wie viele Leute eine Version davon für ihre Hochzeit bestellten? Eine Torte haben wir einmal speziell für einen Empfang in Syosset gemacht, von der wurden 215 Leute satt. Die wäre ins Guinness-Buch der Rekorde gekommen, wenn Bert an die blöde Kamera gedacht hätte.

»Tower of Sprinkles«. »Mint Everest«. »Fudgie Puppie«. Sie alle – und wirklich alle, Jahr für Jahr werden Millionen davon verkauft – waren meine Erfindung, meine Idee. Auf unserem Höhepunkt hatten wir landesweit 302 Läden. Wir revolutionierten Produktion, Franchise, Marketing. Glauben Sie etwa, das war Zufall? Präsident Dwight D. Eisenhower persönlich hat mich mal »Die Eiskönigin von Amerika« getauft. Ich habe noch das signierte Foto von uns (mit Mamie natürlich – samt Perlen und schlechten Zähnen), wie wir uns im Rose Garden die Hände schütteln. Dazu trug ich mein allererstes Chanel-Kostüm, fast in der Farbe von Erdbeereis. (Und das war Jahre vor Jackie Kennedy, schönen Dank!) Heute habe ich nicht weniger als drei Dutzend gravierte Plaketten, Trophäen, Bänder. Eine Schale aus Kristallglas. Sogar einen scheußlichen Gedenkascher aus Zinn – wie gern würde ich den verschenken, aber Herrgott, was macht man mit einem Ding, das man von der Gesellschaft zur Erforschung der Kinderdiabetes verliehen bekam, noch dazu mit dem eigenen Namen darauf? Eine ganze Wand mit Urkunden: von der Handelskammer von North Carolina; der Vereinigung der Amerikanischen Milchwirtschaft; von Dow Chemical; sogar vom Maharishi Mahesh Yogi Institut in Rishikesh, Indien. Anscheinend lieben Yogis Eiscreme. Wer hätte das gedacht?

Doch wenn die Leute heutzutage meinen Namen hören, denken sie nur an miese Schlagzeilen. An einen einzelnen Vorfall im Live-Fernsehen. Anklagen wegen Steuerhinterziehung und eine Verhaftung – auch das falsch, wie ich wohl nicht extra betonen muss. Unlustige Witze bei Johnny Carson, diesem schlemihl. Ihr wollt's lustig? Bitte. Ich weiß was Lustiges.

Erst gestern teilte mir mein Enkel mit, dass ich eine Antwort in der neuesten Ausgabe von Trivial Pursuit bin. »Wow, Oma, das ist ja echt der Wahnsinn«, sagte er. Man braucht bloß lange genug zu leben, dann erlebt man alles. Aber es ist eine einzige Hexenjagd. WPIX war doch nur ein Lokalsender, Herrgott. Und wir kamen morgens um sieben auf Sendung, an einem Sonntag – einem Sonntag! Und vielleicht hatte ich ja auch ein paar intus. Aber, meine Schätzchen, versucht ihr doch mal, dreizehn verdammte Jahre lang eine Kindersendung zu machen.

Aber halt, ich eile voraus.

Ich fange lieber mal am Anfang an, lange bevor Übertragungswagen vom Fernsehen auf der anderen Straßenseite standen und meine Auffahrt blockierten. Noch vor unserer »Sundae on Saturdays«-Kampagne, den »Mocktail«-Milchshakes und vor Spreckles, dem Clown. Alles begann auf Manhattans drückend heißer Lower East Side, mit dem Händler und seinem Pferdefuhrwerk. Ein rundlicher, schwitzender Mann: Salvatore Dinello. Sein Name prangte in abblätternden rot und golden schablonierten Lettern auf den Seiten seines Wagens: »Dinello's Ices«. Er war eigentlich der Letzte seiner Art. Die meisten anderen arbeiteten da schon für Grossisten. Mr Dinello trug einen Schlapphut und einen braunen Leinenkittel. Statt wie die anderen Händler zu schreien, sang er »A-HAIS, A-HAIS«. Wie eine Arie. Ach, es war herrlich. Ich hörte seinen Bariton die ganze Hester Street lang, durch den unglaublichen Lärm.

Dinellos Eis war mit Zitronen- und manchmal auch mit Kirschgeschmack. Es hatte die Konsistenz von Schnee. Einmal, als Flora und ich das Abendessen holen sollten, kaufte ich uns stattdessen eine Kugel. Wir verschlangen es – Kirsch, das weiß ich noch –, und unsere Münder wurden knallrot, bonbonrot. Es war köstlich. Wie im Delirium. Doch unmittelbar danach – ach, das schlechte Gewissen! Die zwei Cent waren eigentlich für eine Kartoffel bestimmt. Von da an versuchte ich, einen Bogen um Mr Dinello und seinen Eiswagen zu machen. Aber immer wenn wir in der Hester Street waren, sah ich sehnsuchtsvoll zu, wie er für einen Kunden eine kleine Portion der schimmernden Leckerei in seinen winzigen Glasbecher schöpfte. Der Kunde leckte den Becher sauber und reichte ihn Mr Dinello zurück, der ihn dann in einem Zinkeimer ausspülte, der hinten am Wagen baumelte. Jeder bekam denselben Becher. So war das damals.

Meine Familie hatte keinen Penny, als wir vom Schiff traten. Aber wo war das anders? Die Geschichten der Leute, die mit Geld in Amerika landeten, sind uninteressant. Dann hat Ihr ältester Bruder, Lord Sowieso, also den Familienbesitz geerbt, und Sie Ärmster mussten Ihr Glück daher in der Neuen Welt machen? Bitte. Kommt mir bloß nicht damit.

Zur Zeit meines Unfalls wohnten wir in einer Mietskaserne in der Orchard Street, im fünften Stock, Hinterhaus. Wir zahlten einem Schneider namens Lefkowitz zwei Dollar die Woche, damit er uns in seinem Wohnzimmer schlafen ließ. Mama nahm Kissen vom Sofa und legte sie auf zwei knarrenden Holzkisten aus. Tagsüber arbeitete sie für Mr Lefkowitz, schnitt zusammen mit zwei weiteren Frauen im vorderen Zimmer, inmitten einer Wolke wirbelnder Fasern, Muster aus.

Wenn Papa nicht gerade unterwegs war, arbeitete auch er für Mr Lefkowitz. Mit einem schweren Bügeleisen, das auf dem Küchenherd erhitzt wurde, plättete er Hemden. Wenn das heiße Metall auf der Baumwolle zischte, roch es wie angebrannte Vanille. Ich liebte diesen Geruch. Jahre später versuchte ich, ihn in unserem Labor nachzubilden.

Meine Eltern arbeiteten in einem Abstand von zwei Metern. Und dennoch redeten sie nicht miteinander.

Nach Amerika zu gehen war nämlich überhaupt nicht der Plan gewesen.

In der Nacht, in der wir aus unserem kleinen Dorf Wischnew flohen, nähte mir meine Mutter zweihundert Rubel ins Futter meines Mantels. Einen Teil hatte sie selbst angespart, den Rest hatte ihr Bruder, mein Onkel Hyram, aus Südafrika geschickt. Eine kleine Geheimtasche, von Mama fabriziert, direkt unter der Achselhöhle. Zweimal stach sie sich mit der Nadel, so sehr zitterten ihr die Hände. Wir hatten zu viele Geschichten gehört, von Familien, die auf einem Wagen gereist waren, nur um ausgeraubt und auf die Straße geworfen zu werden, liegen gelassen für die Kosaken. In der Woche vor unserer Abreise durften meine Schwestern und ich uns auch nicht mehr waschen, damit wir nicht zu appetitlich aussahen. Mein grauer Filzmantel hatte erst Bella, dann Rose, dann Flora gehört. (Anscheinend kriegte nur Samuel, als er noch lebte, neue Kleider.) Der Filz war so dünn, dass es eher theoretisch als praktisch ein Mantel war. »Wer schaut sich solche Lumpen schon genauer an?«, argumentierte meine Mutter. »Wer fleddert ein kleines Kindchen mit so einem punim?«

Ich war das Baby der Familie, das jüngste Kind in unserem ganzen Schtetl. Ich wurde geboren, nachdem der Mob sich verzogen hatte, nachdem die geplünderten Häuser mit Brettern vernagelt, die Scherben aufgefegt und die Blutflecken mit Essig von den Dielen gewischt worden waren. Und während andere in einem gespenstischen Schockzustand durch Wischnew schlichen, störte ich die Stille, wie nur ein glückliches Kind es kann, das von alldem gar nichts mitbekommen hat.

Ich drehte Pirouetten, brüllte, lachte und vergaß dabei ganz, mir die Hand vor den Mund zu halten, wie Mama es mir gesagt hatte. Ich lief in unserem Garten herum und sang mäandernde kleine Liedchen vor mich hin, die ich selber erfunden hatte. Die Töne sprudelten nur so aus mir heraus: »Der Frosch im Brunnen« und »Ich mag Hühner« sind zwei, die ich mir gemerkt habe. Ich musste einfach singen. Es war, wie mit den Beinen zu schwingen, wenn ich auf einem Hocker saß.

Bitte, verklagt mich doch: Ich war eben neugierig.

»Mama, warum ist unsere Scheune abgebrannt?«, fragte ich mit heller Stimme. »Warum fehlt Sol ein Arm?« »Wie kommt's, dass Etta keine Eltern hat?«

Meine Mutter war eine dralle Frau mit einem verheerten Habichtsgesicht. Ein Großteil ihrer Haare war vorzeitig grau geworden. »Das hab ich von euch«, sagte sie bei jeder neuen Strähne und zeigte darauf. Mamas knochige Hände waren gewaltig. Sie schlugen den Teig für kneidlach und rissen widerspenstigen Hühnern die blutigen Federn aus. Sie zogen Becken voller Wasser aus dem Brunnen und schrubbten grimmig jeden Freitagnachmittag erst meine Schwestern und mich, dann unsere Kleider und schließlich unser Leinzeug, bis alles vollkommen rein war.

Binnen einer Sekunde holten diese Hände aus und verpassten mir einen solchen Hieb, dass ich nicht wusste, wie mir geschah. Bald landeten sie offenbar jedes Mal, wenn ich den Mund aufmachte, als Klaps auf den Ohren oder mit einem Flapp auf meinem Hintern, begleitet von einem »Ich habe gesagt, es reicht, Malka!« Oder »Sei nicht so neunmalklug, Malka!« Oder einfach: »Oy! Du!« Freitags in der Synagoge brummte Mama den anderen Frauen zu: »Ihr Mundwerk«, und zeigte auf mich, »das bringt uns nichts als tsuris.«

Von unserer Reise aus Russland hinaus habe ich sehr wenige Erinnerungen, nur dass ich auf einem Wagen unter einer Ladung Kohlköpfe lag. Mama hatte mich in den traurigen grauen Filzmantel gepackt, als wäre er eine Rüstung. »Greift jemand nach deiner Tasche, dann machst du ein solches geschrei, wie sie's noch nie gehört haben, bubeleh. Lass niemanden an den Mantel, nicht mal Papa, verstehst du?«

Ich nickte. Meine Mutter nannte mich selten bubeleh. Ich fühlte mich als etwas ungeheuer Besonderes, doch gleich nachdem sie meinen Kragen gerichtet hatte, runzelte sie die Stirn. »Mit so einem Gesicht kriegst du womöglich nie einen Mann ab. Aber wenigstens kannst du dir dein großes Mundwerk zunutze machen.«

Männer an Kontrollpunkten mit Laternen scheuchten uns in wütendem Flüsterton herum. Ich stellte mir vor, wie an jeder Biegung Räuber und Kosaken warteten, um aus dem Wald hervorzuspringen, und so hielt ich den ganzen Tag den Mantel fest um mich gezogen, während ich im Kopf übte, ein solches geschrei zu veranstalten, wie die Welt es noch nie gehört hatte. Aber wo nun das gesamte magere Vermögen meiner Familie unter meiner Achsel steckte, wagte ich in Wahrheit gar nicht zu singen, zu summen oder auch nur etwas Lautes zu sagen.

Als wir dann – Tage, vielleicht auch Wochen später – endlich in Hamburg eintrafen, setzten wir uns auf den Bänken in der Abfertigungshalle des Hilfsvereins und warteten. Ich habe eine vage Erinnerung an Schlafsäle, an endlose, trostlose Flure. Eingepferchtes Chaos. Angst. Und, oh!, der menschliche Gestank! Jeder benahm sich wie ein Bettler und wurde auch so behandelt. Ich sage euch: Ich kenne Milchkühe in Vermont heutzutage, die werden besser behandelt. Aber damit will ich gar nicht erst anfangen.

Eines Nachmittags kam mein Vater mit einem Stück Papier, das mehrere Stempel trug, zu unserer Bank zurück. »Komm«, befahl meine Mutter. Sie marschierte mit mir auf den Abort und verriegelte die Tür. »Arme hoch«, befahl sie. Der Gestank war unerträglich. Sie schälte mich aus meinem kratzigen, staubigen Mantel und tastete ihn ab. Die Rubel waren nicht mehr da. Jemand musste mich im Schlaf bestohlen haben!

Doch Mama griff tiefer ins Futter und förderte schließlich die feuchten, zerknitterten Scheine zutage. Während sie zählte und dann noch einmal zählte, stieß ich stolz die Luft aus.

»Was?« Sie sah mich böse an. »Soll ich der Sonne etwa jeden Morgen applaudieren, dass sie aufgeht?«

Sie entriegelte die Tür und deutete auf den Hof. Von dort kam das Gekreisch anderer Kinder. »Geh«, seufzte sie. »Jetzt kannst du so viel Rabatz machen, wie du willst.«

Der Plan war, nach Kapstadt zu fahren. Onkel Hyram hatte im Transvaal zusammen mit einigen Vettern aus Vilnius eine Kurzwarenhandlung. Onkel Hyram war anscheinend ein sehr frommer Mann. Vor den Pogromen hatte er studiert, um Rabbi zu werden. Ich war ihm nie begegnet, aber Bella sagte, er rieche wie gekochte Zwiebeln, und Rose sagte, er habe ein Zucken am linken Auge, weswegen man meine, er zwinkere einem die ganze Zeit zu. Papa schien sich nicht viel aus ihm zu machen. Er bezeichnete ihn immer als »dieser shmendrik«. Doch Onkel Hyram schrieb Briefe und schickte fleißig Geld. Kommt nach Südafrika, so G-tt will, wir können Dich als Buchhalter einstellen, Tillie als Schreiberin. Hier gibt es Möglichkeiten genug.

Kapstadt, Kapstadt – dieser Name ging mir im Kopf herum. Heute hat man Atlanten, Fernseher und Bibliotheken. Aber als ich klein war, besaß niemand in unserem Schtetl einen Globus oder auch nur eine Landkarte. Keine meiner Schwestern hatte ein Schulbuch. Wo war dieses »Südafrika«? Niemand wusste es. Als meine Familie mit dem Papierkram und unseren ganzen Ersparnissen zum Schiffsbüro ging, die kostbaren Rubel und Rands zu einem exorbitanten Kurs in Deutsche Mark getauscht – diese preußischen gonifs, schimpfte Mama –, führte uns ein Mann zu einer riesigen ausgebleichten Landkarte, die an die Wand geheftet war. Das war mein erster Blick auf die größere Welt: eine Ansammlung von Kringeln und Klecksen, schmuddelig von den Fingerabdrücken Tausender Verkäufer und Auswanderer. Hellblau waren »Ozeane«, hellpink war »Land«, »Nationen« waren limonengrün umrandet. Der Mann zeigte auf einen abgewetzten roten Stern mitten auf der Karte. »Das ist Hamburg«, erklärte er. Dann fuhr er mit dem Finger zu einem winzigen schwarzen Pünktchen ganz unten. »Und da ist euer Kapstadt.«

»Da fahren Sie hin?«, fragte Papa.

Der Mann schien verblüfft. »O nein. Ich fahre nach Amerika«, sagte er mit nicht geringem Stolz. Er zeigte auf einen Punkt, der noch weiter weg schien als Südafrika, aber auf gleicher Höhe wie Hamburg lag. »Milwaukee.«

Amerika: Milwaukee. New York. Pittsburgh. Chicago. Von dem Augenblick an, als wir in der Abfertigungshalle eingetroffen waren, geisterten diese Namen als ehrfürchtiges Flüstern durch die Menge. Und dann hörten wir auch die Gerüchte. A-MEH-ri-ka. Das »goldene Medina«, nannten es manche Juden und schnatterten verzückt von Amerikas Pflastersteinen aus vierundzwanzigkarätigem Gold, den Flüssen aus Milch und Honig. Die Schifffahrtsgesellschaften stellten große Werbetafeln auf, die luxuriöse Partys an Bord ihrer Schiffe zeigten, auf denen die Passagiere zu einer amerikanischen Fahne fuhren, die über einem Wasserfall aus Goldmünzen flatterte. Anscheinend wollten alle außer uns in dieses A-MEH-ri-ka. »Da kriegt man kostenlos Land«, sagte einer. »Meine Schwester schreibt, dass es dort Bäume gibt, von denen es Äpfel regnet«, sagte ein anderer. »Sie lebt an einem Ort namens Connecticut.« Und ein weiterer teilte uns mit: »Man geht von Bord, und sie stellen einen vom Fleck weg ein. Nach einem Jahr ist man reich.«

Meine Mutter hingegen tat das alles als schlichten Blödsinn und Wunschdenken ab. »Diese meshuggenehs, was wissen die schon«, grollte sie. »Seit wann muss man denn nicht arbeiten? Die sind wie verliebte Dummköpfe.«

So wurden sechs Fahrscheine nach Kapstadt gekauft, zusammengefaltet und sorgsam in die kleine Geheimtasche im Futter meines Mantels gesteckt. Ich war zur Brieftasche der Familie geworden.

Kapstadt, Kapstadt.

Drei Tage vor unserer Abreise wachte meine Schwester Rose weinend auf. Sie war, wie ich fand, eine Meckerliese. Blass und zitternd, jammerte sie ständig wegen ihres nervösen Magens, ihres Ausschlags von der Sonne, ihrer zarten Konstitution. Sie war älter als ich und hübsch wie eine Porzellantasse: Ich begriff nicht, warum sie ständig alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste. »Mama«, schluchzte sie und fuhr in Panik mit dem Kopf herum. »Ich kann nichts sehen. Alles ist so verschwommen.«

Binnen Stunden kriegten auch Bella, Flora und meine Mutter nicht mehr die Augen auf. Sie versuchten es zu verbergen, indem sie so taten, als wäre ihnen kalt, und sich den Schal tief in die Stirn zogen, doch auf ihren rosafarbenen, nässenden Lidern bildete sich schon bald eine glitzernde Kruste. Sie kniffen die Augen zusammen und stolperten jämmerlich herum. Rose stöhnte. Flora weinte. Andere Auswanderer in der Halle rückten schnell von uns weg und machten einen großen Bogen um uns. Vielleicht war es einer von ihnen, der petzte, zugetraut hätte ich es ihnen. Jedenfalls erschienen Auswanderungsbeamte und steckten meine Mutter und Schwestern in Quarantäne. »Bindehautentzündung«, erklärte der Arzt. Unsere Namen wurden von der Passagierliste gestrichen.

»Niemand mit einer ansteckenden Krankheit darf an Bord«, teilte der Schreiber meinem Vater mit. »Das müssten Sie aber wissen.«

Mein Vater starrte ihn an. »Aber was sollen wir denn jetzt tun?«, sagte er. »Sechs Passagen. Die haben uns alles Geld gekostet, das wir hatten.«

»Sobald es Ihrer Familie besser geht, können Sie die Fahrscheine umtauschen, Herr Treynovsky. Später in der Saison fahren weitere Schiffe nach Kapstadt. Bis dahin«, der Schreiber zeigte auf die überfüllten Bänke, »warten Sie hier.«

»Wie lange?«, fragte mein Vater.

Der Mann zuckte nur die Achseln.

Papa fand für uns ein Plätzchen auf dem Fußboden an der Wand. Schwerfällig setzten wir uns in den Schmutz, mein Vater und ich. Er kaute auf der Unterlippe und starrte vor sich hin. Ich wusste genau, dass wir bloß noch ein paar Mark übrig hatten, kaum genug für das Essen für eine Woche. Es war in meiner kleinen Tasche, zusammen mit den Tickets.

»Papa«, fragte ich, »wann geht's Mama wieder besser?«

Er schreckte hoch. Jedes Mal, wenn ich ihn mit »Papa« anredete, schaute er überrascht. Bei vier Mädchen im Haus hatte er anscheinend öfter Schwierigkeiten, mich einzuordnen. In Wischnew war Papa, soweit ich es verstand, eine Art Händler gewesen – ein Kaufmann, ein Trödler, der immerzu Waren von einer Stadt zur anderen karrte. Nie hatte er die gleichen Sachen auf seinem Wagen: In einer Woche waren es Wasserkessel, dann vielleicht Gurken, dann Schafpelze. Häufig war er wochenlang am Stück unterwegs. Bei meiner Geburt war er nicht da. Und während des Pogroms war er auch weg. Das hat ihm zweifellos das Leben gerettet. Aber wenn meine Eltern, wie so oft, Streit hatten, brüllte meine Mutter, die Stimme voller wütender Vorwürfe: Wäre er zu Hause gewesen, hätte er vielleicht meinen Großvater retten können. Wäre er da gewesen, um uns zu verteidigen, dann wäre unsere Scheune vielleicht nicht niedergebrannt. Wie sie denn ganz allein eine Familie beschützen solle, wollte sie wissen. Überhaupt, behauptete sie oft, wobei sie von Mal zu Mal hysterischer wurde, wäre mein Vater etwas häufiger zu Hause, dann hätte sie vielleicht noch einen weiteren Sohn bekommen statt nur vier nutzloser Töchter. »Schau dich doch um – nichts als vier Mäuler zu stopfen und zu verheiraten«, hatte sie geschrien. »Aber was erwartest du, wenn du kaum da bist? Wie könnte sich da denn noch ein kleiner Junge einnisten?«

Offenbar schon seit dem Tag ihrer Hochzeit hatte meine Mutter einen Groll genährt wie eine umgekehrte Mitgift. Wenn mein Vater ihre Klagelitanei hörte, warf er nur die Hände hoch und seufzte. »Was soll ich denn tun, Tillie? Sehe ich aus wie Gott?«

Als ich nun neben meinem Vater in der Abfertigungshalle saß, war er für mich wie ein Kunstwerk. Noch nie hatte ich ihn am helllichten Tag gesehen und von so nah. Im ganzen Russischen Reich war Papa, so schien es, als äußerst gut aussehender Mann bekannt gewesen. Die Knochen seines Gesichts, das sah ich, waren kräftig und angenehm symmetrisch, die Wimpern lang wie Blütenblätter. Während ich ihn musterte, schien er mit dem ganzen Körper zu atmen. Seine massige, muskulöse Präsenz in dem dunklen Jackett, die dichten, rötlichen Haare, die sich unter seinem Hut hervorlockten, flößten mir Ehrfurcht ein. Mein Papa. Noch nie hatte ich ihn ganz für mich allein gehabt.

Ich zupfte an seinem Mantel. »Papa? Werden Mama und Rose jetzt blind? Und Flora und Bella?«

Er seufzte und schüttelte den Kopf.

»Wie ist es, wenn man blind ist, Papa?«, fragte ich, und die Wörter wurden mir warm im Mund. »Wenn ein Mensch blind ist, kann er dann überhaupt noch essen? Kann er dann noch mit der Gabel essen oder bloß mit den Händen? Darf er Suppe essen?«

Er ließ ein freudloses kleines Lachen hören, faltete sich dann langsam auseinander und stand auf. Seine dunklen, sturmgrauen Augen schossen umher. Papa sei zu ruhelos, das tue ihm gar nicht gut, klagte Mama oft. Ja, sogar am Sabbat-Tisch zappelte er mit den Beinen, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Blieben andere Väter stundenlang über die Tora gebeugt, las Papa nur wenige Minuten darin, dann ließ er es wieder sein und lief hinaus, suchte nach etwas zu reparieren, etwas zum Eintauschen. Anders als die meisten Männer von Wischnew trug er den Bart ganz kurz geschnitten und den Hut keck zurückgeschoben.

Nun streckte er sich, ließ den Blick über das Chaos der Abfertigungshalle voller weinender Säuglinge und scheltender Frauen schweifen und stieß einen langen, leisen Pfiff aus.

»Kindeleh«, sagte er, nicht zu mir, sondern zu der Luft über meinem Kopf, »was meinst du, sollten wir beide nicht mal spazieren gehen?«

Er hielt mir die Hand hin. Die Schwielen waren glatt, wie geschälte Mandeln. »Gehen wir auf Forschungsreise, ja?« Zu meiner großen Freude zwinkerte er mir zu.

Wir zogen los, mein Vater und ich: Er in seinem schwarzen Mantel und der dunklen Untertasse seines Hutes, ich winzig neben ihm, ein Kind, angezogen wie alle Kinder zu jener Zeit, wie kleine Erwachsene in einem langen ausgefransten Rock, einem kleinen handgehäkelten Schal und meinem scheußlichen grauen Mantel.

Zusammen traten wir auf die baumbestandenen Straßen dessen, was damals ein Juwel des Deutschen Reiches war: der drittgrößte Hafen der Welt.

1913 war Hamburg mit Kanälen und schmuckvollen Seecafés durchzogen. Seine feinen Kirchtürme durchbohrten den Himmel wie Hutnadeln. Fachwerkhäuser waren vier Stockwerke hoch, purpurne Geranien fielen gleich Wasserfällen von den geriffelten Fenstern. Ach, welch schöne Verschwendung!

Wir gelangten auf einen Platz: ein Garten, mit schmiedeeisernen Spitzen eingezäunt, ein Brunnen, mit Engeln verziert, ringsum Gebäude mit Arkaden. Natürlich hatte ich so etwas noch nie zuvor gesehen. Papa auch nicht, trotz all seiner Reisen. Bis zu unserer Ankunft in Hamburg hatte keiner aus der Familie auch nur eine Innentoilette gesehen, eine Straßenbahn oder elektrisches Licht. Sogar die Synagoge in unserem Schtetl war nur mit Kerzen und Laternen erhellt gewesen.

Papa und ich standen mitten in der Hamburger Neustadt. »Das ist schon was, hm?«, sagte er und schaute zum Turm des Hamburger Rathauses hinauf.

Den Turm wie eine Kompassnadel im Auge, führte er uns von Straße zu Straße. »Papa, sieh nur.« Wir bestaunten die Schaufenster dieser Konditorei und jener Bäckerei, Geschäfte, in denen Stoff, Seife, Salben verkauft wurden, Regale mit Porzellantellern voller Pfefferminzbonbons und glasierten Früchten. Auf einmal war meine Welt farbig geworden.

Auf einem breiten Boulevard lag ein prachtvoller Eingang. Zu beiden Seiten hingen bunte Bilder. Papa blieb stehen und schob den Hut in den Nacken. »Wer baut denn so was?«, staunte er. Natürlich verstanden wir die Zeichen oder die Sprache über der Markise nicht. Aber Papa und ich, wir begriffen die Lockung, der Anblick wie eine Einladung, die Versuchung, die sie darstellten. Es war später Nachmittag. Unter der Markise war eine gläserne Kabine, die aber unbesetzt war. Eine Glastür wurde von einem Backstein aufgehalten. »Darf ich?«, flüsterte ich.

Papa fasste mich an den Schultern und bugsierte mich hinein.

Wir betraten ein prachtvolles Foyer aus rotem Samt. Hinter einem hohen Vorhang drang Musik hervor. Alles wirkte gedämpft. Zögernd machte ich einen Schritt in den Samt hinein. Wir befanden uns an der Rückseite eines Saals, der so dunkel war wie ein Tunnel; träge weiße Rauchfahnen stiegen auf. An der Wand gegenüber tanzten zwei Leute in wackligem Schwarzweiß, das voller Fussel war; sie waren lebendig und doch wieder nicht – die Kulmination eines langen, hellen Staubstrahls. Ich war gerade alt genug, um zu wissen, dass das, was ich da sah, ein Bild war, aber eben doch keines. Es war völlig mit Licht und Geschwindigkeit belebt. Ich drückte Papas Hand. Eine riesige neue Welt innerhalb einer anderen Welt flackerte vor uns auf. Staunend stand ich da, als zwei Fremde in ganz herrlichen, ungewöhnlichen Kleidern durch Salons voller Sessel mit Schutzdecken, geschwungenen elektrischen Leuchten und einem prachtvollen Flügel tanzten. Eine nymphenartige Dame mit dunklen Lippen und einem schimmernden Kleid schmachtete auf einer Couch. Sogleich wünschte ich, sie zu sein.

Dann senkte sich eine fremde, schwere Hand auf meine Schulter, und ein Mann raunte Papa verärgert etwas zu. Was er da sagte, bedurfte keiner Übersetzung. »Pff!«, lachte mein Vater abschätzig. Doch er nahm meine Hand und zog mich rasch auf die Straße zurück. »Dreckiger scheygitz«, fluchte er und warf seine Zigarettenkippe in den Rinnstein. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass mein Vater rauchte. »Ach, was soll's?« Als er die Kippe mit dem Fuß austrat, zwinkerte er mir mit einem wunderbar verschwörerischen Blick zu. »Wir haben doch einiges gesehen, was, kindeleh?«

Im Auswandererheim beschrieb Papa anderen Männern, was wir gesehen hatten. Da ich zu klein war, um mich allein zu lassen, hatte er mich in den Männerschlafsaal geschmuggelt. Er legte mich auf eine Matte in einer Ecke, wo alle mich auch gleich wieder vergaßen. Es war ein bisschen wie in der Synagoge. Die meisten Männer in dem Raum behielten Hut und yarmulkes auf und beugten sich über ihre Gebetbücher. Einige saßen mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt da. Papa dagegen war ganz hinten im Raum mit einem Klüngel von Freunden, die sich offenbar einen speziellen Club eingerichtet hatten. Ihre Hüte und Jacken waren einfach so hingeschmissen. Fahler Tabakqualm erfüllte die Luft. Die Männer gaben Karten aus und ließen einen Flachmann kreisen. Papa saß auf einem Hocker, Beine breit, Kragen aufgeknöpft, Hemdsärmel hochgekrempelt. Er war viel lebhafter, als ich ihn jemals zu Hause erlebt hatte; gebieterisch, jovial saß er inmitten der Männer wie ein Zar, klatschte anderen auf den Rücken, verteilte Zigaretten, kiebitzte bei allen.

»Was ihr heute gesehen habt, war ein Lichtspiel«, erklärte ein untersetzter Mann. Er hatte pockennarbige Backen, und jedes Mal, wenn er eine Karte auf einen Hocker knallte, bebte das Fleisch seiner Wangen. Die Luft um ihn herum roch nach nasser Wolle, Rauch und fauligen Zwiebeln. Und die Stimmen wurden immer lauter und dröhnender. »Diese Lichtspiele, die kommen aus Amerika.«

»Guck sie dir nur an, Herschel«, sagte ein dürrer Mann und tätschelte meinem Vater den Rücken. »In drei Wochen bin ich selber in einem.«

Papa johlte. »Was?«

Der Dürre setzte nach: »Glaubst du etwa, ich gehe nach Amerika und bleibe weiter Schneider? Dort kannst du alles werden, was du willst.«

»Nach allem, was ich höre, gibt's in Afrika nicht so viele Lichtspiele, Hersch.« Der Pockennarbige grinste. »Was für ein Jude geht schon von Russland nach Afrika, möchte ich mal wissen. Reicht es denn nicht, dass wir schon vierzig Jahre durch die Wüste gezogen sind? Willst du da noch mal vierzig hin?«

»Reichen dir die Kosaken nicht, Hersch?«, flachste ein anderer in einem eingerissenen braunen Mantel.

Mein Vater stand auf, trat seinen Hocker beiseite und winkte den Mann zu sich. »Okay, Yossi, du großer macher.« Papa krempelte sich die Ärmel hoch, hob herausfordernd die Fäuste. »Freunde«, grinste er großzügig, »wer will wetten?«

Die Männer lachten nonchalant. Mein Vater machte einen Satz nach vorn und begann auf Yossi einzuprügeln. Auf einmal wurde laut gebrüllt und gekreischt. Hocker fielen um. Papa drosch einem anderen an den Kopf, dann nahm der Mann in dem braunen Mantel Papa in den Schwitzkasten.

»Papa!«, schrie ich.

Die Männer hielten inne und drehten sich zu mir her.

»Halt! Tut meinem Papa nichts!«, bat ich.

Alle, einschließlich Papa, lachten laut auf. Und ich fing an zu weinen.

»Oy, jetzt habt ihr dem Kind Angst gemacht«, sagte einer. »Na, großartig, ihr beiden.«

Der Mann in dem zerrissenen braunen Mantel ließ Papa los und trat einen Schritt zurück. »Deine Kleine hat dich gerade noch gerettet, Hersch. Du Glückspilz.«

Papa sah mich an. »Wir spielen bloß, kindeleh.«

Tränen liefen mir übers Gesicht. »Papa«, heulte ich. »Ich will nicht, dass du stirbst!«

Er lachte ungläubig auf. »Hier stirbt doch niemand.«

Als ich nicht aufhörte zu weinen, schüttelte er den Kopf. »Ach. Komm mal her.« Ich zögerte, inmitten dieser großen, unansehnlichen Männer zu ihm zu gehen, doch Papa hielt die Hände zu mir ausgestreckt. Er kniete sich hin und wuschelte mir durchs Haar. Seine Umarmung war wunderbar.

Dann winkte er nach dem Flachmann, trank einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

Er packte fest meine rechte Hand. »Mach eine Faust«, befahl er.

Jemand lachte. Die Männer bildeten einen Halbkreis um uns herum. Einige hatten faulige Zähne, einen Atem wie saurer Kohl. Ich versuchte, ihre Blicke zu ignorieren.

»Fester«, wies Papa mich an. »Wie ein Stein. Okay. Gut. Jetzt auch die andere. Sehr gut. Und jetzt halt sie so.« Er stellte mich auf, die Fäuste dicht vor der Brust.

»Tritt mit einem Bein vor, damit du einen besseren Stand hast.« Papa hielt die flache Hand hoch. »Also, wenn ich auf drei zähle, haust du mit deiner Rechten gegen meine Hand. So fest du kannst, ja? Stoß aus der Schulter, nicht aus dem Handgelenk, ja?« Er machte es mir mit seiner Faust vor. »So.«

Ich schaute ihn zweifelnd an, dann meine Faust. »Und das tut auch nicht weh?«

Mein Vater grinste und schüttelte den Kopf. »So fest du kannst.« Der Mann in dem braunen Mantel kicherte. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie meine Faust gegen Papas Hand prallte. Ich versuchte, mich zu erinnern, von der Schulter aus zu stoßen. Ich betete, dass es nicht wehtat. »Eins. Zwei. Drei«, sagte Papa.

Ich boxte so fest ich konnte gegen seine Hand. Es gab ein kleines Klatschgeräusch. »Ai«, sagte einer, obwohl der Hieb bei meinem Vater offenbar keinerlei Wirkung zeigte.

»Noch mal«, befahl Papa. »Fester.«

»Was machst du denn da, Hersch?«

»Still«, sagte Papa. »Warum soll sie das denn nicht wissen? Noch mal.«

Ich boxte erneut.

»Fester.« Papa hielt die andere Hand hoch. »Nun schlag mit der Linken.«

Ich schlug mit der Linken.

»Jetzt mir der Rechten.«

Ich schlug mit der Rechten. Bei jedem Schlag wurde das Geräusch ein bisschen lauter.

Bald skandierten zwei Männer mit Papa mit – »Rechts! Links! Rechts! Links! Rechts!« –, und ich boxte gegen Papas Hand, so schnell und fest ich nur konnte. Mir wurde heiß im Gesicht, und ich kochte in meinem Mantel, aber ich schlug weiter. Ich fühlte mich stark. Ich fühlte mich groß. So als würden meine Arme selbst zu kleinen Hämmern anschwellen. Bei jedem Schlag grinste mein Vater mich an, als lieferten meine Fäuste ihm Sauerstoff, der sein inneres Licht heller brennen ließ. »Mein Mädchen«, lachte er. Die Aufmerksamkeit: Sie fühlte sich an wie flüssige Liebe, wie Äpfel und Honig, die mich überschütteten. Einige der Männer lehnten sich träge zurück, sahen zu und ließen den Flachmann kreisen.

»Gutes Ding, wie? Herschel hat sich da ein kleines Kampf-maideleh besorgt.«

»Hersch, die ist ein Naturtalent.«

»Nicht wie ihr Vater!«, blökte jemand.

»Gib ihr mal ein paar Jahre«, gluckste Papa. »Dann hat sie euch Schwachköpfe alle in den Seilen!« Dabei grinste er die Männer an. Einen kurzen Moment lang vergaß er, die Hand oben zu halten. Meine Faust landete klatschend auf seinem Kiefer!

»Aua!«, schrie er. Oh, wie ich mich schämte. Doch die Männer kicherten. Papa rappelte sich auf und reckte meinen kleinen Arm in die Luft. »Okay. Genug.« Er trank einen Schluck aus dem Flachmann. »Wer will eine Wette setzen?« Er drückte mich fest an sich. Sein Atem roch süß und rauchig. »Wer will als Nächster gegen sie antreten?«

Er schwang mich über die Schulter. Der Raum drehte sich in Farben und Lärm.

»Geh mit ihr nach Amerika, Hersch«, sagte jemand. »Steck sie in die Lichtspiele, die du gesehen hast.«

»Nee, wenn du nach Afrika gehst, behalt sie bei dir. Du wirst sie brauchen, Hersch. Als Schutz.«

Am nächsten Morgen war Papa seltsam still. Im Speisesaal saßen alle Auswanderer an einem Tisch. Als Frühstück bekamen wir einen Brocken Brot. Ein Kind wie ich bekam auch noch einen halben Becher warme Milch. Papa und ich drückten uns in die wacklige Bank.

»Ach, die Straßen in Amerika«, sagte jemand aufgeregt. »Mein Schwager schreibt, dass man so was noch nie gesehen hat. Und schimmernde goldene Türme, die bis zum Himmel reichen, ausgeschmückt wie Tora-Rollen!«

»Es heißt, auf den Plätzen gibt's Brunnen, von denen man trinken kann – nicht bloß Wasser, sondern Milch!«

»Jeden Tag essen die Leute in Amerika große Töpfe voll Rindfleisch, das mit Möhren und Dill in einer Brühe gekocht ist.«

Weder Papa noch ich sagten etwas. Kauend musste ich immerzu an die Frau in dem dunklen, glitzernden Kleid denken, die ich auf der Wand hatte tanzen sehen, und stellte mir vor, dass ich sie wäre. Ich dachte an die Geschäfte, an denen wir vorbeigekommen waren, die voller Porzellan und Seide waren, an die Apotheken mit den schimmernden Gläsern voller Pfefferminzbonbons und Haarpomade, das rote Samttheater mit den filigranen Balustraden und der vergoldeten Tür. Dann dachte ich daran, wie Mama und Papa und meine drei Schwestern und ich vierzig Jahre lang in der Wüste herumwanderten.

Papa beachtete mich kaum. Er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und schaute sich abwesend um. Kaum hatte ich meine Milch ausgetrunken, nahm er mir den Blechbecher aus der Hand und stellte ihn brüsk auf den Tisch. »Bleib hier und benimm dich«, befahl er. »Papa ist gleich wieder da.«

Aus »gleich wieder da« wurden drei Stunden, dann vier. Ich spielte mit ein paar anderen Kindern im Hof, bis deren Mütter merkten, dass ich das kleine Mädchen war, dessen Familie in Quarantäne war. Dann setzte ich mich auf eine Bank und sang vor mich hin. Ich dichtete ein Lied, das »Ich warte auf der Bank« hieß. Als Papa zurückkehrte, war es schon fast Zeit fürs Abendessen.

Am nächsten Tag war es genauso und am übernächsten auch. Ich wurde unruhig. Unleidlich.

Schließlich sagte Papa nach dem Frühstück zu mir: »Heute kommst du mit mir auf einen anderen Spaziergang, ja? Ich hab was zu erledigen.«

Als wir wieder auf Hamburgs majestätische Straßen traten, ging er so schnell, als hätte er vergessen, dass ich bei ihm war. Ich hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Ein paarmal stolperte ich in meinen abgetragenen, schlecht sitzenden Schuhen. Während wir so dahinhasteten, blickte Papa in die Schaufenster und immer wieder auch auf einen Zettel, den er in der Hand hielt. Ich hatte kaum Zeit, mir die Drogerie, die Fleischerei, die Bäckerei anzusehen. Als wir an dem Laden mit dem Fenster voller Pfefferminzbonbons vorbeikamen, bat ich ihn anzuhalten.

»Dazu haben wir keine Zeit«, blaffte er. Aber dann überlegte er es sich. Er wirbelte herum, kniete sich hin und sah mir in die Augen. »Malka. Möchtest du gern was Süßes zu beißen haben?«

Diese Aussicht war so verlockend, ich konnte nur einen Mund voll Luft schlucken.

Wir betraten das Geschäft wie einen Tempel. Die Luft war von einer gebackenen, buttrigen Süße erfüllt, sodass mir von der Köstlichkeit ganz schwummrig wurde. Über die ganze Länge des Geschäfts erstreckte sich ein schmuckvoller Glastresen. Auf silbernen Tabletts waren ganze Haufen von Kleinodien aus Schokolade ausgestellt. In einigen nestelten Walnüsse, andere waren zu dekorativen Kameen, Ovalen und schimmernden, abgeschrägten Vierecken geformt. Es gab bebende Halbmonde aus leuchtend rotem, grünem und orangenem Gelee, das von Zucker glitzerte, daneben kleine glasierte, rosa und braune Kuchen mit feinen Schichten aus Marmelade. Ich war verzaubert. Die Frau hinterm Ladentisch beäugte uns mit schmalen Augen.

»Was möchtest du denn gern haben, kindeleh?«, fragte mein Vater.

Mein Blick wanderte von der Auslage zu Papa. »Ich kann alles haben?« Die Verkäuferin schniefte hörbar, der Mund eine einzige Missbilligung.

»Alles.« Ostentativ ignorierte Papa die Frau. »Such dir was aus.«

Die Entscheidung war eine köstliche Qual. Meine Finger strichen von einer Konfektion zur anderen. Endlich, fast schwindelig von der Auswahl – zudem spürte ich Papas wachsende Ungeduld –, entschied ich mich für das größte Stück, das ich sah, einen dunkelbraunen, geflochtenen Klotz. Papa hob den Finger und nickte der Frau zu.

Mit einer silbernen Zange hob sie den Klotz aus dem Karton und wickelte ihn raschelnd in hauchdünnes weißes Papier. Erst dann, als sie zu einer schmuckvollen Maschine am Ende des Ladentischs ging, mehrere Tasten drückte und »fünf« verkündete, fiel mir ein, dass wir ja auch bezahlen mussten.

Bevor ich Papa fragen konnte, was wir nun tun sollten, kniete er sich hin, zog seinen zerschlissenen Schuh aus und zupfte einen feuchten Schein aus der Innensohle. Er reichte der Frau das Geld, als wäre es das Normalste auf der Welt. Sie wiederum gab ihm den kleinen Block und eine Hand voll Münzen, obwohl die Blicke, die sie ihm zuschoss, wie Kugeln waren.

»Komm, kindeleh«, sagte Papa schnell.

Während er mich aus dem Geschäft schob, fragte ich ihn: »Papa, hast du denn mehr Geld gefunden?«

»Dein Papa findet immer mehr Geld«, sagte er stolz. »Solange es Karten gibt.« Er wickelte den Schokoladenblock aus und reichte ihn mir. »Nun iss.«

Die Hülle war dünn, und als ich hineinbiss, brach die Schale. Süße rote Marmelade sickerte heraus und klebte am Gaumen fest. Ich hatte keine Ahnung, was ich da aß, aber es war wie ein Wunder. Und ich hatte solchen Hunger.

Einen Augenblick lang schaute Papa zu mir herunter. Dann räusperte er sich.

»Also, du und ich, Malka, wir haben jetzt ein paar Geheimnisse, was?« Er grinste.

»Ja, Papa.« Mein Mund war voll, aber ich nickte heftig. Mir war nicht verborgen geblieben, dass nur ich mit ihm durch Hamburgs Straßen hatte gehen dürfen. Nur ich im Männerschlafsaal hatte schlafen dürfen, eingemummt in seinen Mantel. Nur mir hatte er gezeigt, wie man einen Schlag austeilt, nur ich hatte eine Süßigkeit bekommen – keine meiner Schwestern. Und jetzt das Geld in Papas Schuh: Ich spürte, dass auch das ein Geheimnis war. Ich fühlte mich wie gesalbt.

Aber dann erinnerte ich mich, wie meine Mutter Bella und Rose ausgeschimpft hatte, weil sie bei Tisch geflüstert hatten.

»Mama sagt, Geheimnisse sind schlecht«, sagte ich. »Sie sagt, wenn man etwas nicht jedem sagen kann, soll man es vielleicht gar nicht sagen.«

Papa runzelte die Stirn, er schien sorgfältig zu überlegen. »Stimmt. Aber kindeleh, sagt dir Mama nicht auch manchmal, dass es besser ist, manche Sachen für sich zu behalten? Dass gute kleine Mädchen still sein sollten, wenn sie gefragt werden?«

Ich dachte darüber nach. Langsam nickte ich. Wie sehr ich ihm zustimmen, mir das Gefühl, ausgezeichnet worden zu sein, bewahren wollte. »Sie sagt, ich bin nicht sehr still. Sie sagt, dass mein Mundwerk uns nichts als tsuris einbringen wird.«

Mein Vater warf den Kopf zurück und lachte. »Na gut. Können wir uns vielleicht darauf einigen, dass du bei mir, deinem Papa, ein sehr gutes kleines Mädchen werden wirst? Dass du dich ganz besonders anstrengst und alle unsere Geheimnisse für dich behältst?«

Er drückte mir die Hand. Ich hatte meine Schokolade aufgegessen, und dass das Wunder vorbei war, bedrückte mich ein bisschen. Aber im Schein seiner Aufmerksamkeit, oh, da blühte ich auf. »Ja, Papa«, sagte ich.

Wir gingen an Speichern vorbei zum Fluss. Auf einmal blieb Papa stehen und schaute auf den Hafen: »Weißt du denn, was ein shmendrik ist, Malka?« Doch er wartete meine Antwort gar nicht ab. »Manchmal«, stieß er aus, »muss ein Mensch selbständig denken.«

In einer zugigen Halle am Pier saßen Männer hinter kleinen vergitterten Fenstern und spießten Papierstücke auf Spindeln. Der Raum war viel größer als das Auffanglager, aber fast ebenso chaotisch. Eine Wand voller Bilder von Schiffen mit verschiedenfarbigen Fahnen erstreckte sich hinter ihnen. Papa schaute auf den Zettel in seiner Hand und schritt dann auf eine Schlange zu. »Ich muss hier etwas Wichtiges erledigen«, sagte er. »Bleib dicht bei mir.«

Wir warteten. Und warteten. Das konnte ich inzwischen richtig gut. »Wichtiges erledigen« war zu jener Zeit nur etwas für erwachsene Männer und daher nicht interessant. Ich sang vor mich hin und stellte mir vor, wie ich in einem Glitzerkleid tanzte. Als diese kleine Fantasie erschöpft war, dachte ich mir ein Spiel aus, bei dem ich in Gedanken aus den Bodenfliesen Muster bildete und mit den Zehen darauf tippte. Als wir schließlich fast ganz vorn in der Schlange angekommen waren, kniete mein Vater sich vor mich hin. Seine dunklen Augen waren genau auf einer Höhe mit meinen.

»Also, kindeleh, jetzt musst du mir einen großen Gefallen tun.« Ganz vorsichtig knöpfte er mir den Mantel auf. Er fuhr mit der Hand über den Ärmel und tastete nach der Geheimtasche.

Ich stieß einen kleinen Schrei aus.

Doch Papa lächelte mich intensiv an. »Warum der Lärm, kindeleh?«, sagte er sanft. »Waren wir uns nicht einig, dass du ein gutes Mädchen wirst?«

Er lächelte mich so sehr an, dass es aussah, als würde gleich sein Gesicht auseinanderbrechen.

»Aber Mama …«

»Ist ja gut.« Er schaute sich in dem Raum um. »Mama ist krank, ja? Sie ist in Quarantäne, stimmt's? Also, ich muss die Tickets umtauschen. Die für Südafrika sind nicht mehr gültig. Deshalb möchte ich das als unser Geheimnis machen. Als Überraschung. Damit es ihr dann wieder besser geht.«

»Als Überraschung?«

Papa nickte energisch, nahm mein Gesicht fest zwischen seine Hände, als wollte er mich beruhigen, und drückte mir einen heftigen Kuss auf die Stirn. Dann hantierte er rasch mit meinen Mantelknöpfen.

Mir zitterten die Lippen. »Papa, nein!«, schrie ich und trat einen Schritt zurück. »Nein! Halt! Ich will nicht! Zwing mich nicht!«

Er funkelte mich an. »Sch, sch!«, spuckte er förmlich aus, und sein Gesicht wurde rot. »Hör mir zu, Malka!«

Aber ich konnte nicht anders. Ich stampfte mit den Füßen, schlug um mich, zappelte und schrie: »Ich will nicht vierzig Jahre in der Wüste wandern. Ich will nicht ganz nach unten auf der Karte!«, heulte ich. »Ich will nicht nach Afrika! Ich will nach Amerika! Ich will beim Lichtspiel sein!«

Mein Vater erstarrte. Einen Augenblick lang glaubte ich, er werde mir eine solche Abreibung verpassen, wie ich sie nie erlebt hatte. Aber stattdessen betrachtete er mich mit einem immer freudigeren Erstaunen.

»Ach ja, kindeleh?«, sagte er. »Na dann.«

Er atmete aus, wuschelte mir durch die Haare und zog mich an sich. Er gab mir einen weiteren lauten Kuss auf die Stirn. »Dann sieht es wohl so aus«, flüsterte er, »dass wir beide, du und ich, genau das jetzt tun.«

Tagelang brannten die neuen Tickets wie sechs kleine Kohlen in der Geheimtasche meines Mantels. Oh, wie sehr ich es Mama sagen wollte! Kaum waren sie und meine Schwestern aus der Quarantäne entlassen, wurde es zur Qual. Jeden Abend lag ich neben ihnen und stellte mir Mamas Entzücken vor, wenn wir das Schiff bestiegen und Papa und ich verkündeten, wir würden nach Amerika fahren. Ich zitterte vor Erregung – oh, es würde wie Purim sein! Ich glaubte nicht, dass ich es für mich behalten könnte, aber jedes Mal, wenn ich Papa ansah, blinzelte er mir auf diese ganz spezielle Weise zu und legte einen Finger an die Lippen. Selbst wenn ich auch nur die kleinste Andeutung machte, warnte er mich, würde das die Überraschung vollkommen zunichtemachen.

Und so trug ich meinen grauen Mantel weiterhin den ganzen Tag und auch noch nachts im Bett. Verdacht erregten dann aber nicht meine Worte, sondern mein Schweigen. »Was ist denn mit dir? Du bist zu still«, sagte Mama eines Abends stirnrunzelnd und legte mir den Handrücken auf die Stirn. »Sag mir bloß nicht, du wirst jetzt krank. Das hätte uns gerade noch gefehlt.«

Als Mama Papa fragte, ob sie nicht die alten Tickets nach Kapstadt gegen Passagierscheine für den nächsten Dampfer nach Afrika einwechseln sollten, erklärte er ihr, dass er das inzwischen schon getan habe. Eine schreckliche Sekunde lang schaute Mama ihn finster an.

»Oh«, sagte sie knapp. »Und was hat dich das gekostet? Wahrscheinlich hast du dafür auch noch den Rest des Geldes ausgegeben, was?«

Papa sah sie tief verletzt an. »Wie? Du traust deinem eigenen Mann keinen simplen Tausch zu? Das Zwischendeck auf einem Schiff kostet genauso viel wie auf einem anderen, Tillie.«

Er habe nichts von den restlichen Mark angerührt, beharrte er, außer natürlich, um etwas zu essen zu kaufen. Und wenn sie ihm nicht glaube, so helfe ihm Gott, könne sie ja selbst nachsehen. »Malka«, rief Papa und winkte mich zu sich. »Bitte. Zieh den Mantel aus. Zeig Mama das Geld, das wir noch haben.«

Als er das sagte, wirkte mein Vater wie die Ruhe selbst – so sehr, dass ich mich einen Augenblick lang fragte, ob er die neuen Tickets ganz vergessen hatte. Mein Herz hämmerte wie wild. Aber noch bevor ich den ersten Knopf lösen konnte, wedelte Mama mich weg.

»Gut, schön, ich glaub's dir«, sagte sie verdrießlich.

Aber ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Meine Mutter, die konnte nämlich vieles überleben: Sie hatte sieben Kinder bekommen, die man ihr auf einer Jutematratze im Schein der zuckenden Flamme einer Kerosinlampe aus den Lenden gezerrt hatte – zwei der Babys tot geboren –, und beim letzten, bei mir, wäre sie fast verblutet. Sie konnte die Kartoffelfelder pflügen, die hart wie eine Faust blieben und das ganze Jahr kaum Früchte trugen. Sie wusste Soldaten zu bestechen, damit mein Bruder Samuel ein weiteres Jahr nicht in die russische Armee musste, nur dass er dann an Grippe starb. Sie konnte mich nach dem Pogrom gebären, von dem mein Vater beharrlich behauptet hatte, er werde nie eintreten, und in dem sie mit ansehen musste, wie ihr Vater totgeschlagen wurde, wie ihm Blut und Zähne wie Wasser aus dem Mund spritzten, als zwei Soldaten ihn, der sich auf dem Boden krümmte, mit ihren Gewehrkolben bearbeiteten und die Menge draußen unsere erbärmliche Scheune ansteckte und johlte, während Mutter sich mit meinen vor Schreck starren Geschwistern im Hühnerstall eines Nachbarn versteckte. Sie konnte meinem Vater helfen, gefälschte Papiere zu besorgen, und sie überstand die nächtliche Fahrt, an gefährlichen Kontrollpunkten vorbei, versteckt auf einem Wagen unter einem Haufen faulender Kohlköpfe, die Hand auf meinen kleinen Mund gepresst. Sie konnte fromm dreinschauen, dann wieder kokett, dann

2. KAPITEL

In den unzähligen Interviews, die ich in all den Jahren gegeben habe, habe ich oft erzählt, wie es war, zum ersten Mal die Freiheitsstatue zu sehen. Ich, ein hungriges kleines russisches Mädchen, stand in der Menge an Deck, elend, zitternd, todtraurig. Und dann erschien auf einmal die Statue vor uns wie eine minzgrüne Göttin, die sich aus dem Meer erhebt, eine moderne Venus auf der Muschelschale. Immer habe ich beschrieben, wie mich in dem Moment ein Glücksgefühl durchfuhr, wie ich hinzeigte und auf und ab sprang und schrie: »Mama, Papa – da ist sie!« Weil sie da wie ein Wachposten vor dem New Yorker Hafen stand, dachte ich, die Freiheitsfrau sei eine Art amerikanischer Engel. Noch Monate nach unserer Ankunft in New York, so habe ich den Reportern gestanden, hatte ich jeden Abend richtiggehend zu der Freiheitsstatue gebetet.

Und die Medien, ach, die mochten diese Geschichte! Noch heute zitieren sie sie hin und wieder.

Auch unsere Kunden mochten sie – besonders, wenn ich ihnen erzählte, dass sie uns zu unserem ersten richtigen Logo angeregt hatte: die Freiheitsstatue, die statt der Fackel eine rot-weiß-blaue Eistüte in die Luft reckt. Wir hatten es kurz vor dem Krieg entwickelt und dafür natürlich dieses Erlebnis aus meiner Kindheit benutzt. Heute kopieren es alle. Ich kann euch gar nicht sagen, wie viele verdammte Male ich wegen Verletzung des Markenzeichens schon vor Gericht gezogen bin.

Denn – und das kann ich euch auch gleich sagen, meine Schätzchen –, was sonst habe ich noch zu verlieren?

In Wahrheit erinnere ich mich aber gar nicht, die Freiheitsstatue überhaupt gesehen zu haben. Klar, wir müssen daran vorbeigefahren sein. Aber damals war ich ganz durcheinander. Und ich war ja so klein. Nur zwei Details habe ich noch klar vor Augen, nämlich dass neben mir ein Mann hemmungslos weinte – was ich peinlich fand – und dass Flora in der Aufregung ihren Hut verlor.

Doch mein erster legendärer Blick auf die Freiheitsstatue?

Verklagt mich doch: Ich habe ihn erfunden.

Für meinen Enkel Jason ist 1913 »die alte Zeit«. Aber in dem Jahr, als meine Familie nach Amerika kam, gab es in New York schon die ersten Wolkenkratzer, die ersten klapprigen Autos, die ersten U-Bahnlinien, genauer gesagt die Interborough Rapid Transit, die unterm Broadway verlief. Schon damals war die Stadt ein großes, hämmerndes Betonherz.

1913 war auch das Jahr, in dem der sechzehnte Zusatz zur amerikanischen Verfassung verabschiedet wurde, die Grundlage der Einkommenssteuer. Natürlich hätte ich damals unmöglich wissen können, dass eben dieser Teil der Gesetzgebung siebzig Jahre später dazu benutzt wurde, mich zu schikanieren – zu Unrecht, wie ich doch betonen möchte. Es war das Jahr, in dem Henry Ford das Fließband perfektionierte. Und es war, auch das muss wohl gesagt werden, das Jahr, in dem Al Smith, der Gouverneur des Staates New York, einen ganzen Stapel Arbeitsgesetze durchdrückte. Die bewahrten Flora und mich wahrscheinlich vor der gefährlichsten Kinderarbeit in der Fabrik, später gingen sie mir allerdings doch ziemlich auf die Nerven. Ich bitte euch: Ein Teenager soll keinen Milchshake servieren können?

Das Wichtigste aber war, dass 1913 der erste beständige Gefriervorgang patentiert wurde. Und so konnte Eiscreme schon bald massenhaft auf industrieller Basis hergestellt werden. Er kam fast zur selben Zeit nach New York wie ich.

Wie ihr seht, meine Schätzchen, fanden die Schicksale da schon zusammen.

1913 existierten auch schon zahlreiche Hilfsdienste, um die Einwanderer nach der Ankunft in New York zu unterstützen. Offenbar hatte jede ethnische Gruppe ihre jeweilige Version des Welcome Wagon, ein kleiner Tross aus Dolmetschern, Anwälten und Sozialarbeitern, der uns Ahnungslose gleich auf Ellis Island begrüßte. Als meine Familie vom Schiff wankte, wartete schon die Hebrew Aid Society auf uns. Frauen in Röcken und ausladenden Blusen mit einer marineblauen Schleife um den Hals. Männer mit Schnauzbart in Tweedjacke und Melone mit einem Klemmbrett – und alle sahen so modern aus, so reich und sauber! Das sollten Juden sein?

Sie standen im Ankunftsbereich und hielten Schilder auf Jiddisch hoch, und sie brachten uns vor eine Phalanx von Ärzten. Man zerrte an mir, hob mir das Hemd hoch. Ein Mann drückte mir eine kalte Metallscheibe auf die Brust. Man zog mir mit einem Knopfhaken die Lider hoch, um festzustellen, ob ich ein Trachom hatte. Beamte schritten durch die Reihen und malten manchen Leuten ein Kreidezeichen auf die Jacke. Ich überlegte noch, ob das etwas Gutes war, ob es gar Glück bedeutete, bis ich die Frauen kreischen, jammern, flehen hörte.

In einem kalten, unwirtlichen Raum befragten Beamte unsere Eltern: ob sie schon eine Arbeitsstelle hätten, Verwandte, marktfähige Kenntnisse. Meine Mutter durchlöcherte meinen Vater mit bösen Blicken. Die jüdischen Vertreter in ihren schicken amerikanischen Sachen eilten herbei. Ihre Vereinigung werde uns die Einreisegebühr von 25 Dollar vorstrecken, erklärten sie. Gewiss würden zwei Leute mit solchen Kenntnissen wie meine Eltern rasch Arbeit finden. Und sie könnten uns auch Referenzen besorgen. Eine der Sozialarbeiterinnen nahm Flora auf die Arme und kniff sie sanft in die Wange. »Diese Kinder, alle vier, sind gesund und kräftig.«

Erstaunlich, dass niemand merkte, wie unsere Eltern einander anschwiegen. Aber den meisten Einwanderern schien es bei der Ankunft die Sprache verschlagen zu haben. Sagte jemand etwas zu ihnen, nickten sie einfach nur. Es war fast egal, ob jemand für sie dolmetschte oder nicht. Ein Paar, erinnere ich mich, stand vor einem Gesundheitsinspektor und nickte nur zu allem, was er sagte. Kaum waren sie dann entlassen, fragte die Frau ihren Mann: »Was hat er gesagt, Yankel?« Und der Mann sah sie bestürzt an. »Ich habe keine Ahnung, Bessie. Ich dachte, du wüsstest es.«

Nachdem unsere Familie gründlich untersucht und überprüft worden war und schließlich den Einreisestempel erhalten hatte, ganz wie koscheres Fleisch, wurden wir heftig mit einem Pulver aus einer Dose »entlaust«. Dann zogen die Leute von der Hebräischen Einwandererhilfe Mutter, Bella und Rose hinter einen Vorhang.

Heute trägt jeder die gleichen schmattes: Jeans, T-Shirts, diese grässlichen Trainingshosen. Mein Enkel Jason ist das beste Beispiel, seine Vorstellung von Mode ist es, T-Shirts zu zerreißen und sie mit Sicherheitsnadeln wieder zusammenzustecken. »Weißt du, du könntest dir eine Menge Zeit sparen«, sage ich zu ihm, »wenn du sie gar nicht erst zerreißt.« Ich weiß, ich weiß: Es ist halt ein »Look«. Er macht ein »Statement«, wie er das nennt. Aber damals in Europa hatten wir alle einen Look. Wir alle machten ein Statement – ob wir wollten oder nicht. Die Kleidung war wie ein Ausweis. Man sah sofort, ob einer aus Bayern, aus Schlesien oder Galizien kam, schon an der Verzierung des Mieders oder dem Schnitt des Überziehers. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Stil. Und in jedem Fall konnte man Juden von allen anderen unterscheiden.

Bevor unsere Familie Amerika überhaupt betreten durfte, verpasste man meiner Mutter und meinen älteren Schwestern eine moderne Frisur. Ihre zerlumpten, verdreckten Kleider aus dem alten Land wurden entsorgt und durch gebrauchte »amerikanische« ersetzt. Flora bekam, vielleicht weil sie die Hübscheste war, ein Strohhütchen mit Filzveilchen an der Krempe. Und dann versuchte eine gut riechende Frau in einer gestreiften Bluse, mir meinen grauen Mantel auszuziehen.

»Gib mir den mal, kindeleh«, sagte sie sanft und wollte ihn mir aufknöpfen. »Hier ist es Frühling und schon ganz warm. Wir haben jetzt was Besseres für dich.«

»Neeeiiin!«, brüllte ich, so laut ich konnte. Es war das geschrei, das ich seit Wischnew geübt hatte, das geschrei, das die Kosaken vertreiben sollte. Es prallte von den Wänden des Ankunftsraums und hallte durch die gefliesten Gewölbe der riesigen Registrierhalle.

Meine Mutter funkelte mich wütend an. »Aha, jetzt schreist du also? Jetzt hörst du endlich auf mich?«

Diese Worte waren die ersten, die sie nach achtzehn Tagen mit mir sprach. Denn wisst ihr, meine Schätzchen, und vermutlich wird das niemanden überraschen, Mama war nicht im mindesten erfreut, als sie merkte, dass sich unser Plan geändert hatte.

In meiner Vorstellung hätte Mama erst lange nach der Abfahrt erfahren sollen, dass wir die Tickets getauscht hatten. Wir wären auf dem offenen Meer und würden in einem der großen Salons speisen, die in den Broschüren der Reedereien abgebildet waren. Papa würde zu Mama sagen: »Malka hat eine wunderbare Überraschung für uns.« Und dann würde ich verkünden, dass wir nicht auf dem Weg nach Kapstadt, sondern nach Amerika seien. Und dann würden Papa und ich alles beschreiben, was uns erwarten würde, alles, was wir in dem Lichtspiel und in Hamburgs Straßen gesehen hatten. Wir würden Mama, Bella, Flora und Rose erzählen, dass wir in Amerika in einem prachtvollen Saal mit Sesseln und elektrischen Lichtern tanzen würden – so prachtvoll gekleidet wie Königin Esther – und mit der Straßenbahn fahren und großartige Schokolade essen würden und Papa vom Gold reich werden würde. Und wenn Mama das hören würde, wäre sie überglücklich, da war ich mir sicher. Sie wäre außer sich vor Dankbarkeit und Erleichterung. Dieses Szenario hatte ich mir so viele Male im Kopf ausgemalt, dass ich es schon im Schlaf durchspielen konnte – alle Rollen –, bis hin zum verzückten Applaus meiner Schwestern am Ende.

Doch Papa hatte nicht bedacht, dass das Schiff, mit dem wir nach Amerika fahren sollten, SS Amerika hieß. Als wir am Morgen unserer Abfahrt am Pier erschienen, brüllten Matrosen durch Megafone zu uns herab: »Alle Passagiere der Amerika hier anstellen!« Um uns herum drängten sich die Leute an die Absperrungen, schwenkten amerikanische Fähnchen und jubelten. Eine Blechkapelle spielte »Yankee Doodle« und »Hail Columbia«. Meine Mutter war ja nicht dumm. »Herschel«, schrie sie durch den Lärm, »wir stehen in der falschen Schlange!«

Sie wirbelte hektisch herum, hielt nach einem Beamten Ausschau, der die Lage klären konnte. Mein Vater beschäftigte sich mit unseren Bündeln und tat, als hörte er sie nicht.

»Herschel!«, schrie sie.

Und da konnte ich mich nicht mehr beherrschen. »Nein, Mama! Das ist die richtige Schlange! Es ist die richtige, Mama! Wir fahren nach Amerika!« Ich hüpfte auf und nieder. »Papa und ich, wir haben die Tickets getauscht!«

Mama erstarrte. Sie schaute uns mit einem schockierten, vernichtenden Blick an, als hätte sie gerade erkannt, dass sie erschossen worden war. Reflexartig fasste sie sich an die Brust. Meine Schwester Flora neben ihr zupfte besorgt an ihrem Rock, doch Mama stieß sie weg.

»Was?«, rief sie. »Herschel, stimmt das?«

Mein Vater ordnete weiter unsere Bündel. Ohne sie anzusehen, packte er drei auf einmal, drehte sie kräftig und warf sie sich über die Schulter. »Amerika ist doch besser, Tillie. Hyram ist ein schlemiel.«

Meine Mutter stieß einen Schrei bloßen Entsetzens aus.

»Was?«, fragte Bella. »Wir fahren nicht nach Kapstadt?«

»Wir fahren dafür nach Amerika?«, wunderte sich auch Rose. »Aber auf der Krankenstation haben sie uns doch Chinin gegeben!«