Die Königin der Schatten - Erika Johansen - E-Book

Die Königin der Schatten E-Book

Erika Johansen

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Beschreibung

Als Kelsea Glynn an ihrem neunzehnten Geburtstag den Thron des magischen Königreiches Tearling besteigt, tritt sie ein schweres Erbe an: Die mächtige Herrscherin des Nachbarlandes Mortmesne bedroht Tearling, das eigene Volk begegnet ihr mit Misstrauen, und an ihrem Hof findet sie einen Sumpf von Machtgier, Lügen und Intrigen vor. Kelsea weiß, sie darf sich keinen einzigen Fehler erlauben, wenn sie überleben will. Sie wird all ihren Mut, ihre Klugheit und Stärke brauchen, um eine wahre Königin zu werden – die legendäre Königin von Tearling . . .

Neunzehn Jahre lang führte die junge Prinzessin Kelsea Glynn ein abgeschiedenes Leben in der Obhut ihrer Pflegeeltern. Nun ist der Tag gekommen, an dem sie von der Leibwache ihrer verstorbenen Mutter an den Königshof zurückeskortiert wird, um die Herrschaft über das magische Königreich Tearling anzutreten. Doch Tearling ist ein armes Land, ständig bedroht von seinem mächtigen Nachbarn Mortmesne. Um ihre Herrschaft zu sichern, schloss Kelseas Mutter einst einen verhängnisvollen Pakt. Einen Pakt, dessen Konsequenzen Kelsea nun zu spüren bekommt, denn es trachtet ihr nicht nur die Rote Königin von Mortmesne nach dem Leben, auch ihr Hofstaat, schlimmer noch, ihr eigenes Volk misstraut ihr. Nur wenn sie einen Weg zu ihrem magischen Erbe findet, kann Kelsea ihre Untertanen vor Mortmesne schützen. Falls sie lange genug auf dem Thron sitzt. Falls sie lange genug überlebt . . .

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Seitenzahl: 725

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Das Buch

Der Thron wartet auf seine Königin, falls sie lange genug lebt, um ihn zu besteigen …

Neunzehn Jahre lang führte die junge Prinzessin Kelsea Glynn ein abgeschiedenes Leben in der Obhut ihrer Pflegeeltern. Nun ist der Tag gekommen, an dem sie von der Leibwache ihrer verstorbenen Mutter an den Königshof zurückeskortiert wird, um die Herrschaft über das magische Königreich Tearling anzutreten. Doch Tearling ist ein armes Land, ständig bedroht von seinem mächtigen Nachbarn Mortmesne. Um ihre Herrschaft zu sichern, schloss Kelseas Mutter einst einen verhängnisvollen Pakt. Einen Pakt, dessen Konsequenzen Kelsea nun zu spüren bekommt, denn es trachtet ihr nicht nur die Rote Königin von Mortmesne nach dem Leben, auch ihr Hofstaat, schlimmer noch, ihr eigenes Volk misstraut ihr! Nur wenn sie einen Weg zu ihrem magischen Erbe findet, kann Kelsea ihre Untertanen vor Mortmesne schützen. Falls sie lange genug auf dem Thron sitzt. Falls sie lange genug überlebt …

»Ein unglaubliches Abenteuer, das einen nicht mehr loslässt.«

USA Today

»Erika Johansen hat eine wunderbare Welt erschaffen!«

Bernard Cromwell

»Im Schatten der Königin ist ein absoluter Pageturner.«

Publishers Weekly

»Dieses hochunterhaltsame Debüt ist das Highlight des Jahres!«

Wall Street Journal

Die Autorin

Erika Johansen lebt in der San Francisco Bay Area, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie besuchte das Swarthmore College und wurde Anwältin. Zusätzlich absolvierte sie den renommierten Iowa Writer’s Workshop. Eine Rede Barack Obamas über die Freiheit inspirierte sie zu ihrem Debütroman Die Königin der Schatten.

Erika Johansen

DIE KÖNIGIN DER SCHATTEN

Roman

Aus dem Amerikanischen vonKathrin Wolf

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

THE QUEEN OF THE TEARLING

bei HarperCollins Publishers, New York.

Copyright © 2014 by Erika Johansen

Copyright © 2015 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Martina Vogl

Cover: Eisele Grafik Design, München,nach einer Vorlage von Erwin Serrano;Fotos: © Rolf Weschke/Getty Images; maga/shutterstock

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, Münchene-ISBN 978-3-641-16387-7www.heyne.de

Für Christian und Katie

ERSTES BUCH

1Das zehnte Pferd

»DIE GLYNN-KÖNIGIN – Kelsea Raleigh Glynn, siebte Königin von Tearling, auch bekannt als: die Gezeichnete Königin. Aufgezogen von Carlin und Bartholemew (Barty der Gute) Glynn. Mutter: Königin Elyssa Raleigh. Vater: unbekannt. Für Vermutungen siehe Anhang IX.«

Die Frühgeschichte Tearlings, wie Merwinian sie erzählt

elsea Glynn verharrte reglos, während sie zusah, wie sich die Reiter ihrem Zuhause näherten. Eine geschlossene Kompanie Männer, allesamt in das Grau der könig­lichen Garde von Tearling gekleidet. Ihre Umhänge wehten hinter ihnen her und gaben den Blick auf kostbare Waffen frei, auf Schwerter und kurze Messer, die aus Mortstahl gefertigt waren. Ein Reiter führte sogar einen Morgenstern mit sich. Kelsea konnte den dornigen Eisenkopf aus seinem Sattel herausragen sehen. Der Missmut, mit dem die Männer ihre Pferde in Richtung Cottage lenkten, offenbarte eins in aller Deutlichkeit: Sie wollten nicht hier sein.

In einen Umhang gehüllt und die Kapuze über dem Kopf, saß Kelsea in der Astgabel eines Baums, ungefähr neun Meter von der Eingangstür ihres Cottage entfernt. Von ihrer Kopfbedeckung bis zu den dunklen Stiefeln war sie vollständig in Tiefgrün gekleidet. An einer Kette aus reinem Silber hing ein Saphir um ihren Hals. Das Schmuckstück hatte die lästige Angewohnheit, nur wenige Augenblicke nachdem sie es in den Ausschnitt ihres Hemds gesteckt hatte, herauszurutschen. Und irgendwie schien das zur Situation zu passen – denn heute war der Saphir der Grund all ihrer Probleme.

Neun Männer, zehn Pferde.

Als die Soldaten das geharkte Fleckchen Erde vor dem Cottage erreichten, stiegen sie ab. Sie schlugen ihre Kapuzen zurück, und Kelsea sah, dass sie nicht mal annähernd in ihrem Alter waren, sondern in den Dreißigern und Vierzigern. Ihr hartes, verwittertes Aussehen ließ erahnen, welchen Tribut dieses Leben von ihnen forderte. Der Soldat mit dem Morgenstern murmelte etwas, und die Hände der Wachen glitten zu ihren Schwertern.

»Wir sollten das so schnell wie möglich hinter uns bringen.« Der Sprecher, dessen respekteinflößender Ton ihn als den Anführer auszeichnete, trat einen Schritt vor und klopfte dreimal an die Tür. Sie öffnete sich sofort, als hätte Barty die ganze Zeit dahinter gewartet. Sogar hier von ihrem Beobachtungsposten aus konnte Kelsea sehen, wie zerknautscht sein rundes Gesicht aussah. Seine Augen waren rot und geschwollen. Am Morgen hatte er sie in die Wälder geschickt, damit sie seinen Kummer nicht mit ansehen musste. Kelsea hatte protestiert, doch Barty hatte keinen Widerspruch geduldet und sie schließlich mit folgenden Worten zur Tür hinausgeschoben: »Sag dem Wald auf Wiedersehen, Mädchen. Es wird viel Zeit vergehen, bis man dich wieder frei dort herumstreifen lässt.«

Daraufhin war Kelsea gegangen und hatte den Morgen damit verbracht umherzuwandern und über umgefallene Bäume zu klettern. Hin und wieder war sie stehen geblieben, um dem Schweigen des Waldes zu lauschen, dieser vollkommenen Stille, die in einem so offensicht­lichen Widerspruch zu seiner Fülle stand. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte sie einen Hasen gefangen und ihn gleich darauf wieder freigelassen. Barty und Carlin brauchten kein Fleisch, und das Töten bereitete ihr keine Freude. Während sie zusah, wie der Hase hoppelnd das Weite suchte und zwischen den Bäumen verschwand, versuchte sie sich noch einmal an dem Wort, obgleich es sich wie Staub in ihrem Mund anfühlte: Königin. Es klang unheilvoll, wie die Prophezeiung einer finsteren Zukunft.

»Barty«, grüßte ihn der Anführer der Garde. »Lange her.«

Barty murmelte etwas Unverständ­liches.

»Wir sind wegen des Mädchens hier.«

Barty nickte, steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff, hoch und durchdringend. Lautlos glitt Kelsea von ihrem Baum und trat aus dem Schutz des Waldes hervor. Wie man sich gegen einen einzelnen Angreifer mit einem Messer verteidigte, wusste sie, dafür hatte Barty gesorgt. Diese schwer bewaffneten Männer allerdings, die schüchterten sie ein. Sie fühlte ihre Augen auf sich ruhen, ihre abschätzigen Blicke. Sie sah nicht im Entferntesten wie eine Königin aus, und das wusste sie.

Der Anführer, ein Mann mit einem harten Gesicht und einer Narbe, die über die eine Seite seines Kinns lief, verbeugte sich tief vor ihr. »Eure Hoheit. Ich bin Carroll, der Hauptmann der Königinnen-Garde.«

Ein Moment verstrich, ehe es ihm die anderen gleichtaten. Der Wachmann mit dem Morgenstern neigte den Oberkörper vielleicht zwei Zentimeter und senkte kaum merklich das Kinn.

»Wir müssen das Mal sehen«, murmelte einer der Wachleute, dessen Gesicht fast vollständig hinter einem roten Bart verborgen war. »Und das Schmuckstück.«

»Meinst du, ich würde das Königreich hintergehen?«, fragte Barty rau.

»Sie sieht ihrer Mutter kein bisschen ähnlich«, erwiderte der Rotbärtige scharf.

Kelsea wurde rot. Laut Carlin war Königin Elyssa eine klassische Tearschönheit gewesen, hochgewachsen, blond und schlank. Kelsea war ebenfalls groß, doch von dunklerer Hautfarbe, und sie hatte ein Gesicht, das man im besten Fall als »gewöhnlich« bezeichnen würde. Ihre Erscheinung war in keiner Hinsicht majestätisch; sie bekam zwar genug Bewegung, doch sie hatte auch einen gesunden Appetit.

»Ihre Augen sind die der Raleighs«, bemerkte eine andere Wache.

»Ich würde trotzdem lieber das Schmuckstück und die Nar­be in Augenschein nehmen«, antwortete der Anführer, und der Rotbärtige nickte.

»Zeig sie ihnen, Kel.«

Kelsea zog den Saphiranhänger unter ihrem Hemd hervor und hielt ihn ins Licht. Seit sie denken konnte, hatte die Kette um ihren Hals gelegen, und jetzt wünschte sie sich nichts sehn­licher, als sich das Ding herunterzureißen und es den Männern auszuhändigen. Doch Barty und Carlin würden das niemals zulassen. Sie war die Kronprinzessin von Tearling, und heute war ihr neunzehnter Geburtstag – seit Jonathan Tear der Zeitpunkt, da die Monarchen von Tearling den Thron bestiegen. Wenn es sein musste, würde sie von den Wachen schreiend und um sich tretend zur Festung gebracht und an den Thron gefesselt werden. Und dort würde sie dann sitzen, in Samt und Seide gehüllt, bis zum Tag ihrer Ermordung.

Der Anführer nickte in Richtung des Schmuckstücks. Kelsea schüttelte den Ärmel ihres Umhangs zurück. Eine auffällige Narbe in Form einer Messerklinge zog sich von ihrem Handgelenk bis hinauf zu ihrem Bizeps. Einer oder zwei der Männer murmelten etwas. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft ließen sie von ihren Waffen ab.

»Das war’s dann also«, verkündete Carroll schroff. »Wir gehen.«

»Einen Moment.« Carlin trat in den Türrahmen und stieß Barty sanft zur Seite. Dabei benutzte sie ihre Handgelenke, nicht etwa die Finger. Die Arthritis musste ihr heute sehr zu­­setzen.

Sie sah wie immer makellos aus. Ihr Haar war im Nacken ordentlich hochgesteckt, doch ihre Augen waren ein wenig gerötet, was Kelsea überraschte. Carlin weinte normalerweise nicht. Eigentlich zeigte sie kaum je eine Gefühlsregung.

Bei ihrem Anblick strafften sich die Wachleute. Manch einer, unter ihnen auch der Mann mit dem Morgenstern, trat sogar einen Schritt zurück. Kelsea hatte immer schon gefunden, dass Carlin etwas König­liches an sich hatte, doch es verblüffte sie, dass sich selbst Männer mit Schwertern von einer alten Frau einschüchtern ließen.

Gott sei Dank bin ich nicht die Einzige.

»Weist euch aus!«, verlangte Carlin. »Woher sollen wir wissen, dass ihr von der Festung kommt?«

»Wer wüsste sonst, wo das Mädchen zu finden ist?«, fragte Carroll.

»Mörder.«

Ein paar der Soldaten lachten unfreundlich. Der mit dem Morgenstern trat wieder einen Schritt vor und kramte nach etwas in seinem Umhang.

Carlin starrte ihn an: »Ich kenne Euch.«

»Ich habe den Befehl der Königin dabei«, sagte er und zog einen dicken, vergilbten Umschlag hervor. »Für den Fall, dass Ihr Euch nicht mehr erinnert.«

»Ich bezweifle, dass man Euch je vergessen könnte, Lazarus«, erwiderte Carlin, die Stimme von Missfallen gefärbt. Obwohl ihre Arthritis höllisch schmerzen musste, faltete sie das Blatt hastig auseinander und überflog es. Fasziniert fixierte Kelsea den Brief. Ihre Mutter war schon lange tot. Und doch gab es da etwas, das sie geschrieben hatte. Berührt hatte.

Carlin schien zufrieden und gab der Wache das Schriftstück zurück. »Kelsea muss noch ihre Sachen packen.«

»Aber nur ein paar Minuten, Hoheit. Wir müssen gehen«, sagte Carroll, bereits an Kelsea gewandt, und verbeugte sich erneut. Kelsea begriff, dass Carlin schon jetzt aus dem weiteren Prozedere ausgeschlossen war. Und Carlin hatte es ebenfalls bemerkt. Ihr Gesicht war versteinert. Wie so oft wünschte sich Kelsea, Carlin würde wütend werden, statt sich in diesen stummen Teil in ihrem Inneren zurückzuziehen. So kalt und fern. Carlins Schweigen war etwas Schreck­liches.

Kelsea huschte an den Pferden vorbei in das Cottage, Carlin und Barty folgten ihr langsamer. Kelseas Kleider befanden sich schon in ihrer Satteltasche, doch sie machte keine Anstalten hinzugehen, sondern stellte sich stattdessen in den Türrahmen der Bibliothek, wo sich überall an den Wänden Bücher aneinanderreihten. Barty hatte die Regale aus Teareiche gebaut und sie Carlin zu Kelseas viertem Weihnachtsfest geschenkt – eine Zeit, an die sie nur vage Erinnerungen hatte und die ihr rein und hell erschien. Sie hatte Carlin geholfen, die Bücher aufzustellen, und ein bisschen geweint, als sie sie nicht nach Farben hatte sortieren dürfen. Viele Jahre waren seither vergangen, und Kelsea liebte Bücher noch immer, liebte es, sie hier nebeneinander stehen zu sehen, jeder Band an seinem Platz.

Doch die Bibliothek war auch ein Schulzimmer gewesen, und oft ein ziemlich unangenehmes. Rudimentäre Mathematik, Teargrammatik, Geographie, das alles hatte sie hier gelernt, später die Sprachen der umliegenden Länder. Die seltsamen Dialekte waren ihr zunächst schwergefallen, doch dann war es immer leichter, immer schneller gegangen, bis Kelsea und Carlin ohne Probleme von einer Sprache in die andere hatten wechseln können, ohne auch nur eine einzige Silbe auszulassen – von Mort zu Cadarese und wieder zurück zum weniger dramatischen Tear. Doch was sie vor allem studiert hatte, war Geschichte. Die Geschichte der Menschheit, die zurückreichte bis in die Zeit vor der Überfahrt. Carlin sagte oft, Geschichte sei alles, denn es läge in der Natur des Menschen, immer und immer wieder dieselben Fehler zu begehen. In solchen Momenten blickte sie Kelsea mit zusammengezogenen Augenbrauen an, bereit, ihr Missfallen kundzutun. Carlin war fair, aber auch unnachgiebig. Wenn Kelsea bis zum Abendessen alle Hausaufgaben erledigt hatte, durfte sie sich zur Belohnung ein Buch aus der Bibliothek ausleihen und so lange aufbleiben, bis sie es ausgelesen hatte. Geschichten bewegten sie am meisten, Geschichten von Dingen, die es nie gegeben hatte, die sie aus der ereignislosen Welt ihres Cottage hinaustrugen. Einmal war sie bis zum Morgengrauen wach geblieben, um einen besonders langen Roman zu Ende zu lesen. Den größten Teil des folgenden Tages hatte sie verschlafen und die Hausarbeit ausfallen lassen dürfen. Doch hin und wieder waren auch ganze Monate ins Land gegangen, in denen Kelsea des ständigen Unterrichts müde war und sich weigerte zu lernen. In solchen Zeiten hatte es keine Geschichten und keine Bibliothek gegeben. Nur häus­liche Pflichten, Einsamkeit und das granitharte Missfallen in Carlins Gesicht. Bis Kelsea irgendwann zu ihren Unterrichtsstunden zurückgekehrt war.

Barty schloss die Tür und kam näher. Er zog ein Bein hinter sich her. Vor Ewigkeiten hatte er mal zur Königinnen-Garde gehört, bis ihn ein Schwerthieb in die Kniekehle zum Krüppel gemacht hatte. Entschieden legte er ihr die Hand auf die Schulter. »Du kannst es nicht hinauszögern, Kel.«

Als Kelsea sich umdrehte, sah sie, dass Carlin den Blick abgewendet hatte und aus dem Fenster sah. Vor dem Cottage liefen die Soldaten unbehaglich auf und ab und warfen gehetzte Blicke zum Wald hinüber.

Sie sind geschlossene Räume gewöhnt, dachte Kelsea. Das offene Land macht ihnen Angst. Die Erkenntnis, was das für sie bedeutete und was es über ihr Leben auf der Festung aussagte, überwältigte sie. Und das gerade jetzt, da sie geglaubt hatte, alle Tränen seien vergossen.

»Es sind gefähr­liche Zeiten, Kelsea«, sagte Carlin zum Fenster. Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne. »Onkel oder nicht, nimm dich vor dem Regenten in Acht. Er war schon im Mutterleib auf den Thron aus. Aber die Wachen deiner Mutter sind rechtschaffene Leute. Gewiss werden sie ein Auge auf dich haben.«

»Sie mögen mich nicht, Carlin«, platzte Kelsea heraus. »Du sagtest, es würde ihnen eine Ehre sein, mich zu begleiten. Aber sie wollen gar nicht hier sein.«

Carlin und Barty wechselten einen Blick. Darin sah Kelsea den Geist zahlreicher alter Auseinandersetzungen zwischen ihnen.

Die beiden führten eine seltsame Ehe. Carlin war mindestens zehn Jahre älter als Barty und ging bereits auf die siebzig zu. Es brauchte keine außergewöhn­liche Fantasie, um zu erkennen, dass sie einmal sehr schön gewesen war. Doch ihre Schönheit war von all den Entsagungen verhärtet. Barty hingegen war nicht besonders gut aussehend, kleiner als Carlin und entschieden rund­licher. Aber er hatte ein gutmütiges Gesicht, und unter seinem grauen Haar blitzten lächelnde Augen hervor. Aus Büchern machte er sich nicht viel. Kelsea fragte sich oft, worüber er und Carlin sich unterhielten, wenn sie nicht im Zimmer war. Vielleicht war sie es, die die beiden zusammenhielt. Und wenn ja, was würde jetzt aus ihnen werden?

Endlich antwortete Carlin: »Wir haben deiner Mutter geschworen, dir nichts von ihrem Niedergang zu erzählen, und dieses Versprechen haben wir gehalten. Doch nicht alles auf der Festung wird so sein, wie du es erwartest. Barty und ich haben dir gute Werkzeuge an die Hand gegeben, so wie man es uns aufgetragen hat. Aber wenn du selbst auf dem Thron sitzt, wirst du deine eigenen Entscheidungen treffen müssen, und das wird nicht leicht.«

Barty schniefte missbilligend und humpelte zu Kelseas Satteltasche. Carlin warf ihm einen scharfen Blick zu, den er ignorierte. Ernst wandte sie sich wieder an Kelsea. Die blickte zu Boden, während sich ihr Magen zusammenzog. Einst, vor langer Zeit draußen im Wald – sie waren gerade mitten in einer Unterrichtsstunde über die mög­lichen Verwendungszwecke von rotem Moos gewesen – war Barty wie aus dem Nichts herausgeplatzt: »Wenn es nach mir ginge, Kel, würde ich den verdammten Schwur brechen und dir alles sagen, was ich weiß.«

»Und warum geht es nicht nach dir?«

Hilflos hatte er auf das Moos in seinen Händen geblickt, und Kelsea hatte verstanden. In dem Cottage ging es nie nach ihm. Carlin hatte das Sagen, denn sie war klüger und außerdem körperlich unversehrt. Er kam an zweiter Stelle. Carlin war keine grausame Frau, doch Kelsea hatte den Stachel ihres eisernen Willens oft genug am eigenen Leib zu spüren bekommen. Sie verstand Bartys Bitterkeit und empfand sie fast als ihre eigene. Und auch in dieser Angelegenheit hatte sich also Carlins Wille durchgesetzt. Kelseas Geschichtskenntnisse wiesen große Lücken auf. Über die Herrschaft ihrer Mutter wusste sie schlicht nichts. Man hatte sie von dem Dorf und den Antworten, die sie dort eventuell bekommen hätte, ferngehalten, ja, sie hatte ihre Kindheit praktisch im Exil verbracht. Mehr als einmal hatte sie Barty und Carlin nachts reden hören, wenn die beiden dachten, Kelsea würde bereits schlafen. Aber immerhin begriff sie jetzt einen Teil des Geheimnisses: Die Wachen des Regenten hatten jahrelang jeden Winkel des Landes durchstreift, um nach dem Kind mit der Kette und der Narbe Ausschau zu halten. Nach ihr.

»Ich habe dir ein Geschenk in die Satteltaschen gesteckt«, fuhr Carlin fort und brachte sie wieder in die Gegenwart zurück.

»Was für ein Geschenk?«

»Eines, das du entdecken wirst, wenn du diesen Ort erst hinter dir gelassen hast.«

Kelsea spürte, wie die Wut erneut in ihr hochkochte. Dass Carlin aber auch permanent Geheimnisse haben musste! Gleich darauf schämte sie sich. Barty und Carlin trauerten … Nicht nur um sie, Kelsea, sondern auch um ihr Zuhause. Die Wachen des Regenten würden den Männern der Königin quer durch Tearling nachsetzen, so viel war gewiss. Die beiden konnten nicht hierbleiben. Kurz nach Kelseas Abreise würden sie nach Petaluma aufbrechen, einem südlich gelegenen Dorf nahe der Grenze zu Cadare, wo Barty aufgewachsen war. Ohne seinen Wald würde er sich verloren fühlen. Doch es gab noch andere Wälder, die er erkunden konnte – Carlin brachte das größere Opfer: ihre Bibliothek. Die Büchersammlung war ihr Leben, zusammengetragen von den Gründern der Festung und über Jahrhunderte erhalten. Sie konnte sie nicht mitnehmen, ein Karren wäre zu leicht aufzuspüren. All ihre Bücher – verloren.

Kelsea griff nach ihrem Bündel, warf es sich auf den Rücken und blickte aus dem Fenster auf das zehnte Pferd. »Es gibt so vieles, das ich nicht weiß.«

»Du weißt alles, was du wissen musst«, erwiderte Barty. »Hast du dein Messer?«

»Ja.«

»Behalt es immer bei dir. Und achte darauf, was du isst und wo es herkommt.«

Kelsea umarmte ihn. Trotz seiner gemüt­lichen Fülle zitterte sein ganzer Körper vor Erschöpfung, und plötzlich begriff Kelsea, wie müde er geworden war und wie sehr ihre Erziehung Energie aufgezehrt hatte, die er sich besser fürs Altwerden aufgehoben hätte. Einen Moment lang schlossen sich seine dicken Arme fester um sie, dann zog er sich zurück, die blauen Augen stechend. »Du hast noch nie jemanden umgebracht, Kel, und das ist gut. Aber vom heutigen Tag an bist du eine Gejagte, verstehst du? Und so musst du dich auch verhalten.«

Kelsea erwartete, dass Carlin widersprechen würde, sie, die immer sagte, Gewalt sei nur für Narren. Doch stattdessen nickte sie. »Ich habe dich zu einer denkenden Königin erzogen, Kelsea, und das wirst du auch sein. Doch jetzt beginnt eine Zeit, in der dein Überleben über allem anderen stehen muss. Diese Männer da draußen, die dafür sorgen sollen, dass du sicher zur Festung kommst, haben eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Und wenn das erst vollbracht ist, werden dir Bartys Lektionen mehr helfen als meine.«

Sie verließ ihren Platz am Fenster und legte sanft die Hand auf Kelseas Rücken, was diese zusammenzucken ließ. Carlin berührte sie fast nie. Anderen den Rücken zu tätscheln war das Äußerste, zu dem sie fähig schien. Und selbst diese Momente waren wie Regen in der Wüste. »Aber lass dir von deinem Vertrauen auf Waffen nicht den Verstand vernebeln, Kelsea. Dein Geist war immer stark. Pass auf, dass du ihn unterwegs nicht verlierst. So etwas geht schnell, wenn man ein Schwert zieht.«

Eine gepanzerte Hand donnerte gegen die Eingangstür.

»Hoheit?«, rief Carroll. »Der Abend bricht an.«

Barty und Carlin traten einen Schritt zurück, und Barty griff nach Kelseas letztem Gepäckstück. Beide wirkten schrecklich alt. Kelsea wollte sie nicht zurücklassen – diese zwei Menschen, die sie aufgezogen und ihr alles beigebracht hatten, was sie wusste. Eine irrationale Seite in ihr dachte kurz darüber nach, alles fallen zu lassen und einfach zur Hintertür hinauszustürzen. Eine helle, lockende Fantasie, die genau zwei Sekunden lang anhielt und sich dann verflüchtigte.

»Wann ist es nicht mehr gefährlich, euch eine Nachricht zukommen zu lassen?«, fragte sie. »Wann müsst ihr euch nicht mehr verstecken?«

Barty und Carlin sahen sich an. Ein rascher Blick, der ihr beinahe verstohlen vorkam. Endlich antwortete Barty: »Das wird eine ganze Weile dauern, Kel. Weißt du …«

»Du wirst andere Sorgen haben«, unterbrach Carlin ihn scharf. »Denk an dein Volk und daran, dieses Königreich wieder in Ordnung zu bringen. Es dürfte viel Zeit vergehen, ehe du uns wiedersiehst.«

»Carlin …«

»Du musst gehen.«

Als Kelsea aus dem Cottage trat, waren die Soldaten schon auf ihre Pferde gestiegen und starrten auf sie herab, einige mit unverhohlener Verachtung. Lazarus, der Soldat mit dem Morgenstern, würdigte sie keines Blickes, sondern fixierte den Horizont. Kelsea begann, ihr Gepäck auf ihr Pferd zu laden, eine rötlich graue Stute, die ihr sanfter vorkam als Bartys Hengst.

»Ich nehme an, Eure Hoheit können reiten?«, fragte der Soldat, der die Zügel hielt. Aus seinem Mund klang das Wort Hoheit wie eine Krankheit. Kelsea riss ihm die Zügel aus der Hand. »Ja, kann ich.«

Sie nahm die Zügel in die andere Hand, während sie in ihren grünen Winterumhang schlüpfte und ihn zuknöpfte. Anschließend stieg sie auf ihr Pferd, sah zu Barty hinab und versuchte, das schreck­liche Gefühl von Endgültigkeit zu verdrängen, das sie beschlich. Er war vor der Zeit alt geworden, aber eigentlich gab es keinen Grund, weshalb er nicht noch viele Jahre leben sollte. Und Vorahnungen lösten sich ohnehin oft genug in Luft auf. Barty zufolge hatte der Seher der Mortkönigin vorhergesagt, dass sie keine neunzehn Jahre alt werden würde. Und doch war sie heute hier.

Sie warf Barty ein, wie sie hoffte, tapferes Lächeln zu. »Ich werde bald nach dir schicken.«

Er nickte. Sein Lächeln wirkte gezwungen fröhlich. Carlin war so weiß, dass Kelsea dachte, sie würde auf der Stelle umkippen, doch stattdessen trat sie einen Schritt vor und streckte die Hand aus. Die Geste kam so unerwartet, dass Kelsea einen Moment lang nur verständnislos starren konnte, bevor sie begriff, dass sie die Hand ergreifen sollte. In all den Jahren im Cottage hatte Carlin nie ihre Hand gehalten.

»Du wirst es beizeiten verstehen«, sagte Carlin. »Du wirst verstehen, warum all das nötig war. Aber hüte dich vor der Vergangenheit, Kelsea. Diene deinem Volk weise.«

Sogar jetzt konnte sie nicht frei von der Leber weg reden. Kelsea hatte immer gewusst, dass sie nicht das Kind war, das Carlin gerne erzogen hätte. Dass sie sie wieder und wieder enttäuscht hatte mit ihrem sprunghaften Temperament und der mangelnden Bereitschaft, die Last ihrer Verantwortung zu schultern. Kelsea zog ihre Hand zurück, warf Barty einen Blick zu und spürte, wie sich ihr Ärger in Luft auflöste. Er weinte. Tränenspuren glänzten auf seinem Gesicht. Als sie spürte, wie sich auch ihre Augen mit Tränen füllten, ergriff sie die Zügel und lenkte ihr Pferd zu Carroll. »Wir können aufbrechen, Captain.«

»Zu Befehl, Lady.«

Er gab seinem Pferd die Sporen, und schon preschte er den Pfad entlang. »Ihr alle, in einer Raute um die Königin!«, rief er über die Schulter. »Wir reiten bis Sonnenuntergang.«

Königin. Schon wieder dieses Wort. Kelsea versuchte sich vorzustellen, dass sie die Königin war, doch das ging einfach nicht. Sie glich ihre Geschwindigkeit an die der Gardisten an und verbot es sich strikt zurückzublicken. Nur einmal, kurz bevor sie um die Biegung ritten, wandte sie sich um. Barty und Carlin standen noch immer im Türrahmen und beobachteten, wie sie sich von ihnen entfernte. Ein altes Försterehepaar aus einem lang vergessenen Märchen. Dann versperrten die Bäume ihr die Sicht.

Kelseas Stute schien recht robust, sie bewegte sich souverän über das unebene Terrain. Bartys Hengst hatte im Wald Probleme gehabt. Er sei ein Aristokrat, hatte Barty gemeint, und alles, was keine offene, gerade Strecke war, sei unter seiner Würde. Doch selbst zu Pferd hatte Kelsea es nie gewagt, sich mehr als ein paar Kilometer vom Cottage zu entfernen. Wann immer sie sehnsüchtig von den Dingen dort draußen in der weiten Welt gesprochen hatte, hatte Carlin ihr eingebläut, wie wichtig das Königinnenamt war, das sie erben würde. Und wie wichtig Verschwiegenheit. Für Kelseas Ängste hatte sie kein Verständnis gehabt, und Zweifel hatte sie sowieso nicht hören wollen. Kelseas Aufgabe war es gewesen zu studieren und ohne andere Kinder, andere Menschen oder die weite Welt da draußen glücklich zu sein.

Mit dreizehn war Kelsea mit Bartys Hengst in den Wald geritten und hatte sich verirrt. Weder die Bäume noch die beiden Bäche, an denen sie vorbeikam, sagten ihr etwas. Sie ritt immer im Kreis herum und wollte schon weinend aufgeben, als sie ihren Blick auf den Horizont richtete und in etwa hundert Metern Entfernung Rauch aus einem Kamin aufsteigen sah.

Beim Näherkommen erblickte sie eine kleine Behausung, ärm­licher als das Cottage von Barty und Carlin und aus Holz anstelle von Stein. Vor der Hütte spielten zwei Jungen mit Schwertern. Sie waren ein paar Jahre jünger als sie, und während sie ihnen eine Zeitlang zusah, bemerkte sie etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte: eine ganz und gar andere Erziehung als die ihre. Bis zu jenem Moment hatte sie geglaubt, alle Kinder hätten irgendwie das gleiche Leben. Die Kleider der Jungen waren zerschlissen, doch sie trugen bequem aussehende Hemden, deren Ärmel knapp über dem Oberarm endeten. Kelsea hingegen durfte nur hochgeschlossene Oberteile mit langen, schmalen Ärmeln tragen, damit niemand einen Blick auf ihre Narbe erhaschen konnte oder auf ihre Kette, die sie nie ablegen durfte. Sie hörte dem Geplapper der Jungen zu und stellte fest, dass beide kein ordent­liches Tear sprachen, was schlicht hieß, dass sich niemand je mit ihnen hingesetzt hatte, um sie Morgen für Morgen in Grammatik zu drillen. Abgesehen davon: Es war mitten am Nachmittag, und sie waren nicht in der Schule.

»Du bist’n Mort, Emmett. Ich ein Tear«, verkündete der Ältere stolz.

»Ich bin kein Mort! Mort is’ klein!«, rief der Jüngere. »Mama hat gesagt, du muss’ mich zum Tear machen!«

»Na gut. Du bist’n Tear. Aber ich benutz Magie!«

Nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatte, offenbarte sich Kelsea der wahre Unterschied zwischen sich und den Kindern, und er nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch: Die beiden hatten einander. Auch wenn sie nur wenige Meter weit weg stand, fühlte sie sich angesichts ihrer Verbundenheit so entfernt von ihnen wie der Mond. Und dieses Gefühl wurde noch stärker, als die Mutter, eine rund­liche Frau, die so gar nichts von Carlins Anmut hatte, aus dem Haus kam, um die beiden zum Abendessen zu holen.

»He! Martin! Komm dich waschen!«

»Nee!«, gab der Kleine zur Antwort. »Wir sind noch nich’ fertig.«

Seine Mutter griff sich einen Stock aus einem Bündel auf dem Boden und hüpfte in die Mitte des Spielfelds, um mit den beiden kichernden und kreischenden Jungen zu fechten. Dann hob sie die beiden hoch, drückte sie eng an sich und ging mit ihnen nach drinnen – der ganze Weg eine einzige Umarmung. Die Dämmerung ging allmählich in Dunkelheit über, und obwohl Kelsea bewusst war, dass sie versuchen sollte, nach Hause zu finden, konnte sie sich nicht von dem Schauplatz lösen. Carlin zeigte nie Zuneigung, nicht einmal für Barty, und das Äußerste, auf das Kelsea hoffen konnte, war ein Lächeln. Gut, sie war die Thronfolgerin von Tearling, und Carlin hatte ihr unzählige Male zu verstehen gegeben, welch unglaub­liche Ehre ihr zuteilwurde. Doch während Kelsea den Weg zurück zum Cottage suchte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass die beiden Kinder sehr viel mehr besaßen als sie selbst. Als sie endlich nach Hause kam, hatte sie das Abendessen bereits verpasst. Ihre Zieheltern hatten sich Sorgen gemacht, und Barty schrie ein wenig mit ihr, doch Kelsea sah die Erleichterung in seinem Gesicht, und er umarmte sie, bevor er sie nach oben schickte. Carlin hingegen starrte sie einfach nur an und teilte ihr mit, dass ihre Bibliotheksprivilegien für einen Monat aufgehoben waren. In jener Nacht lag Kelsea wie erstarrt im Bett, denn sie begriff, dass sie aufs Schlimmste betrogen worden war. Bis zum heutigen Tag hatte sie Carlin als ihre Pflege-, wenn nicht gar als ihre leib­liche Mutter erachtet, doch jetzt erkannte sie, dass sie eigentlich überhaupt keine Mutter hatte. Nur eine kalte Frau, die nichts als Forderungen stellte und ihr alles andere vorenthielt.

Zwei Tage später übertrat sie die von Carlin gesetzte Grenze erneut, diesmal mit voller Absicht, denn sie wollte die Hütte im Wald wiederfinden. Auf halbem Weg gab sie auf und kehrte um. Ihr Ungehorsam verschaffte ihr keine Befriedigung, im Gegenteil, er jagte ihr schreck­liche Angst ein. Sie spürte geradezu, wie sich Carlins Augen in ihren Nacken bohrten. Von da an überschritt Kelsea die rote Linie nie wieder, und so gab es auch keine weite Welt für sie. All ihre Erfahrungen stammten aus dem Wald um das Cottage. Im Alter von zehn Jahren kannte sie jeden Quadratzentimeter. Jetzt, als sie inmitten der Gardisten zu einem entfernteren Wald vordrang, lächelte sie in sich hinein und richtete ihr Augenmerk auf das unbekannte Land, das sich ihr nie eröffnet hatte.

Sie ritten südlich durch das Herz des Reddickwaldes, der Hunderte Quadratkilometer des nordwest­lichen Teils des Landes bedeckte. Überall um sie herum ragten Teareichen auf – einige von ihnen fünfzehn bis achtzehn Meter hoch – und verzweigten sich zu einem Blätterdach, das sich hoch über ihren Köpfen ausdehnte. An allen Ecken und Enden wucherte niedriges Gestrüpp, das Kelsea nicht kannte. Die Zweige sahen ein bisschen wie Kriechwurzeln aus, denen heilende Eigenschaften nachgesagt wurden und die man gut für Wickel verwenden konnte. Doch diese Blätter hier waren länger, rollten sich auf und hatten eine röt­liche Färbung, die auf Eichengift schließen ließ. Kelsea versuchte, ihr Pferd nicht direkt hindurchtraben zu lassen, doch an einigen Stellen ließ es sich nicht vermeiden, denn auf dem abschüssigen Gelände begann sich das Gestrüpp zu verdichten. Sie waren, um nicht gesehen zu werden, inzwischen weit von ihrem ursprüng­lichen Pfad abgekommen, aber während sie über den knisternden, goldenen Teppich aus herabgefallenen Eichenblättern dahinritten, war es Kelsea, als könne sie die gesamte Welt hören.

Um sie herum gruppierten sich die Wachen zu einer Diamantformation und hielten die Abstände auch dann noch exakt ein, als sie ihre Geschwindigkeit an den unebenen Untergrund anpassen mussten. Lazarus war irgendwo hinter ihr außer Sichtweite. Zu ihrer Rechten ritt der misstrauische rotbärtige Wachmann. Kelsea beobachtete ihn mit heim­lichem Interesse. Rotes Haar wurde rezessiv vererbt, und in den drei Jahrhunderten seit der Überfahrt war es langsam, aber stetig aus der Bevölkerung verschwunden. Carlin hatte ihr erzählt, dass sich viele Frauen und sogar einige Männer das Haar rot färbten, weil alles Seltene immer auch begehrt war. Nachdem Kelsea dem Wachmann etwa eine Stunde lang verstohlene Blicke zugeworfen hatte, war sie sicher, dass sie es mit einem echten Rotschopf zu tun hatte. Keine künst­liche Farbe war so gut. Der Mann trug ein kleines, goldglänzendes Kreuz, das auf seiner Brust hin- und hersprang. Auch das gab Kelsea zu denken – das Kreuz war ein Symbol der Gotteskirche, und Carlin hatte ihr oft genug eingeschärft, der Kirche und ihren Priestern sei nicht zu trauen.

Dem Rotschopf folgte ein blonder Mann, der so außergewöhnlich gut aussah, dass Kelsea nicht anders konnte, als ihn heimlich zu mustern, auch wenn er mit seinen mehr als vierzig Jahren viel zu alt für sie war. Sein Gesicht glich dem der gemalten Engel, die sie aus Carlins Buch über die Kunst vor der Überfahrt kannte. Die tiefen Schatten unter seinen Augen ließen darauf schließen, dass er seit einiger Zeit nicht mehr geschlafen hatte. Aber aus irgendeinem Grund machten ihn die Spuren der Erschöpfung noch attraktiver. Als er aufblickte und Kelsea dabei ertappte, wie sie ihn anstarrte, fuhr ihr Kopf herum, und in ihren Wangen brannte das Blut.

Zu ihrer Linken wurde sie von einem großen Kerl mit dunklem Haar und gewaltigen Schultern flankiert – die Sorte Mann, mit der man einen anderen bedrohen würde. Vor ihm ritt ein sehr viel kleinerer, fast schmächtiger Typ mit hellbraunem Haar. Kelsea betrachtete auch ihn eingehend. Vom Alter her schien er ihr näher als die anderen, noch nicht mal dreißig vielleicht. Sie versuchte, seinen Namen aus den Unterhaltungen herauszuhören, doch die Wachen sprachen so leise, dass sie nichts mitbekam.

Carroll, der Anführer, ritt an der Spitze der Diamantformation. Sein grauer Umhang war alles, was sie von ihm erkennen konnte. Mitunter bellte er einen Befehl, der eine augenblick­liche Richtungsänderung der Truppe zur Folge hatte. Voller Selbstbewusstsein ritt er voran, wartete nicht auf Zurufe oder Orientierungshilfen, und Kelsea traute ihm zu, sie an ihren Bestimmungsort zu bringen. Gewiss brauchte man diese Fähigkeit, Befehle zu erteilen, wenn man eine Garde anführte. Carroll war genau die Art Mann, auf die sie angewiesen war, wenn sie überleben wollte. Doch wie sollte sie die Wachen für sich gewinnen? Wahrscheinlich hielten sie Kelsea für schwach. Wahrscheinlich hielten sie alle Frauen für schwach.

Irgendwo über ihnen schrie ein Habicht. Kelsea zog sich die Kapuze tiefer in die Stirn. Habichte waren wundervolle Kreaturen und gaben außerdem ein vorzüg­liches Essen ab, doch in Mortmesne und an der Teargrenze wurden sie abgerichtet und als Mordwaffen eingesetzt. Das hatte Barty ihr gesagt. Er hatte es beiläufig erwähnt, wie eine Bagatelle, aber sie hatte es nie vergessen.

»Nach Süden, Männer!«, rief Carroll, und wieder richteten sich die Reiter neu aus. Es wurde jetzt schnell dunkel, und mit der aufziehenden Nacht wurde der Wind eisig. Kelsea hoffte inständig, sie würden bald Halt machen, aber sie wäre eher in ihrem Sattel festgefroren, als sich zu beschweren. Loyalität begann mit Respekt.

»Ohne den Respekt seiner Untertanen war kein Herrscher je lange an der Macht«, hatte Carlin ihr unzählige Male eingetrichtert. »Herrscher, die versuchen, sich ein unwilliges Volk untertan zu machen, vollbringen nichts und finden ihren Kopf meist auf einem Spieß wieder.«

Bartys Rat war noch prägnanter gewesen: »Entweder du nimmst deine Leute für dich ein, oder du verlierst den Thron.«

Weise Worte, das verstand Kelsea jetzt einmal mehr. Aber sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Wie um alles in der Welt sollte sie jemandem Befehle erteilen?

Ich bin neunzehn. Ich sollte keine Angst haben.

Doch die hatte sie.

Sie umklammerte die Zügel fester und wünschte, sie hätte daran gedacht, Reithandschuhe anzuziehen. Sie war zu erpicht darauf gewesen, der unbehag­lichen Situation vor dem Cottage zu entfliehen. Jetzt waren ihre Fingerspitzen taub, und das Leder hatte ihre Handflächen aufgeschürft und gerötet. So gut es ging zog sie sich die Ärmel ihres Umhangs über die Fingerknöchel und ritt weiter.

Eine Stunde später befahl Carroll der Truppe anzuhalten. Sie befanden sich auf einer kleinen, von Teareichen umrahmten Lichtung. Dichtes Gestrüpp aus Kriechwurzeln und der seltsamen Pflanze mit den roten Blättern wucherte überall. Kelsea fragte sich, ob irgendeiner der Wachen wusste, um was es sich dabei handelte. In jeder Einheit gab es wenigstens einen Wundarzt, und Ärzte sollten sich mit Heilpflanzen auskennen. Auch Barty verfügte über Medizinkenntnisse, und obwohl er die Anweisung gehabt hatte, ihr nichts über Botanik beizubringen, hatte Kelsea schnell herausgefunden, dass sie fast jede beliebige Lektion mithilfe einer interessanten Pflanze in eine andere Richtung hatte lenken können.

Die Wachen rückten näher an sie heran und warteten ab, bis Carroll bei ihr war. Er musterte ihr gerötetes Gesicht und wie mörderisch fest sie die Zügel gepackt hielt. »Eure Hoheit, wir können die Nacht über Rast machen, wenn Ihr möchtet. Wir liegen gut in der Zeit.«

Mit einiger Anstrengung ließ Kelsea die Zügel los, schob ihre Kapuze zurück und versuchte, nicht mit den Zähnen zu klappern. Ihre Stimme war heiser und zittrig: »Ich vertraue Eurem Urteil voll und ganz, Captain. Wir werden so weit reiten, wie Ihr es für nötig haltet.«

Carroll fixierte sie und ließ seinen Blick dann über die kleine Lichtung schweifen. »Lassen wir’s gut sein, Lady. Wir müssen sowieso früh aufstehen. Und wir waren sehr lange unterwegs.«

Die Männer stiegen von ihren Pferden ab. Kelsea – vom ungewohnt langen Ritt völlig steif – sprang ungeschickt zu Boden, fiel beinahe hin und stolperte unbeholfen herum, bis sie endlich das Gleichgewicht wiederfand.

»Pen, das Zelt. Elston und Kibb, ihr geht Holz holen. Der Rest von euch kümmert sich um die Sicherheitsmaßnahmen. Mhurn, besorg uns was zu essen. Lazarus – das Pferd der Königin.«

»Ich kümmere mich selbst um mein Pferd, Captain.«

»Wie Ihr wünscht, Lady. Lazarus wird Euch alles geben, was Ihr braucht.«

Die Soldaten verteilten sich im Wald, um ihren diversen Aufträgen nachzukommen. Kelsea bückte sich und genoss es, wie ihre Knochen knackten. Ihre Oberschenkel schmerzten, als hätten sie ein paar deftige Schläge abgekriegt. Aber vor diesen Männern würde sie keine Dehnübungen machen. Zwar waren sie zu alt, um attraktiv für sie zu sein, dennoch waren es Männer, und Kelsea fühlte sich plötzlich unwohler als je zuvor mit Barty.

Sie führte ihre Stute zur gegenüberliegenden Seite der Lichtung und band die Zügel in einem losen Knoten um einen Ast. Sanft strich sie über das seidige Fell am Hals des Tiers, das den Kopf unwillig zurückwarf und wieherte. Kelsea wich nach hinten aus. »Schon gut, Mädchen. Dein Wohlwollen werde ich mir also auch erarbeiten müssen.«

»Hoheit«, knurrte eine Stimme hinter ihr.

Kelsea wandte sich um und erblickte Lazarus, der einen Striegel in der Hand hielt. Er war nicht so alt, wie sie gedacht hatte. Sein dunkles Haar hatte gerade erst begonnen, sich zu lichten. Er konnte gut und gerne noch Anfang vierzig sein. Sein Gesicht war faltig und grimmig, und auf seinen Händen prangten Narben. Aber es war vor allem der Morgenstern an seinem Gürtel, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog: eine schlichte Eisenkugel mit Stahldornen, jede einzelne sorgfältig geschärft.

Ein geborener Killer, dachte sie. Seine Waffe hätte ihr Angst einjagen müssen, stattdessen fühlte sie sich beruhigt von der Anwesenheit dieses Mannes, dessen Leben so offensichtlich von Gewalt bestimmt gewesen war. Sie nahm den Striegel entgegen und merkte, dass er den Blick gesenkt hielt. »Danke schön. Ihr wisst nicht zufällig, wie die Stute heißt?«

»Ihr seid die Königin, Lady. Sie heißt, wie immer Ihr wollt.« Sein leerer Blick streifte sie und entglitt ihr sogleich wieder.

»Es ist nicht an mir, ihr einen Namen zu geben. Also, wie heißt sie?«

»Es ist an Euch, alles zu tun, was Ihr möchtet.«

»Ihr Name, bitte.« So langsam wurde Kelsea wütend. Diese Männer dachten alle nur schlecht von ihr. Aber warum?

»Sie hat keinen richtigen Namen, Lady. Ich habe sie immer May genannt.«

»Danke. Guter Name.«

Langsam entfernte er sich wieder. Kelsea atmete tief ein, um Mut zu fassen, und sagte dann leise: »Ihr seid noch nicht entlassen, Lazarus.«

Mit ausdruckslosem Gesicht wandte er sich um. »Tut mir leid. Noch was, Lady?«

»Warum wurde mir eine Stute zugeteilt, wenn alle anderen Hengste haben?«

»Wir wussten nicht, ob Ihr reiten könnt, Lady«, antwortete er, und diesmal war der Spott in seiner Stimme nicht zu überhören. »Ob Ihr einen Hengst unter Kontrolle halten könnt.«

Kelseas Augen verengten sich zu Schlitzen. »Was zur Hölle glaubt Ihr, habe ich all die Jahre im Wald gemacht?«

»Mit Puppen gespielt, Lady. Euer Haar hochgesteckt. Und vielleicht noch ein paar Kleidchen anprobiert.«

»Wirke ich so mädchenhaft auf Euch, Lazarus?« Kelsea merkte, dass sie laut wurde. Einige Köpfe hatten sich schon nach ihnen umgedreht. »Sehe ich aus, als würde ich Stunden vor dem Spiegel verbringen?«

»Nicht im Geringsten.«

Kelsea lächelte. Es war ein sprödes Lächeln, das sie einige Anstrengung kostete. Im Cottage von Barty und Carlin hatte es keine Spiegel gegeben. Damit sie nicht eitel würde, hatte Kelsea lange Zeit gedacht. Doch als sie zwölf war, hatte sie in dem sauberen Teich hinter dem Cottage einen Blick auf ihr Gesicht erhascht, und da hatte sie verstanden. Zu gut. Denn sie war so unscheinbar gewesen wie das Wasser unter ihr.

»Bin ich jetzt entlassen, Lady?«

Sie blickte ihn abwägend an, dann antwortete sie: »Das kommt darauf an, Lazarus. Ich habe eine ganze Satteltasche voller Puppen und Kleidchen zum Spielen. Wollt Ihr mir nicht das Haar richten?«

Er blieb reglos stehen, seine Augen undurchdringlich. Dann, völlig unerwartet, verbeugte er sich, eine übertriebene Geste, zu tief, um ehrlich zu sein. »Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mich Mace nennen, Lady. Das tun die meisten.«

Dann war er weg. Sein blassgrauer Umhang verschwand in den dunklen Schatten der Lichtung. Mace also, das alte englische Wort für Morgenstern, dachte Kelsea, wie passend. Dann fiel ihr der Striegel wieder ein, den sie in der Hand hielt. Sie wandte sich ihrem Pferd zu. Als sie sich an die Arbeit machte, irrten ihre Gedanken wild umher.

Vielleicht kann ich sie mit Kühnheit für mich einnehmen.

Du wirst dir den Respekt dieser Männer nie verdienen.

Du kannst ja schon von Glück sagen, wenn du nicht stirbst, bevor du in der Festung ankommst.

Vielleicht. Aber irgendwas muss ich ja probieren.

Du tust so, als hättest du irgendwelche Möglichkeiten. Dabei kannst du nur tun, was man dir sagt.

Ich bin die Königin. Ich bin ihnen zu nichts verpflichtet.

Das denken viele Königinnen, bis die Axt auf sie niedergeht.

Zum Abendessen gab es zähes Wildfleisch, das auch nach dem Rösten über dem Feuer kaum genießbar war. Das Reh musste sehr alt gewesen sein. Obwohl die Vegetation üppig war, hatte Kelsea auf ihrem Ritt durch den Reddickwald nur ein paar Vögel und Eichhörnchen gesehen. Unmöglich konnte hier Wasserknappheit herrschen. Kelsea wollte die Männer fragen, warum es so wenige Tiere gab, doch sie fürchtete, man würde ihr dies als Beschwerde über das Essen auslegen. Also kaute sie schweigend auf dem harten Fleisch herum und versuchte angestrengt, die Soldaten und die Waffen an ihrem Gürtel nicht anzustarren. Keiner sprach ein Wort, und Kelsea nahm an, ihre Anwesenheit war der Grund für die Stille. Dass sie die Männer von einer amüsanten Unterhaltung abhielt, die sie sonst führen würden.

Nach dem Abendessen fiel ihr Carlins Geschenk wieder ein. Sie griff nach einer der vielen leuchtenden Laternen, die um das Feuer standen und ging zu ihrer Stute, um ihre Tasche vom Sattel zu lösen. Zwei Wachleute, Lazarus und der große, breitschultrige Mann, der ihr während des Ritts aufgefallen war, hatten sich vom Lagerfeuer erhoben und waren ihr zum behelfsmäßigen Rastplatz des Pferds gefolgt. Sie bewegten sich fast lautlos. Kelsea begriff, dass sie nach Jahren der Einsamkeit wohl nie wieder allein sein würde. Die Vorstellung hätte sie trösten sollen, stattdessen hinterließ sie ein eisiges Gefühl in ihrer Magengrube. Sie erinnerte sich an ein Wochenende, als sie sieben Jahre alt war und Barty sich für eine Reise ins Dorf fertig gemacht hatte, um dort mit Fleisch und Pelzen zu handeln. Er machte den Weg alle drei, vier Monate, doch diesmal hatte Kelsea ihn begleiten wollen. Und zwar so unbedingt, dass sie allen Ernstes glaubte, sterben zu müssen, wenn sie nicht mitkonnte. Sie hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen, mit Tränen, Geschrei und allem Drum und Dran, und wütend mit den Füßen aufgestampft.

Carlin zeigte angesichts eines derartigen Dramas wenig Geduld. Ein paar Minuten lang hatte sie versucht, vernünftig mit Kelsea zu reden, dann war sie in die Bibliothek verschwunden. Erst Barty hatte ihr das verweinte Gesicht abgewischt, sie auf sein Knie gesetzt und gewartet, bis sie sich beruhigte.

»Du bist wertvoll, Kel«, sagte er. »So wertvoll wie Leder oder Gold. Wenn außer uns jemand wüsste, dass du hier bist, würden sie versuchen, dich uns wegzunehmen. Und das würdest du doch nicht wollen, oder?«

»Aber wenn niemand weiß, dass ich hier bin, bin ich ganz allein«, antwortete Kelsea schluchzend. Sie war sich dieser Schlussfolgerung ausgesprochen sicher: Ihre Anwesenheit war ein Geheimnis, und deswegen war sie einsam.

Barty schüttelte lächelnd den Kopf. »Das stimmt, Kel, keiner weiß, dass du hier bist. Aber die ganze Welt weiß, wer du bist. Denk doch mal nach: Wie kannst du einsam sein, wenn die Welt da draußen jeden Tag an dich denkt?«

Schon mit ihren sieben Jahren empfand Kelsea Bartys Antwort als ausweichend. Sie genügte, um ihre Tränen zu trocknen und ihren Ärger zu dämpfen, doch in den folgenden Wochen drehte und wendete sie sein Argument viele Male, um den Fehler zu finden. Und sie war überzeugt, dass es einen Fehler gab. Ein Jahr später – sie las gerade eins von Carlins Büchern – fand sie das Wort, nach dem sie so lange gesucht hatte: nicht einsam, sondern anonym. All die Jahre hatte man dafür gesorgt, dass sie anonym blieb, und sie hatte schon pure Grausamkeit dahinter vermutet. Wenn nicht von Barty, dann doch zumindest von Carlin. Aber jetzt, mit den beiden hoch aufragenden Männern im Schlepptau, fragte sie sich, ob diese Anonymität nicht vielleicht ein Geschenk gewesen war. Wenn ja, dann war dieses Geschenk nun Geschichte.

Die Männer schliefen um das Feuer herum. Für Kelsea hatten sie in ungefähr sechs Meter Entfernung ein Zelt am Rand der Lichtung aufgebaut. Als sie eintrat und die Zeltklappe zuband, hörte sie, wie sich die zwei Wachmänner zu beiden Seiten der Öffnung postierten. Danach nur noch Stille.

Kelsea warf ihr Bündel auf den Boden und stöberte so lange in ihren Kleidern herum, bis sie einen weißen Pergamentumschlag fand, einen von Carlins wenigen Luxusutensilien. Irgendetwas rutschte darin herum. Kelsea ließ sich auf ihr Bettzeug sinken und starrte den Brief an. Sie wünschte sich so sehr, er würde Antworten auf ihre Fragen enthalten. Man hatte sie aus der Festung geholt, als sie gerade ein Jahr alt war, und sie hatte keinerlei Erinnerung an ihre leib­liche Mutter. Über die Jahre hatte sie nur ein paar Fakten über Königin Elyssa in Erfahrung bringen können: Sie war hübsch, las nicht gerne und war mit achtundzwanzig verstorben. Kelsea hatte keine Ahnung wieso. Das war verbotenes Terrain. Jeder Vorstoß, den sie in diese Richtung unternommen hatte, endete immer auf die gleiche Weise – mit der kopfschüttelnden Carlin, die murmelte: »Ich habe es versprochen«. Was auch immer es war – vielleicht lief das Versprechen mit dem heutigen Tag aus. Kelsea starrte den Umschlag noch eine Weile an, bevor sie Carlins Siegel aufbrach.

Eine feine Silberkette mit einem blauen Stein fiel heraus.

Kelsea griff danach und ließ sie von ihren Fingern baumeln. Es war das exakte Pendant zu der Kette, die schon ihr ganzes Leben lang um ihren Hals lag: ein Saphir im Achtkantschliff, der fröhlich im Laternenschein glitzerte und flackernde, blaue Tupfen an die Zeltwände warf.

Noch einmal griff Kelsea in den Umschlag, um nach einem Brief oder einer kurzen Notiz zu suchen. Sie inspizierte beide Ecken. Nichts. Dann hielt sie den Umschlag ins Licht und entdeckte Carlins Handschrift unter dem Siegel, nicht mehr als ein einziges Wort.

Vorsicht.

Eine Lachsalve, die vom Lagerfeuer zu ihr herüberdrang, ließ Kelsea zusammenfahren. Mit hämmerndem Herzen lauschte sie nach den beiden Wachen vor dem Zelt, doch es war nichts mehr zu hören.

Sie nahm ihre Kette ab und hielt sie neben die andere. Beide waren bis ins kleinste Glied identisch. Das perfekte Abbild. Sie zu verwechseln wäre nur zu leicht. Rasch legte sich Kelsea ihre Kette wieder um.

Die andere hielt sie erneut ins Licht und sah verwirrt zu, wie der Stein vor- und zurückschwang. Carlin hatte ihr gesagt, jeder Thronfolger habe den Stein vom Tag seiner Geburt an getragen. Einer weit verbreiteten Legende zufolge war das Schmuckstück eine Art Talisman, der den Tod fernhalten sollte. Als Kelsea noch jünger war, hatte sie mehr als einmal daran gedacht, die Kette einfach abzulegen, doch ihr Aberglaube war stärker gewesen. Was, wenn sie auf der Stelle vom Blitz getroffen würde? Sie hatte sich schlicht nicht getraut. Von einem zweiten Schmuckstück war nie die Rede gewesen, und doch musste es die ganze Zeit über in ­Carlins Besitz gewesen sein. Geheimnisse … Alles, was mit ihrer Ziehmutter zu tun hatte, war ein Geheimnis. Kelsea hatte keinen Schimmer, weshalb man sie ausgerechnet ihr anvertraut hatte oder wer Carlin in ihrem alten Leben gewesen war. Jemand von großer Wichtigkeit, vermutete sie. Carlins ganze Haltung war viel zu erhaben für ein Cottage im Wald. Selbst Barty schien zu verblassen, wenn sie den Raum betrat.

Kelsea konzentrierte sich auf das in den Umschlag gekritzelte Wort. Vorsicht. Einmal mehr eine Mahnung, in ihrem neuen Leben achtsam zu sein? Das glaubte sie eigentlich nicht. Dazu hatte sie in den letzten Wochen schon alles gehört. Es schien wahrschein­licher, dass die neue Kette irgendwie anders war. Vielleicht sogar gefährlich. Aber inwiefern? Kelseas Exemplar hatte ganz gewiss nichts Bedroh­liches an sich, sonst hätten Barty und Carlin ihr wohl kaum befohlen, sie tagein, tagaus zu tragen.

Sie fixierte den Zwillingsstein, doch er baumelte einfach nur selbstgefällig vor ihrer Nase herum. In seinen vielen Facetten spiegelte sich der trübe Schein der Laterne. Plötzlich kam sich Kelsea albern vor, und sie ließ die Kette tief in die Brusttasche ihres Umhangs gleiten. Vielleicht würde es ihr bei Tageslicht leichter fallen, einen Unterschied zwischen den beiden Schmuckstücken auszumachen. Sie steckte den Umschlag in das Gestell der Laterne und sah zu, wie die Flammen das dicke Papier verschlangen. Dumpfer Ärger pochte in ihren Schläfen. So was schaffte nur Carlin – mehr Fragen als Antworten aufzuwerfen.

Sie streckte sich auf dem Boden aus und starrte an die Zeltdecke. Trotz der beiden Männer da draußen fühlte sie sich vollkommen allein. In jeder Nacht ihres Lebens hatte Kelsea gewusst, dass ihre Zieheltern im unteren Stockwerk saßen, Carlin mit einem Buch in der Hand und Barty mit einem Schnitzmesser oder irgendeiner Pflanze, die er gefunden hatte und nun zu einem nütz­lichen Betäubungsmittel oder Antibiotikum verarbeitete. Jetzt hingegen waren die beiden weit weg und schon Richtung Süden unterwegs.

Es gibt nur noch mich.

Wieder wurde ein verhalten polterndes Lachen vom Lagerfeuer zu ihr hinübergetragen. Kelsea erwog kurz rauszugehen und wenigstens zu versuchen, mit den Wachen ins Gespräch zu kommen, doch sie verwarf die Idee gleich wieder. Die Männer sprachen von Frauen oder Schlachten oder vielleicht von alten Kameraden … Sie würde nicht willkommen sein. Abgesehen davon hatten der Ritt und die Kälte sie erschöpft, und ihre Oberschenkelmuskeln schmerzten schrecklich. Sie blies das Licht aus und drehte sich, in Erwartung eines unruhigen Schlafs, auf die Seite.

Am nächsten Tag kamen sie langsamer voran, denn der Himmel hatte sich verdüstert. Zwar war die Luft nicht mehr so eisig wie zuvor, dafür lag ein dünner, bleicher Nebel über der Landschaft, wickelte sich um Baumstämme und wanderte in sichtbaren Wellen über den Boden. Das Land wurde flacher und die Wälder mit jeder Stunde dünner. Die Bäume wichen dichtem Gestrüpp. Immer mehr Tiere ließen sich blicken, Kelsea kannte die meisten nicht: Geschöpfe, die wie kleine Eichhörnchen aussahen, und sabbernde, hundeähn­liche Kreaturen, Wölfen gleich, wären sie nicht so zahm gewesen und beim Anblick der Reiter geflohen. Rehe hingegen waren keine zu sehen, und als der Morgen längst vorüber war, wurde Kelsea ein weiterer Grund für ihr Unbehagen bewusst: Es lag kein Vogelgesang in der Luft, nicht eine einzige Note.

Auch unter den Wachleuten schien die Stimmung gedrückt. In der Nacht war Kelsea mehrfach von dem fortwährenden Gelächter am Lagerfeuer geweckt worden, und sie hatte sich gefragt, ob die Männer je Ruhe geben und sich schlafen legen würden. Jetzt schien sich all ihre Fröhlichkeit mit dem schönen Wetter verzogen zu haben. Während der Tag voranschritt, fiel Kelsea auf, wie sich mehr und mehr Wachen umdrehten und gehetzte Blicke hinter sich warfen. Doch da war nichts außer Bäumen.

Gegen Mittag rasteten sie an einem kleinen Bach, der den Wald durchschnitt, um ihre Pferde zu tränken. Carroll zog eine Landkarte hervor, und er und ein paar Wachleute steckten die Köpfe zusammen. Aus den Bruchstücken, die Kelsea mitbekam, erfuhr sie, dass der Nebel wichtige Orientierungspunkte verbarg und ihnen daher Probleme bereitete.

Sie hinkte zu einem breiten, flachen Felsen neben dem Bach. Sich hinzusetzen bereitete ihr entsetz­liche Schmerzen. Sobald sie die Knie beugte, schien sich ihre Hüftmuskulatur von den Knochen zu lösen. Nach einigen ungeschickten Manövern gelang es ihr, sich im Schneidersitz niederzulassen, wobei sie feststellte, dass auch ihr Hintern vom stundenlangen Sitzen im Sattel wehtat.

ENDE DER LESEPROBE