Die Königin der Schatten - Verflucht - Erika Johansen - E-Book

Die Königin der Schatten - Verflucht E-Book

Erika Johansen

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Beschreibung

Die Königin der Schatten hat den Thron bestiegen, doch kann sie ihr Reich vor dem Untergang bewahren?

Seit Kelsea Glynn ihr rechtmäßiges Erbe angetreten hat, ist in Tearling ein Zeitalter der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit angebrochen. Doch mit der Roten Königin des Nachbarreiches Mortmesne hat sich Kelsea eine ebenso mächtige wie gefährliche Feindin gemacht: Unau altsam marschiert die gewaltige Mort-Armee auf die Grenzen Tearlings zu. Noch während Kelsea versucht, einen Krieg zu verhindern, den sie nicht gewinnen kann, kommt sie einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur – einem Geheimnis, das das Schicksal Tearlings für immer verändern wird . . .

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Das Buch

Nach neunzehn Jahren verborgen in den Wäldern Tearlings hat Kelsea Glynn unter großen Gefahren den Thron ihres Königreiches bestiegen. Seither sind Menschlichkeit und Gerechtigkeit die obersten Gesetze im Land: Vorbei die Zeiten, in denen ausgelost wurde, welche Bewohner Tearlings nach Mortmesne zur Roten Königin geschickt werden, um dort als Sklaven zu dienen. Doch mit ihren Entscheidungen hat sich die mutige junge Herrscherin auch Feinde gemacht. Tearlings Adel und Klerus fürchten um ihre Privilegien, und die Rote Königin ist rasend vor Zorn: Sie hat eine riesige Armee aufgestellt, die nun unaufhaltsam auf die Grenzen Tearlings zumarschiert. Um einen Krieg zu verhindern, den sie niemals gewinnen kann, muss Kelsea lernen, ihren eigenen magischen Fähigkeiten zu vertrauen und den Verlockungen ihres dunklen Erbes zu widerstehen. Dabei kommt sie einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur, das nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern die ganz Tearlings infrage stellt …

»Eine brillante Fortsetzung von Die Königin der Schatten.«

Entertainment Weekly

»Erika Johansen gelingt es auf geniale Weise, eine mittelalterliche Welt mit modernen Themen zu verbinden.«

Kirkus Reviews

»Lang lebe Königin Kelsea!«

US Weekly

»Eine Heldin, die so genial ist, dass Emma Watson sie in der Verfilmung unbedingt spielen will.«

Cosmopolitan

Die Autorin

Erika Johansen lebt in der San Francisco Bay Area, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie besuchte das Swarthmore College und wurde Anwältin. Zusätzlich absolvierte sie den renommierten Iowa Writers’ Workshop. Eine Rede Barack Obamas über die Freiheit inspirierte sie zu ihrer Fantasy-Saga Die Königin der Schatten, mit der sie sich eine riesige Fangemeinde erobert hat.

Erika Johansen

DIE KÖNIGIN DER SCHATTEN

VERFLUCHT

Roman

Aus dem Amerikanischen vonSabine Thiele

Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel

THE INVASION OF THE TEARLING

bei HarperCollins Publishers, New York.Dickens, Charles, David Copperfield, übers.

von Gustav Meyrink, Albert Langen, München 1910Marlowe, Christopher, Die besten Tragödien von Marlowe:

Doktor Faustus + Eduard II. Kindle Edition,

übers. von Wilhelm Müller, e-artnow, 2014Shakespeare, William, Maß für Maß, übers. von Erich Fried,

3. Ausgabe der Neuauflage, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008

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Copyright © 2015 by Erika Johansen

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Martina Vogl

Umschlaggestaltung: Eisele Grafikdesign, München

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-16527-7V001www.heyne.de

Jedes Kind sollte so jemanden wie Barty haben.Dieses Buch ist meinem Vater Curt Johansen gewidmet.

ERSTES BUCH

1 HALL

»Die zweite Mortinvasion trug alle Zeichen eines Gemetzels. Auf der einen Seite stand die weitaus größere Mortarmee, ausgerüstet mit den besten Waffen der Neuen Welt und angeführt von einem Mann, der vor nichts zurückschrecken würde. Auf der anderen Seite stand die Teararmee, ein Viertel so groß und mit Waffen aus billig geschmiedetem Eisen, die unter dem Aufprall von ­solidem Stahl sofort brechen würden. Die Chancen waren nicht einfach nur ungleich verteilt, sondern geradezu ­vernichtend. Für Tearling schien es keinen Ausweg aus der ­Katastrophe zu geben.«

Tearling als Militärnation, Callow der Märtyrer

ie Morgendämmerung zog rasch auf an der Grenze zu Mortmesne. Wo gerade noch ein verwaschener Blauschimmer den Horizont erleuchtet hatte, erstreckten sich schon im nächsten Moment Lichtstrahlen aus dem Osten von Mortmesne und erhellten den Himmel, der von der Oberfläche des Karczmarsees reflektiert wurde, bis sie in Flammen zu stehen schien. Erst als eine leichte Brise am Ufer leckte und die glatte Fläche aufraute, wurde dieses Bild zerstört.

Die Mortgrenze war tückisch in dieser Gegend. Niemand wusste genau, wo sie verlief. Die Mort behaupteten, der See läge auf ihrem Gebiet, doch die Tear erhoben ebenfalls Ansprüche auf das Gewässer, seit ein bekannter Forscher ihrer Nation namens Martin Karczmar den See entdeckt hatte. Karczmar hatte vor beinahe dreihundert Jahren die letzte Ruhe gefunden, doch Tearling hatte seinen wackligen Anspruch auf den See nie ganz aufgegeben. Das Gewässer selbst war von geringem Wert, voller ungenießbarer Raubfische, doch es war nach Norden und Süden weit und breit der einzige geografische Orientierungspunkt an der Grenze. Beide Königreiche waren immer begierig darauf gewesen, in dieser Sache eine Entscheidung zu treffen. Vor langer Zeit hatte man einmal über die Möglichkeit eines speziellen Abkommens gesprochen, doch seither war nicht mehr die Rede davon gewesen. Am öst­lichen und süd­lichen Rand des Sees lagen Salzebenen, die sich, durchsetzt von Schlick und Sümpfen, meilenweit nach Osten erstreckten, bevor sie in einen Wald aus Mortkiefern übergingen. Am west­lichen Seeufer wurde die Salzwüste hingegen schon nach ungefähr hundert Metern von den Grenzhügeln abgelöst, hoch aufragende, dicht mit Kiefern bewachsene Abhänge. Die Bäume erstreckten sich über die gesamten Berge, reichten auf der anderen Seite bis nach Tearling hinein und liefen in die nörd­liche Almontebene aus.

Während die steilen, bewaldeten Abhänge im Osten der Grenzhügel unbewohnt waren, beherbergten die Bergspitzen und die Westseite zahllose kleine Teardörfer. Deren Einwohner suchten auf der Almontebene nach Nahrung, doch hauptsächlich betrieben sie Viehzucht – Schafe und Ziegen – und handelten mit Wolle, Milch und Schaffleisch, meistens untereinander. Manchmal sandten sie eine schwer bewachte Lieferung nach Neulondon, wo Waren – vor allem Wolle – einen höheren Preis erzielten und die Bezahlung außerdem in Münzen erfolgte, nicht in Naturalien. Die Dörfer lagen über den gesamten Abhang verstreut: Woodend, Idyllwild, Devin’s Slope, Griffen … leichte Beute, die Bewohner waren nur mit Holzwaffen ausgerüstet und außerdem mit hinder­lichen Tieren belastet, die sie nicht zurücklassen wollten.

Colonel Hall fragte sich, wie man einen Landstrich so sehr lieben und gleichzeitig dem großen Gott dafür danken konnte, dass er einen von hier weggeführt hatte. Hall war als Sohn eines Schafzüchters im Dorf Idyllwild aufgewachsen, und der Geruch dieser Dörfer – nasse Wolle mit einer ordent­lichen Portion Dung – war ein so fester Teil seiner Erinnerung, dass er ihn sogar jetzt riechen konnte, auch wenn das nächste Dorf auf der Westseite der Grenzhügel lag, einige Kilometer entfernt und außer Sicht.

Aus Idyllwild fortgeführt hatte Hall das Schicksal – jedoch eines von der Art, das einem die eine Hand reichte und zugleich mit der anderen ein Messer hielt und zustieß. Sein Dorf lag zu weit nördlich und hatte deswegen kaum unter der ersten Mortinvasion gelitten; einige Plünderer waren eines Nachts gekommen und hatten ein paar Schafe aus einer unbewachten Koppel genommen, doch das war alles. Nach der Unterzeichnung des Mortabkommens hatten Idyllwild und die benachbarten Dörfer ein Fest gefeiert. Hall und sein Zwillingsbruder Simon hatten sich heillos betrunken und waren in einem Schweinekoben in Devin’s Slope aufgewacht. Ihr Vater hatte gesagt, ihr Dorf sei glimpflich davongekommen. Hall stimmte ihm zu, bis acht Monate später Simons Name bei der zweiten öffent­lichen Auslosung gezogen wurde.

Hall und Simon waren fünfzehn, nach Grenzgebietsverständnis bereits Männer, doch das vergaßen ihre Eltern in den nächsten drei Wochen. Mum kochte Simon seine Lieblingsspeisen; Dad befreite beide Jungen von ihren Arbeitspflichten. Am Ende des Monats brachen sie nach Neulondon auf, wie so viele andere Familien seither auch. Dad hatte weinend auf dem Kutschbock gesessen, Mum war still und verschlossen gewesen, und Hall und Simon hatten sich um aufgesetzte Fröhlichkeit bemüht.

Seine Eltern wollten nicht, dass Hall die Lieferung mit ansah. Sie ließen ihn in einem Wirtshaus auf der großen Hauptstraße zurück, mit drei Pfund und der Anweisung, bis zu ihrer Rückkehr dort zu bleiben. Doch Hall war kein Kind, weshalb er ihnen zum Festungsrasen folgte. Dad war kurz vor Aufbruch der Lieferung zusammengebrochen, sodass Hall der Einzige der Familie war, der die Abfahrt sah, während sich seine Mutter um den bewusstlosen Vater kümmerte. Nur Hall sah Simon erst in die Stadt und dann für immer aus ihrem Leben verschwinden.

Die Familie übernachtete in einem der abstoßendsten Wirtshäuser des Gut. Der unerträg­liche Gestank trieb Hall schließlich ins Freie. Er wanderte durch die Gassen, auf der Suche nach einem Pferd, das er stehlen konnte, um den Käfigen über die Mortstraße zu folgen, Simon zu befreien oder bei dem Versuch zu sterben. Vor einer der Gaststätten war ein Pferd angebunden; als er den komplizierten Knoten zu lösen versuchte, landete eine schwere Hand auf seiner Schulter.

»Was tust du da, Bengel?«

Der Mann war riesig, größer als Halls Vater, trug Rüstung und war bewaffnet. Hall dachte, dass er im nächsten Moment sterben würde, und ein Teil von ihm war froh darüber. »Ich brauche ein Pferd.«

Der Mann sah ihn aufmerksam an. »Jemand aus deiner Fa­­milie in der Lieferung?«

»Geht Euch nichts an.«

»O doch, das tut es. Das ist schließlich mein Pferd.«

Hall zog sein Messer. Es war ein Schafschurmesser, doch er hoffte, der Fremde würde dies nicht erkennen. »Ich habe keine Zeit, mich mit Euch herumzustreiten. Ich brauche Euer Pferd.«

»Steck das weg, Junge, und sei kein Dummkopf. Die Lieferung wird von acht Caden bewacht. Von denen hast du doch sicher gehört, selbst da draußen in dem Rattenloch, aus dem du kommst. Sie könnten dein mickriges kleines Messer mit den Zähnen zerbeißen.«

Der Fremde wollte nach dem Zaumzeug greifen, doch Hall hielt ihm die Klinge in den Weg. »Es tut mir leid, dass ich ein Dieb bin, aber so ist es nun mal. Ich muss gehen.«

Der Fremde musterte ihn eindringlich. »Du hast Mut, Jun­ge, das muss man dir lassen. Was bist du, ein Bauer?«

»Schäfer.«

Der Fremde überlegte noch einen Moment und sagte schließlich: »Gut, Junge, wir machen es so. Ich werde dir mein Pferd leihen. Passenderweise heißt es Gefallen. Du reitest mit ihm die Mortstraße hinunter und schaust dir die Lieferung an. Wenn du klug bist, erkennst du, dass du keine Chance hast. Dann hast du zwei Möglichkeiten: Du kannst sinnlos sterben und damit nichts erreichen. Oder du kannst umdrehen und zu den Armeeunterkünften in Wells reiten, damit wir über deine Zukunft sprechen können.«

»Was für eine Zukunft?«

»Als Soldat, Junge. Außer du willst den Rest deines Lebens nach Schafscheiße stinken.«

Hall beäugte ihn unsicher und fragte sich, ob das eine Falle war. »Was, wenn ich einfach mit Eurem Pferd davonreite?«

»Das wirst du nicht. Du besitzt Pflichtgefühl, sonst wärst du nie auf diese Schnapsidee gekommen. Außerdem habe ich eine ganze Armee von Pferden, sollte ich dich verfolgen müssen.«

Der Fremde drehte sich um und ging Richtung Schenke. Hall stand verwirrt bei dem Pferd.

»Wer seid Ihr?«, rief er ihm nach.

»Major Bermond, von der Rechten Front. Reite schnell, Junge. Und wenn meinem Pferd etwas zustößt, wird dein armseliger, schafsliebender Hintern dafür geradestehen.«

Nachdem er die ganze Nacht geritten war, holte Hall die Lieferung ein und erkannte, dass Bermond recht hatte: Sie war eine Festung. Soldaten umringten jeden Käfig, unter ihnen waren die roten Umhänge der Caden deutlich zu sehen. Hall hatte kein Schwert, doch er war auch nicht so dumm zu glauben, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Er kam nicht einmal nahe genug heran, um Simon erkennen zu können; als er versuchte, näher an die Käfige heranzureiten, schoss einer der Caden einen Pfeil ab, der ihn nur um Armeslänge verfehlte. Genau wie der Major vorausgesagt hatte.

Dennoch erwog er, die Lieferung anzugreifen und alles zu beenden, die trostlose Zukunft, die er bereits auf der Reise nach Neulondon vorhergesehen hatte, eine Zukunft, in der seine Eltern statt seiner nur den fehlenden Bruder sehen würden. Halls Gesicht wäre ihnen kein Trost, nur eine schreck­liche Erinnerung. Er verstärkte den Griff um die Zügel, bereitete sich auf einen Angriff vor, als etwas geschah, das er nie würde erklären können: Zwischen den eng gedrängten Gefangenen sah er plötzlich im sechsten Käfig Simon. Die Käfige waren zu weit weg, um alles erkennen zu können, doch er hatte seinen Bruder gesehen. Sein eigenes Gesicht. Wenn er in seinen sicheren Tod ritte, wäre nichts von Simon übrig, nichts, was an ihn erinnerte. Und dann erkannte Hall, dass es überhaupt nicht um Simon ging, sondern um seine eigenen Schuldgefühle, seine eigene Trauer. Selbstsüchtigkeit und Selbstzerstörung gingen oft Hand in Hand.

Hall wendete das Pferd, ritt zurück nach Neulondon und schloss sich der Teararmee an. Major Bermond wurde sein Förderer, und auch wenn dieser es nie zugeben würde, hatte Hall den Eindruck, dass der Major bei irgendjemandem ein gutes Wort eingelegt hatte, denn selbst während Halls erster Jahre als einfacher Soldat in der Infanterie war er nie zum Dienst bei der Lieferung herangezogen worden. Jeden Monat schickte er einen Teil seines Solds nach Hause, und auf den seltenen Reisen nach Idyllwild überraschten ihn seine Eltern, indem sie zwar barsch, aber unverkennbar stolz auf ihren Sohn, den Soldaten, waren. Er stieg rasch auf und wurde im zarten Alter von einunddreißig die rechte Hand des Generals. Es war keine befriedigende Arbeit – das Leben eines Soldaten unter dem Regenten bestand aus dem Auflösen von Streits und der Verfolgung Kleinkrimineller. Ruhm gab es keinen zu erlangen. Doch das hier …

»Sir.«

Hall sah auf und erblickte Lieutenant-Colonel Blaser, seinen Stellvertreter. Blasers Gesicht war rußverschmiert.

»Was ist?«

»Major Caffreys Signal, Sir. Wir warten auf Euren Befehl.«

»Ein paar Minuten noch.«

Die zwei Männer saßen in einem Ausguck auf der Ostseite der Grenzhügel. Halls Bataillon befand sich jetzt bereits seit einigen Wochen hier draußen und beobachtete, wie sich die dunkle Masse über die Salzebenen bewegte. Die schiere Größe der Armee verlangsamte das Vorankommen, doch mittlerweile waren alle eingetroffen, und das Lager breitete sich entlang des Südufers des Karczmarsees aus, eine schwarze Stadt, die sich bis fast zum Horizont erstreckte.

Durch das Fernglas erkannte Hall nur vier Wachposten, die in großen Abständen am Westrand des Mortlagers standen. Sie trugen dunkle Kleidung, um mit der dunklen, schlammigen Oberfläche der Salzebene zu verschmelzen, doch Hall kannte die Ufer des Sees gut, und Ausreißer waren leicht im zunehmenden Licht zu sehen. Zwei der Wachposten patrouillierten nicht einmal, sondern dösten an ihren Posten. Die Mort waren sichtlich entspannt, was sie auch sein konnten. Laut Mace’ Berichten bestand die Armee aus über zwanzigtausend Soldaten, und ihre Schwerter und Rüstungen waren aus gutem Eisen, gemischt mit Stahl. Gemessen an diesem Maßstab war die Teararmee schwach. Die Schuld lag zum Teil bei Bermond. Hall liebte den alten Mann wie einen Vater, doch dieser hatte sich zu sehr an die Friedenszeiten gewöhnt. Er reiste durch Tearling wie ein Bauer, der seine Felder inspiziert, nicht wie ein Soldat, der sich auf den Kampf vorbereitet. Die Teararmee war nicht für einen Krieg ausgerüstet, musste sich diesem nun aber trotzdem stellen.

Hall richtete seine Aufmerksamkeit wieder, wie so oft in den letzten Wochen, auf die Kanonen, die auf einem schwer befestigten Areal in der Mitte des Mortlagers standen. Hall hatte der Königin erst geglaubt, als er sie mit eigenen Augen gesehen hatte, auch wenn er nicht bezweifelte, dass sie eine Art Vision gehabt hatte. Doch jetzt brach sich das im Osten aufziehende Licht in den Eisenmustern, betonte ihre schlanke, zylindrische Gestalt, und Hall verspürte den vertrauten Ärger in sich aufsteigen. Er konnte so gut mit dem Schwert umgehen wie sonst kaum einer, doch ein Schwert hatte seine Grenzen. Die Mort versuchten, die Regeln der Kriegsführung zu verändern, die Hall sein Leben lang gekannt hatte.

»Na schön«, murmelte er, während er sein Fernglas verstaute. Ihm war nicht bewusst, dass er laut gesprochen hatte. »Dann werden wir das auch tun.«

Er stieg die Leiter aus dem Ausguck hinunter, dicht gefolgt von Blaser, und beide ließen sich die letzten Meter nach unten fallen, um dann die Anhöhe hinaufzuklettern. In den letzten zwölf Stunden hatte Hall unauffällig mehr als siebenhundert Männer, Bogenschützen und Infanterie, auf die öst­lichen Abhänge verteilt. Doch nach Wochen harter körper­licher Arbeit fiel es den Männern immer schwerer, still zu warten, vor allem im Dunkeln. Ein Zeichen gesteigerter Aktivität auf der Bergseite hätte die Mort sofort alarmiert, weshalb Hall einen Großteil der Nacht damit verbracht hatte, von Posten zu Posten zu gehen und dafür zu sorgen, dass seine Soldaten nicht aus der Haut fuhren.

Der Weg wurde steiler, bis Hall und Blaser mit den Händen zwischen den Steinen nach Halt suchen mussten und ihre Füße auf den Kiefernnadeln ausrutschten. Beide trugen dicke Lederhandschuhe und kletterten vorsichtig über das gefähr­liche Terrain. Die Felsen waren voller Spalten und kleiner Höhlen, in denen sich gern Klapperschlangen versteckten. Gemeine Biester, das Ergebnis eines jahrtausendelangen Überlebenskampfes in unwirt­licher Umgebung. Dicke, lederartige Haut machte sie beinahe unempfindlich gegen Feuer, und ihre Fänge gaben eine sorgfältig kontrollierte Dosis Gift ab. Ein falscher Griff auf diesem Abhang, und das war es. Als Hall und sein Bruder zehn Jahre alt waren, hatte Simon einmal eine Klapperschlange mit einer Käfigfalle gefangen und versucht, sie zu zähmen, doch er hatte nach weniger als einer Woche aufgegeben. Egal, wie gut er die Schlange fütterte, sie blieb wild und griff bei jeder Bewegung an. Schließlich hatten Hall und Simon sie freigelassen. Nachdem sie den Käfig geöffnet hatten, waren sie um ihr Leben die Ostseite des Berges hochgerannt. Niemand wusste, wie lange Grenzklapperschlangen lebten; Simons Exemplar könnte gut und gerne noch hier irgendwo sein und mit seinen Brüdern und Schwestern hinter den Felsen herumkriechen.

Simon.

Hall war ein kluger Mann. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder – so trainierte er seine Vorstellungskraft, damit sie nicht zu weit die Mortstraße entlangwanderte. In diesen letzten Wochen, in denen das west­liche Mortmesne sich vor ihm erstreckte, hatte Hall öfter als sonst an seinen Zwillingsbruder gedacht: Wo sich Simon wohl befand, wer sein Besitzer war, für was man ihn eingesetzt hatte? Arbeit wahrscheinlich; Simon galt als einer der besten Schafscherer auf der Westseite. Es wäre eine Verschwendung, einen solchen Mann für etwas anderes als schwere Arbeit herzunehmen. Hall sagte sich das immer wieder, doch wissen konnte er es nicht. Er dachte oft an den kleinen Prozentsatz, die Möglichkeit, dass man Simon für etwas anderes verkauft hatte.

»Verdammt.«

Blasers leiser Fluch holte Hall in die Gegenwart zurück, und er warf einen Blick über die Schulter, um sich zu versichern, dass sein Lieutenant nicht gebissen worden war. Doch Blaser war nur leicht ausgerutscht, hatte das Gleichgewicht aber schon wiedergefunden. Hall kletterte weiter und schüttelte den Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu vertreiben. Die Lieferung war eine Wunde, die die Zeit nicht heilte.

Hall erreichte die Spitze der Anhöhe, wo seine Männer auf einer Lichtung ausharrten und ihn erwartungsvoll ansahen. Im letzten Monat hatten sie rasch gearbeitet, ohne die Beschwerden, die sonst zu einem militärischen Bauprojekt dazugehörten, und waren daher so früh fertig geworden, dass Hall die gesamte Operation diverse Male proben konnte, bevor die Mortarmee überhaupt die Ebene erreicht hatte. Der Falkner, Jasper, wartete ebenfalls, seine zwölf bemützten Schützlinge saßen angekettet auf einer Stange auf dem obersten Punkt der Anhöhe. Die Habichte waren nicht billig gewesen, doch die Königin hatte aufmerksam zugehört und dann die Ausgabe genehmigt, ohne mit der Wimper zu zucken.

Hall ging hinüber zu einem der Katapulte und legte eine Hand darauf. Glühender Stolz durchfuhr ihn, als er das weiche Holz berührte. Hall liebte Mechanik und Tüfteleien. Ständig versuchte er, Dinge schneller und besser auszuführen. Als junger Soldat hatte er einen stärkeren, aber flexibleren Langbogen entwickelt, den die meisten Tearbogenschützen mittlerweile verwendeten. Als Leihgabe bei einem zivilen Bauprojekt hatte er ein pumpenbasiertes Bewässerungssystem getestet und erprobt, das jetzt Wasser vom Fluss Caddell in einen ausgetrockneten Abschnitt der süd­lichen Almontebene transportierte. Doch das hier war sein Meisterwerk: fünf ­Katapulte, jedes knapp zwanzig Meter lang, mit dicken Hebelarmen aus Teareiche und leichteren Körben aus Kiefer. Jedes Katapult konnte mindestens zweihundert Pfund schleudern, mit einer Reichweite von beinahe dreihundertsiebzig Metern in den Wind. Die Arme waren mit Seilen an den Gestellen gesichert, und zu beiden Seiten jedes Arms stand nun je ein Soldat mit einer Axt.

Bei einem Blick in den Korb des ersten Katapults sah Hall fünfzehn große, voluminöse Segeltuchbündel, die in ein tiefblaues Gewebe eingehüllt waren. Hall hatte ursprünglich Felsen schleudern wollen, wie die Belagerungskatapulte der Vorfahren, um damit einen signifikanten Anteil des Mortlagers dem Erdboden gleichzumachen. Doch diese Bündel, Blasers Idee, waren viel effektiver und die wochenlange, unangenehme Arbeit wert. Das oberste Bündel bewegte sich leicht im Wind, das Segeltuch kräuselte sich, und Hall trat einen Schritt zurück, während er eine geballte Faust in die Stille des Morgens hob. Seine Axtmänner packten ihre Waffen und legten sie sich auf die Schultern.

Blaser hatte zu summen begonnen – wie immer in angespannten Situationen, eine überaus enervierende Angewohnheit. Hall hörte mit halbem Ohr zu: »Königin von Tearling«, die Töne schief, doch erkennbar. Das Lied hatte die Männer gepackt. Hall hatte es in den letzten Wochen mehr als einmal gehört, während sie Holz abschliffen oder Klingen schärften.

Mein Geschenk für Euch, Königin Kelsea, dachte er und ließ die Hand fallen.

Äxte fuhren zischend durch die Luft, dann wurde die morgend­liche Stille durchbrochen, ein überwältigendes Krachen echote über den Abhang, als die Arme der Katapulte ihre Freiheit spürten. Einer nach dem anderen wurden sie nach oben geschleudert, wurden immer schneller auf dem Weg in den Himmel, und Halls Herz machte vor Freude einen Sprung. So hatte er sich schon gefühlt, als er als Kind seine erste Kaninchenfalle getestet hatte.

Mein Entwurf! Er funktioniert!

Die Katapultarme hatten ihren höchsten Punkt erreicht und erstarrten mit einem Knall, der über den ganzen Abhang zu hören war und die Mort aus dem Schlaf reißen würde, doch da wäre es bereits zu spät.

Hall setzte sein Fernglas an und folgte dem Weg der Bündel auf das Mortlager zu. Nachdem sie den höchsten Punkt der Flugbahn erreicht hatten, entfalteten sich fünfundsiebzig blaue Fallschirme, und ihre Segeltuchlast schaukelte unschuldig im Wind.

Das Lager war nun in heller Aufregung. Hall sah, wie bewaffnete Soldaten aus Zelten eilten, Wachposten sich in Erwartung eines Angriffs ins Lager zurückzogen.

»Jasper!«, rief er. »Noch zwei Minuten!«

Dieser nickte und begann, den Habichten ihre Hauben abzunehmen und jeden Vogel mit einem kleinen Stück Fleisch zu füttern. Major Caffrey, der ein scharfes Auge für verläss­liche Söldner hatte, hatte Jasper vor drei Wochen in einem Dorf an der Mortgrenze entdeckt. Hall mochte die Morthabichte jetzt genauso wenig wie als Kind, als die Vögel auf der Suche nach leichter Beute über die Bergseite schwebten, doch er musste Jaspers Geschick mit seinen Schützlingen bewundern. Die Vögel beobachteten ihren Herrn aufmerksam mit zur Seite gelegten Köpfen, wie Hunde, die darauf warteten, dass ihr Herrchen einen Stock warf.

Ein Warnruf erklang aus dem Mortlager. Man hatte die Fallschirme entdeckt, die jetzt schneller herabsanken, als der Luftwiderstand nachließ. Hall verfolgte das Treiben durch sein Fernglas und zählte leise, als das erste Bündel hinter einem der Zelte verschwand. Zwölf Sekunden vergingen bis zum ersten Schrei.

Weitere Fallschirme sanken auf das Lager herab. Einer landete auf einem Nachschubwagen, und Hall beobachtete fasziniert, wie die Seile erschlafften. Das Bündel erzitterte einen Moment, dann sprang es auf, als fünf wütende Klapperschlangen erkannten, dass sie frei waren. Ihre gefleckten Körper schlängelten sich über die Spieße und Pfeile, glitten vom Wagen und verschwanden außer Sicht.

Schreie hallten über den Berg, und in weniger als einer Minute hatte sich Chaos im Lager ausgebreitet. Soldaten rannten ineinander, halb bekleidete Männer stachen panisch mit Schwertern auf ihre eigenen Füße ein. Manche versuchten, in die Höhe zu klettern, auf die Wagen und Zelte, einige sogar auf den Rücken eines Kameraden. Die meisten flohen jedoch verzweifelt aus dem Lager. Offiziere brüllten vergeblich Befehle, doch die Panik hatte die Soldaten fest im Griff, und die Mortarmee strömte zu allen Seiten weg von den Zelten und floh nach Westen Richtung Grenzhügel oder nach Osten und Süden über die Ebene. Manche rannten sogar kopflos Richtung Norden ins flache Uferwasser des Karczmarsees. Sie hatten weder Rüstung noch Waffen dabei; einige waren splitterfasernackt, nicht wenige Wangen waren noch mit Rasierschaum bedeckt.

»Jasper!«, rief Hall. »Jetzt!«

Einen nach dem anderen lockte Jasper seine Habichte auf den dicken Lederhandschuh, der seinen Arm vom Daumen bis zur Schulter umhüllte, und schickte sie in die Luft. Halls Männer beobachteten die Vögel angespannt, während diese an Höhe gewannen, doch die Tiere waren gut trainiert – sie ignorierten die Tearsoldaten und schwebten den Abhang hinunter auf das Mortlager zu. Sie tauchten direkt in den Strom der Männer, die aus den süd­lichen und öst­lichen Bereichen des Lagers rannten. Im Fall öffneten sie die Klauen, und Hall sah, wie das erste Tier den Hals eines Fliehenden packte, der nur eine halb zugeknöpfte Hose trug. Der Vogel riss die Halsschlagader heraus, und ein feiner Blutnebel färbte das morgend­liche Sonnenlicht rot.

Auf der Westseite des Lagers rannten die Mortsoldaten panisch auf die Bäume am Fuß der Hügel zu. Doch fünfzig Tearbogenschützen saßen in den Baumwipfeln, und die Mort fielen in Scharen zu Boden, ihre Körper zersiebt von Pfeilen. Neue Schreie ertönten vom See – die Männer, die dort Schutz gesucht hatten, hatten ihren Irrtum eingesehen und rannten jetzt, heulend vor Schmerz, zurück an Land. Hall lächelte leicht nostalgisch. Sich in den See zu wagen war eine Mutprobe unter den Kindern von Idyllwild, und Hall hatte immer noch die Narben an den Beinen als Beweis.

Ein Großteil der Mortarmee hatte das Lager mittlerweile verlassen. Hall warf einen bedauernden Blick auf die zehn Kanonen, die vollkommen unbewacht waren. Doch es gab keine Möglichkeit, zu ihnen zu gelangen. Überall schlängelten sich Klapperschlangen zwischen den Zelten hindurch, auf der Suche nach einem Nistplatz. Er fragte sich, wo sich General Genot befand, ob er mit seinen Männern geflohen oder unter den vielen Leichen am Fuß des Hügels war. Hall hatte einen gesunden Respekt vor Genot entwickelt, doch er kannte die Grenzen des Mannes – ganz ähn­liche, unter denen auch Bermond litt. Genot wollte einen ruhigen und rationalen Krieg. Übermäßige Tapferkeit oder vernichtende Inkompetenz erlaubte er nicht. Und doch wusste Hall, dass jede Armee voll solcher Anomalien war.

»Jasper!«, rief er. »Deine Vögel haben gute Arbeit geleistet. Hol sie zurück.«

Jasper stieß einen langen, durchdringenden Pfiff aus und wartete, während er die Riemen des Lederhandschuhs fester zog. Innerhalb von Sekunden schwebten die Habichte auf die Tearsoldaten zu und kreisten über dem Abhang. Jasper pfiff in unregelmäßigen Abständen, jedes Mal einen unterschied­lichen Ton, und einer nach dem anderen ließen sich die Vögel auf seinem Unterarm nieder, wo er sie mit Kaninchenfleisch belohnte, bevor er ihnen die Haube wieder überzog und sie auf ihre Stange setzte.

»Holt die Bogenschützen«, befahl Hall Blaser. »Und findet Emmett. Er soll Boten an den General und die Königin schicken.«

»Mit welcher Nachricht, Sir?«

»Sagt ihnen, ich habe uns Zeit gekauft. Mindestens zwei Wochen, bis die Mortarmee sich wieder organisiert hat.«

Blaser entfernte sich, und Hall starrte wieder auf den Karczmarsee, eine blendende Fläche roten Feuers in der aufgehenden Sonne. Der Anblick, der ihn als Kind mit Sehnsucht erfüllt hatte, erschien ihm heute wie eine schreck­liche Warnung. Die Mort waren versprengt, ja, doch nicht für lange Zeit, und wenn Halls Männer diese Bergseite verloren, konnte nichts die Mort daran hindern, Bermonds sorgfältig aufgebaute Verteidigungslinien zu durchbrechen. Auf der anderen Seite der Hügel erstreckte sich die Almontebene: Tausende von Quadratkilometern flaches Land mit wenig Raum für Manöver, die Farmen und Dörfer isoliert und wehrlos. Die Mort verfügten über viermal mehr Männer, zweimal so viele und bessere Waffen, und wenn sie es auf die Almontebene schafften, dann gab es nur einen mög­lichen Ausgang: Gemetzel.

Ewen war schon seit einigen Jahren der Gefängniswärter der Festung, seit sein Vater in den Ruhestand gegangen war, und in all dieser Zeit hatte er nie einen Gefangenen gehabt, den er für wahrhaft gefährlich gehalten hätte. Die meisten waren Männer gewesen, die dem Regenten widersprochen hatten, und die kamen normalerweise zu ausgehungert und geprügelt in den Kerker, um mehr zu tun, als in ihre Zellen zu wanken und dort zusammenzubrechen. Einige von ihnen waren unter Ewens Aufsicht gestorben, auch wenn Dad ihm gesagt hatte, dass ihn keine Schuld traf. Ewen hatte es nicht gefallen, die kalten Leichen auf den Pritschen zu finden, doch den Regenten schien es nicht zu kümmern. Eines Nachts war der Regent sogar selbst hinunter in den Kerker gekommen, eine seiner Frauen hinter sich herziehend, eine Rothaarige, die so schön war, dass sie aus einem von Dads Märchen zu stammen schien. Doch um ihren Hals hatte ein Seil gelegen. Der Regent hatte sie selbst in eine Zelle geführt und sie dabei die ganze Zeit beschimpft. Ewen hatte er angeknurrt: »Kein Wasser oder Essen! Sie kommt hier erst wieder raus, wenn ich es sage.«

Ewen wollte keine Frau als Gefangene. Sie sprach nicht und weinte auch nicht, sondern blickte nur versteinert an ihre ­Zellenwand. Ewen hatte die Anweisungen des Regenten ignoriert und ihr trotzdem Wasser und Essen gebracht. Er sah, dass das Seil um ihren Hals ihr Schmerzen bereitete, und schließlich, als er es nicht länger ertrug, ging er hinein und lockerte die Schlinge. Er wünschte, er wäre ein Heiler, der den Ring aus rotem, rohem Fleisch um ihre Kehle heilen könnte, doch Dad hatte ihm nur die Grundbegriffe der Ersten Hilfe beigebracht, für Schnitte und so etwas. Sein Vater hatte immer Geduld mit ihm und seinem langsamen Denken gehabt, auch wenn es dadurch Probleme gegeben hatte. Doch man musste nicht übermäßig intelligent sein, um eine Frau eine Nacht am Leben zu erhalten, und Dad wäre enttäuscht gewesen, hätte Ewen hier versagt. Als der Regent die Frau am nächsten Tag abholte, war Ewen zutiefst erleichtert gewesen. Der Regent hatte sich bei ihr entschuldigt, doch die Frau war aus dem Kerker gerauscht, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Seit die neue Königin auf dem Thron saß, hatte Ewen nicht mehr viel zu tun. Sie hatte alle Gefangenen des Regenten freigelassen, was ihn verwirrt hatte, doch Dad hatte erklärt, dass der Regent gern Männer in den Kerker werfen ließ, weil sie etwas gesagt hatten, was ihm nicht gefiel. Die Königin ließ nur Männer einsperren, wenn sie etwas Schlechtes getan hatten. Dad sagte, das sei vernünftig, und nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, beschloss Ewen, dass sein Vater recht hatte.

Vor siebenundzwanzig Tagen (Ewen hatte es in seinem Buch verzeichnet) waren drei Wachen der Königin mit einem gefesselten Gefangenen in den Kerker gestürmt, einem grauhaarigen Mann, der erschöpft aussah, aber unverletzt wirkte, wie Ewen dankbar feststellte. Die drei Wachen warteten nicht auf seine Erlaubnis, als sie den Gefangenen durch die offene Tür von Zelle drei schoben, doch Ewen nahm es ihnen nicht übel. Er war den Wachen der Königin noch nie so nahe gewesen, sein Dad hatte ihm aber alles darüber erzählt: Sie beschützten die Königin vor Gefahr. Für Ewen klang das wie die beste und wichtigste Aufgabe auf der Welt. Er war dankbar, der oberste Gefängniswärter zu sein, doch wenn er nur ein wenig klüger gewesen wäre, dann wäre er am liebsten einer dieser großen, harten Männer in ihren grauen Umhängen gewesen.

»Behandel ihn gut«, ordnete der Anführer, ein Mann mit einem roten Haarschopf, an. »Befehl der Königin.«

Auch wenn ihn die Haare des Wächters faszinierten, versuchte Ewen, ihn nicht anzustarren, denn er mochte es auch nicht, wenn die Leute das bei ihm taten. Er verschloss die Zelle und sah, dass der Gefangene sich bereits auf die Pritsche gelegt und die Augen geschlossen hatte.

»Wie heißt er, und was ist sein Verbrechen, Sir? Ich muss es in das Buch eintragen.«

»Sein Name ist Javel, sein Verbrechen Hochverrat.« Der rothaarige Anführer starrte einen Moment durch das Zellengitter, dann schüttelte er den Kopf. Ewen sah zu, wie die Männer zur Treppe stapften, hörte ihre leiser werdenden Stimmen im Gang.

»Ich würde ihm die Kehle durchschneiden lassen.«

»Glaubst du, er ist bei dem Dummkopf sicher?«

»Das ist eine Sache zwischen der Königin und Mace.«

»Er muss sich auf seine Arbeit verstehen. Noch nie ist je­­mand entkommen.«

»Dennoch kann sie nicht für immer einen Idioten als Kerkermeister beschäftigen.«

Ewen zuckte bei dem Wort zusammen. Früher, bevor er so groß geworden war, hatte man ihn oft so genannt, und er hatte gelernt, es an sich abprallen zu lassen, doch von einem Wächter der Königin schmerzte es mehr. Und jetzt musste er über etwas Neues, Schreck­liches nachdenken: die Möglichkeit, ersetzt zu werden. Als Dad in den Ruhestand gegangen war, hatte er direkt mit dem Regenten gesprochen und dafür gesorgt, dass Ewen bleiben konnte. Doch Ewen glaubte nicht, dass sein Vater je mit der Königin gesprochen hatte.

Der neue Gefangene, Javel, war eine der leichtesten Aufgaben, die Ewen je zu bewältigen gehabt hatte. Er sprach kaum ein Wort, höchstens, um Ewen mitzuteilen, wenn er seine Mahlzeit beendet hatte oder Wasser oder eine Leerung seines Eimers benötigte. Lange Stunden vergaß Ewen sogar Javels Anwesenheit, doch er konnte auch an kaum etwas anderes denken als seine mög­liche Entlassung. Was würde er in diesem Fall tun? Er konnte sich nicht einmal überwinden, seinem Dad zu sagen, wie ihn der Wachmann der Königin genannt hatte. Dad sollte es nicht wissen.

Fünf Tage nach Javels Ankunft im Kerker marschierten drei weitere Wachen der Königin die Treppen hinunter. Einer von ihnen war Lazarus, ein Mann, der selbst Ewen bekannt war, der seinen Arbeitsplatz kaum verließ. Sein Dad hatte ihm viele Geschichten über Mace erzählt, der angeblich von Feen abstammte und den kein Gitter halten könnte. (»Der Albtraum eines jeden Gefängniswärters, Ew!«, kicherte Dad in seinen Tee.) Wenn die anderen Wachen der Königin schon beeindruckend gewesen waren, dann war es Mace zehnmal so sehr, und Ewen musterte ihn so genau, wie er es nur wagte. Der Captain der Königinnengarde in seinem Kerker! Er konnte es kaum erwarten, es seinem Vater zu erzählen.

Die anderen zwei Wachen trugen zwischen sich einen Mann wie einen Sack Getreide, und nachdem Ewen Zelle eins aufgeschlossen hatte, warfen sie ihn auf die Pritsche. Mace betrachtete den Gefangenen lange, dann straffte er die Schultern, räusperte sich tief und spuckte einen großen Klumpen gelben Schleim aus, der mitten auf der Wange des Mannes landete.

Ewen fand das nicht nett; was auch immer der Gefangene verbrochen hatte, er hatte doch sicher genug gelitten. Er war eine jämmer­liche, verschrumpelte Gestalt, ausgehungert und dehydriert. Schlamm war in den breiten Striemen auf seinen Beinen und seiner Brust getrocknet. Seine Handgelenke wiesen ebenfalls tiefe rote Einschnitte auf. Man hatte ihm dicke Haarbüschel ausgerissen, die Kopfhaut darunter war blutig verschorft. Ewen konnte sich kaum vorstellen, was ihm zugestoßen sein mochte.

Mace wandte sich an Ewen und schnippte mit den Fingern. »Kerkermeister!«

Ewen trat vor und versuchte, sich zu voller Größe aufzurichten. Dad hatte Ewen aus genau diesem Grund als seinen Lehrling ausgewählt, auch wenn seine Brüder klüger waren: Er war groß und stark. Doch er reichte Lazarus trotzdem nur bis zur Nase. Er fragte sich, ob Mace wusste, dass er langsam im Kopf war.

»Kerkermeister, passt besonders gut auf diesen hier auf. Kein Besuch. Keine kleinen Ausflüge aus der Zelle, um sich Bewegung zu verschaffen. Nichts.«

»Ja, Sir«, antwortete Ewen mit weit aufgerissenen Augen und sah den Wachen nach, wie sie den Kerker verließen. Dieses Mal nannte ihn niemand einen Idioten, doch erst als sie außer Sichtweite waren, fiel Ewen ein, dass er vergessen hatte, nach dem Namen und dem Verbrechen des Mannes für sein Buch zu fragen. Dumm! Mace würde so etwas bestimmt bemerken.

Am nächsten Tag war Dad zu Besuch gekommen. Ewen kümmerte sich gerade so gut wie möglich um den neuen Gefangenen, auch wenn dessen Wunden nur die Zeit oder Magie heilen konnten. Dad hatte einen Blick auf den Mann auf seiner Pritsche geworfen und wie Lazarus ausgespuckt.

»Mach dir nicht die Mühe, diesen Bastard zu heilen, Ew.«

»Wer ist er?«

»Ein Zimmermann.« Dads kahler Kopf hatte geglänzt, selbst im düsteren Fackellicht, und Ewen sah bestürzt, dass die Haut auf seiner Stirn dünner wurde, wie Leinen. Selbst Dad würde irgendwann sterben, das wusste Ewen an einem dunklen Ort weit hinten in seinem Geist. »Ein Baumeister.«

»Was hat er gebaut, Dad?«

»Käfige«, hatte sein Vater knapp geantwortet. »Sei sehr vorsichtig, Ewen.«

Ewen sah sich verwirrt um. Der Kerker war voller Käfige. Doch Dad schien nicht darüber reden zu wollen, weshalb Ewen die Informationen in seinem Kopf ablegte, zusammen mit den anderen Rätseln, die er nicht verstand. Manchmal konnte er eines davon lösen, zumeist, wenn er es nicht gezielt versuchte, und das war ein großartiges und außergewöhn­liches Gefühl; seiner Vorstellung nach so, wie Vögel sich fühlen mussten, wenn sie über den Himmel schwebten. Doch egal wie lange er den Mann in der Zelle anstarrte, es wollten ihm keine Antworten einfallen.

Danach dachte Ewen, er sei auf jeden vorbereitet, der zu ihm in den Kerker käme, doch er hatte unrecht. Vor zwei Tagen hatten zwei Männer in den schwarzen Uniformen der Teararmee eine Frau zwischen sich hereingeschleppt. Keine elegante Dame wie die Rothaarige des Regenten – diese hier spuckte und trat um sich und verfluchte die zwei Männer, die sie an den Armen gepackt hielten. Ewen hatte so jemanden wie sie noch nie gesehen. Sie schien vollkommen weiß zu sein, von Kopf bis Fuß, als ob ihr Fleisch all seine Farbe verloren hätte. Selbst ihr Kleid war weiß, auch wenn Ewen dachte, dass es vielleicht einmal hellblau gewesen sein könnte. Sie sah aus wie ein Geist. Die Soldaten versuchten, sie durch die Tür von Zelle zwei zu schieben, doch sie klammerte sich an den Gitterstäben fest.

»Mach es nicht schlimmer als nötig«, keuchte der größere Soldat.

»Du kannst mich mal, du weiche Krabbe!«

Der Soldat hielt weiter geduldig ihre Hände gepackt und versuchte, ihre ans Gitter geklammerten Finger aufzubiegen, während der andere Soldat sie in die Zelle schieben wollte. Ewen hielt sich im Hintergrund, da er nicht wusste, ob er sich einmischen sollte. Der Blick der Frau fiel auf ihn, und ihm wurde eiskalt. Ihre Iris war rosa umrandet, doch tief in der Mitte lag ein Blau, das hell wie Eis glitzerte. Ewen sah etwas Schreck­liches darin, etwas Animalisches und Krankes. Die Frau öffnete den Mund, und Ewen wusste schon, was sie sagen würde.

»Ich weiß alles über dich, Junge. Du bist der Schwachkopf.«

»Hilf uns endlich mal, um Himmels willen!«, knurrte einer der Soldaten.

Ewen sprang vor. Er wollte die Geistfrau nicht berühren, weshalb er sie am Kleid packte und sie nach hinten zu ziehen begann. Nachdem beide Soldaten ihre Finger von den Gitterstäben gelöst hatten, stießen sie sie in die Zelle, wo sie erst gegen die Pritsche und dann zu Boden fiel. Ewen schaffte es gerade noch, die Tür zu versperren, als sie sich schon gegen die Gitterstäbe warf und die drei Männer mit noch mehr Beschimpfungen bedachte.

»Himmel, was für ein Auftrag«, murmelte einer der Soldaten. Er wischte sich über die Stirn, wo ein Muttermal wie ein kleiner Pilz wuchs. »Eingesperrt sollte sie dir aber nicht allzu viele Probleme machen. Sie ist blind wie ein Maulwurf.«

»Pass nur auf, wenn die Eule auf die Jagd geht«, meinte der andere, und die beiden lachten.

»Wie heißt sie, und was ist ihr Verbrechen?«

»Brenna. Ihr Verbrechen …« Der Soldat mit dem Muttermal sah seinen Freund an. »Schwer zu sagen. Hochverrat, wahrscheinlich.«

Ewen notierte alles in seinem Buch, und die Soldaten verließen fröhlich den Kerker, nachdem ihre Arbeit nun getan war. Sie hatten gesagt, die Geistfrau sei blind, doch Ewen merkte schnell, dass das nicht stimmte. Wenn er sich bewegte, drehte sie den Kopf, und ihre blau-rosa Augen folgten ihm durch den Kerker. Wenn er aufsah, starrte sie ihn mit zu einem schreck­lichen Lächeln verzerrten Mund an. Ewen brachte den Gefangenen normalerweise das Essen in die Zellen, denn er war zu groß, als dass ein unbewaffneter Mann ihn hätte überwältigen können. Doch jetzt war er froh über die kleine Klappe in der Zellentür, durch die er das Tablett mit dem Essen der Frau schieben konnte. Er wollte die tröst­lichen Gitterstäbe zwischen ihr und sich wissen. Zelle zwei war die beste Zelle für gefähr­liche Gefangene, da sie direkt gegenüber von Ewens kleiner Unterkunft lag. Außerdem hatte er einen leichten Schlaf. Doch als es Zeit war, ins Bett zu gehen, fand er unter ihrem durchdringenden Blick keine Ruhe, weshalb er schließlich seine Pritsche in eine Ecke stellte, sodass die Tür ihm die Sicht auf die Zellen versperrte. Dennoch spürte er die Anwesenheit der Frau, schlaflos und heimtückisch, selbst im Dunklen, und seither schlief er nur leicht und wachte oft auf.

Heute Abend, nachdem Ewen sein Mahl beendet und die leeren Zellen auf Ratten oder Fäule inspiziert hatte (er fand weder noch, da er die Zellen jeden zweiten Tag gründlich reinigte), setzte er sich an seine Bilder. Er versuchte ständig zu malen, was er sah, doch es gelang ihm nie. Es schien so einfach zu sein, mit dem richtigen Papier und guter Farbe und Pinseln – Dad hatte sie ihm zu seinem letzten Geburtstag geschenkt –, doch die Bilder entflohen ihm immer zwischen seinen Gedanken und dem Papier. Ewen verstand den Grund dafür nicht, doch so war es. Er versuchte gerade, Javel zu malen, den Gefangenen in Zelle drei, als die Tür am Kopf der Treppe aufgestoßen wurde.

Kurz war Ewen erschrocken und fürchtete einen Gefängnisausbruch. Dad hatte ihn davor gewarnt, die schlimmste Schande, die einem Kerkermeister zustoßen konnte. Zwei Soldaten waren vor der Tür zur Treppe postiert, doch Ewen war ganz allein hier unten im Kerker. Er wusste nicht, was er tun würde, falls sich jemand gewaltsam Zugang verschafft hatte. Er packte das Messer auf seinem Tisch.

Doch auf das Krachen der Tür folgten viele Stimmen und Schritte – so unerwartete Geräusche, dass Ewen nur an seinem Tisch sitzen und abwarten konnte, wer den Gang entlangkam. Kurz darauf betrat eine Frau den Kerker, eine große Frau mit kurz geschnittenem braunem Haar und einer silbernen Krone auf dem Kopf. Zwei große blaue Juwelen hingen an dünnen, glänzenden Silberketten um ihren Hals, und bei ihr waren fünf Wachen der Königinnengarde. Ewen überdachte die Situation ein paar Sekunden, dann sprang er auf: die Königin!

Sie blickte als Erstes durch die Gitterstäbe von Zelle drei. »Wie geht es Euch, Javel?«

Der Mann auf der Pritsche sah mit leeren Augen auf. »Gut, Majestät.«

»Sonst habt Ihr nichts zu sagen?«

»Nein.«

Die Königin legte die Hände in die Hüften und schnaubte, ein Laut der Enttäuschung, den Ewen von seinem Vater wiedererkannte, dann ging sie hinüber zu Zelle eins zu dem verwundeten Mann.

»Was für ein jämmerlich aussehendes Wesen.«

Mace lachte. »Man hat ihn hart angefasst, Lady. Vielleicht etwas härter, als es selbst mir hätte einfallen können. Die Dorfbewohner in Devin’s Slope haben ihn festgehalten, als er versuchte, seine Zimmermannsdienste gegen Essen einzutauschen. Sie haben ihn für die Fahrt nach Neulondon an den Wagen gebunden, und als er schließlich zusammenbrach, haben sie ihn den Rest des Weges gezogen.«

»Ihr habt die Dorfbewohner bezahlt?«

»Alle zweihundert, Majestät. Das ist ein großer Glücksfall, denn wir brauchen die Loyalität der Grenzdörfer, und das Geld wird Devin’s Slope sicher ein Jahr über Wasser halten. Da draußen bekommen sie nicht oft Münzen zu Gesicht.«

Die Königin nickte. Sie sah überhaupt nicht aus wie die Königinnen in Dads Geschichten, die immer hübsche, junge Frauen waren wie die Rothaarige des Regenten. Diese Frau wirkte … hart. Vielleicht durch ihr Haar, das so kurz wie das eines Mannes war. Oder vielleicht war es auch die Art, wie sie mit gespreizten Füßen dastand, eine Hand klopfte ungeduldig auf die Hüfte. Ewen musste an einen Lieblingssatz seines Vaters denken: Sie sah aus wie jemand, den man nicht an der Nase herumführen konnte.

»Bannaker!« Die Königin schnippte mit den Fingern in Richtung des Mannes auf der Pritsche.

Der Gefangene stöhnte und legte die Hände an den Kopf. Die Wunden an seinen Armen hatten zu heilen begonnen, doch er wirkte immer noch sehr schwach, und trotz der Worte seines Vaters empfand Ewen einen Moment lang Mitleid.

»Lasst es, Lady«, sagte Mace. »Ihr werdet noch lange nichts aus ihm herausbekommen. Der Geist eines Menschen wird von einer solchen Reise gebrochen. Was normalerweise auch das Ziel ist.«

Die Königin sah sich im Kerker um, bis ihr Blick aus tiefgrünen Augen auf Ewen fiel, der diesen aufmerksam erwiderte. »Seid Ihr mein Kerkermeister?«

»Ja, Majestät. Ewen.«

»Öffnet diese Zelle.«

Ewen trat vor und suchte nach dem richtigen Schlüssel an seinem Gürtel. Er war froh, dass sein Dad sie gekennzeichnet hatte, sodass er den Schlüssel mit der großen 1 darauf leicht fand. Er wollte diese Frau nicht warten lassen. Einmal im Monat ölte er die Schlösser, genau wie sein Vater ihn angewiesen hatte, und dankbar fühlte er, wie sich der Schlüssel geschmeidig drehen ließ, ohne Quietschen oder Stocken. Er trat zurück, als die Königin mit einigen Wachen die Zelle be­­trat. Zu einem von ihnen, einem Mann mit häss­lichen, abgebrochenen Zähnen, sagte sie: »Richtet ihn auf.«

Der große Wachmann zog den Gefangenen von seiner Pritsche und packte ihn im Nacken, sodass er mit den Füßen gerade noch den Boden berührte.

Die Königin versetzte dem Gefangenen einen Schlag ins Gesicht. »Seid Ihr Liam Bannaker?«

»Der bin ich«, antwortete der Mann gurgelnd mit leiser, tiefer Stimme. Seine Nase hatte zu bluten begonnen, und bei diesem Anblick zuckte Ewen zusammen. Warum waren sie so hart zu dem Mann?

»Wo ist Arlen Thorne?«

»Ich weiß es nicht.«

Die Königin sagte ein böses Wort, eines, für dessen Wiederholung Dad Ewen einmal eine Tracht Prügel verpasst hatte. Mace schaltete sich ein. »Wer hat Euch geholfen, die Käfige zu bauen?«

»Niemand.«

Mace wandte sich an die Königin, und Ewen sah fasziniert zu, wie sie sich in die Augen sahen. Sie sprachen miteinander … ohne den Mund dabei zu öffnen!

»Nein«, murmelte die Königin schließlich. »Wir werden damit jetzt nicht anfangen.«

»Lady …«

»Ich habe nicht gesagt, dass es nie geschehen wird, Lazarus. Aber nicht bei einer so kleinen Chance auf Gegenleistung wie dieser hier.«

Sie trat aus der Zelle und bedeutete ihren Wachen, ihr zu folgen. Der große Gardist warf den Gefangenen zurück auf seine Pritsche, wo dieser pfeifend und mühsam wie ein Akkordeon nach Atem rang. Ewen fühlte Mace’ prüfenden Blick auf sich und verschloss die Zelle sofort hinter den Männern.

»Und Ihr«, bemerkte die Königin und ging zu Zelle zwei, in der die Frau eingesperrt war. »Ihr seid der wahre Preis, nicht wahr?«

Die Geistfrau kicherte, ein Laut wie Metall auf Glas. Ewen wollte sich die Ohren zuhalten. Die Frau grinste die Königin an und zeigte dabei verfaulte Zähne im Unterkiefer. »Wenn mein Meister kommt, wird er Euch bestrafen, weil Ihr uns voneinander ferngehalten habt.«

»Warum ist er Euer Meister?«, fragte die Königin. »Was hat er je für Euch getan?«

»Er hat mich gerettet.«

»Ihr seid eine Närrin. Er hat Euch im Stich gelassen, um seine eigene Haut zu retten. Ihr seid nichts weiter als beweg­liches Gut für einen Sklavenhändler.«

ENDE DER LESEPROBE