Die Königin der Toten: Hexenblut 3 - Michael White - E-Book

Die Königin der Toten: Hexenblut 3 E-Book

Michael White

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Beschreibung

Lee hat der Blutgöttin eine Niederlage zugefügt, doch die Göttin ist noch längst nicht besiegt und will nun die Macht über den Tod selbst an sich reißen Daher schließen Lee und ihre alte Feindin Catherine einen Pakt, um die Göttin endgültig zu vernichten In einer uralten Bergfeste entbrennt das letzte Gefecht, das Lee schließlich an die Ufer des Totenflusses führen wird. Dort wartet der Fährmann - und er wird nur diejenige zur Königin der Toten krönen, die seinen Preis bezahlen kann. Doch wer ist im Besitz des Blutes der Engel und Dämonen, das der Fährmann begehrt? Wer lebt? Wer stirbt? Wer besteigt den Knochenthron? Im dritten und finalen Band der Hexenblut-Reihe werden alle Fragen beantwortet! Die ersten beiden Bände der Reihe, 'Die Fährte der Toten' und 'Die Rache der Toten' sind ebenfalls als Ebook erhältlich!

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Michael White

Die Königin der Toten: Hexenblut 3

Die Königin der Toten Michael White  © 2020 Michael WhiteSelbstverlag Martin Bä[email protected] Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Die Königin der Toten

Michael White

© 2020 Michael White

Selbstverlag Martin Bäumer

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Inhaltsverzeichnis

Prolog 4

Teil 1 / Die Würmer der Erde 7

Kapitel 1 8

Kapitel 2 18

Kapitel 3 27

Kapitel 4 48

Kapitel 5 53

Kapitel 6 61

Kapitel 7 70

Kapitel 8 85

Kapitel 9 98

Kapitel 10 102

Kapitel 11 105

Kapitel 12 109

Kapitel 13 119

Kapitel 14 123

Kapitel 15 131

Kapitel 16 138

Kapitel 17 150

Kapitel 18 154

Kapitel 19 173

Kapitel 20 177

Kapitel 21 186

Teil 2 / Das Blut der Götter 190

Kapitel 22 191

Kapitel 23 197

Kapitel 24 201

Kapitel 25 208

Kapitel 26 213

Kapitel 27 218

Kapitel 28 222

Kapitel 29 228

Kapitel 30 239

Kapitel 31 246

Kapitel 32 251

Kapitel 33 255

Kapitel 34 259

Kapitel 35 267

Kapitel 36 271

Kapitel 37 276

Kapitel 38 280

Kapitel 39 282

Epilog 285

Prolog

Die Nacht ist kalt, und in der Luft hängt der Geruch von Schnee, als sich der alte Marek torkelnd auf den Heimweg macht. Elsa hat ihn herausgeworfen, obwohl er noch Geld für einen letzten Schnaps gehabt hätte, aber sie wollte ihren Laden zu machen und hat wohl auch einfach die Nase voll von seinem Gerede. Dabei weiß sie so gut wie er, dass etwas geschieht oben im Schloss.

Etwas Falsches. Böses. Krankhaftes.

Es ging los in der Nacht auf Allerheiligen, als die Würmer der Erde zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ihr Lied anstimmten. Es kam ihm vor, als sei er der einzige gewesen, der ihren Gesang vernahm, und so vertraute er sich Elsa an, die schließlich einer alten Linie von Hexenweibern entstammte. Doch sie lachte ihn nur aus und meinte, der Schnaps sei ihm jetzt wohl endgültig zu Kopf gestiegen. Aber der Ton ihrer Stimme war einen Tick zu schrill, und er konnte ihre Angst spüren. Sie wusste wie er, dass etwas im Begriff war zu erwachen, und er ließ nicht ab von dem Thema, bis sie ihm zu verstehen gab, dass er ein alter Säufer sei und sich nicht um Dinge kümmern solle, die ihn nichts angingen und dass er einfach den Mund halten solle.

Und den Mund hielt er seitdem, zumal ihm Emil, der Dorfälteste, Prügel angedroht hatte, wenn er weiterhin solche Ammenmärchen verbreiten würde. Außerdem verstummten die Gesänge, und Marek vergaß die ganze Sache wieder.

Doch dann ergriff die Frau vom Schloss Besitz. Niemand kannte sie, doch einige begannen zu tuscheln, dass sie kein Mensch sei, sondern eine Dämonin, die unter dem Schloss eines der sieben Tore zur Hölle öffnen wolle.

Emil war außer sich gewesen, als er davon hörte, denn die neue Besitzerin ließ umfangreiche Arbeiten am Schloss vornehmen, was den Handwerkern im Dorf ein hübsches Sümmchen einbrachte. Auch wenn sie sich dafür jeden Tag fast in die Hose machten, weil die Frau ihnen eine Heidenangst einjagte. Als dann noch das Geraune aufkam, dass es sich bei dem Weibsbild um einen Vampyr handle, kniffen ein paar fast den Schwanz ein, und Emil wollte sich bereits Marek vorknöpfen, doch Marek konnte ihn mit Mühe und Elsas Hilfe davon überzeugen, dass diese Gerüchte nicht von ihm in die Welt gesetzt worden seien. Na ja, nicht von ihm allein zumindest.

Denn die Würmer der Erde sind nicht einfach nur ein Mythos, und alle Alten in diesem Landstrich wissen das. Auch Marek, Emil und Elsa. Warum sonst bringen sie Knoblauchsträuße, Heiligenbilder und das Zeichen gegen den bösen Blick über den Türen und Fenstern an?

Nein, die Würmer sind hier, denkt Marek, seit Anbeginn der Zeit, und sie werden bleiben, bis das fahle Auge der Sonne sich irgendwann schließt und die Erde verdorren wird. Dann werden sie weiterziehen, um sich anderswo eine Heimstatt zu suchen.

Marek nimmt einen Schluck aus seinem Flachmann. Ammenmärchen. So nennt Emil die Geschichten über die Würmer. Marek brummelt das Wort mehrfach in seinen strubbeligen Bart hinein. Von wegen Ammenmärchen. Die Würmer der Erde gruben sich seit Jahrhunderten durch die Eingeweide dieses vom Blut unzähliger Opfer getränkten Landes. Und so schufen sie ihre Diener.

Es stimmt ja, denkt Marek, die Diener haben geschlafen, für lange Zeit. Doch nun sind sie erwacht und haben sich erhoben, um den Würmern ihren Tribut zu zollen. Und keine Tür und kein Schloss wird sie aufhalten, wenn sie sich auf der Suche nach dem Blut und dem Fleisch der Lebenden machen werden, denkt er. Er weiß es, Emil weiß es, Elsa weiß es.

Ein Windstoß fegt unter seinen flickenübersäten Mantel, und fröstelnd zieht er den Stoff fester um sich, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Himmel wahrnimmt. Er blickt nach oben und beginnt zu zittern, als er über sich eine riesige Fledermaus erblickt, auf dessen Rücken eine menschliche Gestalt zu hocken scheint. Der durch die ledrigen Schwingen erzeugte Lufthauch streicht durch sein Gesicht, und für einen kurzen Moment scheint die Kreatur ihm den Kopf zuzuwenden und mit ihren glitzernden Augen in die seinen zu starren.

Dann ist der Moment vorbei, und das Wesen entschwindet in die Nacht, dem Schloss entgegen. Marek spürt, wie sein Herz schmerzhaft zu pochen beginnt.

„Die Königin kehrt heim“, murmelt er leise zu sich selbst, während er das Kreuzzeichen schlägt. „Gott steh uns allen bei.“

Doch tief in seinem Herzen weiß er, dass seine Gebete nicht mehr erhört werden.

Denn Gott hat sich schon vor langer Zeit von ihnen allen abgewandt.

Teil 1 / Die Würmer der Erde

Kapitel 1

Der Nebel über den Bergen lichtet sich langsam, und die Sonne kämpft sich durch die Schwaden, als Benton die Zelle des Priesters betritt und auf einem der einfach gezimmerten Stühle Platz nimmt. Er starrt gedankenverloren auf den tickenden Wecker auf dem Nachttisch, der so ziemlich das einzige persönliche Inventar in dem kargen Raum zu sein scheint, als die Stimme des Priesters hinter seinem Rücken erklingt.

„Unsere Zeit läuft ab, Mr. Benton. Finden Sie nicht auch?“

Benton dreht sich langsam um und schaut seinem Gastgeber ins Gesicht, in das sich die Spuren eines langen Lebens eingegraben haben. Und die von vielen Kämpfen, denkt Benton, als er den Krater betrachtet, in dem einst ein Auge war. Angeblich wurde es von einem Monstrum herausgerissen, zu einer Zeit, als Benton die Existenz von Engeln und Dämonen noch für Mythen aus längst vergangenen Zeiten hielt.

Er räuspert sich, und wie schon die Male zuvor wird er das Gefühl nicht los, dass der Alte mit seinem verbliebenen Auge seine geheimsten Gedanken lesen kann, ganz so, als würde er in einem Buch blättern. Weißt du, warum ich hier bin, denkt Benton. Und wenn ja, war es dein eigener Befehl?

Der Priester hat inzwischen gegenüber Benton Platz genommen und verzieht das Gesicht.

„Der Winter naht“, sagt er. „Meine Knochen spüren bereits den ersten Schnee.“

Benton blickt noch einmal aus dem schmalen Fenster. Strahlender Sonnenschein ist heraufgezogen, von schlechtem Wetter keine Spur.

„Vielleicht lässt er sich ja noch ein wenig Zeit“, meint er. „Es wäre Ihrer Gesundheit zu wünschen.“ Wobei deine alten Knochen ohnehin bald unter die Erde wandern werden, denkt er. Deine Zeit ist in der Tat abgelaufen.

Wenn der Priester den Unterton in Bentons Stimme bemerkt haben sollte, lässt er es sich nicht anmerken. Stattdessen beugt er sich vor und legt die Hände auf den Tisch.

„Sie werden sich sicher fragen, wieso ich Sie persönlich hergebeten und Sie nicht wie sonst üblich über einen Vertrauensmann kontaktiert habe.“

Benton zuckt mit den Schultern.

„Sie werden Ihre Gründe haben, Hochwürden.“ Und nach allem, was ich über diese ominöse Bruderschaft des Schlafes gehört habe, will ich die wahrscheinlich gar nicht so genau wissen, fügt er in Gedanken hinzu.

Der Priester blickt lange in das glattrasierte pockennarbige Gesicht des Riesen mit dem krausen braunen Haarschopf und den kalten Haifischaugen, bevor er langsam nickt.

„Ja, die habe ich.“

„Na, dann schießen Sie mal los. Worum geht es diesmal?“

Statt einer Antwort schiebt der Priester ein kunstvoll verziertes Kästchen zu Benton herüber, das neben ihm auf dem Tisch gestanden hat. Der wirft einen fragenden Blick darauf, und der Priester nickt. Benton betrachtet das Kästchen genauer. Ein kleines Meisterwerk, denkt er. Die in das schwarze Holz geschnitzten Teufel und Dämonen sehen fast schon lebendig aus. Mit spitzen Fingern öffnet er den Verschluss und betrachtet schweigend den Inhalt. Eine mit einer dunkelroten Flüssigkeit gefüllten Phiole, das Foto einer Frau und eine sorgsam gefaltete, auf uraltem Pergament gezeichnete Darstellung einer engelsgleichen Gestalt, deren Haut einen rötlichen Schimmer hat und die zwischen einer Schar flehender Menschen und einer Horde von dämonischen Kreaturen zu schweben scheint.

Benton legt die Zeichnung sorgsam zurück in das Kästchen und betrachtet dann das Foto der Frau, das wohl ohne ihr Wissen gemacht wurde, denn sie blickt nicht in die Kamera. Trotzdem sind ihre Gesichtszüge gut erkennen. Mitte zwanzig, denkt er. Lange, schwarze Haare, die Haut mit einem rötlichen Teint. Lässig gekleidet, durchtrainiert, attraktiv. Ansonsten keine besonderen Merkmale – bis auf die Augen. Benton ist lange genug im Geschäft, um einen Killer zu erkennen, wenn er einen sieht. Und diese Frau ist ein Killer. Er knetet seine Unterlippe mit Daumen und Zeigefinger, als ihn die Stimme des Priesters aus seinen Überlegungen reißt.

„Der Name der Frau ist Lee Sentenza. Niemand weiß, ob es ihr richtiger Name ist. Und wenn es einmal eine Frau gab, die so hieß, dann ist sie bereits lange tot.“

„Das glaube ich gern“, murmelt Benton, ohne zu wissen warum, während er weiter auf das Foto starrt.

„Diese Augen… “

„Hexenaugen“, sagt der Priester.

„Sie glauben, sie ist eine Hexe? Mit Verlaub, Hochwürden, aber ist es nicht etwas übertrieben, mich auf eine Hexe… “

Der Priester macht eine unwirsche Handbewegung.

„Sie ist viel mehr als das. Sie ist ein Dämon. Ein Engel des Lichts. Wenn es jemals ein menschliches Wesen gegeben hat, das der Dunkelheit schon zu Lebzeiten wirklich nahe gewesen ist, dann ist es diese Frau.“

Benton lehnt sich zurück und runzelt die Stirn.

„Sie meinen das ernst, Hochwürden.“

„Ja. Ich meine das ernst“, sagt der Priester und atmet einmal tief durch, bevor er weiterspricht.

„Ich will Ihnen keinen theologischen Vortrag halten. Uns läuft die Zeit davon. Das Tier ist erwacht, und es will das Tor durchschreiten. Das muss verhindert werden.“

„Und dazu braucht es diese Frau auf dem Foto und… “ Benton nimmt das Gefäß mit spitzen Fingern aus dem Kästchen „ …das hier, richtig?“

Der Priester lacht leise auf.

„Sie sind ein kluger Mann, Mr. Benton. Ja, dazu benötigt es den Inhalt dieser Phiole.“

Benton legt die Phiole sachte auf dem Tisch ab.

„Vielleicht sollte man sie dann sicherer verwahren als in einer einfachen Holzschatulle.“

„Nur keine Bange. Diese Phiole ist so alt wie die Zeit. Und absolut unzerstörbar, nach allem, was die alten Schriften berichten.“

Benton tippt mit einer Fingerspitze gegen die Phiole.

„Fühlt sich an wie Glas.“

Der Priester zuckt mit den Schultern.

„Niemand weiß das wirklich.“

„Und was ist darin?“

„Auch das weiß niemand. Doch es geht das Gerücht um, dass es das Blut von Engeln und Dämonen ist, das sich vermischte, als die Himmel in Aufruhr waren.“

„Und ich soll dieser Lee die Phiole zukommen lassen, richtig?“

„So ist es.“

„Wo finde ich sie denn?“

„Das ist das Problem – wir wissen nicht, wo diese… Frau… ist.“

Benton zieht eine Augenbraue hoch, schweigt aber, und der Priester fährt nach einer Pause fort.

„Aber ich weiß, dass ihre… Dienerin… etwas mit sich führt. Einen Koraktor. Und dort, wo sich der Koraktor befindet, werden Sie auch diese Frau finden.“

„Ein Koraktor, hm?“ Kurz will Benton mit dem Kopf schütteln, aber dann beherrscht er sich. Ein Koraktor ist ein Zauberbuch, so viel weiß er, aber wenn der Alte es für so wichtig hält, wird wohl etwas mehr dran sein, als die alten Geschichten hergeben.

Der Priester wird von einem Hustenanfall geschüttelt, und wieder hat Benton das Gefühl, dass er hier und jetzt verrecken wird, und zwar noch bevor er ihm erzählt hat, was er wissen muss.

„Bevor ich Ihnen davon erzähle – ich brauche wohl kaum darauf hinzuweisen, dass weder dieser Auftrag jemals existiert noch diese Unterhaltung jemals stattgefunden hat“, sagt der Priester, nachdem er sich wieder gefangen hat.

Benton blickt das Madonnenbildnis an der Wand gegenüber an und lächelt in sich hinein.

„Natürlich nicht“, murmelt er. „Wir wissen doch beide, wie diese Sachen laufen.“

Er beugt sich vor und blickt dem Priester direkt ins Gesicht.

„Also Hochwürden, was ist so Besonderes an diesem Koraktor?“

„Dieser Koraktor ist ein Höllenzwang. Er enthält verbotenes Wissen, das ihm von Engeln und Dämonen zugetragen wurde, und er kann die Zukunft voraussagen. Er selbst entscheidet, wem er sich offenbart, und niemand kann ihn benutzen, den er nicht erwählt. Und noch jeder, dem dieses Schicksal zu Teil wurde, hat seine unsterbliche Seele als Preis entrichten müssen.“

„Hört sich ja nach einem echten Bestseller an“, brummt Benton. „Aber es gibt bestimmt eine Menge Leute, die ihn trotzdem gerne mal in die Finger bekommen hätten. Was mich zu der Frage bringt, wie viele Leute wissen eigentlich von der Existenz dieses hübschen Exemplars?“

„Außerhalb der Bruderschaft eigentlich niemand mehr. Und die, die davon gehört haben, halten es für einen Aberglauben.“

Ich bis gerade eben auch, denkt Benton.

„Aber es ist keiner“, antwortet er stattdessen.

„Nein. Das Buch galt als verschollen. Die Zeichnung… “ er deutet auf das Kästchen „ …ist die einzige Kopie, die jemals von einer Seite des Koraktors angefertigt wurde. Die Legende besagt, dass es eine mächtige Sukkubi war, die sie anfertigen ließ. Doch über verschlungene Wege gelangte sie in den Besitz der Bruderschaft, und wir sorgten dafür, dass sie aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt wurde, genau wie der Koraktor selbst.“

„Aber Sie haben ihn nicht vergessen.“

„Nein. Die Bruderschaft des Schlafes hatte es sich zur Aufgabe gemacht, bereit zu sein, wenn das Buch wieder erwachen würde.“

„Erwachen? Glauben Sie, dass dieses Buch etwas… Lebendiges ist?“

„Glauben?“ Der Priester macht eine abfällige Handbewegung. „Ich weiß es! Dieses Buch – es hat ein Bewusstsein, Mr. Benton. Und es schlief für Jahrhunderte. Doch nun… “

Das Auge des Priesters starrt ins Leere, und Benton spürt einen Schauder in seinem Nacken. Dieser Mann vor ihm hat Angst. Und es ist nicht die Furcht vor dem nahenden Tod, dessen Odem von ihm ausgeht. Diese Angst sitzt tiefer. Der Priester – er fürchtet dieses Buch.

Benton möchte ihn beruhigen, ihn fragen, was passiert ist, doch ihm kommen keine Worte über die Lippen, und so bleibt er stumm. Der Priester scheint mit sich zu ringen, und als er schließlich mit stockender Stimme fortfährt, kommt es Benton wie eine Beichte vor.

„Die Bruderschaft... sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Geheimnis zu bewahren. Pater Vaclav als Ältestem kam die Aufgabe zu, das Buch vor den Augen der Menschen zu verbergen, und er wählte die Bibliothek einer alten Kirche nahe der goldenen Stadt, wo er es sicher glaubte. Niemand hat je erfahren, wie es dorthin kam, und er hat zu niemandem auch nur ein Wort darüber gesprochen. Er wusste, um was es sich bei dieser… Monstrosität handelte, und er schwor genau wie ich und Pater Michal einen Eid, niemals jemandem von diesem Buch zu erzählen.“

Der Priester stockt kurz, bevor er fortfährt.

„Dann erreichte mich eines Nachts die Nachricht, dass das Buch erwacht sei. Ich versuchte Kontakt zu Pater Vaclav aufzunehmen, doch ich erreichte ihn nicht, und so bat ich Pater Michal, nach dem Rechten zu schauen. Und… “

Der Priester stockt wieder, und Benton beugt sich vor, so dass sie fast Stirn an Stirn sind.

„Und?“

„Und gegebenenfalls die Stelle Vaclavs einzunehmen, falls er… “

Der Priester macht eine hilflose Handbewegung, und Benton nickt.

„Und die Wacht fortzusetzen, wenn Vaclav dazu nicht mehr in der Lage wäre, richtig?“, fährt Benton fort.

„Richtig“, antwortet schließlich der Priester. „Pater Michal kam noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Doch das Buch – es hatte bereits damit begonnen, den Nachtmahren Zugang zu unserer Welt zu verschaffen.“

Der zerbrechliche Körper des Priesters wird erneut von einem Hustenanfall geschüttelt, und es dauert wieder, bis er fortfahren kann.

„Pater Vaclav war bereits… infiziert, als Pater Michal ihn antraf. Dieses Buch… es verändert Menschen. Und nicht zum Guten, seien Sie gewarnt. Pater Michal versuchte noch, Pater Vaclav zu helfen, doch Pater Vaclav verlor mehr und mehr den Verstand, bis er schließlich eines Nachts im tiefsten Winter in die Nacht hinaus floh und erfror.“

Der Priester ringt erneut nach Worten.

„Er… ich bin mir sicher, absolut sicher, dass er etwas gesehen hatte. Und dass er davor fliehen wollte. Etwas rief ihn. Zu sich. Doch er konnte sich widersetzen. Und so kam es, um ihn zu holen. Doch er hatte die Gnade Gottes auf seiner Seite.“

Benton runzelt die Stirn

„Die Gnade Gottes? Sie meinen… er hatte Glück, dass er erfror?“

„Ja. Denn sein Nachfolger… Pater Michal… er hatte dieses Glück nicht.“

„Was geschah mit ihm?“

„Er verschwand spurlos. Die letzte lebende Seele, die ihn gesehen haben soll, war eine junge Frau, die ihn besucht hatte, um für eine Studienarbeit Nachforschungen in der Bibliothek anzustellen. Sie wurde in einem Waldstück gefunden. Man geht davon aus, dass man sie ermordet hat und die Leiche dort ablegte. So die offizielle Lesart.“

„Und die inoffizielle?“

Benton glaubt die Antwort zu kennen, doch eine leise Stimme in seinem Kopf flüstert ihm zu, dass er sie sie gar nicht wissen will. Die Angst im Blick des Priesters springt Benton förmlich entgegen, und er zuckt fast zurück.

„Die Frau wurde ermordet. Man schnitt ihr die Kehle durch. Aber es war kein Mensch, der das getan hat. Sondern ein Dämon. Der gleiche Dämon, der Pater Michal getötet hat. Das hat er mir selbst gesagt.“

„Gesagt?“

Benton spürt wieder den Schauer im Nacken, und gleichzeitig weiß er, dass der Priester ihn nicht anlügt.

„Ich träume von ihm. Jede Nacht. Der gleiche Traum. Er spricht zu mir. Fleht mich an. Bittet mich um Hilfe im Namen unseres Herren, ihn zu befreien.“

„Von wo zu befreien“, fragt Benton, doch im Grunde seines Herzens kennt er die Antwort, und er spürt, wie ihm kalt wird.

„Aus der Hölle“, antwortet der Priester, und Benton weiß, dass sein letzter Auftrag ihn genau dahin führen wird.

***

„Und wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe und das Unheil abgewendet wurde – was steht dann auf der Liste?“

Das war seine letzte Frage an den Priester gewesen, und die Antwort hatte ihn nicht überrascht.

„Schließen Sie die losen Enden, Mr. Benton.“

Benton schmunzelt. Das war schon immer das Credo gewesen, denkt er. Immer hübsch aufräumen.

Nur hatte der Priester das wohl kaum auf sich selbst bezogen, wie das Erstaunen in seinem Gesicht gezeigt hatte, als Benton seine Automatik auf seinen Greisenschädel gerichtet und abgedrückt hatte. Er schaut noch einmal in die gebrochenen Augen, die ihm mehr denn je direkt in die Seele zu starren scheinen, dann nimmt er die Patronenhülse vom Boden auf und steckt sie in seine Jackentasche zu dem Kästchen mit seinem wertvollen Inhalt. Der Anfang des Gespräches kommt ihm noch einmal in den Sinn.

„Warum ich?“, hatte er den Priester gefragt, wohlwissend, dass dies für ihn eigentlich nur eine rhetorische Frage war. „Ich meine, das ist ein Job für einen Schnüffler. Nicht für jemanden wie mich.“

„Nein“, hatte der Priester geantwortet. „Dies ist eine Aufgabe für einen Soldaten Gottes.“

Und wie es aussieht, hast du Recht behalten, alter Mann, denkt Benton, während sein Blick zwischen Lees Foto und dem leblosen Körper des Priesters hin und her wandert.

Ein seltsamer Auftrag, denkt er. Aber Geschäft ist Geschäft. Und irgendwie macht es ja auch Sinn. Außer ihm selbst weiß nun keiner mehr etwas von der Phiole und dem Koraktor. Wenn man von denen absieht, die im Besitz des Buches sind. Und die, wenn er dem Priester glauben will, keine Menschen mehr sind. Sondern Dämonen.

Benton kneift die Augen zusammen, als er wie unter Zwang wieder und wieder die Frau auf dem Foto studiert. Nicht unbedingt sein Typ, aber dennoch eine Schönheit. Die Königin der Toten. So hatte sie der Priester genannt. Das einzige Wesen, das zwischen der Menschheit und dem Tier steht, das sich gerade aufmacht, die Apokalypse einzuleiten. Und er muss sie finden. Um sie zu warnen. Denn egal wie mächtig sie ist – sie weiß nichts von der Falle, die ihre Widersacher ihr gestellt haben.

Für einen Moment ist Benton versucht, diese ganze Angelegenheit als Hirngespinst eines todkranken alten Mannes abzutun, der einfach einen Grund gesucht hat, um seinem Leiden ein Ende zu machen, ohne dabei gegen die Grundsätze seines Glaubens zu verstoßen. Aber das ist es nicht, und das weißt du auch, denkt er. Dieser Priester – er hatte Angst. Und er hat nicht gelogen, wie so viele Menschen nicht die Unwahrheit sagen können im Angesicht des nahenden Todes. Dieser Mann – er war fest davon überzeugt, dass ein Monstrum dabei ist, die Pforten der Hölle zu öffnen und das Ende aller Tage auszurufen.

Und du bist nun der einzige, der noch weiß, wie man das verhindern kann. Mit einem Mal fühlt sich Benton, als wenn eine Zentnerlast auf seinen Schultern liegt. Versau es nicht, denkt er. Dies ist die letzte Ausfahrt. Wenn du diesen Job erledigt hast, werden dir deine Sünden vielleicht erlassen.

Benton erwischt sich dabei, dass er auf einmal wieder an Gott denkt. Er schüttelt den Kopf. Ausgerechnet du sollst sein Werkzeug sein, denkt er. Ausgerechnet du. Er verzieht den Mund. Nein, das wäre wirklich ein Witz, wie ihn sich nur der Teufel persönlich ausdenken könnte. Viel wahrscheinlicher ist, dass er einfach nur ein zufällig ausgewähltes Arschloch ist, das die Ankunft des Tiers verhindern soll, weil er halt gerade frei war.

Die Ironie dieses Gedankens ringt ihm ein freudloses Lachen ab, und kopfschüttelnd startet er seinen Wagen und fährt davon, einem Geist gleich in der Dunkelheit verschwindend.

Kapitel 2

Als sie noch ein reines Kind der Dunkelheit war, musste sie die lichterfüllten Stunden des Tages in tiefer Finsternis verbringen, und die Erinnerung an das Antlitz der Sonne war der Fixstern, um den ihre unbewussten Gedanken und Wünsche kreisten. Damals war die Sonne ihre Todfeindin, und es war ihr größter Kummer, dass sie nie mehr das Auge des Himmels erblicken würde.

Doch der Handel mit den unruhigen Toten hat dir das Licht des Tages zurück gebracht, denkt Lee, und nun gibt es kein Bedürfnis mehr nach Schlaf, und auch keine Träume mehr.

Wobei, das stimmt nicht ganz, denkt sie. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen will - von Zeit zu Zeit zieht sie sich in ihr Inneres zurück wie in einen Kokon, um die geheimen Nachrichten ihrer ewigen Begleiterin zu empfangen. Und so hat sie sich wieder einmal niedergelegt und ist in diesen tranceartigen Zustand verfallen, vor dem sich Tanya so fürchtet, weil sie, wie sie es ausdrückt, niemals sicher ist, ob Lee jemals wieder erwachen wird.

Menschen, denkt Lee. Sie sind so anders als du. Und du wirst niemals wieder wirklich zu ihnen gehören. Denn auch wenn du wieder den Sterblichen gleich unter der Sonne wandeln kannst, so bist du immer noch ein untotes Monstrum, das sich vom Blut der Lebenden ernähren muss, um zu überleben und das Wesen in deinem tiefsten Inneren zu befrieden. Daran kann nicht einmal Tanya etwas ändern.

Lee fühlt, wie die Schwere auf sie herabsinkt, und sie empfindet es als tröstlich, dass ihr letzter Gedanke ihrer Geliebten gilt, bevor sie erneut die Reise in den Abyss antritt.

***

Als Lee die Augen öffnet, steht sie im Wüstensand und blickt auf einen träge dahingleitenden Fluss, der mit warmen pulsierenden Blut gefüllt zu sein scheint. Zuerst kommt ihr alles neu und ungewohnt vor, dieser seltsamen Ort, wo eine fremden Sonne am Himmel steht. Doch dann erinnert sie sich. Dies ist das Reich des Wächters. Sie war schon einmal hier. Nur dass sich diesmal etwas verändert hat.

„Sei willkommen.“

Die Stimme erklingt aus dem Munde einer verhüllten Gestalt, die lautlos mit ihrem Nachen am Ufer angelegt hat, und Lee weiß, dass dies der Fährmann sein muss, der die Seelen der Toten auf die andere Seite bringt. Sie nickt ihm vorsichtig zu und spürt zwischen ihren Fingern das kalte Metall einer alten Silbermünze.

„Wo bin ich hier“, fragt Lee.

„Dies ist der Fluss der Toten. Die Sterblichen nennen ihn auch Styx. Den Fluss des Blutes.“

„Und du bist der Fährmann, richtig?“

Die Gestalt nickt.

„Dann ist es also an der Zeit, auf die andere Seite zu gehen, was?“, sagt Lee und betrachtet die Münze in ihrer Hand, bevor sie sie der verhüllten Gestalt zuwirft. Die Gestalt fängt die Münze mit einer unmerklichen Bewegung auf und lässt sie in ihrer Hand verschwinden – und Lee spürt das kalte Metall wieder in der ihren, so als hätte die Münze sie nie verlassen.

„Wir warten auf dich. Auf der anderen Seite. Schon seit Äonen. Doch noch ist deine Zeit nicht gekommen.“

„Ah… so ist das… “ Lee kneift die Augen zusammen und fixiert die Gestalt. „Dann verrat mir doch mal, warum ich hier bin. Warum man mich ins Reich der Toten gerufen hat.“

„Ich bin nur der Bootsmann. Meine Aufgabe ist es, dich überzusetzen, wenn du die letzte Prüfung abgelegt hast.“

Lee schüttelt irritiert den Kopf.

„Und wo zur Hölle findet diese Prüfung statt?“

„Sprich mit den Würmern der Erde und begib dich in den Schoß der Götter. Dann wirst du die Antwort auf all deine Fragen finden… “

Die Stimme des Bootsmanns erklingt bereits wie aus weiter Ferne, und Lee kann ihm nur noch nachblicken, wie er mit seinem Nachen ablegt und in den blutroten Nebel eintaucht, sie ratlos an den Ufern des Styx zurücklassend. Lee dreht sich um…

… und sitzt wieder auf dem Knochenthron, der ihr inzwischen so vertraut vorkommt, obwohl sie weiß, dass das alles nur ein Traum sein muss. Doch gleichzeitig weiß sie, dass dies kein Traum ist. Denn sie kann die Konturen des Thrones spüren, mit jeder Faser ihres Körpers. Die Gebeine der unruhigen Toten, deren Namen schon lange vergessen sind und deren Präsenz sie hier mehr als irgendwo sonst spüren kann. Und die ihr vom Usurpator erzählen. Der vor nicht allzu langer Zeit auf diesem Thron gesessen hat. Und der nun tot ist. Oder zumindest wünscht, dass er es wäre. Denn manchmal ist der Tod eine Gnade. Mit einer fast zärtlichen Geste streicht sie mit der Linken um die leeren Augenhöhlen eines Schädels, während sie ihr Kinn auf ihre Rechte stützt und sich in Gedanken verliert.

Sie weiß nicht, ob eine Stunde oder auch nur eine Sekunde vergangen ist, als sie die Anwesenheit des Kindes spürt. Wer weiß, wie lange es sie schon so beobachtet hat, auf dem Thron verharrend, mit den unruhigen Toten im Zwiegespräch vertieft.

„Hörst du den Zug in der Ferne“, hört sie seine Stimme. „Er bringt die Toten an den Ort ihrer Bestimmung.“

Lee konzentriert sich, und ja, da ist es wirklich, dieses sich langsam entfernende Geräusch, als wenn stählerne Räder über Schienen rollen. Das ist alles so unwirklich, denkt sie. Das muss ein Traum sein. Und doch ist dies nicht nur ein Traum. Dieser Ort - hier bist du zu Hause, denkt sie. Dies ist dein Thronsaal, hier richtest du über die Toten und die Lebenden…

Kaum hat sie den Gedanken beendet, öffnet sich eine große Tür ihrem Thron gegenüber, und zwei hundsköpfige Wächter betreten den in Dunkelheit gehüllten Saal, einen Gefangenen zwischen sich her schleifend.

Gettys, denkt sie. Sie bringen mir Frank Gettys. Wozu? Damit ich ihn aburteile? War das nicht gerade Teil des Handels, dass sie ihn richten würden und nicht ich?

Die beiden Wesen schleudern Frank vor Lees Thron zu Boden und ziehen sich dann wieder zurück. Frank schüttelt sich einmal und blickt dann zu Lee hinauf. Eine seine Augenhöhlen ist nur ein gähnendes schwarzes Loch, und das Fleisch seiner linken Gesichtshälfte hängt in Fetzen herab, so dass das fahle Gelb seines Schädelknochens durchschimmert.

„Kätzchen… so sieht man sich wieder… “ Ein leises Kichern kommt über seine Lippen „Wie ich sehe, hast du einen steilen Aufstieg auf der Karriereleiter hinter dir. Komisch, ich hätte immer gedacht, dass Catherine mal eines Tages dort sitzen würde. Tja, so kann man sich irren… “

Lee runzelt die Stirn und unterdrückt den Wunsch, dem Kind einen fragenden Blick zuzuwerfen. Franks Stimme erklingt erneut.

„Wie jetzt? Nicht mal ein Hallo für den lieben alten Onkel Frank? Gar keine Wiedersehensfreude nach all der Zeit?“

„Wieso sollte ich mich freuen, dich wiederzusehen?“

„Na, irgendeinen Grund wirst du doch wohl haben, dass du deine Freunde dazu gebracht hast, von mir abzulassen und mich stattdessen hierher zu schleifen, oder?“

„Hab ich das?“

Frank zögert einen Moment.

„Hast du nicht?“

Lee zuckt mit den Schultern, und Frank grinst.

„Vielleicht bist du ja auch einfach mal zur Abwechslung ein höfliches Mädchen und willst dich dafür bedanken, dass ich es war, der dir den Weg hinauf auf diesen Thron geebnet hat.“

Lees Hände umklammern die knochigen Armlehnen. Er weiß etwas, denkt sie. Er weiß etwas über diesen Thron. Welche Bewandtnis es damit hat. Franks hämisches Kichern reißt sie aus ihren Gedanken.

„Sie haben es dir nicht gesagt.“ Er schüttelt leicht den Kopf. „Nein, sie haben es dir nicht gesagt.“

„Wer hat mir was nicht gesagt?“ Doch Lee glaubt die Antwort bereits zu kennen. Und sie gefällt ihr nicht.

„Dass du nicht aus Zufall verwandelt worden bist.“

„Erzähl mir was Neues. Ich weiß, warum – “

„Warum ich dich verwandelt habe“, vollendet Frank ihren Satz. „Ja, das weißt du. Und ich, ich habe es geglaubt, bis zu der Nacht, als Catherine damit herausrückte, dass die Uralten ihre Klauen im Spiel hatten. Wofür auch immer sie dich haben wollten – es hat nicht geklappt, soviel ist klar.“

„Woher willst du das wissen?“

„In der Hölle bleibt ein Geheimnis nie lange ungelüftet.“ Frank hebt seine mit blutigen Eingeweiden gefesselten Hände an. „Ich bin vielleicht ein Gefangener, aber ich kann sehr wohl hören, was die unruhigen Toten flüstern.“

„Und was flüstern sie?“

„Dass du vor langer Zeit auserkoren wurdest, den Thron zu besteigen und deinen Platz als Königin der Toten einzunehmen. Und das du diejenige sein würdest, die die Herrschaft der Blutgöttin beenden wird für alle Zeit. Denn du bist auserwählt als eine der Drei.“

Lee will aufbrausen und Frank anschreien, ihm drohen, die Wahrheit aus ihm heraus zu prügeln, wenn er weiter in Rätseln spricht, doch die Sicht verschwimmt vor ihren Augen, und ihr Thron befindet sich nun wieder in der Wüste am Ufer des Styx. Eine einzelne Windhexe weht vorbei, und das Auge des Horus verbreitet eine trockene Hitze. An ihrer rechten Seite hat sich das Kind niedergelassen, ganz so, als wenn es schon die ganze Zeit dort verweilt hätte.

„Was hat Frank damit gemeint, als er sagte, ich sei eine der Drei“, fragt Lee, als würde sie eine eben unterbrochene Unterhaltung wieder aufnehmen.

„Catherine sollte deinen Platz einnehmen, doch es war ihr nicht vorherbestimmt“, ist die Antwort. „Du wirst sie bald wiedersehen, und es wird dir nicht gefallen, was sie dir offenbaren wird.“

„Wir sind alle Teil eines großen Spiels, nicht wahr“, sagt Lee.

„So ist es“ antwortet das Kind. „Du, Jennifer, ich, wir sind die Drei. Wir werden die Wunde heilen, die die Göttin geschlagen hat.“

„Du hast das alles von Anfang an gewusst, nicht wahr?“

„Ja. Ich habe über dich gewacht. Ich wusste bereits vor deiner Geburt, dass du es bist, die auserwählt wurde. Das Rad des Schicksals überlässt nichts dem Zufall.“

Lee nickt und lässt ihre Gedanken abschweifen. Sie könnte deine Tochter sein, denkt sie. Vom Alter her würde es passen. Aber du hast keine Kinder. Jennifer dagegen…

„Bist du Jennifers Tochter“, fragt Lee.

„Ich bin niemandes Tochter“, spricht das Kind. „Genau wie sie.“ Es deutet auf eine Gestalt einer Frau, die aus dem Nichts erschienen ist und ein weißes Gewand trägt, das sich an ihren Körper schmiegt wie eine zweite Haut. Du kennst sie, denkt Lee. Wenn sie den Schleier abnimmt, der ihr Gesicht verdeckt, werden ihr engelshaften Züge dahinter erscheinen.

Aber ich bin die Tochter meiner Eltern, denkt Lee. Auch wenn ihr mir etwas anderes weismachen wollt, das ist Fakt. Doch ist das ist nicht die ganze Wahrheit, und das weiß sie. Denn sie ist wiedergeboren worden, und es war kein Zufall, dass sie nun ist, was sie ist. Eine der Drei. Was immer das auch zu bedeuten hat.

Aus der Ferne dringt das klagende Brüllen eines Raubtiers an ihr Ohr, und Lee spürt, wie ein kalter Schauer über ihren Nacken läuft. Ihr Blick wandert zwischen dem Kind und der verschleierten Gestalt hin und her, und sie vermeint bei beiden dieses so vertraute spöttische Lächeln aufblitzen zu sehen.

Jennifer, möchte sie der Gestalt zurufen, warum hilfst du mir nicht? Warum sagst du mir nicht, was du weißt?

Wie zur Antwort erscheint der Koraktor in Jennifers Händen, und wieder beschleicht Lee das Gefühl, dass der Höllenzwang sich seinen Weg zu Tanya gesucht hat und dass sie Tanya in dem Moment an ihn verloren hat, als Tanya zum ersten Mal über seinen Einband strich.

Lee will sich von ihrem Thron erheben, doch Gewichte aus Blei scheinen auf ihren Schultern zu lasten, und so kann sie nur hilflos mitansehen, wie die in strahlende weiße Gewänder gekleidete Gestalt in der flimmernden Hitze verschwindet.

***

„Du warst wieder fort.“

Tanyas Stimme erklingt wie aus weiter Ferne, und Lee muss sich für einen Moment orientieren, bevor sie Tanya entdeckt, die im Schneidersitz vor dem verlöschenden Kaminfeuer hockt.

„Ja… das war ich wohl… “

„Eine Vision, nicht wahr? Und sie waren auch dort.“

„Wer soll dort gewesen sein?“

„Jennifer. Die Toten. All die anderen, von denen du im Schlaf murmelst, wenn du fort bist.“

„Jennifer ist tot.“

„Ist sie das?“

Lee erhebt sich langsam aus dem riesigen, aus massivem Holz geschnitzten Sessel, in dem schon Generationen von Fürsten über Leben und Tod entschieden haben mögen und lässt sich Tanya gegenüber nieder. Sie will zu einer Frage ansetzen, doch sie zögert, und so fährt Tanya fort.

„Du vermisst sie. Noch immer.“

Lee schließt die Augen.

„Sie war wie ich.“

„Und das werde ich niemals sein. So wie sie.“

Lee verzieht den Mund.

„Ich hatte niemals etwas mit ihr. Glaub mir, dafür hat sie sich schon lange nicht mehr interessiert. Außerdem müsstest du erst einmal sterben, um so zu sein wie sie oder ich. Und das… “

„ …werde ich früher oder später unweigerlich tun.“

„Nicht wenn ich es verhindern kann.“

Tanya blickt Lee schweigend in die Augen. Weißt du es, fragt sie sich. Hat Jennifer es dir jemals erzählt. Wie nahe ich dem Tod war? Und weißt, dass sie mich gerettet hat? Und vor allem wie? Kurz überlegt sie, ob sie es Lee erzählen soll, doch dann verwirft sie den Gedanken. Stattdessen erhebt sie mit einer katzenhaften Bewegung und reckt sich langsam.

„Ich bin müde… ein bisschen… “ Sie schenkt Lee ein Lächeln, das sie beide nur zu gut kennen. „Kommst du auch ins Bett?“

Lee lächelt zurück.

„Als wenn ich da jemals nein gesagt hätte.“

„Dann also… in fünf Minuten.“

Tanya zwinkert Lee zu und verlässt das Zimmer, während Lee ihr hinterher schaut. Kleines Luder, denkt sie. Weiß genau, was es will. Und kriegt es auch jedes Mal. Sie lacht leise in sich hinein. Und wenn du ehrlich bist, ist das auch genau das, was du dir immer gewünscht hast. Sie erhebt sich langsam, wirft ihre Kleider achtlos über den Thron und folgt ihrer Geliebten ins Schlafgemach.

***

Lee steht wieder am Totenfluss, doch diesmal wartet der Bootsmann nicht auf sie. Sondern auf Tanya. Tanya ist gerade im Begriff, seine Barke zu betreten, und Lee weiß, wenn sie es tut, wird sie auf die andere Seite übersetzen, um ins Reich der Toten einzutreten, und Lee wird sie für immer verlieren.

Sie versucht, die Barke zu erreichen, doch der Boden unter ihr scheint sich an ihre Füße zu klammern, und sie kommt keinen Millimeter vorwärts. Lee beginnt Tanyas Namen zu rufen, und gerade als der Bootsmann ablegen will, dreht sich Tanya zu ihr herum, doch es ist nicht Tanya, es ist Jennifer, und Lee blickt gerade hinein in ihre toten Augen, und Jennifers schmeichelnde Stimme erklingt lautlos in ihrem Kopf.

„Erfülle deine Bestimmung, Schwester.“

Lee will zu einem Protest ansetzen, doch die Barke entschwindet bereits im blutroten Nebel, und sie erwacht aus ihrem Traum. Hastig tastet sie nach Tanya, die im tiefen Schlummer neben ihr langsam und regelmäßig atmet, wie sie erleichtert feststellt.

Du wirst dich entscheiden müssen, denkt sie, als sie sich in die Kissen zurückfallen lässt. Und du wirst es bald tun müssen. Denn ihre Zeit neigt sich dem Ende zu. Lee kann es spüren. Der Bootsmann hat seine Hand ausgestreckt. Nach ihr. Nach Tanya. Und nichts und niemand wird ihn aufhalten können.

Denn am Ende gewinnt immer der Tod.

Kapitel 3

In der Feuerstelle der großen Halle knistert ein Feuer und kämpft gegen die Kälte an, die durch die dicken Mauern dringt, und wieder einmal wundert sich Catherine über sich selbst. Feuer - wenn es einen Feind gibt, den sie wirklich fürchtet, dann diesen. Und doch… alte Gewohnheiten lassen sich einfach nicht ablegen. Egal wie alt sie wird, der Faszination der Flammen kann sie sich nicht entziehen. Eines Tages wird das noch dein Untergang sein, denkt sie. Sie verzieht den Mund, wendet sich vom Feuer ab und lässt ihren Blick über die ungedeckte und von einer feinen Staubschicht überzogene Tafel schweifen, an der gut zwei Dutzend Gäste Platz finden würden. Die aus klobigem, massivem Holz gefertigten Stühle stehen versetzt zueinander, so dass sich die Gäste nicht direkt in die Augen sehen müssen, und hinter jedem Platz ragt eine steinerne, in eine archaische Rüstung gehüllte Dämonenfigur auf. Egal welchen Platz ein Gast auch einnimmt, denkt sie, immer hat ihn einer der stillen Wächter im Blick. Sie schmunzelt. Die Alten wussten schon, wie sie sich ihre Untergebenen gefügig machten. Wer käme schon auf den Gedanken, gegen die Herrscherin aufzubegehren, wenn man den Pesthauch der ihr zu Diensten stehenden Ungeheuer im Gesicht wie auch im Nacken spüren kann. Und das die Alten über das Wissen verfügten, solche Kreaturen in den Zwang zu nehmen, um das Land mit Terror zu überziehen, daran hegt sie keinen Zweifel.

Sie geht zu einem der engen, einer Schießscharte nachempfundenen Fenster hinüber und blickt hinab in die Tiefe, wo sich eine vom Nebel verhangene, karge und unwirtliche Landschaft ausbreitet. Tiere und Menschen meiden die zerklüftete und von Rissen durchzogene Einöde, in der schon viele verschwunden sind, die in ihrem Hochmut glaubten, sie könnten der verdorbenen Erde ihre Geheimnisse entreißen. Nun zerfallen Knochen irgendwo dort draußen, nachdem sie den Krähen und Würmern als Nahrung gedient haben - und nicht nur diesen. Catherine verspürt einen Hauch von Zufriedenheit, als sie die Luft in ihre toten Lungen saugt. Dieses Land - es ist alt, so viel älter als sie selbst, und sie genießt das Gefühl, heimgekommen zu sein.

Catherine lauscht dem Heulen des Windes, der die schweren Vorhänge vor den Schießscharten zum Flattern bringt. Hier bist du nun also, denkt sie. In der letzten Zuflucht einer längst dem Verfall preisgegebenen Burg am Ende der Welt.

Ein verfluchter Landstrich, den sie nie wieder hatte aufsuchen wollen und mit dessen verdorbener Erde sie dennoch immer verbunden sein würde bis zum bitteren Ende.

Genau wie die Kutte. Ihr Schöpfer.

Nur dass die Kutte nun in der Hölle schmort, während du noch existierst, denkt sie.

Catherines Fauchen geht in ein befriedigtes Lachen über, als sie an den Moment zurückdenkt, als sie seinen endgültigen Untergang in ihren Venen verspürte. Als das unsichtbare Band zerriss, das sie mit ihrem Erzeuger verband.

Oh ja, denkt sie, du hast mir viel beigebracht. Und du warst so viel besser als ich und wärst es auch noch heute. Aber deine Hybris hat dich schließlich doch zu Fall gebracht. Und nun bin ich es, die dich überlebt hat. Dabei hattest du dir das wohl ganz anders überlegt. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Die Kutte…

Was auch immer die Kutte einmal gewesen sein mochte – Mensch, Engel, Teufel, Dämon - sie verstand es, Catherines geheimste Wünsche aus den Untiefen ihres Unterbewusstseins hinauf zu zerren und sie zum Klingen zu bringen.

Erst glaubte Catherine, in der Kutte einfach einen weiteren Liebhaber für ein paar amüsante Stunden aufgetan zu haben, der zufällig den gleichen Vorlieben für die Dunkelheit frönte wie sie selbst. Doch die Kutte war anders gewesen als all die Scharlatane, die sie zu Gesicht bekommen hatte in den Jahren, in denen sie auf der Suche gewesen war. Die Magie der Kutte - sie war echt. Und sie war auf eine unwiderstehliche Art böse gewesen. Was den Reiz für Catherine nur noch mehr steigerte.

Du hast schon immer Grenzen austesten wollen, denkt sie. Die der anderen, wohlgemerkt, das musste sie sich eingestehen. Aber vielleicht war es auch nur diese Gewissheit gewesen, dass sie kein Kind des Himmels war. Sondern eine Tochter der gefallenen Engel. Aber eben auch eine sterbliche Tochter. Und das war der Punkt, an dem die Kutte sie packte. Natürlich, sie setzte ihr keine Grenzen, sondern ließ ihr im Gegenteil alle Freiheiten.

Doch Catherine spürte bereits zu diesem Zeitpunkt, dass nicht ihre schon bald verblühende Schönheit der Grund war, weshalb die Kutte ihr die Unsterblichkeit schenken würde, die sie so begehrte. Und dennoch schlug sie die Warnungen in den Wind und nahm das Angebot der Kutte, in die Reihen der Untoten aufgenommen zu werden, ohne jedes Zögern an.

So ging ihr Traum in Erfüllung - und genau so holten sie ihre bösen Vorahnungen ein. Denn wie bei jedem Teufelspakt ging auch mit diesem ein veritabler Pferdefuß einher. Und der für sie bestimmte erwies sich als besonders schmerzhaft. Gut, am Anfang waren es nur Kleinigkeiten gewesen. Kleine Gefallen, die ihr leicht von der Hand gingen. Eine Information hier, das Verschwinden einer unliebsamen Person da… nichts davon war wirklich bemerkenswert gewesen gemessen an dem, was die Kutte für sie getan hatte. Doch sie fand schnell heraus, dass sie unfrei geworden war. Die Kutte war ihr Herr geworden, und nichts widerstrebte ihr mehr, als eine nützliche Sklavin ihres Herren zu sein.

Und genau deshalb hätte sie misstrauisch werden sollen, als die Kutte sie ziehen ließ. Es war zu einfach gewesen. Von einer Nacht auf die andere war sie fort. Hinterließ nicht einmal eine Botschaft, sondern verschwand gemeinsam mit diesem seltsamen Wesen, das das Gesetz genannt wurde, in die goldene Stadt und begab sich von dort aus auf eine Reise, deren Ziel keiner kannte.

Kurz zuvor forderte die Kutte noch einen letzten Gefallen von ihr ein - sie solle den Anführer eines Hexenzirkel namens LeMure unter ihre Kontrolle bringen und dafür Sorge tragen, dass er in den Schatten verborgen bliebe und nicht der Geißel der Inquisition anheim fallen möge.

Catherine willigte natürlich ein - was sollte sie auch sonst tun. Doch es missfiel ihr, sich mit einem stinkenden Haufen von halbwilden, ungewaschenen Teufelsanbetern herumzuplagen, und so ließ sie LeMure freie Hand. Eine Zeitlang ging auch alles seinen gewohnten Gang, doch LeMure war ein Mensch, und Menschen erfordern Aufmerksamkeit, da sie sonst schnell eigenmächtig handeln. Und so verwandelte sie LeMure schließlich, um selbst größere Bewegungsfreiheit zu haben. Was sich im Nachhinein als Fehler herausstellte.

Denn der Dummkopf sah sich prompt auf dem Weg, der Herrscher eines großen Kultes zu werden, der den Herrn der Finsternis beschwören könne. Außerdem bildete er sich ein, er könne die Sukkubi an der Nase herumführen. Das hatten sie ihm übelgenommen und ihn als Strafe dafür zur Hölle geschickt. Catherine erwischt sich dabei, dass sie fast einen Hauch von Mitleid mit diesem Kretin verspürt, und sie schüttelt sich. Aber so ist es ja immer, denkt sie. Hinterher ist man immer schlauer. Und am Anfang hatte die Liaison mit LeMure ja auch ihre Vorzüge gehabt. Auch wenn du dir das jetzt nicht mehr eingestehen willst. Sie wischt den Gedanken ärgerlich beiseite.

Letztendlich war es scheinbar doch nur ein geringer Preis für die Freiheit, die sie nach dem Abschied der Kutte zurück gewann. Frei, von einem Moment auf den anderen. Zuerst konnte sie es kaum glauben, dann aber hatte sie es genossen.

Alles war perfekt gewesen.

Bis zu der Nacht, als sich die Kutte wieder bei ihr meldete. Wegen dieses Mädchens.

Und du hast dir natürlich erst einmal nichts weiter dabei gedacht, du arrogante Närrin, denkt sie. Als wenn ein Wesen, das in Äonen zu denken vermag, jemals etwas ohne Grund tut. Nein, die Kutte benutzte sie von Anfang an und überließ ihr nur die Wahl der Waffen. Und das hatte sie dann verbockt, wie sie sich selbst eingestehen musste. Denn inzwischen hatte sie sich mit Gettys ein neues Spielzeug geschaffen. Nur war der ein Stümper gewesen und wohl kaum Teil des großen Plans. Doch wer war sie schon, wenn es darum ging, die Schachzüge der Kutte zu beurteilen.

Bleibt noch die liebe Jennifer, denkt sie. Sie hat dir nie verziehen, dass du deine Nase in ihre Angelegenheit gesteckt hast. Dabei ist es nicht meine Schuld gewesen - sie hatte nur im Auftrag der Kutte gehandelt. Und wer sollte das besser verstehen als ihre liebe Schwester. Und außerdem wusste sie nicht einmal, dass Jennifer einen ihrer Nachkommen in LeMures Zirkel platziert hatte. Aber es hilft alles nichts, denkt sie - mitgefangen heißt mitgehangen.

Seufzend lässt sich Catherine auf dem aus Menschenknochen erbauten Thronsessel nieder, doch sofort macht sich Unruhe in ihr breit. Es steht dir nicht zu, hier Platz zu nehmen, denkt sie. So sehr das Land nun auch das deine sein mag, die Herrscherin über das Reich der Schatten, das in seinen Eingeweiden lauert, ist noch nicht angekommen. Wieder spürt sie die Leere, die die Erkenntnis hinterlassen hat, dass Lee und nicht sie von den unruhigen Toten auserwählt wurde. Dabei war sie es doch gewesen, die -

Genug, schilt sie sich in Gedanken. Vorbei ist vorbei. Der letzte Akt steht an, und sie wird ihren Part spielen bis zum Ende. Nicht dass ihr da eine Wahl bleibt, denkt sie. Mit einem Ruck erhebt sie sich vom Knochenthron und will gerade die Stufen hinabsteigen, als sich eine Gestalt aus dem Nichts direkt vor dem Fuß des Thrones manifestiert.

Noch bevor Catherine ihr Gesicht erblickt, weiß sie, dass dieses Wesen eine tödliche Gefahr darstellt, und für eine endlos lange Sekunde ist sie wie gelähmt. Als sie sich wieder im Griff hat, ist ihr erster Gedanke, dass dieser Moment der Schwäche ihr letzter hätte sein können.

Denn vor ihr steht Jennifer.

Wenn man vom Teufel spricht, so kommt er gerannt, denkt sie. Vor allem wenn er auf den Namen deiner Schwester hört. Jennifer. Ihre Schwester im Blute, die sich gegen das Gesetz aufgelehnt hatte. Und den Preis dafür bezahlt hat, denkt sie, als sie das zu einer grotesken Clownsmaske verzerrte Gesicht betrachtet, das von langem seidigem schwarzem Haar umschmeichelt wird. So schön, denkt sie. Und trotzdem so tödlich. Catherine spannt ihre Muskeln, doch Jennifer macht keine Anstalten, sie in Stücke zu reißen. Sie starrt sie nur aus ihren blutigen Augenhöhlen an, bis Catherine sie schließlich anfaucht.

„Was willst du hier?“

Als sie keine Antwort bekommt, fährt sie fort.

„Bist du gekommen, um mit mir abzurechnen? Um deine miese kleine Rachsucht zu befriedigen? So wie Lee? Ach warte, die hat es sich ja inzwischen anders überlegt… “

Der Hauch eines Lächelns erscheint auf Jennifers bleichem Gesicht, doch sie schweigt weiter, und Catherine fährt fort.

„Nun rede schon. Oder haben sie dir die Zunge herausgeschnitten, so wie deiner Göre?“

Diesmal zucken Jennifers Mundwinkel, doch dann lacht sie doch nur leise auf, und Catherine steht kurz vor der Explosion, als Jennifer sich endlich dazu bemüßigt, das Wort zu ergreifen.

„Du hast dich nicht verändert, meine Liebe. Immer noch so bösartig wie eh und je und gleichzeitig selbst im Angesicht des Untergangs stolz bis zum bitteren Ende.“

Sie macht einen Schritt auf Catherine zu, und Catherine muss sich zwingen, nicht zurück zu weichen. Ihr Blick bleibt an den zwei schwarzen Tränen hängen, die in Jennifers Gesicht zu schweben scheinen, und erneut spürt sie den Anflug von Angst. Es gibt gute Gründe, sich von denen fernzuhalten, die dieses Mal tragen, denkt sie. Und nun steht eine von ihnen direkt vor dir. Du bist -

„Wäre ich gekommen, um dich zu töten, so hätte ich dies getan“, unterbricht Jennifer ihre Gedanken. „Aber ich bin nicht deswegen aus dem Totenreich hinaufgestiegen. Ich bin hier, um dich zu warnen.“

„Wie nett“, schnappt Catherine. „Und vor wem soll ich mich in Acht nehmen?“

„Vor deiner eigenen Kreatur.“

„Meinst du LeMure? Um den haben sich die Sukkubi gekümmert… “

„Haben sie. Aber taten sie das auch auf die Weise, wie du es erwartet hättest?“

„Was meinst du damit?“

„LeMure ist nicht vernichtet. Nur… verändert. Er hat seinen ohnehin schlechten Geschmack noch weiter verfeinert.“

„Sehr witzig, Jennifer, doch, wirklich… “

„Ich meine damit nicht seine Wahl was Frauen angeht, wenn du das meinst. Obwohl - er hat jetzt eine neue Herrin. Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Dass die Göttin bei der Wahl ihrer Diener nicht zimperlich ist, wissen wir beide.“

Catherine runzelt die Stirn. Diese Unterhaltung nimmt gerade eine Richtung, die ihr gar nicht gefällt, denkt sie.

„Was ist also das Problem? Los, raus damit. Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit für deine Spielchen.“

„Er ist ein Ghoul.“

Die Worte hallen in Catherines Kopf wieder, als wenn jemand eine alte bronzene Glocke geschlagen hätte.

„Das kann nicht sein. Wir sind immun gegen diesen Fluch.“

„Sind wir? Die Sukkubi sehen das anders. Natürlich nur, wenn sie der Göttin als Wirtskörper dienen.“

„Sei verflucht!“ Catherines Gedanken rasen in ihrem Kopf hin und her. Wenn LeMure ein Ghoul ist, dann -

„Sind die Konsequenzen unübersehbar. Er wird den Fluch verbreiten, ob er will oder nicht. Und selbst wenn seine Kinder ihm nicht gehorchen sollten, seiner Herrin werden sie aufs Wort folgen.“

Catherine lässt sich in den Thron zurückfallen und spürt wieder die Knochen, die sich gegen sie aufzulehnen scheinen. Als wenn sie ihr sagen wollten, dass sie hier nichts zu suchen habe.

„Dann werden sie kommen.“

„Ja, das werden sie. Doch noch ist Zeit, um das zu verhindern. Oder sich zumindest darauf vorzubereiten.“

„Und, was soll ich jetzt tun“, faucht Catherine.

„Dich mehr um deine sterblichen Untertanen kümmern, die dort unten in ihren jämmerlichen Hütten hausen“, antwortet Jennifer. „Sie werden die ersten sein, die LeMure und seiner Brut zum Opfer fallen.“

„Wieso sollte ich mich um diese armseligen Gestalten kümmern? Sollen sie doch von LeMures Ghoulen zerrissen werden.“

Jennifer schüttelt sachte den Kopf.

„Das ist nicht die Catherine, die ich kenne. Die sonst so viel Wert auf Traditionen gelegt hat. Die so stolz auf ihre Ehre war. Die Menschen dort draußen fürchten dich, doch im Grunde ihres Herzens verehren sie dich wie eine dunkle Gottheit, die den ihr angestammten Platz wieder eingenommen hat. Dieser Ort war schon immer ein Hort der Dämonen, und die Menschen hier wissen das. Und deshalb unterwerfen sie sich dir. Doch sie erwarten eine Gegenleistung. In Form von Schutz.“

„Tun sie das?“

„Oh ja. Und du solltest ihnen diesen Schutz gewähren.“

„Ach ja? Wieso? Weil diese sprechenden Affen Angst vor dem schwarzen Mann haben?“

„ Weil du weißt, wovor sie sich fürchten. Und seien wir ehrlich, Schwester… “ Jennifer lächelt kalt „ …die Angst der Menschen, die du verhöhnst - spiegelt sie sich nicht auch in deiner eigenen Seele wieder?“

Mit diesen Worten wendet sich Jennifer ab und tritt ohne eine Antwort abzuwarten wieder in die Anderwelt ein, eine mit dunklen Vorahnungen ringende Catherine zurücklassend.

***

Eine Woche ist das jetzt her, denkt sie. Eine Woche, und immer noch spürt sie die Erschütterung, die der Besuch dieses Miststücks in der Anderwelt ausgelöst hat. Vor allem aber hasst sie Jennifer dafür, dass sie ihren wunden Punkt berührt hat. Ja, sie ist diesem Pack da unten wahrscheinlich wirklich Schutz schuldig. Der Boden, auf dem diese Kreaturen wandeln und ihre jämmerliche Existenz fristen - es ist ihr Boden. Ihr Land. Dieser verfluchte Flecken Erde gehört ihr und niemandem sonst. Und alles, was dort kreucht und fleucht, ob gut oder böse, was auch immer der Unterschied sein mag, es obliegt ihr zu entscheiden, was damit geschieht. Und Jennifer weiß das genauso gut wie du, denkt sie.

Doch das stimmt nicht ganz, und das weißt du auch. Denn irgendwo hier muss die Quelle sein. Und niemand kontrolliert dieses Höllenloch. Niemand - außer der Göttin. Catherine schüttelt den Kopf. Die Kutte und das Gesetz - sie waren töricht genug gewesen, es dennoch zu glauben. Daher erbauten sie diese Festung, deren Fundamente aus Blut gegossen wurden. Nicht das es die beiden interessierte, wie viele Dorfbewohner beim Bau ihr Leben lassen mussten. Nein, Mitleid war diesen beiden Monstern immer fremd gewesen. Verschlagenheit und Vorsicht dagegen nicht. Sie müssen von den Höhlenlabyrinthen gewusst haben, die sich unter der Burg befinden. Und die, wenn man den alten Geschichten Glauben schenken will, von den Würmern der Erde höchstpersönlich in den Granit gegraben wurden. Nur warum?

Soweit Catherine sich daran erinnern kann, war dieses Wissen selbst der Kutte und dem Gesetz verborgen geblieben, obwohl sie lange danach geforscht hatten. Niemand weiß, was sich dort verbirgt, denkt sie. Stattdessen hat sich nun die Göttin darin eingenistet. Catherine kann sie spüren. Sie ist hier, in der Nähe. Und wenn sie hier ist, dann ist LeMure nicht weit. Sie muss ihn vernichten, und diesmal endgültig. Nur ist das leichter gesagt als getan. Denn LeMure ist kein Narr. Er mag sich verpuppt haben und als Monstrum wiedergeboren sein, doch er wird sich ihr nie zum Kampf stellen. Weil er weiß, dass er ihn verlieren würde.

Ihre Gedanken kreisen immer noch in ihrem Kopf, als ihr Handy brummt. Sie wirft einen Blick auf die Nachricht und nickt dann zufrieden. Wenigstens diese Sache scheint zu funktionieren, denkt sie. Also, hör auf, dich zu bemitleiden. Sie erhebt sich vom Thron und geht rasch die Stufen hinab. Unten angekommen dreht sie sich noch einmal um und betrachtet das Ungetüm. Die Schädel scheinen sich über sie lustig zu machen. Am liebsten würde sie das Ding in Stücke schlagen, doch sie weiß, dass ihr das nicht gelingen würde. Also wendet sie sich wieder ab und schwört sich selbst, nie wieder auf ihm Platz zu nehmen. Als sie die Tür zur Halle hinter sich schließt, fühlt es sich an, als würde sie flüchten, und sie weiß, dass sie verloren hat. Und dafür wird jemand büßen müssen, denkt sie. Bald. Sehr bald.

***

Catherine betrachtet sich im Spiegel, streicht ihr hochgeschlossenes schwarzes Abendkleid glatt und streift sich die langen Satin-Handschuhe über, bevor sie noch einmal ihre schulterlangen schwarzen Haare bürstet. Eigentlich gibst du dir viel zu viel Mühe, denkt sie. All der Aufwand, nur um einen dreckigen Strolch zu empfangen und die Ware in Empfang zu nehmen. Aber - du warst schon immer eitel, nicht wahr? Und eher würdest du nackt herumlaufen als dich unangemessen zu kleiden, ganz egal, was für einen Wurm du auch zu zertreten gedenkst.

Sie lächelt ihr Spiegelbild an, und es gefällt ihr, was sie sieht. Ein Monstrum in einer perfekten Maske. Ein Wesen, das einmal ein Mensch war. Und sich jetzt vom Blut der Sterblichen ernährt, seit langer Zeit.

Ein Flattern am Fenster erregt ihre Aufmerksamkeit, und sie erblickt einen Raben, der sie aus seinen kalten Vogelaugen ansieht. Sie lauscht seinem Krächzen, nickt dann und der Rabe verschwindet wieder hinaus in den Nebel. Der Besuch ist auf dem Weg. Catherine zieht noch einmal den Lippenstift nach und fährt mit den Fängen über ihre Lippen. Zeit, sich um die Gäste zu kümmern, denkt sie.

***

Der verbeulte Kleinbus rumpelt über die aus massiven Bohlen gebaute Holzbrücke und kommt mit quietschenden Bremsen mitten auf dem mit grob behauenen Katzenköpfen gepflasterten Hof zum Stehen. Der Fahrer, ein muskulöser, breitschultriger Kerl mit schlecht geschnittener Irokesen-Frisur, steigt aus und knallt die Tür des Wagens zu. Dann entdeckt er Catherine, grinst ihr zu, zieht die Nase hoch und rotzt in eine Schneewehe.

Catherine verzieht den Mund und betrachtet den Kerl näher. Breite Schultern, Schweineaugen. Schlechte Zähne. Eingehüllt in einen abgeschabten Armee-Parka. Darunter ein Muskel-Shirt, das seinen Bauchansatz nur mässig kaschiert. Ein echter Prachtkerl, denkt sie. Alles in allem ein weiteres Produkt dieser von Inzucht gegeißelten Brut, die ihr auf der Reise zu diesem von Engeln und Dämonen verfluchten Flecken Erde mit einer Mischung von Furcht und Feindseligkeit in den Augen entgegengetreten war. Hier und da entdeckte sie ein hübsches Exemplar, doch es erwies sich als schwierig, sich seiner ohne großes Aufsehen zu bemächtigen. So degeneriert die Dörfler auch sein mochten, sie kannten Wesen wie sie noch allzu gut. Und sie wussten, wie sie ihr schaden konnten. Nicht dass das ein Problem gewesen wäre. Aber sie hatte keine Zeit für solche Mätzchen, und sie wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Also gab sie nach ihrer Ankunft einfach eine Bestellung auf. Und zahlte genug Geld, damit niemand Fragen stellen würde.

„Da bin ich. Pünktlich wie versprochen.“ Der Kerl breitet die Armee aus und grinst. „Ja, Radek hält sein Wort. Na, was sagst du, Puppe?“

Radeks Augen wandern über ihren Körper, und Catherine spürt geradezu, wie er sie mit seinen Blicken auszieht. Nur dass sie diesem Köter nicht einmal die Spitzen ihrer Fingerkuppen zeigen wird. Catherine kämpft den Drang nieder, diesen sprechenden Affen gleich hier und jetzt zu Hundefutter oder Schlimmeren zu verarbeiten. Aber noch ist es nicht soweit. Noch braucht sie ihn. Noch.

„Mein Name ist Catherine“ sagt sie und legt die Hände in den Schoss. „Nicht Puppe. Merk dir das. Hast du, was ich will?“

Der Kerl schüttelt den Kopf und blickt zu Boden, sein breites Grinsen immer noch im Gesicht.

„Oh, entschuldige… Catherine… wusste nicht, dass du so empfindlich bist.“ Er stopft die Hände in die Taschen und blickt sich ein wenig um. „Ist ganz schön kalt hier. Was meinst du, sollen wir nicht drinnen weitermachen?“

„Da spricht nichts dagegen“, sagt Catherine, tritt einen Schritt beiseite und macht eine einladende Handbewegung. „Nach dir… Radek… “

„Na also, ist doch alles im Lack… “

Er hüpft entspannt die Stufen hoch und an ihr vorbei, und sie kann spüren, wie sein Blick wieder über ihren Körper wandert und an ihren Brüsten hängen bleibt, bevor er ihre Beine hinab streicht. Wieder muss sie sich beherrschen und ihre Begleiterin zügeln. Nicht hier. Nicht jetzt.

Radek scheint zu warten, dass Catherine ihm vorausgeht, aber die rührt sich nicht von der Stelle.

„Was ist“, fragt er. „Willst du die Ware nun haben oder nicht? Hier draußen werde ich den Deal nicht abschließen, da kannst du Gift drauf nehmen.“

„Doch“, antwortet Catherine. „Natürlich will ich sie. Willkommen in meinem bescheidenen Heim.“

Warum sonst sollte ich mich wohl mit einer Kakerlake wie dir beschäftigen, fügt sie in Gedanken hinzu. Wenn ich nicht auf dich angewiesen wäre, würde ich dich gleich hier und jetzt zertreten. Aber noch ist es nicht soweit… Sie macht einen Schritt an Radek vorbei und lässt die Flügeltür sachte nach innen schwingen. Radek betritt mit den Händen in den Taschen und einem breiten Grinsen die Halle und schaut sich neugierig um, während Catherine das Portal hinter ihm schließt und lautlos verriegelt. Die Halle ist mit unzähligen Kerzen erleuchtet, und an den Wänden finden sich Höllendarstellungen und Dämonenbildnisse aller Art. Radek geht zu der Büste eines hockenden Monsters, dessen Extremitäten seltsam verformt aussehen und streicht über das polierte schwarze Gestein, von dem eine seltsame Wärme auszugehen scheint.

„Nette Bude. Coole Einrichtung. Sag mal, wohnst du hier allein? So ganz ohne Personal?“

„Was interessiert es dich“, schnappt Catherine.

„Oh oh oh, nicht gleich sauer werden“, lacht Radek und zieht die Nase hoch. „Ich dachte immer, so als Schlossherrin hat man halt so seine Bediensteten, die einem das Essen bringen und das Bett wärmen, du verstehst schon… “

Catherine beherrscht sich, doch etwas an ihr überzeugt Radek, nun besser den Mund zu halten, und so geht Catherine ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei quer durch die Halle in den rechten Seitenflügel des Schlosses. An den Wänden blaken Fackeln in den Eisenhaltern und tauchen die Gobelins an den Wänden in ein unwirkliches Licht. Vor der dritten Tür bleibt sie stehen und öffnet sie.

„Hier entlang“, sagt sie und macht eine einladende Handbewegung. Radek grinst sie an und betritt dann den Raum, in dem sich in verschiedenen Ständern altertümliche Waffen aller Art befinden.

„Was ist das denn hier? Die Folterkammer? Willst du mich hier fertigmachen?“

„Nein, das ist ein Waffenraum. Hier rüsteten sich die alten Herrscher zur Schlacht.“ Sie nimmt einen schweren Morgenstern aus einer Wandhalterung und lächelt Radek an.

„Siehst du, hiermit haben die Altvorderen das Türkenpack gezüchtigt, wenn es sich mal wieder erdreistete, in unsere Lande einzudringen. Aber ich schweife ab - setz dich doch“.

Sie deutet auf einen Stuhl, der zwischen zwei waffenstarrenden Rüstungen an der Wand platziert ist. Radek zögert einen Moment, nimmt dann aber ohne Widerrede Platz.

„So ist es gut“, murmelt Catherine, und Radek stutzt.