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In Bogotás exklusivster Wohngegend liegt der Kosmetiksalon „Haus der Schönheit“. Eine der gefragtesten Kosmetikerinnen ist die alleinerziehende Karen. Ihre Kunden teilen ihre intimsten Geheimnisse mit ihr, ob sie will oder nicht. Karen weiß alles über ihre Affären, ihre Ängste, ihre Geheimnisse. An einem regnerischen Nachmittag kommt ein junges Mädchen in Schuluniform zur Behandlung. Sie riecht nach Alkohol und will sich ganz offensichtlich für ein Rendezvous schön machen lassen. Am nächsten Tag ist das Mädchen tot. Karen war die letzte Person, die das Mädchen lebend gesehen hat, und eine mörderische Dynamik nimmt ihren Lauf.
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Seitenzahl: 274
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das Buch
In Bogotás exklusivster Wohngegend liegt der Kosmetiksalon »Haus der Schönheit«. Eine der gefragtesten Kosmetikerinnen ist die alleinerziehende Karen. Ihre Kunden teilen ihre intimsten Geheimnisse mit ihr, ob sie will oder nicht. Karen weiß alles über ihre Affären, ihre Ängste, ihre Geheimnisse. An einem regnerischen Nachmittag kommt ein junges Mädchen in Schuluniform zur Behandlung. Sie riecht nach Alkohol und will sich ganz offensichtlich für ein Rendezvous schön machen lassen. Am nächsten Tag ist das Mädchen tot. Karen war die letzte Person, die das Mädchen lebend gesehen hat, und eine mörderische Dynamik nimmt ihren Lauf.
Die Autorin
Melba Escobar, geboren 1976 in Kolumbien, schreibt regelmäßig für die Zeitungen El País und El Espectador. Neben ihrer Tätigkeit als Journalistin hat sie bislang drei Romane verfasst. Die Kosmetikerin wurde als bester Roman 2016 mit dem kolumbianischen Premio Nacional de Novela ausgezeichnet. Zudem arbeitet Melba Escobar an mehreren Literaturprojekten für Kinder mit. Sie lebt mit ihrer Familie in Bogotá.
MELBAESCOBAR
DIE
KOSMETIKERIN
ROMAN
Aus dem Spanischen von Sybille Martin
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
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Originalausgabe 10 / 2019
Copyright © 2019 by Melba Escobar
Copyright © 2019 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Printed in Germany
Redaktion: Sven-Eric Wehmeyr
Umschlaggestaltung: Eisele Grafik Design, München
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN978-3-641-22348-9V001
www.heyne.de
Und fliege, fliege,
schlag einen anderen Kurs ein,
und träume, träume,
die Welt sei dein.
Hoja en blanco, Los Diablitos
1
Ich hasse künstliche Fingernägel in extravaganten Farben, blondierte lange Haare, Rohseidenblusen und Brillantohrringe um vier Uhr nachmittags. Nie zuvor wirkten derart viele Frauen wie Transvestiten oder Prostituierte, die sich als brave Ehefrauen verkleidet hatten.
Ich hasse das penetrante Parfüm dieser Frauen, die so stark geschminkt sind, dass sie einen an Kakerlaken aus einer Bäckerei erinnern, und außerdem muss ich dann immer niesen. Ganz zu schweigen von ihren Accessoires, diesen intelligenten Telefonen in kleinmädchenhaften, pinkfarbenen Hüllen, die mit Pailletten, Edelsteinimitationen und lächerlichen Figürchen verziert sind. Ich hasse alles, was diese nicht biologisch abbaubaren Frauen mit ihren gezupften Augenbrauen repräsentieren. Ich hasse ihre schrillen, gekünstelten Stimmen, als wären sie vierjährige Püppchen, kleine Drogenbaron-Schlampen, die wie ein Phallus in den Körper einer Frau gezwängt sind. Alles ist so verworren, diese Macho-Kind-Frauen verstören mich, sie deprimieren mich, bei ihrem Anblick muss ich daran denken, was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Größe ihres Hinterns, der Form ihrer Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird. Desgleichen hasse ich minderbemittelte, auf ihre primitivste Art reduzierte Männer, die immer auf der Suche nach einer Frau sind, die sie besteigen können, die sie wie eine Trophäe herumzeigen können, die sie dann einfach austauschen oder mit der sie ihr Ansehen bei anderen Cro-Magnons desselben Schlags aufbessern. Aber ebenso wie ich dieses ganze mafiöse Universum hasse, das seit über dreißig Jahren die Ästhetik dieses Landes und die Weltanschauung von Verbrechern, Politikern, Unternehmern und allen prägt, die auch nur die geringste Berührung mit der Macht haben, hasse ich die Damen von Bogotá, zu denen ich mich selbst zähle, allerdings darum kämpfe, mich von den anderen zu unterscheiden.
Ich hasse die Unart, diejenigen als Indios zu bezeichnen, die ihrer Meinung nach den unteren Gesellschaftsschichten angehören. Ich hasse diese Manie, zwischen »Sie« und »du« zu unterscheiden, wobei das »Sie« ausschließlich für Dienstpersonal gilt. Ich hasse die Servilität der Kellner in den Restaurants, wenn sie zu den Gästen eilen und Sachen wie »Was wünschen die Dame?«, »Wie die Herrschaften wünschen« oder »Wie der Herr befehlen« von sich geben. Ich hasse vieles und auf vielschichtige Weise, etliche Dinge erscheinen mir ungerecht, dumm, willkürlich und grausam, und ich hasse sie noch mehr, wenn ich mich selbst dafür hasse, Teil dieser unabänderlichen Wirklichkeit zu sein.
Meine Geschichte ist ziemlich gewöhnlich. Es lohnt sich nicht, sie in allen Einzelheiten zu erzählen. Vielleicht genügt es zu erwähnen, dass mein Vater ein französischer Einwanderer ist, der aufgrund einer Ausschreibung zum Bau einer Eisenhütte nach Kolumbien kam. Hier wurden mein Bruder und ich geboren. Hier sind wir aufgewachsen wie viele aus unserer Gesellschaftsschicht, wir verhielten uns wie Ausländer und lebten in einem Land der Mauern. Wir wohnten im Norden von Bogotá, in der Altstadt von Cartagena, und die Ferien verbrachten wir in Paris und auf den Islas del Rosario. Mein Leben unterschied sich nicht besonders von dem einer italienischen, französischen oder spanischen Bürgerin. Ich lernte schon als Kind, wie man frische Langusten isst und Igel fängt; mit einundzwanzig konnte ich bereits einen Wein aus Bordeaux von einem aus Burgund unterscheiden, spielte Klavier, sprach akzentfrei Französisch und kannte die Geschichte des Alten Kontinents besser als die eigene.
Seit ich denken kann, mussten wir uns um unsere Sicherheit kümmern. Ich bin blond, einen Meter fünfundsiebzig groß und habe blaue Augen, was in diesem Land heute nicht mehr sonderlich exotisch ist, in meiner Kindheit jedoch ein Ass im Ärmel war, um die Zuneigung der Nonnen und die Aufmerksamkeit meiner Klassenkameradinnen zu gewinnen, und mich oftmals im Mittelpunkt stehen ließ, weshalb mein Vater immer große Angst vor einer Entführung hatte, die es in unserer Familie zum Glück nie gab. Unser Reichtum und mein angelsächsisches Aussehen trugen zu meiner Ausgrenzung bei. Obwohl ich letztendlich zu dem Gedanken tendiere, mir dies nur eingeredet zu haben, um zu verdrängen, dass ich mich freiwillig und mit Leib und Seele zur Exilantin gemacht habe. Wohin auch immer ich gegangen bin, ich war stets woanders.
In meinem Alter gehört Melancholie zur inneren Gefühlslandschaft. Letzten Monat bin ich siebenundfünfzig Jahre alt geworden. Mein Blick ist stärker in die Vergangenheit und eher nach innen als auf meine Umgebung gerichtet. Größtenteils aus Desinteresse und weil mir nicht gefällt, was mich umgibt. Vielleicht ist es dasselbe. Vermutlich nährt sich mein Weltekel aus meiner schäbigen Wahrnehmung der Realität, die mich umgibt, aber das ist unvermeidlich. Octavio Paz würde es »Das Haus des Blicks« nennen, es ist mein Haus des Blicks, und ich habe kein anderes. Ich akzeptiere meine Zugehörigkeit zur Oberschicht. Ich akzeptiere, mehr noch: umarme meinen Hass. Vielleicht ist das ein Ausdruck von Reife.
Als ich das Land verließ, sorgten die Mütter noch dafür, dass ihre Töchter knielange Röcke trugen, heutzutage bleibt nichts mehr der Fantasie überlassen. Das ist auch so etwas, das mich bei meiner Rückkehr schockierte. Ich hatte das Gefühl, dass mich die Brüste einiger Frauen in ihrer fast aggressiven Aufdringlichkeit regelrecht verfolgten. Jedenfalls konnte ich mich in Kolumbien nie eingewöhnen, und in Frankreich blieb ich immer die Ausländerin.
Nach Paris bin ich eher geflohen, als dort studieren zu wollen. Lange fühlte ich mich in dem Land wohl, heiratete, bekam eine Tochter, übte meinen Beruf aus, doch dann fühlten sich die Jahre an wie Stacheln, und die Erinnerungen wurden trügerisch, bis ich eines Tages begriff, dass es an der Zeit war zurückzukehren. Als geschiedene Frau mit siebenundfünfzig Lenzen auf dem Buckel und einer zweiundzwanzigjährigen Tochter, die an der Sorbonne studiert, musste ich mein Leben in drei alte Koffer packen und ohne mein Kind die Rückkehr antreten. Aline spricht Spanisch mit Akzent, aber nicht fehlerfrei. Sie ist schön, schlank und sehr groß, mit einer Vorliebe für Frauen anstatt für Männer, wobei noch nicht klar ist, ob das so bleibt oder vorübergeht. Darüber mache ich mir keine großen Sorgen. Wiewohl ich weiß, dass sich die Arme damit beschäftigen oder zumindest mit den hiesigen Moralvorstellungen und dem sozialen Mobbing auseinandersetzen müsste, wenn sie hier leben wollte. Ein wenig haben sich die Dinge inzwischen verändert, das ist wahr. Zumindest sieht man mehr Ausländer im Straßenbild, und es gibt mehr Menschen, die anders denken. Trotzdem bin ich abgesehen von meiner Freundin Lucía Estrada, mit der ich nach Jahrzehnten wieder Kontakt aufgenommen habe, ziemlich allein. Aber eigentlich brauche ich auch niemanden.
»Kolumbien ist Leidenschaft« stand auf einem Plakat, das mich auf dem Flughafen in Empfang nahm. Und am nächsten Tag las ich etwas von zwanzig Toten bei einem Massaker im Süden des Landes in der Zeitung. Dabei bewirkt genau diese Leidenschaft, dass ich die einen wie die anderen so glühend hasse. Die Señoras Urrutia, Pombo und MacAllister, die mich zum Tee oder zum Beten für eine kranke Freundin oder die elf Kinder einladen, die beim letzten Hauseinsturz im Süden der Stadt starben, in den sie nie einen Fuß gesetzt haben. Desgleichen hasse ich Portiers, die es genießen, aller Welt den Zutritt zu verwehren, Bodyguards, die mit ihren dicken Geländewagen andere Autos abdrängen, Bettler, die Ampelanlagen demolieren. Nur bei der Arbeit gelingt es mir, mich mit meiner verständnisvollen Seite zu versöhnen, weil sie noch nicht von der Verbitterung betroffen ist.
Zu Beginn des Jahres 2013 fand ich ein schönes Apartment in der 93. Straße nahe des Parque del Chicó. Ich veräußerte ein paar Aktien und konnte mit dem Geld nicht nur das Apartment, sondern auch ein Stück Land in den Bergen von Guasca erwerben, wo ich mir ein Wochenendhäuschen bauen lassen möchte. In dem Apartment richtete ich mir ein Sprechzimmer ein und hatte dank meiner Empfehlungen schon nach kurzer Zeit mehrere Patienten. Ich muss gestehen, dass ich die meisten langweilig finde. Ihre Ängste sind so vorhersehbar, ebenso wie ihre Komplexe, ihre Urteile und ihre Überlegungen. Doch mangels anderer Zerstreuung stürzte ich mich in die Arbeit. Zum Glück bietet die Stadt ein recht vielfältiges Kulturprogramm, weshalb ich gelegentlich ein Konzert oder eine Ausstellung besuche, wofür mir zwei freie Nachmittage in der Woche zur Verfügung stehen. Schließlich verdient eine Psychoanalytikerin mehr als genug, und angesichts meiner Position und meines Alters muss ich auch nicht besonders viel arbeiten.
Irgendwann begann ich, an den freien Nachmittagen Spaziergänge zu unternehmen. Da man unmöglich ins Zentrum gelangt, ohne zwei Stunden im Stau zu stehen, habe ich entschieden, meine unmittelbare Umgebung zu erkunden, und zwar ausschließlich zu Fuß. Bei einem dieser Spaziergänge entdeckte ich zwei neue Buchhandlungen, eine hervorragende Konditorei und zwei Boutiquen. Allerdings verspürte ich keinesfalls den dringenden Wunsch, etwas anzuprobieren, denn mein Körper wird mir zunehmend fremder. Mein Gesicht im Spiegel verblüfft mich immer öfter, meine nackten Beine sind eine unlesbare Landkarte, vergilbt und vergessen.
Bei einem dieser Spaziergänge durch das Viertel schlenderte ich die Avenida 82 entlang und gönnte mir in der Konditorei Michel einen Cappuccino und ein Schokoladentörtchen. Danach hatte ich ein schlechtes Gewissen und beschloss, noch ein Stückchen weiter bis zur Carrera 15 und erst dann nach Hause zu gehen. An diesem hellen Maitag stand ich nach wenigen Straßenzügen plötzlich vor einem weißen Gebäude mit hohen Glastüren, das ich bisher nicht wahrgenommen hatte. Darüber stand in Silberlettern: Haus der Schönheit. Ein Beauty-Salon. Von Neugier getrieben, trat ich ein. Ich glaube, es war der Name, der mich anzog. Ich stand in einem Foyer voller Ständer mit superteuren Produkten zum Feuchtigkeitsspenden und Abnehmen, gegen Falten, Geweberisse und Cellulitis, als ich sie plötzlich am Empfangstresen stehen sah. Sie trug weiße Sportschuhe, einen hellblauen Kasack zu hellblauer Hose und einen Pferdeschwanz. Ihr langes, tiefschwarzes Haar fiel über ihren Rücken. Die Schatten unter den Augen oder der erschöpfte Gesichtsausdruck konnten ihrer unbändigen, fast robusten Schönheit jedoch nichts anhaben. Die junge Frau strotzte vor Leben. Sie strahlte etwas Wildes und Natürliches aus, das sie – wie soll ich es sagen? – wahrhaftig machte. Ich weiß bis heute nicht, ob derlei der Erfolg von Disziplin und Eitelkeit oder schlicht eine natürliche Gabe ist. Ich werde es nie erfahren. Karen ist ein großes Mysterium. Besonders in einer Stadt wie dieser, wo alle zu sein scheinen, wer sie sind, und in deren Kleidungsstil, Ausdrucksweise und Wohnort ein so berechenbarer wie stereotyper Verhaltenskodex eingeschrieben ist. Ihre Figur – schlank und kraftvoll wie die einer Gazelle – , aber vor allem eine gewisse Sanftheit in ihrem Gesichtsausdruck erregte meine Aufmerksamkeit. Ich würde darauf wetten, dass sie sich überhaupt nicht so sah. Bei ihrem bloßen Anblick ließe sich spontan sagen, dass ihrer Seele Langmut innewohnt.
Möglicherweise wurde sie auf mich aufmerksam, weil ich wie angewurzelt dastand und sie wie eine Erscheinung anstarrte, weshalb sie fragte:
»Brauchen Sie Hilfe, Señora?«
Sie lächelte ungezwungen, als wäre sie dankbar, am Leben zu sein. Es überraschte mich, dass niemand ihre Schönheit wahrzunehmen schien. Es wirkte, als wäre eine zarte Orchidee versehentlich in eine schmutzige Pfütze gefallen. Sie war umgeben von Frauen mit Stöckelschuhen an den Füßen und einem falschen Lächeln auf den Lippen. Die junge Frau hinter dem Empfangstresen war eine Witzfigur mit kirschroten Lippen und zu viel Rouge auf den Wangen. Sie nicht. Sie schien über allem zu stehen und dem Namen des Hauses seinen Sinn zu verleihen.
»Ja, danke, ich wollte eine Depilation machen lassen«, sagte ich schließlich, als würde ich mich, seit ich denken kann, nicht selbst rasieren.
»Wir haben heute noch freie Termine. Wenn Sie mögen, können wir jetzt gleich sofort anfangen.«
»Ja, gleich sofort wäre gut«, sagte ich wie hypnotisiert.
»Verzeihung, wie ist Ihr Name?«
»Claire. Claire Dalvard«, sagte ich.
»Folgen Sie mir bitte.«
Und ich folgte ihr.
2
»Schon in zarterKindheit glätten sich Schwarze und Mulattinnen das Haar mit Glätteisen und Fön, mit Cremes und Kautabletten, sie drehen es zum Turban oder auf große Lockenwickler, sie geben Packungen darauf, schlafen mit Strumpfhosen über dem Kopf und benutzen Silikon-Conditioner. Glattes Haar zu haben ist so wichtig wie einen Büstenhalter zu tragen, ein unentbehrlicher Bestandteil der Weiblichkeit, man muss tun, was man tun muss, allen Mut zusammennehmen, das Haar mit metallischen Haarclips bändigen, das Ziepen ertragen und viel Zeit investieren, weil es aufwendig und schmerzhaft, aber auch notwendig ist, wenn du eine perfekte Glätte erzielen willst«, sagt Karen mit ihrer volltönenden Stimme.
»Müssen die kleinen Mädchen das auch schon machen?«
»Die ganz kleinen nicht, aber die kleinen Señoritas, also die im Alter von acht oder neun Jahren, sehr wohl, die haben alle glattes Haar«, sagt sie und reißt die Vliesstreifen ab.
Karen erzählte mir, dass ihr Bogotá gefallen hätte, als sie herkam. Ja, viele finden die Stadt schön. Genau genommen wegen dieser leichten, für sie charakteristischen Melancholie, die sich an einem unerwartet strahlenden Sonntagmorgen manchmal auflösen kann.
Sie hat ihren vierjährigen Sohn bei ihrer Mutter in Cartagena zurückgelassen, um in Bogotá zu arbeiten. Eine Kollegin hatte im Stadtteil Quirigua ein Kosmetikstudio eröffnet und ihr Arbeit angeboten. Sie versprach ihrer Mutter, monatlich Geld für Emiliano zu schicken, was sie auch getan hat. Ihre Mutter lebt in einem Haus im Viertel San Isidro, zusammen mit ihrem Onkel Juan, einem kränkelnden Junggesellen. Beide leben recht und schlecht von der Pension des Onkels, der dreißig Jahre bei der Post gearbeitet hat, und von ihren Geldanweisungen.
Karen ist mit Vallenato-, Bachata- und später mit Champeta-Musik aufgewachsen. Ihre knapp sechzehn Jahre ältere Mutter war einst die Prinzessin im Viertel, weshalb sie der Armut zu entkommen hoffte, aber schließlich von einem blonden Mann, der kaum Spanisch sprach und den sie für einen Seemann hielt, schwanger wurde. Nach diesem kurzen Ausflug in die Liebe war die Mulattin geboren worden, die mit ihrer Mutter nicht nur den Familiennamen, sondern auch die Schönheit und den Mangel gemein hatte.
Doña Yolanda Valdés verkaufte Lotteriescheine und Fritanga, frittierte Speisen, sie arbeitete als Hausangestellte, als Kellnerin in einer Bar in der Altstadt und kümmerte sich schließlich um ihren Enkel, litt an Arthritis und klagte fortwährend darüber, anstelle eines Sohnes eine Tochter zur Welt gebracht zu haben. Mit ihren vierzig Jahren war sie fast eine alte Frau.
Doña Yolandas Liebschaften hatten ihr zwei weitere Schwangerschaften eingehandelt, beide Male waren es Jungen gewesen, doch sie hatte das Pech, dass einer tot geboren wurde und der andere wenige Tage nach der Geburt starb. Yolanda Valdés behauptete immer, dass auf den Frauen ihrer Familie ein Fluch laste. Wenn sie es am wenigsten erwarteten, ereile sie eine Art Unheil, das sie zum Schicksal der Einsamkeit verdamme.
Karen erinnert sich an die sonntägliche Messe um sieben Uhr früh und an das Aufwachen beim Gesang der Kanarienvögel. Sie erinnert sich an den Fischeintopf aus der Küstenregion Los Morros und an die ausgetrocknete, spannende Haut und den flirrenden Blick, wenn sie sich lange im Wasser hatte treiben lassen. Schon bald wurde das Ritual, mit ihr allein in dieser Kabine zu sein, mit ihrer Jugend, ihrem Rhythmus des Meeres, der Kraft ihrer festen und weichen Hände, zu einer zwingenden Notwendigkeit wie der Hunger für mich.
Seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, wollte ich wissen, wer sie ist. Vorsichtig, fast zärtlich löcherte ich sie mit Fragen, während sie mir mit den Fingerspitzen über den Rücken fuhr. So erfuhr ich, dass sie im Januar 2013, in der sonnigen Jahreszeit, in Bogotá eingetroffen war und zunächst im Bezirk Corinto de Suba wohnte, wo ihr eine Familie eine kleine Wohnung mit Kochnische und Bad für dreihunderttausend Pesos einschließlich Nebenkosten vermietet hatte. Sie verdiente den Mindestlohn. Am Monatsende war kein einziger Peso mehr übrig, den sie nach Hause hätte schicken können; darüber hinaus war die Gegend nicht sicher, und Karen hatte ständig Angst. Als eines Nachts ein Betrunkener auf zwei Menschen schoss, weil sie bei einer Familienfeier auf der Straße zu laut waren, beschloss Karen, sich eine andere Wohnung zu suchen.
Sie zog nach Santa Lucía im Süden, nahe der Avenida Caracas, musste jetzt aber die gesamte Stadt durchqueren, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen.
Als sie von einer Kollegin erfuhr, dass ein exklusiver Beauty-Salon im Norden jemanden suchte, stellte sich Karen vor. Das war Anfang April. Die Stadt wurde von Wolkenbrüchen heimgesucht. Karen lebte erst zwei Wochen in ihrer neuen Wohnung und hatte das Gefühl, dass die Sintflut ein Zeichen für Wohlstand sein könnte.
Das Haus der Schönheit befindet sich in der Zona Rosa. Das weiße Gebäude atmet Schlichtheit und Sauberkeit aus, eine Mischung aus Zahnklinik und Modeboutique. Wenn man durch die Glastüren ins Foyer tritt, findet man sich unvermittelt in einer Welt der Frauen wieder. Die junge Frau am Empfang zeigt ihr schönstes Lächeln. An mehreren Ständen bieten sorgfältig geschminkte und frisierte Angestellte in hellblauen Kasacks lächelnd Cremes, Parfüm, Lidschatten und Masken der besten Marken an. Auf einem Tisch im Warteraum stapeln sich Zeitschriften.
Karen erinnert sich, an einem fünften April um halb zwölf das Haus zum ersten Mal betreten zu haben. Kaum hatte sie die Glastüren passiert, stieg ihr der Duft von Vanille, Mandeln, Rosenwasser, Nagellack, Shampoo und Lavendel in die Nase.
Die Frau am Empfang, die sie mit der Zeit noch besser kennenlernen sollte, kam ihr vor wie eine Porzellanpuppe. Stupsnase, große Augen und volle, kirschrot bemalte Lippen. Welchen Lippenstift sie wohl benutzt?, fragte sie sich auf dem Weg in den Warteraum.
Weiter hinten stehen zwei Friseurstühle vor einem großen Wandspiegel, wo zwei Frauen Augenbrauen zupfen, schminken und Produktproben durchführen. Sie alle tragen hellblaue Hosen und kurzärmelige Kasacks in derselben Farbe. Sie wirken wie Krankenschwestern, sind aber besser frisiert und geschminkt und haben makellose Hände und Wespentaillen. Eine ist perfekt gebräunt, und auf dem Namensschild an ihrer Brust steht Susana.
Die Frau vom Reinigungspersonal trägt ebenfalls blaue Arbeitskleidung, allerdings dunkelblaue. Sie bringt Karen einen aromatischen Tee, den diese gern annimmt. Da kommt diese Tropipop-Sängerin namens Rika herein. Sie ist dunkelhaarig, sinnlich, beneidenswert gebräunt und möglicherweise älter, als sie aussieht. Die Sonnenbrille steckt im Haar, und sie trägt an jedem Finger einen Goldring sowie unzählige Armbänder. Wie Karen meldet sie sich an und setzt sich dann mit einer Zeitschrift zu ihr.
»Doña Fina erwartet Sie, Sie können jetzt hochgehen«, sagt die Frau vom Empfang.
»Danke«, erwidert Karen und hofft, dass ihr Küstenakzent nicht allzu sehr durchklingt.
Sie geht eine gewundene Treppe hinauf in den dritten Stock. Auf der rechten Seite gibt es vier Arbeitsplätze für Wimpern und drei für Fingernägel. Dazwischen vier Kabinen, und ganz hinten links befindet sich das Büro von Doña Josefina de Brigard. Karen geht auf die angelehnte Tür zu und hört von drinnen eine Stimme, die sie zum Eintreten auffordert. In einem anheimelnden Raum mit Oberlichtern, durch die helles Tageslicht hereinfällt, wird sie von einer Frau unbestimmten Alters mit flachen Schuhen, kakifarbener Hose, beiger Bluse und einer Perlenkette sowie perfekter Fönfrisur und dezentem Make-up willkommen geheißen.
»Kommen Sie näher«, sagt sie mit tiefer Stimme.
Doña Josefina sieht sie auf ihren Schreibtisch zukommen. Mit ihren tiefgrünen Augen und leicht hochgezogenen Augenbrauen mustert sie Karen von oben bis unten.
Dann schaut sie Karen direkt in die Augen, und Karen senkt daraufhin den Blick.
»Zeigen Sie mir Ihre Hände.«
Karen streckt die Hände aus und fühlt sich unvermittelt in die Grundschule zurückversetzt. Aber Doña Josefina holt nicht das Lineal heraus, um sie zu bestrafen, sie lässt die Hand der jungen Frau lediglich einen Moment auf der ihren ruhen, setzt ihre Brille auf, mustert sie aufmerksam, wiederholt das Ganze mit der linken Hand und bittet sie dann, sich zu setzen.
Sie hingegen steht auf und schlendert durch den Raum. Wenn ich in dem Alter noch diese Figur hätte, würde ich mich auch nicht hinsetzen, denkt Karen.
»Wissen Sie, wie lange es Das Haus der Schönheit schon gibt?«
»Zwanzig Jahre?«
»Fünfundvierzig. Damals hatte ich schon meine drei Kinder. Womit ich sagen will, dass ich bereits Urgroßmutter bin.«
Karen betrachtet ihre Taille, um die sich ein Gürtel aus Schlangenleder windet. Die Fingernägel sind blassrosa lackiert. Die Augen mandelförmig, die hervorstehenden Wangenknochen wirken wie milchig-schimmernde Opale. Die Frau hätte ein Kinostar sein können.
»Der Beauty-Salon und meine Familie sind alles, was ich habe. Deshalb stelle ich hohe Anforderungen und mache keinerlei Zugeständnisse.«
»Ich verstehe«, sagt Karen.
»Ja, Kindchen, du wirkst aufgeweckt. Du hast von einem exklusiven Salon in Cartagena in einen gewöhnlichen in Bogotá gewechselt. Warum?«
»Weil ich hier mehr verdiene, oder zumindest glaubte ich das, als ich die Küste verließ.«
»Immer das Geld …«
»Ich habe einen vierjährigen Sohn.«
»Den haben alle.«
»Einen vierjährigen Sohn?«, rutscht es Karen unbedacht heraus.
»Ich sehe schon, an Humor fehlt es Ihnen nicht«, erwidert Doña Josefina und siezt sie unvermittelt wieder. »Das hier ist ein guter Ort für ernsthafte und diskrete Frauen, die bereit sind, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, die ihre Arbeit gut machen und begreifen, dass Schönheit absolute Professionalität verlangt. Da Sie Anmut haben, bin ich davon überzeugt, dass Sie sich hier gut einfügen würden. Es ist so: Unsere Kundinnen können Geld haben, einige sogar sehr viel Geld, aber oft sind sie sich selbst und ihrer Weiblichkeit höchst unsicher. Wir alle haben Angst, und wenn wir in ein bestimmtes Alter kommen, verstärkt sich diese Angst. Deshalb müssen wir im Beauty-Salon ausgezeichnete Arbeit leisten, aber auch warmherzig und verständnisvoll sein und zuhören können.«
»Ich verstehe«, sagt Karen automatisch.
»Sie verstehen gar nichts, Kindchen. Sie sind zu jung, um zu verstehen.«
Karen schweigt.
»Also, was ich sagen will: Stellen Sie den Kundinnen keine Fragen – wenn sie plaudern wollen, plaudern Sie mit ihnen; wenn sie schweigen, dürfen Sie unter keinen Umständen von sich aus ein Gespräch beginnen. Die Bitte um Trinkgeld oder irgendwelche Gefälligkeiten ist ein Entlassungsgrund. Das Benutzen des Mobiltelefons während der Arbeit ist ein Entlassungsgrund. Das Verlassen des Hauses ohne erteilte Erlaubnis ist ein Entlassungsgrund. Das unerlaubte Mitnehmen irgendwelcher Gegenstände ist ein Entlassungsgrund. Urlaub gibt es erst nach einem Jahr, Renten- und Krankenversicherung zahlen Sie selbst. Desgleichen wird der Urlaub nicht vergütet und darf nicht länger dauern als zwei Wochen, einschließlich der Feiertage. Feilen, Cremes, Öle, Spachteln und anderes Arbeitsmaterial gehen auf Ihre Rechnung.«
»Darf ich fragen, wie hoch der Lohn ist?«
»Kommt darauf an. Für jede Dienstleistung erhalten alle Mitarbeiterinnen vierzig Prozent. Wenn du erfolgreich bist und unsere Kundinnen dich regelmäßig buchen, kannst du in ein paar Monaten einschließlich der Trinkgelder eine Million Pesos verdienen.«
»Einverstanden.«
Doña Josefina lächelt flüchtig.
»Nicht so schnell, Mädchen. Ich habe heute Nachmittag noch zwei weitere Vorstellungsgespräche.«
Karen fand es sonderbar, wie diese elegante und anscheinend gebildete Frau die Umgangsformen missachtete und ständig vom Sie zum Du wechselte.
»Ich wollte Ihnen damit nur sagen, dass ich sehr interessiert bin«, fügte sie hinzu und blieb vorsichtshalber beim Sie.
»In ein paar Tagen gebe ich dir Bescheid.«
Als Karen schon gehen wollte, fügte Doña Josefina noch hinzu:
»Und noch was: Wer hört nicht gern den Küstenakzent? Belass es dabei, niemandem hierzulande oder sonst wo gefällt es, wie wir alteingesessenen Bogotaner sprechen.«
Eine Woche später begann Karen im Beauty-Salon zu arbeiten. »Hätte ich in der Abteilung Augenbrauen, Wimpern und Make-up angefangen, wäre es schwierig für mich gewesen, mit Susana mitzuhalten«, erzählte sie mir. Da jede ihre individuelle Stärke hatte, war Karen schon bald die Königin des zweiten Stocks. Man hatte ihr Kabine Nummer drei zugewiesen, wo sie für Gesichtsreinigung, Massage und Depilation zuständig war. Ihre Schönheit zusammen mit ihrer Klugheit und Professionalität machten sie zur Spezialistin, besonders für Depilationen. Sie fand heraus, dass sich die Hauptstädterinnen fast nie aus freien Stücken einer Intimrasur unterzogen. Sie kamen, weil der Ehemann oder der Freund oder der Geliebte es verlangten. Sie erzählte mir von ihren Kundinnen und Kolleginnen im Haus. So kam auch der Name Sabrina Guzmán zur Sprache.
Karen weiß, wer ein Muttermal an der Hüfte trägt, wer unter Krampfadern leidet, wer Probleme mit Brustimplantaten hatte, wer sich scheiden lässt, wer einen Geliebten hat, wem Hörner aufgesetzt werden, wer an Brückentagen nach Miami fliegt, wer vergangene Woche eine Krebsdiagnose erhielt und wer sich täglich massieren lässt, um schlanker zu werden, ohne es dem Ehemann zu sagen.
Was in der Kabine gesprochen wird, bleibt im Raum, ebenso wie auf der Couch. Wie ein Therapeut oder Beichtvater unterliegt die Kosmetikerin der Schweigepflicht. Mir hat sie natürlich durchaus Dinge erzählt, die in der Kabine zur Sprache kamen. Aber das war auch etwas anderes.
Die Liege ähnelt der Couch. Auf sie legt die Frau ihren schutzlosen Körper und liefert sich damit aus. Gemäß der Hausregel »Ruhen Sie sich aus! Keine Telefonate!« betritt sie die Kabine in der Bereitschaft, ein Weilchen abzuschalten. Fünfzehn Minuten, eine halbe Stunde oder länger ist sie von der Welt abgeschottet und im Einklang mit ihrem Körper und der Stille, und manchmal ergibt sich auch ein Gespräch mit der Kosmetikerin, in dem Vertraulichkeiten zur Sprache kommen, die mit nahestehenden Menschen selten oder gar nicht geteilt werden.
Sabrina Guzmán kam an einem Donnerstag eine Stunde vor Ladenschluss triefnass und mit Schuluniform in den Salon und roch nach Schnaps. Sie erzählte, dass ihr Freund sie zu einem romantischen Abendessen in einem Fünf-Sterne-Wellnesshotel eingeladen hätte. Soweit Karen verstanden hat, handelte es sich um einen Freund, der sie schon zweimal beglücken wollte, aber unverrichteter Dinge wieder gegangen war, weil sie nicht glatt wie ein Pfirsich gewesen sei, wie die Kundin erklärte.
Er wäre nur zwei Tage in der Stadt und wollte sie nutzen. Wofür er sie nutzen wollte, sagte sie nicht, aber Karen nahm an, dass er vorhatte, das Mädchen zu entjungfern. Es war eine Tortur für beide. Sabrina jammerte sehr, und als Karen die kleinen Blutstropfen sah, überkam sie eine düstere Vorahnung.
Nach der Behandlung starrte Karen auf die Blutflecken und fragte sich, wie sie selbige aus dem Liegenstoff herausbekommen sollte. Sie versuchte es mit Wasser, Seife, Ammoniak, aber es blieb ein blassrosa Fleck, der sie die restliche Zeit im Salon begleiten sollte.
3
Als ein paar Tage später Sabrina Guzmáns lebloser Körper gefunden wurde, erinnerte sich Karen an den Vornamen des Freundes. In der kurzen Zeitungsnotiz stand lediglich, dass die siebzehnjährige Schülerin eines Mädchengymnasiums an einem Aneurysma gestorben sei und die Trauerfeier am 24. Juli um zwölf Uhr mittags in der Kirche La Inmaculada Concepción stattfände.
Obwohl es nicht erlaubt war, während der Arbeitszeit den Salon zu verlassen, verspürte Karen das dringende Bedürfnis, an der Trauerfeier teilzunehmen. Sie ging auf die Toilette, zog die Arbeitskleidung aus, schlüpfte in ihre Röhrenjeans und das weiße T-Shirt und borgte sich von Susana den schwarzen Blazer, den diese am Morgen getragen hatte, als sie zur Arbeit kam.
Mit ihrem Fünftausend-Pesos-Schirm trat sie in den Regen hinaus. Begleitet vom Hupkonzert der Autos hüpfte sie über Pfützen bis zur Carrera 11, wo sie in einen klapprigen Stadtbus stieg. Sie schloss den Regenschirm, öffnete das Portemonnaie, bezahlte den Fahrschein und zwängte sich an heißen männlichen Hintern und nach Patschuli riechenden Frauen mit schlecht gefärbten langen Haaren vorbei in den hinteren Busteil. Als sie sich an der Stange festhielt, dachte sie wie gewohnt, dass sie nichts so ekelte wie die Berührung dieses fettigen, klebrigen Metalls.
Es stiegen immer mehr Menschen zu. Ein dicker Mann drückte seinen Bauch an ihre Brust. Er war groß, so groß, dass Karen beim Hochschauen nur sein dunkles Doppelkinn erblickte.
Ein elfjähriger Junge stieg ein, um Pfefferminzbonbons zu verkaufen. Er sagte, er stamme aus Tolima. Er sagte, er hätte vier Geschwister. Er sagte, er sei das »Familienoberhaupt«. Karen kramte in ihrem Portemonnaie und gab ihm fünfhundert Pesos, bevor sie den Halteknopf drückte. Der Fahrer bremste abrupt, und sie war mit einem Satz auf der Straße.
Auf dem Weg zur Kirche betrat sie ein Kaufhaus. Sie musste den Geruch nach Dreck loswerden. Sie sprühte sich Chanel N° 5 hinters Ohr, betrachtete sich in dem kleinen Spiegel am Rouge-Stand, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, holte den Lippenstift heraus, zog sich sorgfältig die Lippen nach und setzte dann ihren Weg fort.
In der Kirche wurde sie von der Menschenmenge nach vorn geschoben, als würde sie auf einem Laufband gehen. In der vierten oder fünften Bank fand sie einen freien Platz. Vor ihr stand der geschlossene Sarg. Karen dachte, dass nur wenige sich an den Körper erinnern könnten wie sie. Die langen, schmalen Zehen. Die deutlich sichtbaren Adern an den Waden. Sie erinnerte sich an die Sommersprossen auf den schmalen Schultern, die gerade Nase, die riesigen Augen und die zarten Lippen, und plötzlich dachte sie, dass Sabrina schön gewesen war, vielleicht von einer grauen Schönheit wie diese Stadt, doch gleichermaßen unauffällig und voller Geheimnisse.
Die Trauer rollte heran wie eine Welle auf einem ruhigen Meer. In einem Reflex ballte sie die Faust, um nicht zu weinen. Sie dachte, dass ihre Wimperntusche verlaufen könnte und die Leute sich fragen würden, wer dieser ungebetene Gast wohl sei, der mit seinem schwarzen Gesicht um die Tote weinte. Sie dachte an ihre Bemühungen, um sie glatt wie einen Pfirsich oder ein Kind aussehen zu lassen. Da wurde ihr bewusst, dass sie sich in einer Kirche befand, und sie schämte sich. Erst dann fiel ihr Blick auf den Mann, der neben ihr saß. Sie war sich sicher, ihn schon einmal gesehen zu haben. Er war berühmt. Für einen Moment glaubte sie, er sei der Moderator einer nächtlichen Unterhaltungsshow, aber nein, dafür war er zu alt. Dann fiel es ihr wieder ein. Er war der Autor der Bücher Du bist das Glück und Ich liebe mich. Karen musste lächeln. Vor vier Jahren, bevor sich ihr Leben durch Emilianos Geburt schlagartig veränderte, studierte Karen im ersten Semester Sozialarbeit an der Universität von Cartagena.
Weil sie naiv war, denkt sie jetzt, obwohl sie heute noch immer naiv ist, weil sie ängstlich war, obwohl sie das heute auch noch ist, was auch immer geschehen sein mochte. Denn der Professor für Kommunikation redete so schön. Und ja, er war alt, viel älter als sie mit ihren gerade mal achtzehn Jahren, aber für sie war er ein Weiser, ein Erleuchteter. Professor Nixon Barros hatte das Charisma karibischer Männer. Und er konnte sich bewundernswert artikulieren und aus vollem Hals lachen. All das war sehr verführerisch für sie; wenn sie ihn reden hörte, war sie wie hypnotisiert. Nixon hatte keine Angst, zärtlich zu sein. Für sie war er ein richtiger Mann. Sie mochte sein krauses Haar, die Schweißperlen, die ihm auf der Stirn standen, was ihn nicht zu stören schien, seine viel zu großen Sommerhemden und den Duft seines Rasierwassers.
Zusammen mit Professor Nixon lernte sie den Markt von Bazurto kennen und war zum ersten Mal in der Bar Goce Pagano betrunken. Fast ein Jahr lang schwänzte sie häufig die Seminare und hütete ein Geheimnis, das sie erröten ließ. Karen wusste von Anfang an, dass der Mann zum zweiten Mal verheiratet war und mit seiner jüngeren Frau ein Kind hatte. Aber an dem Tag, als er sich herabbeugte, um sie zu küssen, dachte Karen weder an den Märchenprinzen, den sich ihre Mutter für sie wünschte, noch daran, ob er schwarz oder alt oder verheiratet war, sie schloss einfach die Augen und öffnete hingebungsvoll die Lippen.
Im Laufe der Tage wuchsen ihre Freude, ihre Verliebtheit, ihre Verrücktheit dergestalt, dass Karen nur noch mit der Haut denken konnte.
Sie ließ sich in einer dunklen Straße in Getsemaní entjungfern und vögelte in den folgenden drei oder vier Monaten mit steigendem Genuss und zunehmender Hingabe an den unmöglichsten Orten und so oft wie möglich, wobei ihr Nixon Abelardo Barros so viel erzählte, dass sie ganz berauscht war. Für ihn las Karen Mit geschlossenen Augen von Melissa Panarello, Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir, Liebesbriefe eines Propheten von Paolo Coelho und Also sprach Zarathustra
