Die Kultur der Renaissance in Italien - Jacob Burckhardt - E-Book

Die Kultur der Renaissance in Italien E-Book

Jacob Burckhardt

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Beschreibung

In "Die Kultur der Renaissance in Italien" bietet Jacob Burckhardt eine tiefgreifende Analyse der faszinierenden Epoche des 14. bis 17. Jahrhunderts, die als Wiege der modernen europäischen Zivilisation gilt. Sein stilistisch eleganter und zugleich analytischer Schreibstil erweckt die kulturellen, sozialen und politischen Strömungen der Renaissance zum Leben. Burckhardt erörtert die Entwicklung des Individuums als zentralen Aspekt der Renaissance, beleuchtet die Kunst, die Wissenschaft und das Denken jener Zeit und verknüpft diese Phänomene mit dem Aufstieg humanistischer Ideen. Diese Arbeit ist nicht nur ein Kunstwerk literarischer Formulierung, sondern auch ein bedeutendes Zeugnis der historiografischen Methodik des 19. Jahrhunderts. Jacob Burckhardt, geboren 1818 in Basel, gilt als einer der bedeutendsten Kulturhistoriker seiner Zeit. Sein Engagement für die Kunst und Kultur sowie seine Eindrücke von Italien, wo er viele Jahre lebte, prägen seine Schriften. Mit einer fundierten Ausbildung in Geschichte, Kunstgeschichte und Philologie näherte sich Burckhardt der Kultur der Renaissance mit leidenschaftlicher Neugier und einem scharfen analytischen Verstand, was ihn befähigte, die Zusammenhänge der Zeit präzise zu erfassen und zu interpretieren. Für Leser, die sich für die Entwicklung der westlichen Zivilisation interessieren, ist Burckhardts Werk unverzichtbar. Es bietet einen umfassenden Überblick über die kulturellen Errungenschaften der Renaissance und lädt dazu ein, die Komplexität und den Reichtum dieser Zeit neu zu entdecken. "Die Kultur der Renaissance in Italien" stellt somit ein Schlüsselwerk für das Verständnis sowohl der Vergangenheit als auch der gegenwärtigen kulturellen Identität Europas dar. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jacob Burckhardt

Die Kultur der Renaissance in Italien

Bereicherte Ausgabe. Die Renaissance in Italien: Eine kulturelle Wiedergeburt im 15. Jahrhundert
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Lachlan Bell
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547676218

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Kultur der Renaissance in Italien
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Aus dem Schatten der Kathedralen tritt der einzelne Mensch ins Licht – und mit ihm eine neue Welt. Dieses Aufscheinen des Selbst, verbunden mit einer Politik, die sich als Kunstwerk inszeniert, bildet den inneren Spannungsbogen von Jacob Burckhardts Die Kultur der Renaissance in Italien. Das Buch eröffnet einen Blick auf eine Epoche, in der Macht, Bildung und Bilder um die Deutungshoheit ringen. Italien wird zur Bühne, auf der Tradition und Neuerung, Glauben und Skepsis, Pracht und Gefahr miteinander kollidieren. Burckhardt lädt dazu ein, in diesem funkelnden Gefüge Muster zu erkennen, die weit über die damalige Zeit hinausweisen.

Dass dieses Werk als Klassiker gilt, liegt an seiner doppelten Kraft: Es bietet eine prägende Deutung der Renaissance und begründet zugleich einen Stil der Kulturgeschichtsschreibung, der das Ganze sieht, ohne die Einzelheit zu verlieren. Burckhardt macht die Epoche nicht zur Chronik von Daten, sondern zu einer Erfahrungsform, deren Bilder und Begriffe unsere Vorstellung bis heute strukturieren. Spätere Autorinnen und Autoren, von Kulturhistorikern bis zu Essayisten, knüpften an seine Fragen und Perspektiven an. So wurde das Buch zum Bezugspunkt, an dem sich Forschung entzündet, korrigiert und erneuert – ein Prüfstein literarischer und historischer Darstellungskraft.

Die Kultur der Renaissance in Italien erschien 1860, verfasst von dem Schweizer Historiker und Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, der in Basel lehrte. Entstanden in einer Zeit politischer Umbrüche, suchte das Buch weniger nach nationalen Gründungsmythen als nach der Genese einer modernen Lebensform. Burckhardt verbindet historische Beobachtung mit ästhetischem Urteil und fragt, wie Menschen ihre Welt sahen, gestalteten und erinnerten. Ihn interessiert, was Herrschaft, Bildung, Stadt und Fest in der Summe bedeuten. Aus dieser Perspektive entsteht ein Panorama Italiens vom 14. bis 16. Jahrhundert, dessen Konturen bewusst weit gezogen sind, um Zusammenhänge freizulegen statt nur Einzelereignisse zu protokollieren.

Burckhardts Methode ist essayistisch und synthetisch. Er ordnet vielfältige Quellen – Chroniken, Briefe, Biografien, Kunstwerke – zu thematischen Feldern, die ein Gesamtbild erzeugen: vom Staat als Kunstwerk über die Herausbildung des Individuums, die Wiederbelebung der Antike und die Entdeckung der Welt und des Menschen bis zu Gesellschaft, Festkultur, Sittlichkeit und Religion. Sein Stil verbindet klare Thesen mit dichten Beobachtungen. Statt die Renaissance auf eine Ursache zu reduzieren, zeigt er ein Geflecht von Kräften, die sich gegenseitig verstärken oder hemmen. So entsteht eine Erzählung, die den Blick schärft: nicht für spektakuläre Einzelfälle, sondern für Signaturen einer Epoche.

Im Zentrum steht das politische Labor der italienischen Stadtstaaten. Burckhardt zeigt, wie sich Herrschaft als sichtbare Form präsentierte: Architektur, Zeremonien und Auftragsporträts dienten der Legitimierung von Macht. Republikanische Institutionen, Fürstenhöfe und Söldnerwesen bilden das widersprüchliche Umfeld, in dem Pragmatismus, Kalkül und Kult der Erscheinung miteinander verflochten sind. Der öffentliche Raum wird zum Forum der Selbstdarstellung, zugleich zum Schauplatz riskanter Experimente mit Ordnung und Gewalt. In diesem Umfeld lernen Menschen, Rollen zu spielen und Masken zu tragen – nicht aus bloßer Eitelkeit, sondern aus politischer Notwendigkeit, die neue Formen von Freiheit und Zwang zugleich hervorbringt.

Die berühmte These von der Herausbildung des Individuums entfaltet Burckhardt als Beobachtung von Lebens- und Wahrnehmungsformen. Biografien, Briefliteratur, Erziehungspraktiken und höfische Umgangsformen zeigen, wie sich ein reflektiertes Selbstverständnis ausbildet. Der Mensch tritt aus korporativen Bindungen hervor und beansprucht Urteil, Ruhm und Verantwortung für sich. Diese Selbstentdeckung ist ambivalent: Sie bringt Stolz und Risikofreude, aber auch Vereinzelung und Konkurrenz. Burckhardt interessiert, wie Menschen in diesem Spannungsfeld ihre Stimme finden – als Dichterin, Gelehrter, Mäzen oder Künstlerin – und wie daraus neue Maßstäbe für Persönlichkeit, Bildung und Ruhm entstehen.

Die Wiederbelebung der Antike ist für Burckhardt kein bloßes Zitieren, sondern eine produktive Aneignung. Humanisten lesen, kommentieren und ordnen die überlieferten Texte neu, Architekturen und Bildsprachen erhalten andere Proportionen, und das lateinische und griechische Erbe wird zum Maßstab für Stil, Ethos und Wissen. Dabei bleibt die Antike kein fertiges Vorbild, sondern eine Werkstatt der Moderne: Sie schärft das Auge für Form, Argument und historische Distanz. Der Rückgriff auf alte Quellen verleiht Autorität, weckt aber auch Skepsis gegenüber dem Gegenwärtigen – ein doppelter Impuls, der das Denken und Gestalten der Epoche in Bewegung hält.

Die Entdeckung der Welt und des Menschen beschreibt Burckhardt als Ausweitung von Horizonten: neue Karten und Reiseberichte, wachsende Aufmerksamkeit für Natur und Städte, Porträts, die Physiognomie und Innerlichkeit zugleich erfassen. Neugier wird zur Tugend, Sammlung zur Methode, Beschreibung zur Kunst. Zwischen Werkstätten und Schreibstuben entsteht eine Haltung, die empirisch schaut und stilbildend formuliert. Diese Aufmerksamkeit verändert auch die Zeitwahrnehmung: Vergangenes und Gegenwärtiges treten in Vergleich, Erwartungen richten sich auf Zukünftiges. Die Welt erscheint als erforschbares Feld, der Mensch als Akteur, der seine Erfahrungen ordnet, prüft und in dauerhafte Formen überführt.

Gesellschaft, Fest und Zeremoniell zeigen, wie Öffentlichkeit geschaffen wird. Burckhardt deutet Umzüge, Turniere, höfische Spiele und urbane Feste als Medien sozialer Bindung und politischer Botschaft. Moral und Religion treten dabei nicht in den Hintergrund, sondern werden neu verhandelt. Frömmigkeit, Bildungsideale und städtische Sitten bilden ein bewegliches Gleichgewicht, in dem Strenge und Nachsicht, Askese und Genuss aufeinandertreffen. Diese Dynamik interessiert Burckhardt weniger als Konflikt zwischen Gut und Böse denn als Frage nach Formen: Wie organisieren Gemeinschaften Zustimmung? Wie macht Macht sich sichtbar? Wie formen Rituale Lebensentwürfe jenseits theologischer Systeme?

Die Wirkung des Buches reicht weit über die Renaissanceforschung hinaus. Es prägte die Kulturgeschichte als Genre, inspirierte Debatten über die Geburt der Moderne und wurde zum Dialogpartner für spätere Studien, die Burckhardts Blick ergänzten oder korrigierten. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Geschlechtergeschichte und Regionalstudien haben seine Thesen geprüft, nuanciert und fortgeschrieben. Gerade in der Auseinandersetzung erwies sich der Text als produktiv: Er bietet Begriffe und Bilder, die sich prüfen lassen, ohne zu verblassen. So blieb er Maßstab und Herausforderung zugleich, ein klassischer Text, an dem sich Methoden und Erzählweisen historischer Darstellung schärfen.

Zeitlos ist das Buch, weil es Grundfragen verhandelt: Wie wird Macht sichtbar? Wie entsteht Persönlichkeit? Wie verwandeln Bilder, Texte und Räume soziale Wirklichkeit? Burckhardts Blick auf Inszenierung, Selbstformung und kulturelles Gedächtnis spricht auch in einer Gegenwart, die Medien, Marken und Profile kultiviert. Wer verstehen will, wie öffentliche Rollen private Lebensentwürfe prägen, findet hier einen Resonanzraum. Die Renaissance erscheint als Spiegel, in dem moderne Erfahrungen gebrochen, aber erkennbar werden. Die Lektüre schärft Sensibilität für Ambivalenzen, ohne sie zu glätten – eine Schule des Sehens, die Urteilskraft und Vorstellungskraft zugleich herausfordert.

Dieses Buch fesselt, weil es Denken in Bewegung setzt: Es bietet keine geschlossene Doktrin, sondern ein starkes Bild, das zum Weiterfragen zwingt. Burckhardt verbindet analytische Klarheit mit erzählerischer Dichte, weitet den Blick und bleibt doch konkret genug, um Spuren im Detail zu legen. Als Klassiker behauptet es seinen Rang nicht durch Unantastbarkeit, sondern durch Gesprächsfähigkeit. Wer die folgenden Seiten betritt, erhält keinen fertigen Schlüssel, sondern ein Instrumentarium: Begriffe, Kontraste, Perspektiven. Darin liegt seine dauerhafte Anziehungskraft – es lässt die Renaissance leuchten und macht zugleich sichtbar, wie wir sie heute lesen können.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Jacob Burckhardts Werk bietet eine umfassende Darstellung der italienischen Renaissance als kulturelle Zäsur, in der moderne Formen von Staatlichkeit, Gesellschaft und Individualbewusstsein hervortreten. Er ordnet seine Analyse in sechs große Themenfelder und stützt sie auf Chroniken, Briefe, Kunstwerke und zeitgenössische Schriften. Der Fokus liegt auf Strukturen und Erscheinungsformen, die sich zwischen 14. und frühen 16. Jahrhundert ausprägen. Burckhardt schildert, wie Italien zur Bühne eines neuartigen Lebensgefühls wird, das Tradition und Innovation verschränkt. Seine Darstellung folgt der inneren Logik der Entwicklungen: vom politischen Rahmen über die Bildung des Individuums bis zu Religion, Sitten und Festkultur.

Im ersten Teil, Der Staat als Kunstwerk, untersucht Burckhardt die italienischen Stadtstaaten als Laboratorien politischer Gestaltung. Signorien, Republiken und Condottieri formen eine dynamische Ordnung, die auf Geschick, Kalkül und Repräsentation beruht. Politik erscheint als bewusste Kunst, die Institutionen, Recht und Verwaltung mit Inszenierung verbindet. Städte wie Florenz, Mailand und Venedig entwickeln jeweils eigene Modelle, die auf Bündnissen, Rivalitäten und der Balance der Kräfte beruhen. Die Entstehung des ständigen Gesandtschaftswesens und eine ausgefeilte Diplomatie sichern Interessen nach innen wie außen. Öffentliches Leben wird durch Feste, Triumphzüge und symbolische Handlungen politisch aufgeladen.

Die kirchliche Herrschaft in Rom und die päpstlichen Staaten werden als Teil derselben Machtlandschaft gezeigt. Nepotismus, Hofzeremoniell und Kunstförderung gehören dabei ebenso zum politischen Instrumentarium wie Rechtsprechung und Abgabensysteme. Burckhardt beschreibt, wie Geschichtsschreibung, Biographie und politische Theorie in Italien neue Formen finden, die Ereignisse, Charaktere und Staatszwecke vergleichend darstellen. Chronisten, Redner und späteren Denkern dienen die wechselnden Verhältnisse als Material, um Machtmechanismen zu analysieren. Öffentlichkeit entsteht durch Gerüchte, Pamphlete, Predigten und Schauspiele. So verdichtet sich das Bild eines Staates, der sich selbst bewusst entwirft, seine Wirkung reflektiert und sich fortlaufend nach Nutzen, Ruhm und Stabilität bemisst.

Im zweiten Teil, Die Entwicklung des Individuums, zeichnet Burckhardt die Herausbildung eines neuartigen Selbstbewusstseins nach. Persönliche Ehre, Ruhm und die Darstellung der eigenen Vita gewinnen an Bedeutung. Autobiographische Texte, Porträts und epistolare Selbstdarstellung belegen eine gesteigerte Aufmerksamkeit für Charakter, Begabung und Lebensleistung. Bildungsideale verbinden praktische Fähigkeiten mit Gelehrsamkeit; der vielseitige Mensch gilt als Leitfigur. Zugleich markiert Burckhardt die Ambivalenz: Genialität und Grenzüberschreitung, Höflichkeit und Gewalt, Weltklugheit und Skrupellosigkeit können nebeneinander bestehen. Die soziale Bühne bietet Raum für Aufstieg und Profilierung, wobei Hof, Stadt und Akademie zu Schauplätzen individueller Entfaltung werden.

Der dritte Teil, Die Wiederbelebung der Antike, schildert den Humanismus als systematische Aneignung klassischer Texte, Formen und Werte. Gelehrte sammeln Handschriften, betreiben Philologie und stellen Sprachgebrauch auf ein normatives Latein, während das Griechische wieder erschlossen wird. Übersetzungen, Kommentare und Akademien fördern ein gemeinsames Bildungsfundament. Antike Mythen und Vorbilder prägen Dichtung, Rhetorik und politische Rede; in Architektur und Bildkunst werden klassische Proportionen und Ordnungen adaptiert. Der Bezug zur Antike dient nicht nur der Nachahmung, sondern der produktiven Umformung. So entsteht eine kulturelle Matrix, in der alte Autorität und neue Erfordernisse miteinander verhandelt werden.

Im vierten Teil, Die Entdeckung der Welt und des Menschen, betont Burckhardt den Gewinn an empirischer Beobachtung. Perspektive, Anatomie und naturkundliche Neugier verändern die Künste und führen zu präziser Darstellung von Raum, Körper und Landschaft. Reiseberichte, Karten und topografische Beschreibungen erweitern den Horizont. Historische und biografische Schriften streben nach kritischer Einordnung und charakterlicher Typisierung. Sprachliche Entwicklung und das Nebeneinander von Latein und Volkssprache fördern eine vielfältige Schriftkultur. Techniken wie der Buchdruck beschleunigen Wissenszirkulation. Insgesamt verknüpft sich der Blick auf Welt und Mensch mit einem gesteigerten Anspruch auf Genauigkeit, Anschaulichkeit und methodische Selbstprüfung.

Der fünfte Teil, Die Gesellschaft und die Feste, zeigt den Alltag der Eliten und Städte als Bühne des Prestiges. Höfe, Zünfte und Patriziat sorgen für Patronage, während Feste, Turniere, Einzüge und Karneval die politische Ordnung symbolisch bestätigen. Zeremoniell und Etikette regulieren Nähe und Distanz; Kleidung, Architektur und Interieur signalisieren Status. Bildung, Konversation und Witz sind soziale Kapitalformen. Frauen wirken in dynastischen, kulturellen und salonartigen Kontexten mit, auch wenn Normen ihre Handlungsspielräume bestimmen. Die Stadt organisiert Vergnügen und Disziplin zugleich, wodurch ein Geflecht aus Repräsentation, Unterhaltung und sozialer Kontrolle entsteht, das kulturelle Innovationen begünstigt.

Im sechsten Teil, Sitten und Religion, beschreibt Burckhardt ein Spannungsfeld aus Pragmatismus, Frömmigkeit und Aberglauben. Tugenden und Laster werden in Literatur und Praxis offen verhandelt; Ehre, Freundschaft und Nutzen konkurrieren mit moralischen Geboten. Religiöses Leben reicht von Bruderschaften und Heiligenverehrung bis zu kontemplativen Strömungen. Astrologie, Magie und Prophezeiung koexistieren mit Predigt und Reformimpulsen, etwa in charismatischen Bewegungen. Klerikale Institutionen stehen neben persönlicher Gewissensbildung und städtischer Moralpolitik. Kunst übernimmt devotionale und repräsentative Aufgaben zugleich. So erscheint eine Kultur, die geistliche Traditionen bewahrt, aber weltliche Deutungen und eigenverantwortliche Lebensführung ausbaut.

Das Buch schließt, indem es die genannten Bereiche als zusammenhängende Kräfte einer neuen Epoche deutet. Italien erscheint als Experimentierfeld, in dem politische Formgebung, individuelles Selbstverständnis und die Wiederbelebung der Antike wechselseitig aufeinander wirken. Die Summe ist ein Bild von Modernität, das weder nur in Ereignissen noch nur in Ideen aufgeht, sondern sich in Institutionen, Praktiken und Symbolen zeigt. Burckhardt verbindet exemplarische Fälle zu einem typologischen Panorama und zeichnet Entwicklungslinien ohne strenge Chronologie. Seine zentrale Aussage: Aus der Verbindung von Staatskunst, Individualismus, klassischer Bildung und empirischem Weltzugang entsteht eine Kultur, deren Wirkungen Europa nachhaltig prägen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Zeit und Ort von Die Kultur der Renaissance in Italien sind die italienischen Stadtstaaten zwischen dem späten 13. und frühen 16. Jahrhundert. Auf engem Raum stießen Handelsmetropolen wie Venedig, Florenz und Genua, territoriale Mächte wie Mailand und Venedig sowie Rom als Sitz des Papsttums aufeinander. Der zeitliche Rahmen umfasst das Trecento, Quattrocento und frühe Cinquecento, von den Vorläufern bei Petrarca bis zum Einschnitt des Sacco di Roma 1527. Diese urbane, wirtschaftlich verflochtene und politisch fragmentierte Welt bildet die Bühne für die Phänomene, die das Buch beschreibt: die Entstehung moderner Staatlichkeit, Individualität, Diplomatie und eine neue Sicht auf Antike, Natur und Gesellschaft.

Die gesellschaftliche Struktur der Halbinsel war durch ein Nebeneinander von Kommunen, Zünften, Kaufmannsoligarchien, Signorien und feudalen Resten geprägt. Das Königreich Neapel-Sizilien kontrastierte mit den Republiken Florenz und Venedig; Rom verband geistliche Autorität und weltliche Herrschaft. Geografie und Handel – Alpenpässe, Adria, Tyrrhenisches Meer – machten Italien zum Knotenpunkt zwischen Mittelmeer und Nordeuropa. Burckhardt verortet seine Analyse in diesen Spannungsfeldern und zeigt, wie sie die Herausbildung von Persönlichkeit, weltlichen Höfen und „Staat als Kunstwerk“ ermöglichten. Ort und Zeit sind bei ihm keine Kulisse, sondern kausale Rahmenbedingung der beschriebenen Kultur.

Die Entstehung und Konsolidierung der Kommunen bildete die politische Grundlage: Nach dem Lombardenbund (1167) und dem Frieden von Konstanz (1183) erkämpften Städte wie Mailand, Bologna oder Florenz kommunale Freiheiten. Im 13. Jahrhundert etablierten sich Podestà und Räte, während Parteienkämpfe von Guelfen und Ghibellinen die Stadtherrschaft prägten. Die Kommunen förderten Handel, Rechtspflege und Verwaltung. Burckhardt deutet diese Stadtkörper als Laboratorien moderner Öffentlichkeit: Hier treten individuelle Akteure, Präfekten, Richter, Händler und Rhetoren sichtbar hervor. Für ihn ist die kommunale Autonomie die politische Vorbedingung jener Selbstbehauptung des Individuums, die er als Signum der Renaissance beschreibt.

Im 14. Jahrhundert wandelten sich viele Republiken zu Signorien. Dynastien wie die Scaligeri in Verona, die Visconti in Mailand, die Este in Ferrara, die Gonzaga in Mantua, die Malatesta in Rimini und die Montefeltro in Urbino machten ursprünglich zeitlich begrenzte Amtsgewalten erblich. Zwischen 1320 und 1400 verdichteten sie Territorien, bauten Hofhaltungen und Verwaltung aus. Diese Fürstenhöfe wurden Zentren von Repräsentation, Fest, Recht und Krieg. Burckhardt analysiert sie als Orte, an denen der Herrscher den Staat bewusst formt – der „Staat als Kunstwerk“. Die Person des Fürsten wird zur Bühne der Politik; die Förderung von Talenten dient Machttechniken und Ruhmökonomie.

Florenz liefert ein paradigmatisches Beispiel. Nach inneren Kämpfen und der Ciompi-Erhebung von 1378 konsolidierte sich eine Kaufmannsoligarchie. 1397 gründete Giovanni di Bicci de’ Medici die Medici-Bank; 1434 kehrte Cosimo de’ Medici aus dem Exil zurück und beherrschte die Stadt durch Patronage, Kredit und Netzwerke. Unter Lorenzo il Magnifico (1469–1492) wurde Florenz zum Knoten diplomatischer und finanzieller Macht. Der Konzilssitz 1439 verstärkte kulturelle Anziehungskraft. Burckhardt zeigt, wie ökonomische Instrumente, Feste und Stiftungen Herrschaft stabilisieren, und liest die florentinische Politik als exemplarische Verbindung von Finanzkapital, Gemeinwesen und individueller Selbstrepräsentation.

Der Frieden von Lodi (1454) zwischen Mailand und Venedig, gefolgt von der Italischen Liga (1455) mit Florenz, Neapel und dem Papsttum, begründete eine Balance-of-Power-Ordnung. Etwa vier Jahrzehnte relativ stabiler Gleichgewichtspolitik folgten, abgesichert durch Verträge, Heiraten und die Innovation ständiger Gesandtschaften. Italienische Höfe – insbesondere Mailand, Venedig und Florenz – professionalisierten Kanzleien und Geheimdiplomatie. Burckhardt erkennt hierin die italienische Erfindung moderner Staatenkonkurrenz, in der Information, Verhandlung und Darstellung zu Schlüsselressourcen werden. Das Buch verknüpft Lodi mit der Herausbildung diplomatischer Rationalität, die die Bühne für Individualität im politischen Raum öffnet.

Die condottieri prägten die Kriegsführung: Söldnerführer wie Braccio da Montone (†1424), Muzio Attendolo Sforza (†1424), Francesco Sforza (Herzog von Mailand 1450) oder Bartolomeo Colleoni dienten wechselnden Herren, professionalisierten Belagerung, Logistik und Disziplin. Krieg wurde kalkulierbar und vertraglich; Loyalität war verhandelbar. Gleichzeitig konnten erfolgreiche Feldherren zu Fürsten aufsteigen, wie Sforza in Mailand. Burckhardt nutzt die condottieri, um die Amoralität und Nützlichkeitslogik der Epoche zu zeigen: Ruhm, Fortune und Virtù werden politisch-moralische Kategorien. Das Buch zeichnet die Söldnerwelt als Schule realistischer Machtpolitik und individuellen Aufstiegs.

Die Avignonische Gefangenschaft des Papsttums (1309–1377) und das Große Abendländische Schisma (1378–1417) erschütterten geistliche Autorität. Konziliare Lösungen (Konstanz 1414–1418) beendeten die Mehrpapstkrise. In Italien verschärften sich Konflikte, etwa der Krieg der Acht Heiligen (1375–1378) zwischen Florenz und Gregor XI., der fiskalische und politische Ansprüche des Papsttums herausforderte. Diese Krisen schwächten überkommene Legitimitäten und förderten weltliche Machtbildung. Burckhardt deutet die kirchlichen Zerwürfnisse als Katalysator der Säkularisierung: Indem Sakralautorität relativiert wird, entstehen Handlungsspielräume für Fürsten, Republiken und Individuen, wie das Buch anhand römischer und toskanischer Beispiele vorführt.

Die Renaissancepäpste agierten als Territorialfürsten. Alexander VI. Borgia (1492–1503) betrieb mit Cesare Borgia Eroberungen in der Romagna (1500–1503). Julius II. (1503–1513) gründete 1506 die Schweizergarde, begann den Neubau von St. Peter (ab 1506) und führte Kriege zur Wiedergewinnung des Kirchenstaats. Unter Leo X. de’ Medici (1513–1521) kulminierten Nepotismus, Finanzpolitik und Repräsentation. Diese Papstpolitik verband Frömmigkeit, Kunstauftrag und militärische Gewalt. Burckhardt schildert die römischen Höfe als Kulissen einer machtbewussten Moderne: das sakrale Amt wird zur Bühne weltlicher Strategie, mit allen Ambivalenzen, die sein Begriff von Staat als gestaltetes Kunstwerk enthält.

Die Pestwellen von 1347–1353 und ihre Rezidive dezimierten die Bevölkerung, verschoben Löhne, Besitz- und Erbverhältnisse und belasteten städtische Fürsorge. Städte regulierten Gesundheit, Bestattung und Armenwesen; gleichzeitig förderten knappe Arbeitskräfte soziale Mobilität und konzentrierten Vermögen. Die Erfahrungsnähe von Tod und Kontingenz formte Mentalitäten. Burckhardt deutet diese existentielle Erschütterung als Hintergrund für die starke Selbstbehauptung des Individuums, für Genussfreude wie asketische Gegenbewegungen und für Stiftungswesen. In seinem Bild der Epoche erklärt die Seuche jene Spannung zwischen moralischer Strenge und hedonistischer Öffentlichkeit, die er in Fest, Hofleben und städtischer Kultur beobachtet.

Humanismus erschien als politisch-soziales Programm. Florentiner Kanzler wie Coluccio Salutati (1331–1406) und Leonardo Bruni (1370–1444) verbanden antike Rhetorik mit republikanischer Amtsführung; Poggio Bracciolini suchte Handschriften für Kanzleigebrauch und Bildung. Der Unionskonzil von Florenz (1439) und der Fall Konstantinopels (1453) brachten Gelehrte wie Bessarion nach Italien; griechische Lehrstühle in Florenz und Padua festigten Elitebildung. Bibliotheken und Schulen dienten nicht nur der Literatur, sondern der Ausbildung von Sekretären, Diplomaten und Juristen. Burckhardt rahmt dies als Entdeckung des Menschen: Der antike Maßstab legitimiert neue bürgerliche und höfische Kompetenzen, die das Buch in politischen Institutionen verankert sieht.

Die Druckrevolution und die geografischen Entdeckungen transformierten Informationsordnung und Wirtschaft. Nach Gutenberg (um 1450) entstanden italienische Offizinen (Subiaco 1465); Aldus Manutius gründete 1494 in Venedig eine Großdruckerei, standardisierte klassische Texte und Handformate. Kanzleihandbücher, Kartographien und Korrespondenzen zirkulierten effizient. 1488 umrundete Dias das Kap, 1492 erreichte der Genueser Kolumbus die Karibik, 1498 fuhr Vasco da Gama nach Indien; Amerigo Vespucci (Florenz) beschrieb 1499–1502 neue Küsten. Venedigs Gewürzhandel geriet unter Druck. Burckhardt verknüpft die Ausweitung der Welt mit einer nüchternen Informationskultur: Wissen, Karten und Briefe werden politisches Kapital, das Höfe und Individuen nutzen.

Die Italienischen Kriege begannen mit Karls VIII. Einfall 1494. Der französische Anspruch auf Neapel führte über Mailand und Florenz zum Durchmarsch; Piero de’ Medici kapitulierte und wurde 1494 vertrieben, eine Republik entstand. Savonarolas moralische Herrschaft (1494–1498) prägte Florenz, während die Liga von Venedig 1495 bei Fornovo den französischen Rückzug erzwang. Die temporäre Besetzung Neapels offenbarte die Verletzlichkeit der Halbinsel. Burckhardt deutet 1494 als Zäsur: Die selbstgestalteten italienischen Staaten treffen auf überlegene Dynastiepolitik. Das Buch nutzt Florenz und Savonarola, um moralische Krisen und die Grenzen charismatischer Reform sichtbar zu machen.

Die Kriege setzten sich in rasch wechselnden Bündnissen fort. Nach Cesare Borgias Aufstieg und Fall (1500–1503) schmiedete Julius II. die Liga von Cambrai (1508) gegen Venedig; die Serenissima erlitt 1509 bei Agnadello eine schwere Niederlage. Julius II. wechselte 1511 zur Heiligen Liga gegen Frankreich. 1515 siegte Franz I. bei Marignano und behauptete Mailand. Schweizer, Spanier und Landsknechte prägten die Schlachtfelder. Burckhardt liest diese Jahrzehnte als Prüfstand italienischer Diplomatie: Gesandte, Kanzleien und Informationsnetze müssen der brutalen Logik von Heeren und Dynastien standhalten. Das Buch zeigt, wie Virtù und Fortuna in realer Politik gegeneinander abgewogen werden.

Der Höhepunkt der Erschütterung war 1527 der Sacco di Roma durch kaiserliche Truppen unter Bourbon und Frundsberg; Papst Clemens VII. wurde gedemütigt. 1529–1530 fiel Florenz nach Belagerung, die Medici kehrten als Herzöge zurück. Mit dem Frieden von Cateau-Cambrésis (1559) stand die spanische Hegemonie in Mailand und Neapel fest; die politische Autonomie Italiens erlosch weitgehend. Burckhardt markiert hierin das Ende der kreativen Vorherrschaft Italiens: Die von ihm beschriebene Kultur entfaltete sich unter Freiheit und Wettbewerb, erlitt jedoch unter Großmachtpolitik ihren Abschluss. Das Buch rahmt diese Katastrophen als Schlussakkord einer Epoche, deren Leistungen und Widersprüche es bilanziert.

Burckhardts Buch fungiert als politisch-gesellschaftliche Kritik, indem es die Renaissance als Spiegel zeitloser Machtmechanismen liest. Der Autor zeigt, wie sich Herrschaft durch Repräsentation, Information und Finanzen stabilisiert – ein impliziter Kommentar zu zentralisiertem Staat, Militarismus und Massenpolitik des 19. Jahrhunderts. Indem er die Ambivalenz des „Staats als Kunstwerk“ betont, warnt er vor der Ästhetisierung der Macht. Seine Analyse der Diplomatie relativiert nationalistische Mythen: Kopplung von Ruhmökonomie und nüchterner Kanzleipraxis entlarvt die Moderne als Kontinuum taktischer Vernunft, nicht rein ideeller Fortschritt.

Gleichzeitig macht das Werk die großen Probleme der Renaissance sichtbar: soziale Ungleichheit in oligarchischen Republiken, Zunftkonflikte, Steuerlasten, Gewalt der Söldner, Korruption und Nepotismus in Rom. Burckhardt kritisiert, wie Feste, Spiele und Prachtentfaltung soziale Gegensätze übertünchen und als Instrumente politischer Kontrolle dienen. Er zeigt moralische Spannungen zwischen öffentlicher Frömmigkeit und privater Bereicherung, zwischen republikanischem Ideal und Klientelpolitik. Damit wird das Buch zur Diagnose von Ungerechtigkeit und politischem Zynismus der Epoche – und zur Mahnung, dass kulturelle Blüte nicht von selbst Freiheit, Gemeinsinn oder Gerechtigkeit garantiert.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jacob Burckhardt (1818–1897) war ein Schweizer Historiker und Kunsthistoriker, der als Begründer der Kulturgeschichte gilt. Sein Werk pre4gte das Verste4ndnis der europe4ischen Renaissance und der Wechselwirkungen zwischen Politik, Kunst und Gesellschaft. In einer Epoche, die vom Historismus und der Professionalisierung der Geisteswissenschaften gekennzeichnet war, verband er quellennahes Arbeiten mit einem weiten kulturgeschichtlichen Horizont. Seine Analysen zielten weniger auf chronologische Ereignisfolgen als auf Strukturen, Mentalite4ten und Formen der Repre4sentation. Mit dieser Perspektive wurde er zu einer Schlfcsselfigur der modernen Geschichtsschreibung, deren Einfluss sich fcber die Disziplinen Kunstgeschichte, Geschichtstheorie und Kulturwissenschaft hinaus erstreckt.

Ausgebildet wurde Burckhardt zune4chst in Basel, wo er sich von theologischen Studien bald der Geschichte und der Kunstgeschichte zuwandte. Entscheidende Pre4gungen erfuhr er we4hrend seiner Studienjahre in Berlin, insbesondere durch Leopold von Ranke, der ihm die Strenge der Quellenkritik vermittelte, und durch den Kunsthistoriker Franz Kugler, der sein Auge ffcr Denkme4ler und Stile sche4rfte. Studienreisen ffchrten ihn frfch nach Italien, dessen Ste4dte, Archive und Museen zum Erfahrungsraum seines Denkens wurden. Diese Verbindung von historischer Methode und unmittelbarer Anschauung der Kunst pre4gte seine spe4tere Arbeitsweise ebenso wie sein Interesse an der Antike und an Epochen dcbergangs.

Nach ersten Verf6ffentlichungen zur italienischen Kunst wandte sich Burckhardt einem politischen Thema der Spe4tantike zu. Mit Die Zeit Constantins des Grodfen legte er Mitte des 19. Jahrhunderts eine Studie vor, die Herrschaftsformen, religif6se Entwicklungen und Repre4sentationskultur zusammen betrachtete. Das Buch markierte seinen Anspruch, Kulturgeschichte nicht als Nebensache, sondern als zentralen Zugang zur Vergangenheit zu verstehen. Parallel setzte er seine Italienreisen fort, sammelte Beobachtungen zu Bauwerken und Bildwerken und verfeinerte seinen Blick ffcr Quellen jenseits klassischer Staats- und Diplomatiegeschichte. Diese Phase bereitete die grodfen Synthesen vor, ffcr die er spe4ter berfchmt werden sollte.

Seine berufliche Laufbahn war vor allem mit Basel verbunden, wo er fcber Jahrzehnte als Professor lehrte und Generationen von Studierenden an die Verbindung von Kunst- und allgemeiner Geschichte heranffchrte. Seine Vorlesungen galten als anschaulich, quellengese4ttigt und stilistisch brillant; viele wurden erst spe4ter aus Mitschriften ediert. In den spe4ten 1860er- und 1870er-Jahren war er Kollege von Friedrich Nietzsche, dessen Basler Zeit einen intensiven intellektuellen Austausch begfcnstigte. Zugleich mied Burckhardt f6ffentliche Politik und hielt Distanz zu tagesaktuellen Debatten. Ihm ging es um langfristige Kre4fte der Geschichte und um Formen kultureller Selbstdeutung, die Herrschaft, Religion und Kunst zusammenbinden.

Den Hf6hepunkt seines Ruhms begrfcndete Die Kultur der Renaissance in Italien. Das Buch erschien in den 1860er-Jahren und entwarf ein Panorama italienischer Stadtstaaten, in dem die Ausbildung des modernen Individuums, neue Staatskfcnste und die Wiedergewinnung der Antike zentrale Rollen spielen. Burckhardt verschob den Fokus weg von Schlachten und Vertre4gen hin zu Lebensformen, Festen, Portre4ts, Architektur und Literatur. Seine Kapitel fcber den Staat als Kunstwerk und fcber den Menschen der Renaissance wurden zu klassischen Bezugspunkten. Die Studie pre4gte nicht nur die Renaissanceforschung, sondern trug entscheidend zur Etablierung der Kulturgeschichte als eigenste4ndiger Perspektive bei.

Bereits zuvor hatte er mit Der Cicerone eine vielgenutzte Anleitung zum Verste4ndnis italienischer Kunst vorgelegt, die Generationen von Reisenden begleitete und zugleich ein Lehrbuch der Anschauung wurde. Spe4tere Jahre widmete er umfangreichen Vorlesungszyklen, vor allem zur griechischen Kulturgeschichte, deren editorische Fassung nach seinem Tod erschien. Ebenfalls postum publiziert wurde das Werk Weltgeschichtliche Betrachtungen, Reflexionen fcber Kre4fte der Geschichte wie Staat, Religion und Kultur, die seine Skepsis gegenfcber Massengesellschaft, Nationalismus und linearen Fortschrittserze4hlungen deutlich erkennen lassen. Diese Texte zeigen den Theoretiker hinter dem Stilisten und fassen methodische Einsichten zusammen, die sein Werk zusammenhalten.

Burckhardt blieb bis in die 1890er-Jahre in Basel te4tig und arbeitete kontinuierlich an Vorlesungen, Notizen und dcberarbeitungen seiner Bfccher. Er starb 1897; sein Nachlass erweiterte das Spektrum seines publizierten Werks erheblich. Sein Verme4chtnis liegt in einer geschichtlichen Perspektive, die Kunstwerke, soziale Praktiken und politische Ordnungen als miteinander verflochtene Ausdrucksformen begreift. Damit beeinflusste er die Entwicklung der Kunstgeschichte ebenso wie die allgemeine Kultur- und Ideengeschichte. Seine Schriften werden weiterhin gelesen, diskutiert und kritisiert; besonders seine Sicht der Renaissance und sein Misstrauen gegenfcber modernen Machtformen bleiben Anstodf und Orientierung ffcr Forschung und d6ffentlichkeit.

Die Kultur der Renaissance in Italien

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Abschnitt: Der Staat als Kunstwerk
Zweiter Abschnitt: Entwicklung des Individuums
Dritter Abschnitt: Die Wiedererweckung des Altertums
Vierter Abschnitt: Die Entdeckung der Welt und des Menschen
Fünfter Abschnitt: Die Geselligkeit und die Feste
Sechster Abschnitt: Sitte und Religion
Genauere Titelangaben einiger häufiger zitierten Werke

Erster Abschnitt

Der Staat als Kunstwerk

Inhaltsverzeichnis

Im wahren Sinne des Wortes führt diese Schrift den Titel eines blossen Versuches, und der Verfasser ist sich deutlich genug bewusst, dass er mit sehr mässigen Mitteln und Kräften sich einer überaus grossen Aufgabe unterzogen hat. Aber auch wenn er mit stärkerer Zuversicht auf seine Forschung hinblicken könnte, so wäre ihm der Beifall der Kenner kaum sicherer. Die geistigen Umrisse einer Kulturepoche geben vielleicht für jedes Auge ein verschiedenes Bild, und wenn es sich vollends um eine Zivilisation handelt, welche als nächste Mutter der unsrigen noch jetzt fortwirkt, so muss sich das subjektive Urteilen und Empfinden jeden Augenblick beim Darsteller wie beim Leser einmischen. Auf dem weiten Meere, in welches wir uns hinauswagen, sind der möglichen Wege und Richtungen viele, und leicht könnten dieselben Studien, welche für diese Arbeit gemacht wurden, unter den Händen eines andern nicht nur eine ganz andere Benützung und Behandlung erfahren, sondern auch zu wesentlich verschiedenen Schlüssen Anlass geben. Der Gegenstand an sich wäre wichtig genug, um noch viele Bearbeitungen wünschbar zu machen, Forscher der verschiedensten Standpunkte zum Reden aufzufordern. Einstweilen sind wir zufrieden, wenn uns ein geduldiges Gehör gewährt und dieses Buch als ein Ganzes aufgefaßt wird. Es ist die wesentlichste Schwierigkeit der Kulturgeschichte, dass sie ein grosses geistiges Kontinuum in einzelne scheinbar oft willkürliche Kategorien zerlegen muß, um es nur irgendwie zur Darstellung zu bringen. – Der grössten Lücke des Buches gedachten wir einst durch ein besonderes Werk über »Die Kunst der Renaissance« abzuhelfen; ein Vorsatz, welcher nur geringernteils hat ausgeführt werden können1.

Der Kampf zwischen den Päpsten sind den Hohenstaufen hinterliess zuletzt Italien in einem politischen Zustande, welcher von dem des übrigen Abendlandes in den wesentlichsten Dingen abwich. Wenn in Frankreich, Spanien, England das Lehnssystem so geartet war, dass es nach Ablauf seiner Lebenszeit dem monarchischen Einheitsstaat in die Arme fallen musste, wenn es in Deutschland wenigstens die Einheit des Reiches äusserlich festhalten half, so hatte Italien sich ihm fast völlig entzogen. Die Kaiser des 14. Jahrhunderts wurden im günstigsten Falle nicht mehr als Oberlehnsherrn, sondern als mögliche Häupter und Verstärkungen schon vorhandener Mächte empfangen und geachtet; das Papsttum aber mit seinen Kreaturen und Stützpunkten war gerade stark genug, jede künftige Einheit zu verhindern, ohne doch selbst eine schaffen zu können2. Zwischen den beiden war eine Menge politischer Gestaltungen – Städte und Gewaltherrscher – teils schon vorhanden, teils neu emporgekommen, deren Dasein rein tatsächlicher Art war3. In ihnen erscheint der moderne europäische Staatsgeist zum erstenmal frei seinen eigenen Antrieben hingegeben;[3q] sie zeigen oft genug die fessellose Selbstsucht in ihren furchtbarsten Zügen, jedes Recht verhöhnend, jede gesunde Bildung im Keim erstickend; aber wo diese Richtung überwunden oder irgendwie aufgewogen wird, da tritt ein neues Lebendiges in die Geschichte: der Staat als berechnete, bewusste Schöpfung, als Kunstwerk[1q]. In den Stadtrepubliken wie in den Tyrannenstaaten prägt sich dies Leben hundertfaltig aus und bestimmt ihre innere Gestalt sowohl als ihre Politik nach aussen. Wir begnügen uns mit der Betrachtung des vollständigern, deutlicher ausgesprochenen Typus desselben in den Tyrannenstaaten.

Der innere Zustand der von Gewaltherrschern regierten Territorien hatte ein berühmtes Vorbild an dem Normannenreiche von Unteritalien und Sizilien, wie Kaiser Friedrich II[2]. es umgestaltet hatte4. Aufgewachsen unter Verrat und Gefahr in der Nähe von Sarazenen[3], hatte er sich frühe gewöhnt an eine völlig objektive Beurteilung und Behandlung der Dinge, der erste moderne Mensch auf dem Throne. Dazu kam eine nahe, vertraute Kenntnis von dem Innern der sarazenischen Staaten und ihrer Verwaltung und jener Existenzkrieg mit den Päpsten, welcher beide Parteien nötigte, alle denkbaren Kräfte und Mittel auf den Kampfplatz zu führen. Friedrichs Verordnungen (besonders seit 1231) laufen auf die völlige Zernichtung des Lehnsstaates, auf die Verwandlung des Volkes in eine willenlose, unbewaffnete, im höchsten Grade steuerfähige Masse hinaus. Er zentralisierte die ganze richterliche Gewalt und die Verwaltung in einer bisher für das Abendland unerhörten Weise; kein Amt mehr durfte durch Volkswahl besetzt werden, bei Strafe der Verwüstung des betreffenden Ortes und Degradation der Bürger zu Hörigen. Die Steuern, beruhend auf einem umfassenden Kataster[4] und auf mohammedanischer Routine[6], wurden beigetrieben mit jener quälerischen und grausamen Art, ohne welche man dem Orientalen freilich kein Geld aus den Händen bringt. Hier ist kein Volk mehr, sondern ein kontrollierbarer Haufe von Untertanen[2q], die z. B. ohne besondere Erlaubnis nicht auswärts heiraten und unbedingt nicht auswärts studieren durften; – die Universität Neapel übte den frühsten bekannten Studienzwang[5], während der Orient seine Leute wenigstens in diesen Dingen frei liess. Echt mohammedanisch dagegen war es wiederum, dass Friedrich nach dem ganzen Mittelmeer eigenen Handel trieb, viele Gegenstände sich vorbehielt und den Handel der Untertanen hemmte. Die fatimidischen Khalifen mit ihrer Geheimlehre des Unglaubens waren (wenigstens anfangs) tolerant gewesen gegen die Religionen ihrer Untertanen; Friedrich dagegen krönt sein Regierungssystem durch eine Ketzerinquisition, die nur um so schuldvoller erscheint, wenn man annimmt, er habe in den Ketzern die Vertreter freisinnigen städtischen Lebens verfolgt. Als Polizeimannschaft im Innern und als Kern der Armee nach aussen dienten ihm endlich jene aus Sizilien nach Luceria und nach Nocera übergesiedelten Sarazenen, welche gegen allen Jammer taub und gegen den kirchlichen Bann gleichgültig waren. Die Untertanen, der Waffen entwöhnt, liessen später den Sturz Manfreds und die Besitznahme des Anjou leicht und willenlos über sich ergehen; letzterer aber erbte diesen Regierungsmechanismus und benützte ihn weiter.

Neben dem zentralisierenden Kaiser tritt ein Usurpator der eigentümlichsten Art auf: sein Vicarius und Schwiegersohn Ezzelino da Romano[1]. Er repräsentiert kein Regierungs- und Verwaltungssystem, da seine Tätigkeit in lauter Kämpfen um die Herrschaft im östlichen Oberitalien aufging, allein er ist als politisches Vorbild für die Folgezeit nicht minder wichtig als sein kaiserlicher Beschützer. Alle bisherige Eroberung und Usurpation des Mittelalters war entweder auf wirkliche oder vorgegebene Erbschaft und andere Rechte hin oder gegen die Ungläubigen oder Exkommunizierten vollbracht worden. Hier zum erstenmal wird die Gründung eines Thrones versucht durch Massenmord und endlose Scheusslichkeiten, d. h. durch Aufwand aller Mittel mit alleiniger Rücksicht auf den Zweck. Keiner der Spätern hat den Ezzelino an Kolossalität des Verbrechens irgendwie erreicht, auch Cesare Borgia[21] nicht, aber das Beispiel war gegeben, und Ezzelinos Sturz war für die Völker keine Herstellung der Gerechtigkeit und für künftige Frevler keine Warnung.

Umsonst stellte in einer solchen Zeit S. Thomas von Aquino, der geborene Untertan Friedrichs, die Theorie einer konstitutionellen Herrschaft auf, wo der Fürst durch ein von ihm ernanntes Oberhaus und eine vom Volk gewählte Repräsentation unterstützt gedacht wird . Dergleichen verhallte in den Hörsälen, und Friedrich und Ezzelino waren und blieben für Italien die größten politischen Erscheinungen des 13. Jahrhunderts. Ihr Bild, schon halb fabelhaft widergespiegelt, ist der wichtigste Inhalt der »hundert alten Novellen«, deren ursprüngliche Redaktion gewiss noch in dies Jahrhundert fällt5. Ezzelino wird hier bereits mit einer scheuen Ehrfurcht geschildert, welche der Niederschlag jedes ganz grossen Eindruckes ist. Eine ganze Literatur, von der Chronik der Augenzeugen bis zur halbmythologischen Tragödie, schloss sich an seine Person an6.

Sofort nach dem Sturze der beiden tauchen dann, hauptsächlich aus den Parteikämpfen der Guelfen und Ghibellinen[16], die einzelnen Tyrannen in großer Anzahl empor, in der Regel als Ghibellinenhäupter, dabei aber unter so verschiedenen Vorgängen und Bedingungen, dass man eine allgemeine zu Grunde liegende Unvermeidlichkeit gar nicht verkennen kann. In betreff der Mittel brauchen sie nur da fortzufahren, wo die Parteien begonnen hatten: mit der Ausrottung oder Vertreibung der Gegner und Zerstörung ihrer Wohnungen.

Die grössern und kleinern Gewaltherrschaften des 14. Jahrhunderts verraten es häufig genug, dass Eindrücke dieser Art nicht verloren waren. Ihre Missetaten schrien laut und die Geschichte hat sie umständlich verzeichnet, aber als ganz auf sich selbst gestellte und danach organisierte Staaten haben sie immerhin ein höheres Interesse.

Die bewusste Berechnung aller Mittel, wovon kein damaliger ausseritalischer Fürst eine Idee hatte, verbunden mit einer innerhalb der Staatsgrenzen fast absoluten Machtvollkommenheit, brachte hier ganz besondere Menschen und Lebensformen hervor7. Das Hauptgeheimnis der Herrschaft lag für die weisern Tyrannen darin, dass sie die Steuern möglichst so liessen, wie sie dieselben angetroffen oder am Anfang eingerichtet hatten: eine Grundsteuer, basiert auf einen Kataster; bestimmte Consumosteuern und Zölle auf Ein- und Ausfuhr, wozu noch die Einnahmen von dem Privatvermögen des herrschenden Hauses kamen; die einzige mögliche Steigerung hing ab von der Zunahme des allgemeinen Wohlstandes und Verkehres. Von Anleihen, wie sie in den Städten vorkamen, war hier nicht die Rede; eher erlaubte man sich hier und da einen wohlberechneten Gewaltstreich, vorausgesetzt, dass er den ganzen Zustand unerschüttert liess, wie z. B. die echt sultanische Absetzung und Ausplünderung des obersten Finanzbeamten8.

Mit diesen Einkünften suchte man auszureichen, um den kleinen Hof, die Leibwache, die geworbene Mannschaft, die Bauten – und die Spassmacher sowohl als die Leute von Talent zu bezahlen, die zur persönlichen Umgebung des Fürsten gehörten. Die Illegitimität[8], von dauernden Gefahren umschwebt, vereinsamt den Herrscher; das ehrenvollste Bündnis, welches er nur irgend schliessen kann, ist das mit der höhern geistigen Begabung, ohne Rücksicht auf die Herkunft. Die Liberalität (Miltekeit) der nordischen Fürsten des 13. Jahrhunderts hatte sich auf die Ritter, auf das dienende und singende Adelsvolk beschränkt. Anders der monumental gesinnte, ruhmbegierige italienische Tyrann, der das Talent als solches braucht. Mit dem Dichter oder Gelehrten zusammen fühlt er sich auf einem neuen Boden, ja fast im Besitz einer neuen Legitimität.

Weltbekannt ist in dieser Beziehung der Gewaltherrscher von Verona, Can Grande della Scala, welcher in den ausgezeichneten Verbannten an seinem Hofe ein ganzes Italien beisammen unterhielt. Die Schriftsteller waren dankbar; Petrarca, dessen Besuche an diesen Höfen so strenge Tadler gefunden haben, schilderte das ideale Bild eines Fürsten des 14. Jahrhunderts9. Er verlangt von seinem Adressaten – dem Herrn von Padua – vieles und grosses, aber auf eine Weise, als traute er es ihm zu. »Du musst nicht Herr deiner Bürger, sondern Vater des Vaterlandes[19] sein und jene wie deine Kinder lieben10, ja wie Glieder deines Leibes. Waffen, Trabanten und Söldner magst du gegen die Feinde wenden – gegen deine Bürger kommst du mit dem blassen Wohlwollen aus; freilich meine ich nur die Bürger, welche das Bestehende lieben, denn wer täglich auf Veränderungen sinnt, der ist ein Rebell und Staatsfeind und gegen solche mag strenge Gerechtigkeit walten!« Im einzelnen folgt nun die echt moderne Fiktion der Staatsallmacht; der Fürst soll für alles sorgen, Kirchen und öffentliche Gebäude herstellen und unterhalten, die Gassenpolizei aufrecht halten11, Sümpfe austrocknen, über Wein und Getreide wachen; die Steuern gerecht verteilen, Hülflose und Kranke unterstützen und ausgezeichneten Gelehrten seinen Schutz und Umgang widmen, indem dieselben für seinen Nachruhm sorgen würden.

Aber welches auch die allgemeinen Lichtseiten und die Verdienste einzelner gewesen sein mögen, so erkannte oder ahnte doch schon das 14. Jahrhundert die geringe Dauer, die Garantielosigkeit der meisten dieser Tyrannen. Da aus innern Gründen politische Verfassungen wie diese genau um so viel haltbarer sind, als das Gebiet grösser ist, so waren die mächtigern Gewaltherrschaften stets geneigt, die kleinern zu verschlingen. Welche Hekatombe kleiner Herrscher ist nur allein den Visconti in dieser Zeit geopfert worden! Dieser äussern Gefahr aber entsprach gewiss fast jedesmal eine innere Gärung, und die Rückwirkung dieser Lage auf das Gemüt des Herrschers musste in den meisten Fällen überaus verderblich sein. Die falsche Allmacht, die Aufforderung zum Genuss und zu jeder Art von Selbstsucht von der einen, die Feinde und Verschwörer von der andern Seite machten ihn fast unvermeidlich zum Tyrannen im übeln Sinne. Wäre nur wenigstens den eigenen nächsten Blutsverwandten zu trauen gewesen! Allein wo alles illegitim war, da konnte sich auch kein festes Erbrecht, weder für die Sukzession in der Herrschaft, noch für die Teilung der Güter bilden, und vollends in drohenden Augenblicken schob den unmündigen oder untüchtigen Fürstensohn ein entschlossener Vetter oder Oheim beiseite, im Interesse des Hauses selbst. Auch über Ausschluss oder Anerkennung der Bastarde war beständiger Streit. So kam es, dass eine ganze Anzahl dieser Familien mit unzufriedenen, rachsüchtigen Verwandten heimgesucht waren; ein Verhältnis, das nicht eben selten in offenen Verrat und in wilden Familienmord ausbrach. Andere, als Flüchtlinge auswärts lebend, fassen sich in Geduld und behandeln auch diese Sachlage objektiv, wie z. B. jener Visconti, der am Gardasee Fischnetze auswarf12; der Bote seines Gegners fragte ihn ganz direkt: wann er wieder nach Mailand zurückzukehren gedenke? und erhielt die Antwort: »Nicht eher, als bis die Schandtaten jenes über meine Verbrechen das Uebergewicht erlangt haben werden.« Bisweilen opfern auch die Verwandten den regierenden Herrn der allzusehr beleidigten öffentlichen Moral, um dadurch das Gesamthaus zu retten13. Hie und da ruht die Herrschaft noch so auf der Gesamtfamilie, dass das Haupt an deren Beirat gebunden ist; auch in diesem Falle veranlasste die Teilung des Besitzes und des Einflusses leicht den bittersten Hader.

Bei den damaligen florentinischen Autoren begegnet man einem durchgehenden tiefen Hass gegen dieses ganze Wesen. Schon das pomphafte Aufziehen, das Prachtkostüm, wodurch die Gewaltherrscher vielleicht weniger ihrer Eitelkeit Genüge tun als vielmehr Eindruck auf die Phantasie des Volkes machen wollten, erweckt ihren ganzen Sarkasmus. Wehe wenn ihnen gar ein Emporkömmling in die Hände fällt wie der neugebackene Doge Agnello von Pisa (1364), der mit dem goldenen Szepter auszureiten pflegte und sich dann wieder zu Hause am Fenster zeigte »wie man Reliquien zeigt«, auf Teppich und Kissen von Goldstoff gelehnt; kniend musste man ihn bedienen wie einen Papst oder Kaiser14. Oefter aber reden diese alten Florentiner in einem erhabenen Ernst. Dante15 erkennt und benennt vortrefflich das Unadlige, Gemeinverständige der neufürstlichen Hab- und Herrschgier. »Was tönen ihre Posaunen, Schellen, Hörner und Flöten anders als: herbei zu uns, ihr Henker! ihr Raubvögel!« Man malt sich die Burg des Tyrannen hoch und isoliert, voller Kerker und Lauschröhren16, als einen Aufenthalt der Bosheit und des Elends. Andere weissagen jedem Unglück, der in Tyrannendienste gehe17 und bejammern am Ende den Tyrannen selbst, welcher unvermeidlich der Feind aller Guten und Tüchtigen sei, sich auf niemand verlassen dürfe und den Untertanen die Erwartung seines Sturzes auf dem Gesicht lesen könne. »So wie die Tyrannien entstehen, wachsen und sich befestigen, so wächst auch in ihrem Innern verborgen der Stoff mit, welcher ihnen Verwirrung und Untergang bringen muß18.« Der tiefste Gegensatz wird nicht deutlich hervorgehoben. Florenz war damals mit der reichsten Entwicklung der Individualitäten beschäftigt, während die Gewaltherrscher keine andere Individualität gelten und gewähren liessen als die ihrige und die ihrer nächsten Diener. War doch die Kontrolle des einzelnen Menschen bis aufs Passwesen[15] herab schon völlig durchgeführt19.

Das Unheimliche und Gottverlassene dieser Existenz bekam in den Gedanken der Zeitgenossen noch eine besondere Farbe durch den notorischen Sternglauben und Unglauben mancher Herrscher. Als der letzte Carrara in seinem pestverödeten Padua (1405) die Mauern und Tore nicht mehr besetzen konnte, während die Venezianer die Stadt umzingelten, hörten ihn seine Leibwachen oft des Nachts dem Teufel rufen: er möge ihn töten!

Die vollständigste und belehrendste Ausbildung dieser Tyrannis des 14. Jahrhunderts findet sich wohl unstreitig bei den Visconti in Mailand, von dem Tode des Erzbischofs Giovanni (1354) an. Gleich meldet sich in Bernabò ganz unverkennbar eine Familienähnlichkeit mit den schrecklichsten römischen Imperatoren20; der wichtigste Staatszweck ist die Eberjagd des Fürsten; wer ihm dareingreift, wird martervoll hingerichtet; das zitternde Volk muss ihm 5000 Jagdhunde füttern, unter der schärfsten Verantwortlichkeit für deren Wohlbefinden. Die Steuern werden mit allen denkbaren Zwangsmitteln emporgetrieben, sieben Töchter jede mit 100 000 Goldgulden ausgestattet und ein enormer Schatz gesammelt. Beim Tode seiner Gemahlin (1384) erschien eine Notifikation »an die Untertanen«, sie sollten, wie sonst die Freude, so jetzt das Leid mit ihm teilen und ein Jahr lang Trauer tragen. – Unvergleichlich bezeichnend ist dann der Handstreich, womit ihn sein Neffe Giangaleazzo[12] (1385) in seine Gewalt bekam, eines jener gelungenen Komplotte, bei deren Schilderung noch späten Geschichtschreibern das Herz schlägt21. Bei Giangaleazzo tritt der echte Tyrannensinn für das Kolossale gewaltig hervor. Er hat mit Aufwand von 300 000 Goldgulden riesige Dammbauten unternommen, um den Mincio von Mantua, die Brenta von Padua nach Belieben ableiten und diese Städte wehrlos machen zu können22, ja es wäre nicht undenkbar, dass er auf eine Trockenlegung der Lagunen von Venedig gesonnen hätte. Er gründete23 »das wunderbarste aller Klöster«, die Certosa von Pavia[13], und den Dom von Mailand[14], »der an Grösse und Pracht alle Kirchen der Christenheit übertrifft«, ja vielleicht ist auch der Palast in Pavia, den schon sein Vater Galeazzo begonnen und den er vollendete, weitaus die herrlichste Fürstenresidenz des damaligen Europas gewesen. Dorthin verlegte er auch seine berühmte Bibliothek und die grosse Sammlung von Reliquien der Heiligen, welchen er eine besondere Art von Glauben widmete. Bei einem Fürsten von dieser Sinnesart wäre es befremdlich, wenn er nicht auch im politischen Gebiet nach den höchsten Kronen gegriffen hätte. König Wenzel machte ihn (1395) zum Herzog; er aber hatte nichts geringeres als das Königtum von Italien24 oder die Kaiserkrone im Sinne, als er (1402) erkrankte und starb. Seine sämtlichen Staaten sollen ihm einst in einem Jahre ausser der regelmässigen Steuer von 1 200 000 Goldgulden noch weitere 800 000 an ausserordentlichen Subsidien bezahlt haben. Nach seinem Tode ging das Reich, das er durch jede Art von Gewalttaten zusammengebracht, in Stücken, und vorderhand konnten kaum die ältern Bestandteile desselben behauptet werden. Was aus seinen Söhnen Giovan Maria (+ 1412) und Filippo Maria (+ 1447) geworden wäre, wenn sie in einem andern Lande und ohne von ihrem Hause zu wissen, gelebt hätten, wer weiss es? Doch als Erben dieses Geschlechtes erbten sie auch das ungeheure Kapital von Grausamkeit und Feigheit, das sich hier von Generation zu Generation angesammelt hatte.

Giovan Maria ist wiederum durch seine Hunde berühmt, aber nicht mehr durch Jagdhunde, sondern durch Tiere, die zum Zerreissen von Menschen abgerichtet waren und deren Eigennamen uns überliefert sind wie die der Bären Kaiser Valentinians I.25 Als im Mai 1409 während des noch dauernden Krieges das verhungernde Volk ihm auf der Strasse zurief: Pace! Pace![7], liess er seine Söldner einhauen, die 200 Menschen töteten; darauf war bei Galgenstrafe verboten, die Worte Pace und Guerra auszusprechen und selbst die Priester angewiesen, statt dona nobis pacem zu sagen tranquillitatem! Endlich benutzten einige Verschworne den Augenblick, da der Grosscondottiere[9] des wahnsinnigen Herzogs, Facino Cane, todkrank zu Pavia lag, und machten den Giovan Maria bei der Kirche S. Gottardo in Mailand nieder; der sterbende Facino aber liess am selbigen Tage seine Offiziere schwören, dem Erben Filippo Maria zu helfen, und schlug selber26 noch vor, seine Gemahlin möge sich nach seinem Tode mit diesem vermählen, wie denn auch baldigst geschah; es war Beatrice di Tenda. Von Filippo Maria wird noch weiter zu reden sein.

Und in solchen Zeiten getraute sich Cola Rienzi, auf den hinfälligen Enthusiasmus der verkommenen Stadtbevölkerung von Rom eine neue Herrschaft über Italien zu bauen. Neben Herrschern wie jene ist er von Anfang an ein armer, verlorener Tor.

Die Gewaltherrschaft im 15. Jahrhundert zeigt einen veränderten Charakter. Viele von den kleinen Tyrannen und auch einige von den grössern, wie die Scala und Carrara, sind untergegangen; die mächtigen haben sich arrondiert und innerlich charakteristischer ausgebildet; Neapel erhält durch die neue aragonesische Dynastie eine kräftigere Richtung. Vorzüglich bezeichnend aber ist für dieses Jahrhundert das Streben der Condottieren nach unabhängiger Herrschaft, ja nach Kronen: ein weiterer Schritt auf der Bahn des rein Tatsächlichen und eine hohe Prämie für das Talent wie für die Ruchlosigkeit. Die kleinern Tyrannen, um sich einen Rückhalt zu sichern, gehen jetzt gern in Dienste der größern Staaten und werden Condottieren derselben, was ihnen etwas Geld und auch wohl Straflosigkeit für manche Missetaten verschafft, vielleicht sogar Vergrösserung ihres Gebietes. Im ganzen genommen mussten Grosse und Kleine sich mehr anstrengen, besonnener und berechneter verfahren und sich der gar zu massenhaften Greuel enthalten; sie durften überhaupt nur so viel Böses üben, als nachweisbar zu ihren Zwecken diente – so viel verzieh ihnen auch die Meinung der Unbeteiligten. Von dem Kapital von Pietät, welches den legitimen abendländischen Fürstenhäusern zustatten kam, ist hier keine Spur, höchstens eine Art von hauptstädtischer Popularität; was den Fürsten Italiens wesentlich weiterhelfen muss, ist immer Talent und kühle Berechnung. Ein Charakter wie derjenige Karls des Kühnen, der sich mit wütender Leidenschaft in völlig unpraktische Zwecke hinein verbiss, war den Italienern ein wahres Rätsel. Die Schweizer seien ja lauter Bauern, und wenn man sie auch alle töte, so sei dies ja keine Genugtuung für die burgundischen Magnaten, die im Kampfe umkommen möchten! Besässe auch der Herzog die Schweiz ohne Widerstand, seine Jahreseinkünfte wären deshalb um keine 5000 Dukaten grösser u. s. w.27.« Was in Karl Mittelalterliches war, seine ritterlichen Phantasien oder Ideale, dafür hatte Italien längst kein Verständnis mehr. Wenn er aber vollends den Unteranführern Ohrfeigen erteilte28 und sie dennoch bei sich behielt, wenn er seine Truppen misshandelte, um sie wegen einer Niederlage zu strafen, und dann wieder seine Geheimräte vor den Soldaten blamierte – dann mussten ihn die Diplomaten des Südens verloren geben. Ludwig XI. aber, der in seiner Politik die italienischen Fürsten innerhalb ihrer eigenen Art übertrifft, und der vor allem sich als Bewunderer des Francesco Sforza[11] bekannte, ist im Gebiet der Bildung durch seine vulgäre Natur weit von jenen Herrschern geschieden.

In ganz merkwürdiger Mischung liegt Gutes und Böses in den italienischen Staaten des 15. Jahrhunderts durcheinander. Die Persönlichkeit der Fürsten wird eine so durchgebildete, eine oft so hochbedeutende, für ihre Lage und Aufgabe so charakteristische29, dass das sittliche Recht schwer zu seinem Rechte kömmt.

Grund und Boden der Herrschaft sind und bleiben illegitim und ein Fluch haftet daran und will nicht davon weichen. Kaiserliche Gutheissungen und Belehnungen ändern dies nicht, weil das Volk keine Notiz davon nimmt, wenn seine Herrscher sich irgendwo in fernen Landen oder von einem durchreisenden Fremden ein Stück Pergament gekauft haben30. Wären die Kaiser etwas nütze gewesen, so hätten sie die Gewaltherrn gar nicht emporkommen lassen – so lautete die Logik des unwissenden Menschenverstandes. Seit dem Römerzuge Karls IV. haben die Kaiser in Italien nur noch den ohne sie entstandenen Gewaltzustand sanktioniert, ohne ihn jedoch im geringsten anders als durch Urkunden garantieren zu können. Karls ganzes Auftreten in Italien ist eine der schmählichsten politischen Komödien; man mag im Matteo Villani31 nachlesen, wie ihn die Visconti in ihrem Gebiete herum und endlich daraus weg eskortieren, wie er eilt gleich einem Messkaufmann, um nur recht bald für seine Ware (die Privilegien nämlich) Geld zu erhalten, wie kläglich er in Rom auftritt, und wie er endlich, ohne einen Schwertstreich getan zu haben, mit seinem vollen Geldsack wieder über die Alpen zieht32. Sigismund kam wenigstens das erstemal (1414) in der guten Absicht, Johann XXIII. zur Teilnahme an seinem Konzil zu bewegen; damals war es, als Kaiser und Papst auf dem hohen Turm von Cremona das Panorama der Lombardie genossen, während ihren Wirt, den Stadttyrannen Gabrino Fondolo, das Gelüste ankam, beide herunterzuwerfen. Das zweitemal erschien Sigismund völlig als Abenteurer; mehr als ein halbes Jahr hindurch sass er in Siena wie in einem Schuldgefängnis und konnte nachher nur mit Not zur Krönung in Rom gelangen. Was soll man vollends von Friedrich III. denken? Seine Besuche in Italien haben den Charakter von Ferien- oder Erholungsreisen auf Unkosten derer, die ihre Rechte von ihm verbrieft haben wollten, oder solcher, denen es schmeichelte, einen Kaiser recht pomphaft zu bewirten. So verhielt es sich mit Alfons von Neapel, der sich den kaiserlichen Besuch 150 000 Goldgulden kosten liess33. In Ferrara34 hat Friedrich bei seiner zweiten Rückkehr von Rom (1469) einen ganzen Tag lang, ohne das Zimmer zu verlassen, lauter Beförderungen, achtzig an der Zahl, ausgespendet; da ernannte er cavalieri, conti, dottori, Notare, und zwar conti mit verschiedenen Schattierungen, als da waren: conte palatino, conte mit dem Recht dottori, ja bis auf fünf dottori zu ernennen, conte mit dem Recht Bastarde zu legitimieren, Notare zu kreieren, unehrliche Notare ehrlich zu erklären usw. Nur verlangte sein Kanzler für die Ausfertigung der betreffenden Urkunden eine Erkenntlichkeit, die man in Ferrara etwas stark fand35. Was Herzog Borso dabei dachte, als sein kaiserlicher Gönner dergestalt urkundete und der ganze kleine Hof sich mit Titeln versah, wird nicht gemeldet. Die Humanisten, welche damals das grosse Wort führten, waren je nach den Interessen geteilt. Während die einen36 den Kaiser mit dem konventionellen Jubel der Dichter des kaiserlichen Roms feiern, weiss Poggio37 gar nicht mehr, was die Krönung eigentlich sagen solle; bei den Alten sei ja nur ein siegreicher Imperator gekrönt worden, und zwar mit Lorbeer.

Mit Maximilian I. beginnt dann eine neue kaiserliche Politik gegen Italien, in Verbindung mit der allgemeinen Intervention fremder Völker. Der Anfang – die Belehnung des Lodovico Moro mit Beseitigung seines unglücklichen Neffen – war nicht von der Art, welche Segen bringt. Nach der modernen Interventionstheorie darf, wenn Zweie ein Land zerreissen wollen, auch ein Dritter kommen und mithalten, und so konnte auch das Kaisertum sein Stück begehren. Aber von Recht u. dgl. musste man nicht mehr reden. Als Ludwig XII. (1502) in Genua erwartet wurde, als man den grossen Reichsadler von der Fronte des Hauptsaales im Dogenpalast wegtilgte und alles mit Lilien bemalte, frug der Geschichtschreiber Senarega38 überall herum, was jener bei so vielen Revolutionen stets geschonte Adler eigentlich bedeute und was für Ansprüche das Reich auf Genua habe? Niemand wusste etwas anderes als die alte Rede: Genua sei eine camera imperii. Niemand wusste überhaupt in Italien irgendwelchen sichern Bescheid über solche Fragen. Erst als Karl V. Spanien und das Reich zusammen besass, konnte er mit spanischen Kräften auch kaiserliche Ansprüche durchsetzen. Aber was er so gewann, kam bekanntlich nicht dem Reiche, sondern der spanischen Macht zugute.

Mit der politischen Illegitimität der Dynastien des 15. Jahrhunderts hinwiederum zusammen die Gleichgültigkeit gegen die legitime Geburt, welche den Ausländern, z. B. einem Comines, so sehr auffiel. Sie ging gleichsam mit in den Kauf. Während man im Norden, im Haus Burgund etwa, den Bastarden eigene bestimmt abgegrenzte Apanagen, Bistümer und dergleichen zuwies, während in Portugal eine Bastardlinie sich nur durch die grösste Anstrengung auf dem Throne behauptete, war in Italien kein fürstliches Haus mehr, welches nicht in der Hauptlinie irgendeine unechte Deszendenz gehabt und ruhig geduldet hätte. Die Aragonesen von Neapel waren die Bastardlinie des Hauses, denn Aragon selbst erbte der Bruder des Alfons I. Der grosse Federigo von Urbino war vielleicht überhaupt kein Montefeltro. Als Pius II. zum Kongress von Mantua (1459) reiste, ritten ihm bei der Einholung in Ferrara ihrer acht Bastarde vom Haus Este entgegen39, darunter der regierende Herzog Borso selbst und zwei uneheliche Söhne seines ebenfalls unehelichen Bruders und Vorgängers Leonello. Letzterer hatte außerdem eine rechtmäßige Gemahlin gehabt, und zwar eine uneheliche Tochter Alfons I. von Neapel, von einer Afrikanerin40. Die Bastarde wurden auch schon deshalb öfter zugelassen, weil die ehelichen Söhne minorenn und die Gefahren dringend waren; es trat eine Art von Seniorat ein, ohne weitere Rücksicht auf echte oder unechte Geburt. Die Zweckmässigkeit, die Geltung des Individuums und seines Talentes sind hier überall mächtiger als die Gesetze und Bräuche des sonstigen Abendlandes. War es doch die Zeit, da die Söhne der Päpste sich Fürstentümer gründeten! Im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss der Fremden und der beginnenden Gegenreformation wurde die ganze Angelegenheit strenger angesehen; Varchi findet, die Sukzession der ehelichen Söhne sei »von der Vernunft geboten und von ewigen Zeiten her der Wille des Himmels41.« Kardinal Ippolito Medici gründete sein Anrecht auf die Herrschaft über Florenz darauf, dass er aus einer vielleicht rechtmässigen Ehe entsprosst, oder doch wenigstens Sohn einer Adligen und nicht (wie der Herzog Alessandro) einer Dienstmagd sei42. Jetzt beginnen auch die morganatischen Gefühlsehen, welche im 15. Jahrhundert aus sittlichen und politischen Gründen kaum einen Sinn gehabt hätten.

Die höchste und meistbewunderte Form der Illegitimität ist aber im 15. Jahrhundert der Condottiere, der sich – welches auch seine Abkunft sei – ein Fürstentum erwirbt. Im Grunde war schon die Besitznahme von Unteritalien durch die Normannen im 11. Jahrhundert nichts anderes gewesen; jetzt aber begannen Projekte dieser Art die Halbinsel in dauernder Unruhe zu erhalten.

Die Festsetzung eines Soldführers als Landesherrn konnte auch ohne Usurpation geschehen, wenn ihn der Brodherr aus Mangel an Geld mit Land und Leuten abfand43; ohnehin bedurfte der Condottiere, selbst wenn er für den Augenblick seine meisten Leute entliess, eines sichern Ortes, wo er Winterquartier halten und die notwendigsten Vorräte bergen konnte. Das erste Beispiel eines so ausgestatteten Bandenführers ist John Hawkwood[10], welcher von Papst Gregor XI. Bagnacavallo und Cotignola erhielt. Als aber mit Alberigo da Barbiano italienische Heere und Heerführer auf den Schauplatz traten, da kam auch die Gelegenheit viel näher, Fürstentümer zu erwerben, oder wenn der Condottiere schon irgendwo Gewaltherrscher war, das Ererbte zu vergrössern. Das erste grosse Bacchanal dieser soldatischen Herrschbegier wurde gefeiert in dem Herzogtum Mailand nach dem Tode des Giangaleazzo (1402); die Regierung seiner beiden Söhne (S. 39 f.) ging hauptsächlich mit der Vertilgung dieser kriegerischen Tyrannen dahin, und der grösste derselben, Facino Cane, wurde samt seiner Witwe, samt einer Reihe von Städten und 400 000 Goldgulden ins Haus geerbt; überdies zog Beatrice di Tenda die Soldaten ihres ersten Gemahls nach sich44. Von dieser Zeit an bildete sich dann jenes über alle Massen unmoralische Verhältnis zwischen den Regierungen und ihren Condottieren aus, welches für das 15. Jahrhundert charakteristisch ist. Eine alte Anekdote45, von jenen die nirgends und doch überall wahr sind, schildert dasselbe ungefähr so: Einst hatten die Bürger einer Stadt – es soll Siena gemeint sein – einen Feldherrn, der sie von feindlichem Druck befreit hatte; täglich berieten sie, wie er zu belohnen sei und urteilten, keine Belohnung, die in ihren Kräften stände, wäre gross genug, selbst nicht wenn sie ihn zum Herrn der Stadt machten. Endlich erhob sich einer und meinte: Lasst uns ihn umbringen und dann als Stadtheiligen anbeten. Und so sei man mit ihm verfahren ungefähr wie der römische Senat mit Romulus. In der Tat hatten sich die Condottieren vor niemand mehr zu hüten als vor ihren Brodherren; kämpften sie mit Erfolg, so waren sie gefährlich und wurden aus der Welt geschafft wie Roberto Malatesta gleich nach dem Siege, den er für Sixtus IV. erfochten (1482); beim ersten Unglück aber rächte man sich bisweilen an ihnen wie die Venezianer am Carmagnola (1432)46. Es zeichnet die Sachlage in moralischer Beziehung, dass die Condottieren oft Weib und Kind als Geiseln geben mussten und dennoch weder Zutrauen genossen noch selber empfanden. Sie hätten Heroen der Entsagung, Charaktere wie Belisar sein müssen, wenn sich der tiefste Hass nicht in ihnen hätte sammeln sollen; nur die vollkommenste innere Güte hätte sie davon abhalten können, absolute Frevler zu werden. Und als solche, voller Hohn gegen das Heilige, voller Grausamkeit und Verrat gegen die Menschen, lernen wir manche von ihnen kennen, fast lauter Leute, denen es nichts ausmachte, im päpstlichen Banne zu sterben. Zugleich aber entwickelt sich in manchen die Persönlichkeit, das Talent, bis zur höchsten Virtuosität und wird auch in diesem Sinne von den Soldaten anerkannt und bewundert; es sind die ersten Armeen der neuern Geschichte, wo der persönliche Kredit des Anführers ohne weitere Nebengedanken die bewegende Kraft ist. Glänzend zeigt sich dies z. B. im Leben des Francesco Sforza47; da ist kein Standesvorurteil, das ihn hätte hindern können, die allerindividuellste Popularität bei jedem einzelnen zu erwerben und in schwierigen Augenblicken gehörig zu benützen; es kam vor, dass die Feinde bei seinem Anblick die Waffen weglegten und mit entblösstem Haupt ihn ehrerbietig grüssten, weil ihn jeder für den gemeinsamen »Vater der Kriegerschaft« hielt. Dieses Geschlecht Sforza gewährt überhaupt das Interesse, dass man die Vorbereitung auf das Fürstentum von Anfang an glaubt durchschimmern zu sehen48. Das Fundament dieses Glückes bildete die grosse Fruchtbarkeit der Familie; Francescos bereits hochberühmter Vater Jacopo hatte zwanzig Geschwister, alle rauh erzogen in Cotignola bei Faenza, unter dem Eindruck einer jener endlosen romagnolischen Vendetten zwischen ihnen und dem Hause der Pasolini. Die ganze Wohnung war lauter Arsenal und Wachtstube, auch Mutter und Töchter völlig kriegerisch. Schon im dreizehnten Jahre ritt Jacopo heimlich von dannen, zunächst nach Panicale zum päpstlichen Condottiere Boldrino, demselben, welcher dann noch im Tode seine Schar anführte, indem die Parole von einem fahnenumsteckten Zelte ausgegeben wurde, in welchem der einbalsamierte Leichnam lag – bis sich ein würdiger Nachfolger fand. Jacopo, als er in verschiedenen Diensten allmählich emporkam, zog auch seine Angehörigen nach sich und genoss durch dieselben die nämlichen Vorteile, die einem Fürsten eine zahlreiche Dynastie verleiht. Diese Verwandten sind es, welche die Armee beisammen halten, während er im Castel dell' uovo zu Neapel liegt; seine Schwester nimmt eigenhändig die königlichen Unterhändler gefangen und rettet ihn durch dieses Pfand vom Tode. Es deutet schon auf Absichten von Dauer und Tragweite, dass Jacopo in Geldsachen äusserst zuverlässig war und deshalb auch nach Niederlagen Kredit bei den Bankiers fand; dass er überall die Bauern gegen die Lizenz der Soldaten schützte, und die Zerstörung eroberter Städte nicht liebte; vollends aber, dass er seine ausgezeichnete Konkubine Lucia (die Mutter Francescos) an einen andern verheiratete, um für einen fürstlichen Ehebund verfügbar zu bleiben. Auch die Vermählungen seiner Verwandten unterlagen einem gewissen Plan. Von der Gottlosigkeit und dem wüsten Leben seiner Fachgenossen hielt er sich ferne; die drei Lehren, womit er seinen Francesco in die Welt sandte, lauten: rühre keines andern Weib an; schlage keinen von deinen Leuten oder, wenn es geschehen, schicke ihn weit fort; endlich: reite kein hartmäuliges Pferd und keines, das gerne die Eisen verliert. Vor allem aber besass er die Persönlichkeit, wenn nicht eines grossen Feldherrn, doch eines grossen Soldaten, einen mächtigen, allseitig geübten Körper, ein populäres Bauerngesicht, ein wunderwürdiges Gedächtnis, das alle Soldaten, alle ihre Pferde und ihre Soldverhältnisse von vielen Jahren her kannte und aufbewahrte. Seine Bildung war nur italienisch; alle Musse aber wandte er auf Kenntnis der Geschichte und liess griechische und lateinische Autoren für seinen Gebrauch übersetzen. Francesco, sein noch ruhmvollerer Sohn, hat von Anfang an deutlich nach einer grossen Herrschaft gestrebt und das gewaltige Mailand durch glänzende Heerführung und unbedenklichen Verrat auch erhalten (1447-1450).

Sein Beispiel lockte. Aeneas Sylvius49 schrieb um diese Zeit: »In unserm veränderungslustigen Italien, wo nichts fest steht und keine alte Herrschaft existiert, können leicht aus Knechten Könige werden.« Einer aber, der sich selber »den Mann der Fortuna« nannte, beschäftigte damals vor allen die Phantasie des ganzen Landes: Giacomo Piccinino, der Sohn des Nicolò. Es war eine offene und brennende Frage: ob auch ihm die Gründung eines Fürstentumes gelingen werde oder nicht? Die grössern Staaten hatten ein einleuchtendes Interesse, es zu verhindern, und auch Francesco Sforza fand, es wäre vorteilhaft, wenn die Reihe der souverän gewordenen Soldführer mit ihm selber abschlösse. Aber die Truppen und Hauptleute, die man gegen Piccinino absandte, als er z. B. Siena hatte für sich nehmen wollen, erkannten50 ihr eigenes Interesse darin, ihn zu halten: »Wenn es mit ihm zu Ende ginge, dann könnten wir wieder den Acker bauen.« Während sie ihn in Orbetello eingeschlossen hielten, verproviantierten sie ihn zugleich, und er kam auf das ehrenvollste aus der Klemme. Endlich aber entging er seinem Verhängnis doch nicht. Ganz Italien wettete, was geschehen werde, als er (1465) von einem Besuch bei Sforza in Mailand nach Neapel zum König Ferrante reiste. Trotz aller Bürgschaften und hohen Verbindungen liess ihn dieser im Castel nuovo ermorden51