Die Kunst der Täuschung - A.J. Cross - E-Book

Die Kunst der Täuschung E-Book

A.J. Cross

3,0
8,99 €

Beschreibung

Kurz nach Silvester wird in einem Haus im Woodgate Country Park eine mumifizierte Leiche gefunden. Rechtspsychologin Dr. Kate Hanson und ihre Kollegen von der Unsolved Crime Unit der Birminghamer Polizei finden heraus, dass es sich bei dem Toten um den Kunststudenten Nathan Troy handelt, der vor zwanzig Jahren spurlos verschwand. Kate beginnt, in Nathans Vergangenheit zu graben – und stößt auf eine Mauer des Schweigens. Wieso weigern sich Nathans frühere Mitbewohner, über den Toten zu reden? Als ein Teenager ermordet wird und ein weiterer Junge verschwindet, ist Kate überzeugt: N athans Mörder ist zurückgekehrt …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 636




Buch

Das neue Jahr beginnt für die Rechtspsychologin Dr. Kate Hanson alles andere als ruhig. Sie und ihre Kollegen von der Unsolved Crime Unit der Birminghamer Polizei werden zu einem Fall hinzugezogen, den ausgerechnet die Hunde eines Spaziergängers im Woodgate Country Park ans Tageslicht befördert haben. Denn dort in einem verlassenen Haus sind sie unter den alten Dielen auf etwas Grausames gestoßen: eine mumifizierte Leiche. Schnell ist klar, dass es sich bei dem Toten um Nathan Troy handelt, einen Kunststudenten am Woolner College – der allerdings bereits vor zwanzig Jahren spurlos verschwand. Kates Nachforschungen führen sie in Nathans Vergangenheit – doch eine Mauer des Schweigens ist vorerst alles, auf das sie stößt. Wieso weigern sich Nathans frühere Mitbewohner, über den Toten zu reden? Was ist damals vorgefallen? Als ein Teenager ermordet wird und ein weiterer Junge verschwindet, ist Kate überzeugt: Nathans Mörder ist zurückgekehrt …

Autorin

A. J. Cross ist forensische Psychologin und häufig als Gutachterin vor Gericht tätig. Sie studierte und promovierte an der Universität in Birmingham. In ihrer Eigenschaft als forensische Psychologin arbeitete sie in ihrer Heimatstadt u.a. mit Bewährungshelfern der Abteilung für Sexualstraftäter zusammen. A. J. Cross lebt mit ihrem Ehemann in den West Midlands, England.

Von A. J. Cross bereits bei Blanvalet erschienen

Kalter Schlaf

A. J. Cross

Die Kunst

der Täuschung

Thriller

Deutsch von Wulf Bergner

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

»Art of Deception« bei Orion Books, London.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Juli 2015 bei Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2013 by A.J. Cross

Published by Arrangement with A.J. Cross LTD.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com

Redaktion: Eva Seifert

ue · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-15787-6

www.blanvalet.de

NOVEMBER 1993

Ich bin verletzt, und mir ist so kalt, dass ich kaum richtig denken kann … Ich habe Angst. Ich sehe keinen Ausweg mehr. Komisch … ich weiß noch gut, wie du mir in meiner Jugend oft erklärt hast, wie clever ich sei, wie »aufgeweckt«. Das würdest du nicht sagen, wenn du mich jetzt sehen könntest. Ich bin hier, weil ich etwas Schreckliches gesehen und dann etwas wirklich Dummes getan habe. Vielleicht habe ich eine Zeit lang nicht klar gedacht? Ich weiß, was geschehen wird. Was geschehen muss. Weil er mir nicht glauben wird, auch wenn ich verspreche zu schweigen. Denn ich werde reden. Irgendjemand muss es tun …

Eben dachte ich, ich hätte etwas gehört … Ich versuche ruhig zu bleiben. Mein Verstand driftet ständig ab … muss über alles nachdenken. Vielleicht erreichen dich meine Gedanken? Du weißt schon – dieses spezielle Band zwischen uns? Ich hoffe, dass du sie irgendwie aufnimmst, dass du erkennst … Entschuldige mich bei ihm, ja? Sag ihm, dass ich da sein wollte, dass ich gekommen wäre, wenn ich gekonnt hätte …

Ich habe etwas gehört …

Mom, ich bin erledigt.

1

Im schwindenden Nachmittagslicht machte er lautlos einen Schritt vorwärts und beobachtete, wie die Gestalt den Arm hob und mit zwei aneinandergelegten Fingern auf die glänzend schwarzen Saatkrähen und großschnäbligen Raben jenseits des Wassers zielte. Als ein lautes Peng! ertönte, sah er die Vögel in einem einzigen Schwarm auffliegen und bewegte sich dann weiter – trotz seiner Masse lautlos –, bis er fast den Rücken der hellgrauen Outdoorjacke berühren konnte. Noch ein lautloser Schritt, dann streckte er eine Hand aus und packte den vor ihm Stehenden an der Schulter. »Ha!«

Die Gestalt in der grauen Jacke fuhr herum, wäre beinahe im Schlamm ausgerutscht. »Was soll dieser Scheiß, du fetter Idiot?«

Bradley Harper grinste und zeigte nach vorn. »Sieh mal da oben, Stuey. Schau dir das an!«

Stuey ignorierte seine Aufforderung. Er hatte es gesehen. Er brauchte keinen weiteren Blick auf das ebenerdige Gebäude mit dem tief heruntergezogenen Dach zu werfen, das geduckt zwischen knorrigen Eichen stand. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, die schmutzigen Sohlen seiner Sportschuhe an Grasbüscheln abzuwischen. »Die haben hundertfünfzig Eier gekostet, du Schwachkopf.« Er zeigte auf den jungen Baum neben ihm. »Brich ein paar dünne Zweige ab, damit wir eine Falle bauen können.«

Harper sah widerstrebend zu dem Baum hinüber. Er kannte diese Vorliebe seines Freundes für Wildtiere recht gut. Und auch für weniger wilde. Die Lehrer in der Schule wussten noch immer nicht, was mit den drei Meerschweinchen passiert war, die im Laborgebäude der Schule gelebt hatten, aber Harper wusste es: Stuey war ihnen passiert. Harper ließ sich nicht beirren und streckte erneut die Hand aus. »Das ist eines dieser Sommerhäuser. Meine Mom hat mir erzählt, dass hier ein paar große alte Häuser gestanden haben, bevor die Gegend als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Ich wette, dass es zu einem davon gehört hat.«

Aber Stuey war bereits unterwegs. Seine unberechenbare Laune hatte sich durch diesen weiteren Hinweis auf das geduckte Gebäude und die plötzlich einsetzenden schweren Regentropfen sprunghaft verschlechtert. »Yeah, und deine Alte ist ’ne fette Schlampe und ihr Kerl ein Fettsack, der vom Klauen lebt!«, rief er über die Schulter zurück.

»Nein, sie … Hey, wo willst du hin?«

»Ich werde wohl kaum hier in Kälte und Regen rumhängen. Wenn du hierbleiben willst, bis es dunkel wird und die Kinderficker zum Spielen rauskommen, kannst du das meinetwegen tun.« Um eine letzte boshafte Bemerkung anzubringen, drehte er sich sogar um. »Vielleicht ist das ja dein Ding.«

Harpers blasses rundes Gesicht lief rot an, während er dem Weggehenden nachsah. »Das ist schon ewig lange her.«

Stuey vergrößerte den Abstand zwischen ihnen weiter. »Soll sich nur einer trauen, sich an mich ranzumachen! Ich schneid ihm die …«

Harper hatte diese Äußerungen oft genug gehört, und während er sie ausblendete, starrte er hinter der teuren Jacke und den Sportschuhen her und beschloss, auf Stueys ausgeprägte Habgier einzugehen. »Denk darüber nach, ja?«, rief er. »Vielleicht finden wir dort drinnen was, das wir …« Ohne Vorwarnung wurde der Regen plötzlich zu einer Sintflut. Harper machte kehrt, zog die Kapuze über sein zerzaustes blondes Haar und trabte zu dem etwas erhöht liegenden kleinen Haus hinüber. Er stapfte die wenigen Stufen zum Eingang hinauf, rüttelte an den beiden Türgriffen und warf sich atemlos herum. »Abgesperrt! Los, komm schon, hilf mir!«

Ob Geräteschuppen oder Sommerhaus, jedenfalls würde der kleine Bau Schutz vor dem Unwetter bieten, und Stuey war schon umgekehrt. Er kam die Stufen heraufgestürmt und warf sich mit geübtem Schulterschwung gegen die Tür. Die Angeln kreischten laut, als die beiden Türflügel erzitterten und dann krachend nachgaben.

Sie traten ein, und Harper, dessen geflüsterte Worte als Atemwolken sichtbar waren, brach das Schweigen als Erster. »Ich find’s klasse, Stu. Vor allem trocken. Keiner weiß, dass wir hier waren, und …«

Stuey schlurfte über den Fußboden, hauchte sich in die Hände. »Hier ist’s scheißkalt, und es gibt nichts zu holen.« Seine Aggressivität wich jäher Listigkeit. Er drehte sich um. »Weißt du, was diese Bude braucht?«

»Nein, was?«

Auf dem glatten Gesicht unter dem modisch geschnittenen dunklen Haar erschien ein Grinsen. »Ein … nettes … warmes … Feuer«, sagte er langsam und nachdrücklich.

Harper musterte seinen Freund mit raschem Blick. Auch er sprach jetzt nachdrücklich langsam. »Lass das, ja? Beruhig dich ein bisschen. Ich weiß, dass …«

»Scheiße, halt die Klappe. Du weißt überhaupt nichts.«

»Okay … okay«, sagte Harper beschwichtigend. Er fuchtelte nervös mit seinen pummeligen Händen herum, während er beobachtete, wie Stuey wieder begann, rastlos herumzutigern. Wahrscheinlich hatte er seine Medizin wieder nicht genommen. »Wir bleiben ’ne Weile hier, ja? Hier ist’s hübsch nett und ruhig. Zieh’n uns ein paar Kippen rein, und wenn der Regen aufhört … Nein, Stu, lass das!«

Der teure Sportschuh trat krachend ein Loch in die kahle Wand. »Feuer braucht Holz. Siehst du? Furztrocken.«

»Lass das, Stu. Ich will nicht …«

Stuey brach seinen jähen Vandalismus ab und fixierte den anderen mit starrem Blick. »Was? Du willst was nicht?« Dann stürzte er sich ohne Vorwarnung auf Harper, und die beiden gingen zu Boden. Das Gewirr aus um sich schlagenden und tretenden Gliedern kam erst zum Stillstand, als Holz mit lautem Krachen unter einem schweren Stiefel zersplitterte. Sie setzten sich auf und betrachteten den Fußboden an der Stelle, an der er an die Holzwand stieß. »Sieh dir an, was du gemacht hast!«, krähte Stuey.

Harper starrte schwer atmend zu dem Loch in der Nähe der morschen Sockelleiste hinüber, auf die Stuey zeigte. Er beobachtete, wie Stuey dort hinüberging und sich auf ein Knie niederließ, um die beschädigten Dielenbretter zu packen und hochzuziehen. Harper war jetzt müde. Ihm war kalt. Er wollte keinen weiteren Ärger mehr. Er hatte genug von Stuey und wollte nicht mehr hier sein. Er wollte nach Hause. Wenn er heimkam, würde er seine Mutter bitten, ihm Pommes zu machen. »Du hast recht. Komm, wir gehen. Weiß du was?« Er sah sich nach den dunkler werdenden Fenstern um. »Ich hab was gehört, glaub ich.«

Stuey war noch immer mit dem Loch beschäftigt, ließ seine Finger über das zersplitterte Holz gleiten und zeigte dabei jene starre Konzentration, die Harper und jeden anderen, der sie aus der Nähe erlebte, immer nervös machte. »Dieses Zeug ist furztrocken. Los, komm schon! Wir reißen den Boden noch mehr auf.« Er riss an einem weiteren Fußbodenbrett, das ein hohes Kreischen von sich gab, als es zersplitterte. Stuey schnalzte mit den Fingern. »Her mit der Taschenlampe, die dein Alter geklaut hat.«

Harper rappelte sich auf, weil er Ärger witterte. »Nein. Er hat gesagt, dass ich sie nirgendwohin mitnehmen darf. Er kommt heute Abend meine Mom besuchen, also muss ich sie …« Er sah hilflos zu, wie Stuey, dessen blaue Augen ihn unverwandt fixierten, auf ihn zutrat, spürte, wie ihm die kleine Taschenlampe aus der Hüfttasche gezogen wurde, und wusste, dass Widerstand zwecklos war.

Er beobachtete, wie Stuey zu dem Loch zurückkehrte, die Taschenlampe neben sich auf den Fußboden legte und weitere Bretter hochzog. Als eines mit durchdringendem Knirschen widerstand, funkelte Stuey ihn an. »Willst du nur glotzen oder mithelfen?«

Er trat widerstrebend näher heran, griff nach einer Diele und ließ sie wieder los. »Was ist, wenn jemand kommt? Was ist, wenn …«

Stuey schüttelte verächtlich den Kopf. »Du bist so ein Wichser.«

Harper ließ sich beiseiteschieben, beobachtete, wie Stuey eines der längeren Bretter packte und fast augenblicklich wieder losließ – Scheiße! –, und sah, wie die blutende Fingerkuppe in Stueys Mund verschwand.

Binnen Minuten und ganz ohne Harpers Mithilfe war ein Loch entstanden, das an der breitesten Stelle etwa einen Meter maß. Harper sah zu, wie Stuey die zersplitterten Bretter mit Tritten zur Seite beförderte, bevor er sich auf den Fußboden legte und den Kopf in das dunkle Loch steckte. Er schob sich näher heran und versuchte, sich etwas als Ablenkung einfallen zu lassen. »Was hältst du vom Gemeindezentrum, Stu? Wir könnten dort hingehen, ein bisschen rumalbern, ’ne Runde Billard spielen, den Laden ein bisschen aufmischen. Wie wär’s damit?«

Er hörte das leise Klicken, mit dem die Taschenlampe angeknipst wurde, dann kam Stueys Stimme. »Hier ist was … ich kann’s … fast … erreichen …« Im nächsten Augenblick holte er zischend Luft, während er mit Armen und Beinen um sich schlagend nach oben kam und von dem Loch zurückwich, wobei er die Taschenlampe weiter umklammert hielt. Schließlich stoppte er mit starrem Blick und rasselndem Atem.

Harper sah erst ihn, dann das Loch und schließlich wieder ihn an. »Was hast du? Was ist dort unten?« Er beobachtete unsicher, wie Stuey, dessen Gesicht aschfahl war, sich den Mund am Ärmel abwischte und dann rasch aufstand, wobei ihm die Taschenlampe aus der Hand fiel. Harper, der zu träge reagierte, hörte sie aufschlagen und sah sie über den Fußboden zu dem Loch rollen, an dessen gezacktem Rand sie für Zehntelsekunden verharrte, bevor sie hineinkippte. Er bewegte sich viel zu spät. »Oh, Mann, ich bin erledigt! Wenn mein Dad …« Er warf sich herum. »Hey, wohinwillst du?« Er beobachtete, wie Stuey eilig durch die aufgebrochene Tür verschwand und in die herabsinkende Nacht davonhastete, hörte das leiser werdende Geräusch seiner Schritte. Und noch etwas anderes? Er runzelte die Stirn, horchte angestrengt. Nein. Nichts. Nur Stille.

Nach Stueys Flucht war in dem Haus am See Ruhe eingekehrt. »Wichser!«, schrie Harper, dem die Entfernung, die Stuey zwischen sie gebracht hatte, wieder Mut machte. Er machte zögernd einen Schritt auf das Loch zu. Aber es würde seine Geheimnisse nicht ohne weiteres preisgeben – falls es welche besaß. Stuey hatte ihn nur erschrecken wollen. Stuey war ein Arsch. Das meinten alle, bloß keiner wollte es ihm direkt ins Gesicht sagen. Harper ließ sich auf seine breiten Knie nieder, senkte den Kopf und bemühte sich, im Dunkel etwas zu erkennen. Stuey war ein Lügner. Man durfte ihm kein Wort glauben. Stuey war nicht ganz richtig im Kopf. Auch das sagten alle. Er setzte sich auf, ohne das dunkle Loch aus den Augen zu lassen. Irgendwo dort unten lag die Taschenlampe seines Dads. Er musste sie sich zurückholen.

Er legte sich auf den Fußboden, streckte den rechten Arm in das Loch und bewegte die Finger, bis sie etwas ertasteten, das sich lederartig glatt anfühlte. Seine Hand zuckte zur Seite, sodass die Armsehnen geräuschvoll protestierten, und berührte dabei den schlanken Zylinder der Lampe. Ihm schwindelte fast vor Erleichterung, als er ihn umfasste. Jetzt konnte sein Alter ihm nichts mehr anhaben. Er musste nur noch vor ihm zu Hause sein.

Als er die Taschenlampe heraufgeholt hatte, zögerte er kurz, dann schaltete er sie ein. Das sanfte Klicken produzierte einen schwachen, flackernden Lichtstrahl. Er richtete ihn nach unten und verfolgte den winzigen Lichtpunkt, als er über den sandigen Boden zu einem kleinen Gegenstand glitt, der in dem kümmerlichen Licht glänzte. Zunehmend aufgeregter starrte er das kleine …

Harper hob den Kopf und sah zur Tür hinüber. »Stuey?« Keine Antwort. Er versuchte es nochmals, diesmal lauter. »Bist du’s, Stuey?« Wieder nur Stille. Ihm fiel ein, was Stuey über die Kerle gesagt hatte, die sich hier nach Einbruch der Dunkelheit herumtrieben. Aber er reagierte darauf wie auf die meisten unerfreulichen Informationen, die ihm zu Ohren kamen: Er schottete sich dagegen ab. Als draußen ein Schatten an den Fenstern vorbeihuschte, steckte sein Kopf bereits wieder in dem Loch, diesmal noch tiefer, um zu versuchen, mit der schwächer werdenden Taschenlampe das glänzende kleine Objekt wiederzufinden. Wenn er es erreichen könnte …

Er schoss hoch, imitierte Stueys erschrockenes Zurückweichen von dem Loch, machte in zwei Metern Entfernung mit jagendem Herzen halt. Nun wusste er, was Stuey gesehen hatte. Während er darauf wartete, dass das Pochen in seinen Schläfen abklang, starrte er das schwarze Loch an und kämpfte mit dem Konflikt, etwas zu wollen, aber Angst davor zu haben, es sich zu holen. Es konnte ein paar Pfund wert sein. Vielleicht würde er es sogar behalten. Doch dafür müsste er zu dem Loch zurückkehren und erneut hineingreifen. Stirnrunzelnd erinnerte er sich daran, wie er mit seiner Mom seine aufgebahrte Oma besucht hatte. Wie seine Mom ihren Blumenstrauß in die andere Hand genommen, den Arm um ihn gelegt und ihm versichert hatte, tote Menschen könnten einem nichts tun.

Mit zielstrebiger Entschlossenheit, die er in seinen bisher sechzehn Lebensjahren noch auf keinem anderen Gebiet an den Tag gelegt hatte, kehrte Harper zu dem Loch zurück, knipste die flackernde Taschenlampe wieder an und steckte den Kopf mit abgewandtem Blick wieder in das Loch. Er wollte das unheimliche Ding nicht noch mal sehen. Als er den gesuchten Gegenstand entdeckt hatte, machte er den Arm noch länger, bis seine Finger sich um ihn schlossen.

Er richtete sich schwitzend und vor Anstrengung keuchend mit dem kleinen kalten Objekt in der Faust auf, wich zurück und blieb dann sitzen, ohne das schwarze Loch aus den Augen zu lassen. Das mussten Leute erfahren. Die Polizei. Er runzelte die Stirn. Er wollte nicht noch mehr Ärger. Nein, er würde keinem davon erzählen. Niemals. Würde nicht mal Stuey erzählen, dass er dieses Ding gesehen hatte. Er öffnete die Faust und betrachtete das Objekt im schwachen Schein der Taschenlampe. Er wischte etwas Sand ab. Nicht übel. Vielleicht bekam er dafür …

Harper fuhr herum. »Wer ist da?«, flüsterte er und starrte die aufgebrochene Tür an. Das musste Stuey sein, der zurückgekommen war, um sich noch mal umzusehen. Um sich dies zu holen. Er zog den Reißverschluss der Geheimtasche seiner Parka auf, ließ es hineinfallen, verschloss die Tasche wieder und schlug mit der flachen Hand leicht von außen auf den Stoff. Jetzt wieder zuversichtlich, rief er lauter als zuvor: »Wie steht’s also damit? Bleibt’s beim Gemeindezentrum, ja?«

Demolierte Türangeln quietschten, als feuchter Nebel und kalte Luft hereinkrochen. Er rappelte sich mit ängstlich geweiteten Augen auf, begann zurückzuweichen und hörte eine Stimme, die er kaum als seine erkannte; ein zitterndes Tremolo am Rande der Panik. »Ich hab nichts getan …«

In den folgenden Minuten flatterten Vogelschwingen, und der Nebel, die Bäume und das stille, dunkle Wasser verschluckten alle Geräusche aus dem Haus am See.

2

»Bei Fuß, Jungs!« Der Mann in der Barbour-Jacke schnalzte mit der Zunge und hängte sich die aus Leder geflochtenen Hundeleinen über den Arm, um in die Hände klatschen zu können. Aber er hörte weiter nur gedämpftes Bellen. Wo zum Teufel steckten sie? Er zog den linken Ärmel zurück, um auf seine Armbanduhr sehen zu können: 6.50 Uhr. Dienstags gab es im Büro immer viel Arbeit. Um rechtzeitig dort sein zu können, musste er das Haus spätestens um 8.30 Uhr verlassen, nachdem er geduscht und gefrühstückt hatte. Er suchte die nähere Umgebung ab, wobei seine Augen in der beißenden Kälte tränten. Zunehmend irritiert ging er in die Richtung weiter, aus der das Bellen zu hören war, und rief wieder: »Barney! Zac! Bei Fuß! Sofort!«

Er erreichte den See, an dem er sie zu sehen befürchtete, und hoffte, dass sie nicht hineingegangen waren. Er hatte wirklich keine Zeit, sie abzutrocknen. Aber im Wasser waren sie nicht. Auch sonst waren sie nirgends zu sehen. Er hörte genauer hin. Das Bellen kam aus dem etwas erhöht stehenden Holzhaus auf dem jenseitigen Seeufer. Während er in raschem Tempo darauf zuhielt, fragte er sich, wie sie’s geschafft hatten, dort reinzukommen. Als er näherkam, begutachtete er die Tür und stellte fest, dass ein Flügel halb offen stand und beide beschädigt waren. Dann stieg er die wenigen Stufen hinauf und drückte gegen den halb geöffneten Türflügel, der nicht gleich aufging. Er musste noch mal kräftig drücken, um eintreten zu können.

Barney und Zac, die jetzt nicht mehr kläfften, standen mit zitternden Körpern, heraushängenden Zungen und hochgereckten Schwänzen fast an der Rückwand des Raums. Als er auf sie zuging, sah er, dass sie mit den Vorderpfoten kleine Sprünge machten. Er kannte dieses Verhalten, wusste genau, was es bedeutete: extreme Frustration. »Bei Fuß, Jungs. Los jetzt!« Sie blieben, wo sie waren. Er ließ sich auf ein Knie nieder, tätschelte Zacs Schultern und Barneys Flanke. »He, he, was ist los mit euch? Was regt euch so auf?«

Sein Blick fiel auf den Holzfußboden unmittelbar vor ihnen, aus dem ein Stück fehlte. Er vermutete, dass die Hunde es durch ihr frustriertes Scharren gelockert hatten, sodass es in den Hohlraum darunter gefallen war. Weil seine Neugier geweckt war, beugte er sich nach vorn, um das Loch näher zu betrachten, und die Hunde wurden noch aufgeregter, als ein weiteres Stück Fußboden verschwand. Er schob zwei Finger unter ein hochstehendes Brett und zog es zur Seite, während die Hunde jaulend um seine Beine strichen.

Er starrte in die kleine Öffnung, ohne im Dunkel darunter etwas erkennen zu können. Dann richtete er sich auf, griff in eine Tasche der Barbour-Jacke, zog eine Taschenlampe heraus und beugte sich wieder nach vorn, um in den Hohlraum zu leuchten. Er brauchte einige Sekunden, um zu verarbeiten, was er sah, während die Hunde winselten und jaulten. »Ruhig … ganz ruhig, ihr beiden. Alles … okay … okay«, sagte er beschwichtigend, obwohl er recht gut wusste, dass das nicht stimmte.

Nachdem er tief durchgeatmet hatte, schaltete er die Taschenlampe aus und tauschte sie gegen sein Handy. Die Notrufzentrale meldete sich fast augenblicklich. »Notruf. Welchen Dienst brauchen Sie?«

»Hallo?«

»Notruf. Welchen Dienst brauchen Sie?«

Er brachte die Hunde zum Schweigen, fuhr sich mit dem Handrücken über seine feuchte Stirn. »Als Notfall würde ich’s nicht direkt bezeichnen …«

Die Stimme der Polizeibeamtin klang müde, aber nachdrücklich. »Weswegen rufen Sie an, Sir?«

»Meine Hunde …« Er spürte Ungeduld am anderen Ende, stellte sich vor, wie die Polizeibeamtin die Lippen zusammenpresste. Sie hatte es vermutlich satt, dass Leute anriefen, um Hilfe wegen einer auf einem Baum sitzenden Katze anzufordern. »Sie haben … ich denke … ich denke …, sie haben eine Leiche gefunden.«

Die krachend auffliegende Tür, als Chief Superintendent Ganders beträchtliche Masse hereingestürmt kam, sicherte ihm die sofortige und ungeteilte Aufmerksamkeit von Detective Sergeant Bernard Watts. Bernies buschige Augenbrauen gingen unter ergrauendem Haar nach oben, als er zu seinem Kollegen Lieutenant Joe Corrigan hinübersah, der aus Boston, Massachusetts, in die als Rose Road bekannte Zentrale der West Midlands Police abkommandiert war.

»Wo ist Kate?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach Gander weiter: »Im Woodgate Country Park ist ein Toter aufgefunden worden. In der Nähe des Sees.«

Bernie musterte Gander prüfend. »Ist das ein Fall für uns? Für die KUF?«

»Ersten Berichten nach liegt sie schon länger dort. Sie könnte mit einem halben Dutzend kalter Fälle aus früheren Jahren zu tun haben. Sehen Sie zu, dass Sie schleunigst hinkommen. Pathologie und Spurensicherer sind schon dort. Lassen Sie sich von denen erzählen, was sie schon wissen.« Er war wieder in Bewegung, drehte sich aber überraschend leichtfüßig noch mal um und hob den Zeigefinger, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Rufen Sie Kate an. Hat sie Zeit, möchte ich sie ebenfalls dort haben.«

Bernie griff nach dem Telefonhörer, als der massige Körper des Chiefs durch die Tür verschwand.

Kate Hanson saß an diesem ersten Tag des neuen Trimesters im neuen Jahr in tiefem Wasser. Der leichte Rauch einer in der Nähe brennenden Duftkerze mischte sich in Dampfschwaden, die zu dem summenden Lüfter an der Decke aufstiegen. Bis zu den Schultern eingetaucht, ihr volles dunkelrotes Haar auf dem Kopf zusammengefasst, hob sie den Badeschwamm und beobachtete das hypnotisierend herausplätschernde Wasser, während sie plötzlich wieder daran denken musste, wie ihr Exmann sie am Heiligabend spätabends angerufen hatte. Kevin hatte sich mit Arbeitsüberlastung und einer bevorstehenden Parisreise entschuldigt und Kate gebeten, Maisie in seinem Auftrag ein Geldgeschenk zu machen. Während im Hintergrund Flughafendurchsagen und leises Frauenlachen zu hören gewesen waren, hatte sie seufzend aufgelegt, Geld aus ihrer Handtasche geholt, eine Karte herausgesucht, Grüße aufgeschrieben und seine Unterschrift gefälscht und alles in einen Umschlag gesteckt, auf den sie den Namen ihrer Tochter geschrieben hatte.

Kate ließ den Schwamm ins Wasser zurückfallen, atmete tief durch und konzentrierte sich auf den kommenden Tag: es würde ein durch Verwaltungsarbeit abgefedertes sanftes Hineingleiten ins neue Studienjahr an der Universität werden. Die erste Vorlesung hatte sie erst … Entspann dich. Neues Jahr, neues Ich … Alle meine Verantwortlichkeiten sind gut durchorganisiert …

Ein dringend klingendes Klopfen an die Badezimmertür unterbrach ihre Gedanken, und eine dieser Verantwortlichkeiten sprach. »Mom?«

… Alles gut durchorganisiert, und zum Teufel mit Kevin und seiner …

»Mom!«

Kate setzte sich auf und schickte eine Bugwelle aus Wasser ans Ende der Wanne, wo sie über den Rand schwappte. »Schrei nicht so, Maisie.«

»Telefon! Für dich.«

Sie sank ins warme Wasser zurück. »Dafür ist’s noch zu früh. Wer anruft, möchte bitte noch einmal anrufen.«

»Bernie ruft an. Er will dich sprechen. Er sagt, dass es wichtig ist.« Kate hörte rasch weglaufende Schritte.

»Verdammt …« Kate stand auf und angelte nach dem Badetuch. Sie wickelte es um sich und schlüpfte in die rosa Pantoffeln, die Maisie ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Dann zog sie die Tür auf, ging über den Flur und die Treppe hinunter und griff nach dem Hörer neben dem Telefon. »Was?«

»Fröhliches neues Jahr, Doc!«

»Gleichfalls. Was willst du?«

»Hast du heute Morgen schon was vor?« Sie hielt das Badetuch an sich gepresst und bekam eine Gänsehaut an ihren nackten Schultern und Armen, während sie die Treppe hinaufsah. »Corrigan und ich fahren zu einem Fundort hinaus. Goosey will, dass wir ihn uns zu dritt ansehen.«

Kate befand sich sofort im Alarmzustand. »Gut, ich komme. Wo liegt er? Was …«

»Am See im Woodgate Country Park. Kennst du den?«

»Ich finde ihn. Was weißt du bisher?«

»Nur dass Goosey sagt, dass es sich um einen kalten Fall handeln dürfte.«

Wieder oben im Bad massierte sie rasch Feuchtigkeitscreme ein, vor allem an der verheilenden zehn Zentimeter langen Schnittwunde am Oberschenkel – ein Andenken an zu engen Kontakt mit Bandstacheldraht bei Ermittlungen zu dem letzten Fall der Kommission für ungeklärte Fälle. Die Narbe reagierte mit einem Stechen. Nachdem sie versucht hatte, ihre rote Mähne mit einem weiten Kamm zu bändigen, gab sie auf und fasste die schwere Masse mit einem Haarband zusammen. Sie hastete in ihr Schlafzimmer, holte eine warme Tweedhose und einen Mantel aus dem Schrank und wurde dabei auf ruhelose Bewegungen auf dem Treppenabsatz aufmerksam. »Maisie?« Weil sie sich an Bernies Beschreibung des Fundorts erinnerte, steckte sie ihre Lederstiefel in eine Tragetüte und zog glänzend schwarze Hunters an. »Maisie!«

Maisie hockte im Schlafanzug mit untergeschlagenen Beinen auf der niedrigen Holzkommode im Flur, hielt eine Schale mit Cornflakes in den Händen, hatte die Ohrhörer ihres iPods eingesteckt und nickte unter dichten dunkelroten Locken mit dem Kopf. Kate zog ihr die Ohrhörer heraus.

»Hey! Oh.«

»Ich hab’s eilig, und du solltest längst angezogen sein.«

»Wie kann ich denn, wenn ich dauernd rumrennen und deine Telefongespräche entgegennehmen muss und …«

Kate zeigte auf Maisies Tür, während sie selbst zur Treppe ging. »Ich rufe Chelseys Mutter an und sage ihr, dass wir in … spätestens sieben Minuten bei ihr sind.« Maisie spähte durch die gedrechselten Stäbe, die das Treppengeländer trugen, und beobachtete, wie ihre Mutter die Treppe hinabhastete. Als sie die Schale auf den Boden stellte und in ihrem Zimmer verschwand, schoss Mugger über den Treppenabsatz und nutzte die Gelegenheit, um die Milch aufzuschlabbern.

Nach zehn Minuten Fahrt unterhielten Maisie und Chelsey sich in dem kleinen Wagen so laut quietschend, dass Kates Kopfhaut sich nervös zusammenzog. Sie sah rasch zu Maisies Freundin auf dem Beifahrersitz hinüber – mit ihrem makellosen Teint ein Bild blühender Gesundheit. Letztes Jahr hätte die Sache schlimm ausgehen können, als Chelsey von dem Mann entführt worden war, den Kate und ihre Kollegen von der Kommission für ungeklärte Fälle gejagt hatten. Harry Creed.

Sie sah wieder nach vorn. Blieb der Verkehr flüssig, konnte sie in zwanzig Minuten bei ihren Kollegen sein. Während sie sich auf die Straße konzentrierte, dachte sie an Detective Sergeant Bernard Watts, einen gebürtigen Birminghamer. Er war groß und schwer und sprach so direkt, wie er dachte. Oft allzu direkt. Als aus dem Süden stammende Akademikerin hatte Kate ihn anfangs für ein regelrechtes Großmaul und einen politisch inkorrekten Albtraum gehalten. Inzwischen kannte sie seine Stärken als erfahrener Kriminalbeamter und seine Loyalität, obwohl Bernies Widerstand gegen psychologische Theorien sie noch immer ärgerte.

Kate setzte die beiden Mädchen direkt vor dem Schuleingang ab, bevor sie wieder auf die Edgbaston Park Road hinausfuhr. Als sie am Haupttor der Universität – ihrem gewöhnlichen Ziel – vorbeikam, war sie in Gedanken bei Lieutenant Joe Corrigan. Seine Hauptrolle in der Rose Road war die eines Schießausbilders – ein schlagender Beweis dafür, wie sehr britische Polizeiarbeit sich im letzten Jahrzehnt verändert hatte. Er war so groß wie Bernie, aber sportlich schlank, schwarzhaarig und Anfang vierzig. Joe Corrigan. Sein Name war fast ein Synonym für Ruhe. Kate musste unwillkürlich lachen. Ruhig hatten die in der Rose Road beschäftigten Frauen nicht gerade reagiert, als er erstmals dort aufgekreuzt war.

Der Verkehr stockte, und sie trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad, als sie das Navi einschaltete und mit klarer, deutlicher Stimme ihr Fahrtziel nannte: »Woodgate Country Park.«

3

Kate fuhr auf den Behelfsparkplatz und fand eine Lücke neben dem Range Rover, der zwischen mehreren Polizeifahrzeugen stand, zu denen auch ein schwarzer Kombi mit getönten Scheiben gehörte. Während sie den Motor abstellte, begutachtete sie das sanft vor ihr abfallende Gelände. Durch die leichten Nebelschwaden, die den See teilweise verdeckten, bewegten sich Gestalten in weißen Schutzanzügen. Im Zentrum ihrer methodischen Arbeit stand ein niedriges dunkelgrünes Holzhaus unter kahlen Laubbäumen und dichten Nadelbäumen auf einer kleinen Anhöhe über dem See.

Beim Aussteigen hörte sie nicht nur Stimmen, ohne verstehen zu können, was sie sagten, sondern auch ein stetes Rauschen: den Lärm des dichten Berufsverkehrs auf der in der Nähe vorbeiführenden Autobahn M5. Als sie den Rand des Parkplatzes erreichte, sah sie etwas tiefer unter sich Bernies breiten Rücken, den seine Daunenjacke noch massiver wirken ließ als sonst. Er ging neben dem großen schwarzhaarigen Amerikaner in dem blauen Mantel her. Sie machte sich an den Abstieg.

»Verdammt, ist das heute kalt!« Bernie Watts, der die Hände tief in den Jackentaschen vergraben hatte, stieß beim Reden kleine Atemdampfwolken aus. Er nickte zu der zierlichen Gestalt in einem weißen Schutzanzug hinüber, die gerade hinter der offenen Tür des kleinen Holzhauses sichtbar wurde. »Hoffentlich hat Connie ihre Thermounterwäsche an.« Er sah sich um, weil er Schritte gehört zu haben glaubte. »Da kommt Kate.« Auch Joe sah sich beim Weitergehen kurz um. Als sie die zur Haustür hinaufführenden Stufen erreichten, winkte die Gestalt im Haus ihnen mit einer in einem blauen Latexhandschuh steckenden Hand zu. »Dürfen wir reinkommen?«, fragte Bernie, wobei er sich mit einer Hand übers Haar fuhr – besonders dort, wo es dazu neigte, widerspenstig vom Kopf abzustehen.

Die aus Hongkong stammende Pathologin nickte ihm zu. »Kommt nur rein. Die Spurensicherer sind mit der näheren Umgebung fertig.« Sie traten ein, wobei sie die Arme verschränkten, um versehentliche Kontakte zu vermeiden, und blieben bei Dr. Connie Chong stehen, die vor einem großen Loch im Holzboden kniete. Alle drei sahen hinein, während sie sprach. »Ein Mann, der mit seinen Hunden unterwegs war, hat diesen Fund heute Morgen gemeldet. Ah, da ist eure forensische Psychologin. Hi, Katie.«

Kate kam herein, erwiderte Connies Gruß mit einem Winken und nickte ihren beiden Kollegen zu. Sie sah, wie Joes Blick nach unten ging, und sah ihn über ihre in Gummistiefeln steckende Hose grinsen. »Hoffentlich habe ich nichts verpasst.«

»Ich wollte gerade anfangen«, sagte die Pathologin. »Gegen halb sieben war hier ein Mann mit seinen Hunden unterwegs. Aus seiner kurzen Aussage, die Police Constable Whittaker zu Protokoll genommen hat, geht hervor, dass die Tür schon aufgebrochen war, sodass die nicht angeleinten Hunde ins Haus konnten.« Ihre ausgestreckten Hände zeigten auf den Mittelbereich des großen Lochs. »Die Hunde haben hier gescharrt und waren nicht wegzubringen. Also ist er reingekommen, um selbst nachzusehen. Der Fußboden war mehr oder weniger intakt – bis auf ein kleines Stück, das die Hunde losgekratzt hatten und das ich heraufgeholt habe, zusammen mit einem weiteren Stück.« Sie deutete in das Loch. »Der Hundehalter war neugierig genug, wissen zu wollen, weshalb die Hunde so aufgeregt waren. Also hat er das Loch vergrößert, und weil er als vernünftiger Mann eine Taschenlampe dabeihatte, konnte er hineinleuchten. Dabei hat er genug gesehen, um die Notrufnummer zu wählen.« Sie ging in die Hocke und sah zu ihnen auf. »Als ich um halb acht mit den Spurensicherern angekommen bin, haben wir weitere Bretter entfernt und …« Sie griff nach einer Schachtel und hielt sie ihnen hin. »Wenn ihr die hier anzieht, zeige ich euch, was er gesehen hat.«

Nachdem die drei sich blaue Latexhandschuhe übergestreift hatten, kauerten sie am Rand des Lochs und machten lange Hälse, während Connie einen fahrbaren Scheinwerfer heranzog und einschaltete. Ihre Augen brauchten eine Sekunde, um sich an das helle Licht zu gewöhnen.

Bernie wich unwillkürlich etwas zurück. »Verdammt!«, sagte er zum zweiten Mal an diesem Morgen.

Kate, die sich auf die Hände stützte, brachte den Oberkörper näher an das Loch heran. Der schreckliche Anblick, der sich ihr bot, ließ auch sie zurückweichen. Sie begegnete Joes Blick, als auch dieser sich aufrichtete, und sah, dass er den Kopf schüttelte.

Connie sprach weiter. »Schrecklich, ja. Und mitleiderregend.« Die Pathologin sah einem nach dem anderen direkt ins Gesicht. »Seit wann er dort liegt, lässt sich noch nicht abschätzen, aber jedem dürfte klar sein, dass das länger her sein muss.« Ihr Blick ging wieder in das Loch. »Genaueres lässt sich erst sagen, wenn wir ihn in der Rose Road haben, aber ich tippe auf jung und männlich.«

Die drei schwiegen betroffen. Kate beobachtete, wie Bernie mit gegen die Kälte hochgezogenen schweren Schultern aufstand, um den Rest des Fußbodens in Augenschein zu nehmen. Auch Joe stand auf, um die beschädigte Tür, die Kate beim Hereinkommen aufgefallen war, zu begutachten.

Als sie zurückkamen, sprach Connie weiter. »Was kann ich euch noch sagen? Ah, richtig – die Sache mit dem Fußboden. Der ist sehr interessant. Möchtet ihr wissen, weshalb?« Alle drei nickten. »Ich vermute, dass die Dielen schon vor dem heutigen Besuch des Hundebesitzers herausgerissen, aber wieder eingesetzt worden sind. Ich behaupte sogar, dass das erst vor Kurzem, wahrscheinlich erst vor wenigen Tagen passiert ist. Jemand hat sie herausgebrochen und anschließend wie die Teile eines Puzzlespiels wieder zusammengesetzt. Und so haben die Hunde und ihr Besitzer sie heute Morgen vorgefunden.«

Kate hob den Kopf und sah zu der Pathologin hinüber. »Moment. Du meinst, dass in letzter Zeit jemand hier drinnen war und diesen Teil des Fußbodens herausgerissen und dann wieder eingesetzt hat?«

»Ja, das vermute ich. Seht euch die Dielen mal selbst an.« Sie nickte zu den sauber aufgestapelten Brettern unterschiedlicher Länge hinüber.

Sie traten darauf zu. Kate griff nach einem Brett und fuhr mit den Fingern über die Bruchstellen, bevor sie es auf den Stapel zurücklegte und wieder Connie ansah. »Was wir … dort unten gesehen haben. Es liegt seit Jahren dort?«

»Bestimmt.«

»Hast du eine Idee, wie lange?«, fragte Bernie.

»Ich wusste, dass du nachbohren würdest«, sagte sie kopfschüttelnd. »Nein. Nicht die Geringste.«

Kates ganze Aufmerksamkeit galt den Fußbodendielen, die sie stirnrunzelnd betrachtete. »Ich versuche, mir vorzustellen – anhand deiner Erklärungen und allem, was wir sehen –, was sich hier abgespielt haben muss.« Sie streckte die Arme aus. »Du sagst also, dass der Fußboden in diesem gesamten Bereich vor unbestimmt langer Zeit aufgerissen worden ist, damit jemand es – ihn – dort unten verstecken konnte? Anschließend ist der Fußboden wiederhergestellt worden und hat jahrelang dagelegen – bis er vor einigen Tagen erneut aufgerissen und wieder zusammengesetzt wurde. Und heute Morgen haben die Hunde hier angeschlagen und alles noch mal in Gang gesetzt.« Kate machte einige kleine Schritte auf das Loch zu. »Und nun sind wir hier.«

Die Pathologin sah zu ihr auf. »Das ist eine ziemlich gute Zusammenfassung.«

Kate ging am Rand des Lochs auf und ab. »Weshalb sollte der Täter, der die Leiche hier versteckt hat, erst vor wenigen Tagen zurückgekommen sein und den Boden erneut aufgerissen haben?«

Bernie schüttelte den Kopf. »Wer sagt, dass es die gleiche Person gewesen sein muss?«

»Weshalb sonst hätte sich jemand die Mühe machen sollen, den Boden so zu rekonstruieren, dass niemand die Leiche dort unten finden kann?«

Das trug ihr einen aufgebrachten Blick ein. »Wer den Fußboden aufgerissen hat, hat wahrscheinlich nichts mit dem zu tun, was wir eben gesehen haben. Das war vermutlich nur der übliche hirnlose Vandalismus.«

Kate sah ihn an. »Und dein ›hirnloser‹ Vandale ist ein Ordnungsfanatiker?« Sie beobachtete, wie Bernie die Augen verdrehte, und schüttelte den Kopf. »Vandalismus ist vor allem eine Jugendstraftat. Ich bezweifle, dass ein jugendlicher Gelegenheitsvandale die Geduld oder die Motivation besäße, diesen Fußboden wieder zusammenzusetzen.«

Er verzog das Gesicht. »Du analysierst alles ein bisschen schnell, Doc, selbst für deine Verhältnisse. Was hältst du davon, noch etwas zu warten, bis wir mehr über diesen Fund wissen, bevor du mit den Theorien anfängst?«

Sie erwiderte seinen Blick unerschrocken. »Aber für die KUFist dies der nächste Fall?«

»Das schließe ich daraus, was Goosey heute Morgen gesagt hat – und wie dringend er es gesagt hat.«

Connie sah amüsiert lächelnd zu ihnen auf. »Ich finde euren Arbeitseifer lobenswert, aber vorläufig ist dies noch mein Fall. Als Nächstes muss dieses Loch im Fußboden vergrößert werden, damit wir besser an den Fund herankommen.« Alle vier sahen sich um, als hinter ihnen Schritte zu hören waren. »Und da kommt die Spurensicherung, um mir zu helfen.« Sie lehnte sich in Richtung Tür. »Guten Morgen, Adam! Kommen Sie nur rein.«

Adam Jamison, der stets ernste Leiter der Spurensicherung in der Rose Road, kam herein, nickte allen zu, bevor er sich an Connie wandte. »Wie groß soll das Loch werden?«

Connie verzog kurz das Gesicht, als sie aufstand. »Niemand warnt einen davor, wie sehr Pathologie auf die Knie gehen kann. Lassen Sie mir einen Augenblick Zeit, dann markiere ich den Bereich.« Sie griff in einen Gerätekoffer aus Aluminium, holte eine Rolle neongelb und schwarz gestreiftes Klebeband heraus und machte sich an die Arbeit, indem sie das Band mit einer behandschuhten Hand auf dem Holzboden festdrückte.

Adam beobachtete sie bei der Arbeit, dann nickte er. »Also gut, ich sage meinen Leuten Bescheid. Und Sie fotografieren bestimmt alles, bevor wir den Fußboden aufreißen?«

Connie, die sich ganz auf ihre Arbeit konzentrierte, nickte wortlos.

»Ich hole die Kamera und den Aufnahmeplan.«

Joe hatte während des Gesprächs in das Loch gestarrt. Jetzt wandte er sich an Connie. »Dort unten liegt noch was. Sieht wie eine kleine Taschenlampe aus.«

»Genau das ist es, Joseph.«

Er trat einen Schritt zur Seite, um Kate in das Loch sehen zu lassen. »Gleich dort drüben. Siehst du sie?«

Kate stand so dicht neben ihm, dass sie eine angenehme Mischung aus guter Seife und dezentem Rasierwasser riechen konnte. Sie suchte den Boden des Lochs ab, bis sie einen kleinen Zylinder entdeckt hatte, und sah dann zu ihm auf. »Hat der Täter sie fallen lassen?« Als Joe nur mit den Schultern zuckte, betrachtete sie nochmals die sterblichen Überreste, wobei sie auf ein winziges, gut beleuchtetes, herzzerreißendes Detail aufmerksam wurde: dunkle, leicht geschwungene Wimpern. Sie richtete sich auf, trat mit um den Oberkörper geschlungenen Armen an die Tür und sah über den See hinaus. Hatte ihn einst jemand geliebt? Trauerte jemand noch immer um ihn? Sie seufzte. Konzentrier dich auf deine Arbeit.

Sie wandte sich von der Tür ab, ging zu den aufgestapelten Fußbodenbrettern zurück und machte sich daran, sie nochmals zu untersuchen. Während sie vor dem Stapel kniete, nahm sie jedes Stück einzeln in die Hand und untersuchte die Bruchstellen, um zu sehen, wie die Teile zusammengehörten. Nach einigen Minuten stand sie auf und klopfte die Knie ihrer Hose ab. »Meine Hypothese lautet, dass derjenige, der den Fußboden vor ein paar Tagen aufgerissen und wieder verschlossen hat, schon wusste, was darunter lag – und sicherstellen wollte, dass es versteckt bleibt.«

Bernie sah auf sie hinab und rieb sich das Kinn. »Ich tippe weiter auf einen gewöhnlichen Idioten, der sich hier austoben wollte und nach diesem Fund schleunigst verpisst hat.«

Kate schüttelte den Kopf. »Er hat sich nicht ›verpisst‹. Er ist dageblieben und hat sich die Zeit genommen, den Fußboden wieder zusammenzubauen, um das Aufreißen zu tarnen. Weshalb sollte er das tun, wenn er nicht derjenige war, der die Leiche ursprünglich versteckt hatte?« Sie ging am Rand des Lochs auf und ab, sprach mit leiser Stimme weiter. »Um ein Puzzle aus zersplitterten Holzstücken zu komplettieren, braucht man bestimmte Voraussetzungen: räumliches Denken, gutes Vorstellungsvermögen und geschickte Hände.« Sie sah erst Bernie, dann Joe an. »Jemand, der geduldig und methodisch vorgeht und manuell begabt ist.«

Sie drehten sich um, als sie Schritte auf der Treppe hörten, und sahen Igor, Connies Pathologieassistenten, einen großen Metallbehälter hereinschleppen. Sein langes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, sein breites Gesicht vor Anstrengung gerötet.

Bernie konzentrierte sich wieder auf Connie, die jetzt auf dem Bauch liegend die Leiche inspizierte. Er ging neben ihr in die Hocke. »Wann weißt du mehr?«

Sie streckte eine Hand nach der Kamera aus, die Igor ihr hinhielt. »Meiner Erfahrung nach schlägt der Arbeitseifer der KUF immer in Aufdringlichkeit um. Im Augenblick muss ich festhalten, was wir dort unten haben, und mir dann überlegen, wie die Bergung ablaufen soll. Sobald ich mehr weiß, rufe ich dich an.«

Die drei verließen das Holzhaus und gingen zu ihren Autos hinauf. Bernie, der kaum genug Luft bekam, sprach abgehackt. »Was glaubst du, Corrigan … wie weit müssen wir zurückgehen … wenn wir uns die Vermisstenmeldungen der letzten Jahre ansehen? Fünf, sechs Jahre?«

»Nach allem, was wir gesehen haben, tippe ich auf zehn«, warf Kate ein.

Joe wandte sich ihr lächelnd zu. »Na, wie ist das Leben zu dir, Red?«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Kaum anders als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Viel Arbeit. Aber das gefällt mir. Als Bernie heute Morgen angerufen hat, war ich gerade dabei, Neujahrsvorsätze in Bezug auf Leben und Arbeit zu fassen.«

Bernie musterte sie erstaunt. »Was, vor dem Frühstück?«

Kate starrte den Boden vor ihren Stiefeln an. »Und jetzt gibt es Leute, die dieser Fund betrifft, ohne dass sie ahnen, welche schlechten Nachrichten ihnen bevorstehen.«

Bernie schüttelte den Kopf. »Wenn du mich fragst, Doc, sind das viel zu tiefsinnige Gedanken so früh am Morgen.«

4

Kates Audi rollte in weitem Bogen über den Chancellor’s Court, fuhr an der wuchtigen Klinkerfassade des Aston Webb Buildings vorbei und erreichte sein Ziel: die reservierten Parkplätze vor der Psychologischen Fakultät. Sie stieg mit ihrem Aktenkoffer in der Hand aus, sperrte den Wagen ab und hastete die Treppe hinauf. In der riesigen Eingangshalle erwiderte sie die Grüße einiger Studenten, die schon früh da waren, und fuhr in den zweiten Stock hinauf. Ein weiterer kalter Fall. Als sie die Tür ihres Büros öffnete, brannte sie schon darauf, ihren Terminkalender einzusehen, um Zeiten zu identifizieren, in denen sie bei den Ermittlungen mitwirken konnte …

Sie blieb erstaunt stehen. Die Schreibtischlampe brannte schon, und ein glühendes Halogenheizgerät, das sich von einer Seite zur anderen drehte, hatte den Raum mit der hohen Decke bereits gemütlich erwärmt. Sie trat langsam ein, ließ ihre Habseligkeiten auf den alten Sessel fallen, öffnete ihren Aktenkoffer und nahm zwei Päckchen Magermilch heraus. Sie ging um den riesigen Schreibtisch herum, öffnete das Fenster mit Bleiverglasung und stellte die Päckchen auf die schmale äußere Fensterbank. »Hallo, Jungs«, sagte sie zu den beiden grotesken Wasserspeiern, die dort mit aufgerissenen Mündern zähnefletschend hockten.

Kate schloss das Fenster schnell, bevor noch mehr kalte Luft hereinströmen konnte, und als sie sich dann umdrehte, sah sie an der Verbindungstür ins Vorzimmer eine schlanke junge Frau mit blonder Punkerfrisur und knallroten Lippen und Fingernägeln stehen, die ganz in Schwarz – Top, Minirock, Strumpfhose und Stiefel – gekleidet war.

»Dr. Hanson?« Kate nickte. »Crystal Devine.«

Kate kniff die Augen zusammen. »Aber natürlich! Die Personalstelle hat mir gesagt, dass Sie im neuen Jahr anfangen würden.« Der Vizekanzler hatte ihr in einem Memo mitgeteilt, wegen ihrer Doppelbelastung an der Uni und in der Rose Road sei ihr eine Assistentin bewilligt worden. Sie ging mit ausgestreckter Hand auf die junge Frau zu, die einen Kopf größer war als sie selbst. »Tut mir leid, aber ich werde Ihnen heute nicht allzu viel erklären können. Ab Mittag habe ich …«

Crystal nickte. »Ja, ich weiß, Sie haben Tutorien. Anhand der Eintragungsliste an der Tür habe ich eine Namensliste getippt und lasse Anrufe bis halb drei – einschließlich einer halben Stunde Lunch ab ein Uhr – auf meinen Anschluss umlegen. Soweit ich gehört habe, brauchen Sie die Unterlagen der Studenten nicht, aber ich habe sie trotzdem rausgesucht.« Sie strahlte. »Damit Sie sich darin Notizen machen können, während Sie mit ihnen üben.«

Kate starrte sie an. So tüchtig … Und was genau hast du noch über mich gehört? »Danke, Crystal. Das ist sehr hilfreich, aber ich erwarte nicht, dass Sie …«

Die junge Frau lächelte erneut, als sie sich abwandte, um in das kleine Büro nebenan zurückzugehen. »Ach, das waren nur Kleinigkeiten. Sie müssen mir sagen, was Sie sonst noch brauchen. Es ist sicher nicht einfach, als Alleinerziehende Ihre Arbeit hier und bei der Polizei zu bewältigen.« Damit verschwand sie und überließ es Kate, die sich ausspioniert fühlte, den leeren Durchgang anzustarren. Diese verdammte Gerüchteküche!

Kate holte tief Luft, dann ging sie nach nebenan. »Crystal, ich möchte etwas unmissverständlich klarstellen. Hier wird schrecklich viel geklatscht, aber ich kann es nicht leiden, wenn …«

»Logo!« Die Punkerin nickte nachdrücklich. »Keine Sorge, ich weiß, dass meine Arbeit für Sie vertraulich bleiben muss. Darauf können Sie sich verlassen.« Sie sah strahlend zu Kate auf. »Sonst noch was?«

Kate fuhr sich verlegen mit einer Hand durchs Haar. »Nein. Ja. Sollte ein Detective Sergeant Watts oder ein Lieutenant Corrigan anrufen …«

»Stelle ich sie sofort durch.« Die junge Frau nickte mit ernster Miene.

Kate ging in ihr Büro und setzte sich an den Schreibtisch. Sie bemühte sich, nicht mehr an Crystals Kommentare zu denken, als sie damit begann, den Stapel unkorrigierter Hausarbeiten auf ihrem Schreibtisch abzuarbeiten. Ihre neue Assistentin war vielleicht ein bisschen aufdringlich, aber mit ihrer Tüchtigkeit konnte sie sich als ein Geschenk des Himmels erweisen. Besonders wenn das, was Kate und ihre Kollegen an diesem Morgen gesehen hatten, der nächste kalte Fall der KUF werden sollte.

5

Später an diesem Nachmittag saßen Kates Studenten aus dem ersten Studienjahr in einem Halbkreis bei ihr im Büro, während das Halogenheizgerät behagliche Wärme verbreitete. Kate musste dabei an Maslows Bedürfnishierarchie denken. Psychologie aus den Vierzigerjahren, aber in diesem Punkt unbestreitbar wahr: Wer sich behaglich fühlte, konnte sich besser konzentrieren.

Sie saß auf der Kante ihres Schreibtischs und sah in die erwartungsvollen Gesichter. »Im vorigen Trimester haben wir mit unserer Exploration visueller Wahrnehmungen begonnen. Für diejenigen unter Ihnen, die sich der Kriminologie widmen wollen, haben Aussagen von Augenzeugen ihren Wert und ihre Grenzen. Visuelle Eindrücke sind weniger zuverlässig, als wir glauben, weil das menschliche Gedächtnis nun mal keine Festplatte ist. Wir speichern Konstrukte dessen, was wir sehen, reichern sie durch Eigenschaften an, deren Existenz wir vermuten, und werden dabei immer durch unsere jeweiligen Emotionen beeinflusst.«

Sie drehte sich um und griff nach den zur Verteilung bereitliegenden Ausdrucken. »Ich habe hier die wichtigsten Quellen zusammengestellt und einige Fallbeispiele angehängt, die klar illustrieren, welche Schwierigkeiten bei Zeugenaussagen auftreten können.« Kate gab den Packen einem Studenten, der ihn durchreichte, und wartete, bis alle ein Exemplar hatten, bevor sie lebhaft weitersprach. »Nehmen wir das Fallbeispiel auf Seite zwei: Eine Vierzehnjährige wird in Utah nachts aus ihrem Zimmer entführt. Augenzeugin ist ihre im gleichen Zimmer schlafende neunjährige Schwester, die den Täter als Mann zwischen dreißig und vierzig in heller Kleidung und mit Mütze beschreibt. Bei den polizeilichen Ermittlungen zeigte sich, dass der Mann dunkel gekleidet gewesen war, keine Mütze getragen hatte und fast fünfzig war.« Kate betrachtete die stummen Studenten. »Woher diese Diskrepanzen?«

Eine Hand schoss hoch. »Sie war erst neun. Kleine Kinder sind keine verlässlichen Zeugen.«

Kate schüttelte den Kopf. »Kindern fällt es manchmal schwer, das Alter von Erwachsenen richtig zu schätzen, aber viele Untersuchungen haben gezeigt, dass sie so gute Augenzeugen sein können wie Erwachsene.« Sie sah nochmals die Reihe entlang. »Irgendwelche anderen Ideen?«

»Es war Nacht, also kann es nicht allzu viel Licht gegeben haben.«

»Ein gutes Argument.«Sie nickte einem anderen Studenten zu. »Ja?«

»Emotionen, wie Sie vorhin gesagt haben? Die Kleine hatte bestimmt Angst.«

Kate nickte zustimmend. »Starke Emotionen beeinträchtigen die Wahrnehmung. Ja, Ashley?«, sagte sie zu der jungen Frau in der Mitte der Reihe.

»Hat die Polizei sie aufgespürt? Das Mädchen, das entführt worden war?«

Kate nickte. »Entschuldigung, dass ich das nicht deutlich gemacht habe. Ja, sie ist befreit worden – nach monatelangen intensiven Ermittlungen. Eine nützliche Lehre für alle, die später zur Polizei gehen wollen: Als Ermittler darf man nie aufgeben.« Die Studenten wechselten rasche Blicke, weil sie natürlich von Kates Polizeiarbeit wussten.

Sie stand auf, sah ihre Studenten nacheinander an. »Ich habe Ihnen eine Leseliste aufgeschrieben. Sie kennen ja das Motto dieser Einrichtung: Per ardua ad alta. Sehr locker übersetzt heißt das: ›Hängt euch rein.‹ Mit anderen Worten: Fangt an zu lesen.«

Als sie ihre Sachen zusammenpackten, warf Kate einen Blick auf ihren Terminplaner. »Wie ich sehe, habe ich morgen wieder das Vergnügen, mit Ihnen zusammen zu sein. Denken Sie daran, dass diese Vorlesung um 16.30 Uhr beginnt. Ich weiß, ich weiß … aber für den Mangel an Hörsälen kann ich nichts. Das haben Sie davon, dass Sie sich an einer erstklassigen Uni beworben haben. Und seien Sie pünktlich!«

Sie war noch im Büro, als eine Stunde später das Telefon schrillte. Sie nahm den Hörer ab. »Kate Hanson.«

Der Anrufer war Bernie. »Ich bin in der Rose Road. Hättest du zufällig Zeit?«

Sie spürte die Dringlichkeit hinter seiner lockeren Frage. »Ich bin in zwanzig Minuten da.«

Igor quietschte in Gummischuhen über die Fliesen, öffnete die Tür mit der Milchglasscheibe und deutete auf die an der Wand montierten Spender. Kate und ihre Kollegen traten ein und wurden trotz der auf Hochtouren laufenden Lüftung von dem Chemikaliengestank fast übermannt. Mit Gesichtsmasken und Latexhandschuhen näherten sie sich Connie Chong, die einen blassgrünen Overall und ebenfalls Latexhandschuhe trug und mit einem Klarsichtvisier vor dem Gesicht arbeitete. Sie sprach mit gedämpfter Stimme und hatte nur Augen für das, was auf dem Untersuchungstisch vor ihr lag. »Hallo, KUF. Heute kein cleverer junger Psychologiestudent mit dabei?«, fragte sie und meinte damit Julian Devenish, Kates studentischen Helfer, der einst vertrauliche Daten der Universität gehackt hatte und nun kurz davor war, seinen Abschluss zu machen.

»Er ist an der Uni«, antwortete Kate, während Bernie sich unruhig mit einer Hand übers Haar fuhr und es vermied, sich die Gestalt auf dem Untersuchungstisch genauer anzusehen.

Connie musterte sie durch ihr Klarsichtvisier. »Vormittags war hier unten die Hölle los, aber inzwischen sieht’s besser aus: Ich habe einen Assistenten bekommen. Für eine ganze Woche.« Sie deutete mit ihrem Skalpell auf die sterblichen Überreste vor ihnen. »Deshalb konnte ich mich heute auf ihn konzentrieren. Es handelt sich tatsächlich um einen Mann, den ich inzwischen besser kenne. Ich kann euch jetzt sagen, wer er ist – oder vielmehr war – und dass er vor ungefähr zwei Jahrzehnten gestorben ist.«

Kate, die ihre Überraschung nicht verbarg, betrachtete die vertrocknete nussbraune Gestalt, ihre zu einem Urschrei gefletschten Zähne und die dunklen Wimpern, die ihr schon am Vortag aufgefallen waren.

»Ich weiß, was ihr jetzt alle denkt«, fuhr Connie fort. »Wie hat er es bloß geschafft, nach so langer Zeit noch so adrett auszusehen?«

Kate runzelte die Stirn. Als »adrett« hätte sie das, was vor ihnen lag, vielleicht nicht beschrieben.

Connie musterte die Gestalt von Kopf bis Fuß. »Sein guter Zustand ist darauf zurückzuführen, dass er mumifiziert ist. Er hat zwei Jahrzehnte lang auf einer dicken Schicht aus feinem Sand gelegen. Dieser Sand und das gemauerte Fundament des auf einer leichten Anhöhe stehenden Holzhauses haben bewirkt, dass er trocken und relativ warm gelegen hat und vor Tierfraß sicher war. Wollt ihr die ausführliche Tour?« Ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Seine Sehnen sind so getrocknet und geschrumpft, dass er praktischerweise ein fast perfektes Gebiss vorweist. Übrigens ein kleiner Hinweis darauf, dass er jung gestorben ist. Jung genug, um von Zahncreme mit Fluor profitiert zu haben.« Sie nickte zu einem Tisch hinüber, der mit dickem Packpapier belegt war. »Das sind die Überreste seiner Haare. Dunkelbraun. Bis zu fünfunddreißig Zentimeter lang.« Sie deutete auf weitere dort liegende Gegenstände. »Und seine Kleidung. Chucks von Converse, Größe 44, graue Socken. T-Shirt von Nirvana, Aufdruck gut erhalten. Boxershorts von Marks & Spencer, dunkelblau. Jeans, leicht angeschimmelt, aber ich habe der Vollständigkeit halber im Rivet Book nachgeschlagen. Modell Levi’s 501.«

In dem nun folgenden Schweigen konzentrierten alle sich wieder auf die Mumie. »Sonst keine Kleidungsstücke?«, fragte Joe. Die Pathologin schüttelte den Kopf. »Wie hast du ihn identifiziert? Zahnstatus?«

Sie nickte. »Nur sehr wenige junge Erwachsene hatten nie etwas mit dem Zahnarzt zu tun. Unser Junge hat seine Zähne gut gepflegt, aber er hatte trotzdem eine winzige Plombe.« Sie winkte ihre Kollegen näher heran. »Kommt und seht sie euch selbst an.« Joe und Kate traten näher und beugten sich nach vorn, als die Pathologin auf die fast unsichtbare Plombe zeigte. »Ich habe den Zahnstatus von als vermisst Gemeldeten überprüft. Nur ein Treffer, aber mehr brauchen wir nicht.« Connie richtete sich auf und ließ ihren Blick über ihre Kollegen gleiten. »Gestattet mir, euch Herrn Nathan Troy vorzustellen, KUF.« Sie sah von Bernie zu Joe hinüber. »Der Name kommt euch bekannt vor?«

Bernie nickte. »Wir haben die Vermisstenmeldungen nach jungen Männern durchforstet. Sind bis in die Neunzigerjahre zurückgegangen. Auf unserer Liste stehen drei bis vier Namen, seiner ist mit dabei. Wegen seines Verschwindens ist in den letzten Monaten des Jahres 1993 ermittelt worden.«

Sie betrachtete wieder die Mumie. »Hätte er ein Vierteljahr länger gelebt, hätte er seinen zwanzigsten Geburtstag feiern können.«

»Irgendwelche Erkenntnisse über die Todesursache?«, fragte Bernie.

Connie schüttelte kaum merklich ihren Kopf mit der modischen Kurzhaarfrisur. »Bernard.« Der sanfte Tadel brachte etwas Farbe in sein blasses Gesicht zurück. »Und dabei hast du dich so gut beherrscht.« Sie griff nach ihrem Schreibbrett und konzentrierte sich auf die farbig markierten Begriffe. »Dazu kann ich noch nichts Bestimmtes sagen. Bestätigen kann ich nur, was ihr bestimmt schon wisst, dass Nathan Troy im zweiten Studienjahr am Birmingham Institute of Art and Design eingeschrieben war. Genauer gesagt am Woolner College in Bournville.«

Kate blickte auf Nathan Troy hinab. Er war groß gewesen, als er noch lebte. Jung und groß, mit vielversprechender Zukunft. Bis der Tod ihn ereilt und ihm die Zukunft geraubt hatte.

In dem nun folgenden Schweigen zog Connie ein grünes Laken über die sterblichen Überreste, und sie beobachteten, wie Igor zur Tür ging, an die eben jemand geklopft hatte. »Adam will mich über die Ergebnisse seiner Ermittlungen auf dem Laufenden halten. Das ist er vermutlich.«

Adam Jamison kam herein und blieb mit einem A4-Blatt in der Hand in einigem Abstand von dem Untersuchungstisch stehen. »Sorry, ich habe leider nicht viel Zeit. Hier ist, was wir bisher haben: In dem weichen Boden vor der Treppe des Hauses am See waren eine Menge Fußabdrücke zu finden – teils überlappend, teils undeutlich –, aber von einem konnten wir einen vollständigen Abguss machen.« Er nickte Joe grinsend zu. »Ich habe ihn mit den Abdrücken in unserer Datenbank verglichen. Er stammt von einem klassischen Laufschuh: Adidas Originals ZX 750. Größe 45. Das schließt übrigens den Hundehalter aus. Er hat Wanderschuhe getragen. In Größe 44.«

Bernie nickte zu der zugedeckten Gestalt hinüber. »Und die bei ihm gefundene Taschenlampe?«

»Die passt nicht zu den Überresten. Sie ist viel zu modern, höchstens ein paar Jahre alt. Die Batterien tragen das Herstellungsdatum – fast unlesbar klein, aber wir sind dabei, es zu entziffern. Am Lampengehäuse haben wir viele schlechte Fingerabdrücke gefunden, mit denen nichts anzufangen ist, aber wir konnten auch einen winzigen Tropfen Blut isolieren.«

Kate und ihre Kollegen hoben ruckartig den Kopf.

»Wann bekommen wir Ergebnisse?«, fragte Joe.

Adam hob abwehrend die Hände. »Langsam! Bei solch winzigen Spuren ist das nicht so einfach.« Er betrachtete einen nach dem anderen mit mildem Blick. »Ihr wisst hoffentlich, dass ihr ohnehin von Glück sagen könnt, dass wir überhaupt noch hier sind.«

Alle wussten, was er damit meinte. In den letzten Monaten hatte die Kriminaltechnik gewaltige Umwälzungen erlebt, als sie sich von einer Behörde in eine ausgelagerte Privatfirma verwandelt hatte. Mit einer in die Zentrale integrierten Spurensicherung war die Rose Road ihrer Zeit voraus gewesen und hatte sie deshalb trotz aller Veränderungen behalten dürfen.

»Ausnahmsweise stehen wir mal auf der richtigen Seite des ›Fortschritts‹, von dem wir immer hören«, sagte Bernie. »Hast du sonst noch was für uns?«

»Die Spuren auf dem Fußboden haben nichts hergegeben, aber wir haben alle Stadien der Bergung mit Fotos dokumentiert. Wie ihr schon wisst, sind die Fußbodenbretter erst kurz vor der Auffindung der Leiche entfernt und dann wieder eingebaut worden.«

Kate beobachtete, wie Joe sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die Lippen tippte. »Was eine verrückte Kombination aus Impulsivität und Geduld nahelegt?«, sagte sie.

Adam schüttelte lächelnd den Kopf. »Dazu darf ich mich nicht äußern. Meine Spezialität sind die stummen Beweise, die zurückgelassenen Spuren. Ich kümmere mich nicht darum, was die Täter denken oder wie sie sich verhalten, obwohl ich mir vorstellen kann, dass eine KUF-Angehörige dazu bestimmte Ansichten hat.« Er sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu Kate hinüber.

Sie erwiderte sein Lächeln. »Schon möglich.«

Adam hielt seinen Bericht Bernie hin, dann wandte er sich ab und ging zur Tür. »Was die Untersuchung der Blutspur ergeben hat, erfahrt ihr, sowie und falls es Ergebnisse gibt.« Damit verschwand er.

Wenig später gingen auch die drei. Zurück in den Räumen der KUF, brach Joe das kurze Schweigen. »Wir müssen die Originalakten sehen.«

»Und Nathan Troy hat Angehörige, die benachrichtigt werden müssen«, ergänzte Bernie mit einem Blick zu Kate hinüber. »Wann kommt der junge Devenish wieder?«

»Morgen Nachmittag.«

Er stand auf und ging zur Tür. »Dann schicke ich Whittaker in den Keller, damit er die Ermittlungsakten im Fall Troy aus dem Archiv holt.«

Joe drehte sich mit seinem Stuhl nach Kate um, als auch sie aufstand. »Hast du schon eine Idee, wie du die Sache angehen möchtest, Red?«

Sie befreite ihr Haar aus dem Mantelkragen und griff nach Handtasche und Autoschlüsseln. »Klar habe ich eine. Wir müssen möglichst viel über Nathan Troys Leben in Erfahrung bringen, um seinen Tod verstehen zu können. Und was denkst du?«

»Ich möchte wissen, was er dort gemacht hat. Andererseits muss jeder sich irgendwo aufhalten, nicht wahr?«

6

Im gedämpften Licht des kleinen Hörsaals betrachtete Kate die vor ihr sitzenden Studenten im ersten Studienjahr aus all ihren Studiengruppen. 17.30 Uhr und sie war für heute fast fertig. Sie lächelte. »Okay, genug Wahrnehmungstheorie, wie wär’s mit einer kleinen Übung im Nichtsehen?« Sie tippte auf eine Taste des neben ihr stehenden Laptops, damit der Beamer das Gemälde Die Gesandten von Hans Holbein dem Jüngeren auf die riesige Projektionsfläche hinter ihr warf. Kate sah zu den dargestellten beiden jungen Männern auf, zwischen denen ein Regal stand, das zahlreiche Gegenstände enthielt, zu denen auch das Bilderrätsel des Künstlers im Vordergrund gehörte. Nachdem sie es einige Sekunden lang stumm betrachtet hatte, wandte sie sich wieder an ihre Studenten. »Sagen Sie mir, was Sie sehen.«

Nach einigen Sekunden wurden mehrere Hände gehoben. Kate nickte einem hinten sitzenden Studenten zu.

»Zwei reich aussehende Typen. Der Kerl links hat Ähnlichkeit mit Heinrich VIII.«

»Dieses ganze Zeug auf dem Tisch zwischen ihnen – die beiden sind kluge Männer, frühe Wissenschaftler«, schlug sein Nachbar vor.

Eine weitere Stimme kam von rechts außen. »Könnten sie nicht Musiker sein? Oder Forschungsreisende?«

Nach dem ersten halben Dutzend Ideen lenkte Kate die Diskussion in eine bestimmte Richtung, als ihr Laserzeiger den langen, schmalen Gegenstand im Vordergrund bezeichnete. »Und dies hier? Was ist das?«

Nach kurzer Pause wurden weitere Hände gehoben. »Eine Art Schnitzerei?«

Eine andere Stimme: »Nein, das ist eine Muschel.«

»Oder vielleicht … ein Ruder?«

Kate nickte der Studentin zu, die das vorgeschlagen hatte. »Ich verstehe, wie Sie darauf kommen, aber leider stimmt es nicht.«

»Es ist eine Muschel.«

Sie wartete, bis das Stimmengewirr sich gelegt hatte, dann musterte sie die ratlosen Gesichter. »Jedes Gemälde enthält eine Aussage, aber in diesem Fall hat Holbein seine Kunst darauf verwendet, sie zu verstecken. Die Lösung liegt darin, was wir über das ganze Bild wissen.« Als die Mienen ratlos blieben, drückte sie erneut eine Taste, und alle sahen schweigend zu, wie das riesige projizierte Gemälde langsam eine halbe Drehung machte. Kates Laserzeiger beschrieb einen Kreis um das rätselhafte Objekt. »Wir haben das Bild jetzt absichtlich verzerrt. Holbein muss eingerechnet haben, dass das Gemälde – vielleicht neben einer Treppe – schräg gesehen werden würde.« Sie wandte sich wieder ihren Studenten zu. »Verstehen können wir Dinge nur vom richtigen Standpunkt aus. Sehen Sie, wie das ›Ruder‹, die ›Muschel‹ sich verkürzt hat?« Inmitten von aufgeregtem Gemurmel suchte sie den Blick eines bestimmten jungen Mannes. »In was hat Ihr ›Ruder‹ sich verwandelt, James?«

»In einen Totenschädel. Clever.«

Kate machte ein paar Schritte und blieb neben dem Gemälde stehen. »Holbein hat diese Technik nicht nur angewandt, weil er’s konnte. Er hat sie dazu benutzt, seine Botschaft, seine Idee vom Leben zu übermitteln: Auch wenn diese beiden Männer jung und reich sind, ist der Tod doch stets gegenwärtig.« Sie kehrte an den vorderen Rand des Podiums zurück. »So, das war’s für heute. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und allen ein schönes Wochenende.«

Als die Studenten ihre Rucksäcke einpackten und den Hörsaal verließen, klingelte ihr Telefon. »Kate Hanson.«

»Hi, Red«, sagte Joe. »Was machst du gerade?«