Die Kunst des guten Beendens - Katharina Ley - E-Book

Die Kunst des guten Beendens E-Book

Katharina Ley

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Beschreibung

Das Herz will Wachstum und Entwicklung. Dennoch verharren viele Menschen in einer Beziehung, in einer Wohnung, in einer Arbeit, die nicht mehr stimmt und unter der sie leiden. Denn Beenden fällt schwer, erzeugt Gefühle der Angst, Trauer und Schuld. Diese gilt es zu überwinden, damit wir etwas Unerledigtes, eine Aufgabe äußerlich und innerlich gut beenden, vollenden können. Wie positives Beenden gelingen kann, zeigt die erfahrene Psychoanalytikerin einfühlsam und mit vielen Fallbeispielen.

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EPUB

Seitenzahl: 322

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Katharina Ley

Die Kunst des guten Beendens

Wie große Veränderungen gelingen

Kreuz

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© 2008 Verlag Kreuz GmbH

Postfach 80 06 69, 70506 Stuttgart

www.kreuzverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: [rincón]2 medien GmbH

Umschlagbilder: © plainpicture / Onimage (Schaukel);

© diskoscheisze / photocase (Wiese)

Datenkonvertierung eBook: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-7831-8027-5

ISBN (Buch) 978-3-7831-3083-6

Einleitung

In unserer Kultur werden Abschied, Trennung und Beenden oft mit Schmerz, mit Schuld- und Schamgefühlen und mit Trauer assoziiert, also mit Gefühlen, denen man gerne ausweicht. Es geht um das Ende einer Beziehung – zu einem Menschen, zu einer Beschäftigung, zu einer Gewohnheit, zu einem Lebensstil. Auch die eigene Verletzlichkeit und Vergänglichkeit wird damit berührt, selbst der Tod als das endgültige Beenden des irdischen Lebens schwingt mit. Erinnerungen an eigene, nicht selten ganz frühe, kindliche Trennungserfahrungen werden vielleicht geweckt.

Kann man etwas beenden, das einem guttut? Vielleicht sogar das Herz erfreut, dessen Beendigung aber unumgänglich ist? Kann ein Abschied gut sein? Wann macht Beenden Sinn? Und wenn es Sinn macht – unter welchen Bedingungen? Was spielen erlernte Verbote und Unmöglichkeiten für eine Rolle? Was blockiert das Beenden? Was unterstützt es? Wie gestalten wir den Umgang mit Schmerz und Trauer? Ist das Beenden-Können oder eben Nicht-beenden-Können etwas für ältere Menschen oder ist es etwas, das bereits ein Kind oder einen jungen Menschen beschäftigt? Es sind viele wichtige Fragen, die im folgenden Text beantwortet werden sollen.

Es gibt ein positiv erlebtes Beenden. Eine Frau erzählt, dass sie ihre Scheidung als ebenso ehrenwert erlebt habe wie damals die Hochzeit, trotz des Schmerzes und der Trauer. Das Beenden einer Psychoanalyse oder Psychotherapie kann zu einem erhebenden Augenblick im Leben werden: Eine Entwicklung ist vollbracht und ein Mensch ist dadurch mehr er selbst geworden. Ein alter, schwerkranker Lehrer meint, dass der Tod ein Leben beende, jedoch nicht eine Beziehung. Er hatte im Jahr seines Todes seine Familie und seine Freunde zu einer »lebendigen Beerdigung« eingeladen. Alle trugen etwas vor, ein Gedicht, ein Lied, ein paar Worte der Dankbarkeit, der Anerkennung für den Todkranken. Alle weinten und lachten, eben beides. Und der Todkranke konnte erleben, wie ihm nahestehende Menschen noch zu Lebzeiten ihre tiefen Gefühle mitteilen und wie sie gemeinsam erleben konnten, wie viel sie einander bedeuten. Auf seiner Beerdigung wäre es dafür zu spät.1

Im täglichen Leben will vieles immer wieder beendet werden. Die Nacht bzw. Bettruhe wird beendet, damit der neue Tag beginnen kann. Die Dusche, das Frühstück, die Zeitungslektüre werden beendet, weil der Tag ruft. Und dann kommen die Hunderte von Tätigkeiten, die einen Anfang und ein Ende haben, wo begonnen und beendet wird. Das jeweilige Beenden kann übergangen oder wahrgenommen werden. Die Tatsache, dass alltägliches Beginnen und Beenden meist automatisch und unbewusst vor sich geht, verdeckt, dass es Aktivitäten sind. Erst wenn der Alltag Risse bekommt – durch eine Krankheit, eine Bedrohung etc. – werden die Aktivitäten als solche bewusst.

Menschen können große Veränderungen im Leben ganz und gar unterschiedlich erleben. Es gibt das eine Extrem, dass das Beginnen und das Beenden sehr bewusst gestaltet wird. Jemand will etwas Neues erst beginnen, wenn das Bisherige abgeschlossen ist. Das andere Extrem verkörpern Menschen, die nicht bewusst etwas beginnen und abschließen. Das eine läuft ins andere über. Die Energien verteilen sich auf verschiedene Bereiche. Wenn eine Beziehung zu Ende geht, ist die andere bereits im Gang. Und viel alltäglicher noch: Die Küche wird erst aufgeräumt, wenn wieder gekocht wird. Zwischen diesen Extremen liegt die ganze Vielfalt menschlicher Gestaltung oder Vermeidung von Beginnen und von Beenden. Dem Beginnen wird im Leben und in der Literatur mehr Beachtung geschenkt als dem Beenden.

Weshalb Kunst des guten Beendens? Die Kunst setzt Neugier, Phantasie und Kreativität voraus – und sie ist ein Geschenk, eine Gnade. Die Kunst des Beendens widmet sich der Gestaltung der großen Lebensfragen wie Liebe und Tod sowie auch dem Alltäglichen. Es interessiert mich, auf welche Weise Menschen unterschiedlichster Art und Prägung ihrem Leben eine Gestalt geben, also Leben, Liebe und Tod zu ihrem eigenen, unverwechselbaren Dasein formen. Es geht darum, einer Beziehung, einer Handlung, jedem einzelnen Akt eine Form zu geben, damit sie sich runden und vollenden und ihren eigenen, einzigartigen Wert erhalten können. Um diese Einzigartigkeit geht es. Und um die Vielfalt dieser Gestaltgebungen, die – wie das Wasser der Flüsse ins Meer – schließlich als Lebensfluss in den Tod münden.

Um etwas beenden zu können, muss man es zuerst beginnen. Man kann ins Beginnen verliebt sein. Das Beginnen ist ein spannendes Abenteuer, wenn man mit der Angst vor dem Neuen einen guten Umgang finden kann. Etwas beginnen war und ist für mich in meinen sämtlichen Lebensbereichen existentiell wichtig, sei es in Beziehungen, in der Arbeit, im familiären Bereich oder in der Küche. Jemand kennenzulernen, etwas zu entdecken, ein neues Projekt zu beginnen oder ein neues Rezept auszuprobieren: alles ist interessant und äußerst verlockend. Ich lebte in jüngeren Jahren fast ausschließlich nach vorne. Das Leben lag vor mir, ich hatte es bloß zu packen. Wenn ich etwas Neues begann, eine neue Liebesbeziehung, eine neue Arbeit, dann hatte ich in der Regel das Bisherige zu beenden. Ein Beenden war vor allem in Beziehungen oft schmerzhaft und herausfordernd, erforderte Geduld für den Heilungsprozess. Oft war es überstrahlt vom Glanz des Beginnens. Dort lag die Aufmerksamkeit.

»Beenden« wurde für mich mit zunehmendem Älterwerden ein bewusstes Thema. Natürlich war es immer schon präsent gewesen. Ich erlebte Todesfälle, die mir sehr zu schaffen machten, Verluste und Abschiede, die ich lange nicht verwinden konnte. Beenden war dazu da, um dem Gewesenen seinen Wert zu geben, um anzuerkennen, was Teil meines Lebens und jetzt unwiderruflich zu Ende war. Beenden wurde wichtig, um etwas Neues zu beginnen und zu entwickeln. Immer wieder. Auch jetzt noch. Beginnen und beenden sind ebenbürtige Themen. Das dachte ich jedenfalls.

Doch dann ergaben sich beim Schreiben dieses Buches schwer erklärliche Störungen. Die Thematik war mir auf einmal viel zu komplex – und vor allem viel zu negativ. Beendet man denn etwas, was positiv erlebt wird? Wo blieb dabei das Beginnen, das mich mehr faszinierte als das Beenden? Beenden war für mich unabdingbar mit Trauer verbunden. Ich fing an zu recherchieren, stellte Themen zusammen, machte Notizen. Es wollte mir schließlich gar nichts mehr einfallen. Zum Beginnen hätte ich leicht und gern schreiben mögen. War Beenden wirklich mein neues Thema? In den letzten Jahren hatte ich mich mit Versöhnung beschäftigt und mit der Fähigkeit und Notwendigkeit, sich selbst zu lieben. Es wurde mir bewusst, dass es nötig ist, etwas zu Ende zu bringen, um sich versöhnen zu können. Und man kann sich sich selbst erst dann in Liebe zuwenden, wenn die Selbstvorwürfe, die Schuldgefühle, die Ängste und Nöte immer wieder neu beendet werden können. Zum Thema »Beenden« gibt es Synonyme, die den Bedeutungskreis erweitern:

Abschließen: den Kreis schließen, zu einem Abschluss bringen.

Fertigstellen: ein Abschließen, bis zum Ende führen. Auf Schweizerdeutsch sagen wir: »fertiglustig«, ja, vielleicht ist es lustig oder komisch, wenn etwas fertig ist. Oder aber es ist zu Ende mit dem »lustig sein«, wenn es »fertig« ist.

Vollbringen: voll machen, ›voll bringen‹. Voll und bringen deuten auf eine Fülle hin.

Vollenden: Im Vollenden ist wie beim Vollbringen ›voll‹, ›erfüllt sein‹ enthalten. Ebenso, das Ende zu einem vollen, erfüllten Ende zu bringen.

Loslassen: Loslassen ist heute eines der meist gebrauchten Wörter im Bereich des Beendens. Loslassen: Personen, Gefühle, vor allem Wut und Hass. In der Trauer loslassen. Nicht halten, nicht klammern. Loslassen ist eine Phase im Prozess des Beendens. Das Beenden ist umfassender und bewusster, enthält aber das Loslassen als Komponente.

Trennung: sich trennen ist auch ein Beenden. Es kann ein Bruch sein oder eine Vereinbarung. Die Betonung liegt auf dem Resultat, nicht auf dem Prozess.

Aufhören, »ufhöre« (Schweizerdeutsch): Aufhören. Beenden. Vielleicht auch hören auf etwas, das vor dem Beenden unerhört, nicht erhört blieb – das könnte eine Interpretation des Aufhörens sein.

Abbrechen: Ein Abbruch ist eine unvollständige Form von Beenden, jemand steigt aus, bricht ab, will oder kann nicht aktiv beenden, schleicht weg, flüchtet.

Abschied nehmen: Abschied nehmen ist ein langsamer, bewusster Prozess, ähnlich wie das Beenden.

Diese Synonyme sind wichtig, um den Bedeutungshorizont des Beendens zu verstehen. Das »Vollbringen« und »Vollenden« scheint mir auf ein Kunstwerk hinzudeuten, auf etwas, das zum Gelingen führt. Es ist eine Bedeutung, die in der Kunst des Beendens enthalten ist.

Beenden: In den letzten acht Monaten sind fünf nahe Freundinnen von mir an Krebs gestorben. Ich war auf den Beerdigungen, nahm Abschied, trauere immer noch, erinnere mich, vermisse sie und erschaudere, weil sie in einem ähnlichen Alter waren wie ich. Weitere Freunde sind krank. Meine Mutter ist sehr alt und schwach. Ich realisierte, dass das Thema des Abschieds, das in meinem Leben so dominant geworden war, es mir schwermachte, gleichzeitig an diesem Buchthema zu arbeiten. Und dennoch spürte ich die Notwendigkeit, dies zu tun, und zwar mit Achtsamkeit und Hingabe.

Beim längeren Nachdenken über konkrete Menschen und Situationen, die ich kannte, wurde mir bewusst, wie ich tief in die Themen Angst, Trauer, Schuld und Scham einzusteigen hatte, um dem Thema Beenden gerecht zu werden. Es geht um einen Perspektivenwechsel. Das Dunkel, das über dem Beenden zu lasten scheint, kann verwandelt werden. Es gibt kein Dunkel ohne Licht. Und kein Licht ohne Dunkel.

1. Bewahren und halten

Es geht darum, alle Erscheinungen als Spiel zu begreifen.

Dalai Lama

Bevor wir im Leben das Beenden wagen, versuchen wir das Bewahren und Halten zu leben – aus ganz unterschiedlichen Regungen heraus. Dem Bewahren und Halten sollen die nächsten Abschnitte gewidmet sein, wobei das Beenden-Wollen immer auch eine Rolle spielt. Wer als Leserin und Leser unmittelbar ins Thema des Beendens einsteigen möchte, soll dies tun und ins zweite Kapitel Beenden als Prozess einsteigen.

Das Verbotene und das Unmögliche

Darf und kann man eine Beziehung, in der man nicht mehr wachsen kann, beenden? Darf und kann man eine Arbeitsstelle, an der man sich nicht mehr entwickeln kann, aufgeben? Ist es unmöglich, gar verboten?

Von früh an in unserem Leben müssen wir uns mit dem Verbotenen und dem Unmöglichen beschäftigen. Was verboten ist oder unmöglich erscheint, reizt, es weckt Lust und Neugier, macht Angst, stimmt ärgerlich oder deprimiert. Der Umgang mit dem Verbotenen und dem Unmöglichen ist ein Teil in der Entwicklung unserer Identität. Ein Leben lang suchen wir Lösungen für unsere verbotenen Regungen oder unmöglichen Wünsche.

Das Verbotene im Leben eines Menschen bezieht sich auf erste Erfahrungen in der Kindheit: du darfst nicht, das sollst du nicht. Das gehört sich nicht. Das ist verboten, und wenn du es trotzdem tust, dann gibt es eine Strafe.

Natürlich ist das Verbotene grundsätzlich realisierbar. Wir können lügen und stehlen und betrügen. Wir wissen, dass es uns als Kind von den Eltern und Bezugspersonen verboten wurde. Als Erwachsene wird von uns erwartet, dass wir diese Verbote verinnerlicht haben. Doch mit dem Alter erweitert sich unser Handlungsspielraum, es kommen weitere Verbote dazu. Es ist verboten, betrunken Auto zu fahren, in Läden zu stehlen, Drogenhandel zu betreiben und Steuern zu hinterziehen.

Die Verbote sind letztlich entstanden, weil Menschen Triebregungen haben, die das gemeinschaftliche Zusammenleben gefährden. Gewisse Verbote sind sich in verschiedenen Kulturen und Religionen ähnlich: zum Beispiel das Inzesttabu. In unseren Breitengraden sind wir vom christlichen und jüdischen Gedankengut – von den zehn Geboten und der Bergpredigt – geprägt. Es geht darum, ein Verbot nicht zu überschreiten (hassen, morden, ehebrechen etc.) und die Überschreitung, wenn sie stattfindet, zu beenden und entsprechend Reue zu zeigen.

Wenn wir von der Kunst des Beendens sprechen, sollen wir auch über das, was bewahrt und eingehalten werden soll, reden: die Gesundheit, der Anstand, eine Beziehung, die eingegangen wurde, eine Arbeit, zu der man sich verpflichtet hat.

Bleiben wir bei der Gesundheit als Beispiel. Wenn wir sie bewahren wollen, sollen wir gesund leben, das heißt nicht zu viel oder zu wenig und nichts Ungesundes im Übermaß essen und trinken, möglichst keine Suchtmittel konsumieren und uns regelmäßig bewegen. Hier sind wir dem Verbotenen schon ganz nahe. Die Erfahrung zeigt, dass gerade die verbotenen Dinge locken. Wer sich angewöhnt hat, regelmäßig und über längere Zeit ungesund zu leben, wird Mühe haben, diese schlechten Gewohnheiten zu beenden.

Ein Mensch kann in einer Beziehung oder an einer Arbeitsstelle seelisch und körperlich krank werden. Um die Gesundheit nicht weiter zu gefährden, müsste etwas beendet werden.

Das Unmögliche fordert uns von früher Kindheit an: Das Kind kann nicht mit der Mutter eins sein, es kann den Vater bzw. die Mutter nicht heiraten, es ist entweder männlich oder weiblich, aber nicht beides, es ist noch klein und wird erst allmählich groß. Wenn wir erwachsen werden, erkennen wir weitere Unmöglichkeiten: Männer können keine Kinder gebären, und wir alle werden älter und werden eines Tages sterben. Es ist unmöglich, das zu verändern. Diese narzisstischen Kränkungen kompensieren die meisten Menschen mit unbewussten Phantasien und Träumen. Dort sind sie ewig jung und unsterblich, allmächtig und bisexuell.

Wir Menschen haben unbewusst oder bewusst diese unmöglichen, verwegenen narzisstischen Wünsche. Im Unbewussten streben wir danach, sie in Anlehnung an die frühesten Verschmelzungs- und Befriedigungserlebnisse zu erfüllen. Erst die Bewusstmachung der Wünsche ermöglicht es, einen Umgang mit ihnen zu finden. Mit den verbotenen (psychoanalytisch ödipalen, Schuld erzeugenden) und mit den unmöglichen (narzisstischen, beschämenden) Wünschen fertig zu werden erfordert Einsicht, Verzicht und Trauer.

Trauer darum, nicht alles haben zu können. Trauer um die eigene Beschränktheit, Trauer um die eigene Sterblichkeit. Trauer darüber, im Leben immer wieder einige Dinge beenden und loslassen zu müssen.

Da sowohl die Phantasien von totaler Verschmelzung als auch jene von totaler Trennung den psychischen Tod bedeuten, hat sich die menschliche Phantasie einen sogenannten Übergangsraum zwischen Phantasie und Wirklichkeit, zwischen Innen- und Außenwelt, erschaffen. In diesem Übergangsraum findet das kindliche, aber auch das erwachsene Spiel statt. Phantasie und Realität gehen ineinander über und wechseln einander ab. Es ist für alles Raum und Zeit da. Mehr noch: Raum und Zeit können im Spiel transzendiert werden.2

In einem Übergangsraum zwischen Realität und Phantasie werden die Künste erschaffen: Musik, Malerei und Zeichnen, gestaltende Kunst, Literatur und Filme. In einem Wechselspiel von Phantasie, künstlerischer Imagination und Kompetenzen werden Raum und Zeit innovativ erschlossen und kunstvoll gestaltet. Künstlerische Produktion verzaubert die Wahrnehmung und die sinnliche Erfahrung, erhebt in ungeahnte Höhen und lässt in Abgründe blicken.

Auch die Psychotherapie bildet einen Übergangsraum. Im geschützten Rahmen darf über alles gesprochen werden. Es finden Phantasien und Erlebnisse, Wünsche und ihre Versagungen und Erfüllungen ihren Platz. Das Sprechen wird probiert und geübt und bildet einen Raum für Probephantasien und Probehandeln.

Übergangsräume und Übergangsobjekte sind eine Möglichkeit, mit dem Verbotenen und dem Unmöglichen einen Umgang zu finden. Sei es das Halten und Bewahren, sei es das Loslassen und Beenden. Immer wieder für sich herauszufinden, was ansteht, ist wahrlich eine Kunst, eine Lebenskunst.

Alles hat seine Zeit

Stirb und werde!

Anfangen hat seine Zeit, und beenden hat seine Zeit. Auf die Welt kommen hat seine Zeit, und sterben hat seine Zeit. Sich verheiraten hat seine Zeit, und sich scheiden lassen hat seine Zeit. Gesund sein hat seine Zeit, und krank sein hat seine Zeit. Fröhlich sein hat seine Zeit, und traurig sein hat seine Zeit. Lachen hat seine Zeit, und weinen hat seine Zeit.

Es ist mir eine tröstliche Aussage, dass alles seine Zeit hat. Anfang und Ende sind darin eingebettet. Wir Menschen brauchen diesen Trost, weil sowohl ein Anfang wie ein Ende meistens mit Schmerzen und Anstrengungen verbunden sind. In naturverbundenen Kulturen gehört das Wissen um Anfang und Ende immanent zur Kultur. Es gibt Rituale, die diese Anfänge und Enden gestalten und ihnen damit Sinn verleihen. Alles hat seine Ordnung. Alles hat seine Zeit.

Die Natur mit ihren Zyklen von Werden und Vergehen gibt diesen Rhythmus vor. Eine Heilerin der australischen Aborigenes erzählt der fremden weißen Frau, die als Ärztin ihr Vertrauen gefunden hatte:

»Alle Menschen sind Geister, die auf dieser Welt nur zu Besuch sind. Und alle Geister sind ewige Wesen. Alle Begegnungen mit anderen Menschen sind Erfahrungen, und alle Erfahrungen sind ewige Verbindungen. Die Menschen schließen den Kreis einer jeden Erfahrung. Wenn du einen Menschen verlässt und in deinem Herzen noch Groll gegen ihn hegst, ist dieser Kreis noch nicht geschlossen, und die Erfahrung wird sich später in deinem Leben wiederholen. Du wirst nicht nur einmal leiden, sondern immer wieder, bis du etwas gelernt hast. Man soll beobachten, aus dem Geschehenen lernen und weiser werden. Es ist gut, für die Erfahrung zu danken oder sie zu segnen und dann in Frieden weiterzugehen.«3

Die weiße Ärztin befand sich mit einer Gruppe von Aborigines auf einer langen Wanderung durch die australische Wüste. Ein Aborigine war am Tag zuvor schwer gestürzt und hatte ein Bein gebrochen. Er war auf wundersame, der weißen Ärztin unerklärliche Weise geheilt worden. Am Morgen danach schienen die tags zuvor beträchtlichen Verletzungen keine Nachwirkungen mehr zu zeigen. Für den Verletzten und die Gruppe war die Erfahrung abgeschlossen, und die Wanderung ging weiter. Der Kreis war geschlossen. Jetzt verwendete man auf ihn, den vormals Verletzten, keine Aufmerksamkeit und keine Zeit mehr.

Am selben Abend ergaben sich Gespräche darüber, wie der sterbliche Körper und der unsterbliche Teil des Wesens zueinander stehen. Es war die Rede davon, welche Rolle die Gefühle und Gemütsverfassungen für Gesundheit und Wohlbefinden spielen. Die Aborigines glauben – so berichtet die weiße Frau –, dass die gefühlsmäßige Einstellung einen Menschen prägt. So hatten die eingeborenen Heiler den gebrochenen Knochen des verletzten Mannes gerichtet, indem sie dem Körper die Vorstellung der Perfektion vermittelten. Mit ihren Köpfen und Herzen hatten sie dabei genauso viel gearbeitet wie mit ihren Händen. Der Patient war offen für eine Heilung und bereit, die Gesundheit zu empfangen. Er glaubte daran, sofort und vollständig geheilt werden zu können. Was der weißen Ärztin wie ein Wunder vorkam, war für die Stammesmitglieder völlig selbstverständlich.

Es lässt sich phantasieren, dass das nicht immer gelingt. Und wenn es nicht gelingt, dann ist der betreffende Mensch zum Sterben bereit. Dann wäre auch ein Kreis geschlossen.

Die Aborigines können sich auch nicht vorstellen, in der Wüste umzukommen, weil sie kein Wasser finden und deshalb wütend und mutlos werden. Für sie sterben (fremde) Menschen an ihren Emotionen, an ihrer Verzweiflung, wenn sie aufgegeben haben. Und was wäre das für eine Welt, fragt sich die weiße Frau, die solche Einsichten zum Mittelpunkt des menschlichen Bewusstseins machen würde?

Eines Tages wollte der Werkzeugmacher dieser Gruppe die weiße Frau sprechen. Er war ein älterer Mann, der sich auf die Herstellung von Werkzeugen, Pinseln, Kochgerät und vielen anderen Gebrauchsgegenständen spezialisiert hatte. In der letzten Zeit hatte er unter großen Muskelschmerzen gelitten, die seine Arbeit beeinträchtigten. Eines Nachts hatte er von einer Schildkröte geträumt, die ganz schief ging, weil sie auf der einen Seite keine Beine mehr hatte. Als die weiße Frau diesen Traum mit dem Werkzeugmacher besprach, kam dieser zum Entschluss, dass es an der Zeit war, jemand anderen sein Handwerk zu lehren. Der selbsterzeugte Druck, sein Handwerk gut und mit Freude auszuführen, war zu groß geworden. Deshalb die Schmerzen – erzählt die weiße Frau. Wie die Schildkröte in seinem Traum befand er sich nicht mehr im Gleichgewicht – bei ihm ging es um das Gleichgewicht – zwischen Arbeit und Spiel. In modernen Termini ausgedrückt: seine ›work-life-balance‹ stimmte nicht mehr; das Verhältnis von Arbeit und Leben war gestört.

In den folgenden Tagen beobachtete die weiße Frau, wie der Werkzeugmacher anderen sein Handwerk beibrachte. Als sie sich bei ihm nach seinen Schmerzen erkundigte, lächelte er und sagte: »Wenn das Denken beweglich wird, werden auch die Gelenke beweglich. Ich habe keine Schmerzen mehr.«4

Bewahren und halten hat seine Zeit – bis es nicht mehr so gut geht. Bewahren und halten – bis zum »Gehtnichtmehr«, dies ist eine Redewendung. Dann ist es gut, wenn ein Traum, ein anderer Mensch, eine Fehlleistung einem zeigen, dass ein weiterer Schritt notwendig wird. Doch zuvor will der Kreis geschlossen werden.

Alles hat seine Zeit. Gewohnheiten haben ihre Zeit, und Veränderungen haben ihre Zeit. Verletzungen haben ihre Zeit, und Heilungen haben ihre Zeit. Cees Nooteboom lässt eine Figur in einem Roman in die australische Wüste aufbrechen. Zuvor war sie auf einem anderen Kontinent Opfer einer mehrfachen Vergewaltigung geworden, und nun sucht sie Heilung im Land ihrer Kindheitsträume. Und dort, in der Leere, in der Stille der Wüste, wird sie der Wüste gleich, der Stille gleich. Sie ist angekommen. Ein Kreis ist geschlossen. »Und wenn ich wieder gehe, brauche ich nichts mitzunehmen, ich habe alles bei mir.«5 Es ist schließlich die Begegnung mit einem »schwarzen Mann«, einem Aborigine, der sie, die weiße Frau, annimmt. Mit ihm holt sie ihren Schatten ein und erlebt sich dunkel und hell zugleich. Und sie denkt, dass sie ein Leben lang herumziehen wird, um aus der Welt ihre Wüste zu machen. Eine Stille und Weite, die sie mit sich selbst, mit ihrem Leben versöhnt. Sie spürt, dass sie auf diese Weise überleben kann.

»Alles hat seine Zeit« verweist auf die Gegenwart. Was im Hier und Jetzt geschieht, hat seine Zeit. Es lässt uns das sehen und fühlen, was ist. Sehen, was wirklich ist, ist eine anspruchsvolle Lebenshaltung. Sie lässt einen versöhnlichen Blick auf die Vergangenheit werfen, denn damals hatte alles seine Zeit und damit seinen Sinn. Ich habe schon an mehr als einer Beerdigung das berühmte Lied von Edith Piaf singen hören: Je ne regrette rien – ich bereue nichts. Alles hat seine Zeit gehabt und gehört zur Einzigartigkeit eines Lebens. »Alles hat seine Zeit« wird im Blick auf die ungewisse Zukunft zu dem, was seine Zeit haben wird. Die Zukunft entsteht aus der Gegenwart und verweist damit wiederum auf die jetzige Wirklichkeit, auf den aktuellen Augenblick.

Was macht die Gewohnheit?

Die Ketten der Gewohnheit sind so schwach, dass man sie kaum bemerkt – bis sie zu stark geworden sind, um gesprengt zu werden.

Samuel Johnson

Choisir, c’est abandonner: Wählen heißt verlassen. Wenn die Tatsache, eine Wahl zu treffen, etwas zu verlassen bedeutet, dann schützt die Gewohnheit vor der täglichen Qual der Wahl. Und auch davor, zu verlassen. Gewohnheit schützt vor Entscheidungen, davor, zu wählen, zu verlassen.

Die meisten Menschen möchten bewahren und behalten, was sie haben: eine Partnerin oder einen Partner, Kinder, eine Arbeit, Besitztümer, das Leben. Nicht grundlos spricht man von der Macht der Gewohnheit. Gewohnheiten geben Sicherheit, und das brauchen die meisten Menschen. Gewohnheiten können einem lieb werden. Man ›wohnt‹ in den Gewohnheiten wie in einem schönen, stabilen, sicheren Haus. Es kann einem scheinbar oder wirklich nichts passieren. Der Gedanke, dass etwas die schönen Gewohnheiten erschüttern könnte, wird gern verdrängt. Das Sichere und Vertraute wird nicht freiwillig aufgegeben. Da müsste eine andere Macht in ein Leben eindringen, die sich gegen die Macht der Gewohnheit stellt.

Eva erzählt: »Es war vor zehn Jahren. Ich hatte mich in meinem Leben gut eingerichtet. Unsere drei Kinder waren im jugendlichen Alter und wohlgeraten. Mein Mann und ich hatten eine Beziehung, in der sich viel in einem lebenswerten Sinn eingependelt hatte. Wir hatten viele Stürme und Kämpfe in unserer Liebe überstanden. Wir arbeiteten beide in befriedigenden Berufen, genossen das Aufwachsen unserer Kinder und hatten unseren Haushalt nach vielen Sturmjahren so organisiert, dass wir uns alle wohl dabei fühlten. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, wie damals eine Freundin, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, zu uns zu Besuch kam. Wir saßen auf der Terrasse beim Tee, als sie mich fragte, wie ich mir die nächsten Jahre vorstellen würde. Ich antwortete ihr, dass ich das jetzige Leben gern so weiterführen möchte. Ich hätte ein reiches Leben, fände es spannend mit älter werdenden Kindern und ich würde meinen erweiterten beruflichen Spielraum genießen. Ich war tief überzeugt von meinen Wünschen.

Es verging kein halbes Jahr, bis ich mich völlig unerwartet in einen Arbeitskollegen verliebte. Wir kannten uns schon lange und hatten uns immer gemocht. Ich war nie in ihn verliebt gewesen. Die Liebe schlug ein wie ein Blitz. Es war bei einer Sitzung, wo sich unsere Blicke auf einmal anders begegneten. Es berührte mich zutiefst. Ich fühlte mich auf eine völlig neue Weise erkannt und gesehen. Das verwirrte mich, und ich wusste vorerst nicht, ob das nur für mich so war oder auf Gegenseitigkeit beruhte. Die Blickkontakte der ganz neuen Art wurden häufiger und meine Verwirrung nahm zu. Gleichzeitig erfüllte mich ein tiefes Glücksgefühl: ich wurde geliebt und begehrt.

Ich hatte diese Liebe nicht angestrebt, nicht erwartet und nicht gesucht, doch ich war offen und bereit dazu. Ich wehrte mich nach Kräften, um der Macht der unverhofften Liebe die andere Macht des bisher aufgebauten eigenen und Familienlebens – dieser schön und sicher gewordenen gewohnten (bewohnten) Wirklichkeit – entgegenzusetzen. Es stand viel, zu viel auf dem Spiel. Ich dachte damals viel über Gewohnheiten, über das Gewohnte, Vertraute, Bewährte nach. Ich hatte an das vertraute Bewährte geglaubt und nun war alles völlig anders geworden. Die Gewohnheit zerbrach, fiel in Trümmer, hielt mich nicht mehr. Dabei hatte ich halten und bewahren wollen. Es ging nicht mehr.«

Menschen halten viel aus, wenn sie sich in lieb gewordenen und Sicherheit spendenden Gewohnheiten eingerichtet haben. Es mag ihnen so vertraut und gewohnt erscheinen, dass sie gewissen Aufbruchsphantasien und Sehnsüchten gar keinen Raum geben. Sie haben sich eingerichtet und scheinen sich sicher zu sein, dass sie nichts anderes wollen. Doch dieses »andere« kann unerwartet und unerwünscht die Macht des Gewohnten brechen. Und auch dann noch hält man daran fest. Es ist ja nicht so, dass Gewohnheiten einfach schlecht oder einengend wären.

Eva spricht im erwähnten Beispiel vom Vertrauten und Bewährten, mit dem sie gut lebte. Sie konnte sich entfalten und entwickeln, konnte halten und genießen. Trotzdem ist etwas in ihr Leben eingebrochen, das die Macht alles bisher Erarbeiteten ausschaltete. Sie wollte das Alte halten und bewahren, aber es gelang ihr nicht mehr.

Wenn Gewohnheiten einengend und einschränkend erlebt werden und wenn Sehnsüchte und Ausbruchsphantasien einen Menschen umtreiben, ist es zum einen oft eine Frage der Zeit, bis ein Mensch wagt, das Verharren im Gewohnten zu beenden, den Kreis zu schließen, um einen neuen Kreis beginnen zu können. Zum anderen ist es eine Frage des Mutes und der Ehrlichkeit sich selbst und dem/den anderen gegenüber, dazu zu stehen, dass die Gewohnheit keinen Sinn mehr macht – aber Macht hat. Die Macht der Gewohnheit ist nicht zu unterschätzen. Sei es, dass sie einen Menschen in einer Beziehung, in einer Arbeit, in einer Wohnung verharren lässt, obwohl das Leiden im Verharren immer größer wird, sei es, dass ein Mensch Hals über Kopf mit der Gewohnheit bricht und nie mehr zurückschauen will. Beides, das Verharren und das überstürzte Aufbrechen, sind Zeichen dafür, dass ein Mensch etwas nicht beenden kann. Ich denke, dass es oft eher ein Nicht-Können als ein Nicht-Wollen ist.

Der Zauber des Anfangs

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Hermann Hesse

Aller Anfang ist schwer, sagt der Volksmund. Ein Trost, wenn man sich vielleicht in der Komplexität einer neuen Aufgabe zu verlieren droht und verzweifeln will. Wenn man fast aufgeben will, weil es einen zu überfordern droht.

Gleichzeitig spricht der Volksmund vom Zauber des Anfangs. Ein Widerspruch? Man ist verliebt und verzaubert, man spürt die Anziehungskraft eines Menschen. Man ist ins Beginnen einer neuen Beziehung verliebt. Der Zauber ist trügerisch, weil er den Blick verschleiert und das Bewusstsein trübt. Weil er einen Dinge übersehen lässt, die man eigentlich sehen müsste und die man erst dann realisiert, wenn der Zauber verflogen ist.

Es gibt eben beides: den zauberhaften, verliebten und den pragmatischen, nüchternen Anfang.

In der Psychoanalyse und Psychotherapie gilt die Erfahrung, dass in einer ersten Sitzung bereits alles enthalten ist: wie ein Mensch geprägt wurde, wie er mit Problemen umgeht, was ihn beflügelt und was ihm Angst macht. Es ist jedoch kaum möglich, das alles bereits am Anfang zu erkennen. Eine erste Begegnung ist immer hochkomplex und überfrachtet mit Zeichen, die man noch nicht einordnen kann. Nötig ist die langsame, behutsame und vielleicht jahrelange Entfaltung der Beziehung, um den vielschichtigen Anfang zu verstehen. Die Lebensthemen werden in einer ersten Sitzung gestreift, um viel später erkannt und bearbeitet zu werden. »Misstraue dem ersten Eindruck, denn er ist meistens richtig«, sagte einmal Fritz Morgenthaler, ein Zürcher Psychoanalytiker.

Otto erzählt von seiner langjährigen Liebesbeziehung mit einer verheirateten, kinderlosen Frau, Rita:

»Als ich Rita erstmals erblickte, wünschte ich mir, dass sie meine Frau würde. Da erfuhr ich, dass sie verheiratet war. Bald darauf begannen wir eine innige Liebesbeziehung. Ich wünschte mir seit dem Beginn unserer Liebe, dass Rita zu meiner Lebenspartnerin werde und sich ganz und gar für mich entscheide. Sie machte mir immer wieder Hoffnungen. Wir führten unzählige Gespräche über uns und unsere Lebens- und Liebesvorstellungen. Ich hatte noch ein Leben vor mir und wünschte mir eine Familie. Rita auch. Sie wohnte mit ihrem Mann in einem selbstgebauten Haus, das sie pflegte und liebte. Sie half ihm neben ihrer politischen Tätigkeit bei seinen beruflichen Pflichten. Kinder hatten sich bis dahin nicht eingestellt.

Doch da gab es mich und uns, und wir waren einander vom ersten Moment an verfallen. Ich erinnere mich gut an die Gespräche, in denen mir Rita von ihrer Kindheit erzählte. Es war ein ganz schwieriges und schmerzhaftes Kapitel für sie. Ich versuchte nachzuvollziehen, wie es damals für die sechsjährige Rita gewesen war, als die Mutter die Familie unvermittelt und für Rita nicht nachvollziehbar verließ. Es war ein traumatisches Erlebnis. Rita begann zu stottern und wurde zur Bettnässerin. Ein Jahr später erhielt sie eine Stiefmutter.

Ich begann zu begreifen, dass Rita mir zwar Hoffnungen machte, sich aber von ihrem Mann nicht trennen konnte. Ihre Verlassenheitsangst saß tief. Ich begann zu grübeln, weshalb ich mich in eine bereits gebundene Frau verliebt und ihren Versprechen geglaubt hatte. Manches Mal war ich drauf und dran, mich von Rita zu trennen. Natürlich gelang es mir nicht, weil ich es gar nicht wollte. Ich war einfach immer wieder sehr verletzt. Meine Wünsche nach einer Frau und Familie waren groß. Ich erinnerte mich oft an jenen verliebten Abend, an dem ich erfuhr, dass Rita bereits gebunden war.

Ich wurde immer unglücklicher. Unsere Liebestreffen wurden mehr und mehr überschattet von unseren Ängsten und Nöten. Wir waren beide gefangen und verstanden uns selbst nicht mehr. Keiner von uns wusste weiter.

Ich war derjenige, der zuerst von Trennung gesprochen hatte. Aber es war Rita, die die Trennung durchzog. Mit vielen entsetzlichen Rückfällen. Es war ein Alptraum, der nicht enden wollte. Seit einem Monat sehen wir uns nicht mehr und hören auch nichts voneinander. Ich bin todunglücklich und weiß noch nicht, wie mein Leben weitergehen soll.«

Solange eine Beziehung zu einem Menschen, zu einer Arbeit, einer Wohnung oder einem Lebensstil befriedigend und bereichernd ist, wird die Macht der Gewohnheit im vertrauten, versichernden und bewährten Sinn erlebt. Wir gehen eine Liebesbeziehung oder eine Freundschaft ein, weil wir lieben, geliebt werden und wachsen möchten. Der Zauber des Anfangs wird so lange wie möglich beschworen, auch dann, wenn er gar nicht mehr wirkt. Wenn Menschen jedoch in einer Beziehung oder an einem Arbeitsplatz leiden, wenn sie krank werden und es fast nicht mehr aushalten in unbefriedigenden, vielleicht gar entwürdigenden Verhältnissen, in krankmachenden Beziehungen: dann steht möglicherweise eine Veränderung an.

Menschen möchten halten und bewahren, an den ursprünglichen Zauber glauben. Wie Rilke es ausgedrückt hat: »Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies, einander lassen. Denn dass wir uns halten, das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.« Das Halten und Bewahren lernen wir von klein an. Wenn wir uns sicher fühlen, können wir auch loslassen.

Khalil Gibran, der libanesische Dichter, drückt es in seinen Worten aus: »Lasset Raum zwischen eurem Beieinandersein. Und lasset Wind und Himmel tanzen zwischen euch. Liebet einander, doch macht die Liebe nicht zur Fessel. Singet und tanzet zusammen und seid fröhlich, doch lasset jeden von euch auch allein sein.«6

Der Zauber des Anfangs bildet gewissermaßen den Anfangsmythos einer Beziehung – sei es zu einem Menschen, zu einem Beruf, zu etwas, das einem ganz wichtig ist. Die stetige Vergegenwärtigung dieses Anfangsmythos kann dazu verhelfen, den Sinn der Beziehung lebendig zu halten und den anfänglichen Zauber zu beschwören.

Sich verlieben und sich entlieben

Doch alle Lust will Ewigkeit – Will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Friedrich Nietzsche

Im Zustand der Verliebtheit spielt die Phantasie eine entscheidende Rolle. Die Wirklichkeit der Begegnung und die Wahrnehmung des anderen Menschen und seiner selbst werden phantastisch überhöht. Das gibt beiden Verliebten die einzigartige Möglichkeit, ein Stück weit in die Idealisierung durch den anderen hineinzuwachsen. Die Verliebtheit ist immer ein verzaubernder, einzigartiger Zustand. Sie ist eine übermächtige, exklusive Bindung an eine Person. Sie nährt sich aus sich selbst. Erfahrene Paartherapeuten unterscheiden klar zwischen Verliebtheit und Liebe. Sie weisen darauf hin, dass es entscheidend ist für das Gelingen einer Beziehung, dass die ausschließliche und andere ausschließende Verliebtheit nach einigen Monaten in Liebe verwandelt werden kann. Liebe ist eine Form des Seins, ein Geben und ein Nehmen, sie steht in einem größeren Zusammenhang und ist nicht auf eine einzige Person beschränkt. Die Verliebtheit mit ihrem phantastischen Charakter ist exklusiv, doch schließt sie die Liebe zu anderen Menschen nicht aus.

Ist Verliebtheit ein schöner Ausnahmezustand, dem die Macht der Gewohnheit droht und der schließlich in eine erneute Verliebtheit oder in ein Entlieben mündet? Eiguer und Ruffiot haben den Begriff Entlieben kreiert. Entlieben gibt die tiefe psychische Realität auseinanderbrechender Paare wieder, die nochmals das erleben, was sie in der Verliebtheit erlebt haben, nur mit negativen Vorzeichen. Sie erleben dieselben Phänomene wie zu Beginn, indem sie auf das Aussehen, die Art, das Lachen reagieren – und sie machen es auf dieselbe Art wie damals: sie idealisieren, sie verleugnen, sie spalten ab. Doch beim Entlieben leiden sie nun an dem, was sie zuvor verzaubert und bezaubert hat.

Nina erzählt in der Psychotherapie: »Mein Mann und ich haben uns seit Jahren auseinandergelebt. Wir leben unausgesprochen der Kinder wegen weiter miteinander. Die Familie ist uns beiden wichtig. Wir wohnen in einem schönen Haus und ich liebe den Garten. Aber ich kann mit meinem Partner nicht mehr schlafen. Er hat mich über alle die Jahre zu sehr verletzt, und trotzdem komme ich nicht von ihm los. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Er stößt mich körperlich ab. Ich habe ihm kürzlich gesagt, dass er mehr zu sich schauen und seine Figur und sein Gewicht mehr beachten solle. Das ergab wiederum einen Riesenkrach. Ich kann überhaupt nichts mehr sagen, ohne dass es Streit gibt.«

Die Therapeutin weist Nina darauf hin, dass es möglicherweise eine übergriffige und einmischende Bemerkung gewesen sei, dem Partner, der sie körperlich nicht mehr anzieht, körperbezogene Empfehlungen abzugeben. Sie fragt Nina, wie es denn gewesen sei, als sie sich in ihren Partner verliebt habe, was sie damals angezogen habe. Nina erinnert sich an die Verliebtheit. Sie war körperlich stark angezogen von diesem stattlichen Mann. Sie konnte sich an seinen Bärenkörper anlehnen, er gab ihr Sicherheit und Ruhe. Das Zusammensein mit ihm war ihr Zuhause, wo sie sich wohl und aufgehoben fühlte. Es war der Bärenkörper, der sie damals angezogen hat – und der sie nun abstößt.

Mit der Zeit wird Nina klar, dass sie in den früheren Umarmungen des geliebten Mannes ihre eigene Bedürftigkeit umarmen konnte, dank des anderen. Es war das Kind in ihr, das sich nach Zärtlichkeit und Geborgenheit sehnte, das umarmt sein wollte. Es war nicht die erwachsene Frau, die umarmt wurde und umarmte. Nina erinnert sich auch ungern daran, dass ihr Vater auch so einen Bärenkörper gehabt hatte. Sie hatte diesen stattlichen Vater immer geliebt und sich in seiner Nähe geborgen gefühlt. Sie hatte bisher nie einen Zusammenhang gesehen zwischen der Liebe zu ihrem Vater und der Liebe zu ihrem Mann.

Nina realisierte mehr und mehr, dass sie bisher in ihrem Leben nicht allein sein konnte. Sie gab sich bewusst unabhängig und war doch unbewusst zutiefst abhängig, war immer noch das Kind, das seinen Vater bewunderte und sich mit ihm wohl und sicher fühlte. Sie hatte auch während der Ehe immer wieder Liebhaber gehabt. Doch jetzt, wo sie es mit ihrem Mann kaum mehr aushielt und doch nicht weggehen konnte, hatten auch Liebschaften keinen Reiz mehr. Sie musste sich selbst stellen, sich selbst entdecken und finden. Es gab kein Ausweichen mehr. Sie wollte die Geborgenheit in sich selbst finden, wollte in sich selbst ruhen. Die erlebten und nun bewussten Parallelen ihres Sich-Verliebens und des Entliebens hatten sie auf den Weg zu sich selbst geführt.

Und nun war der Weg offen zum Halten und Bewahren – oder zum Beenden.

Das Entlieben ist in der Regel nicht einfach das Fehlen von Liebe, ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist ein Leiden, eine Verlorenheit, eine Wehmut, eine Abstoßung. Es ist eine Erregung und ein Heimweh, ein Abschied und eine Trauer. Und es ist immer wieder die Frage, was denn passiert ist, dass es so weit kam. Zum Verstehen dürfte die Phantasieebene hilfreich sein, denn es geht tatsächlich um die Phantasien. Beim Entlieben ist der gemeinsame Phantasieraum verloren gegangen bzw. verstümmelt. Man träumt nicht mehr davon, gemeinsam Berge zu versetzen. Der Horizont ist versperrt. Man entliebt sich auf dieselbe Weise wie man sich verliebt hat: es ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Der seelische Schmerz ist da: anfangs gemildert vom Zauber des Beginnens, am Schluss in der Regel verstärkt durch Schuld- und Schamgefühle, durch Ängste und die unvermeidliche Trauer. Urteilskraft und Wille sind bei beiden Erlebensweisen vorerst geschwächt, bei der Verliebtheit und beim Entlieben. Es ist sinnvoll, in solchen Situationen den eigenen Gedanken und Phantasien intensiv nachzugehen, auch den Phantasien um den Partner und gegebenenfalls um die Familie. Was drängt sich in den Vordergrund? Wie war es zu Beginn, und wie ist es jetzt? Was waren und sind die Wünsche, die Träume, die Verzweiflungen, die Ängste? Was denke ich am Tag, was träume ich in der Nacht?

So wird es langsam möglich, die eigenen Phantasien bewusst wahrzunehmen. Das bin ich, das macht mich aus. Habe ich beim geliebten Menschen gesucht, was ich mir nicht selbst geben konnte? Das Erkennen der je eigenen und gemeinsamen Phantasiewelt bzw. ihr Verlust machen das Entlieben wahrnehmbar und verständlich. Dann kann auch der Trauerprozess möglich werden.

Es gibt Paare, die sich nicht oder einseitig verlieben. Es gibt praktische Gründe, sich mit jemand zusammenzutun. Es gibt die Torschlusspanik, die zwei Menschen zueinanderfinden lässt. Und es gibt starke Anziehungen, die sich dem Begriff der Verliebtheit entziehen wollen. Immer kann es ein Entlieben geben, ein Aus-der-Liebe-Fallen, eine Ernüchterung, eine Abstoßung. Sie wollen verstanden werden, damit Trauer möglich wird.

Ehren und ernten

Wenn du Abschied nehmen musst, dann frage dein Herz, wovon es berührt wurde, und danke für diese Berührung.

Safi Nidiaye

Ehrendenkmäler, Ehrentafeln, Ehrenparaden, Ehrenkränze – der Begriff der Ehre hat heute einen altmodischen Klang. Er lässt an einen Krieg denken und an die Ehre des Siegers. Gibt es auch eine Ehre des Verlierers? Werden die alltäglichen Kämpferinnen und Kämpfer des ganz gewöhnlichen Lebens geehrt? Wird ihnen überhaupt für ihre Dienste gedankt und von wem? Woran denken wir, wenn wir das Wort »Ernte« hören? Vielleicht sehen wir einen voll beladenen Heuwagen in die Scheune einfahren? Oder ein Bauernmädchen zeigt uns stolz seinen Korb, der voll mit Äpfeln oder Pflaumen oder Kirschen ist? Bei solchen Bildern scheint die Welt in Ordnung zu sein.