Die Kunst des stilvollen Verarmens - Alexander Graf von Schönburg - E-Book

Die Kunst des stilvollen Verarmens E-Book

Alexander Graf von Schönburg

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Beschreibung

«Die fetten Jahre sind endgültig vorbei. Doch statt hämisch über die Reichen zu lächeln, denen es nun an den Kragen geht, sollte uns klar sein, dass die Auswirkungen auf uns, die Mittelklasse, ebenfalls nicht sehr erquickend sind. Was ist denn, wenn wir unser Grundrecht auf Flachbildschirme, Zweitwagen und Thailand-Urlaube einbüßen? Muss das so schlimm sein? Besinnen wir uns doch mal auf die erfreulichen Seiten der Krise.» Alexander Graf von Schönburg weiß, wovon er spricht, denn er entstammt einer Familie, die rund 500 Jahre Erfahrung im sozialen Abstieg hat. Er zeigt, dass man für Kleidung, Reisen, Wohnung, Auto keine Unsummen ausgeben muss, kurz, wie man Lebensqualität gewinnt, indem man Prioritäten setzt. Der wahre Luxus bedeutet eben nicht, Dinge zu haben, sondern auf sie verzichten zu können. Ein ebenso intelligentes wie unterhaltsames Manifest gegen den Konsumwahn – und für ein glücklicheres Leben.

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Alexander von Schönburg

Die Kunst des stilvollen Verarmens

Wie man ohne Geld reich wird

Inhaltsverzeichnis

Teil I

Die Ausgangslage

Helden der Armut

Teil II

Geld oder Leben

Liebe dein Zuhause

Essen macht satt

Fitness for free

Alptraum Auto

Urlaub macht dumm

Des Kaisers alte Klamotten

Kulturverstopfung

Kinder, Kinder

Schöner shoppen

Teil III

Die armen Reichen

Was nicht knapp wird

Glossar

Teil I

«Es ist besser, man gewöhnt sich im Leben an den Verlust. Man erspart sich viel Traurigkeit.»

HELMUT BERGER

Die Ausgangslage

Über die Notwendigkeit des Sparens

Vor fast genau zehn Jahren saßen Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Eckhart Nickel, Joachim Bessing und ich in einer dieser nicht sehr geschmackvollen, dafür aber umso teureren Suiten des Hotels Adlon fest. Wir hatten uns dort für die Dauer eines Wochenendes verbarrikadiert, um in einem Anflug von Übermut die Lage «unserer Generation» zu sezieren. Wir hatten viel Spaß dabei. Wenn Benjamin zum Beispiel nach Kaffee war, rief er beim Zimmerservice an und sagte: «Meine Generation hätte gern eine Tasse Kaffee.»

Joachim Bessing hatte es tapfer auf sich genommen, unser Geschwafel auf Tonband aufzunehmen und später als Buch herauszubringen, unter dem recht reizvollen Titel «Tristesse Royale». Die Reaktionen waren gemischt. Die einen bezeichneten uns als blasierte A… löcher, andere wollten uns öffentlich auspeitschen lassen; ein ehemaliges FDJ-Blatt meinte, es werde der Tag kommen, an dem man unsere Köpfe aufgespießt durch Berlin tragen werde. Dabei hatten wir lediglich ein paar Dinge beim Namen genannt, die uns offensichtlich erschienen, zum Beispiel den Umstand, dass wir einer von den Zeitläuften verwöhnten Generation angehören, die echte Spannung nur im Fernsehen und Kino erlebt hat, sich inmitten der Medienverwahrlosung sehnsüchtig nach Authentizität sehnt und sich fragt, wie es sich eigentlich anfühlen würde, Ereignisse von epochaler Bedeutung zu durchleben, die unsereins nur aus Büchern kennt.

Nun. Jetzt haben wir’s! Wir schlittern nicht nur in eine ausgewachsene Weltwirtschaftskrise und werden Zeugen des Abstiegs der Vereinigten Staaten von Amerika als weltbestimmender Macht – die ganze Grundannahme, auf der unsere marktwirtschaftliche Ideologie aufgebaut war, das «Wohlstand für alle»-Versprechen geht derzeit den Bach hinunter. Damit ist, nach dem Sozialismus, auch die soziale Marktwirtschaft als Utopie kollabiert. Die meisten Experten, leider auch die seriösen, sind der Ansicht, dass der gegenwärtige Rückgang der Wirtschaftstätigkeit nicht ein vorübergehender Schnupfen ist, sondern dass es eine Erholung, wie sie sie aus vergangenen Aufschwung-und-Abschwungs-Zyklen gewohnt waren, diesmal nicht geben wird. Die fetten Jahre sind endgültig vorbei.

Die Staatsmänner und Notenbankchefs haben einen Großteil des Herbstes 2008 damit verbracht, in nächtelangen Sitzungen «Lösungen» für die Finanzmarktkrise zu erarbeiten und die Rezession aufzuhalten. Das klitzekleine Problem: Rezessionen lassen sich nicht aufhalten. Genauso gut könnte man versuchen, die Globalisierung aufzuhalten. Oder den Winter. Manche Ökonomen behaupten sogar, es sei schädlich, das überhaupt zu versuchen. Rezessionen hätten «kathartische» Wirkung, bereinigten den Markt von überhöhten Preisen und zwängen zum Abbau von Schulden. In Ermangelung wirklich handfester Mittel, um die Krise in den Griff zu bekommen, senken die Politiker und Staatsbänker dann die Leitzinsen, um den Konsum anzukurbeln – als hätte es an zu teuren Krediten und mangelndem Konsum gelegen, dass wir in die Krise geraten sind.

An dem Tag, an dem das letzte Ölfass geöffnet wird, kollabiert der Kapitalismus, sagte Max Weber in seinem berühmten Gespräch mit Werner Sombart. Wir werden diesen Tag, wie es aussieht, bald erleben. Colin Campbell, die weltweit größte Autorität bei der Bewertung von Ölvorkommen, sagt den legendären «Peak», also den Moment, ab dem die Weltwirtschaft sozusagen auf Reserve läuft, für das Jahr 2010 voraus. Und auch der Reservetank wird nicht ewig Nachschub liefern. Was ist, wenn die Chinesen und die Inder einen ähnlichen Energieverbrauch wie wir Europäer erreichen? In China leben 1,4Milliarden Menschen. Was ist, wenn dort irgendwann eine ähnliche Autodichte herrscht wie in Europa?

Ein mir bekannter Banker sagte mir neulich allen Ernstes, er rate mir, sofern ich denn Geld auf der Bank hätte, dieses abzuheben und «in Sachwerte» zu stecken. Glücklicherweise laviert mein Konto seit jeher (und zwar unabhängig von meiner Einkommenssituation) um die Plus-minus-null-Marke. Ich gehöre also nicht wirklich zur Kerngruppe jener, die angesichts schmelzender Portfolios schlaflose Nächte verbringen. Überhaupt befinde ich mich in der verhältnismäßig komfortablen Situation, diese Zeilen in Berlin zu Papier bringen zu dürfen, einer Stadt, in der es so gut wie keine Banken gibt (große Banken unterhalten hier allenfalls Büros zu Repräsentationszwecken), in der es keine nennenswerte Industrie gibt (bis auf öffentliche Toiletten und Antibabypillen, die von hier aus in alle Welt exportiert werden), in der die Menschen weitestgehend durch den Staat direkt finanziert werden.

Berlin ist die einzige Großstadt Europas, in der man nie eilige Menschen sieht, in der die Grundstimmung gleichgültig bis phlegmatisch ist und in der man verächtlich angesehen wird, wenn man es wagt, auf einer Rolltreppe nicht stumpf stehen zu bleiben, sondern sich zaghaft an den Wartenden vorbeizudrängeln versucht. So einer Stadt können Wirtschaftskrisen nichts anhaben. (Im Gegensatz zu London zum Beispiel, wo derzeit «Apocalypse Now» angesagt ist, weil ein Drittel der Wirtschaftskraft der Stadt direkt vom Finanzsektor abhängt.) Jahrelang standen wir in Deutschland neben den smarten Engländern wie Deppen da, die zu blöd sind, aus Hühnerkacke Hühnchensalat zu machen. Plötzlich gelten wir mit unserer Sparkassen-Mentalität als das noch stabilste Land Europas.

Als ich das letzte Mal in London war, besuchte ich einen alten Schulfreund von mir, Kevin. Er hatte (bis neulich) einen ziemlich beneidenswerten Job: persönlicher Sekretär und «Lifestyle»-Manager eines isländischen Milliardärs. Zu seinen Pflichten gehörte es zum Beispiel, im vergangenen Jahr eine Art überdimensionales Erntedankfest zu organisieren, mit dem sein Boss die überbordenden Gewinne des zurückliegenden Geschäftsjahres zelebrierte. Er mietete sich kurzerhand eine Insel in der Karibik, ließ in gecharterten Jets aus aller Welt Freunde und – für die musikalische Untermalung – ein paar Popbands einfliegen (allesamt in der Kategorie «Kulturgeschichte geschrieben»). Für die logistischen Details war mein Freund zuständig. Sein jüngstes Projekt: die Maßanfertigung einer neuen Superyacht für seinen Chef beaufsichtigen… – Kevin ist überaus diskret. Aber irgendwann im Spätsommer 2008 verriet er mir etwas kleinlaut, dass sein Boss in letzter Zeit etwas angespannt sei. Er sei nämlich mit den Zahlungen an die Schiffswerft in Verzug. Solche Summen zahle er «natürlich» nicht aus seinem Vermögen, sondern mit geliehenem Geld, alles andere sei «betriebswirtschaftlich Unsinn». Das Geld, das für solche Zahlungen gebunden wäre, könne er ja sonst nicht am Kapitalmarkt arbeiten lassen.

Ich war nie sehr gut im Rechnen. Aber eines fand ich einleuchtend: Wenn die Milliardäre nicht mehr nur ihre Geschäfte, sondern auch ihre Privatvergnügen «leveragen», also mit geliehenem Geld bestreiten, wird’s heikel.

Im Herbst 2008 verlor Kevin den Job, um den ich ihn so oft beneidet hatte. Die lakonische Begründung seines Chefs: «The party is over, mate.» Ja, ja, die Milliardäre. Die Russen, die bis vor kurzem noch als die Vanderbilts und Rockefellers des neuen Zeitalters glorifiziert wurden, stehen inzwischen wie Kaiser ohne Kleider da. Es hat sich herausgestellt, dass Oligarchen wie Oleg Deripaska ihre weltweiten Investitionen nur mit Krediten finanziert hatten und diese Kredite mit Aktien an der Moskauer Börse abgesichert waren, die nun nichts mehr wert sind. The party is over, mate. Schadenfreude ist hier übrigens vollkommen fehl am Platz. Es gibt nur eines, was schlimmer ist als vulgäre, mit Geld um sich schmeißende Russen: Vulgäre Russen, die nicht mehr mit Geld um sich schmeißen.

Statt hämisch über die Reichen zu lächeln, denen es nun an den Kragen geht, sollte uns klar sein, dass die Auswirkungen auf uns, die Mittelklasse, ebenfalls nicht sehr erquickend sind. Als die Reichen immer reicher wurden und die Mittelklasse davon profitierte, weil Jobs und Aufträge wie von ihren festlich gedeckten Tischen runterfielen, nannte man das «Trickle down»-Effekt. Nur funktioniert der eben auch mit veränderten Vorzeichen. Bis 2010 wird in Deutschland, sehr konservativen Schätzungen zufolge, jeder vierte Arbeitsplatz in der Industrie und jeder dritte im Einzelhandel perdu sein. Und selbst die, die ihren Job behalten, werden kürzertreten müssen. Der Druck der Globalisierung auf das Lohngefüge wird so stark, dass die realen Einkommen sinken werden – und das bei steigenden Lebenshaltungskosten.

Was ist denn nun, wenn wir uns alle ein wenig einschränken müssen? Wenn wir unser Grundrecht auf Flachbildschirme, Zweitwagen und Thailand-Urlaube einbüßen? Muss das so schlimm sein? Besinnen wir uns doch mal auf die erfreulichen Seiten der Krise.

Zunächst ist es ja so, dass Scheitern lange einen schalen Beigeschmack hatte. «Scheitern», schrieb einmal der amerikanische Soziologe Richard Sennett, «ist das große Tabu der Moderne.» Damit ist es endlich vorbei. Die größten Helden der Gegenwart machen uns das Scheitern vor und nehmen ihm damit das Beschämende. Leute wie Stanley O’Neal vom Bankhaus Merril Lynch, der über 50Milliarden Dollar verbraten hat und dennoch über 160Millionen Dollar Abfindung kassierte. Jahrzehntelang redete der Kapitalismus uns ein, Scheitern sei peinlich. Armut bedeutete: «Der hat’s nicht gepackt», der Blöde, der Faule. Doch die Legende des Kapitalismus, der uns ständig einbläute «Jeder kann!», hat sich als unhaltbar erwiesen. Es kann eben nicht jeder! Karrieren werden geknickt, es gibt Gewinner und Verlierer, und die Verlierer werden immer mehr. Wer heute arm ist, muss sich nicht länger als persönlich Scheiternder fühlen – er verarmt als Teil eines viel größeren Prozesses. Damit bekommt sein Schicksal eine historische Dimension, die tröstlich sein kann.

Auch dieses elende Sicherheitsdenken kann endlich ad acta gelegt werden. Wir sind ja mit der Illusion aufgewachsen, das ganze Leben ließe sich versichern. Krankheit, Berufsunfähigkeit, Rente: alles kein Problem – «Unterzeichnen Sie einfach auf der gestrichelten Linie»–, und alles wird gut. Pustekuchen! Die Risiken der menschlichen Existenz lassen sich nicht wegdelegieren, es lässt sich nicht alles im Leben kontrollieren, das Leben bietet Überraschungen, gegen deren Folgen wir nicht gefeit sind. Diese Einsicht hat, bei aller Ernüchterung, auch etwas Egalisierendes, Existenzialistisches und – Elektrisierendes. Shit happens. Deal with it!

Was wir erstreben müssen, ist eine neue Gelassenheit mit den neuen Umständen. In der griechischen Mythologie gibt es ein verblüffendes, immer wiederkehrendes Motiv: Der, der mit seinem Unglück hadert, verstrickt sich immer tiefer darin, wohingegen sich bei dem, der sich damit abfindet, die Fesseln des Schicksals plötzlich lösen. Wenn die Indianer es krachen lassen wollen, veranstalten sie ein Potlach. Aus diesen dionysischen Feiern geht der als prestigereichstes Stammesmitglied hervor, der vor den Augen aller anderen am meisten von seinem persönlichen Besitz zertrümmert.

Eine ähnliche Geringschätzung gegenüber allem Materiellen wäre jetzt sicher recht heilsam. Die größten Meister des Potlach sind übrigens nicht die Indianer, sondern die Russen. Als ich vor einem Jahr einmal in Moskau war und bei der allgegenwärtigen Verschwendungswut nicht mehr aus dem Staunen herauskam, nahm mich mein Freund Gianni van Daalen, der Direktor des Baltschug-Kempinski-Hotels, beiseite und erklärte mir, ich würde es mir zu einfach machen, wenn ich das, was ich hier sähe, als vulgäres Neureichengehabe abtäte. «Die Leute hier haben ein sehr gutes Gespür dafür, dass alles Materielle letztlich nur eitler Tand ist. Sie schätzen Geld viel zu wenig, um es wie wir wie etwas Heiliges und Bewahrenswertes zu behandeln. Letztlich verachten sie Geld nämlich», erklärte er mir. Außerdem stecke allen hier noch der große Finanzkollaps des Jahres 1998 in den Knochen. «Jeder hier weiß, dass Geld, das auf der hohen Kante liegt, morgen schon wertlos sein kann, also gibt man es lieber aus.»

Ein wenig dieser bewundernswert gelassenen Galgenhumor-Stimmung ist übrigens auch im untergehenden London spürbar. Als am 15.September 20084500Mitarbeiter von Lehman Brothers frühmorgens an ihrem Arbeitsplatz am Canary Wharf in London erschienen und ihnen mitgeteilt wurde, dass ihre Firma liquidiert werde und sie sich einen neuen Job suchen sollten, strömten die einen mit ihren Topfpflanzen auf die Straße und ließen sich von den herbeigeeilten Pressefotografen beim Bedröppeltsein fotografieren; andere kaperten das Lautsprechersystem der Firma, ließen den R.E.M.-Song «It’s the End of the World as We Know it» durch die sich leerenden Hallen schmettern und schmissen eine ausgelassene Party in der All Bar One vis-à-vis der Lehman-Zentrale. (Wer wird wohl eher wieder auf die Beine kommen? Die Jammerer oder die Feierer?)

Überhaupt, selbst für jene Unverbesserlichen, die eine sentimentale Schwäche für materielle Güter haben, hat die gegenwärtige Krise etwas Verheißungsvolles: Genau dies ist nämlich die Stunde, in der neue, riesige Vermögen geboren werden. Wo auch immer auf der Welt in diesen Tagen panisch verkauft wird – irgendwo gibt es immer Käufer. Und genau das sind die Gewinner von morgen. Die alte Faustregel «When nobody is afraid, be fearful – when everybody is afraid, be bulish» – jetzt gilt sie! Wer jetzt zum Beispiel so kühn ist, in illiquide Immobilienfonds zu investieren, muss damit rechnen, alles zu verlieren. Oder aber er wird irgendwann Kapitalrenditen im vierstelligen Bereich einstreichen – das sind Dinge, die tatsächlich nur in extremen Krisenzeiten wie diesen funktionieren. In ein paar Jahren werden viele Namen der heute noch Superreichen vergessen sein. Neue Namen werden uns dafür geläufig sein – und zwar von Leuten, die jetzt die Nerven behalten haben.

Aus eigener Erfahrung darf ich sagen: Relatives Verarmen will gelernt sein. Verbunden mit der rechten Haltung kann es sogar ein Stilvorteil sein. Meine Familie verarmt bereits seit mehreren hundert Jahren, daher finde ich es selbstverständlich, dass ich in einer Zeit wie dieser mit ein paar Ratschlägen aushelfe, wie man verarmt und sich dabei trotzdem reich fühlt.

Der Aufstieg meiner Familie liegt lange zurück. Damals fürchteten die Menschen sich noch vor umherziehenden Räuberbanden und baten etablierte Räuber, sie vor den weniger etablierten zu beschützen. Mit den üppig fließenden Schutzgeldern bauten wir schöne Burgen. Unsere erste, die Schönburg, steht seit dem 10.Jahrhundert an der Saale in Thüringen. Zur Zeit Kaiser Barbarossas, Mitte des 12.Jahrhunderts, breiteten wir uns im Muldenland aus und ließen in Glauchau unseren neuen Stammsitz errichten. Der Graben dieser Burg war nicht mit gewöhnlichem Wasser gefüllt wie bei hundsordinären Wasserburgen, nein, in unserem Graben sorgten Braunbären für Abschreckung. Bis ins 18.Jahrhundert beherrschten wir das heutige südwestliche Sachsen. Die Wettiner, die inzwischen zu Kurfürsten aufgestiegen waren, versuchten über Generationen, uns die Vorherrschaft im Muldenland streitig zu machen. Und je mächtiger sie wurden, desto mehr gelang ihnen das auch.

1803 schluckte das Königreich Sachsen unser Territorium endgültig. Zwar wurden wir erst knapp 150Jahre später von den Kommunisten aus unseren Schlössern verjagt, darunter Wechselburg, wo mein Vater seine Kindheit verbrachte und durch dessen endlosen Park die Mulde einen hübschen Schlenker macht, doch da war die Basis unserer Macht und unseres Reichtums längst dahin. Die Enteignung in der Sowjetischen Besatzungszone war nur der logische Abschluss eines sich lange hinziehenden Prozesses: des Abstiegs vom kleinen, unabhängigen Herrscherhaus zum Etagenadel. Aber dass wir gelernt hatten, Verlust zu erdulden, sollte sich später als Vorteil erweisen.

Sowohl mein Vater als auch meine Mutter können als hoch qualifizierte Verarmer bezeichnet werden. Beide teilten das Flüchtlingsschicksal zigtausend anderer ihrer Generation. Mein Vater brachte als Sechzehnjähriger zunächst seine Mutter und fünf seiner jüngeren Geschwister in den Westen, kehrte dann noch einmal ins Muldenland zurück, weil er nicht glaubte, von den russischen Besatzern etwas befürchten zu müssen, entkam seiner Verhaftung aber letztlich doch nur dadurch, dass er ebenfalls in den Westen flüchtete. Interessant ist übrigens, welche Prioritäten er setzte, als er entscheiden musste, was er aus dem Schloss seiner Eltern retten sollte. Statt Schmuck oder Silberbesteck nahm er das Geweih jenes ersten Stückes Wild mit, eines kleinen Bockes, den er an der Seite seines Vaters erlegen durfte.

Meine Mutter flüchtete 1951 mit einundzwanzig Jahren, in der schlimmsten Stalinzeit, aus Ungarn in den Westen. Als sie auf der österreichischen Seite des Neusiedler Sees, übersät von Blutegeln, aus dem Wasser stieg, hatte sie nichts – zumindest nichts Materielles – in Ungarn zurücklassen müssen, weil sie schon längst nichts mehr besaß. Da man in ihr die Klassenfeindin sah, war ihr sogar die Stelle einer Putzfrau verwehrt worden, für die sie sich beworben hatte.

Mitten im deutschen Wirtschaftswunder heirateten meine Eltern, ohne selbst über mehr als das Allernötigste zu verfügen. Sie zogen in eine winzige Wohnung im Berliner Arbeiterbezirk Tempelhof, wo meine älteste Schwester Maya zur Welt kam, dann nach Stuttgart, wo meine Schwester Gloria geboren wurde, und schließlich nahm mein Vater eine Stelle als Afrikakorrespondent der Deutschen Welle an. Von Mitte bis Ende der sechziger Jahre lebte meine Familie in Afrika, zunächst in Lomé (Togo), wo mein älterer Bruder geboren wurde, anschließend in Mogadischu (Somalia), beides Orte, an denen man mit dem bescheidenen Gehalt eines Deutsche-Welle-Korrespondenten wie ein Fürst leben konnte.

Als ich in Mogadischu im Jahr der Mondlandung zur Welt kam, brach in Somalia die Revolution aus und zwang meine Eltern, nach Deutschland zurückzukehren. Damit war für sie die – zumindest aus finanzieller Sicht – sorglose afrikanische Episode beendet. Sie fassten in Deutschland wieder Fuß, doch von dem Wohlstand, der hier damals herrschte, habe ich in meiner Kindheit nicht viel mitbekommen. Der Lebensstil meiner Eltern war äußerst sparsam. Während bei meinen Schulkameraden die Kühlschränke vor Genussmitteln barsten und ein jedes Kind ein Grundrecht auf Nutellaversorgung zu haben schien, stand in unserem Kühlschrank, so scheint es mir zumindest rückblickend, kaum mehr als eine Flasche Milch, und zu essen gab’s meine ganze Kindheit hindurch im Grunde immer nur Bratkartoffeln mit Spiegelei. Dinge wie «Urlaubsreisen» oder «Taschengeld» waren mir nur aus den Berichten meiner Schulfreunde bekannt. Unsere Wohnung aber war stets auffallend geschmackvoller eingerichtet als die der meist wohlhabenderen Eltern meiner Freunde. Dafür musste meine Mutter tricksen und die Kunst des Nouveaux-Pauvres-Chics anwenden: an Pressholzregale geheftete Stoffe, unter Kissen und schönen Decken versteckte Ikea-Möbel. Während alle anderen um uns herum sich mit Statussymbolen hochrüsteten, perfektionierten meine Eltern die Kunst der Sparsamkeit. In der Regel trug mein Vater eine mehrmals geflickte Jacke und, um seine Stoffhosen zu schonen, Lederhosen. Ich erbte grundsätzlich die Sachen meines Bruders oder von Vettern. Das angeblich so fürchterliche Ritual, das stattfindet, wenn Mütter mit ihren kleinen Söhnen Kleidung kaufen gehen, ist mir erspart geblieben.

Außer als Korrespondent der Deutschen Welle arbeitete mein Vater als Entwicklungshelfer, er war Naturschützer, und am Ende seines Lebens vertrat er seine alte muldenländische Heimat ein paar Jahre als Abgeordneter im Bundestag. Aber der eigentliche Sinn und Zweck seines Daseins waren der Wald und die Jagd. Meine Kindheit habe ich deshalb als recht nasskalt in Erinnerung, ich erlebte sie im gelben Anorak «Hopp, hopp, hopp!» rufend auf der Treibjagd und neben ihm auf dem Hochstand sitzend, wobei jede Bewegung, das kleinste Geräusch untersagt war und ich nur leise atmen durfte. Stets fuhr mein Vater das billigste Auto, das es gab. Sein Lada, seine Lederhosen, seine abgewetzten Hemden waren mir Tausende Male peinlich. Erst heute leuchtet mir ein, dass sein Stil überlegen war. Wenn ich an ihn zurückdenke, wie er im Bundeshaus auftrat, in seinem etwas ramponierten dunklen Anzug, sieht er besser aus als mancher seiner makellos gekleideten Kollegen.

Der Sparsamkeitstick meiner Eltern, das weiß ich inzwischen, gehorchte nicht nur einem praktischen, sondern vor allem einem ästhetischen Prinzip. Aisaku Suzuki beschreibt in «Zen in der Kunst des Bogenschießens» das Wabi-Ideal der Samurai, in dem von der Schönheit des Weniger, der Ästhetik der Ökonomie die Rede ist. Übermaß war den Samurai nicht zuletzt wegen seiner Hässlichkeit ein Gräuel – und weil Verschwendung «gefühllos» ist. Meine Eltern verkörperten die europäische Variante des Wabi. Für meinen Vater war eine Teekanne dann wirklich schön, wenn sie einen Sprung hatte oder bereits einmal geklebt worden war, und eine Jacke trug er erst von dem Moment an gerne, an dem andere sie ausrangiert hätten.

Als meine ältere Schwester Gloria den Fürsten Thurn und Taxis heiratete, geriet unser Leben nur deshalb nicht aus den Fugen, weil wir mit der Rolle der armen Verwandten sehr reicher Leute bestens vertraut waren. Seit der Nachkriegszeit lebte meine Familie in der ständigen Nähe reicherer Verwandter. Nach ihrer Flucht war meine Großmutter mit ihren kleinen Kindern bei der Schwester meines Großvaters untergekommen, die den Fürsten Maximilian zu Fürstenberg geheiratet hatte, einen der reichsten Waldbesitzer Europas. Mit einer selbst für die damalige Zeit außergewöhnlichen Großzügigkeit hatte er meiner Großmutter einen Teil seines Schlosses Heiligenberg am Bodensee zur Verfügung gestellt, wo sie mit ihren acht Kindern wohnte. Erst viel später, als meine Eltern ein Haus hatten, zog sie bei uns ein. Meine Geschwister und ich verbrachten unsere halbe Kindheit in den Schlössern und Wäldern sehr reicher Verwandter. Dabei wurden wir dazu erzogen, unser Leben ja nicht mit dem ihren zu verwechseln. Einmal wagte ich es, den Diener um eine Cola oder sonst was zu bitten, und bekam dafür ziemlichen Ärger, weil man als Kind Diener um nichts zu fragen hat.

Das Nebeneinander von Arm und Reich war für mich also etwas völlig Normales. Allerdings war da immer eine Grenze zwischen den Habenden und den Habenichtsen. Wenn es auch stimmt, dass im Adel bei Jagden und großen Festen ein buntes Gemisch herrscht – beliebt sind arme Verwandte in den seltensten Fällen. Das heimliche Vorbild der wenigen reich gebliebenen Adeligen ist jener westfälische Baron, der nach dem Krieg einen Flügel seines Schlosses abreißen ließ, um vor dem Ansturm armer Standesgenossen sicher zu sein, die durchgefüttert werden wollten. Die Generation der Clanchefs, für die es üblich war, ganze Zweige der Familie und hilfsbedürftige Verwandte regelmäßig finanziell zu unterstützen, ist längst ausgestorben; ihre Söhne haben diese Praxis beendet und sich damit nicht viele Freunde unter den armen Verwandten gemacht.

Die Vermischung von Arm und Reich innerhalb des Adels wird zunehmend dadurch beeinträchtigt, dass immer weniger reiche Verwandte so genannte große Häuser mit Personal führen, lange Besuche der Verwandtschaft also gar nicht mehr in Frage kommen. Die Zeiten, als man sich zum Tee ankündigte und dreißig Jahre bleiben durfte, sind vorbei. Selbst die reichen Fürstenfamilien, die noch vor zwanzig Jahren im ganzen Schloss residierten, sind bereits vor zehn Jahren in einen kleinen Flügel umgezogen und bewohnen jetzt das viel praktischere Häuschen im Park. Alle führen inzwischen ein modernes Leben, und entsprechend seltener berühren sich die Welten der Armen und der Reichen. Neunzig Prozent der Adeligen wohnen in Mietwohnungen oder bestenfalls Reihenhäuschen in der Provinz, bangen um ihren Arbeitsplatz, wenn sie noch einen haben, und fahren einen Gebrauchtwagen. Als ich meinen Job verlor, sagte ein Kollege zu mir: «Sie müssen sich ja keine Sorgen machen!» – als ob jeder, der ein «von» im Namen trägt, über Latifundien jenseits der Wolga verfügt, wohin er sich zurückziehen kann. Auf die Gefahr hin, ein lieb gewordenes Klischee zu beschädigen: Der deutsche Adel ist, bis auf eine Hand voll übrig gebliebener Großgrundbesitzer, längst in der sozialen Realität der Bundesrepublik angekommen.

Zum geübten Grenzgänger zwischen der Welt der verschämten Armut und des unverschämten Reichtums wurde ich, weil der verstorbene Mann meiner Schwester, Fürst Johannes von Thurn und Taxis, mich in meiner Jugend gern in seinem Gefolge hatte. Also musste ich damit zurechtkommen, an einem Tag neben Ölprinzen, Maharadschas und Tycoons zu sitzen und am nächsten Morgen wieder in die Schule zu gehen, zu studieren oder mich als freier Journalist durchzuschlagen. Mein ganzes Leben hatte ich mit dem Kellner-im-Ritz-Syndrom zu kämpfen, jenem Verschwendungsvirus, das klassischerweise Kellner im Ritz befällt, die nicht damit fertig werden, dass sie ständig von Luxus und Prasserei umgeben sind und nach Feierabend in ihrer Zweizimmerwohnung mit tropfendem Wasserhahn sitzen.

In Reaktion auf die Sparsamkeit meiner Eltern und um den geschauten Luxus zu imitieren, entwickelte ich zum Beispiel ein Faible fürs Erste-Klasse-Reisen. Wenn mich meine Mutter in München zum Bahnsteig brachte, stieg ich vor ihren Augen in den Wagen mit den Abteils der zweiten Klasse, wartete, bis sie außer Sichtweite war, und ging dann in die erste Klasse. Ich musste meine Vorliebe geheim halten, weil ich dafür von meiner Familie ausgelacht worden wäre. Als meine Mutter bei mir eine Rechnung fand, aus der hervorging, dass ich mir bei Prantl in München teures Briefpapier hatte drucken lassen, glaubte sie an ein Missverständnis. Und als sie durch eine meiner Cousinen, die in «Brenner’s Park Hotel» in Baden-Baden arbeitete, erfuhr, dass ich dort einmal übernachtet hatte, war sie sicher, da müsse eine Verwechslung vorgelegen haben.

Nachdem ich mich von meinem Elternhaus abgenabelt hatte und mit Freunden in einer WG in London wohnte, verdiente ich zwar teilweise sehr gut, gab das Geld aber grundsätzlich schneller aus, als ich es einnehmen konnte. Irgendwie kam es auf wundersame Weise dennoch immer wieder aus der Cash-Maschine, so wie der Strom aus der Leitung und das Wasser aus dem Hahn. Erst als ich merkte, dass ich keine Tankstelle und keinen Bahnhofskiosk verlassen konnte, ohne die Hände voller Gekauftem zu haben, dass ich das Wasser beim Zähneputzen laufen ließ, weil der Sound einfach dazugehörte, dass ich mich nicht mehr nach Münzen bückte, die mir aus der Hosentasche unter den Beifahrersitz fielen, begann ich zu verstehen, dass meine Verschwendungssucht ein lächerliches Aufbegehren gegen den Sparsamkeitswahn meiner Eltern war. Allmählich kam ich dahinter, dass die Kunst des Verzichtenkönnens, die meine Eltern perfektioniert hatten, jeder Verschwendungssucht nicht nur aus ästhetischen Gründen weit überlegen ist, sondern vor allem einem ganz praktischen Zweck dient: der Optimierung des Genusses.

Der Erfinder dieses Prinzips ist Epikur: Meide Genusssucht, nicht weil Sinnesgenüsse schlecht sind, sondern wegen des Katers, der ihnen bei Überdosierung folgt. Für Epikur führt zeitweiliger Verzicht zur Steigerung der Genussfähigkeit. Wer immer prasst, wird bald selbst die köstlichsten Dinge nicht mehr genießen können. In der Volkswirtschaftslehre nennt man das «abnehmender Grenznutzen»: Ab einem gewissen Punkt macht zusätzlicher Überfluss gar keinen Unterschied mehr. Es verbessert dann auch nicht die Lebensqualität, wenn man sich, wie Heini Thyssen, Picassos ins Gästeklo hängt oder, wie der Sohn eines Scheichs aus den Emiraten, wöchentlich Nick Faldo für ein paar Golfstunden einfliegen lässt.

In der Überflussgesellschaft werden die Konsumenten zwangsläufig enttäuscht. Die Wirtschaft hat uns durch immer raffinierteres Brainwashing einzubläuen versucht, dass Glück käuflich sei. Mittlerweile hat sich das als Irreführung erwiesen. Durch Wellness-Angebote, vom ayurvedischen Tee bis zum Fitnessschokopudding, versucht die Industrie noch davon abzulenken, doch es lässt sich nicht mehr leugnen: Wir brauchen einen neuen Luxusbegriff! Wohlstand hängt nicht davon ab, viel Geld und viele Dinge anzuhäufen, man kann ihn sich nur durch die richtige Haltung aneignen.

Zu dieser Haltung gehört die Fähigkeit, verzichten zu können, wo alle zulangen; die Unabhängigkeit, den Lebensstil der anderen nicht zum Maßstab für einen selbst werden zu lassen; und die Einsicht, dass unser wirtschaftlicher Niedergang kein absolutes Unglück sein muss, sondern vielleicht sogar die Gelegenheit zur Verfeinerung unserer Lebensformen bietet. Die Krise ist, nach Max Frisch, ein ungemein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

In einer Zeit der völligen Homogenisierung und Standardisierung kann eine Krise auch eine Chance sein, der Gleichschaltung kleine Schnippchen zu schlagen, und sei es nur, dass man nicht auf jeden Marketingtrick hereinfällt. Wenn Kaffeehausketten einen zwingen wollen, einen «Super Grande Supremo» zu trinken, ist das lange noch kein Grund, nicht einfach einen großen Kaffee ohne Milch und Zucker zu bestellen. Wenn irgendeiner Marketingabteilung auf Ecstasy der Einfall gekommen wäre, eine Tassengröße auf den Namen «Superduper-Mega-Cup» zu taufen, müsste man das auch mitmachen? Oder der «Fall Rucola»: Selbst in den verwegensten Salaten fand Rauke keine Verwendung, sie war den Leuten schlicht zu bitter. Dann kam jemand auf die Idee, statt Rauke Rucola zu sagen, und seither gibt es in Deutschland fast nichts mehr, was nicht «an» oder «auf» Rucola serviert wird. Zwischen Hamburg-Eppendorf und München-Grünwald herrschte in den Glanzzeiten des New-Ecomomy-Booms eine derartige Nachfrage nach Rauke, dass nur Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern über genügend Anbaufläche verfügten, um den Bedarf zu decken.

Ohne Geld reich werden kann man nur, wenn man alle seine Bedürfnisse darauf überprüft, ob man nicht ohne sie reicher ist. Braucht man, um eines von tausend Beispielen zu nennen, ein Handy? Oder ist Unerreichbarkeit ein Privileg geworden, das sich allenfalls Leute wie Osama Bin Laden leisten können? Und das Internet? Der Präsident der Weltbank, James Wolfensohn, hat einmal behauptet, den Ärmsten der Armen stehe nicht allein das Recht auf Versorgung mit frischem Wasser zu, sondern ebenso das Recht auf freien Zugang zum Daten-Superhighway. Wer keinen Zugang zum Internet habe, sei von der wirtschaftlichen Revolution abgeschnitten, gehöre also zur wirklichen Unterschicht des neuen, digitalen Zeitalters. Ist die Möglichkeit, weltweit mit Gleichgesinnten zu chatten oder online Solitär zu spielen, Lebensnotwendigkeit oder Luxus? Oder ist es inzwischen Luxus, darauf verzichten zu können? Im alten Griechenland bezeichnete das Wort «Idiot» einen Menschen, der sich nicht am öffentlichen Leben beteiligt. Vielleicht hat sich das durch die totale Vernetzung in sein Gegenteil verkehrt. Vielleicht ist heute der ein Idiot, der nicht fähig ist, sich der Vernetztheit zu entziehen.

Wenn wir gezwungen sind, auszumisten, unsere Lebensgewohnheiten einer Revision zu unterziehen, bietet uns das die Chance, die wirklich luxuriösen Dinge des Lebens schätzen zu lernen. Die Verarmung kann auch lehren, Prioritäten zu setzen oder überhaupt erst zu erkennen, was einem wichtig ist. Wir können uns – um in der Sprache der Effizienzmanager zu sprechen, die unsere Welt im Griff haben – endlich auf unser Kerngeschäft konzentrieren und «Lean Management» betreiben. Genau wie die Wirtschaft das getan hat, antworten wir mit einem Tritt auf die Kostenbremse. Wie man dabei so verfährt, dass man obendrein an Lebensqualität gewinnt, verrät dieses Buch.

Zunächst sollte der Leser wissen, dass hier Genuss keineswegs, auch nicht zwischen den Zeilen, diffamiert werden soll. Es darf allerdings schon gefragt werden, ob es nicht etwas gibt, das genüsslicher ist als der gegenwärtige Kurzreisewahn. Oder ob das, was wir «schön essen» nennen, nicht furchtbar ungenüsslich ist. Doch all das dient der Suche nach dem guten Leben, nicht seiner Negation. Genuss ist die Voraussetzung dafür, sich mit der Welt zu verbinden, ohne ihn würde der Mensch veröden. Sich vom Materiellen abzuwenden, allem Genuss den Rücken zu kehren und Asket zu werden ist der Weg für Feiglinge und Rigoristen. Wenn man wie Diogenes freiwillig stinkend in der Tonne liegt und sich so weit abgehärtet hat, dass einem alle Annehmlichkeiten zuwider sind, kann es auch keine Kunst mehr sein, auf diese zu verzichten. Die echte Kunst ist die Fähigkeit, erstens die wirklich schönen Dinge zu erkennen und sie zweitens so zu dosieren, dass man am meisten von ihnen hat. Die Kunst des Verzichtenkönnens ist die eigentliche Voraussetzung für Genuss.

Einen wichtigen Grundsatz zur Optimierung des Genusses und damit auch des Lebensglücks möchte ich vorwegnehmen: Je kapriziöser man ist, je abhängiger man sich also von Dingen macht, desto ärmer ist man. Sehr viele reiche Leute sind daher sehr arme Menschen, weil sie ständig mit irgendetwas nicht zufrieden sind – das Seidenhemd ist nicht richtig gebügelt, der Bundeskanzler hat wieder mal nicht gegrüßt, der Chauffeur riecht nach Knoblauch und überhaupt. Besonders unter den Reichen gibt es überdurchschnittlich viele unglückliche Menschen, und das sollte uns allen, die wir ja im Vergleich mit anderen ebenfalls reich sind, zu denken geben. Die einzigen Reichen, die einigermaßen glücklich wirken, sind die, die sich einzuschränken wissen. Ob es noch so harmlose Dinge sind wie der Cappuccino, den man morgens angeblich «braucht», oder ob man, wie der Prince of Wales, partout nur mit dem mitgeführten Silberbesteck essen kann, letztlich ist das egal; jedes Eingeständnis, dass man etwas unbedingt «braucht», kommt bereits einer Kapitulation gleich. Im Kampf gegen die übermächtige Vulgarität der Massenkultur kann es nur kleine Triumphe geben, und ein solcher Triumph kann zum Beispiel darin bestehen, ohne etwas auszukommen, auf das man glaubte, nie verzichten zu können.

Dieses Buch wird einige Hilfestellungen geben zur Verteidigung der Lebenskunst gegen den Konsumwahn. Wer rechtzeitig lernt, mit weniger Geld umzugehen, gehört bald einer beneidenswerten Elite an, denn wirklich unbequem wird die kommende Epoche allenfalls für die Besitzenden. Sie werden ihre Tage hauptsächlich damit verbringen, um ihren Besitz zu bangen. Doch wer wenig hat, hat auch weniger zu verlieren. Und wer über das Selbstverständnis eines Vladimir Nabokov verfügt, muss nichts haben, um etwas zu sein.

Der soziale Abstieg ist eine Kunst. Ganze Völker haben ihn mit Bravour gemeistert. Und manchmal kommt sogar im Abstieg erst der wahre Glanz zum Vorschein. Im folgenden Kapitel werden wir zunächst einigen Vorbildern begegnen, die jene Kunst in einem hohen Grad beherrschen.

«Erfolg ist: Von Niederlage zu Niederlage zu gehen und dabei nicht den Enthusiasmus zu verlieren.»

WINSTON CHURCHILL

Helden der Armut

Wie man ohne Geld eine gute Figur machen kann