Die Lady von Bolton Hill - Elizabeth Camden - E-Book

Die Lady von Bolton Hill E-Book

Elizabeth Camden

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Beschreibung

Baltimore, 1867: Ohne ihre gemeinsame Begeisterung für die Musik hätten sich die wohlhabende Clara Endicott und der aus ärm- lichen Verhältnissen stammende Daniel nie kennengelernt. Aber so verbindet sie eine innige Jugendfreundschaft – bis ihre Wege sich gegen ihren Willen trennen. Als sie sich 12 Jahre später wiederbegegnen, entfacht die innige Verbundenheit, die einst zwischen ihnen bestand, eine Liebe, die keiner von ihnen für möglich hielt. Aber es gibt so viel Trennendes zwischen ihnen: Clara ist inzwischen eine couragierte Journalistin und setzt sich aus christlicher Überzeugung für die Rechte der Arbeiter ein. Daniel hat sich aus eigener Kraft als Eisenbahnmogul ein Imperium aufgebaut. Die Frage nach Gott und die Rechte seiner Angestellten kümmern ihn wenig. Beide kämpfen für ihre Überzeugungen. Können sie einen Weg zueinander finden?

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Seitenzahl: 361

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Elizabeth Camden

Die Lady von Bolton Hill

Über das Buch:Baltimore, 1867: Ohne ihre gemeinsame Begeisterung für die Musik hätten sich die wohlhabende Clara Endicott und der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Daniel nie kennengelernt. Aber so verbindet sie eine innige Jugendfreundschaft – bis ihre Wege sich gegen ihren Willen trennen.

Als sie sich 12 Jahre später wiederbegegnen, entfacht die innige Verbundenheit, die einst zwischen ihnen bestand, eine Liebe, die keiner von ihnen für möglich hielt. Aber es gibt so viel Trennendes zwischen ihnen: Clara ist inzwischen eine couragierte Journalistin und setzt sich aus christlicher Überzeugung für die Rechte der Arbeiter ein. Daniel hat sich aus eigener Kraft als Eisenbahnmogul ein Imperium aufgebaut. Die Frage nach Gott und die Rechte seiner Angestellten kümmern ihn wenig. Beide kämpfen für ihre Überzeugungen. Können sie einen Weg zueinander finden?

Über die Autorin:Elizabeth Camden studierte Geschichte und Bibliothekswissenschaft. Heute ist sie als Professorin für Bibliothekswesen tätig. Ihre Romane schreibt sie in ihrer freien Zeit. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in Florida.

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96362-969-3 Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2011 by Dorothy Mays Originally published in English under the titleThe Lady of Bolton Hilla division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A. All rights reserved. German edition © 2019 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Deutsch von Julian Müller Cover design by Jennifer Parker Cover photography by Mike Habermann Cover background: The Summit Room, courtesy of the University Club, St. Paul, MN Umschlaggestaltung: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH / Christian Heinritz Satz und Datenkonvertierung E-Book: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH

www.francke-buch.de

Prolog

Baltimore, Maryland, 1867

„Na komm, Junge. Dein Vater braucht dich.“

Ungläubig sah Daniel von seinem Prüfungsbogen auf. Sein Vater konnte ihn doch unmöglich gerade jetzt aus der Schule holen lassen. Aber Joe Manzetti stand mit ernster Miene an der Tür, und Schweißtropfen hinterließen helle Spuren auf seinem rußgeschwärzten Gesicht. Dass er geholt wurde, um die alten Maschinen im Stahlwerk zu reparieren, war für Daniel nichts Neues, aber dies war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.

„Ich komme gleich. Etwa eine Stunde brauche ich noch“, erwiderte Daniel und bemerkte die missgünstigen Blicke seiner Mitschüler, die mit ihm um das Stipendium wetteiferten. Sie hatten alle eine vernünftige Schulbildung und waren von Privatlehrern unterrichtet worden, während sein Wissen über Maschinenbau einzig und allein aus den Reparaturversuchen in den Stahlwerken im Osten Baltimores stammte.

„Es gab einen Unfall“, sagte Manzetti. „Dein Vater ist eingeklemmt. Du musst sofort kommen.“ Daniel wurde blass. Die ganze Belegschaft im Stahlwerk wusste, wie wichtig ihm diese Prüfung war. Wenn er geholt wurde, ging es um Leben und Tod. Ohne zu zögern, ließ er den Bleistift fallen, sprang auf und stürmte aus dem Klassenzimmer. Die Prüfungsaufsicht würdigte er keines Blickes.

„Ein Kessel ist explodiert“, erklärte ihm Manzetti auf dem Weg nach draußen. „Sie haben das Feuer gelöscht, aber der Kessel ist umgefallen und hat deinen Vater eingeklemmt. Er liegt immer noch drunter.“

Daniel überkam ein kalter Schauer. Wenn der Heizkessel seine Ummauerung gesprengt hatte, hatte es jede Menge Dampf gegeben. Mit Sicherheit hatte sein Vater schwere Verbrennungen erlitten. „Wie schlimm ist es?“

„Sieht nicht gut aus. Wir kriegen den Kessel erst von ihm runter, wenn die Flammrohre zu sind. Der Kessel hat bei der Explosion ordentlich Schaden genommen, also müssen wir schnell sein, bevor sich der Druck wieder aufbaut.“

Das war also der Grund, warum sie ihn holen ließen. Unter normalen Bedingungen konnte jeder die Kesselanlage bedienen, aber wenn irgendetwas kaputtging, musste Daniel auf Fehlersuche gehen. Er war zwar erst neunzehn, aber er war schon immer ein Tüfftler gewesen, im Umgang mit Maschinen äußerst geschickt.

Nachdem sie die dreieinhalb Kilometer zum Stahlwerk gerannt waren, zitterten Daniel die Beine, er hatte Seitenstiche und seine Lunge wollte zerspringen. Die Arbeiter traten beiseite, als Manzetti und er in den Kesselraum kamen. Die Luft war ruß- und dampfgeschwängert, überall lagen Backsteine verstreut, und auf dem Steinboden, unter einem massiven Kupferkessel, lag sein Vater. Wie eine dahingeworfene Puppe.

„Dad?“

Seine Augenlider flatterten. „Die Rohre sind noch dran“, röchelte er. „Mach vorsichtig, hörst du.“

Daniel betrachtete die verbogenen Flammrohre und den zerstörten Heizkessel. Eine Möglichkeit war, die Rohre zuzuschweißen, aber das würde Stunden dauern. Er musste einen anderen Weg finden, wie er sie vom Kessel trennen konnte. Jedenfalls konnten die Kameraden ihn nicht anheben, um seinen Vater darunter hervorzuziehen, denn dann würde es eine weitere Explosion geben.

„Ich brauche einen Hammer und einen Bolzen“, rief Daniel. „Und ein paar Schraubventile und Lederhandschuhe“, ergänzte er mit Blick auf die glühenden Flammrohre. Unter den umstehenden Arbeitern gab es ein Gemurmel, aber einige eilten los, um das Werkzeug zu holen. Seine ungewöhnliche Lösung zu erklären, dafür fehlte die Zeit. Er war sich selbst nicht sicher, ob sie funktionieren würde, aber die Rohre einfach abzuschlagen kam einem Selbstmord gleich. „Und ich brauche jede Menge Wasser … zur Sicherheit.“ Eigentlich war es Unsinn, sich darüber Sorgen zu machen. Er und sein Vater wären augenblicklich tot, sollte sein Plan schiefgehen.

Die Männer brachten das verlangte Werkzeug und gingen auf sichere Distanz. Ein Zittern ging durch den Körper seines Vaters. „Du weißt, was du tust, Kleiner?“

Daniel sah seinen Vater nicht an, sondern stellte den Stahlstift auf das erste Flammrohr. Die Hitze fraß sich durch die Lederhandschuhe. „Klar. Ich steche nur kurz Moms Kuchen an, damit der Dampf rauskann.“ Er legte den Hammerkopf auf den Stift. Der erste Schlag ließ nur ein helles Pling durch den Kesselraum gellen. Der zweite Schlag verhallte ebenso ohne Ergebnis, aber der dritte Schlag durchbohrte das Rohr. Mit einem hohen Pfeifen schoss der Dampf aus dem Loch. Daniel wandte sich ab. „Schnell, das Sicherheitsventil!“, rief er gegen den Lärm an. Zwei kräftige Arbeiter kamen herbei und drehten mit großen Schraubenschlüsseln ein Ventil ins Rohr. Es dauerte ein wenig, aber dann fiel der Druck ab, das Pfeifen wurde leiser und verstummte schließlich ganz. Das Flammrohr war entschärft.

Er hörte, wie hinter ihm applaudiert wurde, aber Daniel sah unentwegt auf den zerstörten Kessel. Noch war ein Flammrohr aktiv. Der Schweiß lief ihm in die Augen, und er wischte ihn mit dem Unterarm fort, bevor er wieder den Stahlstift ansetzte.

„Nur damit du es weißt ...“, röchelte sein Vater. „Ich bin stolz auf dich.“

Daniel konzentrierte sich auf das Rohr und wünschte sich, sein Vater würde nicht so reden. Das klang so, als wäre es gleich zu Ende. „Ja, ich weiß“, sagte er und holte aus. Der erste Schlag saß, genau wie der zweite. Beim dritten Schlag setzte das Pfeifen wieder ein.

Einen Augenblick später schoss ihm der Stift genau ins Gesicht. Daniel wurde nach hinten geworfen und landete unsanft auf dem Rücken. Aus einer Wunde über dem Auge rann Blut. Die Männer brachen in Jubel aus, was bedeuten musste, dass auch das zweite Flammrohr entschärft war.

Daniel rappelte sich lächelnd auf und versuchte, das Blut aus dem stechenden Auge wegzublinzeln. Ein Dutzend Männer räumte Steine beiseite und hob den Kupferkessel an. Daniel versuchte, einen Blick auf seinen Vater zu erhaschen.

Da hockte sich ein Arbeiter mit rußverschmiertem Gesicht vor ihn und drückte ihm die Schulter. „Tut mir leid, Junge. Dein Vater hat es nicht geschafft.“

* * *

Das muss der schönste Ort sein, den ich je gesehen habe, dachte Daniel und ließ den Blick über die Friedhofsmauer, den schattigen Rasen und die Kirche schweifen, die wie eine mittelalterliche Burg aussah. Claras Vater war der Pfarrer dieser Kirche, und das war der einzige Grund, warum Daniels Vater in einer so schönen Gegend wie Bolton Hill begraben werden konnte. Daniel wusste nicht, was eine Bestattung kostete, aber billig war sie jedenfalls nicht. Und er sollte dankbar sein, dass Reverend Endicott seinem Vater eine Ruhestätte an einem so hübschen Ort ermöglichte. Ohne dass es ihn etwas kostete.

Daniel drehte den Kopf, damit er Clara mit seinem guten Auge besser sehen konnte. Sie stand auf der anderen Seite des Grabs, und ihr herzförmiges Gesicht verzerrte sich jedes Mal vor Trauer und Mitgefühl, wenn sie ihn ansah. Er verfluchte im Stillen den Verband über seinem anderen Auge. Vielleicht würde er darauf nie wieder sehen können, aber es war noch immer so angeschwollen, dass der Arzt es nicht vernünftig untersuchen konnte. In jedem Fall sah sein Gesicht schrecklich aus, und das schien Clara zu belasten. Sie war erst sechzehn und konnte seinen Anblick sicher nur schwer ertragen.

Als der Sarg in das frisch ausgehobene Grab hinuntergelassen wurde, umklammerte Daniel die schmalen Schultern seiner Mutter noch fester und wünschte sich, sie würde aufhören zu weinen. Er hatte dieselben schwarzen Haare und graublauen Augen wie sie, aber da endete die Ähnlichkeit auch schon. Drei Tage lang hatte seine Mutter nichts getan, außer abwechselnd vor sich hin zu starren und herzzerreißend zu schluchzen, während Daniel sich um die Mädchen gekümmert hatte. Er hatte gar keine Zeit gehabt, die Trauer an sich heranzulassen. Seine Schwestern hatte er zumindest zeitweilig aufmuntern können, aber an den Schmerz seiner Mutter kam er nicht heran. Er würde sich etwas einfallen lassen müssen, aber im Augenblick konnte er sich nur auf eins konzentrieren: Er wollte sich mit Clara treffen. Der Gedanke machte ihm Schuldgefühle, aber er musste Zeit mit ihr verbringen, wenigstens ein paar Stunden.

Als die Zeremonie beendet war, gingen die Leute auseinander. Wenn er Clara jetzt nicht erwischte, würde sie nach Hause fahren. Frühestens in einer Woche würde er sie wiedersehen. Clara war seine beste Freundin, aber sich in ihrer Nähe aufzuhalten, wenn seine Familie ihn brauchte, war schändlich.

Und der wahre Grund, warum er ihre Nähe suchte, war noch schändlicher.

Am Tag vor dem Unfall hatte Clara ihm die Nachricht zukommen lassen, dass sie jetzt ein Stück von Frédéric Chopin übte, dem polnischen Komponisten, den sie beide so sehr liebten. Ohne ihre gemeinsame Begeisterung für Chopin hätte Daniel einen Menschen wie Clara Endicott gar nicht erst kennengelernt. Er kam von der East Side in Baltimore, einem heruntergekommenen Viertel, sie aus dem privilegierten Bolton Hill. Hier war der Geldadel zu Hause, die Rasenflächen vor den Villen gepflegt und die Luft sauber. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Welten, aber beide kauften sie ihre Noten im selben Geschäft in Merchant’s Square. Jeden Dienstag brachte ein Schiff neue Noten aus Paris, und Daniel stürzte nach der Schicht atemlos ins Notengeschäft, um zu sehen, ob es etwas Neues von Chopin gab, was er noch nicht hatte. Vor fünf Jahren, kurz nach seinem vierzehnten Geburtstag, hatte ihm der Verkäufer eröffnet, dass er gerade einen ganzen Stapel neuer Chopin-Noten an eine junge Dame verkauft habe. Daniel hatte dem Angestellten ihren Namen entlockt und sie noch am selben Abend aufgesucht.

Das war ihm nicht komisch vorgekommen. Schließlich war sie ja eine Chopin-Liebhaberin. Wie er. Was konnte natürlicher sein, als jemanden kennenlernen zu wollen, der dieselbe Leidenschaft für einen bestimmten Komponisten hatte? Erst als er Claras Haus gesehen hatte – ein imposantes Herrenhaus auf einem großen Anwesen –, war ihm bewusst geworden, dass er auf der Schwelle zu einer anderen Welt stand. Er nahm all seinen Mut zusammen, klopfte und bat, Miss Clara Endicott sehen zu dürfen. Zu seiner Überraschung war Clara ein junges Mädchen, keine zwölf Jahre alt. Sie war ein dünnes kleines Ding, hatte Haare wie gesponnenes Gold und trug ein so weißes Rüschenkleid, dass ihm die Augen wehtaten. Aber sie liebte offensichtlich Chopin, also musste irgendwo hinter all den albernen Haarschleifen etwas Vernünftiges stecken.

„Guten Abend, ich heiße Daniel Tremain. Ich habe gehört, dass du Frédéric Chopin magst, und da dachte ich, wir sollten uns einmal kennenlernen.“

„Magst du auch Chopin?“ Sie strahlte ihn an, als hätte der Weihnachtsmann geklopft.

Von diesem Tag an waren die beiden unzertrennlich. In den folgenden fünf Jahren verbrachte Daniel jede freie Minute bei Clara. Sie arbeiteten sich durch Chopins Balladen, Etüden und Sonaten. Bevor Daniel Clara kennengelernt hatte, war sein Klavier der verstimmte Klotz in der Schule gewesen. Er hatte sich alles selbst beigebracht. Clara hatte Unterricht bei Privatlehrern und half ihm, seine Spieltechnik zu verbessern. Und damit nicht genug: Clara durfte im Musikkonservatorium gegenüber der Kirche ihres Vaters die Instrumente nutzen, und so wurde Daniel mit der Zeit auch zu einem passablen Cellisten.

Auf der Suche nach Clara ließ er seinen Blick über den Friedhof schweifen. Clyde, ihr Bruder, zog sie gerade in Richtung einer Kutsche. Enttäuscht ließ Daniel die Kiefermuskeln spielen. Er musste Clara einfach sehen, aber ihr Bruder konnte so lästig sein. Seitdem er mit Clara befreundet war, hatte er immer wieder von Clydes Errungenschaften gehört. Clyde durfte nach Harvard, Clyde gewann ein Stipendium vom Smithsonian und so weiter und so weiter. Clyde bekam die beste Bildung, die man für Geld kaufen konnte, während Daniel Kohlen in einen Ofen schippte.

Er rannte über den Friedhof und fing Clara ab, als sie gerade in die Kutsche steigen wollte. „Clara, warte!“

Sie wirbelte herum. Ihre Unterlippe bebte. „Oh Daniel, es tut mir so leid wegen deines Vaters“, sagte sie und legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Ist schon gut. Ich muss mit dir reden.“

Und zusätzliche Ohren konnte er nicht gebrauchen. Er zog Clara ein Stück weg, aber Clyde sah ihm wie ein Wachhund nach. „Nicht zu weit, Tremain“, warnte er.

Daniel warf Clyde einen genervten Blick zu. Es sollte ihn nicht überraschen, dass Claras Familie allmählich misstrauisch wurde. In den letzten Jahren war er so oft bei ihnen zu Hause gewesen, dass er praktisch schon als Familienmitglied galt, aber Clara kam nun langsam ins heiratsfähige Alter. Er zog sie noch ein Stück fort.

„Hast du die Noten von der Nocturne?“, raunte er ihr zu. Eigentlich sollte er geteert und gefedert werden, dass er jetzt an Musik denken konnte, aber er brauchte unbedingt dieses Stück. Die Musik war das Einzige, was ihm helfen konnte, das Stahlwerk, die Beerdigung und das verzweifelte Gesicht seiner Mutter zu vergessen. Sie war wie eine Oase, in der es um nichts anderes ging als die nächste Notenzeile.

Clara zögerte. „Ja, habe ich. Aber die ganze Woche über richtet mein Vater eine politische Konferenz aus, und die Räume im Konservatorium sind belegt. Wir können nicht zusammen spielen.“

Noch eine weitere Woche ohne Musik würde er nicht ertragen. Er hatte die schlimmsten Tage seines Lebens hinter sich, und er brauchte diese Oase. Daniel sah sich um. Seine Mutter wartete auf ihn und er sah ihr an, dass sie jeden Augenblick zusammenbrechen würde.

„Komm heute Nacht zum Konservatorium“, flüsterte er. „Ich sorge dafür, dass wir reinkommen.“

Clara sah ihn an, als hätte er sie gebeten, ihr Haus anzuzünden. „Wir können doch nicht ins Konservatorium einbrechen. Das ist verboten!“ Aber so, wie sie auf ihrer Lippe kaute und die Hände rang, wusste er, dass sie es wollte. Es fehlte ihr nur der Mut.

„Sei nicht so ängstlich. Um Mitternacht am Konservatorium. Und vergiss die Noten nicht!“ Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief er zu seiner Mutter und wusste, Clara würde ihn nicht im Stich lassen.

Der zerbrechliche Körper seiner Mutter erinnerte ihn daran, wie viel Verantwortung in den nächsten Jahren auf seinen Schultern lasten würde. Selbst wenn er irgendwann noch einmal die Chance bekam, sich um ein College-Stipendium zu bewerben, konnte er von nun an seine Familie nicht einfach zurücklassen. Er würde einen Weg finden müssen, den drückenden Stapel an Rechnungen zu bezahlen, der nach dem Tod seines Vaters immer schneller wachsen würde. Nun war es an ihm, den Rest seiner Familie zu ernähren. Eine Zeit lang hatte er vom College und einer besseren Zukunft geträumt, aber das war nun vorbei. Das Leben, das auf ihn wartete, spielte sich in den nackten Mauern eines Stahlwerks ab.

Aber heute Nacht würde er wenigstens für ein paar Stunden in die Zauberwelt der Musik entfliehen, und das war genug Motivation für den Augenblick.

* * *

Clara umklammerte die Noten und eilte mit Blick auf den Boden auf das Musikkonservatorium zu, das oben auf dem Hügel lag. Der Mond schien so hell, dass sie auf ihrer Abkürzung quer durch die Nachbargrundstücke sehen konnte. Auch wenn sie es nicht wahrhaben wollte, sie hatte noch immer Angst vor der Dunkelheit. Es war schrecklich, so herumzuschleichen, aber noch schlimmer wäre es, ihren besten Freund im Stich zu lassen.

Als sie die nächste Kreuzung erreichte, konnte sie im Mondschein schon das Konservatorium sehen. Es gehörte der Stadt und war ein weitläufiges gotisches Gebäude mit Übungsräumen und einem übergroßen Auditorium für Konzerte. Sie und Daniel nutzten jede Gelegenheit zum Üben, die sie bekamen, und die gemeinsamen Stunden mit Beethoven, Chopin und manchmal auch mit ihren eigenen ersten Kompositionsversuchen gehörten zu ihren schönsten Erinnerungen. Normalerweise war das Konservatorium für sie wie ein zweites Zuhause, aber in dieser Nacht wirkte es wie ein Geisterschloss. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie da hineingelangen sollten, aber Daniel hatte sicher schon eine Idee. Das hatte er immer.

Mit klopfendem Herzen und feuchten Händen huschte sie über die Straße. Daniel würde ihr bestimmt sagen, sie solle nicht so ein Angsthase sein. Und das würde ihr schon helfen.

Sie hörte ein leises Lachen. „So, wie du dich duckst, könnte man denken, Pinkertons ganze Agentenarmee sei hinter dir her.“ Sie drehte sich um und sah, wie Daniel hinter einigen Platanen hervortrat. Er strahlte so eine ruhige Selbstsicherheit aus. Clara lächelte. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie sich vor Angst fast in die Hosen gemacht, aber Daniel verstand es immer wieder, ihre im Grunde lächerlichen Sorgen zu vertreiben.

„Das Türschloss am Hintereingang habe ich schon erledigt“, sagte Daniel. „Komm.“

Er musste schon eine ganze Weile da sein, denn das Cello stand bereits neben dem Klavier. „Willst du Chopin spielen oder wollen wir uns etwas Neues ausdenken?“, wollte Clara wissen. In den letzten Monaten hatten sie angefangen, gemeinsam zu komponieren, Daniel am Cello und sie am Klavier.

„Lass uns Chopin spielen. Ich kann heute Nacht nicht denken.“

Sie hatte befürchtet, dass er das sagen würde. „Es gibt leider ein Problem mit der Cellostimme“, druckste sie herum. „Sie steht in einer anderen Tonart als das Klavier.“

Daniel griff nach den Noten und überflog die Zeilen. „Macht nichts. Ich transponiere das beim Spielen.“

Clara nahm seit Jahren Musikunterricht, aber vom Blatt transponieren konnte sie noch immer nicht. Helles Mondlicht schien durch die bodentiefen Fenster auf ihre Partitur, nur Daniel musste seine ganz nah vors Gesicht halten, den Kopf schief gelegt, während er mit seinem guten Auge Zeile für Zeile prüfte.

„Hast du genug Licht?“, fragte Clara. „In der Kammer stehen Lampen.“

„Ich sehe genug. Zum Beispiel diese hässliche Haube auf deinem Kopf. Sie sieht aus wie ein Kartoffelsack.“

Clara zog die Haube ab. „Ich wollte nicht, dass man meine Haare im Mondlicht sieht. Ich weiß, dass sie hässlich ist. Jemand hat mich mal gefragt, ob ich sie aus dem Müll geholt habe.“

„Was? Wer wagt es? Sag mir den Namen und ich prügle ihn windelweich.“

„Clyde war das. Und das Verprügeln kannst du dir sparen. Du warst auch nicht netter zu meiner armen Haube.“

„Ja, aber ich darf so etwas Gemeines sagen. Sonst keiner.“

Clara nickte. Daniel zog sie ständig auf, aber es machte ihr nichts aus, weil sie wusste, dass er es nicht so meinte. Daniel würde für sie gegen Drachen kämpfen, wenn sie ihn darum bat. Clyde war auch ständig gemein zu ihr, aber sie wollte jetzt nicht über ihren unerträglichen, blitzgescheiten Bruder sprechen. Clara wusste, wie neidisch Daniel auf Clyde war, weil dieser die besten Schulen der Gegend besuchen durfte. Jetzt, wo Daniel den Test für ein Yale-Stipendium hatte sausen lassen müssen, blieb ihm dieser Weg wohl auf ewig versperrt.

„Wie geht es deiner Mutter? Und deinen Schwestern … verstehen sie überhaupt, was passiert ist?“

Daniel ließ die Schultern hängen. „Bitte, Clara, nicht heute Nacht. Alles, aber nur nicht das.“ Er richtete sich auf. „Erzähl mir von Edmond Dantès. Das Letzte war, dass er gerade Villeforts Frau überreden wollte, ihn zu vergiften.“

In den letzten Wochen hatte Clara Daniel die Geschichte vom Graf von Monte Cristo erzählt, während sie Kapitel um Kapitel las. Daniel hatte keine Zeit zum Lesen, aber er liebte ihre Zusammenfassungen, egal von welchem Buch. Abenteuergeschichten mochten sie am liebsten, und Clara hatte schon fast alles von Victor Hugo und Daniel Defoe verschlungen.

„Was würde ich dafür geben, so schreiben zu können wie Victor Hugo“, meinte sie. „Habe ich dir erzählt, dass meine Tante Helen ihn in Paris getroffen hat?“ Tante Helens Gedichte hatten ihr in Europa und Amerika Aufmerksamkeit verschafft, und Clara hielt die Schwester ihres Vaters für eine ganz außergewöhnliche Person.

„Wann kommt sie eigentlich wieder nach Hause? Seit ich dich kenne, gondelt sie wie ein Landstreicher durch Europa.“

Clara zuckte mit den Schultern. Sie fürchtete sich davor, Daniel zu eröffnen, dass nicht mehr viel fehlte, und sie würde zu Tante Helen nach London ziehen müssen. Daniel hatte einmal gesagt, ihre Freundschaft sei der einzige Sonnenstrahl in seiner Welt aus Kohlenkesseln und schäbigen Hütten, aber Claras Vater war nun einmal entschlossen, sie nach Europa zu schicken. Er wollte, dass die Endicotts die Welt veränderten, und auf diese Aufgabe hin hatte er Clara und ihren Bruder erzogen, seit sie laufen konnten.

„Mein Vater meint, Tante Helen soll sich weiter in den Kreisen der Mächtigen in Europa vorarbeiten“, sagte Clara schließlich. „Und überall, wo sie hingeht, versucht sie die Menschen für seine Idee zu begeistern: kostenlose Bildung für alle. Clyde geht nächsten Monat nach Südamerika, um die Ureinwohner gegen Pocken zu impfen. Nur ich bin die große Enttäuschung in der Familie. Einer gescheiter als der andere, und ich bin wie ein Knallfrosch, der nur kurz zischt, wenn man ihn anzündet. Ich kann noch nicht mal vom Blatt transponieren.“

„Clara, du bist sechzehn. Du sollst noch gar nicht erfolgreich sein … das würde dir doch zu Kopfe steigen.“

„Aber du hast Erfolg bei allem.“

Daniel zwinkerte. „Ja, ich weiß.“

Sie stieß ihm empört den Ellbogen in die Rippen. Trotzdem musste sie sich eingestehen, wie gut er aussah, wenn er sie so spitzbübisch angrinste. Mit seinen strubbeligen schwarzen Haaren und der Augenbinde sah er genauso verwegen aus wie ein Pirat aus einem Abenteuerroman. Den Mädchen aus ihrer Schule, Miss Carlton’s Academy, würde er reihenweise den Kopf verdrehen, aber Clara hatte sich verboten, für ihn zu schwärmen. Das würde nur alles ruinieren. Daniel hatte viele Freundinnen, und sich hinten anzustellen, kam für sie nicht infrage. Lieber wollte sie seine beste Freundin sein.

Sie rutschte auf der Klavierbank hin und her und stellte die Noten so hin, dass ihr Schatten nicht auf das Notenblatt fiel. Daniel setzte sich auf eine Ecke der Bank und legte seine Noten auf einen Notenständer. Während Clara ein paar Akkorde spielte, um ihre Hände an die Klaviatur zu gewöhnen, lehnte Daniel sich in ihre Richtung. „Fertig?“ Sie nickte. „Auf drei.“

Daniel zählte ein und die ersten Töne von Chopins Nocturne erfüllten den Raum. Kurz darauf stimmte das Cello seinen traurigen Gesang an und webte warme Töne zu einer Melodie. Das lyrische Stück fing die triste Grundstimmung von Chopins Werk gekonnt ein.

Es hatte etwas Magisches, allein in diesem dunklen Raum zu spielen, der nur vom Mondschein erhellt wurde. Die klagende Melodie erhob sich in die Höhe, dann wieder ging sie in den Keller, und Clara hatte das Gefühl, sie wären die einzigen Menschen auf dieser Welt. So fühlte es sich immer an, wenn sie zusammen musizierten.

Darum erschrak sie auch so, als Daniel einen Ton nicht erwischte. Die Melodie wurde falsch und verstummte schließlich ganz. Daniel ließ den Bogen sinken und vergrub das Gesicht in der Armbeuge.

Er schluchzte.

Clara sprang auf und kniete sich vor ihn, aber er wandte sich ab. „Clara, nicht. Sieh mich nicht an.“

Daniel sackte zusammen. Das Schluchzen kam tief aus seinem Brustkorb und war nicht aufzuhalten. Sogar seine Schultern bebten. Clara setzte sich hinter ihn und schlang die Arme um ihn. „Bitte, nicht weinen“, sagte sie, obwohl das nichts nützte. Daniel war der stärkste, schlauste Mensch der Welt, und ihn so zu sehen, ließ auch bei ihr die Tränen kullern.

„Mein ganzes Leben zerbricht und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll“, brachte Daniel mühsam heraus. „Meine Mutter ist ein einziges Wrack, und die Mädchen heulen ununterbrochen. Ich sehe meinen Vater da liegen, völlig zerquetscht“, sagte er mit tränenerstickter Stimme. „Dieses Bild bekomme ich nicht mehr aus dem Kopf. Die Verbrennungen in seinem Gesicht waren so schlimm, dass sie schon Blasen schlugen.“

Die Bilder, die er heraufbeschwor, ließen Clara zusammenzucken. „Daniel, dein Vater ist jetzt im Himmel. Er wird nie wieder leiden.“

So schnell, wie sie gekommen waren, schluckte Daniel die Tränen wieder herunter. Das Schluchzen verebbte und er wischte sich mit dem Ärmel das Gesicht ab. „Ich glaube nicht an den Himmel“, sagte er so leise, dass Clara es fast nicht hörte.

Clara schluckte und suchte nach einer Antwort. Sie glaubte fest an Gott und ein Leben nach dem Tod. Das hatte sie noch nie infrage gestellt. Insgeheim wünschte sie sich, ihr Vater wäre hier. Er wusste immer das Richtige zu sagen.

„Also, ich glaube an den Himmel“, meinte sie schließlich behutsam. „Und dein Vater auch, und wir beide wissen doch, dass er schlauer war als ein Stapel Enzyklopädien. Er hat sich garantiert nicht geirrt.“ Daniel verschluckte sich beim Lachen. „Vertrau mir, Daniel. Dein Vater ist im Himmel und muss nicht mehr leiden.“

Daniel seufzte und nickte. „Vielleicht hast du recht.“ In seiner beiläufigen, spontanen Art klang es, als gebe er nur klein bei. Er strich sich die dunklen Haare nach hinten. „Noch mal?“, fragte er und hob den Bogen auf.

Als Clara zögerte, sah er sie mit seinem rot geweinten Auge eindringlich an. „Bitte, Clara, ich brauche das heute.“

Es gab nichts, was Clara nicht für Daniel tun würde, aber sie fühlte sich wie eine Verräterin. Bald schon würde sie ihn verlassen, und der Zeitpunkt war denkbar schlecht.

Sie drehte sich zurück zum Klavier und schob die Noten zurecht. „Dann auf drei.“ Das Cello setzte wieder kurz nach dem Klavier ein, dieses Mal stark und selbstbewusst. Die sanfte, wogende Melodie erfüllte den Raum, und die melancholische Nocturne traf Claras Nerv. In einer guten Welt würde Daniel Musik studieren dürfen, und sie würde ihr Innerstes in großen literarischen Werken nach außen kehren.

Clara hatte keine Ahnung, was die Zukunft bringen würde, aber einer Sache war sie sich sicher: Daniel Tremain war ihr bester Freund, und kein Geld der Welt konnte etwas daran ändern, egal, wie weit sie voneinander entfernt waren.

Kapitel 1

London, 1879 Zwölf Jahre später

Das metallische Klacken des Schlosses ließ Clara aufschrecken. Auch die anderen beiden Frauen in der Zelle rührten sich. Besuch um diese Uhrzeit war ungewöhnlich. Clara war sofort auf den Beinen, während ihre Mitinsassen auf ihren Pritschen liegen blieben. Nellie und Rosina hatten ihr Urteil längst bekommen und saßen ihre Strafen ab, während Claras Fall immer noch seinen Weg durch die Mühlen des Rechtssystems suchte. Seit mehreren Wochen wartete sie nun schon auf ihr Urteil, und ihr blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen und zu beten.

Mit guten Nachrichten rechnete sie nicht. Schließlich konnte sie ihre Unschuld nicht beweisen. Üble Nachrede, so lautete die Anklage, und ihr ganzes Beweismaterial, das sie beim Belauschen der Minenbesitzer und beim Beobachten der Vorgänge in den Kohleminen gesammelt hatte, war zerstört worden. Die Tür der Zelle ging auf und gab den Blick auf die grobe Gestalt von Mr Loomis frei, dem Wärter. Er zeigte auf Clara.

„Mitkommen“, knurrte er. „Und die Sachen können Sie auch gleich mitnehmen. Sie kommen nicht zurück.“

Clara wurde blass. So schrecklich diese Zelle war, der Gedanke an eine Versetzung machte ihr noch größere Angst. Würden sie sie aus London verbannen? Hier hatte sie wenigstens einige Verbündete, die ihre Sache unterstützten. Wenn sie auf eine der Gefängnisinseln gebracht werden würde, wäre sie endgültig vom Rest der Welt abgeschnitten. Ängstlich schoss ihr Blick durch die kleine Zelle. Nellie und Rosina waren ihr einziger Halt. Clara umklammerte Nellies Hand, Rosina legte ihr tröstend einen Arm um die Schulter. Claras Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Wohin komme ich denn?“, fragte sie Mr Loomis.

„Der Richter hat das Urteil gesprochen. Schuldig. Jetzt wird’s Zeit, die Zeche zu zahlen.“

Claras letztes Fünkchen Hoffnung erlosch. Einen Monat lang hatte sie insgeheim gehofft, dass der Kläger auf wundersame Weise seine Meinung änderte oder weitere Beweise auftauchten, die die Strafe mildern würden. Clara verspürte eigenartigerweise keinerlei Drang zu weinen oder wegzulaufen. Wie eine nasse, schwere Decke legte sich die Hoffnungslosigkeit auf sie und zwang sie in die Knie.

Nellie drückte ihr die Hand. „Mach dir keine Sorgen, Clara. Das Urteil fällt bestimmt milde aus, weil du Amerikanerin bist.“

„Darauf würde ich mich nicht verlassen“, knurrte Mr Loomis. „Das macht die Tat nur noch abscheulicher.“ Mr Loomis hatte recht. Ihre Artikel in der LondonTimes hätten in jedem Fall für eine Welle der Empörung gesorgt, aber weil sie von einer Außenstehenden stammten, waren die Beschimpfungen besonders heftig.

„Glaub ihm kein Wort“, flüsterte ihr Nellie zu. „Du bist schneller draußen, als du glaubst. Hab keine Angst.“

Clara zwang sich zu einem Lächeln. „Ich weiß. Das wird schon werden“, sagte sie, konnte aber keiner der beiden Frauen in die Augen sehen. Sie richtete sich auf und reckte das Kinn nach vorn. „Also schön. Es wäre wohl schlechtes Benehmen, wenn ich zu meiner eigenen Urteilsverkündung zu spät komme.“

„Vergiss dein Kissen nicht“, meinte Rosina und gab ihr den zusammengerollten Mantel, den Clara am Abend ihrer Verhaftung getragen hatte. Rosina gehörte eigentlich in die Schule, nicht als Prostituierte auf die Straße, und doch konnte Clara nicht anders, als ihre liebenswürdige Art zu mögen.

„Danke“, erwiderte Clara und zog mit zitternden Händen den Mantel an. Einen Monat lang hatte er ihr als Kissen, als Fußwärmer und sogar als improvisierte Waffe gegen Mäuse gedient, und trotzdem hatte er seinen eleganten Schnitt behalten.

„Machs gut, Kleines“, sagte Rosina und umarmte Clara. „War schön, dich als Zellengenossin gehabt zu haben. Auch wenn du bei jeder kleinen Maus einen halben Herzinfarkt gekriegt hast. So eine Heidenangst vor diesen Tierchen, das habe ich noch nie erlebt.“

Clara kämpfte gegen die Verzweiflung an, die sie übermannen wollte. Warum war es auf einmal so schwer, die fensterlose Zelle zu verlassen? „Versprich mir, dass du zur Schule gehst, wenn du hier rauskommst“, flüsterte sie Rosina ins Ohr. „Du bist so ein tolles, schlaues Mädchen und hast viel mehr verdient, als du glaubst.“

Sie schob Rosina von sich und sah sie beschwörend an. „Wenn du hier rauskommst, steht dir die ganze Welt offen, hörst du? Lass dir bloß nichts anderes einreden. Du bist genauso wertvoll wie jeder andere Mensch auch.“

Rosina wurde rot und sah zu Boden. „Wenn eine Dame wie du das sagt …“

Clara lächelte, und dieses Mal fiel es ihr nicht schwer. „Ich habe seit dem ersten Augenblick an dich geglaubt.“ Dann wandte sie sich an Nellie, eine Taschendiebin, die ihre zweijährige Strafe fast abgesessen hatte. „Danke, dass du mir gezeigt hast, wie man hier überlebt. Ohne dich hätte ich es nicht geschafft.“

Nellie grinste sie an, dabei wurden ihre Zahnlücken offenbar. „Hättest du auch so gelernt. Aber ich war es dir schuldig. Für meine zwei Jungs und dass du gegen die Mine geschrieben hast, wo sie sich halb kaputt schuften. Also wenn es nach mir ginge, würdest du gar keine Strafe kriegen.“

Clara umarmte sie dankbar. Eine Taschendiebin und eine Prostituierte. In ihrer alten Welt der Konzertsäle und Adelstitel wäre sie mit solchen Frauen niemals in Kontakt gekommen; nun war es Nellie, an die sie sich verzweifelt klammerte. Vielleicht hatte dieses schreckliche Martyrium doch sein Gutes. Sie hatte gelernt, hinter all der Armut, die selbst herzensgute Frauen zu schlimmen Taten zwang, dennoch den Menschen zu sehen.

„Hab nicht den ganzen Tag Zeit.“ Mr Loomis’ Worte ließen ihr einen neuen Schauer über den Rücken laufen. Ihn hinzuhalten machte die Sache kein bisschen leichter.

„Ich versuche euch zu schreiben, sobald ich angekommen bin, wo auch immer das sein wird.“

„In Ordnung“, meinte Nellie. Aber sie wussten alle, dass das nur leere Worte waren. Nellie würde man in Kürze in die Unterwelt von London entlassen, und Rosina konnte noch nicht einmal lesen. Trotzdem machte es den Augenblick ein wenig erträglicher. Weniger endgültig.

Clara verließ die Zelle, ohne sich noch einmal umzudrehen. Den mitleidvollen Blick ihrer Zellengenossinnen konnte sie einfach nicht ertragen. Wenigstens durften sie hier in London einsitzen. Gott allein wusste, wohin Clara gebracht werden würde.

„Darf ich mich einen Augenblick sammeln?“, fragte Clara den Wärter und blieb in dem trostlosen Gang stehen. Der Mantel war hoffnungslos zerknittert, aber zumindest bedeckte er ihr schmutziges Hemd. Ihre Arbeit war abgelehnt worden, ihr sorgfältig aufbereitetes Recherchematerial konfisziert und zerstört, und nun stand ihr ein neues Leben als verurteilte Straftäterin bevor. Und trotzdem war sie eine Endicott, und Endicotts gingen nicht daher wie Lumpenpack, egal, wie jämmerlich die Umstände auch waren.

Vergebens zog Clara an dem Mantel, um die Falten zu glätten. Sie steckte einige blonde Strähnen zurück in den Haarknoten und atmete durch. „Nun denn. ‚Es ist etwas weit, weit Besseres, was ich tue, als was ich je getan habe.‘“

Mr Loomis sah sie ausdruckslos an.

„A Tale of Two Cities“, erklärte Clara. „Die Gefängnisszene, in der Sydney Carton zur Hinrichtung geführt wird.“

„Die werden Sie nicht hinrichten, Miss. Zehn Jahre Arbeitslager, sagen die Quotenmacher.“

Clara musste schlucken. Zehn Jahre. Das bedeutete, sie würde mit achtunddreißig freikommen. Aber so schlimm war das doch gar nicht, oder? Sie musste an das unerschütterliche Selbstvertrauen des Jungen denken, in den sie mit sechzehn verschossen war. Fast konnte sie Daniels Stimme hören, der sie ermahnte, sich am Riemen zu reißen und nicht so eine Heulsuse zu sein.

Sie versuchte zu lächeln. „Und? Haben Sie eine Wette abgeschlossen?“

Mr Loomis zuckte mit den Schultern. „Wetten ist nichts für mich. Vielleicht sind’s zehn Jahre, vielleicht zwanzig. Hab schon zu viele verrückte Dinge im Gerichtssaal erlebt, als dass ich mein hart verdientes Geld drauf setzen würde.“

Clara nickte nur und wusste nichts zu erwidern. Zwanzig Jahre, das konnte nicht sein, oder? Nicht dafür, dass sie ihr Leben riskiert hatte, um die unmenschlichen Verhältnisse aufzudecken, unter denen Kinder in den Minen nach Kohle schürfen mussten. Wem vor Augen geführt wurde, was diese Plackerei für die Wirbelsäule eines Kindes bedeutete, konnte ihr unmöglich so ein Schicksal aufbürden.

Und dank ihres brillanten Anwalts Robert Townsend waren dem Gericht zu ihrer Verteidigung Beweise dafür präsentiert worden. Clara konnte nur Gott danken, dass sie der beste Anwalt Londons vertrat. Normalerweise verlangte er astronomische Summen für seine Dienste, aber ein anonymer Spender, dem das Wohl der Kinder am Herzen lag, hatte alle seine Rechnungen beglichen. Das war glücklicherweise nichts Ungewöhnliches. Tausende von fortschrittlich denkenden Menschen wollten etwas für die soziale Gerechtigkeit tun. Dafür war Clara dankbar. Ihr bescheidenes Gehalt als Journalistin hätte niemals für Mr Townsends Stundensatz gereicht, und ihren Vater wollte sie nicht fragen.

Clara trat ins Morgenlicht hinaus und musste die Augen zukneifen. Ein Monat Haft in der fensterlosen Zelle hatte ihre Sehkraft geschwächt, und es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten. Als sie sie schließlich öffnete, wollte sie angesichts der Schönheit des einfachen Gefängnishofs fast in Tränen ausbrechen. Zartgrüner Efeu rankte an der Gefängnismauer empor, und der Duft von frisch gemähtem Gras kitzelte ihr in der Nase. Und der Himmel … der Himmel. Wie hatte sie nur achtundzwanzig Jahre ihres Lebens zugebracht, ohne das atemberaubende Blau über ihrem Kopf wahrzunehmen? Hätte sie früher begriffen, was für ein Geschenk das Himmelszelt war, hätte sie Gott täglich dafür gedankt. Clara sog das Licht durch alle Poren auf. Sie versuchte, sich die Wolken und das Blau des Himmels einzuprägen, damit sie in den folgenden Jahren der Dunkelheit und Isolation von der Erinnerung zehren konnte.

Eine Kutsche hielt vor dem Gefängnis und ihr Anwalt sprang heraus. Er eilte schnurstracks auf sie zu und griff sie am Arm. „Kommen Sie“, sagte er und zog sie in Richtung Kutsche. „Wir müssen sofort von hier verschwinden.“

Clara sah zum Gerichtsgebäude hinüber. „Ich dachte, ich bekomme jetzt mein Urteil“, stammelte sie.

Mr Townsend zog sie unbeeindruckt weiter. „Das ist unwichtig. Das Parlament hat meinem Amnestiegesuch stattgegeben, vorausgesetzt, Sie verlassen bis zum Sonnenuntergang das Land. Kommen Sie, schnell.“

Clara wirbelte mit fragendem Blick zu Mr Loomis herum und sah, dass sich seine Mundwinkel nach oben kräuselten. Er hatte gewusst, dass sie freigelassen wurde! „Sehen Sie?“, freute er sich hämisch. „Gut, dass ich mit Wetten nichts am Hut habe, sonst wäre ich fünf Mäuse los.“

Ein zweiter Mann stieg aus der Kutsche und versetzte ihr den nächsten Schock. Die unverwechselbaren Wildlederhosen, der lange Zopf, das lange Messer am Bein: Was um alles in der Welt machte ihr Bruder hier?

„Clyde?“, entfuhr es ihr.

Bevor sie noch etwas sagen konnte, hatte Clyde sie schon geschnappt und durch die Luft gewirbelt. „Hallo, Darling. Ich wollte doch mal sehen, wie so ein kleines Mädchen so einen großen Krawall machen kann. Aber komm, lass uns gehen, bevor die alten Perücken im Parlament ihre Meinung ändern.“

Clyde hob sie in die Kutsche und Clara landete ungraziös auf dem Sitz. Die Männer kletterten ebenfalls hinein.

Clara hatte so verzweifelt auf einen Augenblick wie diesen gehofft, dass sie kaum zu atmen wagte, um ihn nicht zu zerstören. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht der Euphorie freien Lauf zu lassen. Mr Townsend landete auf dem Sitz ihr gegenüber. „Träume ich?“, fragte sie betont ruhig. Theatralisches Getue kam nicht infrage, noch nicht einmal im Traum.

Clyde zog die Tür zu und klopfte gegen die Scheibe, um dem Kutscher das Signal zum Aufbruch zu geben. „Du träumst nicht. Wir sind auf dem Weg zurück nach Amerika.“

„Also sind Sie doch Ihre unverschämt hohen Stundensätze wert“, sagte Clara und lächelte Mr Townsend dankbar an. „Bei den Kosten für mein Verfahren können Sie sich wahrscheinlich ein kleines Anwesen kaufen.“

Mr Townsend richtete seinen gestärkten Kragen. „Ach was. Das sollte für ein mittleres Schloss reichen.“ Er zog das Fenster nach unten und kühle Frühlingsluft strömte in die Kutsche. Clara wurde bewusst, wie streng sie riechen musste und es war ihr fürchterlich peinlich.

„Schade, dass das Parlament nicht früher von meiner Sache Wind bekommen hat. Sie hätten mich schon vor Wochen zur unerwünschten Person erklärt und aus dem Land geworfen“, stellte Clara fest.

Ein Lächeln umspielte die Lippen ihres Anwalts. „Miss Endicott, wenn doch alle unsere unerwünschten Personen mit so viel Herzblut für unsere Gesellschaft eintreten würden; unser Land wäre ein viel besserer Ort.“

Clara bekam bei seinen freundlichen Worten einen Kloß im Hals. Er hatte wie ein Löwe für sie gekämpft. Sie war als Lügnerin, als Spionin und Aufrührerin gebrandmarkt worden. Selbst als sein Büro verwüstet und er in wüsten Drohbriefen aufgefordert worden war, den Fall abzugeben, hatte Mr Townsend nicht aufgehört

Clara hatte gar keinen Skandal im Sinn gehabt, als sie mit ihren Nachforschungen begonnen hatte, sondern nur eines gewollt: die Welt ein kleines bisschen sicherer machen. Zumindest an einem Ort und wenigstens für die Kinder. Sie war kein berühmter Prediger wie ihr Vater und kein Missionsarzt wie Clyde, aber sie konnte mit ihrer Feder auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen, die sie sah. Vor Jahren hatte es neue Gesetze gegen Kinderarbeit in England gegeben, aber verändert hatte sich wenig. Zwei Jahre lang hatte Clara das Alter der Arbeiter in den Kohleminen ausgewertet und herausgefunden, dass sogar zwölfjährige Kinder die Loren unter Tage durch Gänge schieben mussten, in die Erwachsene nicht hineinpassten. Als Clara ihre Ergebnisse in der Times veröffentlicht hatte, hatte dies eine hitzige Debatte ausgelöst.

Nicht dass sie journalistische Bekanntheit im Sinn gehabt hatte, als sie mit sechzehn als einsames, verwirrtes Mädchen in England angekommen war. Niemand hier kannte den wahren Grund, warum ihr Vater sie nach England geschickt hatte, und sie war gewiss die Letzte, die die Geschichte herumerzählen wollte.

„Ich habe schon dafür gesorgt, dass Ihr Besitz nach Portsmouth an den Hafen geschickt wurde“, erklärte Mr Townsend. „Ihr Kleidung, Ihre Habseligkeiten, es sollte alles da sein. Ich denke, es ist besser, wenn Sie nicht noch einmal zu Ihrer Wohnung fahren.“

„Also meinen die es ernst mit Sonnenuntergang?“

„Wollen Sie es darauf ankommen lassen?“, fragte Mr Townsend.

Clara lachte nervös. „Lieber nicht.“

Das hier war also ihre letzte Kutschfahrt in England. Ihr Blick wanderte nach draußen auf das Land, das sie so lieben gelernt hatte. Sie war achtundzwanzig und hatte fast ihr halbes Leben hier in London verbracht. Hier war sie erwachsen geworden und hatte schließlich gelernt, ihrem Vater die Stirn zu bieten. Hier hatte sie ihren Herzschmerz überwunden und sich ihren Traum einer Karriere als Journalistin erfüllt. Und für einige Jahre hatte sie durch ihre Arbeit für die Presse tatsächlich die gute Sache unterstützen können. Ihre Artikel hatten Zustimmung gefunden, aber ihr auch Feinde beschert. Doch insgesamt blieb das zufriedene Gefühl, für das Gute zu kämpfen.

Und doch hatte sie versagt. Ihre Notizen über die Beobachtungen in den Kohleminen waren konfisziert und vernichtet worden. Ohne das Beweismaterial waren ihre Anschuldigungen nur Schall und Rauch. Kein Kind war gerettet, kein Minenbesitzer vor Gericht gestellt worden. Es war, als wäre sie nie hier gewesen. Sie hatte versagt.

„Was werden Sie tun, wenn Sie wieder in Amerika sind?“, wollte Mr Townsend wissen.

Hatte sie überhaupt eine Wahl? „Ich habe geschmeckt, wie es ist, die Welt zu verändern, und damit werde ich jetzt nicht aufhören. Ich werde für die Zeitung meines Vaters in Baltimore schreiben.“ Reverend Lloyd Endicott war ein bekannter Gottesmann, und The Christian Crusade, seine Zeitung, die wöchentlich erschien, hatte eine loyale Leserschaft über die Stadtgrenzen von Baltimore hinaus. Es schien ihr das Naheliegendste zu sein, für ihren Vater zu schreiben. Wenn der Herr sie zum Schweigen hätte bringen wollen, säße sie jetzt für zehn Jahre im Gefängnis.

Der innerliche Entschluss gab ihr neue Kraft. Clara war besiegt worden, verurteilt und trug vor Dreck starrende Kleider, aber sie hatte das Geschenk der Freiheit erhalten, und das würde sie gewiss nicht vergeuden.

* * *

„Gab es schon immer so viele Sterne am Himmel, oder sind sie mir einfach noch nie aufgefallen?“, fragte Clara.

Clyde lehnte an der Reling und sah gar nicht nach oben. „Das sind genauso viele wie immer. Willst du nicht langsam nach unten kommen? Es ist bitterkalt hier draußen.“

Clara lehnte sich in den Wind, genoss die frische Ozeanluft im Gesicht und das Rauschen vom Bug, wo das Schiff Welle um Welle durchpflügte. Winzige Tröpfchen Seewasser sprühten ihr ins Gesicht und waren in der kalten Brise bald wieder verdunstet. Sie mochte nicht an die beengte Kabine denken, solange sich hier der Himmel mit Tausenden blinkenden Sternen über ihr ausbreitete. Die unendliche dunkle Weite fesselte sie. „Ich kann noch nicht“, erwiderte Clara. „Ich habe immer noch Angst, dass das nur ein Traum ist und ich wieder in dieser Zelle aufwache. Lieber möchte ich die Nacht noch so lange genießen, wie es geht.“

Clyde sah aufs Meer hinaus. „Na schön.“ Er zog ein Taschenmesser und ein kleines Stück Holz aus der Manteltasche und fing an zu schnitzen. Eins seiner vielen Talente. „Hast du eigentlich noch Kontakt zu Daniel Tremain?“, fragte er.

Der Name klang so vertraut. Einst hatte sie sich kein Leben ohne Daniel vorstellen können. Aber das war schon über zehn Jahre her. „Hat Vater dir diesen Floh ins Ohr gepflanzt?“

„Nein“, entgegnete Clyde. „Ich möchte nur endlich wissen, was aus der Prinzessin und dem Bettelknaben geworden ist.“

Clara versuchte, beiläufig zu klingen. „Was in den Zeitungen über ihn stand, habe ich gelesen.“

Es war schwer zu glauben, dass aus einem einfachen Kohlenträger einer der mächtigsten Industriellen Amerikas geworden war, aber Clara hatte nie daran gezweifelt, dass Daniel zu Großem bestimmt war. Sie erinnerte sich noch gut an den winzigen Artikel in der Times