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In 'Die Lage Englands' analysiert Friedrich Engels die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der englischen Arbeiterklasse im Kontext der Industriellen Revolution. Mit scharfer Beobachtungsgabe und einem tiefen Verständnis für die politischen Verhältnisse seiner Zeit beschreibt Engels die miserablen Lebensbedingungen der Arbeiter, die Ausbeutung und die unhaltbaren Wohnverhältnisse in den urbanen Zentren. Der literarische Stil ist sowohl analytisch als auch anklagend, geprägt von einer eindringlichen Sprache, die den Leser in die Realität der Proletarier eintauchen lässt, und stellt somit einen wichtigen Beitrag zur politischen Literatur des 19. Jahrhunderts dar. Friedrich Engels, ein Zeitgenosse von Karl Marx und Mitbegründer des Marxismus, wurde 1820 in Barmen geboren und erlebte die sozialen Umbrüche seiner Zeit hautnah. Sein beruflicher Werdegang in der Textilindustrie und seine engen Verbindungen zur Arbeiterbewegung beeinflussten maßgeblich seine Überlegungen zu sozialen Gerechtigkeit und politischen Reformen. 'Die Lage Englands' entstand aus seiner persönlichen Beobachtung der Verhältnisse in der industrialisierten Gesellschaft und bietet einen tiefen Einblick in die prekäre Existenz der Arbeiter. Dieses Buch ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die Wurzeln des Sozialismus und die sozialen Fragen des 19. Jahrhunderts interessieren. Engels' eindringliche Schilderungen und seine fundierte Analyse sind heute weiterhin von großer Relevanz, und Leser, die sich mit den Themen soziale Gerechtigkeit und Arbeiterrechte beschäftigen, werden von seinen Erkenntnissen nachhaltig beeindruckt sein.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Unter all den dicken Büchern und dünnen Brochüren, die im vergangenen Jahre zur Belustigung oder Erbauung der „gebildeten Welt“ in England erschienen sind, ist die obige Schrift die einzige, die des Lesens werth ist. Alle die bändereichen Romane mit ihren traurigen und lustigen Verwicklungen, alle die erbaulichen und beschaulichen, gelehrten und ungelehrten Commentare über die Bibel - und Romane und Erbauungsbücher sind die zwei Stapelartikel der englischen Literatur - Alles das könnt Ihr ruhig ungelesen lassen. Vielleicht findet Ihr einige geologische oder ökonomische, historische oder mathematische Bücher, die ein Körnchen Neues enthalten - aber das sind Sachen, die man studirt, aber nicht liest, das ist trockne Fachwissenschaft, dürre Herbarienwirthschaft, Pflanzen deren Wurzeln aus dem allgemeinen menschlichen Boden, aus dem sie ihre Nahrung zogen, längst losgerissen sind. Ihr mögt suchen wie Ihr wollt, Carlyle’s Buch ist das Einzige, das menschliche Saiten anschlägt, menschliche Verhältnisse darlegt, und eine Spur von menschlicher Anschauungsweise entwickelt.
Es ist merkwürdig, wie sehr die höhern Klassen der Gesellschaft, so was der Engländer „respectable people,“ „the better sort of people“ etc. nennt, in England geistig gesunken und erschlafft sind. Alle Energie, alle Thätigkeit, aller Inhalt sind dahin; der Landadel geht auf die Jagd, der Geldadel schreibt Hauptbücher, und, wenn es hoch kommt, treibt sich in einer ebenso leeren und schlaffen Literatur herum. Die politischen und religiösen Vorurtheile, erben sich von Generation zu Generation fort; man bekommt jetzt alles leicht gemacht und braucht sich gar nicht um Prinzipien mehr zu plagen, wie in früheren Zeiten; sie fliegen Einem jetzt schon in der Wiege fix und fertig zu, man weiss nicht woher. Was braucht man weiter? Man hat eine gute Erziehung genossen, d.h. man ist in der Schule mit den Römern und Griechen ohne Erfolg geplagt worden, im Uebrigen ist man „respektabel,“ d.h. besitzt so und so viel Tausend Pfund, und hat sich also um weiter gar nichts zu bemühen, als um eine Frau, wenn man noch keine hat.
Und nun vollends der Popanz, den die Leute „Geist“ nennen! Wo soll in einem solchen Leben Geist herkommen, ja, wenn er käme, wo soll er ein Unterkommen finden bei ihnen? Da ist alles chinesisch festgesetzt und abgezirkelt — wehe dem, der die engen Grenzen überschreitet, wehe, dreimal wehe dem, der gegen ein altehrwürdiges Vorurtheil anstösst, neunmal wehe ihm, wenn dies Vorurtheil ein religiöses ist. Da gibt es für alle Fragen nur zwei Antworten, eine Whigantwort und eine Toryantwort; und diese Antworten sind von den weisen Oberceremonienmeistern beider Parteien längst vorgeschrieben; ihr habt gar keine Ueberlegung und Weitläufigkeiten nöthig, es ist Alles fix und fertig, Dicky Cobden oder Lord John Russell hat das gesagt und Boby Peel oder der „Herzog“ par excellence, nämlich der von Wellington, hat so gesagt, und dabei bleibts.
Ihr guten Deutschen müsst Euch alle Jahre von den liberalen Zeitungsschreibern und Volksvertretern vorsagen lassen, was die Engländer für wunderbare Leute und unabhängige Männer seien, und alles das durch ihre freien Institutionen, und das sieht sich aus der Entfernung ganz gut an. Die Debatten der Parlamentshäuser‚ die freie Presse, die stürmischen Volksversammlungen, die Wahlen, die Juries verfehlen ihren Effekt auf Michels limides Gemüth nicht, und in seiner Verwunderung nimmt er all den schönen Schein für baare Münze. Aber am Ende ist doch der Standpunkt des liberalen Zeitungsschreibers und Volksvertreters noch lang nicht hoch genug, um einen umfassenden Ueberblick zu gewähren, sei es über die Entwicklung der Menschheit oder auch nur die einer einzigen Nation. Die englische Verfassung ist ihrer Zeit ganz gut gewesen und hat manches gute gethan, ja seit 1828 hat sie angefangen, an ihrer besten That, nämlich an ihrer eignen Zerstörung zu arbeiten - aber das, was ihr der Liberale zuschreibt, das hat sie nicht gethan. Sie hat die Engländer nicht zu unabhängigen Männern gemacht. Die Engländer d.h. die gebildeten Engländer, nach denen man auf dem Continent den Nationalkarakter beurtheilt, diese Engländer sind die verächtlichsten Sklaven unter der Sonne. Nur der auf dem Continent unbekannte Theil der englischen Nation, nur die Arbeiter, die Paria’s Englands, die Armen sind wirklich respektabel, trotz all ihrer Rohheit und all ihrer Demoralisation. Von ihnen geht die Rettung Englands aus, in ihnen liegt noch bildsamer Stoff; sie haben keine Bildung, aber auch keine Vorurtheile, sie haben noch Kraft aufzuwenden für eine grosse nationale That - sie haben noch eine Zukunft. Die Aristokratie - und diese schliesst heutzutage auch die Mittelklassen ein - hat sich erschöpft; was sie von Gedanken-Gehalt aufzuwenden hatte, ist bis in die letzten Konsequenzen verarbeitet und praktisch gemacht, und ihr Reich geht mit grossen Schritten seinem Ende entgegen. Die Konstitution ist ihr Werk und die nächste Folge dieses Werks war, dass es seine Urheber mit einem Netze von Institutionen umgarnte, in dem jede freie geistige Bewegung unmöglich gemacht ist. Die Herrschaft des öffentlichen Vorurtheils ist überall die erste Folge sogenannter freier politischer Institutionen, und diese Herrschaft ist in dem politisch freisten Lande Europas, in England, stärker als sonst irgendwo - Nordamerika ausgenommen, wo durch das Lynchgesetz das öffentliche Vorurtheil als Macht ist Staate gesetzlich anerkannt ist. Der Engländer kriecht vor dem öffentlichen Vorurtheil, opfert sich ihm täglich auf - und je liberaler er ist, desto demüthiger schmiegt er sich in den Staub vor diesem seinem Götzen. Das öffentliche Vorurtheil in den „gebildeten Kreisen“ ist aber entweder torystisch oder whigisch, höchstens radikal - und das selbst riecht schon nicht mehr ganz fein. Geht einmal unter gebildete Engländer, und sagt, Ihr seid Charlisten oder Demokraten - man wird an Eurem gesunden Verstande zweifeln, und Eure Gesellschaft fliehen. Oder erklärt, Ihr glaubtet nicht an die Gottheit Christi, und Ihr seid verrrathen und verkauft; gesteht vollends, das Ihr Atheisten seid, und man thut am andern Tage als kenne man Euch nicht. Und der unabhängige Engländer, wenn er, was selten genug vorkommt wirklich einmal zu denken anfängt, und die Fesseln des mit der Muttermilch eingesognen Vorurtheils abschüttelt, selbst dann hat er nicht den Muth seine Ueberzeugung frei herauszusprechen, selbst dann heuchelt er sich für die Oeffentlichkeit eine wenigstens tolerirte Meinung an und ist nur zufrieden, wenn er unter vier Augen zuweilen mit einem Gleichgesinnten gerade aus sprechen kann.
