Beschreibung

London, 1896: Andrew hat die Liebe seines Lebens verloren. Zu lange zögerte er, seinem adligen Vater die Liebe zur Prostituierten Marie zu gestehen. Als sich Andrew endlich dazu durchringt, ist es zu spät. Marie wurde auf grausame Weise von Jack the Ripper ermordet. Acht Jahre später will Andrew sich das Leben nehmen, geplagt von Schuldgefühlen und Sehnsucht. Doch sein Cousin hält ihn davon ab. Denn der hat von einer Möglichkeit erfahren, wie man Maries Leben retten kann. Die «Agentur für Zeitreisen Murray» organisiert Reisen in die vierte Dimension. Kann man in die Vergangenheit zurück und Fehler wiedergutmachen? Unterdessen findet Claire Haggerty mit ihren modernen Ansichten im viktorianischen London keine Freunde und verliebt sich in einen Mann aus der Zukunft. «Zeitreisen Murray» macht’s möglich. Der Geliebte reist ihr nach in ihre Zeit und schreibt ihr mit der Hilfe von H. G. Wells sehnsüchtige Liebesbriefe. Inspektor Garrett soll drei Morde aufklären, die mit Waffen begangen wurden, die es noch gar nicht gibt. Ein dämonischer Bibliothekar führt alle zur Landkarte der Zeit, in der die Geschichten zusammenfinden. Gibt es die Zeitreisenden wirklich? Was ist Wahrheit, was Erfindung? Was beweist es, dass man einen Brief von sich selbst aus der Zukunft erhält? Bis zur letzten Seite spielt Félix J. Palma in diesem atemberaubenden Roman mit unseren Erwartungen. In einem sich immer schneller drehenden Wirbel der Phantasie werden wir von einer Parallelwelt in die nächste geschleudert. Staunen und Schrecken garantiert!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 912


Félix J.Palma

Die Landkarte der Zeit

Roman

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist eine Illusion, die sich allerdings hartnäckig hält.

Albert Einstein

Das vollkommenste und erschreckendste Kunstwerk der Menschheit ist die Aufteilung der Zeit.

Elias Canetti

Was erwartet mich in der Richtung, die ich nicht nehme?

Jack Kerouac

Erster Teil

Los geht’s, geehrter Leser, versenke dich in die ergreifenden Seiten unseres Büchleins, in welchem du Abenteuer findest, an die du nicht einmal im Traum gedacht hast.

Falls du wie alle vernunftbegabten Menschen glaubst, dass die Zeit ein Strom ist, der alles mit sich reißt zum dunkelsten Ufer, so wirst du hier feststellen, dass die Vergangenheit wiedergefunden werden und der Mensch auf seinen eigenen Spuren wandeln kann dank einer Maschine, mit der er durch die Zeit zu reisen vermag.

STAUNEN UND SCHRECKEN GARANTIERT!

I

Andrew Harrington wäre gern mehrere Tode gestorben, wenn er sich unter all den Pistolen, die sein Vater in den Vitrinen des Salons aufbewahrte, nicht für eine einzige hätte entscheiden müssen. Entscheidungen waren nicht seine Stärke. Genau besehen erwies sich sein Dasein als eine Kette von Fehlentscheidungen, deren letzte ihren langen Schatten bis in die Zukunft zu werfen drohte. Doch mit diesem wenig beispielhaften Leben voller Fehlgriffe war jetzt Schluss. Diesmal glaubte er, die richtige Wahl getroffen zu haben, denn er hatte sich entschieden, gar keine Wahl mehr zu treffen. In Zukunft würde es keine Irrtümer mehr geben, denn es würde keine Zukunft geben. Zumindest nicht für ihn. Er würde sie auslöschen, indem er sich eine dieser Waffen an die Schläfe setzte. Einen anderen Ausweg sah er nicht: Die Zukunft zu vernichten war die einzige Möglichkeit, um die Vergangenheit zu bannen.

Er betrachtete den Inhalt der Vitrinen, jenen todbringenden Hausrat, den sein Vater liebevoll zusammengetragen hatte, seit er aus dem Krieg zurückgekommen war. Sein Erzeuger vergötterte diese Waffen, doch Andrew argwöhnte, dass er sie nicht aus nostalgischen Gründen sammelte, sondern weil ihn die verschiedenartigen Möglichkeiten fesselten, die der Mensch im Lauf der Jahre ersonnen hatte, um sich inoffiziell aus dem Leben zu verabschieden. Mit einer Gleichgültigkeit, die im Gegensatz zu der Hingabe seines Vaters stand, ließ er den Blick über die scheinbar gefügigen, zum Teil harmlosem Küchengerät ähnlichen Gegenstände schweifen, die der Hand den Donner gaben und den Kriegen die unerfreuliche Nähe des Mann gegen Mann genommen hatten. Andrew versuchte sich vorzustellen, welche Art von Tod sich in jeder dieser Waffen verbarg. Welche hätte ihm wohl sein Vater empfohlen, um sich ein Loch in den Kopf zu schießen? Die Steinschlosspistole, überlegte er, eine dieser alten Vorderlader, die man für jeden Schuss mit dem Pulverhorn befüllen, mit einer hinterhergeschobenen Kugel bestücken und diese mit einem Papierpfropfen fixieren musste, würde ihm zwar einen stilvollen, aber auch langwierigen, zähen Tod bescheren. Da war jener durchschlagende Tod vorzuziehen, den die modernen, in Samt gefütterten Holzkästen schlummernden Revolver anzubieten hatten. Er betrachtete einen ebenso handlich wie leistungsfähig aussehenden Colt Single Action, verwarf ihn jedoch, als er daran dachte, dass dies die Waffe war, die er Buffalo Bill in dessen Wild-West-Zirkus hatte schwingen sehen; einem erbärmlichen Spektakel, in dem der Westmann, um seine überseeischen Heldentaten nachzuspielen, sich einer Handvoll mitgebrachter Indianer und eines Dutzends Büffel bediente, die sich bewegten, als hätte man ihnen Opium zu fressen gegeben. Andrew wollte seinen Tod ja nicht als Abenteuer verstanden wissen. Einen herrlichen Smith & Wesson – die Waffe, mit der der Bandit Jesse James getötet worden war, mit dem Andrew sich nicht vergleichen mochte – verwarf er daher ebenso wie einen Webley-Kipplaufrevolver, der hauptsächlich zu dem Zweck ersonnen worden war, in den Kolonialkriegen widerspenstige Eingeborene auf Abstand zu halten, und der ihm außerdem viel zu schwer in der Hand lag. Danach nahm er einen niedlichen Pepperbox mit rotierenden Läufen in Augenschein, den Lieblingsrevolver seines Vaters. Er hegte jedoch ernsthafte Zweifel, ob diese affektierte Waffe eine Kugel mit der nötigen Überzeugungskraft abzuschießen vermochte. Schließlich entschied er sich für einen eleganten Colt von 1870 mit Griffschalen aus Perlmutt, der ihm das Lebenslicht mit der Zärtlichkeit einer liebenden Frau ausblasen würde.

Mit einem kühlen Lächeln nahm er ihn aus der Vitrine und dachte dabei an all die Male, die sein Vater ihm verboten hatte, die Waffen anzurühren. Der erlauchte Sir William Harrington befand sich in diesem Augenblick jedoch in Italien, wo er vermutlich gerade den Trevibrunnen mit seinem abschätzigen Blick einschüchterte. Ein angenehmer Zufall war es ja, dass seine Eltern ihre Europareise just zu der Zeit unternahmen, die er für seinen Selbstmord vorgesehen hatte. Er bezweifelte allerdings, dass einer von beiden die Botschaft zu entziffern vermochte, die darin verschlüsselt lag – dass er es vorgezogen hatte, allein zu sterben, so wie er gelebt hatte–, und gab sich mit der missbilligenden Miene zufrieden, die sein Vater zweifellos aufsetzen würde, wenn er feststellte, dass sein Sohn sich umgebracht hatte, ohne Rücksprache mit ihm zu halten.

Andrew öffnete das Schränkchen, in dem die Munition aufbewahrt wurde, und lud sechs Patronen in die Trommel. Er nahm zwar an, dass er mehr als eine kaum brauchen würde, aber man wusste ja nie. Schließlich brachte er sich zum ersten Mal um. Er wickelte den Revolver in ein Tuch und steckte ihn in die Tasche seines Gehrocks, als handle es sich um ein Stück Obst, das er auf einem Spaziergang zu verzehren gedachte. Dann fuhr er mit seinem ungehorsamen Tun fort, indem er die Vitrine offen stehen ließ. Wenn er diesen Mut früher aufgebracht hätte, dachte er, wenn er sich getraut hätte, seinem Vater im rechten Moment die Stirn zu bieten, würde sie jetzt noch leben. Als er es endlich getan hatte, war es zu spät gewesen. Acht lange Jahre bezahlte er schon für diese Verspätung. Acht lange Jahre, in denen der Schmerz wie giftiger Efeu in ihm wucherte, seine Organe mit feuchten Fingern umklammert hielt und seine Seele langsam absterben ließ. Trotz der Bemühungen seines Cousins Charles, trotz der Ablenkung durch andere Körper ließ sich der Schmerz um Maries Tod nicht begraben. In dieser Nacht jedoch würde alles enden. Sechsundzwanzig Jahre war ein hübsches Alter zum Sterben, dachte er, und betastete zufrieden die Wölbung seiner Jackentasche. Die Waffe hatte er schon. Jetzt brauchte er nur noch den passenden Ort für das Zeremoniell. Und es gab nur einen Ort, der dafür in Frage kam.

Schwer und tröstlich wie ein Talisman lag der Revolver in seiner Tasche, als er die herrschaftliche Treppe in Harrington Mansion, dem im vornehmen Kensington Gore gelegenen Familienwohnsitz am Westeingang des Hyde Park, hinunterschritt. Entschlossen, die Wände, die fast drei Jahrzehnte lang sein Zuhause gewesen waren, keines Blicks mehr zu würdigen, konnte er dann doch dem krankhaften Trieb nicht widerstehen, vor dem großen Porträt in der Empfangshalle einen Moment innezuhalten. Aus vergoldetem Rahmen schaute ihn sein Vater missbilligend an. In seine alte Infanterieuniform gezwängt, in der er als junger Mann im Krimkrieg gekämpft hatte, bis ihm ein russisches Bajonett einen Beinmuskel so zerfetzte, dass er fortan lahmte und beim Gehen beunruhigend schwankte, warf Sir William Harrington einen höhnisch tadelnden Blick auf die Welt, als sei die Schöpfung für ihn ein ganz und gar missratenes Werk, das er längst verlorengegeben hatte. Wer hatte befohlen, über die Schlacht von Sewastopol dieses Leichentuch eines höchst unangebrachten Nebels zu legen, in dem man nicht die Spitze seines Bajonetts mehr sehen konnte? Wer hatte entschieden, dass es eine Frau sein musste, der man die Führung des Englischen Empire anvertraute? War der Osten wirklich der geeignetste Ort, um die Sonne aufgehen zu lassen? Andrew hatte seinen Vater nie anders als mit dieser harschen Feindseligkeit im Blick gekannt, sodass er nicht wusste, ob er schon damit geboren war oder sich erst bei den grimmigen Osmanen auf der Krim damit angesteckt hatte; jedenfalls war sie nicht wie eine vorübergehende Pustel wieder aus seinem Gesicht verschwunden, obwohl man das Schicksal, das sich nach dem Krieg vor den Stiefeln dieses Soldaten ohne Zukunft aufgetan hatte, nicht anders als wohlwollend bezeichnen konnte. Was bedeutete es schon, dass er seinen Weg mit dem Handstock gehen musste, wenn ihn dieser Weg da hingeführt hatte, wohin er ihn geführt hatte! Denn ohne dass er seine Seele dem Teufel hatte verkaufen müssen, war der Mann mit dem dichten Schnauzbart und dem adretten, ja, peniblen Aussehen, welches die Malerleinwand zeigte, gleichsam über Nacht zu einem der reichsten Herren Londons geworden. Nichts von all dem, was er heute besaß, hätte er sich träumen lassen, als er noch mit aufgepflanztem Bajonett durch jenen fernen Krieg gestolpert war. Auf welche Weise er allerdings seinen Reichtum angehäuft hatte, das gehörte zu den bestgehüteten Familiengeheimnissen und war für Andrew daher ein absolutes Mysterium.

Jetzt nähert sich der Augenblick, in dem der junge Mann die lästige Entscheidung treffen muss, welchen Hut er aufsetzen und welchen Mantel er anziehen will von all den Hüten und Mänteln, mit denen der Kleiderschrank in der Empfangshalle vollgestopft ist, denn selbst für den Tod muss man ja präsentabel sein. Diese Szene kann, kennt man Andrew, mehrere unerträglich lange Minuten dauern, die näher zu beschreiben ich für unnötig halte, sodass ich lieber die Gelegenheit ergreife, Sie in dieser Geschichte willkommen zu heißen, die soeben begonnen hat, und die ich nach langem Nachdenken in diesem Moment und keinem anderen beginnen lassen wollte, so als hätte auch ich mich für einen Anfang unter all den vielen entscheiden müssen, die sich dicht an dicht im Schrank meiner Möglichkeiten drängen. Wenn ich diese Geschichte zu Ende erzählt haben werde und Sie immer noch dabei sind, werden einige von Ihnen wahrscheinlich denken, dass ich an dem falschen Faden gezogen habe, um das Knäuel abzuwickeln; dass es besser gewesen wäre, die Chronologie der Ereignisse einzuhalten und mit der Geschichte von Miss Haggerty zu beginnen. Vielleicht; aber es gibt Geschichten, die kann man nicht von ihrem Anfang her erzählen, und möglicherweise ist dies so eine Geschichte.

Vergessen wir also Miss Haggerty für den Moment, vergessen wir sogar, dass ich sie überhaupt erwähnt habe, und wenden wir uns wieder Andrew zu, der, bereits in Hut und Mantel und sogar mit dicken Handschuhen passend ausstaffiert, soeben das elterliche Anwesen verlässt. Draußen blieb der junge Mann am Abgang der Freitreppe stehen, die zum Garten hinabführte und sich wie eine Marmorbrandung zu seinen Füßen ergoss. Dort blieb er stehen und betrachtete die Welt, in der er aufgewachsen war, mit einem Mal sich bewusstwerdend, dass er, wenn alles gutging, sie nicht mehr wiedersehen würde. Über Harrington Mansion legte sich jetzt die Nacht mit der wehenden Anmut eines herabsinkenden Schleiers. Der volle Mond stand in verblichenem Weiß am Himmel, ergoss seinen milchigen Glanz über die Ziergärten, die das Haus umgaben, steife Blumenbeete und Hecken und riesige Springbrunnen aus Stein mit pompösen Skulpturen von Sirenen, Faunen und der ganzen dazugehörigen unmöglichen Verwandtschaft. Sie standen zu Dutzenden herum, weil es seinem Vater an Feingeist mangelte und er seinen Reichtum nicht anders darzustellen wusste als durch die Anhäufung von ebenso teuren wie nutzlosen Dingen. Im Falle der Springbrunnen indes war diese haltlose Ansammlung entschuldbar, da sich ihre Klangeigenschaften zu einer Art fließendem Wiegenlied zusammenfanden und über ihr einschläferndes Plätschern alles andere vergessen ließen. Weiter hinten, jenseits einer ausgedehnten, makellos geschorenen Rasenfläche, erhob sich anmutig wie ein auffliegender Schwan das riesige Gewächshaus, in dem seine Mutter den größten Teil ihrer Tage verbrachte und sich von den traumhaften Blumen verzaubern ließ, die den aus den Kolonien herbeigebrachten Samenkörnern entsprossen.

Andrew betrachtete den Mond eine Weile und fragte sich, ob der Mensch eines Tages dahin gelangen könne, wie von Jules Verne oder Cyrano de Bergerac beschrieben. Was würde er vorfinden, wenn es ihm gelänge, auf dieser perlmuttfarbenen Oberfläche zu landen? Wobei es egal wäre, ob ihm das mit einem Luftschiff gelang, in einem riesigen, aus einer Kanone abgeschossenen Projektil oder indem er sich ein Dutzend mit Morgentau gefüllte Flaschen umband, die ihn beim Verdunsten gen Himmel tragen würden, wie es der Held in der Geschichte vom Gascogner Kadetten getan hatte. Beim Dichter Ariost war der Trabant zu einer Fundstelle für alte Flaschen geworden, in denen der Verstand jener aufbewahrt wurde, die ihn verloren hatten. Andrew indes fühlte sich mehr von Plutarchs Vorschlag angesprochen, der sich den Mond als einen Ort vorstellte, zu dem die reinen Seelen wanderten, wenn sie die Welt der Lebenden verlassen hatten. Auch Andrew gefiel die Vorstellung, dass die Toten dort oben in richtigen Häusern wohnten, in von einem Heer von Arbeitsengeln errichteten Elfenbeinpalästen oder in weißes Mondgestein gehauenen Höhlen friedlich zusammenlebten und darauf warteten, dass die Lebenden den Passierschein des Todes erhielten und dann zu ihnen kamen, um das Leben mit ihnen an genau demselben Punkt fortzusetzen, an dem sie es verlassen hatten. Manchmal dachte er, dass Marie in so einer Elfenbeingrotte lebte, alles vergessen hatte, was geschehen war, und sich freute, dass der Tod ihr ein besseres Dasein bot als das Leben. Die schöne Marie, die auf dem weißschimmernden Mond geduldig darauf wartete, dass er sich endlich dazu durchrang, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen und zu ihr zu kommen, um den leeren Platz in ihrem Bett auszufüllen.

Er hörte auf, den Mond zu betrachten, als er Harold, den Kutscher, wahrnahm, der wie befohlen am Fuß der Treppe mit einer der Kutschen vorgefahren war. Als er seinen Herrn die Treppe herunterkommen sah, riss der Kutscher den Wagenschlag auf. Die Agilität, die der alte Harold an den Tag legte, amüsierte Andrew jedes Mal, da er sie bei einem Mann um die sechzig für einigermaßen unpassend hielt. Aber es war nicht zu übersehen, dass sich der Kutscher in Form hielt.

«Miller’s Court», befahl der junge Mann.

Harold machte ein überraschtes Gesicht.

«Aber, Sir, da war doch…»

«Haben wir ein Problem, Harold?», unterbrach ihn Andrew.

Der Kutscher starrte ihn mit lächerlich offenstehendem Mund an, dann fasste er sich.

«Nein, Sir.»

Andrew nickte zum Zeichen, dass das Gespräch für ihn damit beendet war. Er stieg in die Kutsche und machte es sich auf dem mit rotem Samt bezogenen Sitz bequem. Als er im Fenster der Wagentür sein sich spiegelndes Gesicht erblickte, entfuhr ihm ein wehmütiger Seufzer. Dieses verhärmte Antlitz war seines? Es sah aus wie das Gesicht eines Menschen, aus dem das Leben entwichen ist, ohne dass er es gemerkt hat; wie Wolle, die aus einem Riss im Kissenbezug quillt, was in gewisser Weise ja auch stimmte. Er besaß immer noch das gleichmäßige, hübsche Gesicht, mit dem auf die Welt zu kommen er das Privileg gehabt hatte, doch jetzt wirkte es auf ihn wie ein leeres Stück Rinde oder Borke, wie etwas aus Asche Gemeißeltes ohne feste Form. Anscheinend hatte das Leiden seiner Seele auch Verwüstungen am Äußeren angerichtet, denn in dem alt aussehenden jungen Mann mit den eingefallenen Wangen, dem erloschenen Blick und dem wirren Bart, der sich da im Türfenster spiegelte, konnte er sich kaum wiedererkennen. Der Schmerz hatte sein blühendes Leben unterbrochen und ihn zu einer welken, glanzlosen Kreatur werden lassen. Als Harold nach Überwindung seines Schreckens auf den Bock kletterte, bewirkte das Schwanken der Kutsche, dass Andrew sich von dem Gesicht abwandte, das mit wässriger Farbe auf die Leinwand der Nacht gemalt schien. Der letzte Akt der katastrophalen Vorstellung seines Lebens begann jetzt, und er durfte keine Einzelheit davon verpassen. Über seinem Kopf hörte er die Peitsche knallen, er streichelte das kalte Objekt in seiner Manteltasche, das sanfte Rütteln der Kutsche wiegte ihn.

Das Gefährt bog in Knightsbridge ein und fuhr am üppig wuchernden Hyde Park vorbei. In etwas weniger als einer halben Stunde würden sie im East End sein, schätzte Andrew, während er die am Wagenfenster vorüberziehende Hauptstadt betrachtete. Die Fahrt fesselte und verwirrte ihn gleichermaßen, da sie ihm sämtliche Gesichter seines geliebten London zeigte, der größten Stadt der Welt, sichtbares Haupt eines hungrigen Kraken, dessen Tentakel beinah ein Fünftel der gesamten Erdoberfläche des Planeten umfingen und Kanada, Indien, Australien sowie einem Großteil Afrikas mit seiner Umarmung die Luft zum Atmen nahm. In westliche Richtung fahrend, ließen sie das gesunde, beinah urwaldgrüne Kensington hinter sich und drangen in das vielgestaltige Großstadtbild ein, das sich bis Piccadilly Circus dehnte, jenen Platz, in dessen Mitte die Statue des Gottes Anteros aufgepflanzt ist, des Rächers der verschmähten Liebe. Hinter der Fleet Street kamen die Häuschen des städtischen Mittelstands in Sicht, die sich an der St.-Paul’s-Kathedrale anzuschmiegen schienen, und nachdem sie die Bank von England und Cornhill Street passiert hatten, schwappte das Elend in die Welt; ein Elend, das Andrews Nachbarn aus dem West End nur durch die Karikaturen im Punch kannten. Ein Elend, das sogar in der Luft lag, die man kaum atmen konnte ob des unflätigen Gestanks, der von der Themse aufstieg.

Andrew war diese Strecke seit acht Jahren nicht mehr gefahren, hatte jedoch die ganze Zeit in der Gewissheit gelebt, es früher oder später noch einmal zu tun, ein letztes Mal. Wen wundert’s daher, dass ihn, als sie sich Aldgate, dem Tor zu Whitechapel, näherten, ein kribbelndes Unbehagen befiel. Während sie durch das Viertel fuhren, wagte er kaum aus dem Fenster zu schauen, fühlte dieselbe Scham wie früher. Er hatte nie verhindern können, von einem peinlichen Schamgefühl berührt zu werden, wenn er mit dem kalten Blick eines Insektenforschers diese ihm fremde Welt durchstreifte, selbst dann nicht, als sich sein Abscheu unvermeidlich in Mitgefühl für die armen Seelen wandelte, welche jene Müllhalde von Elendsquartieren bewohnten, auf der die Stadt ihren menschlichen Abschaum entsorgte. Das Mitgefühl war immer noch angebracht, wie er jetzt feststellen konnte, denn dieses ärmste aller Londoner Stadtviertel schien sich in den vergangenen acht Jahren nicht allzu sehr verändert zu haben. Die Armut fährt stets im Windschatten des Reichtums, dachte Andrew, als sie sich durch die lärmigen düsteren, von Ständen und Karren verstopften Gassen quälten, durch die wimmelnde Masse bedauernswerter Gestalten, die ihr Leben im finsteren Schatten von Christ Church fristeten. Anfangs hatte er nicht glauben können, dass sich unter dem Flitterglanz eines rauschenden London, wie er es kannte, diese Außenstelle der Hölle verbarg, in der die Menschheit sich, mit dem Segen der Königin, bis zur Widernatürlichkeit herabwürdigte. Doch die Zeit hatte seine Naivität davongefegt. Inzwischen wunderte er sich nicht mehr, dass, während sich das Antlitz Londons mit dem Fortschreiten der Wissenschaft ständig veränderte, die Bewohner der wohlhabenden Viertel sich damit vergnügten, das Gebell ihrer Hunde auf den Wachswalzen ihrer Phonographen festzuhalten, in Telephonapparate zu sprechen, die von Robertsons elektrischen Lampen beleuchtet wurden, und die Frauen ihre Kinder unter Schwaden von Chloroform zur Welt brachten, Whitechapel hinter seiner harten Schale aus Verfall und Verkommenheit von alldem unberührt blieb, am eigenen Elend erstickte. Sich dort hineinzubegeben war immer noch so, als würde man seine Hand in ein Wespennest stecken. Hier zeigte die Armut ihr verwerflichstes Gesicht. Hier erklang immer dieselbe Schmerzensmelodie. Andrew hörte Schreie aus dem tiefsten Dunkel der Gassen, sah Männer sich vor Kneipen prügeln, sah Betrunkene auf der Straße liegen, auf die sich Banden von Kindern gestürzt hatten, die ihnen die Schuhe von den Füßen zerrten, begegnete den Blicken von Kerlen mit Ganovengesichtern – an den Straßenecken postierte kleine Könige in diesem Parallelreich des Lasters und Verbrechens.

Von der luxuriösen Karosse angelockt, riefen ihm Prostituierte anzügliche Offerten zu, lüfteten ihre Röcke und hoben ihm Dekolletés entgegen. Beim Anblick dieses tristen Schauspiels zog sich Andrews Herz zusammen. Schmutzige und zerlumpte Frauen, von täglicher Mühsal und Plage verhärmt. Schon den Jungen und Hübschen haftete diese Trostlosigkeit an, die über dem ganzen Viertel lag. Wieder quälte er sich mit dem Gedanken, dass er einer dieser Unglücklichen ein besseres Leben hätte bieten können, als es der Schöpfer ihr zugedacht hatte. Aber er hatte es nicht getan. Seine Qual nahm noch zu, als die Kutsche am Ten Bells vorbeifuhr und mit melodischem Knirschen und Knarren in die Crispin Street einbog, der Dorset Street entgegen und am Britain Pub vorbei, wo er Marie zum ersten Mal angesprochen hatte. Diese Straße war das Ziel der Fahrt. Harold brachte die Kutsche vor dem steinernen Torbogen zum Stehen, der den Eingang zu den Absteigen von Miller’s Court bildete, stieg vom Bock und öffnete den Wagenschlag. Mit zitternden Beinen stieg Andrew aus und wurde von Schwindel erfasst, als er um sich blickte. Alles war so, wie er es in Erinnerung hatte; sogar der Laden mit den schmierigen Fenstern, den McCarthy, der Eigentümer der Apartments, in der Einfahrt zum Innenhof betrieb, war noch da. Nicht ein einziges Detail wies darauf hin, dass auch in Whitechapel die Zeit verging und diesen Stadtteil nicht mied, wie die Honoratioren und kirchlichen Würdenträger es taten, die in der Stadt zu Besuch weilten.

«Du kannst nach Hause fahren, Harold», beschied er dem Kutscher, der schweigend neben ihm stand.

«Wann soll ich Sie wieder abholen, Sir?», fragte der alte Mann.

Andrew schaute ihn an und wusste nicht, was er antworten sollte. Wieder abholen? Bitteres Gelächter kitzelte ihn im Hals. Die einzige Kutsche, die ihn abholen würde, war die des Beerdigungsinstituts aus der Golden Lane, die vor acht Jahren an ebendieser Stelle abgeholt hatte, was von seiner geliebten Marie übrig gewesen war.

«Vergiss einfach, dass du mich hierhergefahren hast», sagte er.

Der tiefe Ernst, der das Gesicht des Kutschers überschattete, rührte ihn. Ahnte Harold, wozu er hergekommen war? Andrew war sich nicht sicher, hatte er sich doch nie Gedanken über die geistigen Fähigkeiten des Kutschers oder sonst eines Bediensteten gemacht. Er hatte ihnen höchstens den Mutterwitz jener zugestanden, die schon als Kind gegen den Strom schwimmen mussten, auf dem Leute wie er sorglos dahintrieben. Jetzt jedoch glaubte er in der Haltung des alten Harold eine Beunruhigung zu erkennen, die nur durch eine erstaunlich zutreffende Schlussfolgerung über sein Vorhaben hervorgerufen worden sein konnte. Aber die Erkenntnis von Harolds Fähigkeit zur Schlussfolgerung war nicht die einzige Entdeckung, die Andrew in den kurzen Sekunden machte, in denen sich ihre Blicke auf so ungewöhnliche Weise ineinander verflochten. Da war noch etwas, das Andrew bemerkte und nie für möglich gehalten hätte: Es war die Zuneigung, die ein Diener für seinen Herrn empfinden konnte. Während er selbst nichts anderes in ihnen zu sehen vermochte als mit rätselhaften Beschäftigungen durchs Haus huschende Schatten, deren Dasein ihm nur vorübergehend ins Bewusstsein drang, wenn er sein Glas auf einem Tablett abzustellen wünschte oder jemanden brauchte, der den Kamin anzündete, waren diese Geister imstande, sich um das Schicksal ihrer Herren zu sorgen, und taten das auch. Für Andrew waren all diese gesichtslosen Menschen – die Zimmermädchen, die von seiner Mutter wegen jeder Nichtigkeit entlassen wurden; die Küchenhelferinnen, die unweigerlich von den Stallburschen geschwängert wurden, als folgten sie damit einem uralten Ritus; die Hausdiener, die mit vortrefflichen Empfehlungsschreiben versehen in anderen, ebenso vortrefflichen Herrenhäusern einen identischen Dienst antraten – Teil einer wechselnden Landschaft, mit der er sich noch nie näher befasst hatte.

«Wie Sie wünschen, Sir», murmelte Harold.

Andrew begriff, dass der Kutscher sich mit diesen Worten für immer von ihm verabschiedete, dass dies für den alten Mann die einzig denkbare Art war, ihm Lebewohl zu sagen, wenn er ihn nicht gleich umarmen wollte, was jedoch ein unkalkulierbares Wagnis für ihn zu sein schien, das er nicht eingehen mochte. Klopfenden Herzens sah Andrew diesen fülligen alten Mann, der fast dreimal so alt war wie er und dem er die Führungsrolle überlassen müsste, wenn sie auf einer einsamen Insel stranden würden, entschlossen den Kutschbock erklimmen, die Pferde antreiben und in den Nebel eintauchen, der sich wie Wellenschaum durch die Straßen von London wälzte. Verklingendes Hufgetrappel war das Letzte, was er von ihm hörte. Schon seltsam, dass es nur der Kutscher war, von dem er sich vor seinem Selbstmord verabschiedet hatte, und nicht seine Eltern oder sein Cousin Charles; aber das Leben hatte diese Launen.

Dasselbe dachte Harold Barker, während er die Pferde durch Dorset Street trieb und einen Ausgang aus diesem verfluchten Viertel suchte, in dem ein Menschenleben keine drei Pennys wert war. Er selbst wäre jetzt wohl auch einer der Unglücklichen, die in diesem stinkenden Stück London zu überleben versuchten, wenn sein Vater nicht alles darangesetzt hätte, ihn aus dem Elend herauszuholen und als Kutscher zu verdingen, sobald er allein auf einen Kutschbock klettern konnte. Ja, dieser alte Säufer hatte für ihn den Reigen der Kutscherposten eröffnet, der ihn schließlich in die Stallungen des vornehmen Sir William Harrington geführt hatte, in dessen Diensten sein halbes Leben dahingegangen war. Aber es waren ruhige Jahre gewesen, wie er zugeben musste und es auch tat, wenn er spätnachts, wenn die Herrschaften bereits schliefen und das Tagewerk beendet war, sein Leben überdachte. Beschauliche Jahre, in denen er eine Frau gefunden und mit ihr zwei gesunde und kräftige Söhne gezeugt hatte, von denen einer als Gärtner ebenfalls bei Sir William angestellt war. Das Glück, sich ein anderes Leben eingerichtet haben zu können als jenes, welches ihm das Schicksal seiner Meinung nach zugedacht hatte, ließ ihn die unglücklichen Seelen, die er hier sah, mit einer distanzierten Anteilnahme betrachten. Harold hatte öfter nach Whitechapel fahren müssen, als ihm lieb gewesen war, um seinen Herrn dort abzusetzen in jenem schrecklichen Herbst vor acht Jahren, als in einigen Nächten sogar der Himmel zu bluten schien. Was in diesen von Gott und allen Heiligen verlassenen Gassen passiert war, hatte er in den Zeitungen, noch deutlicher aber in den Augen seines Herrn lesen können. Jetzt wusste er, dass der junge Harrington es nicht verwunden hatte; dass all die wahnsinnigen Spelunken- und Bordellbesuche, zu denen Cousin Charles seinen Herrn angestiftet hatte und bei denen er, Harold, auf dem Kutschbock hatte ausharren müssen, bis die Kälte seine Knochen zermürbte, nichts bewirkt hatten, es nicht vermocht hatten, das Entsetzen in Andrews Augen auszulöschen. Und in dieser Nacht schien er da hingekommen zu sein, die Waffen zu strecken und sich einem Feind zu ergeben, der sich als übermächtig erwiesen hatte. War die Ausbuchtung in der Manteltasche etwa keine Waffe gewesen? Aber was konnte er tun? Umkehren und ihn an seinem Vorhaben hindern? Darf ein Diener das Schicksal seines Herrn beeinflussen? Er schüttelte den Kopf. Vielleicht übertrieb er ja auch, dachte er, und der junge Herr wollte bloß die Nacht in jenem gespenstischen Zimmer verbringen, hatte die Waffe zu seiner Sicherheit eingesteckt.

Er unterbrach sein Grübeln, als er eine Kutsche aus dem Nebel auftauchen sah, die ihm bekannt vorkam. Es war die Kutsche der Winslows, und wenn seine Augen ihm keinen Streich spielten, war die Gestalt, die da dick vermummt auf dem Bock saß, Edward Rush, einer von Winslows Kutschern. Dieser hatte anscheinend auch Harold erkannt, denn er verlangsamte unwillkürlich seine Fahrt ein wenig. Harold grüßte ihn mit einem Kopfnicken, bevor er seinen Blick auf den Fahrgast richtete. Einen Wimpernschlag lang schauten sich er und der junge Charles Winslow in die Augen.

«Schneller, Edward!», befahl Charles Winslow seinem Kutscher und pochte, wie ein Specht, zweimal mit der Spitze seines Handstocks gegen das Wagendach.

Erleichtert stellte Harold fest, dass die Kutsche, die gerade wieder im Nebel verschwand, in Richtung Miller’s Court fuhr. Sein Eingreifen war also überflüssig. Er hoffte nur, dass der junge Winslow noch rechtzeitig kam. Er hätte zwar gern zugeschaut, wie das Ganze zu Ende ging; aber er hatte einen Auftrag, und obwohl es ihm vorkam, als sei dieser ihm von einem Toten gegeben worden, ließ er die Peitsche knallen und sah zu, dass er schnellstens aus diesem verfluchten Viertel herauskam, in dem ein Leben – es tut mir leid, dass ich mich wiederholen muss, aber Harold dachte es nun einmal – keine drei Pennys wert war. Man muss zugeben, es ist ein Satz, der recht treffend die Eigenheit dieses Viertels beschreibt; und vielleicht sollten wir von einem Kutscher auch keine komplexere Einschätzung erwarten. Aber der Kutscher Harold Barker, dessen Lebensgeschichte zu erzählen durchaus lohnenswert wäre, wie es, genau besehen, jedes Menschenleben ist, spielt in unserer Geschichte keine große Rolle mehr. Vielleicht schreibt ein anderer seine Geschichte, dann findet er gewiss reichlich Stoff, um sie so mit Emotionen aufzuladen, wie sie eine Erzählung nun einmal braucht. Ich denke da an den Augenblick, als er Rebekka, seine Frau, kennenlernt; oder an den absolut phantastischen Vorfall mit dem Frettchen und der Harke. Aber darauf richten wir im Moment nicht unser Augenmerk.

Verlassen wir also Harold, von dem ich nicht einmal mit Gewissheit sagen kann, ob er überhaupt wieder auftaucht, in irgendeinem Nebenstrang dieser Geschichte vielleicht, in der noch so viele andere Personen zu Hause sind; man kann sich ja nicht jedes Gesicht merken. Wenden wir uns daher wieder Andrew zu, der in diesem Augenblick das Tor von Miller’s Court durchschreitet und auf dem lehmglitschigen Kopfsteinpflaster weitergeht, angestrengt nach Zimmer dreizehn Ausschau hält und in seiner Rocktasche nach dem Schlüssel tastet. Nach einigem Suchen in der Finsternis fand er die Zimmernummer und blieb davor stehen, mit einer Bewegung noch, die ein zufälliger Beobachter für eine absurde Verbeugung gehalten hätte. Für Andrew war das Zimmer weit mehr als nur eine elende Absteige für solche, die nicht einmal ein Plätzchen hatten, an dem sie sich zum Sterben hinlegen konnten. Seit der schicksalhaften Nacht war er zwar nicht mehr dort gewesen, zahlte jedoch weiter die Miete und ließ es so, wie er es in Erinnerung hatte. Während der vergangenen acht Jahre hatte er jeden Monat einen Diener losgeschickt, die Miete zu bezahlen, damit kein anderer sich in dem Zimmer einquartieren konnte, in dem er, falls er sich einmal entschloss, dorthin zurückzukehren, nichts anderes vorzufinden wünschte als jene Spuren, die Marie hinterlassen hatte. Die paar Pennys Miete fielen für ihn nicht ins Gewicht, und Mr.McCarthy war entzückt gewesen über die Laune eines wohlhabenden und offensichtlich perversen Herrn, dieses Loch auf unabsehbare Zeit zu mieten, da nach dem, was in dessen vier Wänden vorgefallen war, kaum ein Mensch die Nerven haben würde, sich darin zur Ruhe zu legen. Andrew begriff, dass er tief in seinem Herzen immer gewusst hatte, dass er zurückkehren würde; dass das, was er vorhatte, an keinem anderen Ort stattfinden konnte.

Er schloss die Tür auf und ließ seinen Blick wehmütig durch das Zimmerchen schweifen. Es war kaum mehr als eine verdreckte Rumpelkammer mit abblätterndem Putz an den Wänden, vollgestellt mit einem Sammelsurium sogenannter Möbel, zu denen ein wackliges Bett gehörte, ein blinder Spiegel, eine schlichte hölzerne Kommode, ein rauchgeschwärzter Kamin und zwei Stühle, die zusammenzubrechen drohten, wenn sich nur eine Fliege darauf setzte. Er fragte sich wieder, wie man hier leben konnte. Andererseits: War er hier nicht glücklicher gewesen als in den luxuriösen Mauern von Harrington Mansion? Falls sich das Paradies, wie er einmal gelesen hatte, für jeden Menschen an einem anderen Ort befand, so wäre seines zweifellos hier, an diesem Ort, zu dem ihn eine Landkarte geführt hatte, die nicht aus Flüssen und Tälern bestand, sondern aus Küssen und zärtlichen Liebkosungen.

Eine Liebkosung war es auch, jedoch eine eisige in seinem Nacken, die ihm deutlich machte, dass niemand sich die Mühe gemacht hatte, das zerbrochene Fenster zu reparieren, das sich links von der Tür befand. Wozu auch. McCarthy schien zu jener Sorte Menschen zu gehören, die sich an die Maxime hielten, nicht mehr zu arbeiten als unbedingt nötig, und wenn Andrew ihn wegen des zerbrochenen Fensters zur Rede stellte, würde er sich damit herausreden, dass er geglaubt habe, sein Wunsch, alles so zu belassen, wie es war, habe sich auch auf das kaputte Fenster bezogen. Andrew seufzte. Er hatte nichts zur Hand, um das Loch abzudichten. Nun, dann würde er seinem Leben eben in Hut und Mantel ein Ende setzen. Er ließ sich vorsichtig auf einem der Stühle nieder, nahm die eingewickelte Waffe aus der Rocktasche und schlug langsam das Tuch auseinander, als zelebriere er einen weihevollen Akt. Der Colt glänzte matt im Mondschein, der nur mit Mühe durch das verdreckte Fensterchen drang.

Andrews Hand strich zärtlich über die Waffe, als wäre sie ein in seinem Schoß zusammengerolltes Kätzchen, während er sich noch einmal der Erinnerung an das bezaubernde Lächeln seiner Marie hingab. Andrew war immer wieder überrascht, dass in seinem Gedächtnis die frischen Rosen der ersten Tage nach wie vor in ihrer ganzen Pracht blühten. Alles war noch so außerordentlich lebendig, als hätte sich nie dieser Abgrund von acht Jahren dazwischen aufgetan. Manchmal kamen ihm seine Erinnerungen sogar noch herrlicher vor als das wirkliche Geschehen. Welche seltsame Alchemie sorgte dafür, dass die Nachbildungen glanzvoller erschienen als das Original? Die Antwort war klar: Der Lauf der Zeit formte die überschäumende Gegenwart zu jenem abgeschlossenen und unveränderlichen Bild namens Vergangenheit, das der Mensch wie blind mit willkürlichen Pinselstrichen zu malen pflegte, welche ihre volle Wirkung erst entfalteten, wenn man genügend weit zurücktrat und das Gemälde in seiner Ganzheit betrachtete.

II

Als sich ihre Blicke zum ersten Mal begegneten, war Marie gar nicht anwesend. Andrew hatte sich in sie verliebt, ohne sie leibhaftig vor sich zu haben, und das war ihm ebenso romantisch wie paradox erschienen. Passiert war es im Haus seines Onkels in Queen’s Gate, gegenüber dem Naturkundemuseum, das Andrew sozusagen als sein zweites Zuhause betrachtete. Sein Cousin war genauso alt wie er, sie waren praktisch zusammen aufgewachsen, was so weit ging, dass die Kinderfrauen manchmal nicht mehr wussten, welcher der Jungen der Sohn ihres Herrn war. Wie man leicht erraten kann, hatte ihre gesellschaftliche Stellung sie aller Nöte enthoben und ihnen nur die Schokoladenseite des Lebens gezeigt, welches sie für eine niemals endende Party hielten, auf der alles erlaubt war. So wie sie als Kinder ihre Spielzeuge getauscht hatten, tauschten sie als Heranwachsende ihre Eroberungen, um dann, neugierig, wie weit sie es mit der Straflosigkeit, die ihnen offenbar zustand, treiben konnten, gemeinsam immer neue Strategien zu ersinnen, um die Grenzen des Erlaubten auszureizen. Ihr dreistes Tun und die mehr oder weniger abartigen Streiche waren so gut aufeinander abgestimmt, dass es einige Jahre hindurch schwerfiel, die beiden anders als eine einzige Person wahrzunehmen, was sowohl an ihrer gleichmachenden zwillingshaften Komplizenschaft lag als auch an ihrer hochmütigen Art, dem Leben zu begegnen, und sogar an der äußerlichen Ähnlichkeit: Beide Jungen waren schlank und sehnig wie Läufer auf einem Schachbrett und besaßen die zarte Schönheit von Erzengeln, welche sie vor Zurückweisungen, besonders seitens der Damenwelt, bewahrte, was während ihrer Zeit in Cambridge deutlich wurde, wo sie einen Eroberungsrekord aufstellten, der bis heute von niemandem übertroffen wurde. Abgerundet wurde jene beunruhigende Gleichartigkeit durch die Tatsache, dass sie dieselben Schneider und Hutmacher frequentierten. Es war eine Mimesis, die immer fortzudauern schien, bis diese wahnsinnige zweiköpfige Kreatur, die sie bildeten, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, als hätte der Schöpfer seinen Mangel an Kreativität beheben wollen, in zwei Hälften zerbrach, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Andrew wurde zu einem ernsten und schweigsamen jungen Mann, während Charles den Leichtsinn seiner jungen Jahre weiterhin zu vervollkommnen suchte. Ihre auf gleichem Blut begründete Freundschaft wurde dadurch jedoch nicht zerstört. Durch jene jähe Wesensveränderung wurden sie nicht entzweit, sondern ergänzten sich. Charles’ unbekümmerte Leichtlebigkeit fand ihren Gegenpol in der eleganten Schwermut seines Cousins, den die willkürliche Art, das Leben zu genießen, nicht mehr zufriedenzustellen schien. Spöttisch beobachtete Charles, wie Andrew seinen Tagen einen neuen Sinn zu geben versuchte, wie er, mit stiller Enttäuschung kämpfend, auf eine Erleuchtung wartete, die nicht kam. Andrew wiederum sah amüsiert zu, wie sein Cousin im grellen Kostüm des oberflächlichen Schönlings durchs Leben ging, während hinter manchen seiner Gesten und Meinungsäußerungen ein Geist aufblitzte, der ebenso ernüchtert war wie sein eigener, wenngleich es offenbar nicht zu seinen Plänen gehörte, vom süßen Leben abzulassen. Nein, Charles lebte drauflos, als fehlten ihm feinere Sinne, um die Welt zu genießen, während Andrew tagelang in einem Winkel sitzen und einer Rose in seiner Hand beim Welken zuschauen konnte.

In dem August, in dem das alles passierte, waren die beiden achtzehn Jahre alt geworden, und obgleich keiner von ihnen Anstalten machte, erwachsen zu werden, ahnten sie doch beide, dass das müßiggängerische Leben nicht mehr lange so weitergehen konnte, dass die Eltern das fruchtlose Faulenzerdasein ihrer Söhne nicht mehr lange mit ansehen und ihnen irgendeine Alibitätigkeit in einem der Familienunternehmen zuweisen würden. Im Moment war es jedoch ganz vergnüglich auszuprobieren, wie weit man den Bogen noch spannen konnte. Charles hatte schon angefangen, an einigen Tagen der Woche ins Büro zu gehen und kleinere Aufgaben zu erledigen, doch Andrew wollte lieber warten, bis das Gefühl von Langeweile so stark würde, dass er eine Anstellung in einem der familiären Geschäfte eher als Erleichterung denn als Strafe empfände. Die Wünsche des Vaters wurden in dieser Hinsicht bereits von Andrews älterem Bruder Anthony befriedigt, sodass der erlauchte Sir William Harrington es sich leisten konnte, seinen Zweitgeborenen noch ein paar Jahre als schwarzes Schaf auf der Weide zu lassen, solange er ihm nicht aus dem Blickfeld geriet. Doch ebendas hatte Andrew getan. Er hatte sich den Blicken seines Vaters entzogen. Und jetzt plante er, sich noch mehr zu entziehen, bis er ganz verschwunden und jede Möglichkeit zur Rettung ausgeschlossen wäre.

Wir wollen uns jedoch nicht von Dramatik mitreißen lassen, sondern mit unserer Geschichte fortfahren. An jenem Tag war Andrew zu den Winslows gegangen, weil er und sein Cousin Charles einen Sonntagnachmittagsausflug mit den bezaubernden Keller-Zwillingen planten, die sie wie üblich zum Serpentine-See auszuführen gedachten, auf dessen blumenübersäten Uferwiesen sie ihre romantischen Hinterhalte auszulegen pflegten. Charles schlief jedoch noch, und der Hausdiener ließ Andrew in der Bibliothek warten. Diesem machte es nichts aus, sich dort die Zeit zu vertreiben, bis sein Cousin den Weg in die Vertikalität gefunden hatte, denn inmitten all der Bücher, die den lichtdurchfluteten Raum mit einem ganz eigenen schweren Geruch erfüllten, fühlte er sich ausgesprochen wohl. Sein Vater rühmte sich, eine ansehnliche Bibliothek im Haus zu beherbergen, doch im Hause seines Cousins gab es nicht nur dunkle Bücher über Politik und ähnlich langweilige Themen. Dort konnte man klassische Werke und sogar Abenteuerromane finden, von Verne bis Salgari, aber auch, und das belustigte Andrew besonders, einzelne Exemplare einer befremdlichen, einigermaßen exotischen, von vielen als frivol getadelten Literatur. Es handelte sich um Romane, in denen die Autoren ihre Phantasie schweifen ließen, unbekümmert die Lächerlichkeit streiften oder sich ihr sogar offen ergaben. Wie jeder empfindsame Leser genoss Charles zwar die Lektüre von Homers Odyssee oder Ilias, wahres Lesevergnügen hingegen empfand er erst, wenn er sich in die aberwitzigen Seiten eines Romans wie Der Froschmäusekrieg und seine Folgen vertiefte, in dem der blinde Dichter sich selbst parodiert und in epischer Breite von einer Schlacht zwischen Fröschen und Mäusen erzählt. Andrew erinnerte sich an einige Bücher dieser Art, die sein Cousin ihm ausgeliehen hatte; Bücher wie Wahrhafte Erzählungen, zum Beispiel, von Lucian von Samosata, eine Sammlung fabelhafter Reisen in einem fliegenden Schiff, mit dem der Held sogar auf der Sonne landen konnte, und das Innere eines gigantischen Wals durchfuhr. Oder Der Mann im Mond von Francis Godwin, der erste Roman, der von einer interplanetarischen Reise erzählte und in dem ein Spanier namens Domingo González mit einer von Wildgänsen gezogenen Maschine zum Mond flog. Für Andrew waren derartige Phantasiegeschichten nicht mehr als Feuerwerksraketen, die keinerlei Spuren am Himmel hinterließen, aber er verstand, oder glaubte zu verstehen, warum sie seinen Cousin so bewegten. Diese Art von Literatur, die von den meisten abgelehnt wurde, war das Lot, das Charles’ Seele im Gleichgewicht hielt, das Gegengewicht, welches ihn davor bewahrte, dem Ernst oder der Melancholie zu verfallen, wie es ihm passiert war, der sich dieser leichten, sorglosen Art, das Leben zu sehen, nicht hatte anschließen können, dem alles schmerzlich schwer erschien, durchtränkt von dieser absurden Feierlichkeit, mit der die Vergänglichkeit des Lebens unfehlbar jeden noch so unbedeutenden Akt versah.

An jenem Nachmittag jedoch hatte Andrew keine Zeit, irgendein Buch in die Hand zu nehmen. Er kam nicht einmal dazu, sich der Bücherwand zu nähern, da das anbetungswürdigste Mädchen, das er je zu Gesicht bekommen hatte, seinen Schritt mitten im Zimmer innehalten ließ. Verwirrt starrte er auf das Bild, während die Zeit schwerer zu werden, einen Moment lang stehenzubleiben schien, bis er sich dem Porträt schließlich langsam zu nähern wagte, um es aus der Nähe zu betrachten. Die Frau trug ein schwarzes Samthütchen und ein blumengemustertes Tuch um den Hals. Sie entsprach vielleicht nicht dem universalen Schönheitsideal, wie Andrew zugeben musste, denn für ihr Gesicht war die Nase zu groß, die Augen standen zu nah beieinander, und das rötliche Haar machte einen etwas zerzausten Eindruck, aber dennoch besaß diese Unbekannte einen so unbestimmten wie nicht zu leugnenden Charme. Er wusste nicht, was genau ihn an ihr so verzauberte. Vielleicht war es der Gegensatz zwischen ihrem zerbrechlichen Aussehen und der Kraft ihres Blickes; eines Blickes, den er bei keiner seiner Eroberungen je gefunden hatte. Es war ein wilder und entschlossener Blick, in dem zugleich eine zarte Unschuld glomm, als habe diese junge Frau zwar Tag für Tag die düsterste Seite der Welt vor Augen, bewahre sich jedoch des Nachts, allein im Dunkel ihres Zimmers, den Glauben daran, dass dies nur ein ärgerliches Zerrbild war, eine Wahnvorstellung, die sich bald auflösen und einer freundlicheren Wirklichkeit weichen würde. Es war der Blick eines Menschen, der sich nach etwas sehnt und nicht wahrhaben will, dass er es niemals bekommen wird, da die Hoffnung alles ist, was ihm bleibt.

«Ein bezauberndes Geschöpf, nicht wahr?», sagte Charles hinter seinem Rücken.

Andrew fuhr herum. Er war so in die Betrachtung des Bildes versunken gewesen, dass er ihn nicht hatte hereinkommen hören. Er nickte nur, während sein Cousin zu dem Wägelchen mit den Getränken ging. Mehr fiel ihm nicht ein, um auszudrücken, was das Bild in ihm hervorgerufen hatte; diesen Wunsch, das Mädchen zu beschützen, vermischt mit einem Gefühl der Bewunderung, ähnlich dem, dachte er leicht beschämt angesichts dieses unangebrachten Vergleichs, das er beim Anblick von Katzen empfand.

«Ich habe es meinem Vater zum Geburtstag geschenkt», erklärte Charles, während er Brandy in zwei Gläser goss. «Es hängt da erst seit ein paar Tagen.»

«Wer ist das Mädchen?», fragte Andrew. «Ich habe sie weder auf den Partys von Lady Holland noch von Lord Broughton je gesehen.»

«Auf deren Partys?», lachte Charles. «Ich glaube allmählich, dass der Maler tatsächlich gewisse Fähigkeiten hat. Auch dich hat er hereingelegt.»

«Was willst du damit sagen?», fragte Andrew und nahm das Glas, das sein Cousin ihm reichte.

«Glaubst du, ich habe meinem Vater das Bild wegen seiner künstlerischen Qualitäten geschenkt? Meinst du wirklich, es könnte als Gemälde vor meinen Augen bestehen?» Charles nahm ihn am Arm und nötigte ihn, ein paar Schritte näher an das Bild heranzutreten. «Schau genau hin. Beachte die Pinselführung: Dahinter steht nicht das geringste Talent. Der Maler ist nicht mehr als ein mutwilliger Degas-Schüler. Wo der Franzose lieblich ist, ist er schreiend schroff.»

Andrew verstand nicht genug von Malerei, um mit seinem Cousin zu diskutieren, und alles, was ihn interessierte, war das Modell. Er wollte wissen, wer sie war, und so nickte er nur ergeben und gab damit zu verstehen, dass er sich Charles’ Urteil anschloss: Der Maler wäre besser beraten, Fahrräder zu reparieren. Charles lächelte über die Art, wie sein Cousin einer Diskussion über Malerei ausgewichen war, die es ihm selbst erlaubt hätte, mit seinem Kunstverständnis zu brillieren. So sagte er:

«Ich habe es ihm aus einem anderen Grund geschenkt, lieber Cousin.»

Er leerte sein Glas in einem langen Zug, betrachtete das Bild noch einige Sekunden und nickte zufrieden vor sich hin.

«Und was ist das für ein Grund, Charles?», fragte Andrew schließlich ungeduldig.

«Das geheime Vergnügen, welches mir das Wissen bereitet, dass mein Vater, der den Pöbel hasst, als wären diese Menschen minderwertige Wesen, in seiner Bibliothek das Porträt einer gewöhnlichen Prostituierten hängen hat.»

Seine Worten brachten Andrew aus der Fassung.

«Eine Prostituierte?», stammelte er.

«Ja», antwortete Charles mit einem zufriedenen Lächeln, das sich über das ganze Gesicht ausbreitete, «aber keine von den Edelhuren aus den Bordells vom Russell Square, nicht einmal eine von denen, die sich im Park an der Vincent Street herumtreiben, sondern eine dreckige Nutte aus Whitechapel, in deren stinkenden Schoß die ärmsten Schlucker für drei erbärmliche Pennys ihr ganzes Elend entleeren.»

Andrew brauchte einen Schluck Brandy, um die Worte seines Cousins zu verdauen. Dessen Enthüllung hatte ihn überrascht, das war nicht zu leugnen, wie sie jeden anderen überrascht hätte, der das Bild sähe, aber sie hatte ihn auch eine absurde Enttäuschung spüren lassen. Er heftete die Augen wieder auf das Bild und versuchte den Grund für sein ungutes Gefühl zu verstehen. Dieses liebliche Geschöpf war eine gewöhnliche Hure. Jetzt begriff er die Verschmelzung von Feuer und Härte, die in ihren Augen stand und die der Maler so gut herauszuarbeiten verstanden hatte. Andrew musste jedoch zugeben, dass seine Desillusion einen viel selbstsüchtigeren Grund hatte: Die junge Frau gehörte nicht zu seiner Welt, und das bedeutete, dass er sie nie würde kennenlernen können.

«Bruce Driscoll hat mir den Kauf empfohlen», erklärte Charles, der die Gläser nachfüllte. «Du erinnerst dich doch an Bruce?»

Andrew nickte ohne allzu große Begeisterung. Bruce war ein Freund seines Cousins, den Geld und Langeweile zum Kunstsammler gemacht hatten; ein eingebildeter Müßiggänger, der keine Gelegenheit ausließ, sie mit seinen Kenntnissen der Malerei zu belästigen.

«Du weißt ja, er stöbert gern unter den Teppichen», sagte sein Cousin und reichte ihm das gefüllte Glas Brandy. «Als ich ihn das letzte Mal traf, erzählte er mir von einem Maler, dessen Werk er bei einem seiner Bummel über die Flohmärkte entdeckt hatte. Ein gewisser Walter Sickert, Gründer der Neuen Englischen Kunstschule. Er hatte sein Atelier in der Cleveland Street, und er malte die Nutten aus dem East End, als wären sie vornehme Damen. Als ich ihm einen Besuch abstattete, konnte ich nicht umhin, ihm sein neuestes Bild abzukaufen.»

«Hat er dir von ihr erzählt?», fragte Andrew, um einen gleichgültigen Ton bemüht.

«Von der Hure? Er hat mir nur ihren Namen genannt. Ich glaube, sie hieß Marie Jeannette.»

Marie Jeannette, dachte Andrew. Der Name passte genauso gut zu ihr wie das kecke Hütchen.

«Eine Hure aus Whitechapel…», murmelte er immer noch fassungslos.

«Eine Hure aus Whitechapel, ja. Und mein Vater hängt sie sich in die Bibliothek!», rief Charles und breitete in einer komischen Siegergeste die Arme aus. «Ist das nicht schlicht und einfach genial?»

Charles legte seinem Cousin den Arm um die Schulter und führte ihn in den Salon, wo sie auf ein anderes Thema zu sprechen kamen. Andrew war tunlichst bemüht, sich seine Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Er musste unentwegt an die junge Frau auf dem Gemälde denken, während sie beide ihre Eroberungsstrategie für die bezaubernden Keller-Zwillinge planten.

In dieser Nacht, in seinem Schlafzimmer, fand Andrew keinen Schlaf. Wo mochte die Frau auf dem Bild jetzt sein? Was tat sie gerade? Nach der vierten oder fünften Frage nannte er sie schon beim Namen, als würde er sie tatsächlich kennen und stände in einer Vertraulichkeit zu ihr, die nicht existierte. Aber dass er wirklich krank war, begriff er, als er eine absurde Eifersucht auf die armen Schlucker zu entwickeln begann, denen für ein paar Pennys vergönnt war, was ihm, trotz seines Reichtums, unerreichbar bleiben würde. Obwohl, war es denn ein unumstößliches Gesetz, dass sie für ihn unerreichbar blieb? Seinem Stande nach konnte er sie, zumindest körperlich, doch leichter besitzen als jede andere, und das sogar für den Rest seines Lebens. Das Problem war, sie zu finden. Andrew war noch nie in Whitechapel gewesen, wenngleich er über das Viertel schon genug gehört hatte, um zu wissen, dass es kein empfehlenswertes war, schon gar nicht für einen seines Standes. Es war nicht ratsam, sich allein dorthin zu begeben, so viel war klar; aber auf Charles konnte er nicht zählen. Sein Cousin würde kein Verständnis dafür haben, dass ihm das verwahrloste Geschlecht dieser schlampigen Nutte mehr zusagte als der süße Honigtopf, den die reizenden Geschwister Keller in ihren Höschen bargen, oder die duftenden Huren aus Chelsea, an denen sich die Hälfte der vornehmsten Gentlemen des West End labte. Vielleicht verstünde er ihn, wäre vielleicht sogar bereit, ihn aus Spaß dahin zu begleiten, wenn Andrew es ihm als eine Laune verkaufte; aber er wusste, dass das, was er empfand, viel zu stark war, als dass er es als vorübergehende Laune deklarieren konnte. Oder? Bis er sie nicht in seinen Armen gehalten hatte, würde er ja nicht wissen, was er von ihr wollte. Sollte es wirklich so schwer sein, sie zu finden? Drei schlaflose Nächte reichten, um ihn seinen Plan schmieden zu lassen.

Und während im Kristallpalast, der nach Sydenham umgezogen war, nachdem er in seinem riesigen Bauch aus Glas und Schmiedeeisen die Schmuckstücke der Industrie des Empires beherbergt hatte, jetzt Orgelspiele, Kinderballett, Bauchredner und sogar Imbissmöglichkeiten in seinen herrlichen Gartenanlagen angeboten wurden, begleitet von einer Herde Dinosauriern, Iguanodonten und Säbelzahntigern, die den in Sussex Weald gefundenen Fossilien nachgebildet worden waren, und während das Wachsmuseum der Madame Tussaud für schlaflose Nächte bei den Besuchern der berühmten Schreckenskammer sorgte, wo sich neben der Guillotine, mit der Marie Antoinette geköpft worden war, dicht an dicht all die Wahnsinnigen, Mörder und Giftmischer drängten, die Blut über England gebracht hatten, betrachtete Andrew Harrington, den die Feststimmung, die sich über die ganze Stadt gelegt hatte, unberührt ließ, im Spiegel seine Verkleidung. Die ärmlichen, abgetragenen Sachen hatte ihm einer der Diener geborgt. Als er sich in der verschlissenen Jacke und der fadenscheinigen Hose erblickte, das blonde Haar unter einer bis zu den Augen herabgezogenen karierten Mütze verborgen, musste er unwillkürlich lächeln. Mit diesem Aussehen würde ihn jeder für einen armen Schlucker halten, für einen Schuster vielleicht, oder einen Barbier. So verkleidet, bat er einen erstaunten Harold, ihn nach Whitechapel zu fahren. Bevor sie losfuhren, verpflichtete er den Kutscher zu absolutem Stillschweigen. Niemand durfte von diesem Ausflug ins übelste Viertel Londons erfahren; weder sein Vater noch die Mutter, noch sein Bruder Anthony, nicht einmal Cousin Charles. Niemand.

III

Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, ließ Andrew die luxuriöse Kutsche in Leadenhall halten und ging zu Fuß weiter bis zur Commercial Street. Nachdem er ein gutes Stück durch diese übelriechende Straße geschlendert war, nahm er all seinen Mut zusammen und tauchte in das Gewirr von Gassen ein, aus dem Whitechapel bestand. Er war kaum zehn Minuten gegangen, und es hatte sich bereits ein Dutzend Prostituierter aus dem Nebel geschält und ihn zu einem Ausflug auf den Venushügel animiert, doch keine von ihnen war die Frau von dem Bild. Wären sie von Algen umwunden gewesen, Andrew hätte sie für rissige, schmutzstarrende Galionsfiguren gehalten. Er wies sie höflich zurück, ohne sein Gehen zu unterbrechen, und empfand ein tiefes Mitgefühl für diese vor Kälte zusammengekrümmten Vogelscheuchen, die so ihr Leben fristen mussten. Das lüsterne Lächeln, das ihre zahnlosen Münder zustande zu bringen versuchten, erregte mehr Abscheu als Verlangen. Sollte Marie, außerhalb des Bildes, auch so aussehen, fern der Pinsel, die sie zu einem engelhaften Wesen verklärt hatten?

Er erkannte bald, dass er sie durch Zufall kaum finden würde. Vielleicht wäre es geschickter, einfach nach ihr zu fragen. Er überprüfte seine Verkleidung und betrat entschlossen das Ten Bells, eine belebte Kneipe an der Ecke Fournier und Commercial Street, genau gegenüber der geisterhaften Christ Church, und die, so stellte er durch die Fenster spähend fest, auch der Ort zu sein schien, an dem die Huren ihre Freier suchten. Zwei von ihnen hingen schon an seinem Hals, noch bevor er die Bar erreicht hatte. Andrew versuchte unverkrampft zu erscheinen und lud sie auf ein Pint Schwarzbier ein, lehnte ihre Angebote so höflich es ging ab und erklärte ihnen, er suche eine Frau namens Marie Jeannette. Eine der beiden gab sich beleidigt und zog umstandslos ab, hatte vermutlich keine Lust, die Zeit mit jemandem zu vertrödeln, der kein Geld für sie ausgeben würde; die andere jedoch, die Größere von beiden, blieb und bedankte sich für die Einladung.

«Ich nehme an, du meinst Marie Kelly. Alle wollen nur diese verdammte Irin. Um diese Zeit hat sie wahrscheinlich schon ein paar Kerle bedient und ist jetzt im Britain Pub. Dahin gehen wir alle, wenn wir genug verdient haben, um uns ein Bett leisten zu können und vielleicht noch ein schnelles Besäufnis, um dies erbärmliche Leben zu vergessen», sagte sie, und in ihrer Stimme lag mehr Ironie als Groll.

«Wo finde ich das Britain?», wollte Andrew wissen.

«Gleich um die Ecke. An der Kreuzung von Crispin und Dorset Street.»

Andrew dankte ihr die Information mit vier Schilling.

«Such dir ein Zimmer», empfahl er ihr mit freundlichem Lächeln. «In dieser Nacht ist es zu kalt, um draußen zu bleiben.»

«Oh, danke, Sir. Sie sind sehr großzügig», entgegnete die Hure aufrichtig dankbar.

Andrew tippte sich an die Mütze und verabschiedete sich.

«Komm zu mir, wenn Marie Kelly dir nicht gibt, was du brauchst», rief sie ihm nach, um einen Rest von Koketterie bemüht, den ihr zahnloses Lächeln verhunzte. «Ich heiße Liz, Liz Stride, nicht vergessen!»

Andrew hatte keine Mühe, den Britain Pub zu finden; eine schlichte Spelunke mit einer langen Fensterfront. Drinnen hingen zwar genug Öllampen, doch der Tabakqualm war so dicht, dass man nur mit Mühe etwas erkennen konnte. Im Hintergrund gab es eine lange Theke, links davon zwei Séparées. Der mit Sägemehl ausgestreute Kneipenraum war vollgestellt mit kleinen Holztischen, an denen sich die lärmende Kundschaft drängte. Ein Heer von Kellnern mit schmierigen Schürzen balancierte überschäumende Bierkrüge aus Zinn zwischen den Tischen und Gästen hindurch. In einer Ecke des Raums bot ein klappriges Klavier sein fleckiges Tastengebiss jedem dar, der glaubte, den Lärm noch etwas befeuern zu müssen. Andrew erreichte die Theke, die überquoll von Bierkrügen, Ölfunzeln und Tellern voller Käsebrocken, so groß wie aus einem Steinbruch gehauene Steine. An der Flamme einer der Lampen zündete er sich eine Zigarette an, bestellte ein Pint Bier und studierte die Gäste, unauffällig am Tresen lehnend, mit gerümpfter Nase wegen des aus der Küche hereindringenden Gestanks von heißen Würstchen. Genau wie man ihm angekündigt hatte, herrschte hier eine weit ruhigere Atmosphäre als im Ten Bells. An den Tischen saßen Seeleute auf Landgang und Ansässige, die genauso bescheiden gekleidet waren wie er selbst, oder auch Gruppen von Huren, die eifrig damit beschäftigt waren, sich zu betrinken. Er nippte an seinem Bier und versuchte Marie Kelly unter ihnen zu erkennen, doch keine entsprach der Beschreibung. Beim dritten Bier sank ihm allmählich der Mut, und er fragte sich, was zum Teufel er hier eigentlich zu finden hoffte.

Er wollte gerade gehen, als sie zur Tür hereinkam. Er erkannte sie sofort. Sie war das Mädchen von dem Bild, daran bestand kein Zweifel, und jetzt, da sie sich bewegte, schien sie ihm sogar noch viel schöner zu sein. Sie wirkte erschöpft, dennoch bewegte sie sich mit einer Energie, die Andrew ihr schon auf dem Gemälde angesehen hatte. Die meisten Gäste nahmen sie gar nicht wahr. Wie konnte es sein, dass kein Mensch auf das kleine Wunder reagierte, das sich gerade im Lokal ereignete? Angesichts der einmütigen Gleichgültigkeit fühlte sich Andrew wie ein bevorzugter Augenzeuge dieses Wunders. Er erinnerte sich an einen Vorfall, der lange zurücklag. Als Kind hatte er einmal zugesehen, wie der Wind ein herabfallendes Blatt von einem Baum in seine unsichtbaren Finger genommen und es auf der Spitze im Wasser einer Pfütze hatte tanzen lassen wie eine Ballerina, bevor ein Wagenrad den Tanz zerstörte, sodass Andrew das Gefühl gehabt hatte, die Natur habe sich mit ihm verbündet, um dieses Kunststück für einen einzigen Zuschauer vorzuführen. Seitdem hegte er die Überzeugung, das Ausbrechen von Vulkanen sei eine Ehrerbietung des Universums gegenüber der ganzen Menschheit, während das Universum sich andererseits mit besonderem Eifer an eine Handvoll Auserwählter wandte, die wie er die Wirklichkeit als eine Art Tapete sehen konnten, hinter der sich eigentlich etwas anderes befand. Bestürzt haftete sein Blick an Marie Kelly, die direkt auf ihn zukam, als würde sie ihn kennen. Sein Herz tat einen Sprung, doch dann beruhigte er sich ein wenig, als sie sich mit beiden Ellenbogen auf die Theke stützte und ein halbes Pint Bier bestellte, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

«Wie läuft’s heute Nacht, Marie?», fragte die Wirtin.

«Ich kann nicht klagen, Mrs.Ringer.»

Andrew schluckte und wäre fast ohnmächtig geworden. Da stand sie, direkt neben ihm. Er konnte es nicht glauben. Er hatte sogar ihre Stimme gehört. Eine müde, etwas heisere Stimme, jedoch wunderschön. Und wenn er sich konzentrierte und all die überflüssigen Gerüche von Zigarettenqualm und Würstchendampf hinwegwischte, würde er sie vielleicht sogar riechen können. Marie Kelly riechen! Verzaubert schaute Andrew sie voller Ehrfurcht an, fand in jeder ihrer Bewegungen bestätigt, was er längst wusste. So wie eine Muschel in ihrem Innern das Tosen des Meeres birgt, schien auch dieser so zerbrechlich wirkende Körper eine Naturgewalt in sich zu bergen.

Als die Wirtin das Bier auf den Tresen stellte, sah Andrew eine Gelegenheit, die er nicht verpassen durfte. Hastig kramte er in seinen Taschen und kam ihr mit der Bezahlung zuvor.

«Gestatten Sie, dass ich Sie einlade, Miss», sagte er.

Mit dieser ebenso edelmütigen wie schroffen Bemerkung handelte er sich den unverblümt abschätzenden Blick von Marie Kelly ein. Ihre Augen auf sich gerichtet zu sehen ließ ihn erstarren. Wie das Bild ihn bereits hatte sehen lassen, war der Blick des Mädchens wunderschön, schien jedoch unter einer Schicht von Verbitterung begraben. Er verglich ihn unwillkürlich mit einer Blumenwiese, die jemand als Abfallanger benutzte. Trotzdem fühlte er sich von einem Lichtstrahl geblendet und versuchte, den Moment ihrer sich begegnenden Blicke für sie ebenso bedeutsam erscheinen zu lassen wie für ihn. Doch ein paar Dinge gibt es im Leben, die sich nicht mit Blicken ausdrücken lassen. Wie konnte Andrew sie an dem fast mystischen Empfinden teilhaben lassen, das ihn in diesem Moment gefangen nahm? Wie konnte er ihr nur mit den Augen erklären, dass er sie, ohne es zu wissen, sein Leben lang gesucht hatte? Wenn wir bedenken, dass das Leben, das Marie Kelly bis dahin geführt hatte, nicht gerade dazu angetan gewesen war, sie die Feinheiten dieser Welt erfassen zu lassen, werden Sie sich nicht wundern, dass dieser erste Versuch einer geistigen Kommunion, um es einmal so zu nennen, zum Scheitern verurteilt war. Andrew tat, was er konnte, aber die junge Frau interpretierte seinen brennenden Blick auf die gleiche Weise wie den der übrigen Freier, die sich Nacht für Nacht an sie heranmachten.

«Danke, Sir», antwortete sie und unterlegte ihre Worte mit einem schamlosen Lächeln, das sie sich vermutlich mühsam abringen musste.

Diese für ihn in höchstem Maß bedeutungsvolle Mimik mit einem Kopfnicken herunterspielend, erkannte Andrew voller Schrecken, dass er trotz seines ausgeklügelten Plans nicht bedacht hatte, wie er ein Gespräch mit ihr beginnen sollte, wenn er sie leibhaftig vor sich sah. Was konnte er mit ihr reden? Mehr noch: Worüber konnte er mit einer Hure reden? Einer Hure aus Whitechapel, um es genau zu sagen. Mit den Edelhuren aus Chelsea hatte er immer nur das Nötigste gesprochen, die Stellung oder die Zimmerbeleuchtung betreffend, und mit den reizenden Keller-Zwillingen oder sonstigen weiblichen Bekanntschaften, jungen Damen, die man nicht verunsichern soll, indem man mit ihnen über Politik oder Darwins Theorien zu sprechen versuchte, unterhielt er sich über Banalitäten wie die neueste Mode aus Paris, über Botanik und neuerdings über Spiritismus, ein modisches Freizeitvergnügen, das fast alle betrieben, die er kannte. Keines dieser Themen schien ihm jedoch für eine Frau geeignet, die kaum daran interessiert sein konnte, irgendeinen Hausgeist anzurufen, damit der ihr sage, mit welchem ihrer vielen reichen Verehrer sie am Ende vor den Traualtar treten werde. Also beschränkte er sich darauf, sie voller Verzückung anzustarren. Zum Glück kannte Marie Kelly ein wirksameres Mittel, das Eis zu brechen.

«Ich weiß, wonach Ihnen der Sinn steht, Sir, obwohl Ihre Schüchternheit Sie hindert, es auszusprechen», sagte sie, ihr Lächeln verstärkend und flüchtig seine Hand berührend, was ihn am ganzen Körper erschauern ließ. «Für drei Pennies kann ich Ihre Träume wahr werden lassen. Zumindest heute Nacht.»

Andrew betrachtete sie gerührt. Sie wusste ja nicht, wie recht sie hatte. Sie war der einzige Traum seiner letzten Nächte gewesen, sein tiefstes Verlangen, sein dringendstes Begehren, und jetzt endlich, dachte er ungläubig, könnte er sie besitzen. Allein bei dem Gedanken daran, sie berühren, den schlanken Leib, der sich unter der verschlissenen Kleidung abzeichnete, liebkosen und ihren Lippen tiefe Seufzer entlocken zu können, während er zugleich unter diesen Blicken eines lodernden Temperaments, eines unbezähmbaren misshandelten Geschöpfs entflammte, durchlief ihn von Kopf bis Fuß ein erregendes Kribbeln. Die Erregung verwandelte sich allerdings in tiefe Traurigkeit, als er die ungerechte Hilflosigkeit dieses verirrten Engels sah, die Leichtigkeit, mit der ein jeder ihn betatschen, in einer stinkenden Gasse schänden konnte, ohne dass irgendein Mensch auf der Welt seine Stimme dagegen erhob. War dieses außergewöhnliche Wesen dafür erschaffen worden? Mit einem Knoten im Hals akzeptierte er ihr Angebot, beschämt, sie genauso nehmen zu müssen wie alle anderen, als unterschiede sich sein Vorhaben nicht von dem ihrer sonstigen Kunden. Nachdem er sich einverstanden erklärt hatte, strahlte Marie Kelly ihn mit einer Begeisterung an, die Andrew aufgesetzt vorkam, und bedeutete ihm mit einer Kopfbewegung, den Pub mit ihr zu verlassen.