Die Leben des Lazarus Long - Robert A. Heinlein - E-Book

Die Leben des Lazarus Long E-Book

Robert A. Heinlein

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9,99 €

Beschreibung

Er heißt Lazarus Long, oder Woodrow Wilson Smith, oder Aaron Sheffield, oder ... Lazarus Long ist der älteste Mensch der Welt. So alt, dass er sich selbst nicht mehr an all die Namen erinnert, die er getragen hat. Ebenso wenig wie an alle Leben, die er gelebt, an alle Frauen, die er verführt und an alle Planeten, die er erobert hat. Doch nichts liebt Lazarus Long so sehr wie das Leben selbst, und so bricht er nun auf in ein neues Abenteuer quer durch Raum und Zeit ...

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Seitenzahl: 1162

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Das Buch

Sein Name ist Lazarus Long oder Woodrow Wilson Smith oder Ernest Gibbons oder Aaron Sheffield oder … Lazarus Long, geboren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf der guten alten Erde, ist der älteste Mensch der Welt. Er hat unzählige Leben gelebt, unzählige Frauen geliebt und unzählige Kinder gezeugt. Er erlebte die beiden großen Weltkriege, brach gemeinsam mit den Menschen zu den Sternen auf und eroberte fremde Planeten und ferne Galaxien. Er bestritt unzählige Abenteuer und reiste durch Raum und Zeit. Nun, am Ende seines über zweitausend Jahre währenden Daseins, legt Lazarus Long seine faszinierende Lebensbeichte ab …

Der Autor

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane Fremder in einer fremden Welt und Mondspuren gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

Mehr über Robert A. Heinlein und seine Romane erfahren Sie auf:

ROBERT A. HEINLEIN

DIE LEBEN DES

LAZARUS LONG

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

TIME ENOUGH FOR LOVE

Deutsche Übersetzung von Birgit Reß-Bohusch

Neu durchgesehen und ergänzt von Christian Ebert

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Vollständige und überarbeitete Neuausgabe: 10/2018

Copyright © 1973 by Robert A. Heinlein

Copyright © 2003 by Robert A. and Virginia Heinlein Prize Trust

Copyright © 2018 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock (Mopic und xtock)

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-18045-4V001

www.diezukunft.de

Inhalt

Einführung

Präludium I

Präludium II

Kontrapunkt I

Kontrapunkt II

Variationen über ein Thema

I.Staatsgeschäfte

II.Die Geschichte des Mannes, der zum Scheitern zu faul war

III.Familienprobleme

Kontrapunkt III

Variationen über ein Thema

IV.Liebe

Kontrapunkt IV

Variationen über ein Thema

V.Stimmen im Dunkeln

VI. Die Geschichte von den Zwillingen, die keine waren

VII.Von Walhalla nach Landfall

VIII.Landfall

IX.Gespräch vor Sonnenaufgang

X.Ausblick

Zwischenspiel – Aus den Tagebüchern des Lazarus Long

Variationen über ein Thema

XI.Die Geschichte von der Adoptivtochter

XII.Die Geschichte von der Adoptivtochter (Fortsetzung)

Zweites Zwischenspiel – Neues aus den Tagebüchern des Lazarus Long

Variationen über ein Thema

XIII.Boondock

XIV.Bacchanalien

XV.Agape

XVI.Eros

XVII.Narziss

Da Capo

I.Die grünen Hügel

II.Das Ende eines Zeitalters

III.Maureen

IV.Daheim

V.

VI.

VII.

Coda I

I.

II.

III.

IV.

Die Leben des Lazarus Long

Dieses Buch handelt vom Senior der Howard-Familien, der zugleich der älteste Angehörige der Menschheit ist: Woodrow Wilson Smith alias Ernest Gibbons alias Captain Aaron Sheffield alias »Happy« Daze alias Seine Durchlaucht Seraphin der Jüngere, Erster Hohepriester des Einen Allmächtigen Gottes und Oberster Schiedsrichter in Staats- und Religionsfragen, alias Gefangener Nummer 83M2742 alias Mister Justice Lenox alias Korporal Ted Bronson alias Dr. Lafe Hubert und so fort. Die Chronik gründet sich im Wesentlichen auf Berichte des Seniors selbst, aufgezeichnet an den verschiedensten Orten und zu den verschiedensten Zeiten, vor allem aber im Jahre 2053 nach der Großen Diaspora (oder 4272 nach Christus, wenn man den gregorianischen Kalender der Alten Erde benutzt) in der Howard-Verjüngungsklinik und im Regierungspalais von Neu-Rom auf Secundus – ergänzt durch Briefe und Augenzeugenschilderungen, geordnet, gesichtet, gekürzt und (wo immer möglich) mit offiziellen Aufzeichnungen sowie der Zeitgeschichte abgestimmt. Das Werk entstand im Auftrag der Howard-Stiftung und wurde erstellt vom Hauptarchivar der Howard-Familien. Das Ergebnis ist ein Dokument von einmaliger geschichtlicher Bedeutung, obschon der Autor sich entschloss, offenkundige Falschinformationen, beschönigende Darstellungen und eine Reihe von unzüchtigen, für die Jugend nicht geeignete Anekdoten im Text zu belassen.

Vorwort zur revidierten Auflage

In dieser gekürzten Volksausgabe wurde der technische Anhang getrennt veröffentlicht. An seine Stelle tritt ein Bericht über die Erlebnisse und Aktivitäten des Seniors zwischen seinem Weggang von Secundus und seinem Verschwinden. Auf ausdrücklichen Wunsch des Memoirenverfassers wurde eine Schilderung der letzten Begebenheiten im Leben des Seniors angefügt, aber sie enthält so viele Fehler und Lücken, dass sie nicht ernst genommen werden kann.

Carolyn Briggs

Hauptarchivar

NB: Meine reizende und wohlstudierte Nachfolgerin im Amt weiß nicht, wovon sie redet. Wenn es um den Senior geht, ist das Unglaubliche das Wahrscheinlichste.

Justin Foote der Fünfundvierzigste

Hauptarchivar emeritus

Präludium I

Als sich die Tür der Suite weitete, drehte sich der Mann am Fenster mit mürrischer Miene um.

»Wer, zum Henker, sind Sie?«

»Ira Weatheral von der Johnson-Familie, Ahnherr – derzeit stellvertretender Kuratoriumspräsident.«

»Hat lang genug gedauert! Nennen Sie mich nicht Ahnherr. Und warum nicht der hohe Boss selbst?«, fauchte der Mann im Sessel. »Hat er zu viel Arbeit, um persönlich vorbeizukommen? Bin wohl die Mühe nicht mehr wert, was?« Er traf keine Anstalten, sich zu erheben, noch bot er seinem Besucher einen Stuhl an.

»Verzeihung, Sir, ich bin der oberste Chef. Aber es hat sich in den letzten Jahrhunderten eingebürgert, den Präsidententitel nur pro tempore zu verleihen – falls Sie selbst einmal gedenken, den Vorsitz zu übernehmen.«

»Wie? Blödsinn! Das habe ich mir vor mehr als tausend Jahren abgewöhnt. Und Sire ist genauso schlimm wie Ahnherr! Schließlich besitze ich einen Namen. Ich habe Sie vor genau zwei Tagen rufen lassen, Mann. Weshalb kommen Sie jetzt erst? Haben Sie die Panoramastraße genommen? Oder gilt das Gesetz nicht mehr, nach dem ich jederzeit Anspruch auf das Ohr des Präsidenten habe?«

»Ich kenne dieses Gesetz nicht, Senior; wahrscheinlich wurde es lange vor meiner Zeit verfasst. Aber ich rechne es mir zur Ehre, ja zu meinem Vergnügen an, Ihnen meine Dienste zur Verfügung zu stellen. Als ich vor siebenunddreißig Stunden Ihre Nachricht erhielt, begann ich unverzüglich damit, Alt-Amerikanisch zu lernen, da ich erfahren hatte, dass Sie die Verwendung keiner anderen Sprache akzeptieren. Das erklärt meine Verspätung. Gerne benutze ich Ihren Namen, nur leider weiß ich nicht, welchen Namen Sie im Moment tragen …«

Der Senior sah etwas bedröppelt drein. »Sie haben recht, mit dem Kauderwelsch, das man hier spricht, kann ich wenig anfangen. Mein Gedächtnis spielt in letzter Zeit manchmal verrückt. Kann auch sein, dass ich einfach keine Lust hatte zu antworten, selbst wenn ich die Leute verstand. Mein Name – ich habe vergessen, mit welchen Namen ich eingecheckt habe. Ach, nennen Sie mich Lazarus! Lazarus Long – damit bin ich durch die ganze Galaxis geschippert. Mit Woodrow Wilson Smith konnte ich mich nie so recht anfreunden.«

»Danke, Lazarus.«

»Wofür? Mann, seien Sie nicht so verdammt steif, Sie sind doch kein Kind! Wie alt sind Sie? Alt genug müssen Sie ja sein, um Präsident zu sein. Und Sie haben sich tatsächlich die Mühe gemacht, Amerikanisch zu lernen? Für diesen Besuch? Und in knapp zwei Tagen? Alle Achtung! Ich benötige mindestens eine Woche, um mir eine neue Sprache einzuprägen – und eine weitere, bis der Akzent sitzt.«

»Ich bin dreihundertzweiundsiebzig Standardjahre alt, Lazarus, knapp vierhundert Erdenjahre. Ich befasste mich mit klassischem Englisch, als ich meinen Job übernahm, weil ich die alten Familiendokumente im Original lesen wollte. So hatte ich eine gewisse Grundlage. Der Computer brachte mir dann den nordamerikanischen Slang des zwanzigsten Jahrhunderts bei, nachdem er herausfand, dass dies das von Ihnen verwendete Idiom ist.«

»Kluges Maschinchen. Ich habe meine Jugend im Mittleren Westen verbracht, und es heißt ja, dass man die Sprache der Kindheit niemals aufgibt. Der Akzent stimmt nicht ganz – hm, mal überlegen … Texanisch mit einem Hauch von Oxford-Englisch! Wahrscheinlich wählt der Computer die Version aus, die den gegebenen Beispielen am nächsten kommt.«

»Keine Ahnung, Lazarus, darüber habe ich mir noch nie den Kopf zerbrochen. Bereitet es Ihnen Schwierigkeiten, meinen Akzent zu verstehen?«

»Aber nein, er kommt der Umgangssprache der damaligen Epoche näher als mein eigener Slang! Ich finde es nett, dass Sie sich meinetwegen so viel Arbeit gemacht haben.«

»Gern geschehen. Ich habe ein Talent für Fremdsprachen. Ich bin es gewohnt, mir neue Sprachen anzueignen, da ich es mir zur Aufgabe mache, mich mit jedem Kuratoren in seiner Muttersprache unterhalten zu können.«

»Dennoch, eine freundliche Geste. Ich kam mir allmählich vor wie in einem Zoo, weil ich mit keinem reden konnte.« Lazarus deutete auf die beiden Verjüngungstechniker, die in Helmen und Isolationsanzügen am anderen Ende des Raumes warteten, so weit entfernt von der Konversation wie möglich. »Die Figuren da drüben reden kein Englisch. Der Lange versteht mich ein wenig – aber an einen vernünftigen Tratsch ist nicht zu denken.« Er pfiff durch die Zähne und winkte eine der Gestalten herbei. »He, du! Einen Stuhl für meinen Gast – hopp, hopp!« Seine Gesten waren unmissverständlich. Der Techniker drückte eine Taste auf einem der in der Nähe stehenden Stühle. Der Stuhl rollte herbei. Dicht neben dem Präsidenten kam er zum Stehen. Ira nahm mit einem leisen Seufzer Platz. Der Stuhl maß ihn aus und schmiegte sich an seinen Körper.

»Bequem?«, fragte Lazarus.

»Sehr.«

»Einen Imbiss? Oder einen Drink? Was zum Rauchen? Sie werden womöglich für mich übersetzen müssen.«

»Nein, danke. Aber darf ich Ihnen etwas bestellen?«

»Im Moment nicht. Verdammt, ich werde hier gemästet wie eine Weihnachtsgans. Neulich haben sie mich sogar zwangsernährt. Aber wo wir’s jetzt gemütlich haben, kommen wir am besten gleich zur Sache.« Er holte tief Luft und brüllte plötzlich mit voller Lautstärke los: »WESHALB STECKT MAN MICH IN DIESE VERFLUCHTE ZELLE?«

»Keine Zelle, Lazarus«, entgegnete Weatheral ruhig. »Sie befinden sich in der VIP-Suite der Howard-Verjüngungsklinik in Neu-Rom.«

»Für mich ist es ein Gefängnis. Es gibt keine Kakerlaken, okay. Aber das Fenster hier schafft man mit keinem Brecheisen. Und die Tür – sie öffnet sich beim Klang jeder Stimme, nur nicht meiner! Sobald ich mal muss, steht eine dieser vermummten Figuren neben mir. Offenbar hat man Angst, dass ich mich in der Klosettschüssel ertränke. Herrgott, ich weiß nicht mal, ob ein Mann oder eine Frau in diesen widerlichen Klamotten steckt – aber das ist mir auch egal! Wenigstens beim Pinkeln will ich meine Ruhe haben, klar?«

»Ich werde sehen, was sich tun lässt, Lazarus. Die Leute hier sind begreiflicherweise nervös. Wenn Ihnen nur das Geringste zustößt, rollen Köpfe. Das Personal in Ihrer Suite besteht aus Freiwilligen, die dicke Prämien beziehen – aber ein Versehen, ein kleiner Fehler, und mit ihrer Karriere ist es zu Ende.«

»Hm. Also doch ein Gefängnis. Punkt zwei – WO IST MEIN SELBSTMORDHEBEL?«

»Lazarus – jeder Mensch kann den Zeitpunkt seines Todes bestimmen …«

»Genau das war meine Rede. Der Hebel gehört hierher. Man sieht noch genau die Stelle, wo er abmontiert wurde. Warum? Mein Freund, ich warne Sie! Einen alten Köter soll man nicht reizen; vielleicht schnappt er ein letztes Mal zu. Ich bin zwar alt, aber ich kann Ihnen immer noch die Arme brechen, bevor einer von diesen Trotteln mitbekommt, was passiert.«

»Sie dürfen mir gerne die Arme brechen, wenn Sie das wünschen.«

»Wie?« Lazarus warf ihm einen verwirrten Blick zu. Dann zuckte er die Achseln. »Ich verstehe. Man würde Sie in einer halben Stunde wieder zusammenflicken.« Plötzlich grinste er. »Und wenn ich Ihnen den Schädel einschlage? Gegen solche Dinge sind selbst die Verjüngungskünstler machtlos …«

Weatheral blieb ungerührt. »Ich glaube nicht, dass Sie so ohne Weiteres einen Ihrer Nachkommen töten würden. Sie sind immerhin mein Vorfahre, von sieben Linien her mit mir verwandt.«

Lazarus nagte an seiner Unterlippe. »Mein Junge, ich besitze so viele Nachkommen, dass mir das Wort Verwandtschaft wenig bedeutet. Aber im Grunde stimmt Ihre Annahme. Ich habe mein Leben lang nur dann getötet, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.« Er lachte trocken. »Nun, Ausnahmen bestätigen die Regel …«

»Lazarus, wenn Sie darauf bestehen, lasse ich den Selbstmordhebel sofort wieder anbringen. Doch gestatten Sie mir zuerst ein paar Worte …«

»Ein Dutzend, mehr nicht«, unterbrach ihn Lazarus.

Ira Weatheral zögerte einen Moment lang, dann zählte er an den Fingern ab: »Ich habe Amerikanisch gelernt, um Ihnen zu erklären, weshalb wir Sie brauchen.«

»Okay, ein Dutzend. Aber um die zu erläutern, benötigen Sie fünfhundert weitere – oder fünftausend.«

»Oder kein einziges«, meinte Weatheral. »Sie können den Hebel auch so bekommen. Ich hatte es versprochen.«

»Ira, Sie sind ein ausgekochter Gauner. Allmählich glaube ich Ihnen, dass mein Blut in Ihren Adern fließt. Sie wussten genau, dass ich den Hebel nicht benutzen würde, bevor ich nicht erfahren habe, was Sie zu sagen haben. Nicht, nachdem sie mir damit geschmeichelt haben, dass Sie extra meine tote Sprache erlernt haben, nur um mit mir zu plaudern. Meinetwegen, schießen Sie los! Und zwar mit einer Erklärung! Was mache ich hier? Ich weiß genau, dass ich keine Verjüngung beantragt habe. Als ich jedoch aufwachte, war die Arbeit bereits zur Hälfte getan. Aus diesem Grund habe ich Sie hierher zitiert.«

»Können wir noch etwas weiter vorn anfangen? Sie erklären mir, was Sie in einer verlausten Penne im schäbigsten Teil der Altstadt gesucht haben!«

»Was ich dort gesucht habe? Den Tod habe ich gesucht! Still und friedlich wie ein alter abgehalfterter Gaul wollte ich sterben. Und es wäre mir fast geglückt, wenn diese Schnüffler mich nicht herausgeholt hätten. Kennen Sie einen besseren Ort als eine Penne, wenn man sich aufs Abkratzen vorbereitet? Man muss nur seine Pritsche im Voraus bezahlen, dann lassen sie einen in Ruhe. Klar, die Brüder stehlen wie die Raben – sogar meine Schuhe waren eines Tages weg. Aber damit hatte ich gerechnet. Und die Bewohner von solchen Herbergen sind nett zu Leuten, denen es noch dreckiger geht als ihnen selbst. Jeder bringt einem Kranken ein Glas Wasser. Mehr wollte ich nicht. Ira, wie ist es Ihren Bullen gelungen, mich aufzustöbern?«

»Fragen Sie lieber, warum die Armleuchter es nicht viel früher geschafft haben! Ein Abteilungsleiter verlor seinen Job dabei. Ich dulde keine Schwächen in meiner Verwaltung.«

»Schön für Sie. Aber warum? Ich kam auf Umwegen nach Secundus und verwischte sorgfältig meine Spuren. Meine letzte Verjüngung erhielt ich obendrein auf Supreme. Oder haben die Familien inzwischen Kontakt mit dieser Welt aufgenommen?«

»Um Himmels willen – nein. Unter den Kuratoren gibt es eine einflussreiche Gruppe, die das Embargo gegen Supreme nicht mehr für ausreichend hält und sogar eine Vernichtung des Planeten anstrebt.«

»Ich würde keine Träne vergießen, wenn es dazu käme. Aber ich hatte meine Gründe dafür, den Job dort durchführen zu lassen, obwohl ich für die Zellreproduktion ein Heidengeld bezahlen musste. Nun, das ist eine andere Geschichte. Noch einmal: Wie habt ihr mich gefunden?«

»Sir, seit etwa siebzig Jahren forscht man in der ganzen Galaxis nach Ihrem Verbleib. Was das Wie betrifft: Erinnern Sie sich noch an die Formalitäten im Einwanderungsbüro? Sie mussten eine Impfung gegen Reiber-Fieber nachholen …«

»Ganz recht. Ich war ziemlich wütend, aber ich wollte keinen Krach schlagen, da ich bereits dieses Asyl im Sinn hatte. Ira, ich wusste seit geraumer Zeit, dass es mit mir zu Ende ging. Das war völlig in Ordnung; ich hatte einen Schlussstrich gezogen. Aber ich wollte nicht irgendwo allein sterben, draußen im Raum. Ich sehnte mich nach Stimmen, nach dem Geruch von Menschen. Das mag kindisch klingen, doch ich fühlte mich bei meiner Ankunft bereits ziemlich elend.«

»Lazarus, es gibt kein Reiber-Fieber. Wenn unsere Routinekontrollen nicht ausreichen, um die Identität eines Einwanderers zu klären, spritzen wir ihm irgendein harmloses Mittel gegen eine imaginäre Seuche ein und entnehmen ihm dabei eine Gewebeprobe. Die Beamten hätten niemals zulassen dürfen, dass Sie sich vom Hafengelände entfernten, solange Ihr Gen-Schema nicht feststand.«

»Mann, was macht ihr, wenn zehntausend Einwanderer mit einem Schiff ankommen?«

»Wir stecken sie in Quarantänebaracken. Aber das geschieht selten. Die Alte Erde ist so gut wie entvölkert, und von den Kolonieplaneten setzen sich nur kleinere Gruppen ab. Ich begreife jetzt noch nicht, warum sich meine Leute so dämlich benommen haben. Da landet eine Privatjacht, die fünfzehn bis zwanzig Millionen Kronen wert ist …«

»Sagen wir dreißig.«

»Schön, dreißig. Wie viele Menschen in der Galaxis können sich so eine Maschine schon leisten? Und wie viele davon würden eine Reise nach Secundus allein antreten? Ihr Auftreten hätte den primitivsten Schreiberknecht alarmieren müssen! Stattdessen lässt man Sie laufen und glaubt Ihnen, dass Sie brav im Romulus-Hilton absteigen werden. Wetten, dass Sie noch vor Einbruch der Dunkelheit neue Ausweise hatten?«

»Gewonnen. Aber eure Fälscher verlangen Wucherpreise. Scharfe Gesetze und tüchtige Bullen, was? Wenn ich nicht zu erschöpft gewesen wäre, hätte ich mir die Dinger selbst angefertigt. Verringert das Risiko …«

»Oh, wir haben den Mann nie entdeckt. Aber wo wir schon dabei sind …«

»Keine Chance, mein Guter«, meinte Lazarus. »Von mir werden Sie nichts über ihn erfahren. Mir ist egal, wie viele eurer Regeln er bricht, und außerdem kann es ja sein, dass ich ihn noch einmal brauche. Und wenn nicht, so ist er zumindest eine große Hilfe für alle, die euer übertriebenes Sicherheitssystem scheuen. Ira, Sie meinen es sicher gut, aber ich hasse Verwaltungsapparate, die sich zu sehr mit der Person eines Bürgers befassen. Ich meide seit Langem Planeten, die so überfüllt sind, dass man Ausweise benötigt. Hätte es auch diesmal tun sollen. Aber ich rechnete eben damit, dass es nicht mehr lange dauern würde. Verdammt, noch zwei Tage, und ich wäre hinüber gewesen. Wie habt ihr mich gefunden?«

»Es war nicht einfach. Sobald feststand, dass Sie sich auf Secundus befanden, machte ich Wirbel. Der Abteilungschef, den ich feuerte, war nicht der einzige unglückliche Mensch in diesen Tagen. Aber Sie hatten ein so raffiniertes Versteck gewählt, dass Sie meinen gesamten Mitarbeiterstab narrten. Der Leiter des Sicherheitsdienstes vertrat gar die Ansicht, dass jemand Sie umgebracht und Ihre Leiche spurlos beseitigt hätte. Ich erklärte ihm, dass er in diesem Falle seine Auswanderung beantragen könne.«

»Schneller, Ira! Ich will endlich wissen, wo ich gepfuscht habe.«

»Von Pfuschen kann gar nicht die Rede sein. Immerhin hat der gesamte Polizeiapparat des Planeten nach Ihnen gesucht. Aber ich war überzeugt davon, dass Sie sich noch am Leben befanden. Oh, es gibt Verbrechen auf unserer Welt – ganz besonders hier in Neu-Rom. Aber das sind in der Hauptsache Eifersuchtsdramen. Seit wir die Strafe dem Vergehen angepasst haben und im Kolosseum öffentliche Hinrichtungen abhalten, haben wir kaum noch Morde. Und ich dachte mir, dass ein Mann, der zweitausend Jahre überdauert hatte, sich nicht in irgendeiner finsteren Gasse den Garaus machen lassen würde.

Ich ging also davon aus, dass Sie lebten, und stellte mir die Frage: ›Wo würde ich mich verstecken, wenn ich Lazarus Long wäre?‹ Ich vollzog Ihre Schritte nach, soweit wir sie kannten. Ah, da fällt mir etwas ein …«

Er schlug sein Cape zurück und brachte einen großen Umschlag zum Vorschein, den er Lazarus in die Hand drückte. »Das hier haben Sie in einem Safe des Harriman’s Trust gelassen.«

Lazarus betrachtete das Siegel. »Sie haben ihn geöffnet?«

»Ja. Zu früh, gewiss – aber er war an mich adressiert. Niemand außer mir kennt den Inhalt. Und wenn Sie es wünschen, vergesse ich ihn wieder. Nur eines: Es hat mich gerührt, dass Sie Ihre Jacht dem Präsidenten der Stiftung vermachen wollen. Eine Supermaschine, Lazarus – zum Verlieben. Das heißt allerdings nicht, dass ich möglichst rasch Ihr Erbe antreten möchte. Aber ich wollte Ihnen erklären, weshalb wir Sie brauchen, und lasse mich ständig ablenken.«

»Ich habe keine Eile, Ira. Sie vielleicht?«

»Ich? Für mich gibt es im Moment nichts Wichtigeres, als mit Ihnen zu sprechen. Außerdem regieren meine Leute den Planeten viel zuverlässiger, wenn ich ihnen nicht zu genau auf die Finger schaue.«

Lazarus nickte zustimmend. »Das war auch immer mein Prinzip. Wenn man sich schon eine Aufgabe aufhalsen lässt, übernimmt man am besten gleich die ganze Angelegenheit und wälzt die Arbeit anschließend so schnell wie möglich auf andere ab. Gibt es eigentlich heutzutage noch Schwierigkeiten mit den Demokraten?«

»Demokraten? Ach, Sie meinen sicher die Egalitarier. Ich dachte erst, Sie reden von der Heiligen Demokratischen Kirche. Mit der haben wir allerdings nichts zu tun. Die Egalitarier gründen alle paar Jahre eine neue Bewegung – die Freiheitspartei, die Liga der Unterdrückten und so fort. Ihre Absicht ist es, die Schurken an der Spitze abzusägen und ihre eigenen Schurken an die Macht zu bringen. Wir lassen sie gewähren, schleusen still und heimlich unsere Spitzel ein und verfrachten irgendwann die Anführer mitsamt ihren Familien auf einen anderen Planeten. ›Das Leben auf Secundus ist ein Privileg, kein Recht.‹ «

»Sie zitieren mich.«

»Ja. Ich kenne die Gründungsurkunde auswendig und habe mich stets an ihre Regeln gehalten. Es gibt auf Secundus keine feste Regierung. Der Präsident des Kuratoriums erlässt die Vorschriften, die er für notwendig erachtet. Und sein Wort gilt, solange ihn die Kuratoren nicht absetzen.«

»Gut.« Lazarus nickte. »Und das ist Ihre Angelegenheit, da will ich gar nichts anrühren. Aber ich weiß nicht, mein Junge, ob es klug ist, Unruhestifter einfach zu deportieren. Jeder Teig braucht seine Hefe. Eine Gesellschaft ohne Wirrköpfe – das ist wie eine Herde Schafe. Pyramidenerbauer im besten Fall, dekadente Wilde im schlimmsten. Es kann sein, dass ihr mit dieser Maßnahme den schöpferischsten Bestandteil eurer Bevölkerung ausrottet – die Hefe.«

»Ich fürchte, Sie haben recht, Senior, und das ist einer der Gründe, weshalb wir Sie brauchen …«

»Nein! Ich sagte doch, das ist Ihre Angelegenheit.«

»Wollen Sie nicht zumindest hören, was ich zu sagen habe? Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie den Vorsitz des Kuratoriums übernehmen, auch wenn Ihnen dieser Platz nach altem Recht gebührt. Mir liegt an Ihrem Rat …«

»Rat – wer befolgt schon den Rat eines anderen?«

»Gut, dann nennen wir es anders: Ich möchte meine Probleme mit einem Menschen besprechen, der mehr Erfahrung besitzt als ich. Bleiben wir gleich einmal bei diesen Unruhestiftern. Wir haben sie ja nicht eliminiert, wie man so schön sagt, sie sind alle noch am Leben. Exil ist viel wirksamer als Exekutionen, weil man die Leute loswird, ohne dass die Hinterbliebenen allzu böse sind. Verschwenden wollen wir die Gelegenheit natürlich auch nicht – daher benutzen wir sie in einer Art Experiment, indem wir alle auf den gleichen Planeten verbannen. Felicity – ist Ihnen der Name ein Begriff?«

»Nicht unter diesem Namen.«

»Es wäre auch ein großer Zufall, wenn Sie über ihn gestolpert wären. Die Öffentlichkeit erfährt so gut wie nichts über die Existenz dieser Welt, die so etwas wie unser persönliches Reservat ist. Ein Planet, der viel Ähnlichkeit mit der Alten Erde aufweist – vor ihrer Verwüstung – oder mit Secundus, bevor wir uns darauf niederließen. Rau genug, um die Schwächlinge herauszusieben, aber nicht unbezwingbar, wenn man über ausreichend Mut und Zähigkeit verfügt.«

»Klingt nicht schlecht. Eingeborene?«

»Ja. Ein primitives Kriegervolk – wenn es inzwischen nicht ausgerottet ist. Wir wissen es nicht, wir haben keine Verbindung zu Felicity. Die Rasse ist nicht intelligent genug, um die Zivilisation anzunehmen, aber auch nicht so fügsam, dass sie die Sklaverei erdulden würde. Sie hatte das Pech, auf den Homo sapiens zu stoßen, bevor sie für diese Begegnung bereit war. Aber darum geht es bei unserem Experiment nicht, Lazarus. Die Eingeborenen haben keine Chance. Wir schicken die Verbannten nicht mit leeren Händen dorthin. Nein, die Verbannten glauben, dass sie eine ideale Regierung bilden können – durch Mehrheitswahlen.«

Lazarus rümpfte die Nase.

»Vielleicht schaffen sie es, Sir«, beharrte Weatheral. »Wir wissen es nicht. Das ist der wahre Zwecks des Experiments.«

»Junge, sind Sie übergeschnappt? Nein, geht ja nicht, die Kuratoren würden Sie nicht im Amt lassen. Wie alt, sagten Sie, sind Sie noch mal?«

»Neunzehnhundert Jahre jünger als Sie, Sir«, entgegnete Weatheral ruhig. »Und nicht geneigt, Ihren Meinungen Widerrede zu leisten. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das Experiment zum Scheitern verurteilt ist. Nicht, dass ich schon mal eine demokratische Regierung erlebt hätte, auch nicht bei meinen ausgedehnten Reisen durch die Galaxis. Aber ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit diesem Phänomen, und soviel ich erkennen konnte, gab es bis jetzt kein Volk, das in seiner Gesamtheit an die demokratische Idee glaubte. Deshalb muss ich eingestehen, dass ich mir doch nicht ganz sicher bin.«

»Hmm.« Lazarus warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. »Ich wollte Ihnen eben meine Erfahrungen mit den Verfechtern des Gleichheitsprinzips schildern. Aber Sie haben recht, Ira. Es handelt sich hier um eine völlig neue Situation. Oh, gewiss, ich habe meine Meinung – doch was sind tausend Meinungen gegen einen einzigen konkreten Versuch? Das hat schon Galileo bewiesen. Die Formen der Demokratie, auf die ich stieß, wurden der breiten Masse entweder aufgezwungen oder entwickelten sich langsam aus der Erkenntnis des Pöbels, dass er sich Brot und Spiele selbst verschaffen konnte – eine Zeit lang zumindest, bis das System zusammenbrach. Schade, dass ich den Ausgang Ihres Experiments nicht miterleben werde. Wenn ich mich nicht irre, führt es zur schlimmsten Tyrannei, die es je gegeben hat. Das Gesetz der Mehrheit gibt den Ellenbogentypen eine Menge Möglichkeiten, ihre Mitmenschen zu unterdrücken. Aber ich will Sie nicht beeinflussen. Wie denken Sie darüber?«

»Die Computer sagen …«

»Computer! Ira, auch die klügste Maschine ist nur so klug wie der menschliche Verstand, der sie erbaut hat. Wenn jemand anders denkt, hat er den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht begriffen. Ich wollte Ihre persönliche Meinung hören.«

»Sir, ich kann mir keine Meinung bilden. Mir fehlen einfach die Informationen.«

»Damit werden Sie nicht weit kommen, mein Junge! Wer Erfolg im Leben haben will, wer überhaupt lange leben will, muss raten – immer wieder den richtigen Weg erraten, damit er den anderen eine Nasenlänge voraus ist, auch ohne die notwendigen Informationen. Aber wir hatten davon gesprochen, wie Sie mich fanden …«

»Ganz recht. Dieser Brief, Ihr Testament, verriet, dass Sie mit Ihrem baldigen Tod rechneten. Das wurde unsere Ausgangsbasis. Nun …« Weatheral machte eine Pause und lächelte schwach. »Dann habe ich den richtigen Weg erraten, ›auch ohne die notwendigen Informationen‹. Es dauerte zwei Tage, bis wir den Laden ausfindig machten, in dem Sie sich neu eingekleidet hatten, vermutlich, um nicht durch Ihre teuren und extravaganten Sachen aufzufallen. Ich nehme an, dass Sie kurz darauf Ihre gefälschten Ausweise erstanden.«

Er wartete. Als Lazarus keine Antwort gab, fuhr er fort: »Einen halben Tag später kannten wir auch die Klitsche, in der Sie noch mals Ihre Kleider gewechselt hatten. Das war vielleicht Ihr Fehler. Der Besitzer erinnerte sich genau an Sie, weil Sie erstens bar bezahlten und zweitens Lumpen auswählten, die viel schlechter als Ihr eigenes Zeug waren. Oh, er hielt den Mund und dachte sich seinen Teil, als Sie ihm die Story mit dem Kostümfest auftischten. Er verdient seine Brötchen vor allem durch Hehlerei.«

Lazarus nickte. »Das brachte ich in Erfahrung, bevor ich ihn aufsuchte. Ich hoffte, er würde dichthalten.«

»Wir halfen ein wenig nach. Ein Hehler hat es nicht leicht, Lazarus – ohne Laden kann er seine Ware kaum absetzen. Das zwingt ihn manchmal zur Ehrlichkeit.«

»Oh, ich mache ihm keine Vorwürfe. Es war wirklich meine Schuld. Bei solchen Geschäften darf man sich nicht das geringste Aufsehen leisten. Aber ich fühlte mich alt und elend. Ich vergaß einen Moment lang, dass sich sozialer Abstieg nicht so leicht vortäuschen lässt wie sozialer Aufstieg. Vor hundert Jahren wäre mir dieser Schnitzer nicht unterlaufen.«

»Keine falsche Bescheidenheit, Senior! Immerhin haben Sie uns ein Vierteljahr an der Nase herumgeführt.«

»Mein Sohn, wenn ein Unternehmen einmal fehlschlägt, fragt keiner mehr danach, wie raffiniert es eingefädelt war. Weiter.«

»Der Rest geschah nach der Holzhammermethode, Lazarus. Die Klitsche befand sich im Elendsviertel der Stadt. Wir legten einen dichten Kordon um die Slums und filzten sie gründlich. Und wir hatten Glück. Gleich in der dritten Wanzenburg entdeckten wir Sie. Ich nahm übrigens persönlich an der Razzia teil und ließ Sie nicht aus den Augen, solange Ihr Gen-Schema überprüft wurde.« Ira Weatheral schnitt eine Grimasse. »Wir mussten frisches Blut in Ihre Adern pumpen, bevor der Computer Ihre Identität bestätigte. Ihr Zustand war miserabel.«

»Was heißt miserabel? Ich lag im Sterben! Herrgott, Ira, ist Ihnen klar, wie übel Sie mir mitgespielt haben? Ich hatte das Schlimmste hinter mir und war bereit für das sanfte Einschlafen. Dann kommt ihr und macht alles kaputt. Wenn ich geahnt hätte, dass man auf Secundus zur Verjüngung gezwungen werden kann, hätte ich einen weiten Bogen um den Planeten gemacht. Nun muss ich noch einmal von vorn anfangen. Entweder mit dem Selbstmordhebel – und Selbstmord habe ich von jeher verachtet – oder durch natürliches Altern. Und das kann eine Weile dauern. Ist mein altes Blut noch in der Vorratsbank der Klinik?«

»Ich werde mich beim Direktor erkundigen.«

»Pff, das ist kein Grund, also geben Sie sich keine Mühe, mich zu belügen! Ira, Sie haben mich in ein Dilemma gestürzt. Obwohl die Behandlung noch nicht abgeschlossen ist, fühle ich mich besser als in den ganzen letzten vierzig Jahren. Das bedeutet entweder erneut eine lange, abgespannte Wartezeit oder den Knopf zu drücken, bevor mein Körper sein Okay dazu gegeben hat. Mit welcher Autorität kommen Sie Schuft eigentlich daher und – ach nein, die Autorität haben Sie ja. Aus welchem ethischen Gesetz also leitet ihr das Recht ab, mir den Tod zu versagen?«

»Wir brauchten Sie, Sir.«

»Das ist kein ethischer, sondern ein praktischer Grund. Das Bedürfnis beruht nicht auf Gegenseitigkeit.«

»Senior, ich habe mich gründlich mit Ihnen und Ihrer Vergangenheit befasst. Dabei gewann ich den Eindruck, dass Sie oft aus praktischen Gründen handelten.«

Lazarus grinste. »Guter Junge! Ich fürchtete schon, Sie besäßen die Frechheit, mit hohen moralischen Grundsätzen aufzuwarten wie diese verdammten Kirchenprediger. Ich traue einem Menschen nicht, der von Ethik redet und mir dabei die Taschen ausplündert. Dagegen bin ich mit Leuten, die im eigenen Interesse handeln und das auch zugeben, meistens einig geworden.«

»Lazarus, bitte geben Sie Ihr Einverständnis, dass wir die Verjüngung zu Ende führen. Ihr Lebenshunger wird zu Ihnen zurückkehren, das wissen Sie.«

»Wozu, Ira? Ich bin zweitausend Jahre alt und habe so ziemlich alles durchgemacht. Ich besuchte so viele Planeten, dass ich mich nur noch verschwommen an sie erinnere. Ich war so oft verheiratet, dass ich die Namen meiner Frauen vergesse. Meine Heimatwelt ist stärker gealtert als ich – ein trostloser Fleck; es lohnt sich ja nicht einmal, einen letzten Blick auf das Land meiner Väter zu werfen. Nein, mein Junge, einmal kommt die Zeit, wo es am vernünftigsten ist, die Lichter zu löschen und schlafen zu gehen – und daran haben Sie mich gehindert, verdammt noch mal!«

»Es tut mir leid – nein, es tut mir nicht leid. Aber ich bitte Sie, mir zu verzeihen.«

»Wir werden sehen. Weshalb braucht ihr mich so dringend? Hat es mit Felicity zu tun?«

»Nein. Deshalb hätte ich Sie nicht um Ihren Tod gebracht. Ich habe das Gefühl, dass Secundus allmählich zu viel Kultur und zu viele Menschen aufweist.«

»Ganz bestimmt, Ira.«

»Deshalb glaube ich, dass die Familien wieder auswandern sollten.«

»Ich pflichte Ihnen bei. Aber es interessiert mich nicht. Als Daumenregel gilt, dass sich ein Planet seiner kritischen Masse nähert, sobald er Städte mit mehr als einer Million Einwohner besitzt. In hundert bis zweihundert Jahren wird es ein vernünftiger Mensch hier auf Secundus nicht mehr aushalten. Denken Sie bereits an eine bestimmte Welt? Glauben Sie, dass sich das Kuratorium für Ihre Idee gewinnen lässt? Und werden die Familien folgen?«

»Ein ›Ja‹ auf die erste Frage, ein ›Vielleicht‹ auf die zweite, ein ›Vermutlich Nein‹ auf die dritte. Der Planet, den ich als ›Tertius‹ ins Auge gefasst habe, ist ebenso gut, wenn nicht besser als Secundus in seiner Blütezeit. Ein Großteil der Kuratoren befürwortet meine Argumente, aber ich weiß nicht, ob ich alle überzeugen kann – Secundus bietet im Moment ein so bequemes Leben, dass nur wenige Leute die drohende Gefahr erkennen. Was die Familien selbst betrifft – nein, ich glaube nicht, dass wir viele dazu bringen könnten, ihre Zelte abzubrechen und uns zu folgen. Immerhin, hunderttausend würden genügen. Gideons Heerhaufen – Sie folgen?«

»Ich bin Ihnen schon weit voraus. Jede Auswanderung führt zu einer Selektion und Artverbesserung. Wenn Sie Freiwillige finden! Ira, ich hatte damals im dreiundzwanzigsten Jahrhundert verdammte Mühe, die Familien zum Exodus zu bewegen. Und es gelang nur, weil es auf der Erde so trostlos aussah. Viel Glück, mein Junge – Sie werden es brauchen!«

»Lazarus, ich rechne nicht mit einem Erfolg. Gewiss, ich werde mein Möglichstes versuchen. Aber wenn ich es nicht schaffe, gebe ich mein Amt auf und wandere allein aus. Nach Tertius, falls ich eine Gruppe zusammenbringe, die groß genug für eine Kolonie ist. Auf einen anderen, nur schwach besiedelten Planeten, wenn das nicht klappt.«

»Ist es Ihnen mit diesem Plan Ernst, Ira? Oder werden Sie sich, wenn der Moment gekommen ist, der Illusion hingeben, dass man Sie hier braucht? Wenn jemand den Hang zur Macht hat – und Sie haben ihn, sonst wären Sie nicht Präsident der Stiftung –, dann fällt ihm das Abdanken schwer.«

»Ich meine es ernst, Lazarus. Oh, ich regiere gern, das weiß ich selbst. Und ich hoffe, dass ich die Familien bei ihrem dritten Exodus anführen werde. Aber ich erwarte es nicht. Allerdings glaube ich, dass meine Chancen, eine lebensfähige Kolonie zu gründen – mit jungen Leuten, hundert oder höchstens zweihundert Jahre alt –, nicht schlecht stehen. Doch wenn mir auch das versagt bleibt« – er zuckte die Achseln – »dann ist der Aufbruch in die Galaxis die einzige Alternative für mich. Secundus hat mir nichts mehr zu bieten.« Nach einer Pause fügte Weatheral hinzu: »Vielleicht fühle ich ähnlich wie Sie, Sir. Ich habe genug. Die letzten hundert Jahre als Präsident der Stiftung reichen mir voll und ganz.«

Lazarus schwieg nachdenklich. Weatheral wartete.

»Ira, sorgen Sie dafür, dass ich meinen Selbstmordhebel bekomme. Aber erst morgen. Nicht heute.«

»Jawohl, Sir.«

»Wollen Sie nicht wissen, weshalb?« Lazarus hob den großen Umschlag hoch. »Falls Sie tatsächlich von Secundus fortgehen, dann geschehe, was mag und was auch immer die Kuratoren beschließen, aber dann möchte ich das hier umschreiben. Meine Investmentpapiere und mein Barvermögen auf den verschiedensten Welten der Galaxis machen eine hübsche Stange Kleingeld aus – sofern es mir nicht in der Zwischenzeit gestohlen wurde. Vermutlich so viel, dass sie bei der Gründung einer Kolonie zwischen Erfolg und Versagen entscheiden können. Denn die Kuratoren werden die Auswanderung kaum aus den Mitteln der Stiftung unterstützen.«

Weatheral sagte nichts. Lazarus warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »He, schon mal was von ›Danke‹ gehört?«

»Wofür, Lazarus? Dass Sie mir etwas geben, was Sie ohnehin nicht mehr brauchen, weil Sie tot sein werden? Wenn Sie sich zu diesem Schritt entschließen, dann vermutlich, um Ihrem Ego zu schmeicheln – nicht, um mir einen Gefallen zu erweisen.«

Lazarus grinste. »Verdammt, Sie haben recht. Vielleicht sollte ich noch eine Klausel einfügen, dass ihr den Planeten ›Lazarus‹ nennt. Aber ich hätte nicht die Möglichkeit nachzuprüfen, ob ihr es wirklich tut. Okay, wir verstehen einander. Und ich glaube – lieben Sie gute Maschinen?«

»Wie? Und ob! Ebenso, wie ich Maschinen verachte, die nicht das tun, wozu sie angeblich konstruiert wurden.«

»Großartig. Ich glaube, ich werde die Dora – das ist meine Jacht – nicht dem Präsidenten der Stiftung, sondern Ihnen persönlich vermachen … wenn Sie die Kolonie auf die Beine stellen.«

»Sir, Sie führen mich noch in Versuchung, Danke zu sagen.«

»Lassen Sie es! Seien Sie lieber nett zu meiner Dora! Sie hat stets nur Freundlichkeit erfahren. Ich glaube, sie wird ein prachtvolles Flaggschiff abgeben. Ein paar kleine Umbauten – die Spezifikationen sind bereits in den Computer eingespeist –, und sie nimmt eine Mannschaft von zwanzig bis dreißig Leuten auf. Obendrein kann sie auf Planeten landen und Erkundungsflüge durchführen, was mit einem schweren Transportschiff kaum möglich ist.«

»Lazarus – ich möchte im Moment weder Ihr Geld noch Ihre Jacht. Lassen Sie die Leute hier den Verjüngungsprozess zu Ende führen, und kommen Sie mit uns, Mann! Ich trete Ihnen gern die Führung ab. Aber Sie brauchen keinerlei Pflichten zu übernehmen, wenn Ihnen das lieber ist. Bitte, begleiten Sie uns!«

Lazarus schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe, Secundus nicht eingerechnet, sechs Kolonien gegründet. Alle auf Planeten, die ich selbst entdeckte. Immer das Gleiche. Mit der Zeit wird alles langweilig. Ira, glauben Sie, dass Salomon allen seinen tausend Frauen zu Diensten war? Wenn ja, dann tut mir das arme Mädchen leid, das ihm zuletzt Gesellschaft leistete. Suchen Sie eine völlig neue Aufgabe für mich, dann rühre ich diesen Hebel vielleicht nie an – und ich gebe Ihnen trotzdem alles, was Sie für diese Kolonie benötigen! Es wäre ein fairer Tausch, denn diese halbe Verjüngung ist höchst unbefriedigend. Ich fühle mich nicht wohl, aber sterben kann ich auch nicht mehr. Das heißt, dass ich zwischen dem Selbstmord und einer Vollbehandlung schwanke – wie Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen verhungert. Aber es müsste etwas echt Neues sein, Ira. Ich fühle mich wie die berühmte alte Hure, die zu oft die gleichen Treppen hochgestiegen ist. Meine Füße schmerzen.«

»Ich werde gründlich darüber nachdenken, Lazarus.«

»Sieben zu zwei, dass Sie nichts finden!«

»Ich verspreche Ihnen, mein Bestes zu tun. Sie rühren inzwischen den Hebel nicht an?«

»Ich verspreche nichts. Zuerst wird mein Testament umgeschrieben. Kennen Sie einen Rechtsberater, dem man trauen kann? Vielleicht brauche ich Hilfe.« Er deutete auf den Umschlag. »Wenn ich mein Vermögen den Familien hinterlasse, wird der Wisch hier auf Secundus anerkannt, egal, wie viele Formfehler er enthält. Aber sobald ich eine Privatperson als Erben einsetze, schreien meine Verwandten – und das sind nicht wenige – Zeter und Mordio, rennen vor Gericht und raufen so lange, bis Sie nichts mehr von dem Geld haben. Das wollen wir vermeiden, nicht wahr?«

»Kein Problem. Ich habe die diesbezüglichen Gesetze ändern lassen. Auf Secundus kann man zu Lebzeiten sein Testament vom Nachlassgericht überprüfen lassen. Wenn darin Formfehler enthalten sind, haben die Beamten die Pflicht, den Inhalt neu zu formulieren, sodass er dem Sinn des Verfassers entspricht. Auf diese Weise kann es keinen Streit geben; der Letzte Wille tritt mit dem Tod des Erblassers automatisch in Kraft. Falls er es sich natürlich anders überlegt, muss er ein neues Testament aufsetzen und die gleiche Prozedur noch einmal durchstehen. Keine billige Angelegenheit übrigens. Aber durch diese Vorprüfung entfallen die Rechtsanwaltskosten auch für die verzwicktesten Fälle. Und hinterher gibt es keine langen Querelen.«

Lazarus nickte anerkennend. »Hat das nicht den einen oder anderen Advokaten verärgert?«

»Und ob!«, entgegnete Ira trocken. »Eine ganze Reihe Exemplare dieser Spezies sind freiwillig nach Felicity ausgewandert. Andere habe ich hingeschickt.« Der Präsident lächelte hart. »Wissen Sie, was ich zu meinem Obersten Richter sagte? ›Warren, es reicht mir! Immer wieder muss ich Ihre Entscheidungen korrigieren. Seit Sie Ihr Amt übernommen haben, betreiben Sie Haarspalterei, legen die Gesetze falsch aus und achten die Gleichheit nicht. Ich will Sie auf Secundus nicht mehr sehen! Bis die Last Chance startet, stehen Sie unter Hausarrest. Für die privaten Angelegenheiten, die Sie vorher noch regeln wollen, stelle ich Ihnen eine Eskorte zur Verfügung.‹«

Lazarus grinste. »Sie hätten ihn hängen sollen. Ist Ihnen klar, was er auf Felicity machen wird? Eine Kanzlei eröffnen und ein, zwei Jahre später in die Politik einsteigen! Wenn ihn die lieben Demokraten vorher nicht lynchen …«

»Sein Problem. Und deren. Lazarus, ich lasse niemals einen Menschen hinrichten, weil er ein Idiot ist – aber wenn er mir zu unangenehm wird, werfe ich ihn hinaus. Zurück zu Ihrem Testament. Sie brauchen keinen Schweißtropfen darüber zu vergießen. Diktieren Sie es einfach mit sämtlichen Erläuterungen, die Sie für notwendig halten. Dann schicken wir es durch den Semantik-Computer; der bringt es in die rechtsgültige Form. Sobald das geschehen ist, legen wir es dem Obersten Gerichtshof vor und lassen es beglaubigen. Danach kann es eigentlich nur durch einen Willkürakt meines Nachfolgers im Amt ungültig gemacht werden. Was ich für höchst unwahrscheinlich halte – die Kuratoren wählen ihren Präsidenten sehr sorgfältig aus.«