Die Lebenspflückerin - Regine Kölpin - E-Book
Beschreibung

Ostfriesland im Jahr 1545 - Das Land ist zerstritten und es drängen immer mehr Glaubensflüchtlinge aus Holland ins Land. Zu dieser Zeit muss die Hebamme Hiske Aalken aus dem benachbarten Jever fliehen, da sie dort als "Toversche", als Hexe, angeklagt ist. Sie flieht in die Herrlichkeit Gödens und wird gleich bei ihrer Ankunft mit der bestialischen Ermordung des Cornelius von Ascheburg konfrontiert. Und sie stößt auch auf eine Gruppe von Menschen, die in einer Wagenburg rund um die Burg Gödens lebt. Die Menschen halten heimliche nächtliche Treffen ab und sind verschlossen und geheimnisvoll. Ein Junge schleicht völlig verwildert und keiner Artikulation mächtig um das Lager herum. Als Hiske sich seiner annimmt, macht sie sich damit nicht gerade neue Freunde. Schließlich erreicht der charismatische Arzt Jan Valkensteyn aus Amsterdam die Herrlichkeit Gödens, und plötzlich stößt Hiske in ihrem Kräutergarten auf eine Leiche. Und unversehens hängt wieder der Vorwurf der Hexerei in der Luft, und was das für Hiske bedeutet, weiß sie nur zu gut ...

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Seitenzahl:408

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Regine KölpinDie Lebenspflückerin

Bisher von der Autorin bei KBV erschienen:

Vergangen ist nicht vorbei

Deichleichen (Hg.)

Regine Kölpin, 1964 in Oberhausen geboren, lebt seit ihrer Kindheit in Friesland. Sie schreibt Kriminalromane und Kurzgeschichten (Für Kinder und Jugendliche unter dem Pseudonym Regine Fiedler). Sie leitet Workshops und Schreibwerkstätten. Ihre Veröffentlichungen erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt war sie 2008 für den Kärntner Krimipreis nominiert und für das Jahr 2010 hat sie das Stipendium Tatort Töwerland erhalten. 2011 wurde sie als Starke Frau Frieslands gewürdigt.

Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller, der Europäischen Autorenvereinigung Die Kogge, dem Syndikat, den Mörderischen Schwestern und gehört dem Friedrich-BödeckerKreis an. Unter dem Motto Jever ganz mörderisch inszeniert Regine Kölpin eine historisch-kriminelle Stadtbegehung, führt Sie auf den Spuren einer Hebamme durch das mittelalterliche Jever und zeigt Ihnen die kriminellen Seiten der Stadt.

Regine Kölpin

Die Lebenspflückerin

Originalausgabe

© 2012 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: info@kbv-verlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von: »Sant’ Agatha« von Orazio Riminaldi

Karte Umschlaginnenseiten: Ostfriesland um 1600

gezeichnet von Ubbo Emmius

Redaktion: Nicola Härms, Rheinbach

Druck: Aalexx Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-942446-39-6

E-Book-ISBN 978-3-95441-103-0

Mai 1545Herrlichkeit Gödens – Ostfriesland

Das Donnern der Hufe kam näher. Der Klang trieb sich drohend in den beginnenden Morgen und ließ das Herz der Hebamme Hiske Aalken schneller schlagen.

Sie befand sich in der Gegend um Schortens, hatte am Nachmittag zuvor die Stadtmauern von Jever verlassen. Nun war es dunkel, und auch wenn die Nacht bereits auf dem Rückzug war und sich am Horizont der erste Lichtstreif zeigte, fühlte sie sich nicht besonders wohl in ihrer Haut. Überall um sie herum knackte es, hin und wieder ertönte der Schrei einer Eule.

Und nun gesellte sich dieser bedrohliche Hufschlag dazu. Hiske blickte sich um, nur wenige niedrige Büsche boten hier Schutz. Über den Wiesen verharrten Nebelschwaden, die die Nacht wie mit Schleiern schmückten und die Szenerie gespenstisch erscheinen ließen.

Hiske vermutete, dass es Reiter waren, die Fräulein Maria aus Jever losgeschickt hatte, weil man ihre Flucht aus der Stadt bemerkt hatte.

Sie wandte sich um, suchte nach einem Versteck. Ein Stück voraus erkannte sie einen Busch mit ausladenden Zweigen. Es war die einzige Möglichkeit weit und breit, sich zu verbergen. Hiske lief ein wenig schneller, auch wenn sie schon sehr müde und jeder Schritt eine Qual war. Es konnte nicht mehr weit bis Schortens sein, doch auch dort war sie noch lange nicht in Sicherheit. Ihr Ziel war die Herrlichkeit Gödens, sie hoffte, dass es keine großflächigen Überschwemmungen mehr gab und die Wege nicht zu schlammig waren.

Kaum hatte sie sich hinter dem Busch verschanzt, hörte sie das Schlagen der Schwertscheiden an den Stiefeln ihrer Verfolger, das sich mit dem Klappern der Hufe zu einem unheilvollen Geräusch vermischte. Die Männer zügelten die Rösser und bohrten ihre Augen in den Nebel. Hiske drückte sich ins Gras, dessen Nässe sich augenblicklich in ihre Kleider fraß und sie frösteln ließ. Sie wagte kaum zu atmen. Auf keinen Fall durften die Männer sie finden. Sie wollte nicht nach Jever zurück, das wäre ihr sicherer Tod. Sie wollte kein Feuer an ihrer Haut fühlen, nicht den Geruch einatmen müssen, der sich seit dem Tod ihrer Freundin in ihre Nase gepflanzt hatte.

»War da nicht eben wer? Ich dachte, ich hätte jemanden gehört.«

Der Reiter, ein Mann von dicklicher Gestalt, wandte den Kopf, stellte sich in den Bügeln auf und suchte den Horizont ab.

»Und mir schien, ich hätte jemanden gesehen, ein Weib«, bestätigte der andere, dessen Stimme einem Bellen glich. »Sie könnte uns gehört und sich irgendwo versteckt haben.«

Sein Kumpan ließ sich in den Sattel zurückfallen. »Wenn sie die ist, die wir suchen, und sie ist, was man ihr nachsagt, hat sie starke Verbündete. Alle dunklen Mächte sind auf ihrer Seite.«

Hiske duckte sich immer mehr auf den Boden, fürchtete, dass allein ihr lauter Herzschlag sie verraten könne.

»Mir ist nicht wohl«, schnaufte der Reiter mit der heiseren Stimme. »Sie ist eine Toversche, eine Hexe, und schon mal vom Teufel befreit worden. Gut, dass das Weib, das sich für sie verbürgt hat, längst in der Hölle schmort. Das wird den anderen eine Warnung sein.«

Der Dicke grunzte. »Was ist, wenn wir sie jetzt fassen, und dann kommt ihr dieser Abkömmling von Ottern, Würmern und Kröten zu Hilfe geeilt? Hier ist keiner, der uns helfen könnte.« Er griff nach den Zügeln.

»Wie recht du hast«, bekam er zur Antwort. »Lass uns verschwinden, es ist mir hier nicht geheuer. Und je länger ich darüber nachdenke, desto unheimlicher wird es.«

Sie nickten sich kurz zu und wendeten die Pferde. Der aufgeweichte Boden spritzte unter den Hufen auf, als die beiden Reiter ein rasches Tempo anschlugen.

Hiske verharrte noch eine Weile, bis das Hufgetrappel nicht mehr zu hören war. Sie tastete sich mit den Füßen auf den aufgeweichten Weg zurück, beschleunigte ihren Schritt und umrundete schon bald die Schortenser Kirche. Vor ihr lag das beschwerlichste Stück ihres Weges, das Silland. Der Winter war lang und hart gewesen, hatte bis vor Kurzem das gesamte Land dort in eine Eisfläche verwandelt. Nun war es vermutlich nass, vielleicht musste sie große Umwege gehen, um Dykhusen zu erreichen.

Kaum hatte sie Schortens hinter sich gelassen, wurden die Wege auch schon schlechter, sie sank bis zum Knöchel ein, das Gehen war eine Tortur. Doch wie gering war dies alles gegen das, was sie in Jever erwartet hätte.

Noch dazu schoben sich die Wolken immer wieder vor den Mond und nahmen ihr die Sicht. Sie war dankbar, dass sich das Morgenlicht von Osten her immer mehr ausbreitete und die Nacht bald verdrängen würde. Schließlich gelang es Hiske, sich zum alten Deich vorzuarbeiten und auf seiner Krone weiterzulaufen, was ihr das Fortkommen erheblich erleichterte.

Man hatte ihr gesagt, dass die Herrlichkeit Gödens erst kurz vor Dykhusen begann. Erst dort würde sie sich nicht mehr im Einflussbereich von Fräulein Maria befinden. Die Angst verlieh Hiske ungeahnte Kräfte.

Sie sehnte sich nach einer warmen Suppe, nach einer Bettstatt, in die sie sich einfach fallen lassen konnte. Mit diesem Ziel vor Augen lief es sich besser. Bald war sie frei. Musste nicht mehr um ihr Leben zittern. In der Herrlichkeit Gödens unterstand sie Hebrich von Knyphausen, der Witwe des Häuptlings Haro von Oldersum und Gödens. Hiske hoffte nur, dass die Gerüchte stimmten, die sie in den letzten Jahren auf dem Markt von Jever aufgeschnappt hatte. In der abgelegenen und nur schwer zugänglichen Herrlichkeit gab es Zuflucht und Schutz, vor allem für Andersdenkende und Andersgläubige. Eine andere Wahl als hierherzuflüchten, hatte Hiske ohnehin nicht. Wo sollte sie auch sonst hin? Diesen Landstrich konnte man nur schwer erreichen, aber auch ebenso schwer wieder verlassen.

Hiske ruckelte ihren Beutel auf dem Rücken zurecht, wickelte den anderen, in dem sich die Utensilien befanden, die sie als Hebamme brauchte, fest um das Handgelenk und marschierte weiter. Noch durfte sie sich keine Pause erlauben, noch war sie zu weit von ihrem sicheren Ziel entfernt.

Trotz ihrer schweren Glieder lief sie jetzt etwas schneller. Die Reiter Fräulein Marias waren zwar umgekehrt, aber niemand wusste, ob sie sich nicht doch wieder anders besannen und sich auch in diese morastige Gegend wagen würden.

Der Zorn der Regentin würde auf sie niederprasseln, wenn sie unverrichteter Dinge zurückkamen. Hiske wusste nicht, was für die Männer schlimmer war: ihre Furcht, ihr, der Hexe, der Zauberin, der Toverschen, zu begegnen oder die Reaktion des Fräuleins, das nicht gerade gnädig mit ihren Leuten umging.

Hiske sollte in Jever zum zweiten Mal in ihrem Leben als Zauberin angeklagt werden. Erst am Vormittag war ihr zu Ohren gekommen, dass man sie holen würde, weil sie gemeinsam mit Gesche Glieders einen Baum gemolken haben sollte. Dieses Gerücht hatte sich das letzte halbe Jahr hartnäckig gehalten und war immer stärker ausgeschmückt worden, auch als man ihre Freundin längst verbrannt hatte.

Es hatte Wochen gedauert, bis die Wunden von den Stricken und Ketten von der letzten Verhaftung, als man ihr vorgeworfen hatte, Milch verzaubert und ein Kind totgehext zu haben, verheilt waren. Die Narben würden ihre Füße und Hände ein Leben lang entstellen. Wäre sie nicht freigekauft worden, hätte sie ihr Leben bei der Hexenprobe an der Toverschen Graft in Jever lassen müssen. Aber die Frau, die sich für sie eingesetzt hatte, war längst den Folterungen erlegen; ihr Mut hatte sie das Leben gekostet. Remmer von Seediek hatte mit ihrem Tod ein Exempel statuiert – keiner würde es mehr wagen, sich für eine angeklagte Toversche einzusetzen. Nein, sie durfte nicht rasten, sie musste weiterziehen. Hiske atmete tief ein, beschleunigte ihren Schritt. Glücklicherweise lichtete sich der Morgennebel zusehends, sodass sie den Weg besser erkennen konnte. Dafür wurde der Boden jetzt auch auf dem Deich immer schlammiger, teilweise sank sie wieder knöcheltief ein und musste ihre Füße mühsam aus dem Matsch ziehen. Doch sie ging weiter. Immer Richtung Süden. Sie hatte es bald geschafft.

An seinen Händen klebte Blut. Es war noch warm, und er wusste nicht, wie es dorthingekommen war. Die ganze Nacht war der Knabe herumgeschlichen, hatte nicht schlafen können, weil die Kälte sich durch seinen Körper fraß. Er durfte keine Sekunde innehalten, dann hätte sich die bleierne Müdigkeit seiner bemächtigt und ihn mit sich in den Schlaf gezogen. Er kannte diese Nächte der Ruhelosigkeit, diese Nächte, in denen er die Wahl hatte, zu schlafen und zu sterben oder wach zu bleiben wie eine Eule und das Geschehen der Nacht mit höchster Wachsamkeit zu verfolgen. Die Menschen waren unterwegs gewesen, wie so oft. Das war gut, weil er seinen Hunger stillen konnte, wenn er sich zu ihren verlassenen Wagen schlich. Doch letzte Nacht waren sie rasch zurückgekommen, er hatte keine Zeit gehabt. Ein entlaufenes Huhn hatte ihm dann als Nahrung gedient. Roh, er hatte kein Feuer. Wenn man Hunger hatte, war es egal, man aß, was es gab, und wenn es das Gras am Wegesrand war.

Das Weib hatte letzte Nacht auch nichts für ihn gehabt, er hatte sie gar nicht gesehen. Manchmal war sie da, manchmal nicht. Als er vor der zugesperrten Scheune gestanden hatte, war er weitergelaufen. Schlaf würde er am Tag finden, wenn die Sonne das Land erwärmte oder er Schutz hinter einem Holzstapel fand, der ihn vor dem Wind schützte.

Er wandte sich zum Schwarzen Brack, der großen Meeresbucht, deren gegenüberliegendes Ufer man nur bei guter Sicht erkennen konnte.

Die Leute aus der Wagenstadt taten seltsame Dinge in der letzten Zeit. Morgen für Morgen verließen sie die Burg und bauten Wälle an den Ufern des Meeres. Dahinter wurde es immer trockener, und sie kamen Tag für Tag ein Stück voran. Der Knabe hatte Furcht, dass sie das Meer verdrängen würden, dass es sich bald für immer zurückzog und nicht wiederkam. Vielleicht würde es böse sein, wenn sie es einsperrten. So stand er am Saum der See, schaute, ob sie da war. Sie kam und ging, blieb immer gleich lange weg. Das wusste er genau.

Manchmal leckte das Meer mit seiner dunklen Zunge am Grund dieser Wälle, so als schaue es, ob es einen Ausweg gab und es sich weiter ins Landesinnere ergießen durfte. Die Menschen waren dumm, hatten Furcht, wenn das Meer sich zu weit ins Land wagte. Der Knabe nicht. Er sah zum Himmel. Am Firmament tummelten sich noch alle Sterne, blinkten und schienen ihm zuzuwinken. Die Nacht war noch lange nicht vorbei. Der Knabe wusch sich das Blut von den Händen, reinigte sein Messer und wischte beides an der zerfetzten Hose ab. Als er einen letzten Blick auf das Schwarze Brack warf, sah er ein Segel. Es würde also wieder ein Schiff kommen, vielleicht Menschen und komische Dinge bringen, dann wieder wegfahren. Er wollte so gern einmal mit, aber die Menschen mit den müden Gesichtern machten ihm Angst. Wie er überhaupt große Angst vor allen Menschen hatte. Es war besser, wenn er unsichtbar blieb. Das eine Weib fütterte ihn, so wie ihre Katzen, die Kuh und das Schwein. Der Knabe reckte die Nase in die Luft und schlich weiter durch die Nacht. Leise, unauffällig und so, als gäbe es ihn nicht.

Hinrich Krechting schlief nur selten eine ganze Nacht durch. Und auch dieses Mal war er aufgewacht. Ein Schrei hatte ihn aus seinen Träumen gerissen. Er war abgrundtief, laut und verzweifelt gewesen. Krechting war sich nicht sicher, ob er ihn wirklich vernommen oder es sich nur eingebildet hatte, denn solche Schreie quälten ihn immer und immer wieder.

Der Morgen nahte, schon bald musste er sich zum Vieh und den Bienenstöcken aufmachen. Seine Frau Elske lag ruhig neben ihm.

Hinrich wagte kaum zu atmen, wartete eine Zeit lang darauf, ob sich das Geräusch wiederholte. Doch es blieb ruhig, sicher hatte ihm wieder einer seiner Träume einen Streich gespielt.

In den langen Nächten, in denen das angrenzende Moorland und das Schwarze Brack schliefen, quälte er sich. Er, der die Geschicke in der Herrlichkeit Gödens lenkte, der als Jurist die rechte Hand der Häuptlingsfrau Hebrich von Knyphausen war, lag grübelnd wach, ließ zu, dass diese Zweifel ihn anfielen. Zweifel, ob er das Richtige tat, Zweifel, ob seine Entscheidungen allen zu ihrem Besten gereichten. Doch er musste diese Geißel tragen, es gab keinen anderen Weg. Schon bald würde der Prediger Rothmann kommen, ganz sicher. Er konnte ihn hier nicht alleinlassen mit all den Problemen. Hinrich tat sein Bestes, hatte alles gemacht, um den Weg zu ebnen. Doch nun brauchte er Rothmann, seine Kraft und Unterstützung. Ein letztes Mal horchte er in den Morgen, dann ließ er seinen massigen Körper zurück in das Kissen fallen. Er lag schon lange nicht mehr auf Strohsäcken.

Hinrich drehte sich auf die Seite, schloss kurz die Augen, riss sie dann aber wieder auf, weil er die Bilder, die vor seinen Augen tanzten und ihm einen Schlag nach dem anderen verpassten, nur schwer ertragen konnte.

Nach einer Weile stand er auf, stellte sich ans Fenster und betrachtete den Mond, der immer wieder von Wolkenfetzen bedeckt wurde. Er wirkte jedoch nicht malerisch schön, sondern auf eigenartige Weise bedrohlich, auch wenn das Morgenlicht immer mehr Aufmerksamkeit einforderte.

Hinrich verließ die Kammer und ging in die Küche. Im Ofen glühte noch ein Rest Asche, dennoch war es kalt und klamm im Haus. Hinrich hatte bewusst in der Laterne keine Kerze angezündet. Er bewegte sich lieber im Dunkeln, wollte niemanden aufwecken. Die Magd schlief neben dem Feuer auf der Bank, sie war wohl zu müde gewesen, um sich noch in ihre kleine Kammer neben der Küche zu schleppen. Hinrich schenkte sich einen Becher Dünnbier ein und schaute, ob noch ein Stück Käse in der Vorratskammer lag. Seit die Holländer an der Burg waren, gab es wesentlich mehr Auswahl an Lebensmitteln und Dingen für den täglichen Bedarf. Es kamen mehr und mehr Flüchtlinge, und Hebrich von Knyphausen nahm die neuen Untertanen gern und großzügig auf. Es wurde immer enger auf dem Burghof, die angegliederte Wagenstadt würde bald nicht mehr auf das Gelände passen. Er musste eine Lösung für das Problem finden.

Es hämmerte hinter seiner Stirn. Lösung … Lösung … Er musste immer für irgendetwas eine Lösung finden.

Hinrich schob sich das Käsestück in den Mund. Es schmeckte köstlich, der Käser verstand sein Handwerk. Noch während er kaute, ging er wieder zum Fenster und schaute hinaus. Die Äste der wenigen Bäume tanzten im leichten Wind auf und nieder, es wirkte beinahe, als winkten sie ihm zu, er möge hinauskommen. Raus in den frühen Morgen, dorthin, wo er den Schrei gehört hatte. Hinrich strich sich über die müden Augen. Er wurde wirklich langsam etwas wirr. Er sollte schlafen gehen, schließlich musste er einen klaren Kopf behalten. Bestimmt hatte nur der Wirt der benachbarten Krocht einen Gast lautstark vor die Tür gesetzt.

Hinrich leerte den Becher Bier in einem Zug, rülpste und wollte eben wieder zurück in die Kammer gehen, als er aus dem Augenwinkel einen Schatten wahrnahm. Er konnte nicht erkennen, um wen es sich handelte. Nur dass die Gestalt in ein dunkles Tuch gehüllt war und gebückt in der Dunkelheit verschwand. Kurz darauf war ihm, als schaue ihm eine Fratze direkt ins Gesicht.

Hinrich legte seinen Kopf an die Scheibe, dabei kitzelte ihn sein Bart. Elske war hinter ihren Mann getreten, fasste ihn bei der Hand und zog ihn sacht ins Schlafgemach zurück. Er ließ sich von ihr führen, ließ zu, dass sie ihn zudeckte und mit dem Handrücken über sein Gesicht strich. »Schlaf«, sagte sie. »Rothmann wird schon kommen. Warte nur, er wird kommen.«

Dankbar drückte Hinrich die Hand seiner Frau. Wann hatte er das letzte Mal bei ihr gelegen? Es war lange her, die Pflicht fraß ihn auf.

»Rothmann wird kommen«, wiederholte Elske. »Und nun schlaf noch etwas, die Nacht ist bald herum. Die Bienen warten noch nicht, und das Vieh auch nicht.«

Sie rückte ihre Haube zurecht und legte sich auf die Seite. Es dauerte nicht lange, bis er an ihren gleichmäßigen Atemzügen hörte, dass sie wieder fest eingeschlafen war. Hinrich starrte noch eine lange Zeit gegen die Decke und fiel dann in einen unruhigen Schlaf.

Der Knabe rieb sich die müden Füße, verharrte an einer Narbe an seiner rechten Fessel. Wenn das Wetter umschlug, schmerzte sie.

Am Horizont zeigte sich das erste Licht des Tages, malte ein sanftes Rot an den Himmel. Er war weit gelaufen heute, hatte außer dem Huhn nichts weiter zu essen gefunden. Sein Bauch krampfte, es war nicht gut, Tiere ohne Feuer zu essen. Nun saß er versteckt im Gras, versuchte sich klein zu machen. Das war schwierig, denn er war von großer und kräftiger Statur, fast so groß wie der Mann mit der lauten Stimme und dem Bart, zu dem die Menschen hier aufblickten. So wäre er auch gern gewesen, doch er konnte nur krächzen, und seine Arme und Beine waren zu lang und ungelenk.

Er sah immer wieder zum Hof, hoffte, dass das Weib kam. Manchmal schöpfte sie etwas Rahm ab, sah sich aufmerksam um, ob es auch keiner bemerkte, und stellte ihm eine irdene Schale an die Stallecke.

Der Knabe hörte etwas, sah die Katzen aus allen Ecken heranschießen. Sie verteilte die Milch, stellte eine Schale etwas erhöht auf das Sims und sah sich wie immer ängstlich um. Fast so, als habe sie Angst, ihm tatsächlich zu begegnen. Der Knabe wusste nicht, ob sie ihn erwartete, freute sich aber jedes Mal, wenn sie an ihn dachte und er sein Almosen abholte. Manchmal zog sie noch einen Kanten Brot aus dem Ärmel und legte ihn neben die Schale. Auch jetzt hatte er Glück.

Der Knabe wartete einen Augenblick, glitt dann mit einer Geschmeidigkeit, die es mit der der Hofkatzen durchaus aufnehmen konnte, zum Sims und steckte das Stück Brot ein. Danach schlürfte er die Schale leer und fuhr noch einmal mit der Zunge über ihren Boden, genoss den sahnigen Geschmack, den er vielleicht erst morgen oder auch erst, wenn die Sonne ein paarmal aufgegangen war, wieder kosten konnte.

Kaum hatte er die Schale geleert, sie wieder abgestellt und sich verkrochen, erschien die Frau, wischte sie mit dem Zipfel ihrer Schürze sauber und nahm sie mit hinein. Das Weib sah immer ein bisschen traurig aus. Und so, als habe sie große Furcht vor dem Leben. Furcht, die auch der Knabe kannte. Er blieb in seiner Deckung, immer das Haus im Auge. Erst als er in Sicherheit war, holte er das Stück Brot aus dem Ärmel, es war noch warm. Gierig biss er davon ab.

Gleich würde er sich einen Augenblick hinlegen, der Holzstapel am Feld lag bereits im hellen Schein der Morgensonne. Der Junge könnte ein paar Stunden in der Wärme einnicken. Die Männer bauten den Wall, die Weiber waren mit ihrer Arbeit beschäftigt. Es war ein guter Zeitpunkt.

Als sich der Knabe jedoch mit dem Kopf an den Stapel lehnte, kamen ihm die seltsamen Bilder der Nacht wieder vor Augen. Jetzt, wo er satt war, begannen sie durch seinen Kopf zu tanzen, gaukelten ihm eine wilde Szenerie vor, die er nicht in die richtige Reihenfolge bekam und die er nicht verstand. Weil er so viele Dinge nicht verstand. Er wusste nicht, was die Leute miteinander redeten, weil kaum jemand je mit ihm ein Wort gewechselt hatte. Er hatte oft versucht, die Worte zu verstehen, die sie miteinander tauschten, doch es war ihm bislang nur gelungen, ein paar Bedeutungen zu begreifen. Es war aber auch unwichtig. Er hatte nur noch drei Dinge, die ihn berührten. Er musste auf das Meer aufpassen, und er musste essen und sicher schlafen. Der Knabe fasste sich an den Kopf, legte ihn dann zwischen die Knie und versuchte, die Bilder zu ordnen.

Es war eine merkwürdige Nacht gewesen. Der Himmel war mit Sternen übersät, und doch hatte irgendjemand immer wieder weiße Schleier darübergelegt. Wie Fäden hatten sie sich gezogen.

Er war am Abend noch am Lager gewesen. Es waren Menschen dort, die von der Burg verschluckt und kurze Zeit später wieder ausgespuckt wurden. Der Knabe hatte Angst vor dem großen Gemäuer. Es hatte dicke Steine und war gefährlich, weil alle Stimmen im Hof widerhallten. Er näherte sich ihm nur bis zu einem gewissen Radius, wagte sich nie in dessen Mauern. Zu mächtig war die Furcht, dass sie ihn umschlossen und zerquetschten. Er schlich sich meist von der anderen Seite heran, wo die Wagenstadt lag. Wenn die Leute für einen Augenblick in den Löchern der Burg verschwunden waren, konnte er dorthin und wieder ein Stück Brot oder Käse finden. Hin und wieder etwas Schinken. Wenn ihn aber jemand sah, wurde er mit Steinen beworfen, bis er wieder unsichtbar war.

Als alle weg waren, hatte jemand Liebe gemacht. Das klang gut, wie das leise Grummeln einer Kuh. Manchmal auch wie das Brüllen. Ganz oft kam es aus dem Wagen des Weibes, die so schön wie eine Blume war und deren rötliches Haar der Farbe des Sonnenaufgangs glich. Auch sie warf mit Steinen nach ihm. Wie alle anderen. Er hatte nicht gesehen, wer aus dem Wagen gehuscht war, als die Geräusche verstummt waren. Er hatte weitergewollt, nachsehen, ob das Meer noch immer nicht beleidigt war. In diesem Moment hatte er etwas gehört.

Der Knabe hämmerte jetzt mit dem Kopf auf seine Knie. Was hatte er nur gehört, was gesehen? Er wusste es nicht, nur, dass es schlimm gewesen war. Und nicht in sein Bild passte.

Ein Mensch huschte immer wieder an seinem inneren Auge vorbei. Es war ein Mann. Der böse Mann. Der sehr böse Mann. Der, der immer schimpfte und der ganz viel Liebe machte und wo das eine Weib immer weinte und schrie, wenn er nach Hause kam. Er schlug sie auch. Er war böse. Der Knabe mochte ihn nicht, dachte oft, dass der Mann weggehen sollte. Er hatte auch begonnen, das Meer zu zähmen. Er und der, den es sich schon geholt hatte. Sie wehrte sich, die See, er hatte es immer gewusst. Es war noch nicht zu Ende.

Als er dem bösen Mann mal in der Wagenburg über den Weg gelaufen war, hatte der nach ihm getreten.

Der Knabe schlug noch immer mit dem Kopf auf seine Knie. Der böse Mann hatte in der Nacht plötzlich dagelegen. Und es hatte etwas aus ihm herausgehangen. Es war warm gewesen. Und glitschig.

Der Knabe hatte vergessen, was geschehen war. Es war mit dem Morgenwind aufs Schwarze Brack hinausgeweht. Aufs Meer, das diese dummen Menschen bändigen wollten, wie den Tanzbär, der einmal auf dem Schiff mitgereist war. Das Hämmern in seinem Kopf wurde weniger, verebbte schließlich. Der Knabe wurde ruhiger. Alles war aufs Meer hinausgeschwommen, alles war gut.

2. Kapitel

Die Straßen Amsterdams lagen verlassen da, noch lärmte kein Pferdefuhrwerk durch die morgendlichen Gassen. Rothmann wartete. Gleich würde der junge Holländer zu ihm kommen und wissen wollen, ob er ihn begleitete. Die Zukunft lag nicht in dieser Stadt, die mehr Wasser als Wege hatte. Ein Land, in dem Männer wie er wie Wild abgeknallt wurden.

Er aber wollte frei sein, predigen, wann immer er wollte und was immer er wollte. Er wollte das Neue Jerusalem in seinem Leben noch aufsteigen sehen. Wollte die Kinder durch geschmückte Straßen tanzen lassen ohne Furcht, am nächsten Tag nichts mehr zu essen zu haben, und ohne ihnen mitteilen zu müssen, dass ihre Väter nicht wiederkommen würden. Er wollte Glück und Unbeschwertheit in den Augen seiner Glaubensbrüder sehen. Nicht die Schwerter des Bischofs, die sich ohne Skrupel in die Leiber seiner Mitbrüder bohrten.

Diese Zeit würde kommen, ganz sicher. Er konnte nur nicht mehr sagen, wann und wo. Ihr Scheitern, ihre Niederlage waren zu groß gewesen. Und auch danach hatten sie es nicht verstanden, stärker als die Mächte des Kaisers und der Kirche mit all ihren Bischöfen und Predigern zu sein.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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