Die Legende vom Finsterwald - Leo B. Norden - E-Book

Die Legende vom Finsterwald E-Book

Leo B. Norden

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Beschreibung

Eigentlich wollte der 39-jährige Rune im Hochsommer 2015 nur ein paar Tage allein im Schwarzwald Urlaub machen. Doch es kommt anders, als er sich tief im Wald verirrt. Zum Glück findet Rune über Nacht Unterschlupf in einem einsamen, mittelalterlichen Turm. Eine Nacht, die mit einem Traum und einer wunderschönen Frau beginnt und für Rune dramatisch enden wird. Denn am Morgen ist für ihn nichts mehr so, wie es gestern noch war. Die mysteriöse Frau ist verschwunden und lässt einen unsterblich verliebten und im wahrsten Sinne des Wortes um Jahre gealterten Mann zurück. Überdies mehren sich Zeichen unheimlicher Geschehnisse im Umfeld von Rune. Zurück in der Zivilisation taucht wenig später eine geheimnisvolle Gruppe auf, deren Anführer eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem sich durch die Jahrhunderte mordenden Dämon aufweist.

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Für meine vier Liebsten.

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich meiner Familie und meinen Freunden danken. Meiner Tochter Helen für den Impuls diese frei erfundene Geschichte aufzuschreiben. Meinem Sohn Finn für seine Mut machenden Worte. Meiner Frau Andrea für ihr immer offenes Ohr und ehrliches Feedback. Meiner Schwester Ines für ihre knallharte Kritik. Evi und Stephan für das Lektorat und unsere leidenschaftlichen Diskussionen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1 – Der Biker

Kapitel 2 – Der Steinbruch

Kapitel 3 – Offroad

Kapitel 4 – Der Turm

Kapitel 5 – Der Traum

Kapitel 6 – Das Erwachen

Kapitel 7 – Raus aus dem Wald

Kapitel 8 - Triberg

Kapitel 9 – Der Umzug

Kapitel 10 – Neustart Triberg

Kapitel 11 – Die Erscheinung

Kapitel 12 – Die Bergung

Kapitel 13 – Der Angriff

Kapital 14 – Zurück in Triberg

Kapitel 15 – Ingvill

Kapitel 16 – Acht Monate später

Kapitel 17 – Die Beichte

Kapitel 18 – Die Schweinerei

Kapitel 19 – Das Artefakt

Kapitel 20 – Die Biker

Kapitel 21 – Finstere Vergangenheit

Kapitel 22 – Das Buch des J.B.

Kapitel 23 – Die Lichtung

Kapitel 24 – Der Wald

Kapitel 25 – Liten Sjel

Kapital 26 – Hannkatt

Kapitel 27 - Gullbur

Kapitel 28 – Der Weg

Kapitel 29 – Das Ritual

Kapitel 30 – Die Bärenhöhle

Kapitel 31 – Das erste Mal

Kapitel 32 – Dragon

Kapitel 33 – Katerstimmung

Kapitel 34 – Nachdenken in Triberg

Kapitel 35 – Der zweite Versuch

Kapitel 36 – Nachdenken in Triberg II

Kapitel 37 – Katzenlogik

Kapitel 38 – Johannes

Kapitel 39 – Ingvills Rückkehr

Kapitel 40 – Nachdenken in Triberg III

Kapitel 41 – Konspiration

Kapitel 42 – Im Wald

Kapitel 43 – Der Jäger

Kapitel 44 – Zurück zur Burg

Kapitel 45 – Verfolgung

Kapitel 46 – Das letzte Gefecht

Kapitel 47 – Die Kunst des Krieges

Kapitel 48 – Abschied ist Neuanfang

Kapitel 49 – Der Morgen danach

Kapitel 50 – Zehn Jahre später

Kapitel 51 – Traurige Zeiten

Epilog

Prolog

Glauben und Zweifel

Manche Erinnerungen sind so verwirrend, so bizarr, dass man im Laufe der Zeit unsicher wird, ob sie sich wirklich wie erinnert zugetragen haben oder nur das Trugbild eines vergangenen Traumes sind. Eine Sinnestäuschung gar. Das Ergebnis einer durchzechten Nacht, vermengt mit der eigenen Fantasie, den Erinnerungen aus den unendlichen Mengen konsumierter Filme oder den vielen Romanen und Geschichten, die man im Laufe seines Lebens gelesen hat. Erlebnisse, die es nicht geben sollte, weil sie niemand glauben würde, sind solche Geschichten. Bis man sie selbst erlebt hat. Die unglaublichen Begebenheiten. Dann sitzt man da, mit seinen Erinnerungen und sucht nach einem Beweis für ihre Wahrheit. Wohl dem, der ihn findet, den Beweis dafür, dass man nicht den Verstand verloren hat. Das man nicht spinnt. Das man völlig normal ist und ebenso weiterleben kann. In der eigenen, kleinen, heilen Welt. Ohne Dämonen in der Dunkelheit. Ohne verlorene Gefährten und sinnlose Opfer. Aber was ist, wenn es da draußen doch noch etwas gibt? Etwas, was ganz anders ist? Etwas Fremdes, etwas Unbekanntes. Etwas, was nach eigenen Regeln spielt. Was ist dann? Das ist nicht glaubhaft? Das gibt es nicht? Oh du geliebte, aufgeklärte und allwissende Zivilisation, mit all deiner Technik, den Handys und dem Internet. Nun – wer glaubt alles zu wissen, dem empfehle ich eine einsame Nacht im Wald zu verbringen und in die Finsternis hinein zu lauschen. So manch einem soll die Nacht eine Geschichte erzählt haben. Und den einen oder anderen hat sie verändert. Für immer.

Kapitel 1 – Der Biker

Der Motorradfahrer lenkte seine geländegängige Honda von der Landstraße auf die Tankstelle am Rande des Ortes. Der Stopp wurde auch nötig, seit dem letzten Halt waren gute 300 km Anfahrt vergangen. Der Tank war fast leer und der Hintern tat ihm weh. Er war seit den frühen Morgenstunden unterwegs und genoss seine Auszeit. Endlich mal wieder drei Tage frei und auf einem Roadtrip quer durch Deutschland bis in den tiefen Schwarzwald. Dichte alte Wälder, tiefe versteckte Täler, hohe Berge sowie für deutsche Verhältnisse auch ein bisschen Einsamkeit. Und dann noch diese ganz besondere Route. Ein Geheimtipp, hieß es im Internet. Versteckt auf einer Seite mit Motorradtourentipps fand er einen Link auf eine Website, die von einer ganz außergewöhnlichen Route durch den Schwarzwald berichtete. Fast 60 km durch den Wald. Bergauf, bergab nur auf schmalen Schotterpisten und Waldwegen unterwegs, abseits der bekannten touristischen Wanderrouten. Und das mitten in Deutschland, wo einem normalerweise schon dann drastische Strafen drohen, wenn man mit der Geländemaschine die öffentlichen Wege verlässt. Aber dafür hatte er sich die alte geländegängige Maschine doch gekauft, um einmal auch abseits der offiziellen Pfade fahren zu können.

Er hielt das Motorrad neben der Zapfsäule an, schwang sich von der Maschine, legte den Helm ab und streckte sich. Er tankte voll und bezahlte bei einem alten stillen Tankwart, mit einem auffällig wachen und gleichzeitig traurigen Blick. Für sein Alter sah der Tankwart gut aus. Schlank, gepflegter, grauer Vollbart, die Haare unter einer langen schwarzen Wollmütze verborgen, die er sich merkwürdig tief und schräg über die rechte Augenbraue gezogen hatte. Er steckte in einem blauen Overall, der an den Ärmeln und am Oberkörper voller Patches von Motoröl- und Reifenfirmen war. Offenbar betrieb er auch eine kleine Werkstatt, denn sauber war seine Kleidung nicht, eher ölverschmiert und abgetragen. Der Tankwart sah den Biker an, dann zur Maschine an der Säule, dann wieder zum Biker. Mit knarziger, brüchiger Stimme sprach er ihn an.

„Bleib auf der Straße, Junge. Fahr nicht in den Wald. Das ist verboten und die Förster in der Gegend verstehen keinen Spaß. Von den Waldbauern mal ganz zu schweigen. Außerdem steckt der Wald voller Gefahren. Das will bloß kein Fremder glauben, denn wir sind ja in Deutschland, einem Hochtechnologieland, wo alles erschlossen ist und niemand verloren gehen kann, weil wir so eng besiedelt sind. Aber das ist hier nicht so. Wie das Meer oben im Norden, hat auch der Wald seine Gesetze und Geheimnisse. Erst Recht in den einsamen Höhenzügen des tiefen Schwarzwalds. Glaube mir, mein Junge. Bleib mit deiner Geländemaschine auf der Straße. Erst letztes Jahr verschwand hier in der Umgebung ein Mountainbiker spurlos. Blutjunger Kerl. Höchstens 20 Jahre alt. War von einem Tag auf den anderen verschollen. Sie haben nichts mehr gefunden. Ist bestimmt in eine Schlucht gestürzt und wurde von hungrigen Wildschweinen gefressen. Davon gibt es jede Menge in unseren Wäldern. Und glaube nicht, dass dir dein Handy im Wald etwas nützen würde. Im finsteren Schwarzwald gibt es keinen Empfang.“

Der Biker lächelte, bedankte sich für die Hinweise und ging in dem vollen Bewusstsein genau das zu tun, wovon der alte Tankwart ihn hatte abhalten wollen. Was für ein kauziger Typ. Der Biker verdrängte die Ratschläge des Alten und widmete sich seiner Abfahrt. Die Website hatte ihn mit den exakten Koordinaten zum Routeneingang und den wichtigsten Wegpunkten versorgt. Damit hatte er sein Navi gefüttert und würde jetzt problemlos die Route finden und fahren können. Er wollte sich Zeit lassen und den Trip durchs Gelände genießen und an der höchsten Stelle im Freien unter den Sternen übernachten. Nur er, seine Maschine und ein atemberaubender Blick über die Höhenzüge in diese Welt. Er hatte alles dabei: seinen Schlafsack, die Isomatte, Verpflegung für zwei Tage, Taschenlampe, Multitool und den festen Vorsatz sich seinen Kurztrip von niemandem kaputtmachen zu lassen. Nicht vom Büro, nicht von der Agentur und erst Recht nicht von unliebsamen Anrufen. Jeder braucht seine kleinen Auszeiten und Ausbrüche aus der Tretmühle des Alltags. Das war seine.

Als er seine alte Honda anwarf, aktivierte er sein Navi und musste nur noch den ersten Wegpunkt ansteuern. Irgendwo zwischen großen alten Tannen und einer Felswand sollte sich direkt an der Landstraße der unauffällige Einstieg zur Route befinden.

Kapitel 2 – Der Steinbruch

Schon kurz hinter der Tankstelle, er war keine zehn Minuten durch die warme, sommerliche Abendsonne gefahren, erkannte er den ersten Hinweis. Ein altes verwittertes Schild mit der Aufschrift Steinbruch wies ihm den Weg. Er sah in den Rückspiegel, dann nach vorn, dann wieder in den Rückspiegel. Kein anderes Fahrzeug, kein Mensch weit und breit. Das war gut. Er wollte unentdeckt bleiben. Nicht das noch ein übereifriger Naturschützer - sie reagierten zumeist allergisch auf Motorräder auf unbefestigten Wegen - ihn von seinem kleinen Abenteuer würde abbringen wollen. Denn dass, was er gleich tun würde, war schon ein wenig illegal. Nicht wirklich relevant. Er würde niemanden dadurch schaden. Es war halt nur nicht erlaubt über Privatstraßen, über privates Gelände oder außerhalb befestigter öffentlicher Wege zu fahren. Jedenfalls dann nicht, wenn es einem nicht ausdrücklich erlaubt worden war. Nun – dachte er sich: Dann erteile ich mir hiermit jetzt die Erlaubnis. Unter seinem Helm musste er lächeln. Er verringerte die Geschwindigkeit, bog links von der Straße ab und folgte ca. 30 Meter einer schmalen Zufahrt, die dann einen engen Bogen beschrieb und ihn von der Straße aus hinter dichten Tannen verschwinden ließ. Er folgte dem asphaltierten Weg gute zwei Kilometer, bis der Asphalt in Schotter überging und in langen ruhigen Bahnen tiefer und tiefer in den Wald führte. Weit und breit kein Mensch. Hinter einer langen Kurve dann ein weiteres rostiges Schild. Halt! Privatweg. Keine Durchfahrt möglich. Und daneben noch eins: Betreten verboten. Steinschlag. Lebensgefahr! Er stoppte den Motor, stellte die Maschine auf den Seitenständer, öffnete das große Visier seines Klapphelms und sah sich um. Hinter ihm nur die kleine Zufahrt, die sich bergab durch den Wald wand, vor ihm das Tor zu einem lange verlassenen Steinbruch. Links ein wenig Gestrüpp und dann der Abhang. Rechts von ihm nur dichter Wald. Er nahm seinen Helm ab und hängte ihn über das Lenkerende. Dann ging er zum Tor des Steinbruchs, dass die Zufahrt abriegelte. Das verwitterte, rostige Tor aus stabilem Drahtgeflecht war verschlossen. Genau wie erwartet und wie auf der Website beschrieben. Verriegelt wurde es von einer schweren Stahlkette, die mehrfach um die Streben in der Mitte des Tores gewickelt und deren Enden durch ein großes verwittertes Vorhängeschloss gesichert worden waren. Er schaute sich um. Rechts neben dem Tor lag ein großer dreieckiger Felsbrocken, ungefähr so groß wie eine Gehwegplatte, dessen längste Spitze Richtung Steinbruch zeigte. Er drehte ihn um und konnte es kaum fassen. Dort im Dreck und unter alten Tannennadeln lag tatsächlich ein vergammelter Schlüssel. Wieder genau, wie es auf der Website beschrieben worden war. Wenig später rasselte die Kette zu Boden und der Weg in den Steinbruch und damit hinein in sein Offroad Abenteuer war frei. Er durchquerte mit seiner geländegängigen Reiseenduro das Tor, stellte seine Maschine kurz ab und verschloss die Zufahrt wieder hinter sich. Den Schlüssel legte er auf einen Stein neben dem Tor im Inneren der Umzäunung. So wie es der Plan des unbekannten Verfassers aus dem Netz vorsah. Wahrscheinlich würde der Unbekannte später vorbeischauen und alles für den nächsten Reisenden vorbereiten. Aber das war ihm jetzt eigentlich vollkommen egal. Er war ein bisschen aufgeregt, schließlich hatte er gerade unbefugt Privatgrund betreten. Er fragte sich, ob es im Sinne des Gesetzes eigentlich schon Einbruch war, wenn man den Schlüssel zum Eigentum eines anderen besaß und diesen auch nutze. Er verwarf diese Gedanken. Wischte sie mit einem tiefen Atemzug hinweg und konzentrierte sich wieder auf seine Umgebung. Es roch nach Wald und Staub und alten Maschinen. Es war dieser Geruch von Diesel, von Motoröl, Fett, Hydraulikflüssigkeit und alten Reifen, der in der Luft lag und sich mit den Gerüchen des Waldes vermengte. Die Stille des Ortes überraschte ihn dann aber doch. Nur wenige 1.000 Meter Luftlinie von der Straße entfernt, lag kaum mehr ein Geräusch in der Luft. Nur das Summen und Zirpen der Insekten und das Knirschen seiner Stiefel waren beim Gehen zu hören. Der Steinbruch jedenfalls war ganz offensichtlich verlassen und seit Jahren nicht mehr im Betrieb. Angeblich waren die Nazis die Letzten gewesen, die ihn genutzt hatten. Maßgeblich um in einigen weit in den Berg getriebenen Gängen Beutekunst vor den Zugriffen der Alliierten zu verstecken. Steine, um Straßen zu bauen, wurden hier jedenfalls schon lange nicht mehr aus dem Fels gehauen. Das Areal war groß und hatte den typischen, gruseligen Charme einer Geisterstadt. Man fühlte, dass hier einmal Leben gewesen war, von dem jetzt aber gar nichts mehr zu spüren war. Er schätzte die Fläche auf drei bis vier Fußballfelder und mehr. Die zwei Baracken auf dem Gelände, wahrscheinlich Büros und Pausenräume für die Arbeiter, waren teilweise eingestürzt. Die Fenstergläser eingeschlagen oder fehlten ganz. Wie schwarze leere Augenhöhlen starrten sie ihn an. Überall wucherte das Unkraut und dort, wo Gerätschaften zurückgelassen worden waren, regierten Rost und Verfall. Der Steinbruch selbst führte weit hinab in den Berg. Er schätzte so um die 150 Meter oder mehr bis zum Grund. So genau konnte er das nicht sagen, weil Regenwasser mit der Zeit die Grube geflutet hatte, sodass am Grund ein kleiner grüner Tümpel entstanden war. Ein grober in den Fels gehauener Weg, über den früher einmal die Bagger und LKW gerollt waren, wand sich spiralförmig um die Grube herum bis ganz nach unten und führte kurz vor der Wasseroberfläche direkt in ein dunkles Loch im Fels. Ein paar starke Regenfälle noch und die Wassermassen des Tümpels würden in den Tunnel fluten. Die Zufahrt in den Berg war groß genug für ein Fahrzeug und dunkel wie die Nacht. Ein wenig erinnerte ihn die Einfahrt an den Parpaillon, einen Tunnel aus den Westalpen, durch den er vor Jahren einmal gefahren war. Doch diesmal stand er nicht vor einem offiziellen Tunnel. Diesmal stand er vor einem unbekannten schwarzen Loch. Und genau dort musste er hinein. Nachdem er ein paar Fotos von dieser morbiden Szenerie mit seinem Handy gemacht hatte, fiel ihm auf, dass er hier nur noch sehr schwachen Empfang hatte. Er verstaute das Handy und überprüfte das Navigationsgerät am Lenker der Maschine. Glück gehabt. Das GPS hatte immer noch seine Position erfasst. Damit konnte er navigieren und den nächsten Wegpunkt ansteuern. Er hatte sich zwar mit der Route vertraut gemacht, musste aber bei seiner Recherche vor Reiseantritt feststellen, dass die von Unbekannten skizzierten Wege auf den Karten nicht vollständig auffindbar waren. Ebenso wie dieser Steinbruch. Den gab es im Netz gar nicht. Das verwunderte ihn zwar, war jetzt aber egal, denn nun war er ja hier. Er schwang sich auf seine Maschine, stülpte sich den Helm über und fuhr vorsichtig los. Als er dem Weg hinunter in den Steinbruch folgte, wurde es etwas kühler, und als er im schwarzen Loch verschwand, war es finster und kalt. Irgendwas jagte ihm einen gehörigen Schauer über den Rücken. Einzig erhellt durch das Licht seines Scheinwerfers, der sich durch das Dunkel des Tunnels bohrte, kreierten die wechselnden Schatten an den groben Tunnelwänden ein diffuses Licht und eine absonderliche Stimmung. Nach wenigen Metern stoppte er. Der Motor seiner Sechshunderter blubberte um die 1.200 Touren leise im Stand weiter, während die Tunnelwände das Motorengeräusch endlos zurückwarfen. Der Tunnel war sehr grob in den Fels getrieben worden. Seine Wände waren schroff und der Boden uneben. Es war glitschig. Er musste aufpassen nicht wegzurutschen. Würde er stürzen und sich hier ernsthaft verletzen, hätte er ein Problem. Mit Hilfe war hier nicht zu rechnen, das wusste er. Dieser Tunnel war für die Arbeit geschaffen worden, nicht für die öffentliche Nutzung. Das war jetzt jedenfalls sehr deutlich geworden. Immerhin lag am Boden kein Geröll, zumindest innerhalb der Reichweite des Scheinwerfers, dessen Lichtkegel sich nach vielleicht 30 Metern im Dunkel verlor. Es wirkte hier unten fast aufgeräumt im Vergleich zum verwilderten Gelände oben im Steinbruch. An der Decke entdeckte er Kabel und Lampen, die wohl früher einmal den Arbeitern etwas Licht spendeten. Ein bisschen unheimlich wurde ihm die Sache aber doch und es wirkte auch nicht ganz ungefährlich, wenn man bedachte, dass der Tunnel steil in die Tiefe führte, kaum Licht vorhanden war und er nicht wissen konnte, ob da nicht doch plötzlich Gestein oder Baugerät mitten auf dem Weg zurückgelassen worden war. Wenn er hier stürzte, wäre er auf sich allein gestellt, denn Empfang würde er im Berg nicht haben. Er schaute nochmal in den Rückspiegel und sah die Einfahrt keine 20 Meter hinter sich. Kurz war ihm so, als huschte etwas in den Eingang. Er schaute sich um, sah aber nichts. Was sollte auch sein? Ein Vogel vielleicht oder ein Kaninchen. Der Biker legte den ersten Gang ein, löste die Kupplung und fuhr los. Langsam tastete er sich weiter in den Berg hinein und merkte, dass das Licht der Tunneleinfahrt langsam aus den Rückspiegeln verschwand, bis ihn die Dunkelheit vollständig verschluckte. Die Orientierung war nicht einfach. Es schien ihm so, als wenn es immer steiler bergab in den Fels gehen sollte. Er wollte sich nicht an den scharfen Kanten der Felswände verletzen und versuchte sich in der Mitte des Tunnels zu halten. Die Luft wurde kälter, muffiger und feuchter und er spürte, dass auch die Fahrbahn jetzt richtig nass geworden war. Er verstärkte seinen Griff am Lenker und reduzierte die Geschwindigkeit. Im Schritttempo und ständig darauf bedacht nicht zu stürzen tastete er sich weiter vor. Dann sah er etwas voraus auf der Fahrbahn. Es funkelte vor ihm regungslos am Boden. An der Stelle angekommen, hielt er an und betrachtete das Ding. Vor ihm lag ein Reflektor. So ein oranges Teil, wie es oft auch Fahrräder zwischen den Speichen montiert haben. Offenbar waren hier auch schon andere vor ihm durchgekommen. Er schaute auf seinen Tacho. Über 800 Meter war er seit der Einfahrt in den Berg gefahren, nun endete die Talfahrt und der Tunnel machte eine leichte Drehung nach rechts und ging in die Waagerechte über. Er spürte ein leichtes Kribbeln auf der Haut, wie er es noch nicht kannte. Die Kälte, die Feuchte, das Blubbern des Motorrads, das hier im Berg scheinbar endlos von den Wänden zurückgeworfen wurde. Dass alles ergab eine unheimliche Atmosphäre. Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, diesen Ort doch besser schnell verlassen zu wollen. Er gab vorsichtig Gas und fuhr jetzt deutlich zügiger als noch zu Anfang durch die Finsternis, nur geleitet von der mageren Lichtausbeute des Scheinwerfers. Die Minuten verstrichen quälend langsam. Dann endlich sah er einen hellen Punkt, der kontinuierlich näher kam und schließlich hatte er den Ausgang erreicht und die beklemmende Enge des Tunnels fiel hinter ihm zurück. Er passierte die Tunnelausfahrt und wunderte sich, hier keinerlei Anzeichen von Zivilisation vorzufinden. Weder alte Maschinen, noch Bauhütten oder wenigstens ein Zaun waren vorhanden. Nichts deutete auf die Existenz des Steinbruchs auf der anderen Seite des Tunnels hin. Merkwürdig, dachte er noch, doch die Freude wieder an der frischen Luft zu sein und seinen Weg fortsetzen zu können überwogen alle Zweifel. Gott sei Dank, dachte er. Das Gefühl im Tunnel beobachtet zu werden, fiel mit jedem Meter an der frischen, warmen Sommerluft von ihm ab. Endlich war er auf der Schotterpiste und auf dem Weg hinauf auf den Berg.

Kapitel 3 – Offroad

Ein Weg voller Kurven, Bodenwellen, tiefer Senken, hoher Steigungen, schöner Ausblicke und atemberaubender, üppiger Natur. Fast wie in einem Urwald. Die Bäume waren unglaublich groß. Das Unterholz wirkte schier undurchdringlich. Vom Sturm geknickte 20-Meter-Bäume verrotteten dort, wo sie umgefallen waren, und die Schotterpiste verwandelte sich nach und nach in einen schmalen Waldweg aus Pflanzenresten und Sand. Unpassierbar für einen Wagen aber gerade noch breit genug für ein Motorrad. Die Landschaft flog nur so vorbei und der Biker musste richtig arbeiten, um seine bepackte Maschine auf dem schmalen Kurs zu halten. Das hier war genau sein Ding. Ein Traum für Motorradfahrer. Es wurden die besten Kilometer seines Lebens, ohne auch nur einer Menschenseele oder anderen Kreaturen zu begegnen. An der ersten Weggabelung hielt er an. Die Stille war überwältigend. Nur ein leichtes Rauschen des Windes in den Wipfeln der Bäume war hörbar. Kein Zivilisationsgeräusch drang an sein Ohr. Kein Auto, keine Hupe, gar nichts. In der Ferne plätscherte irgendwo ein Bach. Vögel zwitscherten und der Wald knackte hier und dort. So wie es große alte Bäume tun, wenn sie sich leicht im Wind wiegen. Der Biker nahm seinen Helm ab und lehnte sich an einen Felsen am Wegesrand. Aus Gewohnheit griff er zum Handy, um den Empfang und mögliche Nachrichten zu checken. Kein Netz. Die Baumkronen waren wohl zu dicht oder das Tal zu tief. Er deaktivierte das Telefon und steckte es zurück in die wasserdichte Brusttasche seiner wetterfesten Tourenjacke. Er fragte sich, wie lange er wohl schon unterwegs gewesen sei und schaute auf seine Armbanduhr, die gegen 19:00 Uhr stehengeblieben war. Merkwürdig, dachte er. Mit der Einfahrt in den Tunnel blieb die Zeit stehen. Er lachte. Zeit für dich, dachte er und musste schmunzeln. Wenn er heute entgegen seines Plans vielleicht doch noch unter einem festen Dach schlafen wollte, sollte er die Zeit nicht ganz aus den Augen verlieren. Eine Herberge sollte es erst am Ende dieser Geheimtipp-Route geben und da waren noch so einige Kilometer, die er ungern nachts im Wald zurücklegen wollte. Allerdings blieb es im Hochsommer fast bis 22:00 Uhr hell. Die Zeit sollte also reichen. Er schlenderte zum Bike und schaute auf sein Navi. Erst jetzt fiel ihm auf, dass die Anzeige eingefroren war. Nicht im tatsächlichen Sinn des Wortes, sondern im übertragenen Sinne. Offensichtlich kam das GPS nicht durch und ohne Standortrückmeldung ging das Gerät davon aus, dass er immer noch an der Stelle war, an der er sich befunden hatte, als das Signal abriss. Aber da stimmte etwas nicht. Die Anzeige war kurz nach der Tunneleinfahrt stehen geblieben. Er schaute genauer hin, und zwar auf die Uhrzeit. GPS hin oder her. Die Software hatte wie seine Uhr, um 19:00 Uhr aufgehört zu arbeiten. Er fragte sich, wie spät es jetzt wohl sei und begann die Zeit zu überschlagen, die er bis hierher gebraucht hatte. Er schätzte, dass er vielleicht eine gute Stunde seit der Tunnelausfahrt unterwegs gewesen war. Später als 21:00 Uhr durfte es jetzt eigentlich nicht sein. Er probierte einen Neustart. Während das Navi hochfuhr, blickte er zum Himmel. Es begann zu dämmern. Nachdenklich kramte er wieder sein Handy aus der Tasche und drückte auf on. Das Navi meldete sich inzwischen mit einer einfachen Statusmeldung. Kein Empfang. Er deaktivierte das Navi und schaute aufs Handy. Offenbar rotierte die kleine Sanduhr seit mehreren Minuten. Das Mistding ließ sich nicht hochfahren. Das sündhaft teure Teil aus Kalifornien würde ihm also bei der Standortbestimmung auch keine Hilfe sein. Der Biker seufzte und deaktivierte auch das Mobiltelefon, verstaute es wieder und ging pinkeln. Obwohl er allein in der Wildnis war, trieb ihn wahrscheinlich die Gewohnheit ein paar Schritte in den Wald vor einen Baum, an dem er sich erleichterte. Und dann war es wieder da. Dieses merkwürdige Gefühl beobachtet zu werden. Diese unheimliche gerade so eben noch spürbare Ahnung im Rücken, dieser sechste Sinn, dieses merkwürdige Gefühl, als ob da im Verborgenen etwas sei. Zwei Augen, deren Blicke sich heimlich an seinen Nacken hefteten. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Ihm wurde mulmig. Da war etwas. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Einmal, zweimal, immer wieder und wieder. Langsam und beständig wurde aus der Unruhe Angst, die kalt und ekelig seinen Rücken hochkroch, bis sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er wurde nervös. Nein. Das war Angst. Er erkannte es selbst. Das war pure Angst. Auf einmal wandelte sich seine Einstellung zu seinem Trip auf einsamen Pfaden. Er musste jetzt dringend wieder die Kontrolle über seine Gefühle zurückerlangen, sagte er sich. Er versuchte, sich selbst zu beruhigen. Dachte, dass es albern sei, nervös zu werden. Was sollte denn schon im Schwarzwald für eine unbekannte Gefahr auf ihn lauern? Böse Räuber? Wohl kaum. Wilde Tiere? Eher nicht. Wahrscheinlich wäre es jetzt in genau diesem Augenblick auf jeder deutschen Autobahn viel gefährlicher als hier. Dennoch - er war allein im Wald. Weit ab von jeder Zivilisation. Auf alle Fälle weit genug, um einfach so zu verschwinden, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Spurlos. Wie der Mountainbiker, dachte er schweigend. Wer wusste denn schon, was für Kreaturen sich hier herumtrieben? Er wollte auf keinen Fall als Wildschweinfutter enden. Bitte bloß keine Wildschweine, dachte er und wurde mit jedem Augenblick noch nervöser. Er blieb wie gelähmt an seinem Baum stehen. Du bist eine verdammte Pussy, sagte er zu sich selbst. Suchst das große Abenteuer und machst dir schon im heimischen Schwarzwald ins Hemd. Dann hörte er ein Knacken. Es war ein deutliches Knacken. Kein kleines Knacken, wie von einem Ast der von einem Baum fällt. Nein, so war es nicht. Es war ein sehr präsentes Knacken. Ein lautes Geräusch. So laut wie ein trockener Ast halt bricht, wenn man oder es auf ihn tritt. Ganz deutlich hörte er es leise rascheln. Da musste etwas hinter ihm im Unterholz sein. Schlich es sich an oder schlich es vorbei? Er spürte, wie ein Schweißtropfen langsam seine Stirn herunterlief. Der Biker ging seine Optionen durch. Waffen hatte er keine dabei. Nur sein Multitool. Aber mit der 12-cm-Klinge oder der Nagelfeile würde er es nicht mit einem wilden Tier aufnehmen können. Jedenfalls nicht mit einer Wildsau. Ein Schweißtropfen lief ihm ins Auge. Er wollte ihn wegwischen, da fiel ihm auf, dass er immer noch mit offener Hose und einer Hand am Genital vor dem Baum stand. Er hatte keine Ahnung, wie lange schon. Vorsichtig und ohne das geringste Geräusch machen zu wollen, verpackte er sein bestes Stück und schloss seine Hose. Mit seinen nun auf Hochtouren laufenden Sinnen, erschien ihm das Geräusch des sich schließenden Reißverschlusses wie infernalischer Lärm. Nun nahmen die Geräusche um ihn herum zu. Hier und da raschelte es und knackte auch einmal, aber nicht zu laut, sondern eher vorsichtig und bedacht. Fast so, als würde dort etwas durch den Wald schleichen, stetig bemüht, jedes überflüssige Geräusch zu vermeiden. Ein Wildschwein war das jedenfalls nicht. Die machten Lärm, grunzten herum und wühlten mit ihrer Schnauze den ganzen Wald um. Dies Geräusch aber war dezenter und es entfernte sich langsam wieder. Ganz langsam, leise und Geräusche vermeidend drehte sich der Biker herum und schaute sich um. Er konnte nichts entdecken. Er hörte auch nichts mehr. Es war plötzlich ganz still geworden. Still und noch dämmeriger. Eine Art von Stille, die man im dunklen Wald gar nicht erleben möchte, weil sie sich anfühlt, wie die Ruhe vor dem Sturm. Ein Schauer lief ihm abermals den Rücken herunter. Er entschloss sich schnell weiterzufahren, möglichst raus aus dem Wald, um mit einem Dach über dem Kopf den Abend zu beenden. Es war jetzt nur die Frage, welchen Weg er einschlagen sollte. Links oder rechts? Tiefer in den Wald hinein oder doch den Weg talwärts? Sein Navigationsgerät würde ihm bei dieser Entscheidung nicht weiterhelfen. Er hätte auch eine Münze werfen können. Der Biker nahm seinen Mut zusammen und ging zu seiner Maschine hinüber. Kaum hatte er sich abfahrbereit gemacht, Helm und Handschuhe wieder angelegt, sah er ihn. Völlig unaufgeregt stand er da. Stolz und majestätisch mit hoch erhobenem Haupt. Ein kapitaler Hirsch. Keine zehn Meter von ihm entfernt und auf irgendwas kauend. Das Tier hatte ein prächtiges Geweih und strahlte eine unglaubliche Ruhe, Friedfertigkeit und Gelassenheit aus. Ein großes Tier, welches sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit fast unbemerkt um ihn herum bewegt hatte. Dieser Moment war so unendlich beeindruckend, friedlich und schön, der Biker entspannte sich augenblicklich. Er konnte kaum glauben, dass er noch vor einem kurzen Moment fast vor Angst gestorben wäre. So standen sie sich gegenüber im Wald. Der Hirsch kauend, beobachtend und der Biker mit einer Hand am Lenker, bereit aufzusteigen, die Maschine zu starten und seinen Weg fortzusetzen. Doch dann wandelte sich der Augenblick. Zuerst war es wie ein gewaltiger dumpfer Schlag auf den Boden. So als ob die unsichtbare Faust eines Riesen wütend auf den Waldboden niederfahren würde. Dann nochmal und nochmal. Er konnte die Erschütterung mehr spüren als hören. Dazu ein Krachen und Bersten von Unterholz und ein mörderisches Gebrüll, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Laut, tief und böse. Der Hirsch bewegte sich mit weit aufgerissenen, panischen Augen wie in Zeitlupe. Drehte seinen Kopf vom Biker weg, ging reflexartig gleichzeitig in die Knie und setzte zum Sprung an. Es war, als hätte das Tier einen Schalter umgelegt. Eben noch völlig im friedlichen Einklang mit sich selbst, nun auf höchster Stufe im Fluchtmodus. Jeder Muskel, jede Faser wirkten angespannt. Selbst das Fell schien sich aufgestellt zu haben. Aber wovor hatte der kapitale Mehrender eine solche Furcht? Aus den Augenwinkeln nahm der Biker einen gewaltigen, schwarzen Schatten wahr, der mit ungeheurer Wucht durch das Unterholz krachte und förmlich auf den Hirschen zuflog. Ein schwarzer Schatten mit langen Klauen und gierig weit aufgerissenem Maul voller gelber Reißzähne. Eine hungrige Fressmaschine auf der Jagd nach frischem Fleisch. Der Hirsch befand sich nun im Sprung, bereit in den Wald zu flüchten. Es war erstaunlich zu sehen, wie genial die Natur ihre Fluchttiere auf solche Momente vorbereitet hatte. Jede Bewegung lief wie auf Autopilot ab. Reflexartig und ohne bewusste Entscheidung. Es passierte einfach. So auch beim Biker. Ohne groß darüber nachgedacht zu haben, hatte sein Körper entschieden, heute auf gar keinen Fall die Alternativmahlzeit für ein gieriges Monster zu werden. Es schien ihm besser sich auf die Maschine schwingen, den Motor zu starten, den ersten Gang einzulegen, Vollgas zu geben und mit Dreck spritzendem Hinterrad die Flucht anzutreten. Das alles fand praktisch in einer einzigen, schnellen, zeitgleichen Bewegung statt. Als das durchdrehende Hinterrad den Dreck des Bodens wegschleuderte, konnte er trotz des aufbrummenden Motors, deutlich das schreckliche Gebrüll des Angreifers und den Zusammenprall der beiden Körper hören. Die Knochen des Hirsches brachen laut und das Tier schrie herzzerreißend auf. Schrill und hell, wie die Stimme eines gepeinigten Kindes. Nur weg von hier, dachte sich der Biker, dem der emotionale Erlebnisgrad seines Roadtrips gerade eindeutig zu hoch war. Er riss das Gas auf und die geländegängigen Reifen des Verbrenners fraßen sich in den Waldboden und beschleunigten die Maschine augenblicklich. Die Enduro entfernte sich mit schlingerndem Hinterrad. Nur weg von diesem Ort. Nur weg, bevor das Monster es sich anders überlegen würde und statt Hirsch lieber Mensch zum Abendbrot präferierte. Wohin, fragte er sich? Welchen Weg sollte er einschlagen? Folgte er der Weggabelung nach links, schien der Weg aus dem Wald heraus zu führen. Fuhr er nach rechts, ging es offensichtlich tiefer in den Wald hinein. Das Schicksal nahm ihm die Entscheidung ab. In seiner heillosen Flucht hatte er derart stark beschleunigt, dass er nur dem rechten Weg folgen konnte, ohne einen Sturz zu riskieren. Und er wollte nicht stürzen. Nicht mit einem Bären im Nacken. Welche absurde Situation. Er konnte es kaum glauben, wenn er es nicht selbst gesehen hätte. Ein riesiger, freilaufender Bär im Schwarzwald. Beim Schwarzwald dachte er eigentlich eher an Schwarzwaldmädel in Trachten, die Schwarzwaldklinik und Schwarzwälder Kirschtorte aber ganz gewiss nicht an hungrige Bären. Er riskierte einen Blick in den Spiegel, nur ganz kurz. Dann drosselte er das Tempo. Hielt an und schaute sich um. Ihm schauderte, als sich trotz der Distanz von inzwischen gut 100 Metern ihre Blicke trafen. Schaute ihm das Vieh tatsächlich nach oder war es purer Zufall, dass es nur so aussah? Den Kadaver des Hirschen hatte der Bär inzwischen auf den Weg geschleudert. Das ehemals so stolze Tier rührte sich nicht mehr. Der Bär stand mit beiden Vorderpfoten auf seiner Beute, die Schnauze blutverschmiert und die Klauen tief ins Fleisch gegraben. Der Biker wusste nicht, was für ein Bär das war. Aber er war tiefschwarz und groß. Größer als die Braunbären, die er einmal im Zoo gesehen hatte. Aber ein Grizzly konnte es auch nicht sein. Die gab es in Deutschland nicht. Und noch etwas war merkwürdig. Das Tier hatte eine auffällige Zeichnung im Fell. Von der rechten Seite des Kopfes bis zum Auge war das Fell grau, fast silberfarben. Es sah aus, wie ein spitz zulaufendes Dreieck, dessen lange Spitze direkt vor dem Auge des Bären endete. Er wusste nicht, wie lange sie sich so anstarrten. Dem Bären schien es jedenfalls zu reichen und das Tier machte dies auf seine Art deutlich. Er stieg auf die Hinterbeine und richtete sich mit ohrenbetäubendem Gebrüll auf. Und er sah den Biker an. Der wusste gar nicht, dass Bären so gute Augen hatten, und beschloss das Weite zu suchen. Mit einem Dreh am Gasgriff setzte er sich kontrolliert in Bewegung und fuhr tiefer in den Wald. Immer in der Hoffnung, genug Abstand zwischen sich und die Bestie bringen zu können. Während er Kilometer um Kilometer zurücklegte, immer wieder nervös in den Rückspiegel blickend, jederzeit fürchtend, dass ein gewaltiger dunkler Schatten durch das Unterholz krachen könnte, hoffte er nur, dass ihm der Waldweg nicht ausgehen würde. Dass der Weg ihn wieder in die Zivilisation zurückführen würde. Auf geteerte Straßen, zu Handy- und Satellitenempfang. Aber der Wald wurde dichter und dichter und der Weg wurde immer schmaler und tiefer, bis er zum gerade mal zwei Meter breiten Hohlweg wurde. Die Äste der Tannen wurden so dicht, dass kaum noch Dämmerlicht durch das Dach des Waldes kam. Er musste den Scheinwerfer einschalten und hoffte inständig, dass das Licht keine wilden Tiere anlocken würde. So viel Abenteuer hatte er nicht gewollt. Motorradfahren wollte er. Durchs Gelände wollte er. Die Einsamkeit genießen, nicht fürchten. Jetzt da es langsam Nacht wurde, und er sich der Gefahren dieses Waldes bewusst war, wünschte er sich dringend in die Geborgenheit eines Gasthofs zurück. Aber er hatte keine Ahnung, wo er war. Er sollte jetzt dringend das Navi aktivieren, vielleicht hätte es ja doch wieder Satellitenempfang. Oder das Handy könnte wieder funktionieren. Er traute sich nur noch nicht anzuhalten. Er spürte sie wieder, die Blicke im Rücken, die er auch kurz vor dem Angriff des Bären gespürt hatte. Was war das, fragte er sich? Pure Einbildung oder doch Überlebensinstinkt? Katzen spürten doch auch das pochende Herz von Mäusen unter der Erde, ohne sie sehen oder gar riechen zu können. Vielleicht hatte er ja aufgrund eines genetischen Defekts auch solche Instinkte. Und was er spürte, war die Anwesenheit eines fremden pochenden Herzens in seinem Nacken, inklusive der scharfen Zähne und Klauen. Er schüttelte sich und konzentrierte sich auf seinen Weg und er ahnte gar nicht, wie Recht er mit seinen Vermutungen hatte. Und er hatte Glück, denn sein Weg war in gutem Zustand. Kein umgestürzter Baum, kein Erdrutsch hielten ihn auf. Einmal passierte er sogar eine schmale Schlucht über die eine recht waghalsig zusammengezimmerte Holzbrücke führte. Wären die Lichtverhältnisse besser gewesen und ohne das Erlebte im Rücken, hätte er bestimmt angehalten. Dann hätte er sich neugierig umgesehen, sein Handy gezückt und Fotos gemacht. Und obwohl die Natur sich auch hier durchsetzte und alles überwucherte und wieder und wieder zu Staub zersetzte, hätte er vielleicht die Knochen am Grunde der Schlucht gesehen. Hatte er aber nicht. So fuhr er weiter und kam beim ersten Mondlicht auf eine große Lichtung, die ringsum von Wald begrenzt wurde. Froh, dem Urwald für den Augenblick entkommen zu sein, folgte er dem Weg, der sich vom tiefen Hohlweg wieder zu einer flachen Schotterpiste wandelte. Links und rechts flankiert von einer Wiese und letztendlich kerzengerade auf das Zentrum der Lichtung zuführend.

Kapitel 4 – Der Turm

Der Mond schien hell und nach dem Dunkel des Waldes konnte man auf der Lichtung verhältnismäßig gut sehen. In ihrem Zentrum befand sich ein kreisrunder, mit Büschen und Bäumen bewachsener Erdwall. Der Weg führte mitten hindurch. Auf der einen Seite hinein und auf der anderen wieder hinaus. Wie eine Durchgangsstraße. Im Zentrum des Erdwalls, der vielleicht um die 30 oder 40 Meter im Durchmesser hatte, stand ein altes Gebäude aus grobem Stein. Kreisrund und ohne sichtbare Fenster. Mehr ein Turm als ein Haus. Kein Lichtschein drang nach außen. Vielleicht war aber doch jemand da, und er könnte telefonieren oder nach dem Weg zur nächsten Straße fragen. Um diese Zeit, nach all dem Erlebten, hatte der Biker keine Lust, weiter durch die Nacht und den Wald zu irren. Er musste ehrlich zu sich selbst sein. Er hatte sich total verirrt. Sollte er noch auf der Route seines Geheimtipps sein, wäre das purer Zufall. Ohne Orientierung, mit immer weniger Sprit im Tank, dafür aber mit einem Bären im Nacken. Er rechnete sich seine Chancen aus, aus dieser Situation allein wieder herauszukommen. Das sind keine guten Chancen, dachte er und beschloss, hier für die Nacht Schutz zu suchen. Vor dem Turm angekommen, stoppte er den Motor und ließ das Bike auf den Seitenständer kippen. Die Tür des Turms war ein Museumsstück, wie das gesamte Bauwerk. Es wirkte wie aus einer anderen Zeit, obwohl es überraschend gut erhalten war und wie die gesamte Anlage einen gepflegten Eindruck machte. Die Tür war aus massivem Holz gezimmert und mit ebenso stabilen Metallbeschlägen und -scharnieren verankert. Statt einer Türklinke gab es einen metallenen Ring, wo sonst der Türgriff gewesen wäre. Der Biker griff zu und zog daran. Die Tür ließ sich problemlos und ohne Knarren öffnen. Er fummelte seine kleine Mag Lite aus der Brusttasche. Die Taschenlampe flammte auf, und er trat ein. Wie nicht anders zu erwarten, war der Innenraum kreisrund und dunkel. Der schmale Lichtkegel seiner Taschenlampe durchsuchte weiter den Raum. Ein Lichtschalter fand sich nirgends. Er legte die brennende Lampe auf den Kaminsims und wartete. Es dauerte einen Augenblick, bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten, denn nur wenig Mondlicht fiel durch die Ritzen an der Decke. Es gab nur diesen einen Raum und der hatte gute zehn Meter im Durchmesser. Gegenüber der Eingangstür befand sich ein Kamin, an dessen Innenseite eine eiserne Platte mit einem Symbol angebracht war. Die Platte war kunstvoll verziert. In der Mitte prangte ein vierfach zerbrochenes Herz, in den vier Ecken, oben rechts beginnend, eine kleine Sonne, schräg gegenüber ein kleiner Mond, links der Sonne ein kleines Herz und diesem schräg gegenüber ein Totenschädel mit gekreuzten Knochen. Der Turn war offensichtlich unbewohnt, sonstiges Mobiliar war nicht vorhanden. Es gab auch keinen Hinweis auf den oder die Besitzer oder die typisch deutschen Verbotsschilder. Er ging wieder nach draußen, um sein Gepäck zu holen, als er den an die Rückseite des Turms gebauten Unterstand und Feuerholz entdeckte. Offensichtlich kommt wohl doch gelegentlich jemand her, dachte er, stellte die Maschine unter den Unterstand, brachte sein Gepäck in den Turm und ging wieder zu dem Feuerholz, lud sich den Arm voll und marschierte wieder hinein. Er hatte längst beschlossen, im Turm zu übernachten. Die schwere Zugangstür ließ sich verriegeln und hier würde er sich deutlich sicherer fühlen, als unter freiem Himmel. Im fahlen Licht seiner kleinen Taschenlampe kramte er ein billiges, oranges Einwegfeuerzeug heraus, dass er irgendwo mitgenommen haben musste. Er schichtete ein paar dünne Holzscheite übereinander und setzte sie in Brand. Zu seinem Glück war das Holz trocken und ließ sich gut im offenen Kamin entzünden. Die Flammen züngelten empor und der Biker legte ein paar größere Scheite hinzu. Schnell wurde es hell im Turm und ein Knistern, Knacken und Flackern erfüllte den Raum und gab der unwirklichen Situation so etwas wie Gemütlichkeit. Zu seiner Freude zog der Kamin perfekt den Rauch ab. Das Feuer verströmte Wärme und Licht, war es doch im Turm eher kühl und wegen der fehlenden Fenster und der Nacht auch ziemlich finster gewesen. Er sah sich um. Er war von massiven Wänden umgeben. Auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass ihm der satte Bär quer durch den Wald verfolgen würde, konnte er nicht wirklich sicher sein. Aber die verriegelte, massive Tür gab ihm Sicherheit. Hier kam niemand mehr hinein. Auch kein Bär. Dann fiel ihm die Leiter auf, die an der Wand lehnte. Sein Blick folgte den Stufen der Leiter und fand eine Empore. Er inspizierte sie und stellte fest, dass auch die Leiter, ganz aus Holz, neuwertig und stabil wirkte. Er lehnte sie an die Empore und stieg auf die erste Sprosse. Sie hielt. Dann die zweite, dann die dritte und nach mehreren Sprossen war er oben. Die Empore nahm gut die Hälfte der Turmfläche ein und war ebenfalls in gutem Zustand. Auch das war perfekt. Er würde die Nacht auf der Empore verbringen. Selbst wenn das Mistvieh ihm gefolgt wäre und selbst, wenn es durch die Tür kommen würde, wäre er dort oben vollkommen sicher, dachte er und fühlte, wie die Anspannung immer mehr von ihm wich. Er stieg wieder hinab, legte Holz für die Nacht nach und stellte sich noch eine Büchse gebackene Bohnen ins Feuer. Dann kramte er eine kleine Dose Pilsener aus seiner Gepäckrolle. Noch beim Essen checkte er sein Navi und das Handy, hatte aber im Turm immer noch keinen Empfang. Er schaltete die Geräte aus, um Strom zu sparen, und würde es am Morgen unter freiem Himmel noch einmal probieren. Wie spät es wohl war? Er hatte inzwischen jedes Zeitgefühl verloren. Doch langsam spürte er die Müdigkeit in seinen Knochen. Nachdem er seine Bohnen gegessen und sein Bier getrunken hatte, stieg er auf die Empore, rollte seine Isomatte und den Schlafsack aus, entkleidete sich bis auf die Unterwäsche und kroch in den Schlafsack. Das Licht des Kamins, das Knistern und Knacken des offenen Feuers und die angenehme Wärme verströmten Gemütlichkeit. Und dann der Duft. Zuerst hatte er ihn gar nicht bemerkt. Dann, nach und nach, je länger das Feuer brannte, desto mehr beherrschte ein angenehmer Duft den Raum und vertrieb die Muffigkeit aus dem alten Gemäuer. Er fragte sich, was er mit ins Feuer getan hatte? Die grob gehauenen Holzscheite sahen eigentlich ganz normal aus. Und während er so da lag und den Tag Revue passieren ließ, fühlte er sich seit langem wieder richtig glücklich. Auch wenn er schon 39 Jahre alt war, hatte er an diesem Tag mehr Abenteuer erlebt, als in seinem ganzen bisherigen Leben. Er seufzte. Jetzt, da er in Sicherheit war, entspannte er sich und schloss die Augen. Die geheimnisvolle Website, der kauzige Tankwart, der verlassenen Steinbruch, der Wald, der Hirsch, der Bär, die Flucht, der Turm, … eigentlich eine unglaubliche Geschichte, dachte er. Wenn er jetzt noch einen Topf voll Gold finden würde, würde er sofort wieder an Märchen glauben. Dann rollte er sich auf die Seite und fiel fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf und begann zu träumen.

Kapitel 5 – Der Traum

Er erwachte und öffnete die Augen. Sein Schädel dröhnte wie bei einem Kater und seine Umgebung nahm er nur gedämpft wahr. Langsam kehrten seine Sinne zurück. Er tastete an seine Stirn und fühlte einen dicken Verband. Offensichtlich war er verletzt worden. Jemand hatte seine Wunden gepflegt und ihn verbunden. Er war verwirrt. Ich bin verletzt, fragte er sich? Er versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Aber das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war nichts. Gar nichts. Er lag in einem Lager aus warmen, weichen Fellen, bekleidet mit einem Leinenhemd und offensichtlich wurde er gut versorgt. Er sah sich um. Außer dem riesigen Bett standen noch zwei hölzerne Truhen auf der Empore und an der Wand brannte in einem Vorsprung ein Kerzenlicht. Von unten drangen Geräusche an sein Ohr. Er beugte sich vorsichtig mit schmerzendem Schädel über die Kante der Empore und sah eine Frau. Das volle Haar zu einem dicken Zopf gebunden und weitgehend von einem roten Kopftuch bedeckt, wie sie in einem über dem offenen Feuer aufgehängten Kessel etwas zubereitete. Ohne ihn anzusehen oder sich umzudrehen, sagte sie:

„Komm´ ja nicht auf die Idee, die Stiege herabzusteigen. Du bist noch nicht soweit. Du bist viel zu schwach. Ich werde dich kein zweites Mal zusammenflicken können.“

Er war verdutzt. Wer war das? Er wollte sich weiter aufrichten, da spürte er einen stechenden Schmerz in der Seite und stöhnte auf.

„Ich habe es doch gerade gesagt. Du bist noch nicht soweit“, sagte sie. „Lege dich hin, ruhe dich aus. Ich bringe dir später etwas zu essen.“

Er gehorchte und lehnte sich wieder zurück. Das Lager war bequem und er spürte, dass er gleich wieder wegdämmern würde. Bevor er das tat, fragte er laut:

„Was ist geschehen?“ Dann spürte er noch, wie er schwächer wurde, hörte noch, dass sie etwas sagte, dann war er wieder weg.

Als er das nächste Mal erwachte, war er allein im Turm. Durch die offene Tür drang Licht ins Innere und er sah, dass es unter der Zimmerdecke, ganz oben im Turm noch eine Luke gab, die offensichtlich auf das Dach führte, denn diese stand ebenfalls offen und ließ Licht und frische Luft hinein. Er rief nach der Frau, erhielt aber keine Antwort. Stattdessen gackerten Hühner vor der Tür und offensichtlich auch unten im Turm. Er versuchte sich zu strecken, ließ es aber gleich wieder sein, als er den Schmerz spürte, der durch seine Seite fuhr. Neben seinem Bett standen ein Apfel und ein Krug, in dem ein Büschel mit Kräutern hing. Der Tee schmeckte stark nach Anis und war noch heiß. Sie konnte also noch nicht allzu lang fort sein. Als er von unten ein Grunzen vernahm, beugte er sich vor und lugte wieder über die Kante der Empore. Hausschweine. Gleich drei davon überfielen das Haus und schnüffelten durch ihre Küche. Das wird ihr nicht gefallen, dachte er. Das wird ihr wirklich nicht gefallen. Der Turm war auch unten gut hergerichtet. Von den Querbalken hingen Schinken und Würste und eine prächtige Vorratstruhe stand auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins. Im Zentrum des Raums stand eine große Tafel an der bestimmt gut acht Männer Platz kriegen würden. Darauf eine Schale mit Äpfeln und mehrere Tonkrüge, abgedeckt mit Leinentüchern. Links und rechts der Tafel waren einfache Holzbänke und an den Stirnseiten schlichte Stühle mit Lehnen für Rücken und Arme. Die Wände waren auf der Seite des Kamins über und über mit Büscheln unterschiedlichster Kräuter bedeckt, die an Schnüren von der Wand hingen. An den Wänden selbst sah er drei metallene Fackelhalter in denen jetzt aber keine Fackeln brannten. Feuerholz sah er auch noch. Es war in unterschiedlichen Größen und fein säuberlich an der linken Seite des Kamins aufgeschichtet. Hier lässt es sich aushalten, dachte er. Dann schüttelte er den Kopf, was er nicht hätte tun sollen, denn ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. So legte er sich zurück und schlief wieder ein.

Als er abermals erwachte, war sein Verband am Kopf verschwunden und seine Seite schmerzte kaum noch. Diesmal stand ein würziger Eintopf neben seinem Bett und wieder ein Krug mit einem Kräutertrunk. Gierig aß er und trank seinen Tee. Das Fieber hatte nachgelassen und er schien über den Berg zu sein. Er rief nach ihr. Keine Antwort. Lange konnte sie nicht fort gewesen sein, denn seine Speisen waren immer noch warm. Wieder einmal. Er linste abermals über die Kante der Empore. Im Kamin loderte jetzt ein Feuer. Die Schweine und Hühner waren verschwunden und die Tür verschlossen. Da fiel ihm auf, dass die Leiter hinunter in den Turm auf der gegenüberliegenden Seite an der Wand lehnte. Offensichtlich wollte sie, dass er im Bett und oben auf der Empore blieb. Er lachte. Er erinnerte nicht, ob er sie kannte, denn sein Kopf war immer noch leer. Er wusste auch nicht, wer er war oder wo er her kam. Er wusste gar nichts mehr. Auch nicht, weshalb er verwundet worden war oder von wem. Er glaubte nur zu wissen, dass ihn etwas mit dieser Frau verband. Denn sie, auch wenn er sie bisher kaum zu Gesicht bekommen hatte, sie gab ihm ein gutes Gefühl, umsorgte ihn und gab ihm zu essen. Dann tat der Trunk wieder seine Wirkung und er schlief ein. Als der Mann tief in der Nacht erwachte, vernahm er ruhige und gleichmäßige Atemzüge neben sich. Er öffnete die Augen und wartete, bis sie sich an das schummrige Licht im Turm gewöhnt hatten. Unten im Kamin brannte nur noch ein kleines Feuer. Die Kerze in der Nische war erloschen. Durch die offene Dachluke fiel ein wenig Mondlicht in den Raum. Ihr Lager war breit und groß, doch es war ihm bisher nicht aufgefallen, dass die Frau mit ihm das Bett teilte. Sie hatte ihm den Rücken zugedreht und sich bis unter die Nasenspitze die grob gewebte Leinendecke hochgezogen. Er sah nur ihr pechschwarzes Haar und den kunstvoll geflochtenen Zopf, der über der Bettdecke lag. Ihre Kleider lagen ordentlich über einer der Truhen, direkt neben einem Waffenrock. Er sah genauer hin und erkannte einen kreisrunden Holzschild, in der Mitte mit einer tellergroßen Metallplatte verstärkt und mit einem Wappen verziert. Er blinzelte und versuchte noch genauer hinzusehen. Auf der Truhe lag ein Helm mit Nasenschutz und an der Wand hingen Spieß und Axt. Himmel, dachte er. Gehört das mir? Oder gibt es hier noch einen Mann? Er wusste es nicht. Er wusste auch nicht, was oder wer er war. Aber ein Krieger? Er? Er horchte in sich hinein. Bist du ein Kämpfer? Oder bist du ein Bauer? Was bist du und wieso bist du hier? Ohne dass er diese Worte laut ausgesprochen hatte, drehte sie sich zu ihm um und sprach:

„Du bist hier, weil ich dich gerufen habe. Du bist hier, weil ich deine Hilfe brauche. Du bist hier, weil dein Leben, mein Leben ist.“

Der Mann verstand kein Wort. Er brachte auch keines heraus. Er sah sie nur an. Sie war wunderschön. Makellos. Sie strahlte etwas aus, was ihn magisch anzog. Jetzt da sie ihm so nahe war, spürte er diese enge Verbindung zu ihr noch viel mehr. Es war ihm, als würde er sie seit Ewigkeiten kennen. Als könne er ihr unbedingt vertrauen. Immer und überall. Er sah ihr in die Augen und wollte am liebsten in ihnen versinken. Er wollte sie fragen, ob es ihr auch so ginge, aber er schalt sich einen Narren. Er wusste nicht einmal, wie lange sie sich wirklich kannten. Gar nichts wusste er.

Sie strich ihm mit der Hand übers Gesicht.

„Sorge dich nicht. Am Ende wird alles gut. Du wirst dich erinnern.“

„Wie ist dein Name?“, fragte er.

„Ich habe viele Namen“, sagte sie, drehte sich von ihm weg und griff nach etwas. Es war ein silberner Kelch, von dem sie einen tiefen Schluck nahm. Dann reichte sie ihm das Gefäß und sprach:

„Trink. Trink aus. Es wird dir helfen.“

Der Mann nahm einen Schluck. Es war ein schwerer, roter Wein. Würzig und süß. Der beste Wein, den er je getrunken hatte. Das vermutete er wenigstens, denn ohne jede Erinnerung konnte er nicht einmal das mit Bestimmtheit sagen. Er wollte ihr den Kelch zurückgeben, aber sie stoppte sanft seine Bewegung und führte ihn wieder an seine Lippen. Er gehorchte und trank in ruhigen Schlucken, bis der Kelch leer war. Dann sah er sie wieder an.

„Helfen?“, fragte er. „Wobei wird er helfen?“

„Er wird dir helfen zu verstehen. Er wird dir helfen zu geben. Er wird mir helfen zu nehmen. Er wird unseren Kreis schließen.“ Sanft strich sie ihm mit der Hand über sein Gesicht und schaute ihn liebevoll an.

Er reichte ihr den Kelch und sie schenkte nach. Wieder teilten sie sich den Wein und tranken gemeinsam aus einem Kelch. Der Wein tat seine Wirkung. Auch fiel ihm wieder der angenehme Geruch in der Luft auf.

„Was duftet hier so?“, fragte er.

„Kräuter“, sagte sie und lächelte ihn an.

„Warum?“, frage er.

„Weil es gut für uns ist, du Trottel.“

Beide lachten. Er spürte es ganz deutlich. Er war verliebt. Verliebt in eine Unbekannte. Über beide Ohren verliebt. Konnte das sein? Oder war sie ewig schon seine Frau und er konnte sich nur nicht mehr erinnern? Da war so viel Gefühl zwischen ihnen. So viel Vertrautheit. Das konnte kein Zufall sein. Er hielt es nicht mehr aus und fragte sie direkt, auch wenn er sich ein wenig vor der Antwort fürchtete:

„Bist du mein? Bitte sprich mit mir. Ich muss es wissen. Bist du meine Frau?“

„Würdest du das denn wollen?“, fragte sie und sah ihm tief in die Augen. Er war der verliebten Ohnmacht nahe. Am liebsten hätte er sich einfach auf sie gestürzt und sie mit Küssen überhäuft. Angesichts seiner Verletzung verwarf er aber den Gedanken schnell. Und wieder hatte sie den Kelch gefüllt und er trank ihn in einem Zuge leer. Mit jedem Schluck wurde ihm immer mehr gewiss, dass er ihr gehören müsse. Nichts anderes würde seinem Leben einen Sinn ergeben. Er würde alles für sie tun. Für nur einen Kuss, nur eine Umarmung, einen Blick von ihr würde er alles geben. Für die Frau, die ihn gerettet hatte. Die ihn geheilt hatte, die ihn aufgenommen hatte, die ihn versorgte und sogar ihr Bett mit ihm teilte. Wie schön sie doch war. Und klug. Sie war eine Heilerin. Eine solche Frau könnte jeden Mann haben. Wirklich jeden. Und sie schien ihn gewählt zu haben. Sein Herz drohte völlig zu zerspringen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes besoffen vor Liebe.

„Ja“, sagte er. „Genau das würde ich wollen. Für nur einen Kuss von dir, eine Umarmung, ein liebes Wort würde ich dir zehn Jahre meines Lebens schenken.“

Da lächelte sie ihn warm und liebevoll an. Zog ihn an sich heran und gab ihm einen innigen Kuss. So innig und so liebevoll, dass er nicht einmal mehr seine Wunden spürte, sondern nur, wie ihn ein unbegreifliches Glück ergriff. Sie löste die Umarmung und streichelte seine Wange.

„Du weißt, jede Liebe hat ihren Preis. Wie lang sie auch immer währen mag. Vergiss mich nicht, mein Liebster. War unsere Zeit hier auch kurz.“

Bevor er hätte etwas erwidern können, flammten wie von Geisterhand die Fackeln und Kerzen hell auf und im Kamin loderte plötzlich ein helles Feuer, so dass der Raum schlagartig in flackerndes Licht getaucht war. Das Licht erreichte auch die Empore, so dass er Ihr Gesicht und ihre Haare klar erkennen konnte. In Ihrem Haar und auf der Augenbraue funkelte eine silbergraue Strähne. Dann löste sich ihr Bild vor ihm in Nebel auf und er fiel durch den Boden in die Tiefe. Das Erdreich öffnete sich und er fiel tiefer und tiefer, bis der Biker mit einem riesigen Schrecken in seinem Schlafsack erwachte.

Kapitel 6 – Das Erwachen

Der Biker wusste nicht, was zuerst da war. Das Erwachen nach dem Schreck oder der Schreck nach dem Erwachen. Er zuckte zusammen und riss die Augen auf. Er lag genau dort, wo er sich am Vorabend niedergelegt hatte. Nicht auf einem weichen Felllager, sondern auf seiner spartanischen Isomatte auf dem Boden der Empore. Es roch muffig. Nach kaltem Rauch und einem Rest dieses merkwürdigen, süßlichen Geruchs. Er war verwirrt. Schon wieder. Er schüttelte sich, wühlte sich aus dem Schlafsack und richtete sich auf. Instinktiv griff er sich an die Seite, dorthin wo er eben noch seine Verletzung gefühlt hatte. Aber da war keine Verletzung. Da war gar nichts. Er betastete den Kopf. Hatte sich dort nicht auch noch ein Verband befunden? Jetzt jedenfalls nicht mehr. Mit Ausnahme eines Brummschädels, vergleichbar mit einem leichten Kater hatte er nichts. Im Raum herrschte schummriges Dämmerlicht. Wenig zwar, aber es reichte, um sich grob orientieren zu können. Er erinnerte sich an eine Dachluke in seinem Traum. Er blickte auf und tatsächlich war dort ebenfalls eine Luke unter dem Dach. Durch die Ränder und Ritzen fiel ein wenig Sonnenlicht ins Innere. Er griff nach seiner Taschenlampe und leuchtete herum. Sein Traum war derart intensiv gewesen, fast als wäre dies der Traum und der Traum die Realität. Sein Herz pochte immer noch wie verrückt. Und wenn er an die Frau dachte, pochte es noch schneller. Er wollte sie wiedersehen und er spürte ihren Verlust förmlich körperlich. Es war, als hätte eine unbekannte Macht sein Herz umklammert. Er rieb sich die Augen und atmete tief ein, um sich zu konzentrieren. Doch die Verwirrung nahm eher noch zu. Es war doch bloß ein Traum, sagte er sich wieder und wieder. Ein schöner Traum, der mit jedem Augenblick, den die Zeit verging mehr in die Ferne rücken würde, bis er sich völlig aufgelöst haben würde. Die Erkenntnis, dass diese wunderbare Frau, dieses innige Gefühl der Verbundenheit nur ein Hirngespinst sein sollte, brachte ihn fast zur Verzweiflung. Dabei fühlte es sich alles so echt an und konnte es dennoch nicht sein. Bis auf ihn und seine Habseligkeiten war die Empore leer. Keine Truhen, keine Kerzen. Keine Frau. Nichts aus seinem Traum war hier. Bis auf die Dachluke und die Nische in der Wand. Gern wäre er hinaufgestiegen und hätte vom Turm die Umgebung gesehen. Doch es gab keine Leiter, keine Möglichkeit dort hinauf zu kommen. Er leuchtet nach unten. Die Tür war immer noch von innen verriegelt. Im Kamin glühten die letzten Holzreste aus. Ansonsten war der Raum völlig verlassen. Er leuchtete die Wände ab. Keine erloschenen Fackeln, keine Kräuter, die in Büscheln von den Wänden hingen. Nichts. Er wollte sich gerade ankleiden, da vernahm er ein deutlich wahrnehmbares Schnaufen vor der Tür. Er fuhr zusammen. Da atmete etwas schwer. Das Atmen kam näher und mit dem Atmen auch die Schritte. Dumpf, gelassen und gleichmäßig. Das Licht, welches bisher durch die Türritzen nach innen drang, wurde durchbrochen. Irgendetwas Großes schlich draußen ums Haus. Nicht aggressiv, sondern eher ruhig und neugierig. Es kratzte an der Tür und der Biker hoffte, dass sie dem Druck und Drängen nicht nachgeben würde. Es schnüffelte. Deutlich war das Einsaugen von Luft zu hören. Dann - plötzlich und völlig unvermittelt brummte das Etwas ein letztes Mal auf und trottete davon. Der Biker atmete auf. Instinktiv hatte er den Atem angehalten, als das Ding um die Tür schlich. Sein Traum verwirrte ihn schon mehr als genug. Jetzt auch noch auf der Frühstücksliste eines Bären zu stehen, machte seine Verfassung nicht besser. Eigentlich wollte er jetzt nur noch von hier weg und nach Haus. Doch vor die Tür traute er sich noch nicht. Er würde noch etwas abwarten, beschloss er. Zweikämpfe mit wilden Tieren konnte er nicht gebrauchen. Er brauchte etwas ganz anderes. Er brauchte eine warme Dusche und freundliche Menschen um sich herum. Und ein deftiges Frühstück mit Eiern, Speck und Schwarzbrot. Kaffee brauchte er auch, heiß, mit warmer Milch und zwei Stück Zucker. Fürs Erste hatte er von Abenteuern genug. Außerdem hatte er das Gefühl, richtigen Liebeskummer zu bekommen. Kannte er überhaupt ihren Namen? Er versuchte sich zu erinnern und sorgte sich, sie zu vergessen. So wie man immer schnell seine Träume nach dem Erwachen vergaß, selbst wenn sie eben noch klar erschienen waren. Er musste an die Verzierungen des Kamins denken, dann wieder an sie. Sein Herz wurde erst schneller, dann schwer. So einen real wirkenden Traum hatte er noch nie erlebt. Er wollte zurück zu ihr, nichts anderes wollte er. Du bist verrückt, sagte er sich. Vollkommen verrückt. Er atmete mehrfach tief ein und überlegte, was er tun könnte. Erstmal kleidete er sich wieder vollständig an, traute sich aber wegen des Bären noch nicht vor die Tür. Wer weiß, vielleicht schlich das Tier noch ums Gebäude und wartete nur auf ihn. Geduldig und hungrig. Der Biker seufzte und schmiedete einen Plan. Er musste wissen, was vor der Tür vorging, bevor er sich ins Freie