Die Legenden von Trappland Ends - Lucian Caligo - E-Book

Die Legenden von Trappland Ends E-Book

Lucian Caligo

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Beschreibung

Eigentlich sollt´ ich nur jemanden finden. Nur finden, nich erschießen, ungewöhnlich für nen Kopfgeldjäger wie mich. Deshalb verschlug´s mich nach Trappland Ends. Ein Landstrich, in dem man schnell reich wird und noch schneller tot is. Damals war Ends noch ne Randregion, in der es nur Halsabschneider, Ureinwohner und nen Sack voller Geheimnisse gab. Dass ich bei meiner Suche an den übelsten Halunken überhaupt geraten würde, ne Frau als Partnerin an die Seite gestellt bekommen sollte und gleichzeitig noch das Mysterium von diesem Land lüften würde, hätt ich nich gedacht.

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Seitenzahl: 419

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Abraham James ist eine lebende Legende. Ein Kopfgeldjäger, der nie sein Ziel verfehlt, in welcher Hinsicht auch immer. Der standhaft ist wie ein Fels, einen unbeugsamen Willen hat und niemals aufgibt. Die Wahrheit sieht indes ganz anders aus.

Dies ist die Geschichte seines ungewöhnlichsten Auftrags, der ihn weit in die lebensfeindliche Randregion von Trappland führt, die nur Ends genannt wird. Nur für ihn soll es hier nicht enden, es ist vielmehr ein Anfang.

Mehr über die anderen Bücher von Lucian Caligo erfährst du auf www.lucian-caligo.de.

Über den Autor:

Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Selfpublishern. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.

Für meine Frau, die mein Leben bereichert, wie ich es mir nie hätte vorstellen können

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Die Lady ohne Gesicht

Der verschissene Schnösel

Alex´ verdammtes Geheimnis

Die Kopfgeldjägerin

Die scheiß Legende von Sarene

Die Dreckskarte

Unsre elendige Flucht

Die verfluchte Geisterstadt

Die vermaledeite Wasserfarm

Alte Freunde, verflucht noch eins!

Blackwolf

Ein verteufeltes Angebot

Verfluchte Prothesen!

Clark und sieben elendige Messer

Die geheime Tür

Alles nur ne erstunkene Legende

Unsre ach so glorreiche Flucht

Scheißteurer Whiskey und ´n Brief

Sieben Messer, ein zerhauenes Knie und ´n Toter

Leichen im Keller

Die trottelige Brieftaube

Gruseliges Todeslächeln

Hinter der beschissenen Tür

Im dreimal verfluchten Wasserspeicher

Showdown

Verfluchte Mittagssonne

Dreimal verfluchte Mittagssonne, echt!

Alles grün

Genug is verflucht nochmal genug

Die verfluchten Himmelsleute

Letzte Fragen ...

Epilog

Nachwort

Vorwort oder auch Warnung:

Es mag dich überraschen, dass ein Autor vor seinem eigenen Buch warnt. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis. Wenn du eines meiner anderen Bücher gelesen hast, kann es sein, dass dich dieses Buch etwas verstört zurücklässt, denn die vorliegende Geschichte lasse ich Abraham James selbst erzählen und nehme ihn dabei nur wenig an die Kandare. James zeichnet sich nicht nur durch rüpelhaftes Verhalten, sondern auch durch seine derbe Sprache aus, was zum einen seinen unvergleichlichen Charme ausmacht, zum anderen sicher nicht jedem zusagt.

Wenn du dich dennoch in die Geschichte stürzt, wünsche ich dir viel Freude bei diesem Abenteuer.

Prolog

Du willst die Geschichte hören, wies mich ´n zweites Mal nach Ends verschlagen hat?

Na gut. Setzt dich, trink was, rauch was, was immer du willst. Meinetwegen erzähl ich dir die Story, wie ich hinter das Geheimnis von Ends gestiegen bin, was mich zu nem scheiß reichen Arschloch gemacht hat.

Is ne Geschichte voller Irrungen und Wirrungen, wie ´n Freund von mir sagen würde.

Eins musste vorher aber wissen: Immer, wenn du mir nich glauben willst, genau dann is meine Story besonders wahr.

Wo fang ich denn an?

Na ja, das mit dem Aufstand in Trappland gegen die Familie Moneylooter weißte ja. Interessanterweise hat´s in Ends zur selben Zeit auch ne Revolte gegeben, obwohl der Teil des Staats so weit weg is, dass es damals im Grunde ´n eigenes Land war. Da ging man nur hin, wenn man alles verloren hatte oder schnell reich werden wollte. Wie du weißt, is das heut nich mehr so. In Ends gabs jedenfalls nen Kleinkrieg. Den hat so ´n Wichser benutzt, um die Kontrolle an sich zu reißen. Eigentlich genau wie in Damcity, nur hat´s der Kerl in Ends tatsächlich geschafft.

Trappland Ends hat mich immer fasziniert und seine Geheimnisse haben mir den Kopf verdreht. Ich mein, wieso gabs nur da Zoletanium, das wertvollste Metall der Welt? Warum war da die Mittagssonne so heiß, dass sie einem das Leben rausbrennt? Und warum zur Hölle nennen die Eingeborenen dieses lebensfeindliche Land Wiege der Menschheit? Das alles war sicher auch ´n Grund, warum ich mich dazu hab breitschlagen lassen, nen Suchauftrag anzunehmen. Ich mein nen verdammten Suchauftrag! Kein Kopfgeld oder so, wo man seine Zielperson einfach abknallt und den gammligen Kadaver zurückbringt. Nee, ich sollte jemanden finden, lebend! Und rausfinden, wie´s der Person geht. So ´n Quatsch. Nur hab ich ums Verrecken nich geahnt, was mich da wirklich erwartet. Hat sich aber gelohnt. Ich hab ne verdammte Geschichte zu erzählen und bin nebenbei einer der reichsten Männer der Welt geworden. Aber bevor ich dich hier weiter zuschwalle, fangen wir besser vorne an.

1. Die Lady ohne Gesicht

Man stelle sich ein verstepptes Land vor, voller schroffer Felsen, mit trockenem Boden und einer Mittagshitze, in der kaum etwas überlebt. Dann besitzt man ein ungefähres Bild von Trappland Ends, einer Randregion von Trappland. So ungastlich, dass es dort nur jene hin verschlägt, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben. Ein sagenumwobener Landstrich, von dem keiner so genau weiß, wie groß er eigentlich ...

Mit der Rechten schlug ich das scheiß Buch zu und stopfte es in meine Tasche. Dieses Geschwätz ging mir jetzt schon aufn Keks. Eine einfache Personenbeschreibung hätt echt gereicht. Stattdessen drückte mir mein Auftraggeber eins seiner Bücher aufs Auge. Er meinte, es wäre wichtig, die Persönlichkeit meiner Zielperson zu kennen, grade wenn man jemanden in Ends suchte. So ´n Schwachsinn! Als hätt ich keine Ahnung, wie ich meinen Job machen soll. Menschen sind Blätter im Wind, sie folgen selten nem inneren Antrieb, sondern meistens den äußeren Umständen. Im Grunde so, wie mich der Dreckszug nach Ends fuhr. Ich musste nix machen, nur hocken und warten. So was hasse ich ja.

»So geht man nicht mit Büchern um«, empörte sich die Frau mir gegenüber. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid und nen Hut mit nem Schleier vorm Gesicht. Ihr zusammengefalteter Mantel auf der Sitzbank neben ihr sagte mir, dass sie genau wusste, was in Ends auf sie zukam. Der Trenchcoat war beschichtet, um sie gegen die alles aufzehrende Sonne in Ends zu schützen.

»So?«, brummte ich nur und rückte meinen linken Arm zurecht.

»Ja«, erwiderte sie. »Jemand wie Sie vermag das nicht zu verstehen, aber Bücher sind Tore in andere Welten.«

»Ich hab in unsrer Welt schon genug Probleme, da muss ich mich nich auch noch um die Probleme von ner andren Welt scheren.«

»Sie sehen nicht so aus, als habe es das Leben schlecht mit ihnen gemeint, zumindest wenn man von ihrer Kleidung ausgeht. Nur könnten Sie sich öfter rasieren.«

»Mein Mantel war ´n Geschenk, der Hut is älter als er aussieht und die Schutzbrille is ... neu«, gab ich zu. Was interessierte es das Weibsstück, wo ich meine Klamotten her hatte? Solch vorlaute Frauenzimmer trifft man eigentlich nur in Bars, oder Bordellen. Dagegen sprach ihre schlichte, aber feine Garderobe.

Der Zug ratterte über die Schwellen und die Sonne stach zum Fenster rein ins halbvolle Abteil. Normalerweise hatte ich immer ne Vierersitzgruppe für mich, meine vernarbte Visage verscheuchte die meisten Menschen. Vor Jahren hat so ´n Depp versucht, mir mit nem Schrotgewehr den Schädel wegzupusten. Aus fünf Metern Entfernung. Trotzdem war ich sehr lebendig. Der Kerl hat außerdem mit nem Nifl-Gewehr auf mich geschossen. So ne Waffe von ausgerechnet dem Hersteller abzufeuern is ja im Grunde ´n Selbstmordversuch. Is ihm auch gelungen, will ich meinen. Der Wichser is verblutet, nachdem ihm das Gewehr bei der Explosion die Hand abgerissen hat. War mein Glück, sonst hätt ich ne recht unschöne Leiche abgegeben, egal ob rasiert oder nich. Wo die Narben abgeblieben sind, willste wissen? Wenn ich das verrate, is die Story vorbei.

Jedenfalls hat mein Äußeres die Frau nich abgeschreckt. Obwohl sie kurz gestutzt hat, bevor sie ihren Hintern auf die Sitzbank gegenüber geschwungen hat.

Jepp, sie hatte ne Reservierung für ihren Platz, wie ich auch. Die meisten Leute hauen trotzdem ab, wenn sie mich sehen.

»Bücher können uns aber noch ganz andere Dinge zeigen«, beharrte die Frau ohne Gesicht. »Es heißt doch: Kinder brauchen keine Märchen, um zu wissen, dass es Monster gibt, sondern damit sie lernen, dass man sie besiegen kann.«

»Unsre Welt is ne andre, da überleben die Monster und Kinder werden gefressen«, grinste ich.

Die Frau zuckte unbekümmert mit den Schultern. Jede andre wäre wohl mit hochrotem Kopf davongelaufen. Die Braut war mir nich geheuer. Zugegeben hätt ich es damals natürlich nich.

»Sind Sie solch ein Monster?«, fragte sie stattdessen. Sie klang eher fasziniert als abgeschreckt.

Ich schwieg und richtete meine Aufmerksamkeit auf die triste Landschaft, die am Fenster vorbeizog. Mit einem hatte der Schreiberling recht: Ends bestand damals nur aus Staub und Felsen. Dabei waren wir erst im Grenzbereich von Ends.

»Es heißt, nach Trappland Ends zieht es nur Menschen, die nichts zu verlieren oder alles zu gewinnen haben. Was erhoffen Sie zu gewinnen?«

Weil sie Zeilen ausm Buch in meiner Tasche zitierte, hätt ich damals eigentlich schon misstrauisch werden müssen.

»Nichts. Also Geld natürlich, aber ich such nur wen, für nen Freund ...«, antwortete ich beiläufig.

»Und besagter Freund bezahlt Sie jemanden zu finden?«

Ich brummte zustimmend.

»Muss ja eine tiefe Freundschaft sein.«

»Hören Sie Miss, ich muss auch schauen, wo ich bleibe. Kanns mir nich leisten, mal eben so ´n paar Monate in den Staubsack von Trappland zu reisen, um nem Freund ´n Gefallen zu tun!«

»Wissen Sie, dass Ends noch nicht einmal ganz vermessen wurde? Wenn Sie da wirklich jemanden finden wollen, dann ist es als würden sie ein bestimmtes Sandkorn in der Wüste suchen.«

»Bisher hab ich noch jedes Sandkorn gefunden.«

»Und wen genau suchen Sie?«

»Betriebsgeheimnis.«

Sie lachte glockenhell. »Sie meinen, Sie unterliegen als Kopfgeldjäger einer Schweigepflicht?«

»Ganz wie Sie sagen, Miss.«

Durch ihren Schleier glaubte ich, sie grinsen zu sehen.

»Und was haben Sie verloren, wenn Sie so allein nach Ends reisen? Was in Ends mit alleinstehenden Frauen passiert, haben Sie sicher in nem schlauen Buch gelesen«, entgegnete ich schroff.

»Ich habe alles verloren.«

Die Endgültigkeit ihrer Antwort brachte sogar mich aus der Fassung. Der verdammte Aufstand in Damcity hatte etliche Leben zerstört. Einige Menschen standen danach vor dem Ruin und das nur, weil zwei reiche Familien meinten, sie müssten sich wie tollwütige Hunde um die Herrschaft raufen, selbst wenn die Gouverneursfamilie von Zoletan Hilfe versprochen hatte. Hätt´s ja nich geglaubt, aber die bezahlten echt den Wiederaufbau, aus eigener Tasche. Trotzdem gibts Verluste, die kein Geld der Welt aufwiegen kann. Üblicherweise jagte ich Menschen, die jemandem nen Verlust zugefügt hatten und beglich die offene Rechnung mit ´n paar Gramm heißem Blei. Zumindest im besten Fall, dann hatte man keine Scherereien. Jetzt sollte ich aber ne Person lebend finden, oder halt klären, was aus ihr geworden is. Also ne wesentlich einfachere Nummer als sonst. Glaubte ich damals. Es gab genau drei Gründe, warum ich den Auftrag angenommen hatte: Erstens schuldete ich meinem Freund nen Gefallen, zweitens dachte ich, es sei leicht und drittens stimmte die Bezahlung. Tausend Dollar Vorkasse sind nich schlecht. Und noch dreitausend bei Abschluss. Von dem Geld hätt ich mich fast schon zur Ruhe setzen können.

»Und jetzt versuchen Sie Ihr Glück in Ends?«, fragte ich nach. »Was kann ne Frau da finden?«

»Ein Leben, Mister, ein Leben«, sagte sie und wandte sich dem Fenster zu.

Ich schob den Hut über die Augen und lehnte mich zurück. »Ich war genau einmal in Ends. Dort im Staub zu hocken is kein Leben.«

Die Lady schwieg.

Plötzlich donnerte die Abteiltür auf und riss mich aus meiner Ruhe. Kostete mich echt Beherrschung, nich aufzustehen und den Arsch anzuschreien. Nur deshalb fing ich mir keine Kugel.

»Lasst die Hände, wo wir sie sehen können! Geld und Schmuck in den Beutel!«

»Das ist ein Überfall!«, ergänzte der zweite Gauner, als ob wir´s nich geschnallt hätten.

»Schlaukopf, das wissen die selbst.«

Ich schob die Hutkrempe rauf. Nur waren die Sitzlehnen zu hoch, um drüber zu schauen, weshalb ich die beiden nich sehen konnte. Den linken Daumen hakte ich in meinen Gürtel, damit mich der schwere Arm nich behinderte, dann griff ich unter den Mantel nach meinem Clark-Revolver. Der Nervenkitzel kam mir grade recht. Unbemerkt sah ich um den Sitz herum. Es waren zwei junge Kerle. Schade eigentlich, aus denen hätt was werden können. Trottel!

Ich schwang mich hoch, riss den Revolver aus dem Holster und schoss zweimal. Die Deppen bemerkten nichmal, was ihnen passierte, bevor sie mit Loch im Schädel zu Boden gingen. Die Passagiere sahen mich erschrocken an, als wollten sie nich glauben, dass ´n Mistkerl wie ich ihnen grade ihr verdammtes Leben gerettet hatte. Zugegeben, über den Anzug von nem Geschäftsmann hatten sich Blut und Hirnmasse verteilt. Konnte verstehen, dass der keinen Spaß dran hatte.

»Gut geschossen und jetzt Hände hoch und langsam umdrehen«, befahl jemand hinter mir.

Scheiße, fluchte ich in mich hinein. Die beiden waren wohl doch nich so grün, wie ich dachte. Sie hatten Rückendeckung hier im Abteil, nen Komplizen als Fahrgast getarnt. Dummerweise einen, der noch nie getötet hatte, denn sonst wäre ich schon hin. Was glaubte der, dass es leichter wurde mich über den Haufen zu ballern, wenn er mir in die Augen schaute? Langsam nahm ich die Linke vom Gürtel und hob die Hände. Daraufhin drehte ich mich gemächlich um. Der Zug schwankte unter mir, sodass ich fast das Gleichgewicht verlor. Dann sah ich ihn. Verschlissener Mantel, wettergegerbtes Gesicht und Bartstoppeln. Hätte der Vater von den toten Burschen sein können, der hätt nur anders reagiert.

»Und was willste jetzt machen?«, fragte ich. »Hast doch nich die Eier zu schießen.« Spottend richtete ich meinen linken Arm auf ihn. Das Gelenk klackte dabei und ich streckte den Zeigefinger aus.

In dem Moment knallte es rechts neben mir und der Kerl brach mit nem Loch zwischen den Augen zusammen.

»Verdammt, Miss!«, fluchte ich, als ich sah, wie die Lady ohne Gesicht ihren rauchenden Revolver senkte. Ebenfalls ´n Clark-Modell, dreiunddreißig, wenn ich mich recht erinnere. Eine Waffe, die man durch ne Laufverlängerung und Kolben mit wenigen Handgriffen zum Gewehr umbauen konnte. »Ich hatte ihn genau da, wo ich ihn haben wollte!«

»Ach was? Hatten Sie vor ihn mit einer Fingerpistole zu erschießen?«, fragte sie und schob den Revolver wieder zwischen ihren zusammengefalteten Mantel.

»Na ja, so ähnlich«, stimmte ich zu und ließ den Arm sinken.

»Hören Sie mal!«, empörte sich der feine Pinkel mit der Hirnmasse auf der Jacke. »Bei Ihrem unverantwortlichen Herumgeballer hätten Sie jemanden verletzen können.«

Ging das also wieder los. Undank, der Welten Lohn. Den Pisser ignorierend beugte ich mich über den Kerl, den die Lady ohne Gesicht erschossen hatte. Es war ´n Westmann, wie man ihn häufig sah, jedoch mit nem gewaltigen Loch in der Stirn. Sah man auch öfters.

»Beeindruckender Schuss.«

»Danke«, entgegnete die Lady. »Ich dachte, jetzt kommt ein Vortrag darüber, warum Frauen keine Waffen tragen sollten.«

»Gibt nur einen Grund, warum sie das nich machen sollten: Wenn Frauen Diebe selbst erschießen, hab ich weniger Arbeit. Wie viele Kerle ich schon über den Haufen geschossen hab, aus Rache für ne ...«

Da fiel mein Blick auf nen Lederriemen, den der Westmann sich um den Hals gebunden hatte. Ich zog dran und erwartete ... was weiß denn ich, was ich erwartete, jedenfalls nich das, was ich fand. Die Bänder schlangen sich um ein blitzendes Metallstück. Ohne jemals sowas gesehen zu haben, wusste ich, was es war. Etwas, dass vor zwanzig, dreißig Jahren viele Leute ganz verrückt gemacht hatte. Der verfluchte Grund, aus dem ich damals als Jungspund nach Ends gekommen war. Ein Stück von ner Karte, in Metall geprägt. Auf diesem Stück, wenn auch nur so groß wie zwei Daumen, gabs etliche Symbole. Vielleicht ne Schrift oder so. Lesen konnt ich´s jedenfalls nich und ich kann lesen. Bevor du fragst. Angeblich sollten die Teile unzerstörbar sein. Ich meine, hey, wenns wirklich so ne Karte gab, weißte eigentlich, was das bedeutet? Na, es musste da irgendein verdammtes Mysterium geben, das verflucht viel Geld wert war. Selbstverständlich wollt ich das Stück testen, obs wirklich so ´n Teil war. Deshalb riss ich dem Mann sein Band vom Hals und schob´s in meine Tasche. Vom Alter her könnte der Tote einer dieser Schatzjäger gewesen sein, die damals aufgebrochen waren, um das Geheimnis der Karte zu lüften.

»Was bei der Göttin und ihren Beschützern ...?«, hörte ich eine hohe Stimme hinter mir. Gleich darauf umwehte mich der heiße Wind von Trappland Ends, begleitet von eindeutigen Würgegeräuschen. Ich drehte mich um und sah nen Schaffner herzhaft aus nem Fenster kotzen. Unweigerlich musste ich grinsen.

Ends war eben nix für zarte Gemüter.

Den Teil, wo die Lady und ich dem Sheriff von Lassetown erklärten, was hier passiert war, erspar ich dir. Nur so viel: Nachdem wir berichteten, wer die drei waren und die anderen Fahrgäste unsrer Story zustimmten, war ich am Ende fünfundsiebzig Dollar reicher. Zufällig war auf die drei nämlich ´n Kopfgeld ausgesetzt. Die Dollars überließ ich der Lady ohne Gesicht. Quasi als Dank für mein gerettetes Leben. Fünfundsiebzig Dollar is mir meine Haut dann doch wert. Geldsorgen hatt ich damals ja nich.

Am Bahnsteig sah ich ne entgleiste Lokomotive, die auf der Seite lag und mächtig demoliert aussah. Anstatt sie zu reparieren, hatte man sie einfach liegen gelassen. War wohl zu teuer das Ding wieder in Schuss zu bringen. Wirtschaftlicher Totalschaden nennt man das, oder so.

»Verdammte Scheiße«, staunte ich bei dem Anblick. Die Fahrgäste drängten um mich herum ausm Zug und beachteten die Lok nich weiter.

»Dass sie immer noch hier liegt«, wunderte sich die Lady neben mir.

»Wie kommts?«, fragte ich. »Wissen Sie, was das soll?«

»Nur vom Hörensagen«, entgegnete sie. »Man erzählt sich, eine Kopfgeldjägerin habe den Zug zum Entgleisen gebracht, als sie mit Höchstgeschwindigkeit in den Bahnhof eingefahren ist. Angeblich um zu verhindern, dass der Zug ausgeraubt wird.«

Als sie die Kopfgeldjägerin erwähnte, hatte sie meine ganze Aufmerksamkeit. Ich suchte ja ne Kopfgeldjägerin und weils nur eine einzige gab - zumindest kannte ich nur die Legende von einer - musste es genau die sein. Womöglich lohnte es sich, etwas Zeit mit der Lady zu verbringen, dann brauchte ich zumindest das blöde Buch nich weiter zu lesen. Die Frau hatte was an sich, was mir nich ... nun ja, nich unangenehm war. Vielleicht war sie mir deshalb am Anfang so unheimlich. Ich mag ja keine Menschen, aber sie ...

»Normalerweise lade ich Kerle, die mir den Arsch retten, auf nen Drink ein.«

»Und eine Frau würden Sie auch einladen?«, fragte sie. Ich konnte ihr Grinsen regelrecht durch den Schleier hören.

»Jepp«, stimmte ich zu.

»Es gibt hier einen Saloon, gleich hinter dem Bahnhofsgebäude. Wenn Sie meine Tasche tragen, komme ich auf einen Schluck mit.«

Als echter Gentleman ergriff ich ihre Tasche und watschelte ihr hinterher.

»Gut, dass Sie mit leichtem Gepäck reisen«, sagte ich ironisch, denn der Koffer war scheißschwer. »Wenn Sie wirklich nach Ends wollen, empfehl ich, die Hälfte rauszuschmeißen. Oder Sie bezahlen wen, der das Zeug schleppt.«

»Es wird leichter werden. Wie jede Last, die man trägt«, antwortete sie und hielt mir die Schwingtür zum Saloon auf. Wir fanden nen Tisch im Eck und ich bestellte zwei Whiskey, woraufhin die Lady ´n Glas abgekochtes Wasser orderte. Meine Bestellung veränderte ich nich, die Whiskeys kamen schon weg.

Am Tisch und mit dem Rücken zu den anderen Gästen sitzend, nahm die Lady ihren Hut ab. Diesmal stutzte ich. Um ihr linkes Auge, bis über die Wange, war ne weiße Schale aus irgend einem Kunststoff geklebt. Von dem Ding mal abgesehen, war ihr schmales Gesicht recht hübsch und die dunklen Augen hatten was Geheimnisvolles. Halt so nen Ausdruck zwischen Seelenschmerz und brennender Hoffnung.

»Is ´n Wundverband, oder? Irgend so ´n modernes Zeug?«, fragte ich rundheraus.

»Ich schätze Ihre direkte Art. In Damcity hätte man den Wundverband nicht erwähnt und wäre nur verlegen meinen Blicken ausgewichen«, entgegnete sie. »Ja, das ist ein Verband. Ich habe mir Verbrennungen zugezogen, als mein Haus bei den Unruhen abgebrannt ist.«

In dem Moment stellte die Bedienung unsere Bestellung auf den Tisch. Als sie den Verband sah, fiel ihr das Lächeln ausm Gesicht und sie zischte ab.

»Ich bin glimpflich davongekommen«, berichtete sie weiter. »Auch wenn eine hässliche Narbe zurückbleiben wird.«

»Darauf trink ich. Glimpflich davonkommen hat mir schon häufig den Arsch gerettet.« Ich hob eines der Whiskeygläser, wir prosteten uns zu und ich stürzte den Inhalt komplett runter.

Der billige Fusel brannte bis hinunter in meinen Magen, ´n angenehmes Gefühl.

»Sie erlauben?« Ich zog ne Zigarre aus der Manteltasche und steckte sie an, ohne auf ne Antwort zu warten.

»Wenn es sich nicht vermeiden lässt«, sagte sie mit nem Stirnrunzeln.

»Da hab ich doch glatt meine gute Kinderstube vergessen«, nuschelte ich mit der Zigarre im Mund.

»Erstaunlich, ich hätte Ihnen keine gute Kinderstube zugetraut.«

Grinsend blies ich ihr den blauen Dunst ins Gesicht. Auch diese Provokation nahm sie gelassen. Heute weiß ich ungefähr, was sie alles erlebt hatte. Da war einem schroffen Kerl wie mir gegenüberzusitzen nich mehr besonders aufregend.

»Mein Name is übrigens Abraham James, aber eigentlich ruft man mich nur James, oder Drecksau.« Ich streckte ihr meine Pranke entgegen.

Als sie mir ihre Hand mit der Handfläche nach oben reichte, stutzte sie und korrigierte ihre Haltung. Von mir gibts doch keinen Handkuss.

»Alex Haning«, stellte sie sich stockend vor.

»Nun denn, Miss Haning, freut mich Sie kennenzulernen, selbst wenn ich´s unhöflich finde, sich mit falschem Namen vorzustellen.«

Ihre Wange färbte sich rosa. Ertappt. Mit der Handhaltung hatte sie mir auch verraten, dass sie aus nem vornehmen Haus kam. War mir aber schnuppe.

»Es heißt doch: In Ends wird man zu dem, was man werden will. Wenn Sie Alex Haning sein wollen ...« Ich nippte am zweiten Glas.

»Ihr Name ist hingegen so gewöhnlich wie bekannt«, gewann sie ihre Fassung zurück. »Sie sind doch der Abraham James. Ich meine, die Eisenfaust, der berühmt berüchtigte Kopfgeldjäger. Zumindest schießen sie so. Angeblich haben sie bisher jeden gefunden, den sie gejagt haben.«

»So ´n Ruf is gut fürs Geschäft«, entgegnete ich und zog die Nase hoch. Im Grunde ist´s mir nämlich scheißegal, was die Leute über mich sagen. Wenn ich auch nich der hellste Stern am Himmel bin, halte ich mich an diese eine Regel: Sprich nur über deine Erfolge. Besser die Leute halten dich für ´n eingebildeten Sack als für unfähig.

»Scheint Sie aber nich zu beeindrucken«, sagte ich. Wenn ich jemanden treffe, der meine Legende kennt, erlebe ich viel verrücktes Zeug. Jungspunde wollten sich mit mir duellieren und Frauen ein Kind von mir ... na ja, zumindest einmal hab ich so ´n Angebot bekommen. Eigentlich wäre ich drauf eingegangen, aber selbst mich ekelt´s gelegentlich. Dass jemand von meiner Legende wusste und unbeeindruckt blieb, wie Miss Haning, is mir bisher nich passiert.

»Sie sind auch nur ein Mensch. Kein Grund, in überbordende Begeisterung auszubrechen«, tat sie ab. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen.«

»Schon gut«, lächelte ich kalt und stürzte den zweiten Whiskey hinab. »Ich wollt sowieso nich über mich sprechen, sondern über die Kopfgeldjägerin. Serena, oder? Ich meine, es gibt ja nur eine und Sie haben gesagt, Sie kennen die.«

»Nur ihre Legende. Vielleicht etwas besser, als ich Ihre kenne«, entgegnete sie und lehnte sich zurück. »Was interessiert Sie?«

»Ich will sie finden.«

Miss Hanings Augen weiteten sich kaum merklich. »Warum?«, fragte sie mit hoher Stimme.

»Sie kennen die Kopfgeldjägerin also doch«, durchschaute ich sie.

»Nein, ich fürchte nur, dass Ihre Legende bei dem Versuch diese Frau zu stellen enden könnte.« Irgendwie hörte sich Miss Haning wie eine Aristokratin an. Aber so kurz vor Ends, ohne Leibwache ... noch dazu mit dieser Wunde im Gesicht. Da würde sich doch keiner vom Hochadel vor die Tür trauen. »Wenn ein Kopfgeldjäger einen anderen sucht, geht es nie gut aus. Was wollen Sie von ihr?«

»Mit ihr reden.« Ich grinste herausfordernd.

»Natürlich.« Ihre Fassade bröckelte. »Also sagen Sie schon.«

»Tatsächlich soll ich sie nur finden«, seufzte ich. »Soll rausfinden, wo sie is, wie´s ihr geht und ob sie in Sicherheit is, mehr nich. War der sentimentalste Auftrag, den ich bisher bekommen hab, aber gut bezahlt, da fragt man nich nach. Ich weiß nur so viel: Mein Auftraggeber war ´n Freund von Serenas Vater und fühlt sich jetzt verantwortlich, für ...«

»Wenn Sie versuchen, ihr ein Haar zu krümmen, dann gnade Ihnen die Göttin.«

»Wollen Sie mir drohen?«, fragte ich ernst.

»Aber nein. Wo denken sie hin?« Sie winkte ab.

»Dann bin ich beruhigt. Bei ner Frau, die schießen kann wie Sie ... würd nich riskieren, Ihnen den Rücken zuzudrehen«, erwiderte ich. »Wann hat Serena den Zug vom Gleis geworfen?«, kam ich zum Thema zurück. Das war ja schließlich der Grund, weshalb ich mit der Lady ohne Gesicht sprach.

»Das ist ziemlich genau dreieinhalb Jahre her. Wie man sagt, reiste sie zum ersten Mal nach Damcity.«

»Und was hat sie da gemacht?« Ich versuche mich immer in meine Zielpersonen reinzudenken, dann findet man sie leichter. Weiß auch mein Auftraggeber, deshalb hat er mir ja das Buch mitgegeben. Lebendige Infos sind aber besser als die wirren Ideen von nem Schreiberling.

»Man sagt, sie wollte irgendeinen Gangsterboss stellen, der seine Klauen nach Sergtown ausgestreckt hatte. So ganz genau weiß ich das nicht.« Sie schlug die Augen nieder. Da war noch mehr, sie wollt nur nich mit der Sprache rausrücken. Kam mir fast so vor, als wär sie selber ´n Teil der Geschichte. Weiter nachzubohren hätt nix gebracht, jedenfalls nich, ohne ihr nen Revolver an die Schläfe zu halten ... und dazu gabs einfach nich genug Gründe. Die Zielstrebigkeit von der Kopfgeldjägerin Serena beeindruckte mich. Sie hätt auch nur die Kontakte von dem Gangsterboss abknallen können. Wieder und wieder. Wär ihm auf Dauer zu teuer gekommen, ständig neue Kerle anzuheuern, und vielleicht hätt er aufgegeben. Stattdessen drang sie ihm wie ne Kugel direkt ins Herz, sie machte keine halben Sachen.

»Wie viel hat ihr dieser Auftrag eingebracht?«, fragte ich.

»Nichts, sie hat es getan, um eine Stadt zu beschützen«, entgegnete Miss Haning.

»Idealistin, hä?« Ich grinste sie an.

»Ein Mann wie Sie versteht das natürlich nicht.« Sie trank ihr Glas aus. »So sehr ich Ihre Gesellschaft genieße, es ist Zeit, mein Hotelzimmer aufzusuchen. Ich will mich etwas von der Zugfahrt erholen, bevor es morgen früh weitergeht.«

Ich winkte der Bedienung. »Sie wollen weiterfahren?«, fragte ich erstaunt. Ich wär jede Wette eingegangen, dass Miss Haning hierbleiben wollte. »Obwohl Sie die Geschichten kennen, schwingen Sie ihren Arsch echt nach Ends? Da ist´s die Hölle, das is Ihnen klar?«

»Ihre Sorge ist ergreifend«, tat sie ab. »Wie Sie gesehen haben, kann ich sehr wohl auf mich aufpassen. Sie hingegen sollten jemanden suchen, der Ihnen den Rücken deckt, das scheint Ihre Schwachstelle zu sein.«

»Das war deutlich«, grinste ich.

»Ich wollte Sie nicht beleidigen.«

»Ja ja, sparen Sie sich Ihr Höflichkeitsgewäsch«, winkte ich ab. »Ein ehrliches Wort is mir lieber als tausend falsche Schmeicheleien.«

»Das macht fünfundsiebzig Cent«, verlangte die Bedienung.

»Fünfundsiebzig?«, stutzte ich. »Für ´n Glas Wasser und zwei Whiskey?«

Die Bedienung sah mich unbekümmert an. »Wenn Sie nicht zahlen ...«

»Schon gut.« Ich zog meinen Geldbeutel und zählte die Cents genau ab, ganz genau, und donnerte sie auf den Tisch. »Halsabschneider«, grummelte ich, als sie das Geld einstrich.

»Monopolstellung«, meinte Miss Haning und erhob sich. »Herzlichen Dank für die Einladung«, hielt sie an dem Höflichkeitsscheiß fest.

Verdammt! Fünfundsiebzig Cent!

»Sie entschuldigen mich«, sprach die Miss und legte den Schleier wieder über ihr Gesicht.

Ich nickte zum Abschied und sah ihr nach, während sie ihre schwere Tasche durch die Schwingtür schleppte. Nachdem ich mir reichlich Mühe geben hatte, den Gastraum mit Zigarrendunst zu füllen, schwang ich mich ebenfalls hoch. Mein rechter Fuß schmerzte, wie immer, wenn ich die Prothese lange anhatte. Humpelnd lief ich zum Ausgang.

Draußen auf der gepflasterten Straße dauerte es nich lange, bis ich Miss Haning einholte. War nich meine Absicht, wir gingen nur in dieselbe Richtung.

»Wir haben wohl im selben Hotel gebucht, Eternal Rest?«, presste Miss Haning unter der Last ihres Gepäcks hervor, als sie mich bemerkte.

»Das Einzige in der Stadt. Nun geben Sie schon her«, brummte ich und nahm ihr den Koffer ab.

»Und Sie haben alles, was Sie brauchen in dem Sack«, wies sie auf mein einziges Gepäckstück. Der Beutel hing mir so leicht überm Rücken, dass ich ihn kaum bemerkte.

»Jepp.«

Abendliche Kühle umwehte uns und trieb die Menschen von den Straßen, was mich wunderte, denn eigentlich war die Frische ziemlich angenehm nach nem heißen Tag.

»Es fällt mir schwer, Sie einzuordnen«, plauderte Miss Haning. »Ich meine, was sind Sie für ein Mensch, was bewegt Sie, was treibt Sie an?«

»Geld«, entgegnete ich.

»Keine intrinsische Motivation?«, fragte sie skeptisch. Die Antwort blieb ich ihr schuldig. »Ends bietet eine große Chance, das Land zeigt einem, wer man wirklich ist.«

»Ich bin ich, mehr gibts da nich, nur ´n unsympathischer Mistsack, der sich gern mal betrinkt und raucht wie ´n Schornstein.« Zum Beweis paffte ich an der Zigarre in meinem Mundwinkel. In dem Moment sah ich auf der Straße drei Männer direkt auf uns zukommen. Kennste das Gefühl, das einem sagt: Jetzt gibts Ärger! Vielleicht lags an ihren finstren Visagen, oder an den über die Revolver zurückgeschlagenen Staubmäntel.

»Das Hotel Eternal Rest ist nur noch die Straße runter und dann rechts, so stand es jedenfalls in der Broschüre.« Miss Haning zeigte in die Richtung.

»Da rein.« Ich stieß sie in ne leere Seitenstraße. Miss Haning wollte protestieren, wie sie sagen würde, doch dann bemerkte auch sie die drei Typen. Normalerweise geh ich keinem Ärger ausm Weg. Bin ja kein Feigling, aber auch nich blöd. Stell bei jedem Spiel deine Regeln auf, dann gewinnste immer.

In der Seitenstraße ließ ich ihren Koffer fallen, drückte mich mit gezogenem Revolver an die Hauswand und schob mich an die Ecke. »Wär jetzt gut, Ihren Revolver griffbereit zu haben. Ihn zu ziehen is noch besser.«

Miss Haning zog die Waffe aus nem Holster unter ihrer Achselhöhle. Ihr Überwurf versteckte die Wumme recht gut. Niemals hätt ich bei ihr dort ne Waffe vermutet, noch dazu war die Halterung in ihre Kleidung eingenäht. So sah man nichmal nen Riemen.

Die drei Kerle ließen nich lange auf sich warten. Als sie um die Häuserecke bogen, hielt ich dem linken meine Waffe direkt an den Kopf, Miss Haning zielte auf die beiden anderen. Die dummen Gesichter der drei Deppen waren zu lustig. Überrumpelt machten sie das einzig Richtige. Sie hoben ihre Hände.

»Ihr vergesst mal schnell eure Gaunerei«, sagte ich kalt. »Noch is nix passiert, ihr könnt einfach umdrehen und abhauen, wenn ihr die Waffen hierlasst.«

»Das ist Diebstahl!«, beschwerte sich der Mittlere.

»Damit kennste dich ja aus«, entgegnete ich. »Und jetzt lasst langsam die Schießeisen rüberwachsen. Einer nach dem anderen, nur mit zwei Fingern am Kolben. Wer Mucken macht, frisst Blei. Ich hab heut schon zwei Kerle erschossen, da machen mir drei mehr nix aus.«

Der Rechte griff resignierend nach seiner Waffe.

»Langsam!«, erinnerte ich ihn.

Der Kerl zog sie vorsichtig mit zwei Fingern und reichte sie Miss Haning. Als sie nach der Waffe griff, packte er ihr Handgelenk. So schnell konnte keiner von uns schauen, wie der Kerl aufm Boden lag, Miss Haning ihm den Stiefel in den Rücken stieß und seinen Arm raufbog. Der Typ brüllte wie am Spieß.

Diese Ablenkung nutzte der Kerl neben mir und stieß mich zur Seite. Sein letzter Fehler. Ich drückte den Abzug durch und pustete ihm die Schädeldecke weg, der Kerl brach zusammen. Der Mittlere schrie den Namen des Toten. Hans, oder Richard, oder ... ach egal. Ich zielte jedenfalls mit dem blutbespritzten Revolver auf ihn. »Überleg dir genau, was du machst Bursche, sonst bekommst du auch ´n Loch in deinen Kopf.«

Mit einem Ruck drehte Miss Haning dem Kerl am Boden den Arm ausm Schultergelenk. Routiniert. Sie wendete kein bisschen zu viel Kraft auf, ganz so als hätt sie das schon ´n paar hundert Mal gemacht. Der Kerl brüllte. Danach stemmte sie ihm ihren Fuß in den Nacken und richtete die Waffe auf den letzten Scheißkerl.

»Wer hat euch geschickt?«, wollte sie von ihm wissen.

Die Frage verwirrte mich dann doch. »Was soll der Scheiß? Das sind einfach nur miese Drecksäcke, die unseren vollen Geldbeutel wollen.«

»Ja, so ist es«, stimmte mir der Gauner schnell zu. Zu schnell.

Jetzt wurde ich misstrauisch.

»Wie wärs mit der Wahrheit? Raus mit der Sprache, verdammt! Ich bin müde, also geh mir nich aufn Zeiger!«, knurrte ich.

»Wir sollten dir die Karte abnehmen«, platzte es angesichts seines toten Kumpanen und dem andren Arschloch, der am Boden winselte, aus ihm heraus.

Is wohl klar, dass es um das Teil ging, was ich dem Toten im Zug abgenommen hatte. »Kannst dich jetzt verpissen, aber dein Revolver bleibt hier.«

Miss Haning sah etwas verwirrt aus. Aber ich hatte keine Lust ihr zu erklären, was die von mir wollten. Warum sollte ich auch?

Der Kerl warf uns den Revolver vor die Füße, half seinem Komplizen, dem die Tränen runter liefen, auf und gemeinsam stolperten sie davon.

Ich schob meine Waffe zurück ins Holster, packte den Koffer von Miss Haning und humpelte in Richtung Hotel.

»Mister James, bleiben Sie hier, wir müssen auf den Sheriff warten!«, rief mir die Frau ohne Gesicht zu. »Den Schuss hat er sicher gehört.«

»Der hat Dienstschluss.«

»Was soll das denn bedeuten?«, fragte sie, als sie bei mir ankam.

»Was meinen Sie, warum sich hier keiner mehr auf den Straßen rumtreibt, obwohl die Luft nich mehr in der Lunge brennt?«

Vor uns kamen die hellerleuchteten Fenster des Hotels in Sicht, fast wie das viel beschworene Licht am Ende des Tunnels. Ich lauschte in alle Richtungen. Alles war ruhig.

»Entweder steckt der Wichser von Sheriff mit den Arschkrampen unter einer Decke oder er lässt sie einfach machen«, teilte ich ihr meine Überlegung mit.

»Und was meinte er mit der Karte?«

»Nix.«

»Hören Sie, wenn Sie mich für dumm verkaufen wollen ...«

Eigentlich hätt ich den Kerlen das Metallstück einfach geben können, nur ... das Ding faszinierte mich. Du kannst dir nich vorstellen wie sehr. Am liebsten hätt ich alles liegen gelassen, um der »Karte« auf den Grund zu gehen.

Aber nee, wo denkste hin. Ich bin ein pflichtbewusstes Arschloch. Außerdem musste ich ja erstmal die Legende prüfen. Wie man sagt, war die Karte, die einem das Geheimnis von Ends zeigt, unzerstörbar. Drauf zu schießen, wäre das einfachste gewesen. Die echte Karte, wenns die überhaupt gab, sollte es aushalten.

»Sie meinten doch nicht etwa die Karte?«, fragte Miss Haning.

»Verdammt, was meinen Sie?«, stellte ich mich blöd. Damals hielt ich mich für nen guten Lügner.

»Verkaufen Sie mich nicht für dumm, jeder kennt die Legende. Die Glücksritter sind nicht wegen des Zoletaniums nach Ends aufgebrochen, sondern weil eine Karte gefunden wurde, die, wie man sagt, aus unzerstörbarem Material besteht und angeblich von einem Schatz in Ends kündet. Alle versprachen sich unermesslichen Reichtum davon.«

»So?«, stellte ich mich weiterhin dumm.

»Wenn die Männer wirklich hinter so einem Kartenstück her waren, dann kommen die wieder.« Sie senkte die Stimme. »Dann sind Sie selbst im Hotel nicht sicher.«

»Hätt die Wichser erschießen sollen«, stöhnte ich. »Auf meine alten Tage werd ich wohl zu weichherzig.«

Miss Haning zog die Brauen hoch.

»Was schlagen Sie also vor?«, fragte ich.

»Wenn Sie nicht mit einer Kugel im Kopf aufwachen wollen, dann sollten wir ... uns zusammentun.«

Ihr Stocken verriet mir, dass sie sich wohl selbst über ihre Worte wunderte.

»Hm«, brummte ich. »Sie können einem wirklich den Rücken freihalten. Und ich hab noch nie ne Frau gesehen, die so viel Spaß dran hat, nem Kerl den Arm ausm Gelenk zu reißen.«

»Das hat mir keinen Spaß gemacht«, beschwerte sie sich.

»Klar.«

Ich erklärte die Diskussion für beendet und wir betraten das Hotel.

Der Hotelportj ... Hotelprot ... Der Bursche am Empfang vom Hotel warf uns eindeutige Blicke zu, als wir sagten wir würden die Reservierung auf ein Doppelzimmer umbuchen. Als Miss Haning auf getrennte Betten bestand, verging ihm sein Grinsen.

Nachdem wir ins Zimmer kamen und ich endlich diesen verfluchten Koffer abstellen konnte, sperrte ich die Tür ab, zog meinen Revolver und drückte ihn gegen Miss Hanings Hinterkopf, die erstarrt ihren Hut fallenließ.

»Und jetzt verdammt, erzählst du mir alles, Schätzchen, alles über die Karte und warum du dich freiwillig in Gefahr bringst. Die Wichser wollten nix von dir. Man verteidigt keinen Fremden und bietet ihm schon gar nich Hilfe an, wenn auf ihn geschossen wird.«

»Wenn Sie die Waffe runternehmen, will ich mich erklären«, bot sie an.

»Na dann«, brummte ich, nahm ihr das Schießeisen vom Kopf und humpelte zum Tisch. Schwerfällig plumpste ich auf einen der beiden Stühle.

Ach ja, das Hotelzimmer war ganz gut eingerichtet, zwei Betten, ´n Tisch, zwei Stühle, schwere Fensterläden und ´n Schrank. Fließend Wasser und ne Toilette gabs nich, aber bla bla bla. Unwichtig.

»Vielleicht machst du noch die Fensterläden zu«, schlug ich vor, während ich die Öllampe am Tisch ansteckte. »Hab keine Lust mir das Gesicht wegschießen zu lassen und nachdem deines eh ...«

Ein finsterer Blick von ihr brachte mich zum Schweigen. Sie schloss die Läden und setzte sich zu mir an den Tisch. Dabei ließ sie meinen Revolver nich ausm Auge.

»Ich wäre dankbar dafür, wenn Sie die Waffe nicht unentwegt auf mich richten würden.«

»Wenn ich nich mit der Bleispritze umgehen könnte, wäre ich nich der, der ich bin. Also keine Sorge, wenn ich Sie erschieße, war´s Absicht«, entgegnete ich, senkte aber trotzdem die Waffe. Der Lauf klopfte auf den Holztisch. »Also, was soll der Scheiß?« Jetzt wo ich darüber nachdenke, hätt ich schon im Zug skeptisch werden müssen, also so richtig.

»Ich will nach Ends, um dort ein neues Leben anzufangen und als ich Sie im Zug sah, witterte ich eine Chance«, antwortete sie.

»Wovor läufste denn weg?«, fragte ich. Auf die verdammten Höflichkeitsfloskeln hatt ich echt kein´ Bock mehr. Außerdem war sie Mitte zwanzig, das heißt, ich war fast doppelt so alt. Auch wenn sie älter wirkte, war da was in ihren Augen. Sie hatte mehr gesehen als ´n Mensch in ihrem Alter oder meinetwegen auch überhaupt jemals hätte sehen sollen. So sieht ´n Mensch aus, der nich nur alles verloren hat, sondern dem das Leben eines geliebten Menschen wie Wasser durch die Hände geflossen war. Egal was du unternimmst, du kannst es nich aufhalten. Dieser Eindruck vermischte sich mit dem eines Menschen, der sich bereits mehrfach in Todesgefahr befunden hatte. Scheißdreck, ich weiß nich, ob ich in ihrem Alter überstanden hätte, was sie durchmachen musste.

»Ich fliehe vor ... jedem«, gab sie mit ner Endgültigkeit zur Antwort, dass sich mir die Nackenhaare sträubten.

»Heißt das, die verfolgen dich?«

»Solange man mich für tot hält nicht.« Sie tippte auf den Verband in ihrem Gesicht. »Ich habe ein paar Freunde, die alles dafür tun, um mein Überleben zu vertuschen. Bisher ist es geglückt und je weiter ich von Damcity wegkomme, desto sicherer bin ich. Natürlich weiß ich, was Sie sagen wollen: Ends ist gefährlich, gerade für eine Frau, die noch dazu allein reist.«

Damals fragte ich mich nich, warum sie grade mir ihre Story auf die Nase band, ich war ja eigentlich nur ´n Fremder, der außerdem gerne mal ´n Kopfgeld kassierte. Dass sie also grade mir vertraute, hätte mich zumindest mal misstrauisch machen sollen. Hätt ich geahnt, was wirklich dahinter steckt, wär ich jedenfalls echt wütend geworden. Bin manchmal zu naiv und vermassel es, die richtigen Fragen zu stellen.

Ich hob entwaffnend die rechte Hand. »Wenn ne Frau auf sich aufpassen kann, dann du. Außerdem brauch ich echt jemanden, der mir den Rücken deckt. Du kannst dich mir anschließen, aber wenn du mich aufhältst, sind wir geschiedene Leute.«

Sie lächelte. »Keine Sorge Mister James, jemanden wie Sie würde ich erst gar nicht heiraten.«

»Unglaublich witzig«, erwiderte ich grinsend. »Wenn du mich schon beleidigst, dann lass den Mister weg. Das war ne Zeitlang lustig, aber wir kommen nach Ends, da reicht James aus.«

Wie meinste? Mehr gabs für mich nich zu klären. Sie klang ehrlich, warum also nich Partner werden? Die Karte wollte sie nich. Wär schon ´n paarmal gestorben, wenn sie mir das Teil hätte abnehmen wollen.

Ich schlug mein rechtes Hosenbein hoch, öffnete die Spannverschlüsse an der Prothese, klappte sie auf und zog sie von meinem zu kurzen Bein. Erleichtert seufzend lehnte ich mich zurück, während der komplizierte Mechanismus zu Boden polterte.

»Schau nich so dumm«, entgegnete ich auf ihren Blick. »Wir alle sind auf die ein oder andere Weise gezeichnet. Ich schon, seit man mich in diese Welt geschissen hat.«

»Entschuldigen Sie ... ich meine, Entschuldigung«, stammelte sie. »Das so etwas ... hab ich noch nie ...«

»Is gar nich so selten.« Ich kreiste mit dem Fußgelenk und wackelte mit den Zehen. Mein rechter Fuß is kleiner als der linke und der Unterschenkel viel zu kurz. Hab also eigentlich den Fuß unterm Knie. »Die Prothese is von der Firma Clark zusammengeschraubt und auf mich angepasst. Sie ergänzt, was mir fehlt.«

»Gab es da nicht ... sind Sie ... bist du dann eines dieser Kinder, die dieses Medikament ...«

»Ja genau. So ´n Medikamentenheini hat Frauen ne Schwangerschaft ohne Beschwerden versprochen, wenn sie ´n Schlangengift futtern. Alle Kinder aus dem Jahr sind Krüppel. Die meisten hat man in den Fluss geschmissen. Meine Mutter dagegen hat mich behalten, zumindest ne Weile.«

Ich schlug meinen Staubmantel etwas umständlich zurück. »Aber wenn dir da schon die Augen rausfallen, wirste hier Bauklötze staunen.« Nachdem ich den Mantel und mein Hemd losgeworden war, öffnete ich den Gurt, der um meinen Oberkörper lag. Mit meiner viel zu klein geratenen Hand ließ ich den Mechanismus im Inneren der Prothese los und legte den Metallarm vor ihr auf den Tisch. Das Ellenbogengelenk erschlafft, wenn ich die Prothese nich mehr mit der Hand halte, die direkt aus meinem Oberarm wächst.

»Ein Arm aus Eisen«, staunte sie. »Und trotzdem bist du einer der berühmtesten Kopfgeldjäger in Trappland.«

»Nicht trotzdem. Deswegen!«, knurrte ich. »Wenn wir gemeinsam auf die Reise gehen, dann musste das wissen. Nich anfassen!«

Sie zog ihre Finger zurück.

»Nich, dass er losgeht.«

»Losgeht? Wie eine Waffe?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Das Ding ist ne Waffe. Die Firma Clark hat Spaß an Verrücktheiten. Dadrin sind verschiedene Funktionen. Ein Springmesser, sieben Gewehrschüsse, ne Zuschlag-Mechanik und ´n Enterhaken an nem Stahlseil. Den hab ich aber noch nie gebraucht.«

Neugierig schaute sie die Prothese an. Im Grunde ist´s ´n ganzer Arm, mit Schulterblatt.

»Und das steuerst du alles mit diesen Fingerösen und den Hebeln da drin?« Sie zeigte auf die Öffnung für meinen Armstummel.

»Jepp«, stimmte ich zu, rutschte geräuschvoll mit dem Stuhl zu einem der Betten und warf mich hinein. »Du hast die erste Wache.«

»Was, wieso ich?«

»Ich hab nur einen Arm und ein Bein, wie soll ich Wache halten?«, fragte ich ironisch und schloss die Augen. »Weck mich um Mitternacht. Gerne auch später.«

Damals wusste ich nich zu hundert Prozent, ob mein Vertrauen in sie gerechtfertigt war. Wenn ich als Toter aufgewacht wär, hätte mich meine Menschenkenntnis echt im Stich gelassen.

2.

Der verschissene Schnösel

Ich wurde von knarrenden Dielen geweckt, erst dann spürte ich Wärme im Gesicht. Die Sonne schien zum Fenster rein. Als ich die Augen aufschlug, wurde ich mit nem Anblick belohnt, auf den die verfluchte Göttin neidisch gewesen wär. Ein nackter Frauenrücken! Ohne unnötiges Fett. Bei manchen Frauen hängt da so überschüssiges Zeug rum. Was denn? Nicht politisch korrekt? Hör mir auf, verdammt! Wenn man Schönheit nich mehr genießen kann, was nutzt dann Korrektheit. Jedenfalls war dieser Rücken makellos, von ner langen Narbe mal abgesehen. Schlanke Muskeln spielten unter der Haut, als sich Alex ein kariertes Hemd überwarf. Sie steckte schon in einer ledernen Hose und trug Reiterstiefel wie ´n Kerl. Alex trat ans Fenster und blickte hinaus. Natürlich war mir zu dieser Zeit schon klar, dass sie nich Alex hieß. Den Namen hat sie sich nur gegeben, weil er auch zu nem Mann passt. Wie ´n Mann auszusehen, war eindeutig ihre Absicht. Was für ne Schande. In den ausladenden Hosen und dem weiten Hemd verschwand ihr Frausein sofort. Als sie sich zu mir umdrehte, wurde aber deutlich, dass sie nicht alles verbergen konnte. Ihre Augen waren zu weiblich, die Wimpern zu lang, die Brauen elegant geschwungen. Selbst mit nem Staubtuch vor dem Mund würde man sie als Frau erkennen. Da konnte höchstens die Schutzbrille Abhilfe schaffen. Wie bei jedem Westmann in Ends baumelte so eine um ihren Hals. Mit den dunklen Gläsern sah man aber nur in der grellen Mittagssonne, ansonsten taugte das Teil zu nix. Jepp, richtig, den Verband hatte sie abgezogen und die Narbe darunter war nich schön.

Du willst es aber genau wissen! Es war halt so, als hätt sie nen Schluck Säure in die Fr- ... ins Gesicht bekommen. Tiefe Furchen mit ausgefransten Rändern.

»Was starrst du mich so an?«, fragte sie und ein Hauch Rosa schlich auf ihre Wangen.

»Hab mich nur gefragt, ob die ganzen Klamotten im Koffer waren und warum du die nich gleich angezogen hast, dann wär mir die verfluchte Schlepperei erspart geblieben.« Ich griff nach meinem linken Arm, schlüpfte hinein und schnallte ihn fest. Die Mechanik war nich unbedingt ... wie nennt man das? Ich konnt´ damit jedenfalls keine Stricknadel halten. Aber um in mein Bein zu kommen war die mechanische Hand hilfreich.

»Ich dachte, ich sollte mich angemessen kleiden, für die Zugfahrt hierher und für die Weiterfahrt«, antwortete sie. »Keine Sorge, das Kleid lasse ich hier.«

»Is gefährlich, wenn du mir nich sagst, vor wem du davonrennst.« Ich schwang mich an die Bettkante, zog mein mechanisches Bein ran, stieg hinein und zurrte die Gurte fest.

»Ich hatte den ganzen Morgen die Straße im Blick«, wich sie aus. »Die Gasse, in der wir überfallen wurden, kann ich zwar nicht einsehen, aber die Straße, die dort hinein mündet. Ich habe den Sheriff gesehen. Er und der Leichengräber haben den Toten abgeholt. Dann ist er wieder in seinem Büro verschwunden. So als hätte er nur Blätter von der Straße gefegt.«

»Dacht ich mir, dass mit dem Saukerl was nich stimmt. Würd drauf wetten, dass der Wichser mit denen unter einer Decke steckt. Wir müssen hier weg.«

»Der Zug nach Trappland Ends fährt in einer Stunde. Er steht auf dem Gleis bereit.« Alex wies zum Fenster.

»Sind schon Menschen auf der Straße?«, fragte ich, während ich meinen Stiefel anzog.

»Die Stadt erwacht langsam zum Leben«, gab sie zur Antwort.

»Was soll´n das heißen?« Ich schwang mich hoch und stampfte ´n paarmal auf. Mach ich immer, um mein Gleichgewicht zu finden und zu sehen, ob die Prothese nich irgendwo drückt, wo sie nich soll.

»Ich meine: Ja, da sind einige Menschen«, erklärte sie.

»Gut, erspar mir dieses verschwurbelte Gewäsch, so redet doch keiner. Die Stadt erwacht zum Leben«, äffte ich sie nach.

Alex zog ihre Brauen hoch. »Du nimmst wohl selten ein Buch in die Hand.«

»Stimmt, nur wenn mir kalt und das Feuerholz alle is.«

Alex seufzte schicksalsergeben.

Ein unsympathischer Sack war ich schon immer, aber wahrscheinlich hab ich mich damals so verhalten, um sie loszuwerden. War wohl etwas hin- und hergerissen. Zum einen war sie hilfreich, zum anderen wollte ich mir nich den Tod von ner jungen Frau ans Bein heften. Um mich in sie zu verlieben, is mein Herz zu kalt und zu alt. Um ich die Nächte an ihr warm zu halten - du verstehst schon - dazu war sie zu selbstbewusst. Also was sollte ich mit ihr?

Ja stimmt. Schießen, das konnte sie. Rückendeckung, dazu war sie gut. Trotzdem nahm ich mir vor, mich lieber früher als später von ihr abzusetzen.

Jedenfalls frühstückten wir schnell. Ich erinnere mich nicht, was es war. Aber es hat fast neunzig Cent pro Person gekostet. Was war nur mit dieser verfluchten Stadt los?

Im Schutz der Leute auf der Straße - Passanten, meinetwegen - gingen wir zum Zug.

Selbst wenn der Sheriff wirklich zu den Kerlen gehörte, die uns am Abend überfallen hatten, würde er uns hier nich querkommen. Kommt nich gut, ´n Sheriff, der grundlos auf offener Straße herumballert ... Verstehste? Außerdem suchten sie, wenn überhaupt, nach nem Kerl und ner Frau. Zumindest von hinten sahen wir wie zwei Kerle aus, wenn auch einer davon auffällig schmale Schultern hatte. Alex trug nen Staubmantel und nen Hut, unter den sie ihre Haare zusammengeknotet hatte. Nur an unseren sauberen Trenchcoats sah man, dass wir nicht aus Ends kamen, sondern dorthin wollten.

Am Bahnhofsschalter kauften wir Tickets für ´n gemeinsames Abteil. Also eigentlich kaufte sie die Dinger. Ich hatte da nur nen Streit mit dem scheiß Schalterbeamten über die Preise angefangen. So ´n verfickt kleines Abteil darf einfach keine zwei ganze Dollar kosten. Selbst wenn es zwei Stockbetten und nen Tisch mit Stühlen dadrin gibt. Sogar die Tür war abschließbar. Die Stühle waren aber ziemlich unbequem. Ich will´s nur gesagt haben. Mit einem der Sitzmöbel rückte ich ans Fenster und behielt den Bahnsteig im Auge. Es stiegen nur noch ´n paar Leute ein. Auf dem Weg in den Zug hatten wir schon viele gefüllte Abteile gesehen. Da bemerkte ich ne Gruppe von fünf windigen Westmännern, die, als wär ´n Teufel hinter ihnen her, in den Zug sprangen. Man erkennt den Zustand der Seele von nem Menschen immer an seinem Aussehen und diese fünf Seelen würde jedenfalls jeder verfluchte Priester aufgeben. Verdreckt, zerlumpt, außerdem stanken sie nach Schweiß, Müll und Pisse. Woher ich das weiß? Wart´s ab.

»Kann ich sie sehen?«, fragte Alex.

»Was meinste?«

»Na die Karte.«

Ich zog das Metallstück am Lederriemen aus meiner Hose, fummelte den Knoten an meinem Gürtel auf, mit dem ich´s festgebunden hatte und schobs ihr übern Tisch. Bisher hatte sie´s mir nicht gestohlen, da würde sie es jetzt auch nich machen. Ich überlegte echt, ob ich ihr vertrauen sollte. Ich meine, ich atmete schließlich noch.

Draußen plärrte der Schaffner, sein Gebrüll ging aber im Pfeifen der Lokomotive unter. Daraufhin setzte sich der Zug gemächlich in Bewegung.

»Erstaunlich.« Sie wendete das Metallstück in ihren schlanken Fingern.

Ich brummte nur, was sie wohl als Frage verstand.

»Das Stück ist offensichtlich aus einer Metallplatte herausgetrennt worden. Aber wenn man Metall schneidet, bleibt immer eine scharfe oder gebogene Seite. Das Stück hat nichts davon, keine Spuren von irgendeiner Bearbeitung. Das verwundert mich, denn in der Legende von Ends heißt es, diese Karte bestünde aus einem unzerstörbaren Metall und dennoch ist es auseinandergebrochen.«

»Nix is unzerstörbar.«

»Scheint so«, stimmte sie zu. »Woher wussten sie, dass du die Karte bei dir hast?«