Verlag: Der Kleine Buch Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Die Legendenreiter - Anabel Elsner von Arnim

Die siebzehnjährige Emily Schiffer erfährt, dass sie dazu bestimmt ist, ein Legendenreiter zu sein. Ein geheimer Orden bewacht und hütet die flüsternden, wachen und gefährlichen Legenden, geboren aus dem Urknall. Ein spannendes, abenteuerliches Leben beginnt für Emily. Nicht einfacher wird es, als sie herausfindet, dass Mortimer Brentano, der Junge ihrer Träume, ebenfalls ein Legendenreiter ist … Die Mission "Joker" setzt ein, und damit das gefährlichste Leben, das man als Legendenreiter haben kann. Doch plötzlich läuft einiges schief und es stellt sich die Frage, auf welche Seite der Meister der Legendenreiter, Octavius, wirklich gehört ... Altersempfehlung: ab 12 Jahren

Meinungen über das E-Book Die Legendenreiter - Anabel Elsner von Arnim

E-Book-Leseprobe Die Legendenreiter - Anabel Elsner von Arnim

DAS BUCH

Mit dem Urknall ist nicht nur die Erde entstanden, sondern auch unendlich viele Legenden. Gefährliche Legenden, vor denen die Welt geschützt werden muss. Ein geheimer Orden – zusammengesetzt aus neun Mitgliedern, die dabei ihr Leben aufs Spiel setzen – hütet die flüsternden und wachen Legenden.

Völlig überraschend erfährt das siebzehnjährige Mädchen Emily eines Tages, dass sie, wie auch schon ihr Großvater, auserkoren ist, ein Legendenreiter zu sein und unter dem Zeichen des Wildpferdes den Beginn einer neuen Generation darstellt. Noch acht weitere Personen teilen dieses Schicksal, die Emily schnell finden muss, denn während eines Generationswechsels sind die Legenden unbewacht und stellen eine große Gefahr für die Menschheit dar. Schon bald beginnt die Mission Joker und damit das gefährlichste Leben, das man als Legendenreiter haben kann. Nicht einfacher wird es, als Emily sich in den attraktiven Legendenreiter Mortimer verliebt. Eigenartige Dinge geschehen und plötzlich ist alles anders als es jemals war …

DIE AUTORIN

Anabel Elsner von Arnim lebte bis zu ihrem vierten Lebensjahr in Bolivien, bevor sie und ihre Familie wieder nach Karlsruhe, in die Heimatstadt ihrer Mutter, zogen, wo sie 2014 ihr Abitur ablegte. Als begeisterte Filmerin studiert sie Angewandte Medien und Kommunikationswissenschaften an der Technischen Universität Ilmenau. Gemeinsam mit ihrer Schwester dreht Anabel Elsner von Arnim Kurzfilme und Werbespots, die sie als »Twinsister Production« über Facebook und Youtube unter die Leute bringen.

ANABEL ELSNER VON ARNIM

DIELEGENDENREITER

Beginn einer neuen Generation

ROMAN

DER KLEINE BUCH VERLAG

 

 

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

© 2015 Der Kleine Buch Verlag, KarlsruheProjektmanagement & Lektorat: Julia PrusKorrektorat: Tatjana WeißSatz & Layout: Beatrice HildebrandUmschlaggestaltung: Manuela Wirtz, www.manuwirtz.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

ISBN: 978-3-7650-2123-7

Dieser Titel ist auch als Printausgabe erschienen:ISBN: 978-3-7650-9102-5

www.derkleinebuchverlag.dewww.facebook.com/DerKleineBuchVerlag

Für Bettina und Felipe

Quidquid agis prudenter agas et respice finem.

Alles was du tust, tue es klug und bedenke das Ende.

ERSTER TEIL

GEHEIMNISSE,GEHEIMNISSE

1. Kapitel

Mit jedem Tag, an dem du aus deinen Träumen erwachst, erwacht eine uralte Legende. Sie springt aus den Fesseln ihrer Zeit und versucht die Welt zu verändern.

Panisch fuhr ich aus meinen Federkissen. Mein Herz raste wild, meine Eingeweide krampften sich bei dem Gekreische zusammen. Mein Gehirn schaltete zu langsam und ich bekam Kopfschmerzen von dem Pochen in meiner Schläfe. Ich war noch nicht bereit. Noch nicht bereit um aufzustehen. Ich spürte, wie die letzten Bilder meines Traumes verblassten und sich dann ganz verflüchtigten. Wie ein dünner Faden riss mein Traum und ich konnte es nicht aufhalten. Es war ein schöner Traum gewesen, das wusste ich noch. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, doch das erbarmungslose Klingeln meines Weckers machte es schier unmöglich. Er schrie und tobte und wollte einfach nicht aufhören. Notgedrungen rappelte ich mich aus meinem Bett und krallte mir die Bestie. Mit wachsender Wut ging ich daran, das Schellen auszuschalten, was sich mal wieder als unmöglich entpuppte. Das Problem war nämlich, dass mein Wecker sehr demoliert war, da ich ihn fast jeden Morgen gegen die Zimmerwand warf. Daher die tausend Dellen, daher das Klingeln, das wie ein sterbender Schwan klang, und daher der Knopf, der nicht mehr funktionierte. Ich holte aus und warf ihn gegen die Wand. Es klirrte und schepperte – mit einem erstickten Klingeln kehrte endlich Ruhe ein.

Einen Moment lang schloss ich die Augen und suchte im Irrgarten meines Traumes nach einer bestimmten Szene. Ich hatte meinen Großvater gesehen, daran konnte ich mich noch erinnern. Doch da war noch etwas anderes gewesen, etwas das ich schon einmal gesehen hatte, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Das stotternde Ticken meines Weckers brachte meine Gedanken durcheinander und ich öffnete die Augen. Mein Traum war fort. Der anbrechende Tag hatte ihn endgültig vertrieben.

Seufzend ließ ich meinen Blick zur zerstörten Uhr wandern. Sie war tot, genau wie mein Traum. Das fand ich nur gerecht. Die Federn und das Uhrwerk waren aus dem Gehäuse gesprungen und konnten die Zeit nicht mehr in Stunden, Minuten und Sekunden zerstückeln. Ich lächelte zufrieden und hob ihre Überreste auf. Sie hatte um Viertel vor sieben aufgehört, mich zum Aufstehen zu ermahnen und ich konnte meinen Tag zeitlos beginnen. Zeitlos war hier allerdings nur relativ zu betrachten. Denn obwohl mein Wecker jetzt nicht mehr war, so gab es immer noch drei andere. Sie hatten sogar Namen: Lorena, Felix und Jacky. Jacky war unser kleiner, wuseliger Hund. Ich beschloss mich nochmal kurz hinzulegen, denn dank meiner vorzüglichen Vorbeugung hatte ich noch etwas Zeit. Alle Uhren in diesem Haus gingen nämlich fünf Minuten vor. Das hatte ich in einer unserer albernen Familienratssitzungen eingeführt und seitdem war die Familie Schiffer der Zeit immer ein kleines bisschen voraus. Ich spürte, wie mich der Schlaf wieder in seine lieblichen Fittiche ziehen wollte und gewährte ihm diese Einladung. Es ging schließlich nur um fünf Minuten ...

Nur fünf Minu...

Ich schlief ein. Traum- und zeitlos schlief ich friedlich, ohne das Bewusstsein zu haben, in wenigen Minuten von einem tyrannischen Zeitmesser geweckt zu werden. Doch auch das war ein Fehler, denn hatte ich schon erwähnt, dass eine Schwester mindestens genauso schlimm sein konnte?

»Aufstehen!«, trällerte Lorena und zog mir die Decke vom Leib. Zwei mandelförmige, braune Augen funkelten mich vergnügt an. Ich blinzelte verstört und gähnte laut.

»Beeil dich. Sonst kommst du wieder zu spät«, zwitscherte sie. Mit ihrer guten Laune konnte sie mich nicht anstecken – im Gegenteil!

»Emilyyyy, das Haus brennt!!!«, brüllte mein Bruder und kam in mein Zimmer gestürzt.

»Sie ist schon wach. Ich war zuerst«, hörte ich Lorena sagen. Raus, dachte ich genervt. Das waren meine beiden Spezialwecker. Sie führten so eine Art geheimen Wettkampf aus, bei dem es galt, mich auf die originellste Weise aus dem Bett zu kriegen. Felix führte bisher, da er einmal auf die grandiose Idee gekommen war, den Duschschlauch so zu verlängern, dass er bis zu meinem Zimmer reichte. Papa war stinksauer und ich eine Woche lang krank gewesen!

»Emily, kannst du nochmal einschlafen, damit ich dein Bett anzünden kann?«, fragte Felix und tat dabei ganz lieb.

»Raus!«, sagte ich nun laut und er hüpfte kichernd davon. Manchmal versuchte ich zu verstehen, wie Felix auf so bekloppte Ideen kommen konnte, doch es gelang mir nie. Wenn er doch nur mal in der Schule so kreativ wäre ...

»Darf ich mir deine Wimperntusche borgen?«, fragte mich Lorena.

»Nein.«

Sie nahm sie trotzdem. Klar, bei uns herrschte Kommunismus. Sie nannte es »Zwillingskommunismus«. Ich schaute ihr dabei zu, wie sie ihre langen schwarzen Wimpern tuschte und einen sanften Rotton auf ihre Lippen auftrug.

»Rot oder Blau?«, fragte sie mich und hielt mir zwei Blusen vor die Nase. Ich entschied mich für Blau, da ich heute Rot tragen wollte. Ihre glatten und doch voluminösen Haare fielen ihr wie eine Löwenmähne auf den Rücken. Sie flocht sich einen lockeren Zopf, der ihr fast bis zu den Hüften reichte. Meine Haare waren ein wenig kürzer und ich hatte im Gegensatz zu ihr große Locken, die sich wie Wellen aus dem Meer erhoben. Aber abgesehen davon waren meine Haare ein einziger Kampf. Meine Mutter hatte mir früher, als ich ein kleines Kind war, immer einen festen Bauernzopf gebunden, da ich beim Herumtoben und im Dreck spielen immer meine Locken durcheinanderbrachte und Großvater Hans nie wollte, das mir Mum die Locken abschnitt. Als ich sechs war, hat mir mein Sandkastenfreund die Last genommen und es einfach gemacht. Ich glaube, meine Mutter hat drei Tage durchgeweint.

»Emily?! Der Bus fährt in zehn Minuten und du sitzt immer noch im Pyjama rum«, riss mich Lorena aus meinen unbeschwerten Gedanken. Sie sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und erinnerte mich daran, dass ich heute noch Schule habe.

»Man sieht sich dann«, meinte sie und ging.

»Lorena! Warte ...«, ich stolperte aus meinem Bett und hechtete ihr nach.

Patsch. Die Tür fiel ins Schloss. Zu spät. Ich seufzte schwer und machte mich in Rekordzeit fertig. Das Wasser war eiskalt und spülte die letzte Müdigkeit aus meinen Knochen. Während ich mir noch die rote Bluse zuknöpfte, raste ich schon in die Küche und kippte mir ein Glas Orangensaft hinunter, den ich allerdings eher mehr als weniger verschüttete. Also riss ich mir die rote Bluse wieder vom Leib und zog irgendetwas anderes aus dem Kleiderschrank über. Dabei putzte ich mir die Zähne. Zeitrationalisierung war eine Fähigkeit, die in der Familie Schiffer lebensnotwendig war und beherrscht werden musste.

Ich überlegte kurz, ob ich einfach den nächsten Bus nehmen sollte, aber mein schlechtes Gewissen siegte und ich sagte mir, dass der Bus bestimmt noch auf mich warten würde. Vielleicht war meine Schwester auch wieder so nett und kaufte beim Busfahrer eine Fahrkarte, um mir etwas Zeit zu verschaffen. Das machte sie manchmal, wenn sie gerade sehr guter Laune war. Aus diesem Grund hatten wir mittlerweile 35 unbenutzte Einzelfahrkarten.

Ich hetzte die Treppen hinunter, zog mir meine Schuhe an und warf mir eine leichte Jacke über. Bevor ich das Haus verließ, stolperte ich über Jacky und bemerkte, dass ich zwei unterschiedliche Socken trug. Egal. Ich durfte jetzt nicht den Bus verpassen.

Ich verpasste ihn doch.

Und ich kam zu spät zum Chemieunterricht.

Und bekam einen Eintrag in das Klassenbuch.

Und einen Fehltag.

Meine Sitznachbarin tätschelte mir beherzt den Arm, und ich dachte mal wieder über den Sinn des Chemieunterrichts nach.

Die Schule, die meine Schwester und ich besuchten, war sehr alt und alles, was einigermaßen »neu« aussah, kam aus dem Jahr 1950. Wir gingen in unterschiedliche Klassen, weil wir nach zehn Schuljahren in einer Klasse die Nase voll davon hatten, beziehungsweise unsere Lehrer, da wir sie bis über die Pubertät hinaus an der Nase herumgeführt hatten. Jetzt war das aber anders. Wir machten keine albernen Streiche mehr oder tauschten die Klassenarbeiten. Wir hatten die Hanni-und-Nanni-Phase endgültig überwunden.

Ich versuchte, dem Geschwafel meines Chemielehrers so gut es ging zu folgen, doch es gelang mir nicht. Chemie war für mich etwas Ungenießbares. Etwas, das man wohl einfach über sich ergehen lassen musste – wie die Sicherheitsbelehrungen in einem Flugzeug. Ich blickte durch die großen Fenster und beobachtete den sanften Tanz der dunkelgrünen Blätter. Man spürte schon, wie die Natur vom Sommer träge wurde und die Bäume langsam ihr grünes Gewand gegen ein buntes wechselten. Der Wind wurde kälter und ließ den kommenden Winter ahnen. Berlin im Herbst liebte ich über alles. Ich vergaß mich in Erinnerung an meine Kindheit. Früher, als Lorena und ich gerade einmal Dreikäsehoch waren, ging Großvater Hans immer mit uns in den Park Drachen steigen lassen. Wir hatten den ganzen Sommer über in der Werkstatt gebastelt, geklebt und gesägt und zum Schluss fratzige Gesichter auf den herben, leicht nach verfaulten Eiern riechenden Stoff gemalt. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich meinem Drachen eine große eckige Brille gemalt hatte und dann sagte, dass das Onkel Nils sei. Den Drachen gab es immer noch. Er hing bei Großvater Hans im Haus. Ich lächelte. Ich hatte eine schöne Kindheit gehabt. Mein Blick verfing sich in den schaukelnden Kronen der Bäume und verfolgte die Blätter, die sich von ihren Ästen lösten.

»Emily, du bist mal wieder so still«, mein Chemielehrer schreckte mich aus meinen Gedanken und riss mich zurück in die Wirklichkeit. Er stand direkt vor mir. Wenn er nicht mein Lehrer gewesen wäre, hätte ich ihn noch nicht einmal bemerkt, so unscheinbar war er. Blass, kahl und gleichgültig.

Na los, fragen Sie mich etwas. Egal was. Ich kann es sowieso nicht beantworten!, dachte ich und wünschte mir, dass es jetzt zur Pause läuten würde. Tat es natürlich nicht. Dafür fragte er mich, was der Unterschied zwischen dem Pauli-Prinzip und der Hundschen Regel sei. Ich überlegte, oder versuchte wenigstens, so auszusehen, als ob ich das täte. Ich wusste es nicht. Er brach mein Schweigen, indem er zurück an die Tafel ging. Selbstverständlich sagte er noch etwas über meine mangelnde Mitarbeit, bevor die Unterrichtsstunde drei Minuten später beendet war.

Es vergingen noch zwei quälende Stunden, bis uns der Gong endlich erlöste und in die große Pause entließ. Auf dem Weg zurück in mein Klassenzimmer begegnete ich kurz meiner Schwester, die sich angeregt mit ihrer besten Freundin unterhielt. Lorena gab sich große Mühe, sie und deren Fast-Freund zusammenzubringen. Ich hatte es bisher nur bis zum Beinahe-Freund gebracht.

Gerade als ich einen Klassenkameraden fragen wollte, was nun als Nächstes anstand, rief eine viel zu schöne Stimme meinen Namen. Ich wirbelte herum und verlor dabei ein paar lose Blätter, die in meinem Collegeblock gelegen hatten. Hastig sammelte ich meinen Papiersalat auf, als er direkt vor mir stand: Mortimer. Mortimer Brentano.

Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer und ich startete einen Versuch, meine Kleidung unbeobachtet in Ordnung zu bringen und wie es jedes Mädchen in so einer Situation getan hätte, strich ich mir über meine zerzausten Haare. Ich wusste nicht, woher das kam, aber das machen Mädchen eben. Ein unwiderruflicher Reflex, der sich mit der Pubertät auszubilden begann. Grauenhaft!

Der Junge meiner Träume sah mir tief in die Augen, nahm meine Hand, beugte sich zu mir runter und küsste mich zärtlich auf die Lippen ... Tja ... Schön wär’s gewesen. Leider war das nur einer meiner romantischen Wünsche. Aber das mit der Junge meiner Träume stimmte.

»Hey«, sagte er und schenkte mir ein fröhliches Lächeln. Es fühlte sich genauso wundervoll an, wie wenn ich ein teures, nobles Shoppingcenter mit dem Gedanken betrat, gleich frische, blitzend neue Tüten in den Händen zu halten, gefüllt mit neuen Klamotten. Sogar noch besser. Aufregender.

»Hallo«, sagte ich und sah ihn ohne Verlegenheit oder typischen Was-soll-ich-sagen-Blick an. Es hatte sowieso keinen Sinn, sich Hoffnung zu machen. Er gehörte zur Sorte Träum-weiter-Freund.

»Wegen der SMV ...«, begann er und hiermit auch die Erklärung, wieso ein so beliebter, furchtbar netter und gut aussehender junger Mann zu mir kam. Wir beide arbeiteten in der SMV mit dem kleinen Unterschied, dass Mortimer Schülersprecher war und ich eben nur Klassensprecherin der 11B. Geschäftig reichte er mir einen Stapel Unterlagen und krakelte noch irgendetwas auf die Rückseite eines bedruckten Schreibstücks.

»Das hier sind die Klassenlisten der Stufe 11«, erklärte er mir. Ich nickte geschäftstüchtig. »Die Daten müssen von den jeweiligen Schülern nach Druckfehlern überprüft werden und spätestens am nächsten Mittwoch wieder in deinen Händen liegen, okay?«

»Klar«, ich blätterte die Klassenlisten durch und verstaute sie in meiner Tasche. Viel falsch zu machen war daran ja nicht. Mit einer raschen Handbewegung verabschiedete Mortimer sich von mir und war so schnell wieder weg, wie er aufgetaucht war. Verschluckt von einem Rudel Mädchen, das ihm kichernd hinterherhechelte.

2. Kapitel

Jeder Schritt hinterlässt einen Weg und jede Falte im Gesicht zeugt vom Leben. Das sind Spuren, die im Herzen eine Geschichte schreiben.

Noch in letzter Sekunde huschten Lorena und ich in die Straßenbahn, bevor die Türen zugingen. Wir suchten uns einen freien Platz und legten unsere schweren Taschen ab. Eine Zeit lang beobachteten wir nur die vorüberziehende Landschaft und hingen unseren Gedanken nach. Lorena war diejenige, die das Schweigen brach.

»Wie war dein Schultag?«, fragte sie mich.

Ich zuckte die Schultern. »Nicht außergewöhnlich.«

Sie seufzte. »Bei mir auch nicht.« Damit war unsere Unterhaltung auch schon beendet. Davongeweht wie von einem leichten Wind.

Nach drei Stationen stieg Felix ein. Zielstrebig steuerte er auf uns zu und warf seinen Schulranzen auf meine Füße.

»Tag, Mädels! Wir essen heute bei Großvater Hans, wisst ihr das schon?«, fragte er dynamisch und fuhr sich durch sein dichtes blondes Haar. Ich nickte, meine Schwester schüttelte den Kopf.

»Warum?«, fragte sie überrascht. »Ist Mum nicht da?«

Felix schüttelte den Kopf. »Sie hat noch in der Uni zu tun. Moment, ich lese dir die SMS vor«, er kramte in seiner Hosentasche und brachte sein Smartphone zum Vorschein.

»Hallo Spätze! Ich habe noch eine Vorlesung zu halten. Mittagessen gibt es bei Großvater Hans im Animalisbau. Küsschen«, las Felix eifrig vor und sah uns dann schulterzuckend an. Tja, Mum eben. Lorena und ich hatten ihr zu Weihnachten einen Terminkalender geschenkt, aber der hatte nur drei Tage überlebt.

»Na, das kann ja dann wieder sehr heiter werden«, sagte Lorena vielversprechend. Ich nickte verzögert. Ja, die Besuche bei Großvater Hans waren immer verrückt. Besonders, wenn seine ganze Clique da war. Felix schien genau dasselbe zu denken, denn er blickte in Gedanken nach draußen. Ich kannte niemanden, der so eine Klarheit und Schärfe in den Augen hatte wie mein Bruder. Manchmal glaubte ich, dass er weit aus mehr sehen konnte als andere.

Die Straßenbahntussnelda meldete unsere Haltestelle und wir stiegen aus. Großvater Hans wohnte nicht weit von uns entfernt, nur fünf Straßen weiter. Zu Fuß brauchte man ungefähr fünfzehn Minuten, mit dem Fahrrad fünf. Wir bogen in die Straße ein, in der unser Großvater ein riesengroßes Haus bewohnte und wo überall protzige Autos in den Einfahrten der Villen glänzten. Außer bei Großvater Hans. Da stand ein kleiner grüner Trabi, noch aus der Zeit der DDR, und freute sich seines Seins. Seine Villa war sehr alt. Schon mein Urururgroßvater Gildiard Schiffer hatte hier residiert. Das Schönste an ihr waren die Muster und Skulpturen an den Hauswänden. Überall, wo man hinsah, traten Blumenranken und freche Fratzen aus dem Stein, geheimnisvolle Tiere und Zeichen und seltsame Buchstaben und Runen. In jedem Winkel verbarg sich ein anderes Abenteuer. Ich erinnerte mich noch daran, wie Lorena und ich den großen, schäbigen Speicher entdeckt hatten und in der hintersten Ecke eine alte Ritterrüstung fanden. Überall standen große Kisten mit alten, modrig riechenden und durchlöcherten Kleidern, zerfressen von Motten und anderen Insekten. Seit der großartigen Entdeckung des Speichers durch zwei kleine Mädchen im Alter von sechs Jahren, war er eine Räuberhöhle für erbarmungslose Diebe geworden. Großvater Hans hatten wir zum Haupträuber ernannt, und in unserer Fantasie waren wir zu gefährlichen Streifzügen durch den finsteren Wald geschlichen. Ich musste grinsen. Als unser Bruder dann kein langweiliges Baby mehr war, hatten Lorena und ich ihn gekidnappt, in unserer Räuberhöhle versteckt und ihn als Tauschware gegen Gold benutzt. Großvater Hans war für solche Spiele immer zu haben. Wo waren wir nicht schon mit ihm gewesen: auf Drachenjagd, im Elfenland, bei den Indianern, überall, wohin uns die Schnellstraße unserer Fantasie gebracht hatte.

Felix öffnete das rosenumrankte Tor und ließ uns den Vortritt. Manieren waren in unserer Familie schon immer sehr geschätzt worden. Besonders als Oma Sofia noch gelebt hat. Sie war eine richtige Gräfin gewesen. Zwei stolze alte Eichen hießen uns wie Könige willkommen, als wir dem steinigen Pfad zu Großvaters Haus folgten. Um zu klingeln, drückte ich auf den rostigen Messingknopf und wartete. An der Pforte oberhalb der Tür stand in alten goldenen Lettern: Animalisbau.

Mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen öffnete Großvater Hans uns die große, klobige Holztür.

»Willkommen im Animalisbau!«, rief er und drückte uns fest an seine Brust. So hieß die Villa. Felix hatte mir mal gesagt, dass das auf Latein übersetzt »Tierbau« heißen sollte. Felix lernte Latein als zweite Fremdsprache, deswegen wusste er Bescheid. Großvater Hans nahm uns eifrig die Taschen ab und legte sie auf dem dunklen Parkettboden der Eingangshalle ab. Sein altes Gesicht lächelte aus jeder Falte und seine wässrigen, blauen Augen funkelten wie die eines Kindes. Ich kannte niemanden, der so viel Lebensenergie besaß wie Großvater Hans. Er hatte weiße, dünne Haare, die wie der junge Flaum eines Kükens um seine Glatze herum wirr abstanden, und große Ohren. Seine Augenbrauen waren buschig und von grauen Streifen durchzogen. Genauso wie sein Sohn Nils, mein Onkel, trug er eine große eckige Brille auf der kräftigen Nase. Nur war seine Brille ein weitaus älteres Modell.

Er nahm Felix die Jacke ab und hängte sie an einen hölzernen Kleiderständer. Ich zog mir meine Schuhe aus und stellte sie unter die Garderobe. Die Diele war über und über mit Bildern bestückt. Unter anderen hing dort mein Lieblingsbild von Oma Sofia. Ich betrachtete es. Früher, als Oma Sofia noch lebte und ein junges Mädchen war, hatte sie eine schokoladenbraune Stute namens Flicka gehabt. Oma Sofia war eine leidenschaftliche Reiterin gewesen und hatte die Natur so sehr geliebt wie ihr wildes Pferd.

»Sofia und Flicka waren sich so nah wie Schwestern«, hatte mir Großvater Hans mal an einem langen Winterabend vor dem Kamin erzählt. Oft nannte mich Großvater Hans Flicka, weil ich als kleines Kind genauso wild gewesen war wie Oma Sofias Stute. Meine Haare waren außerdem genauso dunkel und fest wie Flickas Mähne gewesen. Wohingegen meine Schwester hellbraune Haare mit einzelnen natürlichen bronzenen und blonden Strähnen hatte.

»Na dann wollen wir mal ins Esszimmer gehen«, sagte mein Großvater gutgelaunt, als er den Anorak von Felix aufgehängt hatte. Er führte uns die breite Eingangshalle entlang und zwei Stufen hinauf in den Vorraum des Salons, wo ein hübscher Kronleuchter hing. Überall wo man hinsah, glänzten goldene Bilderrahmen in denen seltsame Zeichnungen und Skizzen hingen. Manche Skizzen sahen wie mathematische Formeln aus, andere wiederum zeigten das Profil von Männern und Frauen, die mit einem Orden abgebildet worden waren.

Und dann waren da noch diese komischen Landkarten. Sie hingen eigentlich überall. Selbst an die Decken sind sie gezeichnet worden. Niemals habe ich ein Land erkennen können. Sie zeigten Gebirge, die es nicht gab, Flüsse und Meere die so groß wie drei Kontinente waren und Wälder, die sich bis ans andere Ende der Welt erstreckten. Ich staunte immer wieder über diese Karten, die so exakt und präzise gezeichnet worden waren, als gäbe es diese Länder tatsächlich irgendwo.

»Großvater?«, fragte mein Bruder hinter mir. »Woher habt ihr diese ganzen Sachen?«, er wies auf eine kleine Statue, die einen goldenen Löwen in feinster Arbeit abbildete. Er war in einer Vitrine eingeschlossen, da das Gold so dünn war, dass man durch die Statue hindurchsehen konnte. Ein rotes Rubinherz schwebte wie durch Magie in seiner Brust. Großvater Hans lächelte verschmitzt und legte seine Hand auf Felix’ Schulter.

»Von fernen Reisen.« Das sagte er immer, wenn wir ihn über die eigenartigen Dinge in seinem Haus ausfragten. Von fernen Reisen. Früher als ich noch klein und unwissend war und an Zauberei und Magie glaubte, hatte er das nicht gesagt. Da hatte er mir immer eine großartige Geschichte dazu erzählt.

»Großvater?«, mein Bruder wartete bis Großvater Hans ihn ansah.

»Werden die anderen auch wieder da sein?«

Großvater Hans nickte: »Aber sicher.«

»Wer seid ihr eigentlich?«, Lorena hatte die Augenbrauen zusammengeschoben. Großvater Hans sah sie belustigt an. »Ich meine es ernst. Wer seid ihr wirklich?«, wiederholte Lorena hartnäckig. Das war eine gute Frage, denn sie beschäftigte mich eigentlich schon mein Leben lang. Mit jedem neuen Lebensjahr wuchsen meine Fragen und ich war nicht mehr länger das Kind, das staunend nickte, sondern dem Warum und Wie nachgehen wollte. Großvater Hans strich Lorena sanft über die Haare.

»Das wirst du bald ganz genau wissen«. Mit diesen Worten schob er uns ins große Esszimmer.

3. Kapitel

Im Animalisbau werden Geheimnisse geboren wie vergraben. Sie werden gehütet und über Generationen weitergetragen. Der Animalisbau ist Standort aller Belange, die sich mit dem Schutz der Menschheit befassen. Hier wird mit dem Schicksal des Universums gespielt.

»Hallo Kinder. Schön euch mal wieder zu sehen«, begrüßten sie uns und lächelten uns fröhlich an. Wir traten an den großen Eichenholztisch und gaben wohlerzogen jedem die Hand zur Begrüßung.

»So jung und hübsch will ich auch noch mal sein«, lachte Annelie von Poppenzar, als sie mir beschwingt die Hand schüttelte. Sie gehörte zu den hageren, alten Damen, die nie ihre Eleganz verloren. Ich lächelte und versuchte das Kompliment, das sie mir gemacht hatte, zu glauben. Annelie von Poppenzar kannte meinen Großvater schon sehr lange. Sie war eine Studienfreundin von ihm gewesen. Ich meinte sogar zu glauben, dass die beiden in Jugendzeiten mal ein Paar gewesen waren. Abgesehen davon, war sie in ihren besten Jahren Spitzensportlerin beim Hürdenlaufen gewesen. Ihre Gesichtszüge waren sehr sanft und ihre großen braunen Augen erinnerten mich immer an eine Gazelle. Der Verdacht, dass mein Großvater und diese graziöse Dame sich einmal näher gewesen waren, bestätigte sich durch einen intensiven Blick, den sie Hans zuwarf. Ich verbarg mein Lächeln unter meiner Hand und wandte mich zu Mimi Ma.

»Hallo Mimi Ma! Wie geht es Ihnen?«, erkundigte ich mich höflich und schüttelte auch ihre knochige, von kostbaren Ringen überladene Hand.

»Vortrefflich. Besonders, wenn die reizenden Enkel von Hans zu Besuch sind!«, rief Mimi Ma und schenkte mir eines ihrer Lächeln, das immer ein wenig unheimlich wirkte. Ihre Augen waren metallblau und lagen tief in ihren Höhlen. Ihre Augenbrauen schwangen sich hoch in die Stirn und ihre schulterlangen Haare leuchteten in einem dunklen Grau. Es fehlten nur noch gewaltige Adlerschwingen und ich hätte sie ohne zu zögern für einen Steinadler gehalten. Auch wenn ich es mir immer wieder anders versuchte zu erklären, konnte ich nicht leugnen, dass sich in den Augen meines Bruders derselbe scharfe und edle Blick spiegelte wie bei Mimi Ma.

»So, genug begrüßt! Ich will jetzt essen!«, Onkel Tutsch schlug mit der flachen Faust auf den Tisch und lenkte alle Aufmerksamkeit auf sich. Ich seufzte und warf Lorena einen vielsagenden Blick zu. Sie dachte genau dasselbe wie ich, das wusste ich, denn sie nickte unmerklich. Er ist und bleibt unverbesserlich.

Oft brauchten meine Schwester und ich uns nur kurz anzuschauen und wir wussten, was die eine dachte oder der anderen mitteilen wollte. Das war ziemlich praktisch. Ersparte einem viele Worte.

»Hallo Kinder, freut mich, euch wieder zu sehen«, sagte Onkel Tutsch etwas besänftigter und grinste Lorena, Felix und mich an.

»Hallo Onkel Tutsch«, sagten wir im Chor und setzten uns an die reich gedeckte Tafel.

Onkel Tutsch war der große Bruder von Großvater Hans. Er war zwei Jahre älter und sah seinem Bruder ungefähr so ähnlich wie der Eifelturm der Freiheitsstatue. Das einzige, was sie gemeinsam hatten, waren die kräftigen, gelben Zähne und die großen Ohren. Onkel Tutschs Haare waren noch sehr viel dichter und dunkelgrau statt engelsweiß. Seine Augen leuchteten in einem sanften Goldbraun, wie die eines Bären.

Früher saßen sie hier zu neunt. Abgesehen von Annelie von Poppenzar, Mimi Ma, Onkel Tutsch und Großvater Hans, gehörten noch Ingrid Engelfeld, Jakobus R., Katness Winni, Effi Fix und Torsten T. zu diesem Kreis. Doch diese waren in den vergangenen Jahren gestorben. So richtig konnte ich mich eigentlich nur noch an Effi Fix erinnern. Sie war eine sehr kluge Frau gewesen mit rot gefärbten Haaren und auffällig großen Eulenaugen. Meine Cousine Leticia hatte sich immer sehr gut mit ihr verstanden.

»Mahlzeit!«, mit diesen Worten eröffnete Onkel Tutsch das üppige Mittagessen und schaufelte sich eine große Portion Kartoffelpüree auf.

»Manchmal hab ich das Gefühl, dass ein Bär vor mir sitzt, anstelle dir, Theodor!«, sagte Annelie von Poppenzar an Onkel Tutsch gerichtet und schüttelte tadelnd den Kopf. Ein allgemeines Lachen erhob sich, nur nicht bei mir und meinen Geschwistern. Onkel Tutsch grunzte belustigt und nahm eine große Gabel aus dem Rucolasalat.

»He, Annelie! Mögen das nicht für gewöhnlich Gazellen?«, neckte er sie und zeigte mit einem flüchtigen Seitenblick auf das Grünzeug. Wieder lachte der ganze Tisch.

»Es wundert mich nicht, dass Theodor schon mit dem Essen angefangen hat!« Ein großer Mann mit schwarzen, dicken Locken trat in das Esszimmer und schlug Onkel Tutsch freundschaftlich auf die Schulter. Octavius. Er war praktisch der Kapitän dieser sonderbaren Gruppe. Seine Haare sahen wie ein Vogelnest aus und standen in alle Richtungen ab. Wild zerzauste Brauen lagen über seinen dunklen Augen. Octavius sah ein bisschen wie ein italienischer Opernsänger aus.

»Er setzt schon mal Fett für den kommenden Winterschlaf an«, erklärte Mimi Ma und hatte einen keckernden Lachanfall. Annelie von Poppenzar spuckte fast den Wein wieder zurück in das Glas, so sehr trieb ihr das Lachen Tränen in die Augen. Ich konnte meiner Schwester nur einen ratlosen Blick zuwerfen, den sie ebenso erwiderte. Manchmal waren sie echt schräg drauf. Total verrückt. Annelie, Mimi Ma, Onkel Tutsch und die anderen, die mittlerweile leider nicht mehr unter den Lebenden weilten, wohnten hier, da der Animalisbau irgend so einen Verbund von Geheimnissen und Mythen behauste, und sie alle Hüter oder so etwas Ähnliches waren. Ich wusste auch nicht so genau, was das hier war, aber eines ganz bestimmt: Etwas ausgesprochen Sonderbares!

Octavius setzte sich an den Kopf der Tafel und warf uns einen munteren Blick zu.

»Na, viel gelernt in der Schule?«, fragte er unnötigerweise und nahm sich ein Steak vom Teller. Ich nickte nur still. Wirklich viel gelernt hatte ich heute nicht. Ich war viel eher damit beschäftigt gewesen, nicht vor Langeweile einzuschlafen.

»Pha! In der Schule, da lernt man doch nichts!«, rief Mimi Ma energisch und ihre Augenbrauen gruben sich zu einer selbstgefälligen Linie. »Da sitzen sie nur herum und werden mit Wissen vollgestopft, das sie in der Realität gar nicht anwenden können. Könnt ihr euch mit Mathe und Biologie vor Barbaren oder Magiern wehren?«, fragte sie uns herausfordernd und sah uns stirnrunzelnd an.

Wieso sollte ich das können?, dachte ich und überlegte, wie viel Mimi Ma vom einundzwanzigsten Jahrhundert mitbekommen hatte.

»Aus der Praxis lernt man! Das schreibt euch hinter die Ohren, Kinder!«, meinte sie und warf uns einen funkelnden Blick voller Enthusiasmus zu. Ich wusste nicht, ob es meinen Geschwistern auch aufgefallen war, aber plötzlich warfen sich alle bestätigende und geheimnisvolle Blicke zu. Selbst mein Großvater grinste wie ein kleiner Junge, der etwas wusste, was die anderen nicht wussten.

»Bei Ingrid haben wir es am meisten zu spüren bekommen«, sagte Onkel Tutsch und seine sonst so lieben Gesichtszüge verfinsterten sich mit jedem Bissen. Schließlich hatte er nur noch die Gabel zwischen den Zähnen und schien in Gedanken versunken zu sein. Octavius seufzte hörbar laut und schüttelte genervt den Kopf.

»Nicht schon wieder«, sagte er und richtete sich den Kragen seines vergilbten Baumwollhemdes.

»Ist doch wahr«, meinte Onkel Tutsch grimmig.

»Wir hätten sie damals besser ausrüsten sollen. Es war eine Schwachsinnsidee gewesen, Ingrid allein zum Phönixreiter zu schicken!«

Wie gesagt, sie waren manchmal sehr sonderbar.

Mimi Ma schüttelte bestimmt den Kopf: »Es blieb uns angesichts der Lage gar nichts anderes übrig.«

»Wir hätten ihr den Wolf zur Seite stellen sollen«, warf Annelie ein.

»Jakobus hätte da auch nichts mehr ausrichten können«, mischte sich Großvater Hans ins Gespräch. Er wirkte jetzt sehr wachsam, aber auch bestimmt. Ich stocherte missmutig in meinem Essen herum und versuchte, mich nicht ganz wie ein Idiot zu fühlen. Manchmal war es ziemlich schwer ihrem Gespräch zu folgen. Sie sprachen ständig von irgendwelchen verrückten Abenteuern, die sie zusammen erlebt hatten und konnten sich stundenlang darüber auslassen. Oft fragte ich mich, wie viel von diesen Erzählungen wahr und wie viel erfunden war. Octavius ließ sein Besteck auf den Tisch klirren und sah Onkel Tutsch und Mimi Ma gereizt an.

»Genug jetzt!«, sagte er mit seiner tiefen, klaren Stimme. »Die Zeit musste kommen. Und ihr habt die Mission ja noch rechtzeitig erfüllen können.«

»Welche Mission?«, hellhörig sah ich auf. Lorena beobachtete still das Gespräch und Felix’ Blick huschte vom einen zum anderen. Octavius lächelte nur geheimnisvoll und Großvater Hans zwinkerte mir zu. Keiner antwortete mir. Mimi Ma murmelte leise vor sich hin und ich versuchte erst gar nicht zu verstehen, was sie meinten, sondern konzentrierte mich einfach auf den Nachtisch: Schokoladenkuchen mit Vanilleeis und heißen Himbeeren. Felix schleckte sich geräuschvoll die Finger ab und lehnte sich genüsslich in den Stuhl. Sein ganzer Mund war mit rotem Himbeersaft vollgeschmiert und Schokoladenkrümel klebten an seinen Mundwinkeln. Ich stupste ihn leicht in die Seite und machte ihn leise auf seinen klebrigen Mund aufmerksam.

»Wieso kannst du mir das nicht eher sagen?!«, schimpfte er und wischte sich mit der Serviette eilig die süßen Spuren des Nachtischs ab. Ich wollte ihm etwas behilflich sein und wischte mit meiner Serviette sein Kinn sauber.

»Lass das!«, raunte er und seine Augen blitzten gefährlich scharf. Unsanft schlug er meine Hand beiseite.

»Da oben noch«. Ich benässte einen Zipfel seiner Serviette und strich schnell über seine Wange. Ich konnte es einfach nicht sehen, dass mein dreizehnjähriger Bruder, wie ein Kleinkind von drei Jahren Eis aß.

»Noch einmal und du bist tot!«, warnte mich Felix leise und riss mir die Serviette aus den Fingern. Ich seufzte kopfschüttelnd und fing einen warnenden Blick von meiner Schwester ein. Unser unschickliches Verhalten hatte Gott sei Dank kein großes Aufsehen erregt. Die Runde löste sich sehr schnell auf, als Annelie von Poppenzar einem rauen Hustenanfall verfiel. Großvater Hans klopfte ihr behilflich auf den Rücken und Mimi Ma reichte ihr ein Glas Wasser. Annelie schüttelte heftig den Kopf und schlurfte hustend aus dem Esszimmer. Es folgte kurz betretene Stille, dann sagte Onkel Tutsch nachdenklich: »Ich frage mich, wie lange sie noch unter uns bleiben wird.«

4. Kapitel

So oft verlieren sich die Gedanken in einer anderen Welt. Sie kreisen bald hierhin, bald dorthin und laden dich ein auf ein buntes Karussell. Nimmer willst du absteigen. Und wenn du willst - dann kannst du es nicht.

Onkel Tutsch verkündete, dass er nun einen Mittagsschlaf halten würde und Mimi Ma sah nach Annelie von Poppenzar.

Großvater Hans seufzte laut und versuchte seine Sorgenfalten auf der Stirn durch ein unbekümmertes Lächeln loszuwerden, was ihm jedoch nicht gelingen wollte.

»Die Zeit«, seufzte Octavius, als wäre es die Antwort auf alles. Er fuhr sich durchs dichte Haar, während Großvater zustimmend nickte. Ich dachte nach. Über das, was Octavius gesagt hatte und über die Zeit. Die Zeit war wahrlich ein heimtückisches Geschöpf. Mal kroch sie wie eine Schnecke dahin und ein anderes Mal raste sie davon wie im gestreckten Galopp. Manchmal verging sie innerhalb eines Wimpernschlags und dann konnte sie sich wieder endlos dehnen. Die Zeit. Sie war das teuflischste Geschöpf, das die Menschen bis ans letzte Stündlein begleitete. Und verfolgte. Wie jetzt bei Annelie.

Lorena, Felix und ich saßen schüchtern auf unseren Plätzen und überlegten, ob wir aufstehen und die beiden Herren allein lassen sollten.

»Wenn Annelie stirbt, dann sind es nur noch Mimi Ma, Theodor und du, Hans«, meinte Octavius. Ich beschloss sitzen zu bleiben. »Adler, Bär und Löwe.« Nachdenklich verlor sich sein Blick in der roten Flüssigkeit des Weins, während ich ihn argwöhnisch beobachtete.

»Die Zeit sitzt uns im Nacken. Eine unruhige Ära beginnt«, fuhr Octavius mit seinem Monolog fort. »Und es gibt noch viel zu tun. So ein Generationswechsel ist immer sehr gefährlich.«

Langsam fragte ich mich, ob er uns vergessen hatte. Sein Gesicht war gezeichnet von der Anspannung und sein Blick im Wein untergegangen. Vorsichtig wagte ich einen Seitenblick zu Großvater Hans, wendete ihn aber sofort wieder ab, als ich bemerkte, dass er mich beobachtete. Sein Blick sprang ständig von mir zu Lorena, von Lorena zu Felix, von Felix wieder zu mir.

»Sie werden alle bereit sein«, meinte er dann.

»Das will ich hoffen«, entgegnete Octavius und sah Lorena, Felix und mir tief in die Augen. Sein eindringlicher Blick bereitete mir nicht nur ein flaues Gefühl im Magen, sondern auch Kopfschmerzen. Was wollte er uns damit sagen?

Großvater Hans räusperte sich kurz, um den fesselnden Augenblick zu unterbrechen und Octavius lehnte sich nun lächelnd zurück.

»Nur keine Bange, Kinder. Euer Großvater und ich grübeln nur gerne herum«, erklärte er uns wie ein Erzieher, der einem Kindergartenkind beruhigend beibringen wollte, dass der böse Wolf bei Rotkäppchen nur ein Märchen ist. Ich nickte langsam und versuchte, nett zu lächeln. Felix zuckte mit den Schultern, ihn schien das nicht zu interessieren. Aber Lorena fixierte Octavius mit ihrem Jägerblick und fragte: »Was geht hier vor sich?«

Großvater Hans schaute sich die Szene konzentriert an, als wäre er auf der Lauer, während Octavius selbstgefällig lächelte.

»Ich sehe schon«, sagte er und sein Lächeln wurde noch unheimlicher, »die neue Generation wird einen vortrefflichen Anführer haben.«

Auf dem Weg nach Hause sprach keiner von uns. Lorena lief drei, vier Meter vor Felix und mir und ritt sicherlich auf einem Gedankenkarussell, das sich um diese seltsamen Gespräche drehte. Felix hüpfte nach wirbelnden Blättern und ich versuchte, nicht an meinen Berg Hausaufgaben zu denken, den ich noch zu bewältigen hatte. Ein lästiges Motorgebläse wehte Blätter vom Bürgersteig und trug zur globalen Erderwärmung bei. Ich hätte dem Straßenputzer gerne einen Besen und eine Kehrschaufel in die Hand gedrückt, aber dann wäre ich bestimmt in der nächsten Biotonne für unverschämte Gören gelandet. Also ließ ich den gelangweilten Mann seine Arbeit machen und versuchte, den nervtötenden Lärm und Gestank zu ignorieren.

Wir bogen rechts ab und fünf Minuten später noch einmal rechts. Dann waren wir da – bei unserem urigen, verschachtelten Haus. Schon von Weitem konnte man erkennen, dass dieses Haus einer Familie gehörte, die nach dem Motto »Mehr oder weniger« lebte. Die alten, bei starkem Wind klappernden Fenster waren nur provisorisch von Papa ausgebessert und das alte Holz in Mums sechswöchiger Renovierungswut gestrichen worden. Der Garten wurde einmal im Jahr bei einer 24-Stunden-Familien-Aktion von Unkraut befreit und der Vorgarten nie. Wenn gerade einer von uns fünf daran dachte, wurden hin und wieder die Blumen am Eingang gegossen, ansonsten begrüßten welke oder einfach Plastikblumen die Gäste. Das Efeu, das sich teilweise an unserer Hauswand festbiss, bewerteten wir als schön und versuchten uns alle dabei gut zu fühlen.

Da bei uns die Türen selten abgeschlossen waren und der Hausschlüssel oft Beine bekam, hatte Mum ein »Vorsicht bissiger Hund«-Schild an der Vordertür angebracht und dabei ein stolzes Lächeln auf unseren kleinen, süßen Dackel geworfen, der vor großen Hunden Reißaus nahm.

Aber gut, so war es halt. Mehr oder weniger stimmte ja alles und keiner beschwerte sich wirklich über diesen Zustand. Manchmal verlor einer im Winter einen Kommentar über nichtfunktionierende Heizungen, aber dann wurden einfach die dicken Jacken herausgeholt und nach Mums Rat »zwiebelschichtig« angezogen.

Felix marschierte ins Haus hinein und rief laut: »Halloooooo!«

Unser Dackel Jacky jagte die Steintreppe hinab und kläffte eine Runde bis schließlich jeder aus unserer Nachbarschaft wusste, dass Familie Schiffer wieder komplett war.

»Aus!« Ich streichelte Jacky flüchtig über das kastanienbraune Fell und schlurfte in mein Zimmer. Es war sechseckig und hatte drei Fenster, die zum Garten hin ausgerichtet waren. Auf einer höher gelegten Ebene stand mein großes, wunderbares Himmelbett und eine Frisierkommode, die schon Oma Sofia gehört hatte. Ich hatte zwei Schreibtische: Einen, um meine Hausaufgaben und Schulsachen zu machen und den anderen zum Malen. Ich konnte sehr gut zeichnen und liebte es, mit den bunten Farben ein weißes, leeres Blatt zum Leben zu erwecken. Mein ganzer Schreibtisch bestand aus den unterschiedlichsten Tuben, Kästen und Stiften, Pinseln, Papieren und Skizzen. Neben der Hängeschaukel, die mich immer tief in meine Tagträume wippte, war er das Herzstück in diesem Raum. Zielstrebig setzte ich mich an meinen großen Eichenholztisch und packte meinen Schulplaner aus. Ich hatte einige Hausaufgaben und musste zudem noch Vokabeln lernen! Ich seufzte. Meine Motivation sank erheblich, auch wenn ich mir sagte, dass ich das jetzt gut und zügig hinter mich bringen könnte. Aber leider war ich einfach nicht in der Stimmung Hausaufgaben zu machen. Mir ging gerade so viel durch den Kopf! Wie immer, wenn Octavius und die übrigen Animalisbau-Bewohner über seltsame Dinge sprachen.

Ich versuchte, die kniffligen Funktionen in Mathe zu lösen, doch die Zahlen drehten sich andauernd und spielten mir fiese Streiche. Irgendwann legte ich das Mathebuch beiseite und versuchte, mich mit den Vokabeln anzufreunden. Doch auch diese blieben, wie sie waren und machten nicht einmal den Anschein, mir die Hand zu reichen, egal wie sehr ich mich bemühte, sie in meinen Kopf zu kriegen. Einladen konnte man Vokabeln leider nicht, denn sie nahmen meine Einladung, kaltherzig wie sie waren, nie an. Man musste sie gewaltsam ins Gedächtnis pauken. Und da mein Hirn sich gerade mit Gesprächsfetzen und Fragen von heute Mittag beschäftigte, wollte es gar nichts mit homelessness und to be able to afford sth. zu tun haben. Ich seufzte resigniert und beschloss, den Tag damit zu beenden. Kurz bevor ich ins Bett ging, checkte ich meine Mails und erlaubte mir, einen Blick in Facebook zu werfen. Zwei Nachrichten und eine neue Freundschaftsanfrage. Ich hielt mich nicht lange in dem sozialen Netzwerk auf, beantwortete nur kurz die beiden Nachrichten und bestätigte die Freundschaftsanfrage von einem Martin Kahl, ein Typ, der in meine Parallelklasse ging. Zum Schluss besuchte ich noch für fünf göttliche Minuten die Profilseite von Mortimer Brentano und sah mir seine wenigen Fotos an. Dann schaltete ich meinen Computer aus.

Unruhig wälzte ich mich von einer Seite zur anderen. Tausend Träume zischten an mir vorbei, überschlugen sich und zerplatzten in wiederum tausend Bildfetzen.

Ich hörte die Stimmen von Octavius und Großvater Hans doppelt und dreifach. Sie hallten wie ein endloses Echo wider. Eine Gazelle sprang über einen Fluss und fiel am anderen Ufer tot um. Irgendjemand schrie meinen Namen, doch ich wusste nicht, wer es war. Wieder ein neues Bild raste auf mich zu. Es war unscharf, doch je näher es kam, desto schärfer wurde es. Großvater Hans. Es war Großvater Hans als junger Mann. Und da: Meine Schwester neben ihm, doch plötzlich verschmolzen sie beide zu einer Person. Nein, sie verschmolzen zu einem gigantisch großen Löwen.

Außer Atem wachte ich auf. Was für ein verrückter Traum. Es war noch nicht spät, gerade mal kurz vor Mitternacht. Ich ging in die Küche, um mir einen Tee zu machen und traf dort überraschenderweise meine Mutter, die sich gerade etwas durchlas.

»Hallo«, sagte ich und setzte heißes Wasser auf. Unsere Küche glich viel eher einer Bar, als einer gewöhnlichen Haushaltsküche. Der lange braune Tisch mit den hohen Hockern drumherum und der uralten Stereoanlage in der Ecke ließen das Ganze wie einen Ausschank aus den Achtzigern wirken.

»Kannst du wieder nicht schlafen?«, begrüßte sie mich, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. Ich nickte.

»Was machst du da?«, fragte ich und suchte mir den Apfeltee und meine Lieblingstasse aus dem Regal.

»Ich korrigiere eine grauenvolle Studienarbeit «, murmelte sie und strich energisch in der Arbeit herum.

Mum arbeitete an der Universität der Künste und korrigierte ständig Hausarbeiten von Studenten, wenn sie nicht gerade irgendwelche Vorträge hielt.

Ich träufelte mir Zitrone in den Tee und fügte einen Löffel Honig hinzu.

»Mum?«, fragte ich sie zögernd und rührte beschäftigt in meinem Tee. Sie sollte nicht den Verdacht schöpfen, dass ich schrecklich durcheinander war. Da sie nicht aufblickte, startete ich einen zweiten Anlauf und sagte: »Weißt du vielleicht, was es mit den ganzen Leuten aus dem Animalisbau auf sich hat?« Meine Mutter sah überrascht auf. Da sie immer noch nichts sagte, fuhr ich fort: »Manchmal kommt es mir so vor, als würden sie etwas wissen, was sonst keiner weiß, als würden sie ... etwas hüten. Ein Geheimnis«, ich kam mir mit jedem Satz bescheuerter vor. Ich wagte nicht aufzublicken. Nur das Ticken der Wanduhr und das Surren des Kühlschrankes waren zu hören.

»Mum?«, ich ertrug es nicht, dass sie nichts sagte.

»Weißt du, Kindchen«, setzte sie an und strich mir dabei zärtlich über die Hände. Ich bemerkte, dass ihre Finger leicht zitterten, was mich dazu veranlasste, meine Hände wegzuziehen.

»Was weißt du?!«, platzte es aus mir heraus. Meine Mutter seufzte und verdrehte leicht die Augen.

»Emily, gar nichts. Naja, oder zumindest nicht viel. Es ist ... eigentlich nicht der Rede wert. Mein Vater – dein Großvater wird es dir sicherlich eines Tages erklären«, sie wandte sich leicht ab, doch ich bemerkte, dass sie besorgt war.

»Und Papa?«

Mama schüttelte den Kopf. »Nein. Er weiß gar nichts«. Schweigen. »Geh jetzt am besten ins Bett und zerbreche dir nicht den Kopf über diesen ganzen Unsinn«, sagte sie und drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

Unsinn. Mum schien vielleicht mehr Ahnung zu haben als ich, doch ich wusste, dass es kein Unsinn war. Es war gefährlich.

5. Kapitel

Generationen bestimmen unser Zeitalter. Sie füllen die Zeit erst mit Geschichten.

Es regnete in Strömen und ein tobender Wind zerrte an den Ästen der Bäume. Ich blickte auf meine Armbanduhr und schürzte die Lippen. Noch eine viertel Stunde, dann würde es endlich läuten und wir würden im kalten Regen ins Wochenende entlassen werden. Ich spürte, wie müde ich war und fuhr mir über die dunklen Ringe unter meinen Augen. Mein Großvater verschwieg uns etwas. Und meine Mutter auch. Ich fühlte mich verraten und von den Menschen, die ich liebte allein gelassen. Was auch immer es war, ich würde es herausfinden.

Als es endlich klingelte, zog ich mir rasch meine dunkelgrüne Jacke an und die Kapuze über meinen Kopf. Ich war die Erste, die das Klassenzimmer verließ. Eilig lief ich die Treppen hinunter und achtete nicht mehr länger auf den Weg. Ich war wütend und wollte sofort zu Großvater Hans, um ihn zur Rede zu stellen. Ich war so beschäftigt mit meinen Gedanken, dass ich plötzlich mit jemanden zusammenknallte. Meine Tasche fiel zu Boden und ich versuchte, mich zu orientieren.

»Kannst du nicht aufpassen?!«, schnauzte mich der Junge an, mit dem ich zusammengeknallt war.

»Tut mir leid«, murmelte ich und blickte zu ihm hinauf. Es war Mortimer und mein Herz machte einen Satz.

»Tut ... mir leid«, wiederholte ich, weil mir nichts Besseres einfiel und stapfte davon. Ich spürte den verwirrten Blick von Mortimer auf meinem Rücken, doch ich wollte mich nicht noch einmal umdrehen. Der Regen peitschte mir wie Messerstiche ins Gesicht und warf meine Haare durcheinander. In wenigen Sekunden waren Hose und Schuhe durchnässt. Ohne zu zögern schlug ich den Weg zu Großvater Hans ein und läutete ohne den Finger von der Klingel zu nehmen. Octavius öffnete schließlich und sah den ungebetenen Gast erbost an. Ich tat es ihm gleich und versuchte trotz der Kälte, nicht mit den Zähnen zu zittern.

»Ich möchte zu Großvater Hans«, meldete ich, als er mich immer noch nicht hineinbat.

»Er ist beschäftigt.«

Ich drückte mich an Octavius vorbei und trat mit triefnasser Kleidung in den langen Korridor.

»Einen Moment, junge Lady!«, ermahnte mich Octavius mit seiner kräftigen Stimme. Ich wollte eigentlich nicht stehen bleiben, doch irgendetwas in seiner Stimme machte mit mir, dass ich mitten im Schritt erstarrte. »Bleib hier, ich werde Hans holen.«

Es überraschte mich kein wenig, als mich Großvater Hans mit hochgezogenen Augenbrauen musterte, wortlos seinen Anorak anzog, Hut und Spazierstock in die Hand nahm und am verdutzten Octavius vorbei mit mir vor die Tür ging.

»Begleitest du mich auf einen kleinen Spaziergang?«, fragte mich Großvater und sah mich unverwandt an. Ich wischte mir verwirrt die nassen Haare aus der Stirn und betrachtete abschätzend sein ernstes Gesicht.

»Im Regen?«, fragte ich anzweifelnd.

»Ja. Da hört uns keiner und wir sind ganz ungestört.« Einen Moment zögerte ich noch, dann nickte ich. Nur noch eine sanfte Spur des Zornes war meinem Gesicht anzusehen. Großvater Hans lächelte zufrieden und wir stiegen die alte Steintreppe hinab. Harte Regentropfen prasselten auf uns ein, als wollten sie uns in die Erde drücken. Weit und breit war niemand zu sehen, wir waren die Einzigen, die in diesem Unwetter einen Spaziergang unternahmen. Ich blickte hinauf in die schwarzen Wolken, die tosend über den Himmel brausten.

»Spektakulär, nicht wahr?«, meinte Großvater Hans. Ich sagte nichts. Ich wollte nicht über das Wetter sprechen, sondern über das, was sich scheinbar schon jahrelang hinter meinem Rücken im Animalisbau abgespielt hatte. Wir liefen auf den leeren Straßen Richtung Park und wichen einem reißenden Flüsschen aus, das sprudelnd in den nächsten Gully floss.

»Weißt du noch, als wir kleine Schiffchen gebaut haben und sie den Bach im Park hinuntertreiben ließen?«, fragte mich Großvater Hans und lächelte erneut. Natürlich wusste ich das noch. Doch ich hatte keine Lust, alte Erinnerungen auszugraben, die meine Wut und meinen eigentlichen Anlass völlig davon geschwemmt hätten.

»Großvater, bitte«, sagte ich deshalb nur und ich hörte ihn leise seufzen. Wir gelangten zum großen Park und schlenderten mitten durch den wütenden Tanz der Bäume. An einem großen Stein blieb er stehen und wir setzten uns darauf.

»Emily, du bist in eine Welt geboren, die beschützt werden muss«, sagte er, als der Regen und der pfeifende Wind bereits zu lange das Schweigen gefüllt hatten.

»Erinnerst du dich noch an das, was Octavius gesagt hat?«, fragte er mich. Ich nickte. Ich erinnerte mich an jeden Satz. Unruhige Zeiten beginnen. Und wir müssen bereit sein, wenn es so weit ist.

»Wenn was so weit ist?«, hakte ich nach.

Großvater Hans senkte seine Stimme, was vollkommen unnötig war, da außer uns eh niemand draußen war und der Regen sämtliche Geräusche verschluckte.

»Wenn die neue Generation ihren Platz einnimmt, um die bevorstehende Mission zu erfüllen.« Mein Herz schlug schneller. »Und du. Du gehörst dazu.«

Ich schluckte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Wir blickten in die Ferne und sagten eine Zeit lang nichts. Mir war kalt vom Regen und ich zitterte.

»Hab keine Angst«, mein Großvater fasste das Zittern meiner Hände als Angst auf.

»Ich habe keine Angst. Was soll das alles heißen?«, fragte ich. Großvater sah mich lange an und umfasste meine Hände fester mit seinen.

»Du musst jeden Tag bereit sein.«

Solche Antworten liebte ich über alles. Denn sie sagten im Prinzip nichts aus!

»Emily, hol deine Schwester und deinen Bruder. Ich möchte euch etwas erzählen«, sagte er schließlich und seine Worte ließen mich schaudern. »Zeit, das größte Geheimnis dieser Welt zu lüften.«

6. Kapitel

Legenden stehen nicht nur auf dem Papier. Sie sind nicht nur Worte einer Geschichte. Sie leben und atmen und tanzen und flüstern.

Im Animalisbau kochte Großvater Hans erst einmal Tee und stellte Schokoladenkekse auf den großen Tisch. Auch Octavius werkelte gerade in der Küche. Es roch streng nach Balsam und Kräutern.

»Na, ihr. Alles klar?«, fragte er uns beim Vorbeigehen, wobei er alles andere als fröhlich aussah.

Wir drei sagten nichts. Lorena sah ihn argwöhnisch an, Felix spielte mit einer silbernen Gabel herum und ich starrte ihm nachdenklich hinterher. Octavius war ganz in Schwarz gekleidet und seine Augen waren rot. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch Großvater Hans Schwarz trug. Wie konnte mir das vorhin entgangen sein? Sonst trug er nie diese traurige Farbe. Ich nahm mir einen Keks aus der Schüssel und knabberte abwesend daran herum. Irgendetwas stimmte nicht. Es war so seltsam still in diesem Haus. Großvater Hans setzte sich und schenkte uns Tee ein. Schweigsam starrte er in die Tasse und spielte mit einer kleinen, goldenen Kette herum, an der ein Löwe baumelte.

»Annelie ist gestern Nacht gestorben«, sagte er schließlich und ließ den kleinen Anhänger unter seinem Hemd verschwinden. Ich brauchte ein paar Minuten um zu verstehen, was Großvater Hans gerade gesagt hatte.

»Was?«, sagte ich entsetzt und schüttelte fassungslos den Kopf. Wie konnte das sein? Erst vorgestern hatte ich sie noch gesehen und jetzt? Das Leben war verrückt.

»Lungenembolie«, erklärte Großvater Hans und stützte den Kopf in seine Hände.

»Aber macht euch keine Gedanken. So musste es kommen. Auch ich werde sicherlich bald gehen müssen«, sagte er. Seine Worte ließen einen unangenehmen Kloß in meinem Hals wachsen und ihn ganz trocken werden. Warum sagte er so etwas?

»Großvater!«, meine Schwester sah ihn zornig an. »Hör auf, so etwas zu sagen.« Wut und Traurigkeit blitzten in ihren Augen auf. Großvater Hans legte seine knochige Hand auf ihre und lächelte zaghaft.

»Ja, du hast ja recht«, sagte er. Doch dadurch wurde ich nur noch trauriger.

»Emily, Lorena und Felix. Hört mir bitte zu. Meine Generation muss sterben, damit die neue gefunden werden kann«, sagte er. Ich schluckte schwer und fragte mich, was das alles zu bedeuten hatte.

Lorena erhob sich schwungvoll und stieß dabei ihren Stuhl um. Rums. Entrüstet starrte sie Großvater Hans an. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ihre Lippen bebten beim Sprechen.

»Du wolltest uns etwas über das größte Geheimnis dieser Welt erzählen und nichts über Sterben und Tod!«, knurrte sie und strich sich wütend eine verlorene Haarsträhne hinter das Ohr. Lorena hatte ein sehr aufbrausendes Wesen, das nicht sehr leicht zu besänftigen war. Großvater Hans seufzte und sah auf einmal alt aus. Während meine Schwester angriff, wollte ich am liebsten flüchten.

»Bitte, setz dich wieder«, sagte er und nahm einen Schluck von seinem Tee. Lorena setzte sich nicht. Natürlich nicht.

»Ich bin doch gerade dabei, das Geheimnis zu lüften. Aber lasst mich doch erst mal dazu kommen«, seine Augen strahlten dieselbe Kraft aus, die auch Lorena besaß, nur dass seine Augen nicht so erschreckend wütend funkelten. Es herrschte eine kurze Zeit Schweigen im Esszimmer. Ich hörte ein Stockwerk über uns Schritte und dumpfe Stimmen. Dann jemanden, der die Treppen hinunter kam.

Octavius. Stirnrunzelnd sah er uns vier abwechselnd an. Seine großen Kulleraugen nahmen uns jeweils einzeln ins Visier.

»Hab ich irgendetwas verpasst?«, fragte er und stellte das leere Tablett in die Küche. Großvater Hans lächelte erschöpft.

»Ich bin gerade dabei, ihnen unser Geheimnis zu offenbaren«, erklärte er und Octavius nickte verständnisvoll.

»Na, dann sollte mich ja nichts wundern«, sagte er und nahm sich einen Keks. »Ruf mich, wenn du an die Stelle kommst, wo du ihre Bestimmungen erklärst.« Mit diesen Worten verschwand er wieder nach oben. Ich, verwirrter als zuvor, sah Großvater Hans erwartungsvoll an, und Lorena, argwöhnisch, setzte sich wieder an den Tisch.

»Bestimmung?«, echote Felix, doch Großvater Hans winkte seine Frage nur ab.

»Dazu kommen wir später.« Ich nickte und nahm mir noch einen Schokoladenkeks. «Unser Leben ist voller alter Mythen und uralter Geschichten. Voller Bosheiten und Heldentaten. Es ist das reinste Abenteuer – unser Leben. Ich habe hart kämpfen müssen, habe ... besondere Bekanntschaften gemacht und unvergessliche Momente durchlebt. Es war gefährlich, oh ja! Aber unvergesslich aufregend«, sagte er und sah uns drei an.

Ich hoffte einfach, dass meine perplexe Sprachlosigkeit nicht ganz so auffiel. Da weder Lorena und Felix noch ich imstande waren, etwas zu sagen, schwiegen wir eine ganze Weile. Unbehagen stieg in mir auf. Ich tauschte mit Lorena einen flüchtigen Blick und wir beide waren uns einig, dass dieses Gespräch irgendwo ziemlich schief gelaufen war.

Großvater Hans beugte sich ein wenig näher an den Tisch und sah uns forsch an. Ein geheimnisvolles Lächeln spielte auf seinen Lippen, als er endlich sagte: »Ich bin ein Legendenreiter. Ein Legendenreiter. Nur deshalb habe ich all das erlebt.« Ein eisiger Schauer jagte über meinen ganzen Körper und mein Herz klopfte plötzlich schneller.

»Legendenreiter?«, fragte Felix verständnislos. Ich hatte dieses Wort noch nie gehört. Was um alles in der Welt spielte sich hier gerade ab?

»Die Legendenreiter sind eine geheime Gemeinschaft der Hüter und Ritter der alten Mythen«, erklärte er und machte es ungewollt spannend. Aufgeregt nagte ich an meinen Fingernägeln.

»Es sind immer neun im innersten Kreis. Meine Generation vertraten Onkel Tutsch, Annelie von Poppenzar, Mimi Ma, Ingrid Engelfeld, Jakobus R., Katness Winni, Effi Fix, Torsten Taback und ich: Hans Edmund Schiffer«, fuhr er mit seiner Erklärung fort. Stolz klang in seiner Stimme unüberhörbar mit.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Wie konnte es sein, dass ich unter dem Dach einer geheimen Ritterschaft quasi aufgewachsen war, im Haus ein- und ausging und nie von ihrem Geheimnis erfahren hatte?

»Was ist mit Octavius?«, fragte Lorena.

»Er ist der Meister«, antwortete Großvater Hans. »Der Meister der Legendenreiter.« Es folgte eine kurze Pause, in der wir versuchen durften, alles zu verstehen.

»Also du bist ein Legendenreiter, Octavius der Meister und was ist eure Aufgabe?«, fasste ich kurz zusammen.

»Als Legendenreiter hast du die Aufgabe, Legenden zu hüten und zu zähmen. Wie der Name schon sagt: Man muss in sie hineinreiten.«

Dies war der Punkt, an dem ich nun gar nichts mehr verstand. Felix dagegen hörte wie gebannt zu. Großvater Hans erzählte uns begeistert von gefährlichen Legenden, die noch außergewöhnlicher als Märchen gewesen seien und schilderte haargenau die Abenteuer, die er mit seinen Leuten innerhalb der Legenden erlebt hatte. »Und die aufregendste Mission war die des Schwarzen Phönixreiters gewesen. Torsten hat in dieser Legende sein Leben verloren. Es war ... «

»Großvater?«, unterbrach ihn Lorena mit hochgezogenen Augenbrauen. Großvater Hans verstummte mitten im Satz und sah uns aus dem Konzept gebracht fragend an.

»Das hört sich ja alles ganz toll an, aber was hat das mit uns zu tun?«, fragte sie

»Weil ihr alle drei ebenfalls Legendenreiter seid. Legendenreiter einer neuen Generation!« Ich prustete den Tee, den ich soeben eingenommen hatte, schockiert wieder aus und verschluckte mich heftig. »Wie bitte?«, ich hoffte, mich verhört zu haben. Großvater sah mich streng an.

»Das ist eure Bestimmung, ein Schicksal, dem ihr nicht entkommen könnt, ein Urteil aus ferner Zeit. Meine Generation ist beendet und eine neue muss folgen.«

»Aber doch nicht wir«, ich stand kurz vor einem Zusammenbruch. Hatte er vorhin nicht erzählt, dass Torsten in einer Legende das Leben verloren hatte?

»Doch. Genau ihr. Du, Lorena und Felix«, sprach Großvater Hans mein Todesurteil aus.

»Das ist doch absurd!«, platzte es aus Lorena heraus. Mein Großvater überhörte diesen Kommentar.

»Selbstverständlich seid ihr nicht die Einzigen. Noch sechs weitere vertreten die Legendenreiter.«

»Ach, ja. Das ist natürlich selbsterklärend! Gibt es noch etwas, das ich über mich wissen sollte?«, griff ich Großvater Hans wütend an. Ich hatte immer geglaubt, mich gut zu kennen, doch auf einmal fiel mir mein eigenes Leben in den Rücken und präsentierte sich von einer Seite, die ich selbst im Traum nicht erwartet hätte. Großvater Hans lachte ausgiebig, als hätte ich eine Scherzfrage gestellt.

»Oh, es gibt noch vieles, was du wissen solltest«, sagte er. »Aber nicht jetzt.« Er wurde wieder ernst. Während Felix das alles ganz aufregend zu finden schien, saß Lorena nachdenklich auf ihrem Platz.

»Woher weißt du das? Wie stellst du fest, dass wir Legendenreiter sind?«, fragte sie zögerlich. Ein Funken Hoffnung glimmte in mir auf, dass alles ein fataler Irrtum war, ein Scherz, ein dummer Streich. Doch ich wurde enttäuscht.

»Durch ein geheimes Instrument, ein Seelenspikoskop«, antwortete Großvater Hans geheimnisvoll. Das war’s dann mit meiner Beherrschung. Krachend fiel mein Stuhl zu Boden und ich verließ wutentbrannt den Animalisbau.

7. Kapitel

Legenden sind lebendig, bis sie endgültig zerfallen.

Das Wochenende begann nicht gerade sehr glücklich. Obwohl ich gestern Abend meinen neuen Wecker, den mir meine Mutter netterweise geschenkt hatte, mit Klebeband abgesichert und den Alarmknopf mit einem Pflaster zugeklebt hatte, war er trotzdem um Viertel nach neun in grässliches Geschrei verfallen. Die einzige Sache, die anders war als sonst, war, dass er nicht ganz so laut plärrte, weil der Alarm durch das Klebeband gedämmt wurde. Aber das war nicht Sinn und Zweck meiner Aktion gewesen. Ich wollte schlafen – am liebsten hundert Jahre – und erst aufwachen, wenn die ganze Legendenreitersache vorüber wäre. Das Zweite, was schief gelaufen war: Mein kleiner Bruder hämmerte Nägel in seine Wand und gab mir die bescheuerte Illusion, einen Specht als Zimmernachbar zu haben. Das Dritte und Letzte, was mir meinen Morgen verdarb, waren schließlich folgende Gedanken: Ich bin ein Legendenreiter. Ich bin ein Legendenreiter. Ich bin ein Legendenreiter.

Und ich hatte keine Ahnung, was das für meine Zukunft bedeuten sollte. Schwerfällig rappelte ich mich auf, duschte und überlegte lange vor meinem großen Kleiderschrank, was ich anziehen sollte. Schließlich entschied ich mich für eine Jeans und einen schicken Pullover. Meine Haare flocht ich zu einem Mozartzopf zusammen. Lange betrachtete ich mich vor dem großen Wandspiegel. Ausdruckslos starrten mich zwei braune, mandelförmige Augen an. Ich fühlte mich anders. Als wäre ich über Nacht ein neuer Mensch geworden. Äußerlich hatte sich rein gar nichts verändert, doch innerlich war es, als wäre ein neues Ich in mir erwacht. Langsam schüttelte ich den Kopf, kniff mir in die Wangen und lief in die Küche. Eine komplett andere Atmosphäre empfing mich.

Mum kochte gerade Tee und deckte den Frühstückstisch, während Felix mit Dartpfeilen auf Mums Kalender zielte. Man musste sich eigentlich keine Sorgen machen, dass man irgendwann einen dieser gefährlichen Pfeile im Auge stecken hatte, denn Felix traf für gewöhnlich immer. Lorena schälte eine Mango und ich machte mich nützlich, indem ich vor dem Ofen stand und der Stoppuhr half darauf aufzupassen, dass die Brötchen nicht zu Kohle wurden.

»Lecker, lecker, ham, ham«, quiekte Mum und gab Jacky sein Frühstück. Trockenfutter.

»Ha! Auf die Neun! Morgen habt ihr Geburtstag!«, freute sich Felix und zog den Pfeil aus dem 9. Oktober. Lorena und ich wechselten einen kurzen Blick. Ihre Augen waren rot umrandet und ein seltsamer Schatten trübte ihren sonst so funkelnden Blick. Derselbe Gedanke kreiste also auch in ihrem Kopf. Legendenreiter. Um mir von meiner seltsamen Stimmung nichts anmerken zu lassen, konzentrierte ich mich nun noch mehr auf die Brötchen, die irgendwie nicht braun werden wollten. Wie konnte Felix nur so ausgelassen sein? Als würde er sich darüber freuen, dass sein Leben nun in eine mysteriöse Welt voller seltsamer Geheimnisse gezogen würde.