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Ein Rohstoff, nach dem die Welt verlangt. Ein afrikanisches Land, das im Chaos zu versinken droht und in dem eine brutale Terrorgruppe die Menschen tyrannisiert. Eine Doppelagentin, die mehr als ein doppeltes Spiel spielt. Sudan im Jahr 2005. Der ehemalige Rebellenführer John Garang soll Präsident des neu gegründeten Staates Südsudan werden. Im Kampf der Großmächte um die Erdölvorkommen in seinem Land lässt er sich auf einen verhängnisvollen Deal ein. China fühlt sich im Wettlauf um Öl und Macht in der Region benachteiligt und beauftragt die Doppelagentin Jeannette Leblanc mit einem teuflischen Plan: Die Lords Resistance Army unter ihrem brutalen Anführer Joseph Kony soll Garang töten. Jeannette Leblanc und ihr Helfer, der UN-Mitarbeiter Henry Weinberg, geraten in den Fokus westlicher Geheimdienste. Und was für Leblanc als Abwicklung eines weiteren Auftrags begonnen hat wird zu einer Hetzjagd auf sie selbst...
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2012
Jonathan Severin
Thriller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Sudan im Jahr 2005. Der ehemalige Rebellenführer John Garang soll Präsident des neu gegründeten Staates Südsudan werden. Im Kampf der Großmächte um die Erdölvorkommen in seinem Land lässt er sich auf einen verhängnisvollen Deal ein. China fühlt sich im Wettlauf um Öl und Macht in der Region benachteiligt und beauftragt die Doppelagentin Jeannette Leblanc mit einem teuflischen Plan: Die Lord’s Resistance Army unter ihrem brutalen Anführer Joseph Kony soll Garang töten. Jeannette Leblanc und ihr Helfer, der UN-Mitarbeiter Henry Weinberg, geraten in den Fokus westlicher Geheimdienste. Und was für Leblanc als Abwicklung eines weiteren Auftrags begonnen hat, wird zu einer Hetzjagd auf sie selbst …
Motto
Vorbemerkung
Prolog
Erster Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Zweiter Teil
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Epilog
Glossar
Danksagung
»Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren ist […].«
Patrice Lumumba 1960 beim Festakt zur Unabhängigkeit der Republik Kongo als Antwort auf die Rede des belgischen Königs Baudouin
»Afrika ist [auch heute noch] eine Illusion in den Köpfen der Weißen.«
Jemand, der mehr über diesen Kontinent weiß, als er zugeben würde
Am 30. Juli 2005 starb Sudans Erster Vizepräsident und Führer der autonomen Provinz Südsudan John Garang beim Absturz eines ugandischen Regierungshubschraubers. Der frühere Rebellenführer, der für eine Unabhängigkeit von dem nach islamischen Gesetzen regierten Sudan kämpfte, war erst wenige Tage im Amt und auf dem Weg von Uganda in sein Hauptquartier New Site im südlichen Sudan.
Vorausgegangen war ein intensiver Prozess an Verhandlungen, die in dem sogenannten Comprehensive Peace Agreement (CPA) mündeten, das am 9. Januar 2005 in Naivasha unterzeichnet worden ist. Es gewährt der südsudanesischen Region weitgehende Autonomie. 2011 fand ein Referendum in Südsudan statt, in dem über die Unabhängigkeit vom Sudan entschieden wurde.
Die Provinz Südsudan gilt als äußerst reich an Erdöl und wurde vor und während des Bürgerkrieges von vielen Staaten umworben, um Konzessionen für die Exploration zu erhalten.
Obwohl das Comprehensive Peace Agreement eine Neuverhandlung der Konzessionen ausdrücklich untersagt, wurden von allen Beteiligten neue Verhandlungen aufgenommen. John Garang unterzeichnete mit einem Konsortium unter britischer Führung eine Konzession für ein Areal, das als Block B bezeichnet wird. Zuvor hatte bereits die französische TotalFinaElf von der Regierung in Khartoum die Rechte für Block B erhalten. Auch die chinesische Regierung kaufte seit Jahren Konzessionen im Sudan und hatte allergrößtes Interesse an Block B.
Der Tod John Garangs wurde nie wirklich geklärt und bleibt bis heute mysteriös. Als offizieller Grund wurde schlechtes Wetter und dann wieder ein technischer Defekt angegeben. Das offizielle Untersuchungsprotokoll, das durch russische, amerikanische, kenianische und ugandische Spezialisten erstellt worden ist, wurde nie veröffentlicht. Die unterschiedlichen Untersuchungskommissionen konnten sich nicht einmal darauf einigen, wie viele Leichen sie an Bord des Hubschraubers gefunden hatten. In Kreisen ostafrikanischer Journalisten wurde ein Abschuss des ugandischen Helikopters durch die Lord’s Resistance Army (LRA) für möglich gehalten.
Die aus nur etwa achthundert Rebellen bestehende LRA, die mehr als zwanzig Jahre als brutale Terrororganisation den Norden Ugandas unsicher machte, spielt in der ugandischen Politik eine äußerst nebulöse Rolle, da sie trotz regelmäßig durchgeführten Strafaktionen der ugandischen Armee bis heute nicht zerschlagen worden ist. Immer wieder kam und kommt der Verdacht auf, dass die LRA als nützliches Werkzeug der ugandischen Regierung dient und von hohen Militärs gedeckt wird.
Nach dem Tode Garangs wurden die Konzessionen, die zuvor an das britische Konsortium vergeben worden waren, sofort von seinem Nachfolger zurückgezogen. Die Rechte für Block B bekam ein Konsortium unter der Führung der französischen TotalFinaElf.
Der vorliegende Roman beschreibt den Kampf der Großmächte um den Zugang zu Rohstoffen in einem noch gar nicht souveränen Staat und erzählt den möglichen Verlauf, der schließlich zum Tod von John Garang führte, in einer fiktiven Form, ohne dass der Autor den Anspruch erhebt, den vollständigen Ablauf des Geschehens im Detail zu kennen.
Alle im Roman handelnden nicht-öffentlichen Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen sind ungewollt und rein zufällig. Personen, die auch heute noch ein öffentliches Amt innehaben, werden verfremdet dargestellt. Ihre Rolle in den beschriebenen Geschehnissen ist rein fiktiv.
Nicht-fiktive und öffentliche Personen sowie Fremdwörter werden in einem Glossar erläutert. Ein Großteil dieser Erklärungen wurde in gekürzter Form dem Onlinelexikon Wikipedia entnommen.
Als sich die Nacht über die Ebene Nordugandas gelegt hat, wagen sich die Kinder aus dem schützenden Straßengraben. Sie lugen vorsichtig durch das hochgewachsene Gras, schauen die rote Lateritstraße entlang und heben langsam ihre kleinen, zarten Körper aus dem Dickicht. Nach und nach kommt ein Kind nach dem anderen hervor. Die Kinder laufen im Gänsemarsch die unebene Piste entlang. Die Nacht kommt schnell über das Land der Acholi. Die etwa fünfzehn Kinder gehen hintereinander, ohne ein Wort zu sprechen. Immer sind sie darauf bedacht, blitzschnell im hohen Gras zu verschwinden. Sie gehen nach Gulu, einer Stadt im nördlichen Zentraluganda. Sie sind ärmlich, aber nicht zerlumpt gekleidet. Ihre Körper sind schmal und sehnig, aber nicht ausgehungert. Es sind keine Kinder ohne Heimat, von denen es in diesem Land auch genügend gibt. Es sind Kinder aus den benachbarten Dörfern, aus funktionierenden Familien, aus bestehenden sozialen Strukturen.
Nachdem die zunehmende Dunkelheit ihre tropische Schwärze erreicht hat, schließen die Kinder enger auf, und die Älteren nehmen die Jüngeren an den Händen. Die kleine Gruppe kann nun nur noch wenige Meter weit sehen und wandert ängstlich, aber zielstrebig in eine große dunkle Leere.
Es kann nicht mehr weit sein bis zu der einspurigen Brücke, die über einen der zahlreichen, tief in das harte metamorphe Gestein gefrästen kleinen Flussläufe führt. Hinter der Brücke sind sie sicher, das wissen sie. Warum, wissen sie nicht. Sie wissen nur, dass hinter der Brücke noch nie ein Überfall stattgefunden hat. Aber die aus rohem Holz gezimmerte Brücke, die in ihren Fahrspuren mit Blechen ausgelegt ist, will und will nicht in der Dunkelheit erscheinen.
Dafür tauchen seltsame Wesen am Wegesrand auf. Große dunkle Geister mit langen Nasen, riesigen Händen und unförmigen Köpfen. Beim Näherkommen stehen all diese Wesen plötzlich still und werden zu Bäumen mit über die Straße ragenden Ästen, sie verwandeln sich in große Büsche oder gesammeltes Feuerholz, das auf seine Abholer wartet.
Die Geister sind den Kindern aus anderen Nächten wohlvertraut. Trotzdem schleichen sie, stumm vor Angst, durch die Nacht, einer großen Stadt entgegen, die sie nicht willkommen heißt, die ihnen aber nachts Sicherheit gewährt. Sie kennen nicht den Namen der Stadt, aber sie wissen, dass an ihrem Rand eine große, leere und zugige Halle steht, die früher einmal von den wazungu als Getreidesilo genutzt wurde. Dort können sie sicher vor den Rebellen schlafen.
Die Kinder werden Nachtwanderer genannt. Sie verlassen jeden Abend ihre Dörfer und sammeln sich in kleinen Gruppen nahe der großen Straße. Dort verstecken sie sich, bis es dunkel wird, um dann in die Stadt zu schleichen, sich in irgendeinem leeren Verschlag eng zusammenzukauern und in der kalten Nacht der ostafrikanischen Ebene einzuschlafen. Am nächsten Morgen wandern sie wieder zurück in ihre Dörfer. Diese Flucht wiederholt sich Nacht für Nacht.
Sie kennen die Gefahr. Sie wissen, vor wem sie sich fürchten müssen. Es sind meist junge Männer, aber auch Frauen mit harten, ausdruckslosen Gesichtern. Sie schleichen in kleinen Gruppen durch die dornige, trockene Steppe und überfallen die Dörfer und Weiler der Cassava- und Maniokbauern. Blitzschnell tauchen sie aus dem Busch auf, blitzschnell sind sie auch wieder verschwunden. Sie rauben alle Vorräte, und sie rauben die Kinder. Die Jungen werden Soldaten, die Mädchen werden Sexsklavinnen. Später können auch sie Soldaten werden.
Als Erstes werden die geraubten und verängstigten Kinder in Gruppen desselben Clans aufgeteilt. Dann muss ein Kind ein anderes Kind aus dem gleichen Clan vor den anderen töten. Ein Clanmitglied, das ein anderes Clanmitglied tötet, hat sein Recht verwirkt, jemals zu seinem Clan, zu seinem Land, in seine Heimat zurückzukehren. In der Kürze eines einzigen Schusses werden jeweils zwei junge Menschenleben zerstört. Der Getötete und der Tötende können nicht mehr in die wichtigste und stabilste Einheit der afrikanischen Gesellschaft zurückkehren: die Familie. Die Tötenden werden dazu verdammt, außerhalb des Clans zu leben, und sie werden wie auch die Getöteten außerhalb ihres Clans begraben. Mit ihrer erzwungenen Tat werden sie zu willenlosen und gefügigen Kämpfern der Lord’s Resistance Army, überall im Land als LRA bekannt.
Als die kleine Gruppe endlich im blassen Licht des durch die tropischen Wolkentürme scheinenden Mondes die kleine Brücke erkennen kann, verlieren die Kinder in der Vorfreude der nahenden Sicherheit für einen kurzen Augenblick ihre konzentrierte Aufmerksamkeit. Zu spät bemerken sie die nahe der Brücke stehenden Männer.
Starr vor Angst bleiben sie stehen, rühren sich nicht von der Stelle, stehen vollkommen schutzlos am Rande der Straße. Die Männer, die jedes Geräusch im Busch kennen, heben augenblicklich ihre schweren automatischen Waffen. Noch ehe die Kinder verstehen, wen sie da angetroffen haben, sind sie umzingelt.
Die Kinder sieht man nie wieder. Sie verschwinden einfach eines Nachts in der Dunkelheit am Rande der Straße von Lira nach Gulu im nördlichen Zentraluganda. Sie verschwinden, wie Tausende Kinder vor ihnen, ohne dass die Welt davon Notiz nimmt.
Sir Goldsworthy saß in einer kleinen Lehmhütte, in der es nach Kuhdung und Schweiß roch. Ein trockener heißer Wind durchdrang jeden Winkel. Draußen schien gleißend gelbes Licht, das in der Mittagshitze eine matte Fahlheit annahm. Sir Goldsworthy dachte darüber nach, was ihn in diese Hütte gebracht hatte. Er blinzelte durch eine der zahlreichen Ritzen nach draußen. Ein paar abgemagerte Kühe warteten unentschlossen unter einem kahlen Baobabbaum, der sich wie ein dunkler Scherenschnitt gegen die fast schmerzende Helligkeit abhob. Im Schatten des mächtigen Stammes stand ein Krieger auf einem Bein. Das andere Bein hatte er angewinkelt und gegen das Standbein gestemmt. In der Hütte saßen noch drei andere Männer. Sie scheuchten träge die unzähligen Fliegen aus ihrem Gesicht, die sich mit nicht enden wollender Penetranz auf ihren trockenen Lippen und Augenlidern niederließen.
Die Fliegen scheinen die einzigen Wesen zu sein, denen es nicht an Energie mangelt, dachte Sir Goldsworthy neidisch. In dunstiger Ferne sah er auf flirrender Luft ein Auto. Als es sich langsam und geräuschlos durch die glitzernden Luftspiegelungen näherte, konnte er einen zweiten und dann noch einen dritten Wagen erkennen. Die Kolonne schien durch die Luft zu schweben und sich gar nicht weiter zu nähern. Endlos waren sie am Horizont zu sehen, ohne dass sie größer oder kleiner wurden.
Goldsworthy wischte sich die schweißnassen Hände an seiner Jacke ab. Er verspürte eine leichte Unruhe.
Der Krieger machte ein schnalzendes Geräusch. Die weißen Männer in der Hütte konnten nicht erkennen, ob das Schnalzen von einem Tier oder einem Menschen kam. Nur der Afrikaner in ihrer Mitte sagte tonlos: »Er kommt.«
Sofort begannen die drei Weißen, auf dem sandigen Boden unruhig hin und her zu rutschen.
»Es wird noch dauern«, sagte der Afrikaner nach einer Weile freundlich. Goldsworthy hoffte, dass der trockene Lehm den Schweißgeruch irgendwie absorbieren würde. Das gleißende Licht versuchte, durch jede noch so kleine Ritze nach innen zu dringen. Wie Theaterscheinwerfer durchschnitt es die staubige Luft und beleuchtete irgendeine Belanglosigkeit in der lehmigen Finsternis. Was um alles in der Welt hatte ihn bloß in diese gottverdammte Einsamkeit gebracht? Er sehnte sich nach seinem klimatisierten Büro in Nairobi.
Immer noch stierte Sir Goldsworthy durch eine der Ritzen. Die Autos wurden langsam größer. Sie fuhren noch immer mit einigem Abstand durch die flimmernden Luftspiegelungen der Savanne. Plötzlich bogen sie ab, entfernten sich wieder von der Lehmhütte und dem Baobabbaum, fuhren einen großen Bogen und begannen sich wieder auf ihr scheinbares Ziel zuzubewegen. Wieder schnalzte der Krieger, und der Afrikaner in der Hütte stand langsam auf.
Goldsworthy und seine Begleiter warteten nun draußen und schauten mit zusammengekniffenen Augen, die sie mit den Händen beschatteten, in die gleißende Ferne.
»Das nennt man wohl eine Win-win-Situation. Wir werden alle etwas vom Kuchen abbekommen«, sagte Sir Goldsworthy matt. Es sollte gut gelaunt klingen, doch niemand reagierte.
Als die Wagen näher kamen und die ersten Gesichter zu erkennen waren, streckte sich Goldsworthy unauffällig. Er war es nicht gewohnt, in einer Lehmhütte auf dem Boden zu kauern. Auf seinem hageren Gesicht hatten sich kleine Schweißperlen gebildet, die von seiner mit bläulich-roten Äderchen durchzogenen Nase langsam nach unten rannen und von seinem vorstehenden Adamsapfel, der aussah, als ob er irgendetwas Spitzes verschluckt hätte, auf sein steif gebügeltes Khakihemd tropften. Er rieb erwartungsvoll die verschwitzten Hände aneinander, um sie sogleich nochmals an seiner Jacke abzuwischen. Dann holte er Luft und wollte etwas sagen, ließ es dann aber bleiben. Er hatte die Angewohnheit, immer dann etwas sagen zu wollen, wenn es nichts zu sagen gab. Goldsworthy schienen die anderen Männer weniger gut aufgelegt zu sein. Sie schauten abwartend auf die nun zwischen dem Baobabbaum und der Lehmhütte parkenden Autos. Aus einem stieg ein Mann mit einem gewinnenden Lächeln und den sicheren Bewegungen eines Befehlshabers. Goldsworthy hatte sich ihn anders vorgestellt. Der Mann war groß und kräftig gebaut. Sein mächtiger Kopf wurde von einem schmalen Haarkranz umrankt, und an seinen Backen wuchs ein grau werdender Bart. Seine Haut war von einer so tiefen Schwärze, wie sie nur die Bewohner der Nilebenen im südlichen Sudan aufwiesen.
»Dr. Garang, ich freue mich sehr, Ihnen Vertreter der britischen Firma Sudan Nile Ltd. vorstellen zu dürfen«, sagte der Afrikaner, der zuvor mit Sir Goldsworthy und seinen beiden Begleitern in der Lehmhütte gewartet hatte. Garang würdigte seinen Landsmann keines Blickes und gab ihm auch nicht zur Begrüßung die Hand. Er ging direkt an ihm vorbei auf die drei weißen Männer zu, die noch immer im Schatten des Baumes warteten. Fast übermütig schüttelte er jede einzelne Hand, stellte sich jedem der Besucher als John Garang vor, und Goldsworthy hatte den Eindruck, dass er bei aller Herzlichkeit gar nicht mitzubekommen schien, was ihm seine Besucher zu ihrer Person mitzuteilen hatten.
Zwischenzeitlich hatte sich seine Entourage aus den schweren Geländewagen geschält. Unter ihnen waren Soldaten und persönliche Sicherheitsleute sowie eine große, schlanke Afrikanerin, die unschlüssig im Hintergrund stehen blieb. Garang winkte sie heran.
»Das ist Lucy Mulongo. Sie arbeitet für das Wall Street Journal und wird die Ergebnisse unseres heutigen Gespräches sogleich nach New York zur Veröffentlichung senden.«
Er schob sie etwas in den Vordergrund und fügte augenzwinkernd hinzu: »Ich habe mit ihrem Vater in Tansania studiert. Sie ist quasi meine Tochter.«
Goldsworthy schaute erst seine beiden Begleiter und dann John Garang überrascht an: »Was hat Sie dazu berechtigt, ohne vorherige Absprache eine Journalistin zu diesem Geheimtreffen mitzubringen?«, fragte er spitz.
John Garang überging die Frage zunächst wortlos und leitete die Gruppe wie ein vorangehender Anführer tiefer in den Schatten. Seine Männer begannen mit dem Aufbau einer straff gespannten Zeltplane und trugen Klappstühle und kleine Tischchen herbei. Erst als sich alle gesetzt hatten und ein Glas kaltes Soda in ihren Händen hielten, fand es Garang angebracht zu antworten.
»Der Aktienkurs der Sudan Nile Ltd. wird sofort nach Bekanntwerden der Konzessionsvergabe in die Höhe schnellen. Ist es nicht das, was wir alle wollen?«, fragte er mit einem süffisanten Lächeln. Er lehnte sich in seinen Campingstuhl zurück und grinste breit in die Runde.
Sir Goldsworthy mochte es gar nicht, wenn ihm ein Afrikaner die Gesprächsführung entriss. Er fläzte betont lässig, aber mit ernster Miene in seinem Klappstuhl und wünschte sich, statt der süßen Soda einen standesgemäßen Whisky in den Händen zu haben.
»Wenn es überhaupt eine Konzessionsvergabe gibt«, erwiderte er trocken. Sein Blick wanderte zu dem Finnen Auvo Nieminen, der vielsagend lächelte.
»Sie haben recht, Mister Goldsworthy«, entgegnete Garang blitzschnell, ohne den anderen eine Chance zu geben, etwas zu sagen. Goldsworthy hatte den Eindruck, dass Garang das Mister überdeutlich betonte, als wolle er ihm klarmachen, dass ein Sir niemals über seine Lippen kommen würde. »Das Comprehensive Peace Agreement verbietet mir, neue Verträge abzuschließen, und meine Freunde im Norden halten diesbezüglich seit vielen Jahren mit der französischen TotalFinaElf rechtsgültige Verträge in ihren Händen.«
Goldsworthy schaute hilfesuchend zu seinem Begleiter Mr. Henderson. Er mochte Henderson nicht. Er wusste, dass dieser ihn wegen seiner dünkelhaften Art auslachte.
»Dr. Garang, ich bin sehr froh, dass Sie Zeit gefunden haben, sich mit uns zu treffen«, sagte Henderson. »Natürlich wäre eine wertmäßig positive Entwicklung der Sudan Nile Ltd. überaus erfreulich. Sie wissen vielleicht, dass die Firma – der ich als CEO vorstehe – nur zu dem Zweck gegründet wurde, sich in der Exploration des sogenannten Blocks B zu engagieren.«
Garang nickte, und Goldsworthy hatte das Gefühl, als ob dieser es vermied, Henderson direkt anzusehen. Stattdessen schien Garang unablässig ihn selbst zu fixieren.
»Die britische Regierung und die Sudan Nile Ltd. kennen selbstverständlich den schmalen vertraglichen Spielraum, den Sie als zukünftiger Präsident …«, Henderson zögerte, und auch Goldsworthy selbst war nicht ganz klar, welchen tatsächlichen Titel Garang später tragen würde. »… den Sie als Führer der Provinz Südsudan haben werden«, verbesserte sich Henderson. Garang lächelte nachsichtig.
Goldsworthy fühlte sich langsam unwohl, denn Garang ließ ihn noch immer nicht aus den Augen.
Noch bevor Henderson mit seiner Einleitung fortfahren konnte oder Sir Goldsworthy die Gelegenheit bekam, eine seiner Belanglosigkeiten zum Besten zu geben, sagte Garang: »In der Tat, Mr. Henderson, meine Möglichkeiten sind sehr gering.«
Erstmals wanderte sein Blick in die Runde und erspähte den feinsinnig lächelnden Finnen. »Aber Sie haben um dieses Gespräch gebeten, und ich vermute, dass Sie sich eine Menge Gedanken gemacht haben, wie Sie Ihr Ziel erreichen können.«
»Die britische Regierung wünscht sich eine angemessene Beteiligung bei der Vergabe der Erdölkonzessionen im bald autonomen Teil des südlichen Sudan«, sagte Sir Goldsworthy steif.
»Natürlich streben wir es an, dass alle Parteien ihren ganz persönlichen Vorteil aus dieser politisch hochriskanten Aktion ziehen werden«, erklärte Henderson. Bei den Worten »ganz persönlicher Vorteil« hob Garang seine Augenbrauen.
»Mr. Nieminen, wie wollen Sie sich in unseren geschäftlichen Plänen engagieren?«, fragte Garang plötzlich den bis dahin schweigsamen Finnen.
»Mein Geschäft ist die Sicherheit«, antwortete dieser. Goldsworthy konnte seine zur Schau gestellte Zurückhaltung nicht ausstehen. Ihm war es nicht entgangen, dass sich John Garang mühelos alle Namen gemerkt hatte und die unterschiedlichen Rollen seiner Gegenüber nun abzuschätzen begann, nachdem Henderson angedeutet hatte, dass Garang und seine Clique auch mit einem privaten finanziellen Nutzen rechnen konnten.
»Dann wären wir ja vollzählig, um unsere Pläne in ihrer ganzen zukünftigen Tragweite zu besprechen«, sagte Garang nun feierlich. »Sie wissen, dass ich mit einer Vergabe der Konzession für Block B an die Sudan Nile Ltd. das Comprehensive Peace Agreement brechen werde. Damit mache ich mich international und auch intern angreifbar.«
Sir Goldsworthy konnte an Hendersons unverschämt aufforderndem Blick erkennen, dass er nun endlich an der Reihe war, eine klare und unmissverständliche Aussage zu machen. Er reckte sich nochmals wichtigtuerisch, schob seinen Kopf etwas nach vorne und merkte bei all seinem Gebaren nicht, wie er, unbewusst und einem lang antrainierten Automatismus folgend, Haltung annahm.
»Die britische Regierung würde Ihre Entscheidung, die Sudan Nile Ltd. der französischen TotalFinaElf vorzuziehen, durch eine großzügige Entwicklungshilfe belohnen«, sagte er, diesmal um eine diplomatische Wortwahl bemüht. Garang nickte beifällig, aber Goldsworthy hatte sogleich den Eindruck, dass er eine präzisere Aussage erwartet zu haben schien.
»Wir würden Ihnen für die kommenden fünf Jahre garantieren, die Hälfte Ihres jährlichen Staatshaushaltes zu finanzieren«, konkretisierte Goldsworthy zögerlich.
»Aus Frankreich wird Ihnen ein Sturm der Entrüstung entgegenschlagen«, sagte Garang.
Goldsworthy wusste zunächst nicht, mit dieser gespielten Besorgnis umzugehen. Aber dass Garang Frankreich in Zusammenhang mit Afrika erwähnte, ließ ihn sogleich an seine imperialen Pflichten denken. Plötzlich war er ganz in seinem Element. Er richtete sich in seinem wackeligen Klappstuhl etwas auf, stellte seine in der Hitze tropfende Soda – den imaginären Whisky – auf den kleinen Campingtisch und sagte steif mit kaum unterdrückter Empörung: »Seit der Faschodakrise versuchen die Franzosen, sich in der britischen Einflusssphäre Ostafrikas festzusetzen. Schon 1898 ignorierten General Kitchener und The Grand Army of the Nile höflich die unter Major Marchand und seinen acht jämmerlichen Offizieren gehisste französische Fahne. Diese Franzosen hielten Faschoda tatsächlich besetzt und reklamierten ein Gebiet von der doppelten Größe Frankreichs für sich«, echauffierte sich Goldsworthy. »Heute wie damals wird sich Frankreich dem Druck Britanniens beugen!«, rief er mit nun plötzlich patriotischer Begeisterung. Henderson räusperte sich, und Goldsworthy hatte den Eindruck, dass er irgendetwas sagen wollte.
»Dann kann ich davon ausgehen, dass die britische Regierung dafür Sorge trägt, keinerlei europäische Rivalitäten um das Öl im Südsudan aufkommen zu lassen«, hielt Garang förmlich fest.
»Das können Sie, Herr General!«, konstatierte Sir Goldsworthy überschwenglich und wunderte sich nun selbst ein wenig über seine unterwürfige Formulierung.
»Es wird eine Menge Gegenwehr aus den Reihen meiner Mitkämpfer geben, wenn bekannt wird, dass die Franzosen ihre versprochenen Verpflichtungen nicht einhalten können«, begann Garang ein weiteres Anliegen zu unterstreichen.
»Die Franzosen würden Sie mit Almosen abspeisen. Der Hauptbetrag fließt nach Khartoum«, hielt Goldsworthy dagegen.
»Wir wären bereit, Sie in angemessener Höhe an der Sudan Nile Ltd. in Form eines Aktienpaketes zu beteiligen«, sagte nun Henderson.
»Wie hoch wäre diese Beteiligung?«, fragte Garang schnell.
»Wir denken zunächst an zehn Prozent. Später, wenn die Explorationsergebnisse an einen der Konzerne verkauft werden, könnten wir über zwölf bis fünfzehn Prozent verhandeln. Das kommt darauf an, wie die Arbeiten vorangegangen sind«, erklärte Henderson.
»Mit dem Geld können Sie Ihre Patronage noch viele Jahre bei Laune halten«, warf Sir Goldsworthy nun wieder respektlos in die Runde. Aber er hatte das Gefühl, dass ihn niemand beachtete.
»Die Mess- und Bohrtrupps müssten bewacht werden«, stellte Garang, jetzt ganz der umsichtige Organisator, fest. Er schaute zu Auvo Nieminen und erwartete von ihm eine Antwort.
»Mr. Nieminen kann Waffen jeglicher Art besorgen. Auch Fluggerät und gepanzerte Fahrzeuge, wenn ich das richtig verstanden habe«, sagte Henderson. Der Finne nickte und lächelte noch immer freundlich. Auch Goldsworthy nickte. Aber er schaute ärgerlich auf seine Soda, deren Kondenswasser noch immer in den Sand tropfte.
»Wer wird das Bewachungspersonal für die Mess- und Bohrtrupps stellen?«, fragte Garang.
»Das sollte durch lokales Personal erledigt werden. Wir werden die ortsüblichen Löhne an Ihre Regierung überweisen lassen. Die Waffen gehen selbstverständlich später in den Besitz der südsudanesischen Regierung über«, unterstrich Henderson. Garang nickte sichtbar zufrieden.
»Ich werde die Bewachung nur von den mir vertrauten Kämpfern meiner eigenen Ethnie durchführen lassen«, sagte er nachdenklich. »Das wird die anderen Volksstämme eifersüchtig machen.«
Henderson sah zu dem Finnen, der wie auf Kommando das Wort ergriff: »Herr General«, begann er lächelnd. »Wir können Ihre internen Widersacher am besten dadurch schwächen, indem wir auch ihnen kontrolliert Waffen zukommen lassen. Mit diesen Waffen werden sie Unruhe stiften, wodurch sie angreifbar werden. Wir geben Ihnen, Herr General, quasi einen Grund, Ihre internen Konkurrenten zu beseitigen.«
Garang nickte nachdenklich und fragte schließlich: »Wer bezahlt diese Waffenlieferungen, und durch wen werden sie organisiert? Ich selbst darf auf keinen Fall darin verwickelt werden.«
»Alle Zahlungen werden durch einen verdeckten Fonds der britischen Regierung übernommen. Die Beschaffung und Lieferung der Waffen wird durch Mr. Nieminen organisiert«, versicherte Henderson, und alle schauten Sir Goldsworthy an.
Garang lehnte sich in seinen Campingstuhl zurück und strahlte in die schwitzende Runde. »Dann darf ich jetzt annehmen, dass wir unsere charmante Begleiterin«, er blickte zu Lucy Mulongo, »mit einer kurzen Meldung im Wall Street Journal beauftragen können, welche die sofortige Konzessionsvergabe von Block B durch die provisorische Regierung der Provinz Südsudan an die britische Explorationsfirma Sudan Nile Ltd. bekannt gibt. Die Meldung wird nächste Woche, am 10. Januar, einen Tag nach der Unterzeichnung des Comprehensive Peace Agreement in New York erscheinen.«
Die Herren nickten, und auch Miss Mulongo wirkte zufrieden. Sir Goldsworthy lehnte sich stolz in seinem unbequemen Klappstuhl zurück und vermerkte scharfsinnig, dass auch die junge Miss Mulongo nun Teil einer Günstlingswirtschaft war, die nicht nur den Sudan in einer erstickenden Umklammerung von gegenseitigen Abhängigkeiten fesselte, die aber für ihn und seinesgleichen ungeheuer vorteilhaft war. Vorausschauend beschloss er, die junge Miss Mulongo in New York darauf hinweisen zu lassen, dass eine Veröffentlichung im Wall Street Journal noch bis Juli zu warten habe. Man würde ihr deutlich machen, dass diese kleine Verzögerung ihrer Karriere nicht schaden sollte.
Sie hatte einen kurzen prüfenden Blick in das Restaurant geworfen, bevor sie es betrat. Herr Li saß an einem aufwendig gedeckten Tisch im Man Ho Restaurant des Marriot Hotels in Hongkong und schaute auf seine Armbanduhr. Sie wusste, dass er Verspätungen nicht akzeptierte. Ungeduldig hob er den Porzellandeckel seiner Tasse und ließ ihn geräuschvoll wieder fallen.
»Ich bin doch nicht etwa zu spät?«, hauchte sie in Herrn Lis rechtes Ohr, wobei der Ärmel ihres dunklen Hosenanzugs seine linke Schulter streifte.
»Doch!«, antwortete er kurz angebunden, konnte sich jedoch ein Lächeln nicht verkneifen. »Doch, sehr verehrte Madame Leblanc, Sie sind eigentlich immer zu spät. Nur Ihr Geld wollen Sie pünktlich haben«, sagte er mürrisch.
Jeannette setzte sich dem Chinesen gegenüber und legte die steif gefaltete Damastserviette auf den Tisch. Ihre langen, schmalen Hände strichen sorgfältig über das Tuch, während sie ihn erwartungsvoll anlächelte.
Herr Li nahm die Dinnerkarte und studierte diese intensiver als nötig.
»Was nehmen Sie?«, fragte er, ohne aufzuschauen.
»Einen eiskalten Weißwein. Und wenn möglich nicht aus China«, fügte sie verschmitzt hinzu.
»Ich kann Ihnen Wein aus China nur empfehlen, obwohl ich weiß, dass Sie ihn nicht zu schätzen wissen«, erwiderte Herr Li in die Karte vertieft, eine Hand an seiner schwarz umrandeten Lesebrille.
»Einen grauen Burgunder aus den Vogesen«, sagte sie schließlich.
Herr Li schien einige Zeit zu benötigen, bis er den gewünschten Wein auf der Karte fand, lächelte dann abermals gönnerhaft, als er den Preis sah, klappte die lederne Karte zu und faltete die Hände.
»Waren Sie schon mal im Sudan?«, fragte er unvermittelt.
»Ja, in Khartoum«, antwortete sie schnell, während ihre Hand nervös über das voluminöse Seidentuch glitt, das locker um ihren Hals gelegt war und im Blazerausschnitt steckte.
Warum hatte er sie ausgerechnet nach dem Sudan gefragt? Eine flüchtige Erregung keimte in ihr auf.
»Wir haben dort explizite Interessen, Madame Leblanc. Diese Interessen beziehen sich auf das Erdöl, das in der Grenzregion zwischen dem nördlichen und südlichen Teil des Landes lagert.«
Herr Li nippte an seinem grünen Tee und lugte über den Rand seiner Lesebrille.
»Sie wissen, dass das Land praktisch zweigeteilt ist. In den moslemischen Norden und in den was-auch-immer Süden. Das Erdöl liegt genau auf der Grenze.«
»Haben Sie Konzessionen für die Erdölfelder?«
»Natürlich haben wir Konzessionen«, antwortete Herr Li ungehalten. »Nur – diese Konzessionen nutzen uns nichts, wenn diese auf dem Territorium des Südsudans liegen, weil ein gewisser Herr Garang plötzlich mit den Europäern verhandelt. Garang hat einen großen Fehler begangen. Er scheint eigenmächtig und ohne Absprache mit der Regierung in Khartoum die Konzessionen zu Block B im Südsudan mit einem britischen Konsortium neu verhandelt zu haben. Dies entsprach nicht den Abmachungen, die vorsahen, dass zunächst keinerlei Konzessionen neu vergeben werden. Wir haben Anlass zur Sorge, dass unser Engagement in den Konzessionsteilen Block 1 bis 4 und 7 durch Garang untergraben wird.«
Herr Li hielt kurz inne, während sein Blick durch das Restaurant wanderte. Jeannette sah, dass sich auf seiner Stirn kleine Schweißperlen gebildet hatten und seine wächserne Haut einen matten Rotton annahm.
Dann fuhr er mit gesenkter Stimme fort, wobei er das erste Mal Jeannette direkt ansah: »Wir haben kein Interesse mehr an Verhandlungen mit Herrn Garang. Im kommenden Januar soll zwischen dem Nord- und dem Südsudan das Comprehensive Peace Agreement unterzeichnet werden. Garang soll dann ein halbes Jahr später als Erster Vizepräsident des Sudan und als politischer Repräsentant des Südsudan gewählt werden. Das Comprehensive Peace Agreement ist die road map für eine spätere Teilung des Landes.«
»Wir haben ebenso kein Interesse an einer endgültigen Teilung des Landes«, fuhr er nach einer Weile fort, während sein Blick wieder durch das Restaurant streifte. »Wir meinen, dass Herr Garang den wirtschaftlichen Interessen Chinas gleichgültig gegenübersteht«, sagte er nun wieder etwas lauter, nachdem er vermutlich festgestellt hatte, dass keine Zuhörer in der Nähe waren.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte sie.
»Erst mal essen wir etwas, verehrte Madame Leblanc.«
Der Weißwein kam und wurde geräuschlos plaziert. Die Dinnerkarten wurden gereicht.
Jeannette ahnte, was Herr Li von ihr wollte. Sie kannte ihn gut aus vorangegangenen Operationen, bei denen sie im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes gearbeitet hatte. Die Chinesen zahlten gut, das war das Einzige, was sie wirklich interessierte. Aber sie wusste auch um die Gefahr, zu tief in die Machenschaften der internationalen Geheimpolitik zu geraten. Die Kunst bestand darin, nur das Nötigste zu erfahren, um nicht selbst plötzlich zum Gejagten zu werden.
Jeannette zupfte wieder an ihrem Seidentuch und zog es etwas höher über den Hals.
»Ist Ihnen kalt, Verehrteste?«, fragte Herr Li, und sie hatte den Eindruck, dass er dies mit gespielter Besorgnis tat. Sie traute ihm nicht. Sie traute eigentlich niemandem.
»Die Klimaanlagen sind immer auf Südpol eingestellt«, erwiderte sie und schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln.
Was willst du von mir, dachte sie. Warum ausgerechnet der Sudan? Ihr habt so viele Agenten im Sudan. Warum ich?
Herr Li stand auf, machte mit zusammengestellten Hacken die Andeutung einer Verneigung und eilte zu einem jungen Mann im schwarzen Anzug, der an einer üppig mit Holz verkleideten Eingangstür stand. Jeannette beobachtete die beiden aus den Augenwinkeln. Der junge Mann hörte schweigend zu und schaute dabei ehrfurchtsvoll auf den taubenblauen Teppichboden. Dann ging er, ohne ein einziges Wort zu erwidern, aus dem Saal.
Als Herr Li wieder Platz nahm, bedankte sich Jeannette mit einem stummen Nicken.
Sie bestellten Austern in Weißwein.
»Die Entwicklungen im Sudan sind nicht in unserem Sinne«, begann Li die Unterhaltung von Neuem. »Die Nordsudanesen haben der vorläufigen Teilung ihres Landes zugestimmt, um das Darfurproblem zu entschärfen und von der Liste geächteter Staaten gestrichen zu werden, die die USA selbstherrlich aufgestellt haben. Herr Garang im Südsudan ist ein äußerst charismatischer Führer. Er wurde sträflich unterschätzt, als man ihn installierte. Nun treibt er die Abspaltung vom Nordsudan mit aller Raffinesse voran und glaubt, sein Vorhaben mit Erdöleinnahmen aus dem Westen finanzieren zu können. Unsere Geologen sagen, dass der überwiegende Teil der Vorkommen in der Grenzregion und im Süden vermutet wird.«
Herr Li nahm einen Schluck Weißwein und tupfte sich bedächtig die Lippen mit der Serviette ab.
»Warum inszenieren Sie nicht einen Putsch?«, fragte sie nach einer langen Pause.
»Weil das vollkommen unglaubwürdig wäre. Die SPLA ist mittlerweile viel zu eng mit Garangs Interessen verwoben.«
»Dann kaufen Sie ihn. So wie Sie halb Afrika gekauft haben.«
»Herr Garang wurde bereits vom Westen gekauft, Verehrteste, das sollten Sie wissen!«
»Herr Li, Garang wäre nicht der erste afrikanische Führer, der sich mehrmals von den unterschiedlichsten Parteien und Interessenten kaufen lassen würde. Was ist Ihr Problem?«
»Haben Sie schon einmal von der irischen Explorationsfirma Patricks Oil gehört?«, fragte Li und schlürfte gekonnt eine Auster aus ihrer Schale.
»Nein«, antwortete Jeannette matt und nestelte abermals an ihrem Seidentuch, um zu demonstrieren, dass die Temperatur im eisgekühlten Restaurant noch keine für sie angenehme Höhe erreicht hatte.
»Patricks Oil hat in einem kleinen Areal im ugandischen Albertsee erste Erdgas- und Erdölvorkommen exploriert. Die China National Petroleum Corporation hat sich ebenfalls intensiv um diesen Auftrag bemüht, aber Museveni hat uns den Auftrag nicht gegeben. Auch bei den angrenzenden Claims sind wir bisher nicht zum Zuge gekommen. Seitdem klar ist, dass Museveni bei den Wahlen im Februar 2006 noch einmal die Macht erstreiten will, tritt immer deutlicher eine oppositionelle Clique von hochrangigen Offizieren hervor, die nach einem günstigen Augenblick suchen wird, Museveni zu stürzen. Wir haben dem Führer dieser Oppositionsgruppe, Tito Badaza, ein Angebot gemacht: Er hilft uns, Garang zu beseitigen, wir unterstützen seinen Putsch gegen Präsident Museveni, und dafür werden wir an den Rechten für die Erdölausbeute beteiligt.«
»Aber Badaza und Museveni verbindet eine – Männerfreundschaft, würde man wohl sagen«, fügte sie nach einem kurzen Zögern ironisch hinzu.
»Das ist lange vorbei. Teile der ugandischen Armee sind unzufrieden mit Musevenis autokratischem Stil. Sie wollen mehr an der Macht und ihren Gewinnen beteiligt werden. Museveni denkt überhaupt nicht daran, einen Nachfolger aus der Armee oder der Partei aufzubauen. Er scheint seine Familie als einzig legitime Machtbasis anzusehen.«
»Aber warum sollte Badaza Interesse an einem Tod Garangs haben?«, fragte Jeannette.
»Badaza ist ein Fuchs, Verehrteste. Er weiß sehr genau um die Gefahr, dass Garang die ugandische West-Nile-Region, die ethnisch dem Südsudan viel mehr verbunden ist als dem selbstherrlichen Buganda-Regime, mit in seine Sezessionsbestrebungen ziehen könnte. Er glaubt, Garangs Stellvertreter Salva Kiir Mayardit viel leichter in seinem Sinne steuern zu können. Und wir glauben, dass Salva Kiir und Riek Machar, sein wichtigster Verbündeter, dem moderaten Zeitplan des noch zu unterzeichnenden Comprehensive Peace Agreement viel strenger folgen werden. Dadurch gewinnen wir Zeit und können auf den Fortgang im Sudan besser reagieren. Vor allem aber wäre die vollkommen unkalkulierbare Variable John Garang außer Kraft gesetzt – für immer!«
»Sie beseitigen Garang und bekommen dafür die ugandischen und südsudanesischen Erdölvorkommen«, fasste sie trocken zusammen.
»Nein, Verehrteste, wir lassen Garang von der Lord’s Resistance Army beseitigen. Die LRA wird für solche und ähnliche Aktionen seit einiger Zeit von Badaza und seinen Offizieren in der Hinterhand gehalten, sozusagen als carte blanche, um es in Ihrer Heimatsprache auszudrücken«, erwiderte Li mit einem spöttischen Lächeln.
Jeannettes Interesse war schlagartig geweckt. Sie legte die in ihrer Hand wartende Auster wieder auf den Teller und versuchte, so gleichgültig wie möglich auszusehen.
»Wenn Sie an einer Zusammenarbeit mit uns interessiert sind, dann wird Sie unsere Kontaktperson in Peking in die Einzelheiten einweihen. Sie können selbstverständlich auch eine eigene Planung vorschlagen, die dann jedoch von uns abgesegnet werden muss.«
Jeannette nickte kurz, erhob sich und verließ das Restaurant, ohne den noch auf dem Tisch stehenden Austern oder dem Weißwein weitere Beachtung zu schenken.
Sie ging auf dem Queensway Richtung Westen und tauchte ein in den ständigen Strom sich irgendwohin bewegender Menschen, die in den feuchtheißen Gebäudeschluchten Hongkongs wie Datenströme hin und her flossen. Die Dezembernacht hatte ihre milde Kühle über die Stadt gelegt, die jedoch die tiefen Etagen der Straßenzüge mit ihrer erfrischenden Brise noch nicht erreicht hatte.
Schnell bemerkte sie den jungen Mann im schwarzen Anzug, der ihr aus dem Restaurant heraus gefolgt war, ohne zuvor auch nur einen Gedanken daran verschwendet zu haben, sich darum zu kümmern, dass die Klimaanlage im Restaurant des Marriot Hotels etwas erträglicher eingestellt worden wäre.
Berlin im Dezember ist entsetzlich, dachte sie. Grau und nass legte sich der frühe Abend über die im Feierabendverkehr pulsierende Stadt. Jeannette sah aus dem Schaufenster des Café Einstein. Genervt schlängelten sich die mit Weihnachtseinkäufen beladenden Menschen durch die grauen Häuserschluchten. Sie fröstelte. Aber das war nichts Ungewöhnliches.
Es war eine vollkommen aberwitzige Idee, sich im Café Einstein zu treffen, einem Treffpunkt für Journalisten und Politiker. Dusseliger kann man einen informellen Austausch nicht arrangieren, dachte sie.
Sie sah ihn schon von weitem, obwohl sie ihn nicht kannte. Sie sah, wie er ständig die Straßenseite wechselte, wie er aufmerksam die Spiegelbilder der Schaufenster nach etwaigen Verfolgern absuchte und wie er seinen Mantelkragen hochschlug und seine in den Taschen versenkten Hände zu Fäusten ballte.
Das Café Einstein war um diese Zeit nicht sonderlich gut besucht. Zu früh für ein Abendessen und zu spät für einen letzten Kaffee, saßen nur einige wenige Touristen in der vorderen Hälfte. Ihre wattierten Mäntel hatten sie bauschig und platzraubend über die viel zu kleinen Stuhllehnen gelegt. Meist bestellten sie etwas gehemmt, wegen des berühmten Namens und der hier und da verstreut sitzenden Prominenten, nur eine Kleinigkeit.
Beim Eintreten stampfte er mehrmals mit seinen Schuhen auf den Boden und hauchte in seine immer noch zu Fäusten geballten Hände. Sie musste schmunzeln. Wen hatte ihr Victor denn da geschickt? Er ging langsam durch den vorderen Teil des Cafés in das Restaurant. Sie fragte sich, wie sie wohl auf ihn wirkte. Er mochte in der hinteren rechten Ecke eine Frau mittleren Alters erblicken, die trotz der abendlichen Stunde eine große, sehr moderne Sonnenbrille mit leicht getönten Gläsern trug. Wieder schmunzelte sie. Er sieht eine Frau, die in eine riesige, dicke, bordeauxrote Mohairstola gewickelt ist. Aber er sieht mich nicht wirklich. Mein Hals und meine Schultern sind vollkommen eingehüllt, und der bauschige Schal reicht mir bis an die Ohrläppchen. Sie spürte ihre kalten Hände, als er zögernd auf sie zukam. Diese Aufmachung entspricht nicht deinen Erwartungen. Du hast mit einem Businesskostüm gerechnet, dunkle Farben, eng geschnitten, weiße Bluse.
»Madame Leblanc?«, fragte er, offenbar unsicher, ob er nicht vielleicht doch die falsche Kontaktperson angesprochen hatte.
»Sie müssen Manfred von Hassel sein«, sagte sie leise und freundlich, ohne ihre Sonnenbrille abzunehmen.
»Sie haben Informationen? Ich meine – Sie haben afrikabezogene Informationen für uns?«, fragte er linkisch, während er sich hinsetzte, ohne vorher den Mantel auszuziehen.
Sie nahm einen Schluck Espresso und schaute gelangweilt auf einen Fotodruck von Helmut Newton, der langbeinige, nur mit einem Pelz um den Hals und einer brennenden Zigarette in der graziös abgewinkelten Hand bewaffnete Damen in Schwarz-Weiß zeigte.
Victor Holm hatte ihr von Hassel als einen »fähigen jungen Mann« beschrieben. Victor war als Leiter der Afrika-Abteilung im BND immer schon pflichtschuldig darauf bedacht gewesen, den Informationsfluss zwischen den befreundeten europäischen Diensten am Laufen zu halten, entsann sie sich, während sie den jungen Agenten nachsichtig musterte.
Obwohl du es mit den französischen Freunden nicht immer leicht gehabt hast. Wieder schmunzelte sie, als sie an den jungen, wilden Victor Holm dachte, der er vor langer Zeit einmal gewesen war. Man könnte auch sagen, dass es für Victor Holm unmöglich war, mit den Franzosen zusammenzuarbeiten, erinnerte sie sich mit einer leisen Wehmut.
»Wir planen eine Aktion in Uganda«, antwortete sie schließlich auf von Hassels Frage. »Die dortige Regierung hat uns gebeten, sie mit militärischem Material im Kampf gegen die Lord’s Resistance Army zu versorgen. Da wir jedoch in Ruanda stark engagiert sind und an keinen weiteren bilateralen Verhärtungen zwischen diesen beiden Staaten interessiert sind, hoffen wir, dass die deutschen Dienste uns in dieser Angelegenheit behilflich sein könnten.«
»Was meinen Sie mit militärischem Material?«
»GPS-Navigations- und Nachtsichtgeräte, tragbare Sprechfunkanlagen.«
»Wie soll das Material nach Uganda gelangen?«
»Über einen Mittelsmann in Helsinki. Er ist Waffenhändler. Seine Firma hat ihren Sitz in Belgrad. Sein Name ist Auvo Nieminen. Er wird das Material über Boosaaso in Somalia in die Great Lakes Region transportieren. Die Ugander werden die Lieferung in Juba, im Südsudan, entgegennehmen und dann über die Grenze nach Adjumani oder Moyo schaffen. Dort wird sie von der ugandischen Armee im Kampf gegen die LRA verwendet. Alles sollte von einem Beobachter aus der Ferne begleitet werden, falls die Ugander die Lieferung anderweitig verwenden.«
»Sie vermuten eine Aufdeckung durch den ruandischen Geheimdienst?«
»Die UPDF ist voll von Ruandesen, die sich alle als alteingesessene Bugander bezeichnen. Der Buschkrieg gegen Amin und Obote wurde maßgeblich von Ruandesen unterstützt, die alle noch als Offiziere in der ugandischen Armee dienen. Wir wollen die ruandische Regierung wegen einer solchen Lappalie nicht verärgern«, log sie.
»Auch wir haben Interessen in Ruanda«, sagte er etwas lahm.
»Sagt Ihnen die Opération Turquoise etwas?«
»Natürlich!«, antwortete er empört.
Sie nestelte an ihrer Stola und zog sie etwas dichter an den Hals. »Aber Sie haben nicht, wie die damalige französische Regierung, einen Völkermord in Ruanda mit zu verantworten«, erwiderte sie scharf.
Manfred von Hassel wirkte ratlos. Bei dem Namen musste sie wieder schmunzeln. Diese Deutschen. Er versucht, hinter meine große Sonnenbrille zu schauen.
»Warum sollten wir Ihnen helfen?«, fragte er schließlich.
Jeannette blickte wieder auf das Helmut-Newton-Foto. Ihre Hand glitt von unten aus der voluminösen Stola, die ihren Oberkörper einhüllte. Sie fasste sich an den nun entblößten, sehr dünnen und langen Hals und ließ die Hand am Übergang zwischen Brust und Hals ausgestreckt liegen.
»Wir haben Ihnen letztes Jahr eine Information betreffend eines Doppelagenten in Ihrem Konsulat in Schanghai zugespielt«, sagte sie. »Wir denken, dass diese Information zu diesem Zeitpunkt, als der deutsche Bundeskanzler gerade Schanghai besuchte, sehr wichtig für Sie gewesen sein dürfte.«
