Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal - Johannes Hofinger - E-Book

Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal E-Book

Johannes Hofinger

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Fotograf auf Ahnenforschung, ein Greifvogel mit makabrem Geschmack, ein verschwundener Adelssohn, ein schlitzohriger Pfarrer mit Hang zum Hochprozentigen – und mittendrin eine Leiche, die keiner vermisst. Noch nicht. Als Georg im verschneiten Waldviertel ein paar Vögel fotografieren will, ahnt er nicht, dass er dabei den Schlüssel zu einem Kriminalfall liefert, der skurriler kaum sein könnte. Zwischen Familienchronik, Schnapstouren mit rüstigen Pfarrern und einem mordsmäßigen Erbe entwickelt sich eine irrwitzige Spurensuche. Was hat es mit dem ominösen Karl im Stift Zwettl auf sich? Wer hat die Leiche am Hauptplatz deponiert? Und warum muss der Bürgermeister immer alles mit Obstler lösen? Ein Krimi mit Lokalkolorit, scharfer Beobachtungsgabe und einer ordentlichen Prise schwarzem Humor. Für Fans von Dorfkrimis, bei denen nicht nur ermittelt, sondern auch ordentlich gelacht wird.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Film, Funk und Fernsehen, durch fotomechanische

Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des

Verlages.

Alle Personen in diesem Roman sind erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist natürlich rein

zufällig (und nicht beabsichtigt).

© Verlag Hannes Hofinger 2025

A-6380 St. Johann in Tirol

WWW.HANNES-HOFINGER.AT

[email protected]

978-3-9505702-4-3

Die Leiche hinter dem Kriegerdenkmal

in St. Johann in Tirol

Roman

von

Hannes Hofinger

Wie alles begann …

„Georg, sag, kannst Du mir helfen?“

„Meinem Lieblingsonkel helfe ich doch immer gerne. Worum geht´s?“

„Du weißt ja, dass ich seit vielen Jahren alles, was unsere Familiengeschichte betrifft, sammle und versuche, endlich eine Familienchronik zu erstellen. Und da Du diesbezüglich schon einiges vorzuweisen hast, dachte ich, ich frag dich einfach mal.“

„Carl, ich schau mir das gerne an und momentan hätte ich sogar ein wenig Zeit. Die Fotos für meinen neuen Bildband sind beim Verlag und da heißt es ohnedies nur Abwarten. Wir haben uns ja schon vor längerem einmal über unsere Familiengeschichte unterhalten und du sagtest, dass die Wurzeln irgendwo im Waldviertel liegen. Eine schöne Gegend. Vielleicht mache ich meinen nächsten Bildband über diese romantische Ecke Österreichs. Ich melde mich, wenn ich Deine Unterlagen durchgesehen habe.“

„Danke.“

„Für die Spesen kommt aber schon die Familie auf, oder?“

„Ehrensache.“

Waldviertel

Die frühesten Hinweise, welche er finden konnte, zeigten, dass die Familie aus dem Waldviertel stammte. Ein Vorfahre war zu Ende des 16. Jahrhunderts nach Frankenfeld gezogen. Vermutlich aus dem Osten kommend. Den Ort Frankenfeld gab es aber nicht mehr, aber die Gegend, wo dieser Ort gewesen war, ließ sich gut dokumentieren. In der Nähe von Zwettl. Und einer der Vorfahren hatte diesem Stift Zwettl einst einen nicht unbeträchtlichen Grund übereignet. Warum? Verkauft? Verschenkt? Dies ließ sich nicht eruieren.

Georg beschloss, in der Gegend eine Ferienwohnung zu mieten und seinen längst fälligen Urlaub diesmal im Waldviertel zu verbringen.

Es war Anfang Dezember, als er es sich endlich einrichten konnte und in einem völlig unbekannten Nest namens Kamles die gebuchte Ferienwohnung bezog. Schon die Anreise war nicht gerade einladend. Ein eisiger Wind fegte Schnee über die endlose, bügelbrettglatte Landschaft, überzog streckenweise die Landesstraße mit einer weißen, durchscheinenden Decke. Wie fliehende, weiße Geister entschwanden die Gestalten beim Anblick der Scheinwerfer und versteckten sich in der endlosen Weiße der Landschaft um im Rückspiegel als lachende Tänzer höhnisch zurückzuwinken.

Er hatte gut geschlafen und nachdem er das nächtliche Eis von der Windschutzscheibe gekratzt hatte, beschloss er, die nähere Umgebung zu erkunden. Der Wind hatte nicht nachgelassen, ein leichter Schneefall fütterte die Windböen mit frischer Munition, welche quer über die Straße zu schleudern sie offensichtlich teuflischen Spaß hatten. Georg war auch begeisterter Fotograf und in dieser Disziplin war er wirklich gut. Seine Bildverkäufe über Fotolia und Adobe Stock hielten sich zwar sehr in Grenzen, aber das störte ihn wenig. Für eigene Bildbände und Broschüren und Kalender waren die Fotos immer gut. Und als Fotograf war er immer schussbereit. So auch heute. Die Kamera lag am Beifahrersitz, bestückt mit langem Teleobjektiv, einem 120-400er Zoom, da er mit Rehen oder Hasen in diesen weiten, waldreichen Ebenen rechnete.

Und plötzlich war es so weit. Vielleicht 200 Meter vor ihm auf einer glatten Schneewechte war eine Schar von Krähen und dazwischen ein riesiger Greifvogel zu sehen. Er hielt das Auto an, öffnete das Seitenfenster und griff zur Kamera. Ein geübter Dreh am Einstellring für die Verschlusszeit, Autofokus auf manuell und Auslöser auf Serienbilder. Das musste ein Habicht sein. Oder Bussard? Wer war größer? Doch der Habicht, oder? Völlig egal. Jedenfalls kämpfte die Vogelschar um irgendein Aas. Ein großes Stück Aas. Aber wegen der Schneewechte konnte er es nicht erkennen. War ja auch nicht so wichtig. Hauptsache der Greifvogel war scharf abgebildet, dies mussten sensationell gute Fotos werden, dachte er. Jetzt, einfach geil, der Kerl reißt ein großes Stück aus dem Aas, obwohl er mit der anderen Kralle schon etwas festkrallt, halb in der Luft, halb am Fleisch, jetzt reißt der Faden, beide Krallen halten Beute und der Vogel hebt mit kraftvollen Schwingen ab wie ein schwer überladener russischer Transporthubschrauber. Die Nikon rattert wie ein Sturmgewehr. Zehn Aufnahmen pro Sekunde müssten bei dieser Einstellung möglich sein, also draufbleiben am Drücker und den Vogel verfolgen, bis er im nahen Wald zwischen den Bäumen verschwindet.

Georg ist zufrieden. Solche Aufnahmen kannst du nicht einmal im Alpenzoo schießen, denkt er und beschließt, zurück in die Ferienwohnung zu fahren, um die Aufnahmen abzuspeichern und zu sichten.

Nikon an Laptop angeschlossen. Transfer beginnt. Es dauert nur wenige Minuten, und die Bilder sind am Laptop zu sehen. Geil, einfach geil, findet es Georg.Er beginnt, die Bilder zu vergrößern, zu zoomen. Was hat denn nun dieser Riesenvogel da an den Krallen? Zu unscharf. Das nächste Bild. Gestochen scharf, das ist ja der reine Wahnsinn. An der einen Kralle hängen irgendwelche Hautfetzten oder Sehnen oder Muskelfasern und an deren Ende ganz eindeutig ein Auge. O Gott, der Vogel hat dem Aas ein Auge ausgerissen, das kann doch nicht wahr sein. Aber es ist eindeutig ein Augapfel. Und dieses tote Auge starrt glasklar und scharf aus dem Laptop und schaut ihn an. Keine Ahnung, was das einmal für ein Tier war. Hase? Keine Ahnung. Aber was ist das an der anderen Kralle? Zu unscharf. Mal sehen, ob diese zweite, hintere Kralle auf einem anderen Bild deutlicher zu sehen ist. Er wischt von Foto zu Foto weiter, bis tatsächlich die Kralle scharf zu sehen ist. Und jetzt wird ihm unheimlich!

Georg greift zum Handy und ruft den Polizeinotruf. Kein Netz. Also muss ich selber nachsehen. Er steigt ins Auto und fährt zu der Stelle, wo er die Aufnahmen gemacht hat. Er versucht es nochmal mit dem Notruf. Kein Netz. Er fährt ein paar hundert Meter vor, kein Netz, er dreht um, einen Kilometer zurück, leider kein Netz, ja was ist denn das hier für eine Scheißgegend? Nur keine Panik. Es ist noch heller Tag, also alles roger, ganz ruhig bleiben. Wenn nur dieser scheiß Wind nicht wäre. Er nimmt dir jede klare Sicht. Dennoch. Ich muss jetzt wissen, was das ist. Zurück zum Aas. Aussteigen? Ja, natürlich aussteigen, du kannst ja nicht auf die Wiese fahren. Er wechselt das Objektiv an der Nikon, setzt ein Universalzoom 28-200 an und stapft gegen die Böen kämpfend in Richtung der Stelle, wo eben noch eine Gruppe von Krähen mit einem Greifvogel eine grausige Schlacht ums eisigkalte Buffet ausgetragen hat. Aber da ist nichts mehr. Ja, sicher ist es dieselbe Stelle, bin ja nicht blöd, genau da hatte ich geparkt und hier war das Aas, aber da ist nichts. Der Wind? Hat der Wind in der kurzen Zeit den Schnee über den Kadaver geweht und alles zugedeckt? Kann wohl nicht anders sein.

Am nächsten Morgen. Polizei? Ja, was kann ich für sie tun? Finger? Sie haben einen Vogel mit einem Auge und mit einem Finger in den Krallen gesehen? Mehrere Finger? Zwei oder drei Finger? Ja, vielleicht auch vier, der dritte ist schon von den zwei ersten etwas verdeckt, aber vielleicht sind es auch vier aber das spielt doch keine Rolle.Ob sie einen oder vier Finger an der Kralle eines Vogels gesehen haben, das spielt sehr wohl eine Rolle. Können sie bei uns vorbeikommen?Wozu? Ich kann ihnen nicht mehr dazu sagen. Das ist alles. Und wenn sie mehr darüber erfahren wollen, dann müssen schon sie hierherkommen und nicht ich zu ihnen, ist doch logisch, oder?Wann haben sie das beobachtet?Gestern.Und rufen erst heute an?Wegen dem Netz. Genauer gesagt, wegen dem fehlenden Netz.Ich verstehe sie nicht.Eben.Was heißt „eben“?Eben wegen dem Netz. Hier fällt andauernd das Netz aus und ohne Netz kann man bekannterweise nicht telefonieren.Georg überlegt kurz. Eigentlich gehen diesen Typen meine Personalien einen Dreck an. Aber, angenommen, es tauchen irgendwann weitere Leichenteile auf, dann könnte er beweisen, dass er seine Wahrnehmung rechtzeitig der Polizei gemeldet hatte. Also gab er Name und Adresse bekannt und legte grußlos auf.

Georg hatte herausgefunden, dass ein gewisser Leopold 1797 in Neupölla an der Kamp geboren wurde und 1818 nach St.Johann in Tirol übersiedelte, um dort als Kaufmann den Grundstein für eine Großfamilie zu legen.

Georg machte sich auf den Weg nach Neupölla, etwa 30 km von seiner Ferienwohnung entfernt. Dort konnte ihm niemand weiterhelfen und verwies ihn von Neupölla nach Pölla. Dort gebe es einen Ortschronisten, der vielleicht, man weiß ja nie … In Pölla wusste niemand etwas von einem Ortschronisten, nein so etwas haben wir hier nicht, brauchen wir auch nicht, hat bis heute niemand vermisst, aber einen Bürgermeister? Ja, natürlich haben wir einen Bürgermeister und dieser hat eine nette Sekretärin, welche ihm erklärt, dass der Herr Bürgermeister leider bei einer Feier im Landhaus weilt und das kann dauern, ja, auch Tage, was weiß man schon? „Bei der Landeshanni dauert alles etwas länger“ pflegt der Herr Bürgermeister zu sagen. Aber der Herr Pfarrer, der könnte doch eventuell weiterhelfen.Und der Herr Pfarrer konnte tatsächlich weiterhelfen. Trotz seines Alters jenseits der 90 holte er, als hätte er sie vorbereitet, die beiden zeitlich passenden Taufbücher aus einem verstaubten Kasten, blies den Staub von den Büchern, konnte nicht mehr aufhören zu nießen und übergab Georg die zwischenzeitlich frisch gewaschenen Bände. Kopierer? Nein, so etwas haben wir hier nicht. Fotografieren? Mit diesem Telefon? Ja, das dürfe er natürlich, aber ob das auch funktioniere? Ich hole uns inzwischen einen Obstler. Wegen dem Staub, sie wissen schon. Von Tirol kommen sie? Wegen dieser zwei Seiten im Taufbuch? Ganz schön weite Reise für eine Information, welche ich ihnen auch am Telefon hätte geben können. Wirklich? X-mal haben sie hier angerufen? Ja wissen sie, wir haben hier das Problem mit dem Netz, das geht oft nicht. Kaum zu glauben, was? Oh doch, das glaube ich ihnen gerne, von der von der Regierung versprochenen Glasfasermilliarde ist sicher auch kein Cent bis ins Waldviertel gelangt. Vermutlich konnten sie keine Glasfaser verlegen, weil sie wegen dem Netz, dem nicht vorhandenen Netz keinen Baumeister erreichen konnten, der einen Graben aushebt? Vielleicht sollte sich der Bürgermeister mal ernsthaft diesbezüglich mit seiner Landeshanni unterhalten. Aber jetzt bin ich ja da und wenn ich die entsprechenden Seiten fotografieren darf, dann habe ich ja, was ich will. Vergelts Gott, Herr Pfarrer.

Nicht so eilig, nach dem Obstler müssen sie noch meinen sensationellen Vogelbeerer probieren. Dann wissen sie, dass sie nicht umsonst so weit gereist sind. So etwas haben sie noch nie getrunken, da verwette ich meinen Talar. Prost!

Dem wirklich sensationellen Vogelbeerer folgte dann noch der Zwetschker und der Enzian, den vor kurzem der Bürgermeister vorbeigebracht hatte, musste natürlich auch noch daran glauben. „Stell dir vor – äh, nach einem gemeinsamen Enzian kann man nicht „per Sie“ sein - also stell dir vor, der Bürgermeister wollte mich mit diesem herrlichen Enzian bestechen, dass ich ihm verrate, mit wem ihn seine Zenzi immer nach der Frauenrunde betrügt. Vonwegen Beichte. Verstehst? Aber nicht mit mir. Wir haben die halbe Flasche leergeprostet, dann musste ihn der Maxi, unser Totenbestatter mit der Limousine ins Rathaus fahren, sonst wär er zu spät zum Gemeinderat gekommen und das wäre fatal gewesen, denn da ging es um die Rückwidmung eines Teiles des Friedhofs in Kinderspielplatz.“ „Warum?“ „Weil dies der einzige Platz in der Gemeinde ist, wo sich die Nachbarn nicht (mehr) über Lärmbelästigung beschweren können.“

Der Pfarrer durfte seinen Talar behalten, die Spirituosen waren wirklich göttlich und zu guter Letzt überzeugte der Pfarrer den Besucher, dass eine Autofahrt wohl nicht mehr denkbar sei und das Kammerl neben der Sakristei gut genug sein müsste, denn recht lang könne er eh nicht schlafen, schließlich müssen wir noch Bruderschaft trinken, nicht lachen, ich heiße wirklich Ambrosius und du? Georg? Gut. Nett, dass du wieder mal bei mir vorbeigeschaut hast, ist sicher schon eine Ewigkeit her, dass wir uns zuletzt, wann war denn das? Nein, du warst noch nie hier? Ich hätte wetten können. Aber egal. Weißt du: Das Alter ist ein Hund. Letztens hat mir bei der Beichte der Gurschler Lois vorgejammert, dass er nichts mehr zum Beichten hat. „Früher“ hat er gesagt, „da gabs jede Ostern noch ordentlich was zu beichten, da ist er noch täglich mehrmals gestanden, aber heute, heute taugt er nicht mal mehr zum Wedeln“.

Nach einer kurzen Nacht war Georg nicht wirklich überrascht, dass plötzlich Ambrosius im Nachthemd in die Kammer kam, dort an der Wand eine Sicherung nach oben drückte, worauf die vermutlich einzig funktionierende Kirchenglocke zu bimmeln begann. „Frühmesse, weißt eh“, war sein Morgengruß und weg war er.Georg hievte ganz vorsichtig seinen gefühlsmäßig ins Unermessliche gewachsenen Schädel aus dem Bett, folgte diesem vorsichtig, damit das Ding nicht abbrach und schaffte es irgendwie in Hose und Hemd. Die Schuhe wurden zum schier unüberwindlichen Hindernis, die Füße waren einfach viel zu weit weg und wenn er sich ihnen mit dem Schuh in der Hand nähern wollte, dann fiel dieser riesige Schädel nach vorn und er sah überhaupt nichts mehr. Nach langem Grübeln und Überlegen und Probieren legte er sich auf dem Rücken ins Bett, zog mit einer Hand einen Fuß in Richtung Kopf und stülpte blitzschnell mit der anderen Hand den Schuh über den Fuß und nach einigen Versuchen, bei denen er überrascht feststellte, dass Schuh nicht gleich Schuh ist und deshalb jeder zweite Versuch gescheitert war, hatte er es geschafft. Glücklich stapfte er zum Auto, die eisige Luft blies zur Attacke und binnen kürzester Zeit fühlte er sich putzmunter und halbwegs nüchtern.

Das Navi war schon auf Rückkehr in die Ferienwohnung programmiert, also konnte er sich ganz auf den kaum sichtbaren weißen Strich auf der Fahrbahnmitte konzentrieren, ohne sich durch Leseversuche von Straßenschildern ablenken zu lassen. Schon nach wenigen Kilometern störte ein Geräusch die Stille, ein Geräusch, das sich bald als das Läuten der Freisprecheinrichtung identifizieren ließ. Georg drückte auf den Knopf „Anruf annehmen“. Hallo? Ja? Wwer? Polizei? Warum? Ach, wegen dem depperten Vogel. Haben sie ihn verhaftet? Wo ich bin? Im Auto. Sie meinen, ich lalle? Ja, bei dem göttlichen Vogelbeerer würden sie auch.. Nein, das können sie mir nicht nachweisen, ich fahre ja gar nicht richtig. Was gibt´s denn so Wichtiges? Ich hab dir ja schon gestern alles gesagt. Später? Gut, quatschen wir später. Wenn ich mit dem Tempo weiter schleiche bin ich übermorgen in der Unterkunft. Tschüüü.

Georg fährt also wieder zurück nach Kamles, der Seitenwind wird immer unangenehmer, die Straße verschwindet zeitweise im endlosen Weiß der Landschaft und die Sicht wird immer schlechter. An den Straßenrändern und auch mitten auf den angrenzenden Feldern fallen die endlosen Windzäune auf. Wie zum Verkauf präsentierte Gartenzäune stehen sie offensichtlich zwecklos in der Gegend herum und scheinen auf Käufer zu warten. Zwecklos, bis Wind aufkommt. Da zeigen sie ihre Aufgabe, indem sie die Schneewechten zurückhalten und zumindest vorübergehend die Straße freihalten. Georg erinnern die Zäune an die wahnwitzigen Lawinenverbauten in seiner Heimat. Ganze Berghänge sind mittlerweile von diesen eisernen Gittern zugepflastert und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Da kommt ihm ein Gedanke. Diese Schneezäune halten ja nicht nur Schneewechten ab, sondern so ziemlich alles, was der Wind in diese Richtung treibt. Mal angenommen, Reste von jenem Kadaver, den der Vogel vorgestern angeknabbert hat sind durch Sturm und Wind verfrachtet worden, dann könnten zumindest Teile davon in einem dieser Zäune hängen. Ist doch logisch, oder? Er beschließt, in den nächsten Tagen, wenn ausnahmsweise einmal kein Wind über die Weiten fegt, an besagter Stelle Nachschau zu halten. Einen Versuch wäre es sicher wert.

Als er endlich unbeschadet sein Quartier erreicht hat, holt er ein Bier aus dem Kühlschrank, wirft den Laptop an und beginnt mit der Eingabe der Daten, welche er von dem netten Priester erhalten hat, in die Stammbaumsoftware. So konnte er dem bereits bekannten Leopold zwei bisher nicht bekannte Generationen unterordnen, genauer gesagt: vorreihen. Es blieb nur noch eine winzige Lücke. Ein männliches Familienmitglied, vermutlich mit Namen Karl konnte er noch nicht identifizieren. Es gab nur einen Hinweis in einem Brief, geschrieben von einem Abt vom Stift Zwettl an einen Nachkommen von Urahn Leopold, in welchem sich der Abt darüber beschwert, dass sich die Familie nicht um ihren Verwandten kümmere. Karl lebe nun schon seit zu langer Zeit im Stift und, auch wenn der Leopold dem Stift vor geraumer Zeit einen an das Stift angrenzenden Grund geschenkt habe, wofür man für den Verstorbenen regelmäßig Bußmessen lese und auch dankbar sei, so sei es doch nicht einsichtig, dass das Stift, das selber vorwiegend von Spenden lebe, auf Dauer für den Unterhalt von Karl aufkommen solle, vor allem aus dem Grunde nicht, da ja bekannt sei, dass die Familie zwischenzeitlich zu nicht unerheblichem Reichtum gekommen sei und folglich auch christlich verpflichtet sei, für ihre verarmten Angehörigen ordentlich zu sorgen. Sollte allerdings der Wunsch der Familie bestehen, dass das Stift den Anverwandten bis zu dessen Lebensende verpflege und dort wohnen lasse, so ließe sich dieser Wunsch durch eine entsprechende Stiftung erfüllen. Wir denken dabei auch an den restlichen Acker, angrenzend an …. welcher ……. eurem Besitz ….. der Rest war nicht mehr lesbar, bzw. fehlte ein Teil des Briefes.

Georg begann die Geschichte von Karl zu interessieren. Leider war nicht festzustellen, wann dieser Brief geschrieben wurde, weder der Name des Schreibers, noch der des Empfängers war bekannt. Dieser Karl muss jedenfalls erst nach 1916 im Stift aufgetaucht sein, denn Urahn Leopold verließ um diese Zeit die Gegend, nachdem er offensichtlich noch dem Stift ein größeres Grundstück geschenkt hatte. Konnte es da einen Zusammenhang geben? Wohl eher auszuschließen, denn sonst müsste auch jener Abt, der den ominösen Brief geschrieben hat davon gewusst haben und wenn es wirklich eine Art von Vereinbarung im Sinne von Du passt auf unseren Verwandten auf, dafür bekommst Du ein Grundstück, gegeben hätte, dann wäre dieser Brief sinnlos. Folglich dürfte Karl vermutlich erst viel später im Stift aufgetaucht sein. Aber warum hat er dort nicht einfach eine Arbeit angenommen? Alles ziemlich undurchsichtig und Durchblick konnte dabei wohl nur im Stift selber gefunden werden. Georg war jetzt völlig infiziert, er wollte unbedingt dieses Geheimnis um Karl lüften und dies war offensichtlich nur an Ort und Stelle möglich. Im Stift Zwettl.

Georg begann zu googeln. www.stift-zwettl.at war sehr aufschlussreich. Gleich auf der Startseite konnte man sich über Leben im Kloster informieren, da wurden nicht nur Exerzitientage und Meditationswochenenden angeboten, nein, da gab es das Angebot, ein paar Tage unter Mönchen kontemplativ verbringen zu können. Georg mailte eine Anfrage, ob rein zufällig die nächste Woche noch Platz wäre.Die Antwortmail kam überraschend schnell. Ja, gerne, herzlich willkommen, melden Sie sich bei Pater Peter, er weiß Bescheid.

Einige Tage später.

Georg fand sich schnell zurecht. Als gelernter Buchhändler und Bibliothekar war er in der Stiftsbibliothek gerne gesehen und schon nach wenigen Tagen war ihm Pater Liber bei der Suche nach Aufzeichnungen und Hinweisen auf seine Vorfahren gerne behilflich.

Dieser verschollene Verwandte namens Karl dürfte demnach Jahre nach der Abreise von Leopold im Stift aufgetaucht sein und um Aufnahme in das Stift angesucht haben, allerdings ohne seine Herkunft zu verraten. Nirgends in den Unterlagen war ein Nachname zu finden, er war allgemein als Karl bekannt.

Da die ominöse Geschichte um diesen Karl nun auch Pater Liber zu interessieren begann, stöberte dieser auch in den riesigen Stößen von Sammelboxen, in denen noch nicht katalogisierte und teilweise noch nicht gesichtete Bestände verstaut waren. Es gab hunderte von Kartons, gestapelt und geschlichtet wie Pizzakartons auf einem Steinofen. Von Hand beschriftet.

Und schön langsam bekam die Familie eine Geschichte. Georg setzte sich an den Laptop und schrieb auf, was er bisher herausgefunden hatte.

Die Aubergwarte

Georg war in seiner Ferienwohnung damit beschäftigt, die Familienchronik – soweit bisher bekannt – in Form zu bringen, als sein Handy läutet.

„Schon wieder?“

„Ja, wir, dein Freund und Helfer, wir sind allgegenwärtig.“

„Das ist aber echt selten.“

„Was ist selten?“

„Ein Polizist mit Humor. Ist mir noch nie untergekommen.“

„Dann sollen sie öfter ins Waldviertel kommen. Wir sind ein fröhlicher Menschenschlag.

Aber zur Sache: Wir haben alle ungeklärten Fälle der letzten Jahre durchforstet und da ist uns aufgefallen, dass in unmittelbarer Nähe vor knapp einem Jahr eine Person verschwunden ist. War eine mehr als mysteriöse Angelegenheit damals. Eine reiche Adelige aus der Gegend ist mit ihrem jungen Mann, den sie erst ein paar Wochen vorher geheiratet hatte auf die Jagd gegangen und während der junge Graf nach Wildschweinen Ausschau hielt, bestieg die Dame die Aubergwarte.“

„Die Was?“

„Aubergwarte. Ein hölzerner Aussichtsturm, knapp 30 Meter hoch, mit herrlichem Ausblick über das halbe Waldviertel.“

„Halbe?“

„Außer, sie haben hinten im Kopf auch Augen, dann sehen sie das ganze Waldviertel. HaHa.“

„Ihr habt schon einen seltsamen Humor. Kommt vermutlich vom Kartoffelschnaps, der verbrennt euch die halbe Birne.“

„Bleiben sie sachlich. Also: Der junge Herr Graf gab damals zu Protokoll, dass seine Gattin trotz seiner Warnung, trotz frischem Schnee auf den Holzstufen und trotz Absperrung auf die Warte gestiegen sei, während er – wie erwähnt – nach Wildschweinen geschaut habe. Als, plötzlich, ein Schrei, und die Dame sei von der Aussichtsplattform gestürzt. Tot. Zwischenzeitlich hatte es wieder stark zu schneien begonnen, während er zu seinem Allrad-Porsche gelaufen und schließlich zu uns auf die Polizeiwache gekommen ist. Wegen Einbruchs der Dunkelheit verschob man die Suche auf den nächsten Tag. Tot war tot und bei dem Schneegestöber…

Jedenfalls hatte es die ganze Nacht wie irre geschneit, der Wind wurde unerträglich und unser Postenkommandant – inzwischen pensioniert – hat in Wiener Neustadt bei der Polizeischule angerufen und um personelle Unterstützung bei der Suche nach der zwischenzeitlich sicherlich völlig verschneiten Leiche angesucht. Aber der Klassensprecher Christoph K. weigerte sich, seine Kameraden bei diesem Sauwetter in den dunklen Wald zu schicken, außer es gäbe eine Woche Sonderurlaub und erhöhte Gefahrenzulage wegen des Schneedrucks auf den Bäumen und der damit verbundenen Gefahr für Leib und Leben der Polizeischüler.

Folglich beschloss unser Postenkommandant, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und so stapften wir – die komplette Mannschaft des Postens – durch den Schnee. Natürlich vergebens. Hinderlich war allerdings auch, dass sich die Praktikantin Petra, welche sich von der Post zur Polizei umschulen wollte, standhaft weigerte, ihre neuen, blutroten Stöckelschuhe gegen graue Gummistiefel zu tauschen. Außerdem waren jede Menge Spuren von Wildschweinen zu sehen und wenn eine Rotte von Wildschweinen, hungrig und von Natur aus grantig, auf etwas Fressbares, und sei es Menschenfleisch stößt, dann bleibt kein Zehennagel übrig und wir stellten die Suche ergebnislos ein.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist vielleicht noch, dass sich unser Kommandant beim Innenminister Kakl persönlich über die mangelnde Kooperation der Polizeischüler beschwert hat und dieser sinngemäß antwortete, dass dies mit ein Grund sei, dass er einen Teil der Polizei durch Pferde ersetzen wolle, denn lieber streite er sich mit dem Tierschutzverein als mit der Polizeigewerkschaft.

Hallo. Sind sie noch dran?“

„Ja, natürlich. Bin ganz Ohr. Eine Zwischenfrage: Haben Sie einen Bruder, der Grimm heißt?“

„Nein. Warum?“

„Vergessen Sie´s. Wie geht die Geschichte weiter?“

„Die ist zu Ende. Vorläufig. Aber wir wollen mit dem jungen Herrn Grafen, der ja alles geerbt hat, einen neuen Lokalaugenschein durchführen und da dachte ich: vielleicht wollen sie dabei sein? Als Tiroler sind sie sicher schwindelfrei, folglich dürfte die Aubergwarte keine Schwierigkeit für sie bereiten. Treffen wir uns morgen um 10 Uhr dort?“

„Gern. Danke. Bis morgen!“

Der Lokalaugenschein

Wie aus dem Jungbauernkalender. Kam es Georg in den Sinn. Nicht unsympathisch dieser junge Herr Graf, der natürlich kein echter Graf ist aber gerne einer wäre. Dynamisch, in Jägergrün gewandet, sportlich und vor allem selbstsicher. Dieser Hubert strahlt eine Selbstsicherheit aus, dass die anwesenden Kriminalbeamten wie eingeschüchterte Polizeischüler wirken.

Der Boss der Gruppe, Kommissar Pauers stapft voraus, der Rest folgt ihm. Während des Aufstiegs über 130 Stufen erfährt Georg mehr über diesen Grafen. Sohn des Gutsverwalters, von der alternden Gräfin bewundert ob dessen jugendlicher Kraft und Ausstrahlung. Schlussendlich holte sie den jungen Mann ins Herrenhaus, aus den Beiden wurde ein Liebespaar. Hubert wollte aber nicht auf Dauer der Lustknabe der Gräfin sein und forderte die Ehe. Die Gräfin stimmte zu, unter der Bedingung, dass Hubert einen Erbschaftsverzicht auf einen wesentlichen Teil ihres Vermögens zugunsten der Familienstiftung unterzeichnete. Hubert sagte dies zu und versprach, gleich nach der Hochzeit diesen Vertrag beim Notar zu unterzeichnen. Ja und dann kam das Unglück dazwischen. Die Gräfin stürzte unglücklich von der Aussichtsplattform und Hubert wurde glücklicher Erbe eines riesigen Vermögens.

Oben angekommen konfrontierte Kommissar Pauers die Anwesenden mit seiner Theorie des Geschehens. Er wirft Hubert vor, der Gräfin gefolgt zu sein, um sie von der Plattform zu stoßen. Hubert kosten die Anschuldigungen lediglich ein leichtes Schulterzucken und die Bemerkung „Ende der Märchenstunde oder kommt noch was?“

„Ja, da kommt noch was. Durch den Hinweis eines Fotografen und vor allem durch die Auswertung von Dutzenden Aufnahmen eines Habichts, der Leichenteile aus einer Schneewechte gerissen und zu seinem Horst verbracht hat konnten wir weitere tiefgefrorene Teile sicherstellen. Unter tatkräftiger Hilfe einer Hundertschaft des Bundesheeres! Ja und jetzt schaut die Sachlage folgend aus: Sie haben ihre Gattin nicht nur einfach in den Abgrund gestoßen, nein, sie haben sie sicherheitshalber vorher erschossen. Sicher ist sicher. Oder?“

„So ein Unsinn.“

„Leider nicht. Wir konnten in dem Windgatter, wo der Greifvogel ein Auge so topmodelmäßig in die Kamera blicken ließ, unter einer Eisschicht den Kopf und den rechten Arm der Gräfin vorfinden. Kein erfrischender Anblick. Aber unsere Pathologen schreckt nichts wirklich. Und so konnte interessanterweise ein Durchschussloch am Unterarm festgestellt werden und ein Loch mitten im Gesicht der Gräfin und darin steckte auch noch die Kugel aus einer Jagdwaffe. Wollen wir wetten, dass diese Kugel zu ihrem Jagdgewehr passt?“

„Also zwei Einschüsse?“ fragt der Postenkommandant.

„Nein. Der Sachverhalt ist eindeutig. Die Gräfin hat in verzweifelter Abwehr den Arm gehoben und sie haben durch den Unterarm ihren Kopf zertrümmert. Als Dank für ein schier unermessliches Erbe. Aber die Gier ist eben ein Hund. Sie sind festgenommen wegen des dringenden Verdachts des Mordes an ihrer Gattin.“

Sehenswert, wie schnell der junge Herr Graf seine Solariumbräune in Schneewittchenweiß umfärbt und gebückt die Stiegen hinunter schlurft. „Wie ein alter Bauer aus dem Reimmichlkalender“ geht es Georg durch den Kopf.

Zuhause

---ENDE DER LESEPROBE---