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Ein Millionenerbe, körperlich und psychisch labil, kommt gewaltsam zu Tode. Peter Tischler verdächtigt seinen Bruder, den kauf- und fresssüchtigen Jay, nimmt aber die Entsorgung der Leiche auf sich. Ein Berliner Geschäftsmann macht sich auf die Suche nach dem Sohn und stirbt in einer Hütte in der Hohen Tatra. Ein Unglücksfall? Ben Borowiak, der ehrgeizige Trainee des LKA Berlin, gerät bei der Untersuchung in berufliche und private Turbulenzen, während die Brüder zunächst einen ungeahnten Aufschwung nehmen. Themen des Romans sind das Getriebe des sozialen Auf- und Abstiegs und Mechanismen der Globalisierung. Ein Klima subtiler Bedrohung entsteht. Detektiv und Täter verlieren sich in isolierten und abgründigen Welten. Der Leser, auf der Suche nach dem Mörder, wird bis zum Ende auf die Folter gespannt. Eine komisch-bittere Parabel auf eine in Widersprüchen erstarrende Gesellschaft.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2017
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In jedem von uns, selbst in denen, die äußerst gemäßigt erscheinen, existiert ein Begehren, das schrecklich, wild und gesetzlos ist.
PLATON, Der Staat
Tupifex
Schräger Vogel
Geborstenes Glas
Golfpartie
Die Chatka in Keźmarok
Fechterstellung
Mit der Pinzette
Hindukusch
Die Centricon AG
Gutschinski gibt Auskunft
Ein besonderer Event
Duftnoten
Sex and the Zitty
Antilopenherz
Zweiter Teil
Blackgang
Landwehrstraße
Ergebnisse, Borowiak!
Anspannen. Entspannen.
Krompachy
Grimassenschlacht
Ganz der Vater!
Das Ende der Schuhbibliothek
Latz mit Soße
Besuch im Ghetto
O holde Eintracht
Wunder und Chimären
Dritter Teil
New York, New York
Knochenballett
Fat Cats
Feierabend!
Die zerbrechliche Hülle
Das große Rauschen
Supernova
Tango mit Maria
Lokus – Orkus - Exodus
Aquarium
Suffix
Nichts kräuselte die Oberfläche des Nachmittags, über die Peter glitt wie ein Wasserläufer. Durch das Fenster der Mietskaserne sickerte die Dämmerung. Als sich die Wolken lichteten, aus denen es geregnet hatte, wurde kurzzeitig ein Muster auf dem Fußboden sichtbar, das an Gitter erinnerte.
„Möchte wissen, was er den Tag über treibt“ sagte sein Bruder, den alle nur Jay nannten, und warf sich auf der Couch herum, die Chipstüte in der Hand.
„Kanadisches Lotto“ meinte Peter sarkastisch. „Er hat noch nie gewonnen.“
„Das ist alles?“
Jay grunzte und stopfte einen Chip nach dem anderen in sein gieriges Maul. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, etwas zu teilen, selbst wenn ein afrikanisches Kind neben ihm verhungern würde. Er war so fett, dass ihm der Fraß aus den Ohren quoll.
„Er liest die Lottozeitschriften, besorgt sich Scheine, knobelt
Zahlen aus. Das ist der aktive Teil.“
Wenn die Brüder über ihn sprachen, nannten sie ihn Suhrkamp. Das war nicht schmeichelhaft, denn sie hielten ihn für dumm. Peter, der ihn ein paar Mal getroffen hatte, rätselte darüber, wie er die Zeit verbrachte. Er pendelte mit der S-Bahn in den Münchner Süden, hing an Imbissbuden rum und man traf ihn ab und an im Internet-Cafe in der Feilitzschstraße,
„Wird ihm nicht langweilig?“
„Zwei bis dreimal pro Woche geht er ins Kino“ sagte Peter.
„Will sich was abgucken.“
Wieder grunzte der Dicke. Die Schnarchlaute passten zu ihm. Peter wollte sich nicht eingestehen, dass der Bruder dabei war, sich in ein Tier zu verwandeln.
Er dachte nach über den Bekannten. Suhrkamp bildete sich glatt ein, Schauspieler zu sein. Nicht weil er Geld verdienen wollte. Suhrkamp wollte Zeitvertreib, ja er suchte die substanzlose Zeitverschwendung, die Zeitvernichtung, die gleichbedeutend ist mit Auflösung, Verfall und zerebralem Tod. Dafür eigneten sich die Castings zweitklassiger Agenturen, die Komparsenrollen besetzen. Man zahlte Gebühren, die sich niemals rechneten, und wartete in ungeheizten Zimmern. So hatte ihn Peter kennen gelernt. Obwohl äußerlich so ähnlich wie Asterix und Obelix, hatte man sie für denselben Job vorgeschlagen. Einer der Kandidaten, die sich vehement und trickreich darum rissen, sollte als Doppelgänger von Uwe Ochsenknecht figurieren. Bei solchen Einsätzen waren sie Dummy, Attrappe, Kamerafutter für die Perspektive von hinten oder der Seite, damit der Hauptakteur geschont würde. Peter bildete sich ein, die Physiognomie des Schauspielers zu besitzen: gepolsterte Backen, ein Grübchen im Kinnbereich, während Suhrkamp aussah wie ein anatolischer Bauer - einen Kopf kleiner und irgendwie kümmerlich. Peter hatte den Ansatz zur Fettleibigkeit; im besten Fall konnte man ihn als fleischig bezeichnen - Suhrkamp dagegen war knochig; sein Körper krümmte sich wie unter unsichtbarem Schmerz. Er lief als stolpere er einem Verhängnis entgegen.
„Er überlegt, ob er nach Frankfurt ziehen soll. Ihm gefallen die Imbissbuden.“
„Wegen eines Döners nach Frankfurt?“
Peter verzog die Lippen, die ins Misanthropisch-Säuerliche spielten und an Reich-Ranitzky erinnerten. „Und weil das Frankfurter Stadtmagazin über Tantra berichtet.“
Den Sarkasmus hätte er sich sparen können. Weder wusste Jay was gemeint war noch schenkte er dem Bruder Beachtung. Er studierte die Kaufzeitung eines Großmarktes, die Fleisch für kleine Preise pries. Sein Auge strich an den Rinderhälften auf und ab, die vom Schlachthaken baumelten. Im Unterschied zu ihm hätte Peter ein paar Anekdoten beitragen können zum Thema Frauen. Nur mittlerweile, da wagte er kaum, an Sex zu denken. Wohin hätte er eine Bekannte führen sollen? Die Sozialwohnung am Westpark, in der die Eltern lebten, besaß nur das Kinderzimmer, das er mit Jay bewohnte. Er müsste sie werktags einladen, wenn der Bruder seine Ausbildung zum Altenpfleger machte – nicht weit entfernt, in einem Seniorenheim. Auch mittags tauchte er auf, wenn er keinen Bock hatte, gelähmten Greisen in die Strümpfe zu helfen. Man konnte nie vor ihm sicher sein.
Peter legte die Lupe aus der Hand, mit der er die Zeitung nach Jobs durchforstet hatte. Als er sich erhob, griff er mechanisch nach der Schirmmütze. Von seinem dunkelblonden Schopf war nichts geblieben außer ein paar Härchen. Er trat an das Aquarium, das neben der Tür postiert war. Aus den Schuhen des Dicken roch es nach Gummi und Schweiß. Er kehrte ihm den Rücken und kippte in das Becken Flocken, die sich im Zeitlupentempo verteilten. Die aufsteigenden Luftblasen wirbelten sie nach oben. Der blaue Fadenfisch stürzte als erster aus der Deckung; dann kamen rote Salmler hinter den Steinen hervor.
„He, he, nicht so viel“ schaltete sich der Bruder ein. „Ich hab‘ schon gefüttert.“
Jay war nicht anders als diese Tiere. Tauchte ein Rivale auf, wurde er bissig. Anstatt ihn zu mildern hatte ihn die Arbeit im Altenheim geiziger gemacht, gieriger, raffinierter. Peter gewöhnte sich daran, den Schwanz einzuziehen. Er stellte die Dose behutsam auf die Konsole, drückte sich aufs Sofa. Jay beruhigte sich, sobald Peter in seinem Territorium verschwand. „Sie sind hungrig. Gestern hat der Blutsalmler dem anderen Männchen das Auge abgebissen.“
„Deine Schuld. Hast ihn vergessen.“
„Sie brauchen auf alle Fälle Tupifex.“
Der Dicke regte sich nicht. Wahrscheinlich lag er einfach nur da. Peter lenkte die Gedanken auf die bevorstehende Fahrt. Sie besuchten die alte Heimat, wo sie mit Tausenden anderer Aussiedler wie Heuschrecken in die Supermärkte einfielen. Für Jay ein therapeutisches Mittel, denn er liebte Shopping. Shopping war der logische Ausdruck seiner Fresssucht.
„Stell dir vor: Ehe er in den Döner beißt, untersucht er die Sauce auf Läuse!“ palaverte Peter.
Inzwischen dunkelte es, so dass sich ein kolossaler Schattenriss von der Couch des Bruders abhob.
„Suhrkamp schaut in einer Tour auf die Kleidung, ob vielleicht Flecken drauf sind. Seine T-Shirts müssen immer frisch sein, makellos sauber.“
„Der Sputnik ist ja krank.“
Der Dicke gähnte hörbar und räkelte sich, so dass Peter eine Wolke von Ausdünstungen erreichte. Er öffnete das Fenster. Auf dem Heizkörper lagen Unterhosen und Socken zum Trocknen.
„Wie verdient er sein Geld?“ fragte Jay.
„Überhaupt nicht. Sein Alter stützt ihn.“
Peter dachte, dass man seine eigene Situation damit vergleichen konnte. Obwohl er sich redlich gemüht hatte, ja in der Schlussphase verzweifelt mit der Materie rang, war er am Juraexamen gescheitert. Dass ihn die Eltern aufnahmen, verdankte er der Solidarität unter Einwanderern. Aber sie rächten sich. Kein Tag verging, an dem sie ihm nicht Versagen vorhielten.
„Solche Luschis gehen mir auf den Sack“, fluchte Jay.
„Wohnt in einer 4-Zimmer-Wohnung und zahlt keinen Cent Miete.“
„Das Leben ist verdammt ungerecht“, maulte er.
„Ich werd‘ auch nicht mehr löhnen“, neckte Peter.
„Der Vater schmeißt dich raus!“
„Suhrkamp hat eine Luxuswohnung am Waldrand!“ provozierte Peter.
„Zieh doch zu deinem tollen Freund.“
„Er ist nicht mein Freund.“
„Soll er mich doch am Arsch lecken.“
„Du brauchst deine Scheißlaune nicht an mir raus zu lassen!
Immerhin habe ich ihn überredet, mitzufahren.“
„Was?“
„Ich habe ihm vorgerechnet, was es kostet, das Auto zu leihen, Benzin, Übernachtung... da merkte ich, dass er keine Ahnung von den Preisen hat.“
„Besitzt er keinen Führerschein?“
„Fährt Taxi. Stell dir vor: er dachte 250 Mäuse pro Person.“
„Ein Volldepp. Hast du’s ihm gesteckt?“
„Nein.“
„Soll er doch bluten! Ja soll er doch bluten!“
In der sich ausbreitenden Dunkelheit verschwamm Jay mit der Schwärze, die aus den Ecken kroch. Peter schaltete die Beleuchtung des Aquariums ein und kehrte dem Bruder den Rücken. Leise zitterten die Gitterblattlilien. Das Rebenholz warf abenteuerliche Schatten über den schimmernden Kies. Die Blutsalmler lauerten hinter der Felsimitation. Peter nahm die alte, mehrfach gebrauchte Dose, auf der „Tupifex“ geschrieben war und schüttete gefangene Insekten auf die Wasseroberfläche. Sie kreiselten wie verrückt an der Oberfläche und suchten verzweifelt, sich zu retten.
Es soll tatsächlich so sein, dass die meisten Menschen morgens durch den Signalton einer elektrischen Uhr aus dem Schlaf gerissen werden. Morgen für Morgen, immer zur gleichen Zeit, um einen Tag zu durchlaufen voller mechanischer und reflexhafter Verrichtungen. Suhrkamp hatte davon gehört, und während der S-Bahn-Fahrt stellte er sich zu den maskenhaften Gesichtern der anderen den Tagesablauf vor, der sie in die City führte, ein vollgepacktes, emsiges Programm, das er aus Zeitschriften, Kinofilmen oder vom Hörensagen kannte. Jeden Tag zur gleichen Zeit vom dafür vorgesehenen Ton aufzuwachen, das heißt vom Somnambulen und Illusionären losgekommen zu sein und die Reduzierung des Lebens auf messbare Parameter zu akzeptieren. Suhrkamp war keiner von denen, die durch einen Signalton erwachten, vielmehr bewegte er sich wie ein Schlafwandler durch eine Welt monströser Alltäglichkeit, die wie eine Maschine funktionierte. Er hatte sich an eine Form von Müßiggang gewöhnt, die schnell aus der Gesellschaft herausführt. Ihm gehörten die wenigen Augenblicke, in denen anderen die bereitgelegten Gesten, Antworten und Handgriffe versagten und Zeit blieb für einen von aller Lebenserfahrung befreiten, naiven und in aller Konsequenz saublöden Spruch. Obwohl Suhrkamp Zeit im Überfluss hatte, erwartete er von anderen Pünktlichkeit. Kaum war er an der verabredeten Stelle angekommen, fühlte er sich unbehaglich. Vor dem Hauptbahnhof lungerten rumänische Bettler, Arbeitslose, afrikanische Asylanten, Alkoholiker, Nutten und Rauschgiftsüchtige herum, die einen Anblick von Verwahrlosung boten, der ihm den Magen umdrehte. Ausgerechnet hier ließ man ihn warten, inmitten dieser jämmerlichen, irrlichternden Gestalten, ohne jeden Hinweis auf sein Smartphone, und ohne dass sich jemand am anderen Ende der Leitung meldete.
Mit halbstündiger Verspätung entstieg Peter dem silberfarbenen Mietwagen und entschuldigte sich mit blumigen Worten. Er trug eine hellbeige Hose mit aufgesetzten Taschen. Unter der Schirmmütze, die ihn drapierte wie einen Regisseur, lugten wässrig-blaue Augen, die durch die Kontaktlinsen härter wirkten. Seine gewandt hervorgebrachten Entschuldigungen verwandelten die Verspätung in einen Plot, der anderen Menschen übel aufgestoßen wäre. Suhrkamp streifte die Jacke ab. Sein ausgeschnittenes T-Shirt markierte einen aufgereckten langen Hals mit knochigen Schlüsselbeinen. Als er die Sporttasche in den Peugeot bugsierte, bemerkte er den Passagier auf dem Beifahrersitz. Ob er die asiatische Vogelgrippe habe, versetzte Jay zur Begrüßung. „Du siehst aus wie ein zerrupftes Huhn.“
„Ich habe einen knackigen body“, widersprach Suhrkamp.
Jay sah spöttisch auf ihn herab. Zwischen München und der slowakischen Grenze herrschte betretenes Schweigen. Als sie auf der Fernstraße über Petrźalka hinweg düsten, dämmerte die Satellitenstadt der Nacht entgegen mit Tausenden von Lichtern, die vorfabrizierte Zellen illuminierten. In einem der wie Dinosaurier aufragenden Silos hatten die Brüder ihre Jugend verlebt. Suhrkamp deutete auf die Plattenbauten, die sich zu gigantischen Buchstaben formierten als seien es Puzzleteile einer bröckelnden Botschaft.
„Da möcht‘ ich nicht geschenkt wohnen.“
Sie passierten eine Ausfallstraße, an deren rechter Fahrbahnseite aufgetakelte Frauen mit Täschchen und Handschuhen winkten. „Immerhin sind die Nutten billig“, antwortete Peter trocken.
Er lenkte den Peugeot nach Trnávka hinüber, einem aufstrebenden Stadtviertel, in dem die Tante der beiden Tischlers wohnte. Obwohl Peter Bedenken hatte, das Auto einem Risiko auszusetzen, parkten sie außerhalb, vor einem niedrigen Gebäude, das an der Front sechs Meter maß. Auf bescheidenen Grundstücken lehnten sich Einfamilien-, Reihenhäuser und Garagen aneinander, ein ungeordnetes, verwinkeltes Konglomerat. Im Lichtschein des schmalen und nach hinten gezogenen Korridors wechselten sie ein paar Sätze mit der Tante. Sie trug ein rot-schwarz gewürfeltes Kleid und begegnete Suhrkamp mit entwaffnender Offenheit.
„Da ist ja der solvente Herr aus dem Westen.“
Er lächelte wie ein glückliches, schuldbewusstes Kind.
„Nur herein“, kommandierte sie und wischte die Finger an einem Tuch.
„Hallooo“ sagte er gedehnt, mit übertrieben positiven Tonfall, als spreche er bei einem Casting vor. „Ich bin Arnulf und freue mich über die Einladung.“
Sie antwortete in ruppigem Deutsch östlicher Prägung. Dabei präsentierte sie ein rundes Gesicht und reichte ihm die kleine, feste Hand.
„Ich bin Magda.“
Das kurze Haar verlieh ihr ein spitzbübisches Aussehen. Offensichtlich war sie eine praktische und sinnliche Person und ganz ohne Vorbehalte gegen ihn.
„Ich bin Schauspieler und will das Wochenende ausspannen“, prahlte er. „Auf mich wartet eine neue Herausforderung als Uwe Ochsenknecht.“
Die Brüder blickten sich überrascht an.
„Dann haben sie dich engagiert?“
Er nickte, ohne den Blick von der Tante zu wenden.
„Mann, das sind für jeden Drehtag hundert Mäuse!“ rief Peter.
„Stellt euch das vor – dabei erbt er ein Haus!“
Suhrkamp bemerkte die Neugier der Tante, ihre Sympathie und die Neidgefühle der Brüder, die er aufrichtig genoss.
„Mein Dad schenkt mir sogar noch was Feineres: ein Landhaus in England. Top renoviert!“ Er kramte ein Foto aus der Tasche, auf dessen Rückseite vermerkt war: Blackgang, Sunside Road, Isle of Wight. Er zeigte es, reichte es aber nicht weiter. „Erst die Hände waschen!“
Jay nahm die Sprüche für bare Arroganz. Ihm imponierte, wenn sich jemand so herablassen konnte; doch es ärgerte ihn, dass es ein Schwachkopf wie Suhrkamp war. Ja, er hegte einen schwelenden Groll gegen den verwöhnten Einfaltspinsel, der nun, als das Dessert gebracht wurde, außer Rand und Band geriet und lauthals rief: „Oh Mann, is’ der Schokoladenpudding gut!“
Suhrkamp hielt die Pupillen starr auf die Tante gerichtet. Vielleicht lag es am frühen Tod der Mutter, dass er weibliche Wesen anhimmelte und dabei den Rest seiner rudimentären Intelligenz verlor.
„Deine Augen sind entzündet“ meinte Magda scherzend.
„Was sehen meine entzündeten Augen ...?“ plapperte er hirnlos und fixierte das Dekolletee ihres Kleides, in dem sich üppiges Fleisch senkte und hob. Hatten ihre smaragdenen Augen nicht gezittert? Hatte sie nicht überaus entgegenkommend gelächelt? 16 Jahre war sie mit Alexander verheiratet, einem schlappen Bürokraten, der immer Überstunden schob. Selten hatten ihn die Brüder gesehen, vor einem Jahr wischte er einmal durchs Haus in einem Anzug, in dessen Hosenbeinen lachhaft bunte Kugelkopfnadeln steckten. Sobald Jay spitz kriegte, dass die Tante dem Erben einen Nachschlag servierte, reagierte er wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Dabei hatte ihn das pummelige Weib mit dem polnischen Einschlag nicht die Bohne interessiert. Stets war sie eine Randfigur, ein Lakai, der das Essen brachte oder die Betten bezog.
„Ich habe einen knackigen body“, verzapfte Suhrkamp gerade.
„Schaut eher nach Vogelgrippe aus“, stichelte Jay, der nun, da der heimische Schnaps gereicht wurde, mit seinem Bruder um die Wette trank, und dabei aggressiv und trübsinnig wurde.
Vom Korridor aus stiegen sie über die knarrende Holztreppe in den ersten Stock. Das Gästezimmer mit feuchten und sich lösenden Tapeten erlaubte einen Blick durch schwere Gardinen.
Man sah im gelblichen Licht der Straßenlampe ein einzelnes Auto stehen. Inzwischen hatte sich Jay den bequemen Platz reserviert. Suhrkamp musste im Bettstall nächtigen, in dem als Kind der Cousin geschlafen hatte. Wo die unterschiedlich dicken und übelriechenden Matratzen aufeinander stießen, drückte eine Kante ins Rückgrat. Jay empfand grimmigen Genuss, als er den Erben in der zusammengestauchten Schieflage sah. Noch lange, nachdem er das Licht gelöscht hatte, hörte er, wie sich der putzige Krüppel von einem Elend ins andere warf.
Peter lächelte in das Dunkel des Zimmers. Er wusste, dass ihm der Bruder ein Kissen unter die Matratze gestopft hatte, damit er gewiss nicht einschlafen konnte.
Suhrkamp lag mit gekrümmtem Leib. Seine knotigen Finger hatten sich in das Kissen gekrampft. Das Laken war verknittert und in einem Zustand, vor dem er sich selbst geekelt hätte: voller Blutflecke und Pfützen aus denen es roch wie in einem Schlachthaus. Peters erster Impuls war es, die Tür zu schließen, im Bad zu pinkeln und in einen anderen Traum zu zappen.
Doch er rührte sich nicht von der Schwelle. Das Opfer lag völlig nackt vor ihm. Zwischen den Beinen war Urin ausgetreten und hatte das Tuch gelblich gefärbt. Nun roch er den stechend süßlichen Duft des Harns neben der Ausdünstung von Schweiß, sah das Durcheinander der Flüssigkeiten und Glieder und glaubte, ein bauchiges Glas einer medizinischen Sammlung sei geplatzt, ein Embryo von der Spirituslauge hinab geschwemmt worden auf einen ärztlichen Behandlungstisch. War ein solches Glas tatsächlich geborsten, dann fragte es sich, ob die ausgestellte Leibesfrucht menschlicher Natur sei oder ein Molch, ein Krötenkeimling oder ein noch schleimigeres und abscheulicheres Wesen. Seitlich am Schädel entdeckte er kurze, schwarze Haare, er sah den mageren, sehnigen Hals, der Suhrkamp deutlich kennzeichnete.
„Heda“ rief er, wie um sich selbst Mut zu machen. Erst jetzt fühlte er, dass sein linker Fuß in einer Blutlache stand. „Au Mist“ rief er, taumelte zurück auf den Korridor. Von hier hatte er den Lichtschein wahrgenommen, er fiel durch die handbreit offene Tür des anderen Zimmers, er hatte angenommen, dass der Cousin vom Ferienlager retour war. Aber nein, da befand sich ein Toter und zwar nicht irgendeiner. Er kannte dieses armselige Stück Fleisch, das auf das Lager hingebreitet war wie ein Tier, das man geschlachtet hat.
Das Gesicht, das sich so leicht mit einer mädchenhaften Röte überziehen konnte, ruhte fahl und eingefallen zwischen den Kissen; doch die runden, rehbraunen Augen hatten noch den ekstatischen Schimmer und schielten ins Ungewisse. Als er sich näherte, erhoben sich Fliegen vor dem Schlund, der doch so weichgeschnitten und wohlgeformt war. Peters Blick fiel auf den erbärmlich kurzen Schwanz und weiter hinab. Tatsächlich, er trug rotseidene Socken. So armselig er aussah, so eitel wirkte er noch auf der Bahre. Der Luxus verlieh wenig Glamour, er wirkte, wenn einer über den Jordan war, ausgesprochen deplaziert.
Von der anderen Seite des Bettes betrachtete er die Wunden auf dem Rücken des Opfers und an den Flanken, die es von sich gestreckt hatte, grässliche tiefe Einschnitte und Einkerbungen, ausgeführt mit einem scharfen, vielleicht einem Fisch- oder Schlachtmesser. Mehrere Löcher im Bettzeug deuteten darauf hin, dass der Täter einige Male daneben gestochen hatte. Synthetische Federn waren herausgequollen und blutverklebt. Eine gänzlich unüberlegte Attacke, ein dumpfes, sinnloses und grausames Verbrechen. „Mord im Affekt“, dachte Peter, der nach Luft und fieberhaft nach Worten rang. Allmählich verflüchtigte sich die Wirkung des Alkohols und beschränkte sich auf einen pochenden Schmerz in den Schläfen.
Plötzlich packte ihn das Verlangen, alles liegen und stehen zu lassen und einfach fortzulaufen. Im Flur meinte er, Suhrkamp könne vielleicht noch leben und noch einmal zu Bewusstsein gelangen. Er eilte zurück: aber nein, seine Haltung hatte sich nicht verändert; der Puls war nicht mehr festzustellen und sein Körper fühlte sich merkwürdig kalt an.
Jay tat als ob er schlief und schnarchte halblaut. Peter spürte endlich Wut und war froh darüber. Sie verlieh ihm einen Impuls, gab ihm die Richtung vor. Er schlug dem Schläfer direkt in die Visage.
„Du Idiot. Was hast du getan? Du bringst uns in den Knast.“
Jay spielte den Ahnungslosen. Jedenfalls brachte es Peter auf die Palme.
„Warum hast du das getan? Du hast ihn verrecken lassen wie einen Hund!“
Er rieb sich die Augen, stellte sich blöd.
„Was soll ich ...?“
„Deine verdammte Gier reitet uns in die Scheiße.“
„Hör auf zu faseln“, schrie Jay und boxte ihm auf den Oberarm. Peter spürte den Schlag überhaupt nicht.
„Wie ist es passiert?“ rief er und zerrte den Dicken am Ärmel in den Flur.
„Na los, erzähl schon. Ihr habt euch vor der Toilette getroffen.
Und dann?“
Als er verblüfft in das Zimmer des Cousins blickte, schubste er ihn.
„Na los, sag schon. Du hast dich geärgert!“
Er schubste ihn wieder
„Gib´s zu. Du hast ihn alle gemacht.“
Mit dem nächsten Schubs landete Jay auf dem Bett und stemmte sich mühsam ab, dass er nicht auf den Toten fiel.
„Das war ich nicht“ behauptete Jay. „Du willst mir das in die Schuhe schieben.
„Ich? Wie komme ich dazu, einen umzulegen?“ Peter setzte sein Pokerface auf.
„Weil du dem Sputnik das Geld aus der Tasche ziehen willst.“
„Halt den Rand!“
„Wenn du mich noch mal anfasst, duscht es“, schrie Jay.
Die Brüder standen sich zähnefletschend gegenüber.
„Wie lange willst du das Spielchen treiben? Bis die Bullen kommen?“ Wie immer war es Peter, der die Eskalation vermied und nach Auswegen suchte.
„Ist mir doch egal!“ schrie Jay wutentbrannt.
„Sie werden dir nicht glauben!“
„So wenig wie dir – einem gescheiterten Rechtsverdreher.“
Plötzlich ächzte die Holztreppe.
„Still“ flüsterte Peter. Sie hielten inne und vermieden jedes Geräusch. Man konnte nichts hören, er hatte sich getäuscht.
„Da – wieder.“ Peter wagte kaum zu atmen. Auf Zehenspitzen schlich er zurück ins Gästezimmer. Drunten, im gelblichen Licht der Lampen, kundschaftete er einen Betrunkenen aus, der über den Gehsteig stolperte. Nein, es gab keinen Zweifel, wer der Schuldige war. Trotz aller Konflikte war klar, dass der Leichnam entsorgt werden musste, möglichst unauffällig. Die Schuldfrage würde Peter später klären. Er vermutete einen „Mord im Affekt“ und malte sich einen cholerischen Anfall des Bruders aus. Besser formuliert: es musste ein Unfall gewesen sein, denn der Dicke konnte seine Kraft nicht dosieren; oder vielmehr ein unglückliches Aufeinandertreffen, das man ebenso Suhrkamp anlasten konnte. An Figur und Gang erkannte man von weitem die geschundene Kreatur. Das reizte jeden, der wie Jay sadistisch veranlagt war.
Schon immer hatte der Erbe hager ausgesehen. Da er sich nackt vor ihnen streckte, konnten sie jede einzelne Rippe sehen, jedes verdammte Körperglied. Wie Spindeln standen die obersten Wirbel ab. Sein jämmerlicher Leib bestand aus einem Haufen Knochen, den sie irgendwie packen mussten. Peter hielt ihn an den Socken, Jay griff von hinten an den Schultern.
Als sie anhoben, rollte der Kopf nach unten. Es schien, als ob das Antlitz des Toten Verwunderung und Überraschung ausdrückte und das gelöste Mienenspiel nur vordergründig existierte. Sie schleiften ihn die ächzende Holztreppe hinab. Im Korridor galt es, extrem leise zu sein, um Alexander und Magda nicht zu wecken. Ohnehin würden sie viel erklären müssen.
Peter dachte fieberhaft nach. Mein Gott, irgendetwas würde ihm schon einfallen, um die Abreise Suhrkamps zu erklären.
Zuerst musste die ekelhafte Leiche beseitigt werden. Gleichzeitig sah er sich schon auf der Anklagebank. Ein perspektivloser, gebrochener Jura-Student, würden sie behaupten und ihn, den älteren Bruder genauso haftbar machen wie Jay. Er war Mitwisser, er wusste, wie Jay auf einen Schwächeren reagierte, wie sehr ihn Neid und Missgunst verführten. Jay war ein herzensguter Mensch, ein wahres Onkelchen, impulsiv und reizbar wie alle Slowaken, nicht Herr seiner Sinne, und er fühlte sich verantwortlich für ihn. Er hatte die beiden zusammengebracht, obwohl er sich des Risikos bewusst war – ob der Richter das als Anstiftung werten würde im Sinne des Strafgesetzbuches? Jedenfalls ein Mord aus niedrigen Motiven, aus Habgier, Hass und triebhafter Aggression. Das brachte für den Täter locker zehn Jahre, für den Anstifter und Helfer mindestens die Hälfte.
Was hatte einer wie Jay davon, einen Erben abzumurksen, an dessen Vermögen er nicht rankam? Was für ein dummer, sinnloser Mord! Und er hatte ihn vorausgesehen! Peters Mund bekam wieder das säuerlich-misanthropische Signum, als er leise die Worte formte: billigend in Kauf genommen!
Vom Korridor nahmen sie den Ausgang zur Garage. Sie schleppten den Körper vorbei am Lada von Alexander. Peter schob vorsichtig das Gatter zur Seite. Es war vier Uhr dreißig und der Regen hatte nachgelassen. Bei diesem Wetter würden sich nur Junkies auf die Straße verirren. Er kletterte über den Zaun. Der Hund schlug an und löste ringsherum bei allen Kötern lautes Gebelle aus. Der Rottweiler beruhigte sich, als er Peter beschnupperte und wedelte mit dem Schwanz. Hier im Osten kannte man sich, ratschte miteinander und vertraute den Nachbarn in gewissen Grenzen. Mit diesem Pfund wollte Peter wuchern. Minuten später öffnete er die Garage von innen. Jay schleifte die Leiche herein. Sie knipsten die Glühbirne an.
Schlüsselbeine und Halspartie des Toten wirkten bei dem schummrigen Licht noch fadenscheiniger.
„Hab’s doch gesagt“ meinte Jay. als er ihn fallen ließ. „Er schaut aus wie ´n zerrupftes Huhn.“
„Schaute“ verbesserte Peter, den die Juristerei wortgläubig und beckmesserisch gemacht hatte.
„Was?“
„Imperfekt! Schließlich lebt er ja nicht mehr, du Trottel.“
„Er schaut genauso aus wie vorher“, bekräftigte der Dicke.
„Das bezweifle ich.“ Peter blickte sich um. Anstatt eines Wagens standen hier acht große Fässer.
„Wir werden ihn zwischenlagern, bis uns was Besseres einfällt. Hol ein Stemmeisen von drüben.“
„Wieso ich?“ monierte Jay.
„Weil du ihn abserviert hast.“
„Einen Teufel werde ich.“
Nach längerem Disput rollten sie ein Fass heran, kippten es und Jay schaufelte Weißkohl auf eine Plastikplane, die sie in der Garage aufgestöbert hatten. Prompt bildeten sich Schweißperlen auf seinem Puttengesicht. Man sah ihm an, dass er etwas zu essen brauchte. Je flotter sie arbeiteten, desto besser.
Sie mussten die Leiche kürzen. Anders war es nicht zu bewerkstelligen.
„Kommt nicht in Frage, dass ich ihm den Kopf abschlage“, protestierte Peter. „Is’ nich` mein Bier. Wenn ich dir jetzt aus der Patsche helfe...“
„Es ist deine Schuld“ beharrte Jay.
„Ich werde mitschuldig. Ein anderer würde einfach zur Polizei laufen...“
„Du quasselst zuviel. Warum machst du‘s nicht?“
„Weil du mir leid tust.“
„Dir saust die Muffe. Du brauchst ´nen Sündenbock.“
Er fragte sich, wieso dieser Fettwanst ausgerechnet sein Bruder sein musste, ein Analphabet, der weniger als tausend Wörter im aktiven Gebrauch hatte, wobei die Hälfte seines Sprachschatzes aus Supermarktartikeln bestand.
„Es ist nur in deinem Interesse, wenn ...“
„Laber nicht. Du kannst ihn unten abschneiden, knapp über den Knien. Schnapp dir das Beil.“ Jay deutete auf den Hackblock, auf dem Holz geschnitten wurde.
Suhrkamp blickte bedenklich. „Unglaublich“, dachte Peter, „aber er verändert seine Züge immer noch, obwohl er längst tot ist.“ Vielleicht gab es so etwas wie postmortale Intelligenz?
„Ich habe das Gefühl, dass er noch irgendwie ... solange der Körper warm ist ... oder zumindest, dass er in der Nähe weilt ...“ Die Gedanken purzelten durcheinander; er fühlte sich nahezu fiebrig, als er die Kniekehlen über den Holzstumpf legte, während Jay die Beine stabilisierte.
„Alles Quatsch.“
„Wenn man nicht jeden Wirbel einzeln sehen würde!“
Die Brust des Toten war - wohl in früher Kindheit - eingebrochen. Peter stieß auf einen Trichter im Skelett, der aus medizinischer Sicht spektakulär sein musste. Vielleicht gäbe es Fachleute, die so ein Gerippe auf der Körperwelten-Ausstellung präsentieren würden. Dazu plastiniert diesen abnorm gewölbten Schädel.
„Direkt am Knochenkern. Weiter vorne gibt’s zuviel Knorpel!“ Peter schlug zweimal zu.
Sie pflückten die Glieder wortlos auseinander. Auf der anderen Seite das gleiche Prozedere. Er traf nicht so gut und brauchte fünf Schläge.
Jetzt folgten die restlichen Extremitäten. Nervös wie er war spürte Peter unangenehme Situationen mit dem Magen. Beim Abtrennen der Unterbeine befiel ihn Übelkeit. Als er die Arme knapp über den Ellenbogen absägte, unterdrückte er ein heftiges Würgen. Nun, da sie den verschmierten Torso an den Stümpfen zogen, um ihn in das Fass zu expedieren, stieg ihm der Gestank in die Nase. Der Brechreiz war nicht aufzuhalten.
Geistesgegenwärtig wendete er sich zum Trog und kotzte hinein; sie durften in der Garage auf keinen Fall Spuren hinterlassen.
„Mach nicht so lange rum“ kommandierte Jay. „In einer Stunde wird es hell. Wir müssen noch alles reinigen.“
„Zwei Minuten. Geht gleich weiter!“ keuchte er.
Kaum hatte er sich erleichtert, kaum den bräunlichen Auswurf analysiert, der nach den gestern genossenen Zwiebeln roch, überkamen ihn Befürchtungen, Bedenken irrationaler und ganz uneigennütziger Art. Man wusste, dass die Produktion von Lebensmitteln mehr und mehr mit Skandalen behaftet war. Wenn man nun, vom Landwirt bis zum Händler, derart mit der Nahrung verfuhr? Wenn neben Düngern, Insektiziden, Konservierungsstoffen und anderen chemischen Mitteln auch Leichengifte in der Ware lauerten, die man resorbieren musste? Gerade das Sauerkraut, das von Römern, Griechen und den alten Chinesen geschätzt wurde, hatte einen hervorragenden Ruf zu verteidigen - es galt als vorbeugendes Mittel gegen den Darmkrebs, sein hoher Vitamin C-Gehalt verhinderte Skorbut, ermöglichte die Entdeckung Amerikas. Wenn sich bei der organischen Zersetzung von Körpern aber Gifte entwickelten, und angenommen, das passierte in der Slowakei öfter, dass jemand in die Nahrungskette geriet, dann war man als Konsument gefährdet sobald man etwas aß. Restlos gefährdet. Schon beim Betreten eines Supermarktes würden einen die Bakterien erwischen. Ein Bissen konnte tödlich sein.
„Verdammt, ich habe eine Kontaktlinse verloren.“
Peter zuckte mit dem rechten Auge und wühlte im Sauerkraut.
„Kruzitürken, was bin ich für ein Pechvogel. Dass so etwas ausgerechnet mir passiert. Wenn sie das Ding mit der Leiche finden und mich identifizieren, oweia...“
„Dazu bräuchten sie eine Datei“, beruhigte Jay. „Eine Urinprobe. Oder Speichel.“
„Trotzdem. Rein hypothetisch: Sie finden die Kontaktlinse im Sauerkraut ...“
„Jetzt könnte ich eine Ladung Crunchies vertragen“, unterbrach ihn Jay.
„Ich meine nur ...“
„Gut, dass ich gestern Milch gekauft habe.“
„Mach den Rest. Ich kann nicht mehr deutlich sehen.“
Er jammerte noch ein bisschen, schwieg aber, als ihm einfiel, dass er Ersatz im Kulturbeutel trug. Diese weichen Linsen erhielt man mittlerweile für Kleingeld. Er beruhigte sich, und dann überwältigte ihn sogar eine feierliche Stimmung. Während Jay den eingesäuerten Herbstkohl von der Plane ins Fass schaufelte, und sich der Körper Suhrkamps mit saftigen, langen Fäden bedeckte, empfand er einen Abschied wie bei einer regelrechten Erdbestattung. Man sah mittlerweile nur noch den Kopf. Der Tote blickte mit sehnsuchtsvollen Augen aus dem Kraut, es war fast, als habe er eine Geborgenheit erlangt, die er im Leben nie gefunden hatte. Bald darauf bedeckte sich der kahle Schädel, nun geschützt und vollständig, als seien ihm Haare gewachsen. „Manchmal kann der Tod eine Erlösung sein“, dachte Peter erleichtert, als das Corpus delicti entschwand. Ihm war danach, ein abschließendes Wort zu sprechen, doch es gab so vieles, was noch zu erledigen war. Oh ja, so vieles! Zum Beispiel mussten sie den überschüssigen Kohl entsorgen. Sie platzierten die poröse Platte auf dem Kraut; sie ließ das durch den Gärprozess freigesetzte Kohlendioxid abziehen. Dann stülpten sie den Deckel darüber, der ein eingelassenes Ventil für die Gärgase besaß, und schraubten ihn fest.
„Nächste Woche leihen wir uns einen Pick up ...“
„Wenn es so was in München gibt“, gab Jay zu Bedenken.
„Oder einen Mitsubishi. Du weißt schon - die mit dem variablen Laderaum.“
„Warum nicht einen Transporter?“
„Hm ja. Sollte schon ein flottes Modell sein.“
„Wir dürfen nicht auffallen.“
„Metallic lackiert.“
„Und 4-Rad-Antrieb fürs Gebirge.“ Peter hielt ein Foto in der Hand und fächelte sich Frischluft zu. Er erhoffte sich vom Gärungsprozess im Weißkohl eine zersetzende und entfleischende Effekte, erwartete zumindest, dass der kleine Körper seine Flüssigkeit an die Salzlauge absonderte, die sich im Fassboden sammelte, und so immer weiter schrumpfte, bis ein paar Knöchelchen übrig blieben in einem Placenta ähnlichen Häutchen.
Wenn man Jahre später in einer Höhle oder einer Felsspalte das verrottete Fässchen fand, dann konnte das ein Tier gewesen sein, ein Kaninchen, eine Ratte, oder noch etwas Marginaleres. Die Hohe Tatra war reich an Kleinsttieren wie sonst keine andere Gebirgsgegend in Europa, so dass ein Wanderer nicht unbedingt Verdacht schöpfen musste, wenn er einen Fötus, amphibienhaft und verkapselt, in einem Krautwickel fand.
Je länger Peter über die Segnungen des Sauerkrautes nachdachte, desto winziger wurde das durch den Unfall aufgeworfene Problemchen. Andererseits, so meinte er, konnte man diese Lösung fair und respektvoll gegenüber dem Opfer nennen.
In historischer Zeit hatte man immer Schwierigkeiten gehabt, einen Fötus verschwinden zu lassen, bei illegalen Abtreibungen beispielsweise, da wurde er in einen Sack eingenäht und die Donau hinab geschwemmt, oder zerteilt und mit den Fleischabfällen entsorgt. Dagegen blieb der zarte Leib des Erben weitgehend verschont, die abgetrennten Teile waren dem Kraut beigemischt, das ihn weich und schützend umfloss, und fast schien es, als sei er in den Uterus zurückgekehrt und man habe ihm einen Wunsch erfüllt, den er vom Anbeginn seines Lebens hegte.
Er hatte Geoffry gefragt, wo man auf der Insel am besten Golf spielen könnte, und der Makler hatte ihn zu seiner Überraschung in den exklusiven Rotary-Club eingeladen. Goeffry spielte besser – nicht nur, weil er den Platz kannte. Nur beim Putting war Dr. Liedl überlegen. Neu war für ihn, dass der Caddy ungefragt Ratschläge gab, was die richtigen Hölzer betraf; er wollte es sich schon verbitten, ließ es aber sein, weil er bemerkte, dass sein Partner sich ernsthaft mit dem Caddy unterhielt. Am Ende hatte er es dem Jungen zu verdanken, dass er nicht allzu schlecht abschnitt. Auch Geoffry, der ihm beim dritten Loch geraten hatte: „Spielen Sie nicht gegen mich, spielen Sie gegen den Platz!“ Geoffry war untersetzt, glatzköpfig, braungebrannt, trug eine pfeffergraue Tweedhose, ein verschwitztes Polohemd, uralte Golfschuhe. Einmal brachte er den Ball über eine 400-m Bahn in zwei Schlägen auf das Grün.
„Ich habe mich nicht erst dafür entschieden, als ich es besichtigen konnte, sondern gleich, als ich es zum ersten Mal sah. Ich bin wie ein Indianer um das Haus geschlichen und habe durch die Fenster gespäht“, meinte Liedl.
„Als gerissener Makler habe ich das gleich bemerkt!“ sagte der Engländer und lachte.
„Und behauptet, es sei unverkäuflich.“
„I-wo. Ich habe dir prophezeit, dass du dich bei uns daheim fühlen würdest.“
„Das Fell hast du mir über die Ohren gezogen, alter Gauner!“
Sie nahmen noch einen Whisky im Club und verabschiedeten sich wie alte Freunde. „Du solltest trainieren. Wenn ich das nächste Mal auf der Insel bin, laufe ich zur Höchstform auf.“
Er schwang sich in den roten Flitzer, gab Gas und ließ Sundown hinter sich, passierte Shanklin mit seinen strohgedeckten Cottages, düste zu den Undercliffs. Die Küstenstraße war schmal, mit starken Steigungen und Spitzkehren, und bot atemberaubende Ausblicke auf die üppige Vegetation am Golfstrom. Palmen im Garten waren hier ein Statussymbol. Bei Venton führten die üblichen Piers mit Vergnügungspavillon ins Meer, danach schmälerten sich die Strände, wurden die Felsen spektakulär.
Der Park zu seinem Anwesen: ein schwarzes Loch. Er musste die Sonnenbrille abnehmen. Mildes Licht lag auf den rötlichen Kiefernnadeln hinter dem Tor, das automatisch schloss. Rechts noch immer die Mauer, aber links wieder freier Blick auf die Bucht und die Kalkhügel in zwei bis drei Meilen Entfernung, die vor den kalten Nordwinden schützten. Im Vordergrund blau schimmernd das Meer. Ein paar lärmende Seevögel kreisten vor der Steilküste. Die Mauer auf der anderen Seite senkte sich hinter Rhododendren und überhängenden Rosen. Er postierte den Sportwagen auf der Auffahrt. Mit sattem Klacken fiel die Tür zu. Er nahm das Paket vom Hintersitz, öffnete mit dem Schlüssel, den er vor kurzem von Geoffry erhalten hatte.
Sobald er zurück in Berlin war, wollte er das Gespräch mit dem Geschäftspartner suchen. Er würde ihm klarmachen, dass Landhurst-house nur der Anfang war. Der 62te Geburtstag, den er in zwei Monaten feiern würde, war für ihn definitiv das letzte Hindernis in einer lebenslangen Golfpartie. Er durchlief die Halle, die keinerlei Möbel schmückten; sie war vollständig leer. Das Licht fiel wie in einem Museum von oben ein. Antike Holzsäulen trugen eine geschwungene Treppe, bildeten einen halben Umgang, weiß, vergilbt, feierlich. Sorgfältig entfernte er das Verpackungsmaterial und begutachtete die Rarität. Zwischen die Säulen wollte er die grünblaue Küstenlandschaft hängen; sie würde dort vertieft leuchten. Rechts an die freie Wand käme die zeitgenössische Radierung von Alfred Lord Tennyson im Kassetten-Rahmen. Im Gegensatz zum Ruskin-Bild musste sie plastisch nach vorne gebracht werden, damit man die feinen Linien würdigte. In die Halle durfte nichts kommen als diese beiden Bilder. Er zog die Flügel auf zu den beiden Parterre-Räumen rechts und links, ging zwischen ihnen hin und her, schob die Kattunvorhänge beiseite. Die meiste Zeit würde er hier allein verbringen. 1969 hatte er geheiratet - eine jüngere Schauspielerin. Ein Jahr später Geburt des Sohnes Arnulf. Gründung einer Firma. Sein beruflicher Erfolg war von privaten Missgeschicken begleitet. Elfriede wurde krank, kümmerte sich weder um den Haushalt noch ums Kind und verstarb mit 37 Jahren.
Liedl dachte daran, dass Arnulf ein Blödmann war, typisch für die Wohlstandsgeneration, verzärtelt, verweichlicht, ein Looser. Alle Bemühungen, ihm etwas beizubringen, hatten nicht gefruchtet. Als er in der achten Klasse sitzen blieb, gab er das Projekt auf, ihn mit Nachhilfe durch die Schule zu pauken. Die Stelle, die er auf seine Vermittlung hin im KaDeWe erhielt, verließ er mit dem letzten Tag der Lehrzeit. Seitdem hatte er nie richtig Geld verdient. Der Junge versteifte sich darauf, Schauspieler zu sein. Irgendwann war Dr. Liedl der Geduldsfaden gerissen. Er zitierte den Therapeuten, der dem Jungen die Flöhe ins Ohr gesetzt haben mochte, in die Firma und eröffnete ihm, er wolle Arnulf, den er für „strohdumm“ halte, nach München schicken. Er könne dort schauspielern, treiben, was immer er wolle, nur ihn behelligen, in die Centricon kommen: das dürfe er nicht. Berlinverbot! Liedl betrachtete die Postkarte, die ihn aus Bratislava erreicht hatte. Außen war ein Fotogeschäft abgebildet, mit der Adresse Šancová 169. Innen die krakelige Handschrift Arnulfs, der bei keinem Wort sicher war, wie es geschrieben wurde. Der hatte bestimmt eine viertel Stunde gebraucht, um zwei Sätze zu formulieren. Ein Analphabet, aber immerhin sein Sohn.
Dr. Liedl ging zum Steingeländer der Terrasse und schaute in die Bucht hinab. Er wollte das Haus dem Meer und den Kalkbergen zurückgeben, für die es gebaut worden war. Er hatte den grauen Verputz von den Mauern des länglichen zweistöckigen Baus abschlagen lassen; darunter waren alte braune Backsteine zum Vorschein gekommen, die er durchsichtig schlämmen ließ. Die Fenster waren von dünn geschnittenen Steinbändern eingefasst, welche aus den Mauern nicht hervortraten, sondern ebenmäßig in sie eingelassen. Das Dach aus unregelmäßigen Schieferplatten, weder zu flach noch zu steil, nicht vorspringend, sondern genau an den Mauerkanten ansetzend, war schadhaft, wies Sprünge auf.
Er kontrollierte die Uhr. Es war Zeit, doch er konnte sich kaum von seinem neuen Domizil lösen. Schlafen würde er oben. Die Zimmer lagen im ersten Stock, dazu eine Reihe Kammern. Eigentlich war das Haus zu groß für ihn, aber Arnulf würde ihn besuchen, er hatte ihm bereits einen Schlüssel ausgehändigt, und er überlegte, auch der Geliebten eine Unterkunft einzurichten. Es fiel ihm schwer, mit ihren Kapricen zu leben, und ein englisches Landhaus schien wenig geeignet, die Bedürfnisse einer osteuropäischen Lebedame dauerhaft zu befriedigen.
Arthur Byron hatte ihm erzählt, dass es hier während der Wintermonate fast ununterbrochen regnete. Also würde er den Tag über in der Bibliothek sitzen und seine Memoiren schreiben.
Er brachte das Gepäck zum Wagen, dessen Speichen in der Sonne glitzerten. Wo der Park endete, schwang sich wildes Land, ein Boden aus Moos und Felsen, baumlos, von verfallenden Steinmauern und Fuchsienhecken durchzogen. Er passierte Carlsbroke Castle, eine Festung aus normannischer Zeit, umgeben von erdbraunen Tönen und saftigem Grün. Wie richtig es doch war, den Wohnsitz zu verlagern. Gestern war er den Weg an den Kreideklippen entlanggewandert, unter den Schreien der Möwen. Er liebte dieses alte Europa – und verband damit einen Begriff von höchster Qualität.
Er durfte den Kompagnon nicht unterschätzen: wahrscheinlich wusste er über seine Absichten Bescheid. Schon beim Eintritt in Liedls Geschäft hatte er ihm eingeschärft, dass es für ihn keine halben Lösungen gebe; die Konstruktion sei irreversibel und der Transfer von Know-how Teil der Abmachung. Um Zeit zu schinden, würde er zunächst von seinem Englandfimmel reden. Verhandlungen führte der alte Firmenchef ungern in Konferenzen, sondern bei einem Essen, während einer Ausfahrt oder Besichtigung. Früher ließ er offizielle Treffen in dem Sitzungszimmer der Liedl AG stattfinden, verlieh ihnen den feierlichen Charakter eines Konklaves, mit dessen Hilfe er seinen Kontrahenten das Gefühl besonderer Bedeutung einflößte, sorgte aber dafür, dass die eigentlichen Entscheidungen offen blieben. Diese führte er überraschend bei Zusammenkünften im engeren Kreis herbei, scheinbar beiläufig, in privater Umgebung. Er schuf dann zwischen sich und einem Geschäftsfreund den Nimbus einer Elite, die unter sich blieb.
Dieses Ritual funktionierte nicht mehr. Sein neuer Partner war physisch abwesend. Er vertraute dem Stellvertreter, den er in die Firma gepflanzt hatte. Ihm oblagen alle operativen Aufgaben und auch die Befugnis, Liedl für repräsentative Zwecke einzuspannen. „Nein“, sagte er sich, „mein Rückzug ist die letzte Konsequenz. Ich werde mich langweilen, aber mit Stil.“
Arthur Byron, der Wirt des Gasthauses und Hotels in Cowes, sah dem Manager nach, der seinen TR4 untergestellt hatte, wie er die Uferstraße überquerte und zur British Hovercraft Corporation lief. Er sprach akzentfrei englisch, er wäre nie darauf gekommen, dass er Deutscher war. Wie viele Engländer trug er einen blauen Blazer und eine dunkle Flanellhose. Ein hochgewachsener, nicht dicker Mann, überlegen lächelnd, mit grauen, sehr sorgfältig nach hinten gekämmten Haaren. Er musste gut in Form sein trotz der gelblichen Haut – Arthur vermutete eine angegriffene Leber.
Oft würde er zum Meeresstrand wandern, einen Taschenkrebs in einem Fluttümpel studieren, das Aufprallen der Wellen auf die Klippen hören, mit dem Fernglas den Möwen zusehen, die auf den Kreidefelsen saßen, sich in einer Sandbucht ausziehen und in dem kalten Wasser unter grüngrauem Himmel schwimmen. Wenn er die Weite des Meeres und des Himmel satt hatte, würde er durch die Watchbell Lane in Newport bummeln, in der sich Antiquitätenläden reihten. Von solchen Exkursionen würde er nach Hause kommen, zu seinen Büchern und Bildern, zu seinem streng aufgeräumten Arbeitsplatz, auf dem nichts lag als der Foliant, in dem er gerade las.
Alles in allem schätzte er die Kosten der Renovierungsarbeiten für Landhurst-house – die Dachdeckerarbeiten, das Abschlagen des Verputzes und das Neuverputzen, die Maler- und Schreinerarbeiten, die sanitären Installationen und das Einbauen einer Zentralheizung sowie den Aufwand für die Außenanlagen - auf 250.000 Euro, also ein Achtel des Kaufpreises. Er würde einen örtlichen Architekten beteiligen, der die Handwerker der Region kannte. Das Haus war nicht nur Liebhaberei: es ließ Attitüden Formen werden, und dadurch, so hoffte er, könnte es ihm seine Würde zurückgeben.
