Die letzte Flut - Stephen Baxter - E-Book
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Beschreibung

Es ist das Jahr 2015 - der Meeresspiegel steigt rasantDie Menschheit vor ihrer größten Herausforderung: Städte werden überflutet, Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Es scheint, als könne niemand die verheerende Flut aufhalten. Da macht die Klimaforscherin Thandie Jones eine atemberaubende Entdeckung. Und der Wettlauf mit der Zeit beginnt ...Was geschieht, wenn der Meeresspiegel steigt? Nicht nur um einige Meter – sondern um einige Kilometer? Was würde das für unsere Zivilisation, unser Leben, unsere Zukunft bedeuten? Dieses Szenario wird in Stephen Baxters Roman „Die letzte Flut“ erschreckende Realität: Zahllose Städte werden überschwemmt, ganze Staaten verschwinden, Millionen von Menschen versuchen, sich in höher gelegene Regionen zu retten. Doch das Wasser steigt weiter, und überall beginnen hektische Aktivitäten, um die Menschheit vor dem völligen Untergang zu bewahren: Schwimmende Habitate sollen errichtet werden, ja man denkt sogar daran, einen Teil der Zivilisation ins Weltall zu verlegen. Bis eine Gruppe von Klimaforschern eine dramatische Entdeckung macht: Es scheint, als würde sich der Planet Erde durch die Flut von seinen Bewohnern befreien wollen. Aber kann das wirklich sein? Und was kann man dagegen ausrichten?• 2015: 5 Meter - Die Küstenregionen werden überflutet. Bangladesh und die Malediven versinken im Meer. • 2020: 60 Meter - Das Amazonasbecken wird überschwemmt. Große Teile Nordafrikas und Südostasiens verschwinden.• 2035: 800 Meter - Die USA und Europa verlieren die Hälfte ihrer Landmasse. Afrika verwandelt sich in eine Inselwelt.• 2041: 1,5 Kilometer - Nur noch Bergregionen können sich über Wasser halten ...Ein hochspannender Wissenschaftsthriller – visionär und brandaktuell.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:782


Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
 
Erster Teil - 2016 Anstieg des Meeresspiegels: 1-5 Meter
Kapitel 1 - JULI 2016
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
 
Copyright
Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel FLOOD bei Gollancz, London
Für Mary Jane Shepherd geb. Ramsey
 
1930 -2007
Erster Teil
2016 Anstieg des Meeresspiegels: 1-5 Meter
1
JULI 2016
Jedes Schlagloch, jeder Riss im Asphalt war mit Wasser gefüllt. Als der Lastwagen durch die Straßen von Barcelona kurvte, spritzte das Wasser auf und durchnässte Lily in ihrem engen Transportfach unter dem Chassis - stinkendes, öliges Zeug, das sich einen Weg unter das Klebeband über ihren Augen und ihrem Mund bahnte. Außerdem regnete es, ein starker, anhaltender Regen, der auf das Metalldach des Lastwagens trommelte. Sein Prasseln gesellte sich zum Dröhnen des Motors und dem fernen Rattern von Maschinengewehren.
Ein weiterer Stoß rammte ihren Körper gegen die Metalldecke über ihr. Ächzend bewegte sie die Lippen, um das Klebeband zu lockern, und wand sich ein wenig in der Hoffnung, die Schmerzen in ihren Schultern und im Nacken zu lindern, die daher rührten, dass ihr die Arme auf den Rücken gebunden waren. Aber bei jeder Bewegung wanderte der Schmerz lediglich an eine andere Stelle.
Sie hatten noch eine weitere, mit Klebeband gefesselte Geisel unter der Karosserie des Lastwagens verstaut. Die beiden Frauen lagen verkehrt herum nebeneinander, wie Sardinen in der Büchse. Lily glaubte, dass es Helen war. Sie streckte die Beine ein wenig, so vorsichtig es bei dem Geholper eben ging. Man hatte ihr die Schuhe weggenommen, und ihre bloßen Füße berührten Haare. Aber Helen reagierte nicht. Lily hatte solche Fahrten schon sieben, acht oder neun Mal mitgemacht und beobachtet, dass jede der anderen Geiseln - Helen, Gary, John und Piers - diese Tortur auf ihre Weise bewältigte. Helen ließ einfach alles über sich ergehen. Für sie zählte nur, dass sie am Ende ihr Baby zurückbekam.
Der Lastwagen hielt ruckartig an, der Motor tuckerte im Leerlauf vor sich hin. Lily hörte Stimmen, die sich in rasendem Tempo unterhielten, ein Gebrabbel in Spanisch, das sie ein wenig kannte, und Katalanisch, von dem sie kaum ein Wort verstand. Eine der Stimmen gehörte Jaume, dem fetten, ewig schwitzenden jungen Mann, der so leicht nervös wurde. Wahrscheinlich verhandelte er gerade über die Durchfahrt durch eine Zollsperre, die von der einen oder anderen Miliz errichtet worden war.
Der Regen prasselte immer noch gegen die Seitenwände des Lastwagens, rauschte auf den Asphalt und klatschte auf die Kleidung der Männer draußen.
Lily hörte, wie Jaume hastig wieder einstieg. Schüsse ertönten. Eine Kugel schlug in die Karosserie des Wagens. Der Fahrer trat aufs Gas, der Laster schoss davon, und Lilys Schultern machten erneut unsanfte Bekanntschaft mit der Metallwand.
Sie wurde hin und her geschleudert. Die dahinrasende Straßendecke befand sich nur Zentimeter unter ihr. Da sie sich kaum bewegen konnte, wand sie sich wie ein Aal in ihren Fesseln und kämpfte gegen den Schmerz und die aufsteigende Panik an. Helen gab noch immer keinen Laut von sich.
Lily gehörte zu den am längsten festgehaltenen Geiseln.
Als man sie vor fünf Jahren an die hiesige amerikanische Botschaft versetzt hatte, war Spanien bereits im Zusammenbruch begriffen gewesen. Das Land wurde von seinen einzigartigen, teilweise jahrhundertealten separatistischen Bestrebungen und ethnischen Spannungen zerrissen, die vom Erbe der muslimischen Invasion im achten Jahrhundert bis zu den alles vergiftenden Spaltungen des Bürgerkriegs im zwanzigsten Jahrhundert reichten. Und der aktuelle Zustrom von Migranten aus dem dürregeplagten Afrika verschärfte die Lage noch. Ein Staatsstreich der Rechten gegen die Regierung läutete letztlich den Zerfall ein.
Während die Friedenswächter und Hilfsorganisationen sich abrackerten, waren die großen Gestalter der Globalisierung gekommen, aggressive Konzerne und Finanzinstitutionen, die aus dem Wiederaufbau eines zerbröckelnden Staates Profit zu schlagen versuchten; auf der anderen Seite sorgten die Schürer des Volkszorns für Aufstände und terroristische Aktionen. Die Spaltungen verästelten und überlappten sich mehr und mehr - Spanien wurde zu einem fraktalen Trümmerstaat, einem Libanon des Westens. Mittlerweile, so schien es, waren selbst Großstädte wie Barcelona von bewaffneten Splittergruppen übernommen worden.
Wenn man sich inmitten des Geschehens befand, war das Kaleidoskop der Konflikte und fragilen Bündnisse verwirrend und schien in rasanter Bewegung begriffen. So war Lily beim Abschuss ihres Chinooks vor all diesen Jahren in die Hände einer fundamentalistischen Muslimgruppe gefallen, wurde gegenwärtig jedoch von christlichen Extremisten festgehalten. Im Lauf der Zeit war sie wie der Taler in dem alten Kinderspiel von einer Hand zur anderen gewandert. Nun hatte man sie erneut mit Klebeband gefesselt und unter einen Lastwagen gestopft.
Ein paar Minuten später hielten sie ein weiteres Mal an. Türen knallten. Lily hörte, wie Jaume und die anderen Bewacher um den Wagen herumgingen. Sie unterhielten sich in schnellen, leisen Worten.
Dann wurde sie an den Knöcheln gepackt und unter dem Wagen hervorgezerrt. Sie landete rücklings auf einer harten, nassen, unebenen Fläche - Kopfsteinpflaster? Es tat weh. Regen peitschte auf sie nieder, durchnässte ihr T-Shirt, ihren Bauch und die nackten Beine zwischen den Klebestreifen. Sie konnte nichts sehen, und sie hatte keine Ahnung, was mit Helen geschah.
Sie wurde von groben Händen an den Füßen und unter den Achseln genommen, wie ein Kind hochgehoben, auf den Bauch gedreht und über eine Schulter geworfen. Ein Arm legte sich über ihre Beine, und der Mann, der sie trug, trabte im Laufschritt los. Wer immer es war, er musste stark sein. Lupo oder Severo. Das Auf und Ab seiner Schritte schüttelte sie durch, zerrte an ihren Armen, die noch immer stramm auf den Rücken gefesselt waren, und ihr Kopf flog hin und her. Der Regen durchnässte ihren Rücken, ihre Füße waren kalt. Sie fühlte sich alt, älter als ihre vierzig Jahre, alt und schwach im starken, jugendlichen Griff des Mannes.
Endlich wurde sie aus dem Regen in einen geschlossenen Raum gebracht. Die Art der Geräusche änderte sich, die schnellen Schritte hallten. Irgendein großer, weiter, leerer Raum? Der Mann stolperte über etwas, so dass Lily nach vorn gerissen wurde. Er fluchte auf Katalanisch und eilte weiter. Jetzt ging es Treppen hinunter, in einen weiteren hallenden Raum, vielleicht einen Keller. Die Stufen waren massiv, wohl aus Stein. Ihr Kopf streifte eine Schwelle; sie hatte Glück, dass sie nicht verletzt wurde.
Keuchend beugte sich der Mann vor und ließ sie unsanft von seinen Schultern rutschen. Sie spannte die Muskeln an, weil sie damit rechnete, auf den Boden zu prallen, aber sie polterte auf einen harten Holzstuhl. Ein Messer arbeitete sich an ihrem Körper hoch, durchtrennte das Klebeband über ihren Beinen und ihrem Rumpf, befreite ihre auf den Rücken gebundenen Arme. Sie spürte die harte Spitze der Klinge, wurde jedoch nicht geschnitten. Vor ihrem Gesicht war heißer Atem, und sie roch den Gestank von billigem, fettigem Fraß. Also war es Lupo, er liebte seine Hamburger.
Als ihre Arme frei waren, hätte sie sich am liebsten gereckt und die Schmerzen aus ihren Muskeln massiert. Aber sie kannte die weitere Prozedur. Sie hob den rechten Arm und streckte das rechte Bein aus. Die Schellen schlossen sich fest um ihr Handgelenk und ihren Knöchel, das Metall war kalt und eng. Sie zerrte versuchsweise daran. Eine Kette rasselte, nur ein kurzes, fest verankertes Stück.
Ihre Augen waren noch immer zugeklebt, ihr Mund verschlossen. Aber der Mann entfernte sich, und sie hörte die anderen irgendwo im Raum, die leisen Gespräche der Bewacher, das Stöhnen der unsanft abgeladenen Gefangenen. Sie fasste an ihren Mund, zog das Klebeband herunter und schnappte nach Luft. Dann tastete sie nach dem Ende der Streifen und entfernte das Band ganz. Sie kniff die Augen fest zu, denn es zerrte schmerzhaft an ihren Lidern. Ihr Hinterkopf brannte, doch die geschorene Kopfhaut bewahrte sie vor weiterem Schmerz. Sie warf das Klebeband zu Boden.
Jeder Muskel tat ihr weh. Erschöpft blickte sie sich um.
 
Dies war keiner der üblichen Keller, in denen sie sonst versteckt wurden, sondern eine Art Gewölbe mit Steinwänden, schmutzig, sehr alt und von zwölf Bogen unterteilt. Eine batteriebetriebene Laterne, die auf dem Boden stand, spendete das einzige Licht. An den Wänden prangten Reliefs - Bilder einer Unglücklichen, die Folterqualen erlitt -, und Lily erhaschte einen flüchtigen Blick auf eine Reihe von Sarkophagen. Eine Krypta?
Es roch modrig. Lily sah Wasserflecken an den Wänden, träge Rinnsale unter den steinernen Bogen, staubige Pfützen auf dem Boden.
Sie saß auf einem harten Holzstuhl und war an einen altertümlich wirkenden Heizkörper gekettet. Drei Bewacher - Jaume, Lupo und Severo - standen in der Mitte des Gewölbes, ihre Armalites über der Schulter, und rauchten nervös. Severo trug sogar im Dunkeln seine Sonnenbrille - tatsächlich war es Lilys US-Air-Force-Sonnenbrille, die man ihr an dem Tag, als der Chinook heruntergeholt worden war, zusammen mit all ihren anderen Besitztümern abgenommen hatte.
Auf weiteren, im Kreis an den Wänden aufgestellten Stühlen saßen die Geiseln in ihren T-Shirts und Shorts, mit bloßen Füßen; silberne Paketbandstreifen klebten noch an ihnen. Vier außer ihr: Also waren alle hier; sie waren noch zusammen.
Helen Gray drückte Grace an sich, ihr Baby, das man ihr nach der Verlegung zurückgegeben hatte, der Mittelpunkt ihrer ganzen Welt. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, hochgewachsen und auffallend blass unter ihren Sommersprossen. Sie sah sehr englisch aus, sehr zerbrechlich. Gary Boyle, der noch jüngere amerikanische Wissenschaftler, saß verwirrt und wie betäubt da. Seine Angst und Verzweiflung brachten stets das Tyrannenhafte in ihren Bewachern zum Vorschein; seine Arme und Beine waren voller blauer Flecken von den Schlägen, die er bekam.
Piers hockte zusammengesunken auf seinem Stuhl, ein schmutziges Handtuch über dem Gesicht. Piers Michaelmas, ein hoher britischer Offizier, war damals Lilys Hauptpassagier im Hubschrauber gewesen. Er hatte für eine westliche Allianz gearbeitet, die bestrebt gewesen war, die neue Militärregierung zu stützen. Schon vor vielen Monaten hatte er sich hinter seine Handtücher und Augenbinden zurückgezogen und sprach nur mehr selten ein Wort.
John Foreshaw schließlich, ein amerikanischer Zivilist, der für ein ausländisches Unternehmen tätig war, prüfte seine Handschellen, wie immer gereizt und ungeduldig; am gefährlichsten war er in solchen Übergangssituationen.
In den schmutzigen Kleidern, käsebleich vom Mangel an Tageslicht, sahen sie sich mit ihren tief in den Höhlen liegenden Augen, ihren abgeschnittenen Haaren und ausgemergelten Gesichtern alle so ähnlich, dachte Lily. Männer und Frauen, Briten und Amerikaner, Militärs und Zivilisten, Junge und nicht mehr so Junge. Aber sie waren allesamt weiß, waren allesamt Briten oder Amerikaner - und das waren die Kategorien, die sie als Geiseln wertvoll machten.
Ansonsten gab es hier nichts, keine der üblichen Utensilien einer langen Gefangenschaft, die Schaumstoffmatratzen und schmutzigen Decken, die Plastikbeutel, in die sie sich entleeren mussten, die alten Cola-Flaschen, die ihr Trinkwasser und ihren Urin enthielten. Diesmal waren nur sie selbst hier.
John sprach als Erster. »Und wo, zum Teufel, sind wir jetzt?«
Jaume nahm die Zigarette aus dem Mund und blies eine Wolke kaum inhalierten Rauchs aus. Wie die anderen dieser »Väter der Auserwählten« war er kaum älter als zwanzig, nur halb so alt wie John, Piers und Lily.
»La Seu«, sagte er.
»Wo? Was hast du gesagt? Warum könnt ihr Scheißkerle nicht vernünftig reden?« John war einmal fett gewesen; jetzt hing ihm die Haut schlaff von den Wangen und unter dem Kinn, als wäre sie ausgeleert worden.
Gary Boyle ergriff das Wort. »La Seu. Das ist die Kathedrale. Der heiligen Eulalia geweiht, einer dreizehnjährigen Märtyrerin. Als Kind war ich mal mit meinen Eltern hier …« Er blickte sich um. »Mein Gott. Das ist die Krypta. Wir sind in der Krypta einer Kathedrale angekettet!«
»Ist bloß ein weiteres Dreckloch, mehr nicht«, stieß John zwischen den Zähnen hervor. »An den Wänden läuft Wasser runter. Wir werden ertrinken, verdammt noch mal, wenn wir nicht vorher an Lungenentzündung verrecken!«
»Heilige Stätte«, warf Jaume ihnen in seinem alles andere als akzentfreien Englisch lässig hin. »Gott hier bei euch.« Er machte sich auf den Weg zu einer im Schatten liegenden Treppe. Die anderen folgten ihm.
»Hey!«, rief John ihnen nach. »Wo wollt ihr hin? Wo sind unsere Matratzen? Hier gibt’s nichts zu essen. Nicht mal einen Beutel zum Reinscheißen.«
»Gott sorgt für euch«, erwiderte Jaume. »Hat sich seit neuntem Jahrhundert um Heilige gekümmert, wird sich auch um euch kümmern.«
John zerrte an seinen Ketten, sie rasselten laut in dem geschlossenen Raum. »Ihr wollt uns hier krepieren lassen, stimmt’s?«
Lily fragte sich im Stillen, ob er recht haben könnte. Nichts deutete darauf hin, dass hier ein längerer Aufenthalt vorgesehen war. Sie ließ sich auf den Gedanken ein, auf die Vorstellung, dass sie sterben würde, und merkte, dass sie keine Angst davor hatte. Fünf Jahre lang hatte sie sich in der launenhaften Obhut ängstlicher, unwissender junger Männer befunden; auch ohne die grausamen Spielchen und all die Scheinhinrichtungen hatte sie sich längst an den Gedanken gewöhnt, dass ihrem Leben jederzeit aus einer Laune heraus ein Ende gesetzt werden könnte. Aber sie wollte nicht in diesem Loch sterben. Sie verspürte eine tiefe, starke Sehnsucht, den Himmel zu sehen.
Die Bewacher entfernten sich weiter treppaufwärts, und John riss noch heftiger an seinen Ketten. »Ihr verfluchten Mistkerle, ihr schnappt euch eine Handvoll Geiseln und glaubt, ihr könntet die ganze Welt beherrschen!«
»Immer mit der Ruhe, John«, mahnte Lily.
John geriet jetzt in Rage; sein Gesicht färbte sich purpurrot. »Verdammte Feiglinge! Ihr könnt euren Job nicht mal richtig zu Ende bringen, dazu seid ihr wohl nicht Manns genug …«
Severo drehte sich um und schoss mit seiner Armalite. Die Salve dröhnte laut in dem geschlossenen Raum. Johns Körper erzitterte, als ihn die Kugeln trafen. Eine erwischte ihn im Gesicht, das zu blutigem Matsch implodierte.
»John!«, schrie Gary. »O Gott, o Gott!«
»Kein Feigling«, sagte Severo, die Zigarette im Mund. Dann folgte er den anderen die Treppe hinauf, bis er aus Lilys Blickfeld verschwunden war.
John hing schräg über dem Stuhl. Auf dem Boden bildete sich eine dickflüssige Blutlache. Helen beugte sich über ihr Baby, drückte es fest an sich, schaukelte hin und her, als existierte sonst nichts auf der Welt. Piers wandte den verhüllten Kopf ab und sackte in sich zusammen.
Gary saß vornübergebeugt da und weinte Tränen des Schocks. Lily, die nur ein paar Meter von ihm entfernt angekettet war, kam nicht an ihn heran.
John war in mancherlei Hinsicht ein Arschloch gewesen, aber Lily kannte ihn nun seit vier Jahren. Jetzt war er tot, von einer Sekunde auf die andere - vor ihren Augen erschossen. Noch schlimmer, ausrangiert. Nicht mehr von Wert für diejenigen, die sie in ihrer Gewalt hatten. Und das bedeutete: alle anderen hier auch nicht.
»Es ist vorbei.« Helen sprach zum ersten Mal, seit sie hierhergebracht worden waren. Sie drückte das Baby an die Brust, ihr Kinn ruhte auf Graces Kopf. »Ich habe recht, nicht wahr?« Sie hatte einen forschen, nordenglischen Akzent. Sie war Sprachlehrerin gewesen.
»Das kann man nicht wissen«, sagte Lily mit Nachdruck. »Vielleicht hat sich irgendeine andere Gruppe bei der Übergabe verspätet, das ist alles.«
»Sie haben John getötet«, keuchte Gary mit schwerer Stimme.
»Und diese verfluchte Laterne geht aus«, sagte Helen. »Schaut euch das an! Die Mistkerle konnten uns nicht mal eine frische Batterie geben. Sie lassen uns hier im Dunkeln sitzen, mit einer stinkenden Leiche. Wir werden hier hocken, bis wir verschimmeln.«
»O Jesus Christus«, wimmerte Gary. Und Lily hörte ihn leise stöhnen. Sie wusste, was das bedeutete: Seine Blase hatte sich entleert.
»So weit wird es nicht kommen«, fauchte sie. »Sehen wir zu, dass wir diese Ketten loswerden.« Sie zog versuchsweise an ihrer. Der Heizkörper war fest mit der Steinwand verschraubt. »Schaut euch um, bevor das Licht ausgeht. Hier unten muss es doch irgendwas geben, was wir hernehmen können …«
»Wie wär’s mit Bolzenschneidern?«
2
Die neue Stimme gehörte einem Mann, der Englisch sprach, und kam von der Treppe. Sie beugten sich alle vor, um dorthin zu blicken. Selbst Piers drehte das verhüllte Gesicht in die Richtung.
Taschenlampen leuchteten auf. Lily hob ihre nicht angekettete Hand, um die Augen zu beschirmen. Sie erkannte zwei, drei, vier Personen, die die Treppe zur Krypta herunterstiegen. »Wer ist da? Wer sind Sie? ¿Como se llaman ustedes? ¿Me pueden ayudar, por favor? Me llamo …«
»Sie sind Lily Brooke, stimmt’s? Captain der USAF, Dienstnummer …«
»Sagen Sie mir, wer Sie sind!«
Der Mann, der nun vor ihr stand, leuchtete sich mit der Taschenlampe ins Gesicht. Er war schwarz, vielleicht vierzig Jahre alt, hochgewachsen und breitschultrig, und trug eine Art Kampfanzug mit purpurrotem Barett und einem Abzeichen auf dem Schulterstück: die Erdkugel in einer hohlen Hand. »Mein Name ist George Camden.«
»Sie sind Engländer. Militär?«
»Eine private Sicherheitstruppe. Ich arbeite für AxysCorp.« Er tippte auf das Schulterabzeichen. »Ich bin hier, um Sie rauszuholen. Sie sind jetzt in Sicherheit.« Er lächelte.
In Lilys Innerem rührte sich nichts. Sie verspürte keinerlei Erleichterung. Sie glaubte ihm nicht. Angespannt und wachsam wartete sie darauf, dass die Falle zuschnappte.
»AxysCorp«, sagte Gary. »Johns Firma.«
Camden leuchtete ihn mit der Taschenlampe an. »Sie sind Gary Boyle von der NASA? Ja, John Foreshaw ist für uns tätig. Wir arbeiten mit den Friedenswächtern der Koalition zusammen, dem staatlichen Militär. Aber bei AxysCorp kümmern wir uns um unsere Leute.« Er ließ den Lichtstrahl herumwandern. Piers zuckte vor dem Licht zurück. »Und wo ist John?«
»Sie haben ihn knapp verpasst«, sagte Helen bitter.
»Verpasst?« Camdens Taschenlampe fand John. »Oh. Verdammt!«
Lily hob den angeketteten Arm. »Sie haben was von Bolzenschneidern gesagt?«
Camden winkte seine Leute herbei. »Beeilen wir uns.«
 
Nachdem die Männer sie befreit hatten, halfen sie ihnen die Kryptatreppe hinauf.
Das Innere der Kathedrale war eine Sandsteinhöhle, ausgeplündert und von Brandspuren gezeichnet. Sie stolperten durch das massive Portal de San Ivo auf die Straße hinaus. Die Kathedrale war ein gedrungener gotischer Steinbau, das Werk von Jahrhunderten; die Krater der Granateneinschläge zernarbten ihre kunstvolle Fassade. Es regnete unablässig, das Wasser sammelte sich in immer größer werdenden Pfützen auf der Straße und ließ jede Oberfläche erglänzen.
In der von Schutt übersäten Ruine eines Gebäudes stand ein kleiner Helikopter wartend auf seinen Kufen. Als die Geiseln näher kamen, eilten weitere AxysCorp-Mitarbeiter herbei, die neben der Maschine gestanden hatten. Lily, als Pilotin seit fünf Jahren aus dem Geschäft, kannte das Modell nicht; es trug das auffallende Geborgene-Erde-Logo von AxysCorp.
Während ihre Befreier die erforderlichen Vorbereitungen trafen, standen die vier ehemaligen Geiseln eng beieinander. Helen drückte ihr Baby an sich. Gary blinzelte lächelnd wie ein Kind an Weihnachten ins Licht. Unerträglicherweise wollte Piers Michaelmas das schmutzige Handtuch, das sein Gesicht verbarg, noch immer nicht abnehmen. Lily sah sehnsüchtig nach oben. Zumindest war es ihr gelungen, noch einmal den Himmel zu sehen, auch wenn er sich hinter einer dichten Wolkendecke verbarg. Ihre nackte Kopfhaut und die dünnen Kleider waren rasch vollends nass. Zum Glück war es Juli, so dass sie wenigstens nicht fror. Doch angesichts all der Männer in ihren mattgrünen Kampfanzügen um sie herum fühlte sie sich seltsam herabgewürdigt; in dem durchnässten T-Shirt und den Shorts kam sie sich geradezu nackt vor.
Ein AxysCorp-Mann mit Rotkreuz-Abzeichen auf dem Arm sah sich die vier kurz an und nahm Helen dann mit ein paar entschuldigenden Worten das Baby aus den Armen. »Nur für einen Moment - bis wir weg sind. Ich habe eine Wiege für sie. Dort ist sie besser aufgehoben.« Helen protestierte, als er mit dem Baby davonging und es dabei in den Armen wiegte, konnte jedoch nichts tun. Lily glaubte zu spüren, wie das Band zwischen Mutter und Tochter sich dehnte wie unter Spannung gesetzter Stahl.
»Überrascht mich, dass sie dem Kind so nahesteht«, sagte George Camden leise zu ihr. »Schließlich ist es das Produkt einer Vergewaltigung …«
»Es ist Helens Kind«, gab Lily scharf zurück. »Der Vater spielt keine Rolle. Said ist sowieso fort. Seine Kameraden haben ihn weggejagt.«
»Ja. Wir wissen über ihn Bescheid. Hören Sie, es ist alles in Ordnung. Immer mit der Ruhe. Sie sind jetzt in Sicherheit.«
»Das kommt mir so unwirklich vor.« Lily fuhr sich über den Kopf. Es stimmte: Der Hubschrauber, die ramponierte Kathedrale, der bleierne Himmel erschienen ihr wie Elemente jener Halluzinationen, unter denen sie in der Einzelhaft gelitten hatte.
»Ich kannte John, wissen Sie.« Camden lächelte schief. Seine Zähne waren sauber, sauberer als die von Lily in den letzten fünf Jahren. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir nach all dieser Zeit so kurz davor waren, ihn zu retten. Wenn er hier stünde, würde er sich über den Regen beklagen.«
»So war John.« Sie nickte. »Aber es regnet schon seit längerem. Wir haben in unserem letzten Verlies irgendwo draußen in den Vororten davon gehört. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in Barcelona jemals so ein Wetter gegeben hat.«
»Die Dinge haben sich in den fünf Jahren seit Ihrer Entführung geändert, Captain Brooke.« Ferne Schüsse waren zu hören, ein hohles Krachen. Camden horchte auf etwas, obwohl er keinen Ohrstöpsel trug. »Ich glaube, wir sind abflugbereit.« Er lief zum Hubschrauber.
Für einen kurzen Augenblick waren die vier wieder allein.
»Das war’s dann wohl«, sagte Gary unsicher. »Nach all den Monaten und Jahren.«
Lily sah sie an, den hoffnungsvollen jungen Gary, die schwer mitgenommene Helen, den empfindlichen Piers. »Wir haben etwas miteinander geteilt, nicht wahr?«
»Das haben wir«, sagte Helen. »Keiner außer uns wird das jemals verstehen.«
Und nun wurden sie in eine Welt entlassen, die sich offensichtlich verändert hatte.
»Hört zu«, sagte Lily impulsiv. »Legen wir ein Gelöbnis ab. Wir bleiben in Verbindung, wir vier. Wir kümmern uns umeinander. Wenn einer in Schwierigkeiten gerät, kommen die anderen und sehen nach ihm. Das gilt übrigens auch für Grace.«
Gary nickte. »Wenn aus dieser Scheiße irgendwas Gutes rauskommen kann, bin ich dabei.« Er streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben. Lily legte ihre Hand in seine, dann legte Helen ihre auf Lilys Hand. Piers streckte blindlings den Arm aus. Lily musste ihm helfen, die Hände der anderen zu ergreifen.
»Fürs ganze Leben«, sagte sie. »Und für Grace.«
»Fürs ganze Leben«, murmelten Helen und Gary.
George Camden kam mit raschen Schritten zurück. »Los geht’s! Am Flughafen wartet eine C-130 auf uns.«
Sie eilten ihm nach.
 
Hastig kletterten sie an Bord des Choppers und schnallten sich an den Segeltuchsitzen fest. Selbst hier ließ Piers das Handtuch über dem Gesicht. Helen durfte ihr Baby nicht halten; Grace lag ein paar Meter entfernt in einer auf dem Schalensitz neben dem Arzt festgeschnallten Wiege.
Der Hubschrauber hob ab und stieg abrupt in die Höhe. Als Frau vom Fach fand Lily, dass der Pilot ein bisschen ruppig zu Werke ging.
Die Maschine stieg an der Fassade der Kathedrale entlang nach oben, die mit ihren gewaltigen Dimensionen und ihrer eigen tüm lichen Formlosigkeit eher einem natürlichen Sandsteinfelsen als einem Gebilde von Menschenhand ähnelte. Lily sah die Narben des Krieges: Granattrichter, zerbrochene Türmchen, klaffende Löcher in einem abgebrannten Dach.
Dann wurden sie noch höher emporgehoben, und Lily spähte neugierig auf die Stadt hinab. In den fünf Jahren, in denen sie eingesperrt gewesen war, hatte sie kaum etwas anderes als das Innere von Vorortkellern und Lagerhäusern gesehen. Barcelona war ein Konglomerat aus Neubaugebieten, das im Südosten von der Mittelmeerküste, im Nordwesten von Bergen und auf beiden Flanken von Flüssen eingefasst wurde, dem Llobregat im Süden und dem Besos im Norden. Wohnviertel drängten sich um niedrige Hügel. Die neueren, landeinwärts gelegenen Stadtteile bildeten einen Flickenteppich aus rechtwinkligen Blöcken, während Glasnadeln gleichende Wolkenkratzer das Geschäftsviertel und die Küste sprenkelten.
Die Spuren des Konflikts waren unübersehbar: ausgebrannte Gebäude, schuttübersäte Straßen, in denen nur Panzerfahrzeuge fuhren, ein Block gläserner Hochhäuser mit eingedrückter Fassade. Ein Stadtteil brannte offenbar unkontrolliert. Doch inmitten der Schäden gab es Anzeichen von Wohlstand, komplette, mit Mauern abgeriegelte Stadtrandsiedlungen, die von Rasenflächen, Golfplätzen und hellen, neuen Gebäuden grün-weiß gefärbt wurden. Selbst aus der Luft erkannte man, dass Barcelona, entstellt von Gewalt und der Invasion internationaler Organisationen, sich in eine Stadt mit festungsartigen, eingezäunten Nobelsiedlungen inmitten zu Elendsquartieren verfallender, älterer Viertel verwandelt hatte.
Und überall war Wasser. Es bildete Pfützen und Lachen auf den Straßen, stand an den Füßen der hohen Gebäude im Geschäftsviertel, glitzerte auf den Flachdächern der Häuser, in Abzugskanälen und Abflussrinnen - Spiegelflächen, die den grauen Himmel reflektierten, wie Teiche aus geschmolzenem Glas. Die beiden Flüsse, die das Stadtgebiet begrenzten, schienen sich über ihre Schwemmebenen ausgebreitet zu haben. Lily hatte gedacht, Spanien würde austrocknen. Deshalb war Gary ja ursprünglich hierhergekommen: um Datenmaterial über ein Klima zu sammeln, das sich in Richtung Aridität entwickelte.
Im Südosten brach sich das wogende Mittelmeer an Deichen. Von den weitläufigen Sandflächen, an die Lily sich erinnerte, war nichts mehr zu sehen. Sie tippte Camden auf die Schulter. »Wo ist der Strand?«
Er grinste sie an. »Ich hab’s Ihnen doch gesagt«, erwiderte er mit lauter Stimme. »Es hat sich einiges verändert. Nicht unbedingt zu Ihrem Nachteil übrigens. Diese ganzen Überschwemmungen haben die Extremisten aus ihren Kellern getrieben wie Ratten aus der Kanalisation. Die konnten Sie nirgends mehr festhalten. Was den Rest betrifft - na, Sie werden’s bald sehen.«
Der Hubschrauber schoss vorwärts und schwenkte landeinwärts ab. Lily war schwindlig. Ihr leerer Magen rebellierte.
3
Als Lily und Gary das Savoy verließen, mussten sie ein brusthohes Sandsacklabyrinth durchqueren, das die kurze Zufahrt zur Straße abriegelte, wo sie von einem Wagen abgeholt werden sollten. Ein livrierter Diener lotste sie hindurch. Er hatte einen großen, mit Monogrammen bedruckten Schirm dabei, der den größten Teil des stetig prasselnden Regens abhielt; seine Gummistiefel glänzten wie poliert.
Gary zeigte auf die Sandsäcke, die aus einem seidig wirkenden Material gefertigt waren und das Logo des Hotels trugen. »Sogar die Sandsäcke sind passend gestylt. Ihr Briten seid wirklich erstaunlich.«
»Danke sehr.«
Während sie draußen auf der Straße auf den Wagen warteten, kostete Lily das Gefühl aus, im Freien zu sein, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Nach Tagen in Hubschraubern, Flugzeugen, Pkws und Transportern, auf Militärbasen, in Botschaften und Hotels fühlte sie sich, als wäre sie in Wirklichkeit noch gar nicht aus der Gefangenschaft befreit worden. Der Himmel über ihr war eine geschlossene Wolkendecke, und die Londoner Luft schmeckte sauberer, als Lily sie in Erinnerung hatte, war jedoch warm und feucht.
Sie blickte den Strand entlang, auf die Ladenfronten und die imposanten Hoteleingänge. So vieles war noch wie früher, so vieles hatte sich verändert. Die Londoner Busse waren jetzt lange, sich dahinschlängelnde Fahrzeuge mit knallroten Wagen, die Zügen ähnelten, und sie rauschten durch das auf den Straßen stehende Wasser, sobald sie eine Chance hatten, sich in den Staus vorwärtszubewegen. Jedes bisschen Fläche, einschließlich der Taxitüren und Busverkleidungen, war übersät von animierten Werbespots für West-End-Shows, Fernsehspektakel, Coke und Pepsi oder von Anzeigen für »langlebige Gebrauchsartikel von AxysCorp« wie Kleidungsstücke und Haushaltsgeräte sowie für elektronische Gerätschaften diverser konkurrierender Marken, deren Beschaffenheit sie nicht einmal erahnen konnte: Was war ein »Angel«? Fußball spielte offensichtlich eine größere Rolle denn je, nach der Werbung für das Finale des FA Cups - Liverpool gegen Newcastle United - zu urteilen, das vom Mai in den Juli verlegt worden war und in Mumbai ausgetragen werden sollte. Und überall prangten Werbeslogans für die Fußball-Weltmeisterschaft: ENGLAND 2018 - NOCH ZWEI JAHRE. Dieses ganze Tohuwabohu war eine schimmernde Spritzlackschicht über der Welt, die sich in den öligen Wasserflächen auf der Straße spiegelte.
Und doch schienen die vorbeieilenden Menschen das Geflimmer und Geflacker ebenso wenig zu beachten wie das unablässige Rauschen des Verkehrs. Viele von ihnen hatten einen verträumten Gesichtsausdruck, manche redeten vor sich hin, lachten, gestikulierten, und es schien sie auch nicht weiter zu stören, wenn sie versehentlich zusammenstießen. Lily war in Fulham aufgewachsen, und sie hatte sich hier im Herzen der Stadt nie zu Hause gefühlt. Während ihrer Abwesenheit war offenbar eine komplette neue Generation selbstbewusster junger Leute mit blanken Augen herangewachsen, die glaubten, London und all seine Wunder wären erst gestern erfunden worden und dieser ihnen eigene Augenblick im urbanen Licht würde ewig währen.
Der Wagen parkte am Randstein, silbern glänzend; große Scheibenwischer hielten den Regen ab. Es war ein Ford, aber Lily kannte das Modell nicht. Gary zeigte ihr, dass er keinen Auspuff hatte. Hinter der Windschutzscheibe steckte ein Ausweis der amerikanischen Botschaft; ein pitschnasses Sternenbanner hing schlaff an einer halbmeterlangen Stange. Geschickt mit seinem Schirm hantierend, öffnete ihnen der Diener die Türen. Lily und Gary stiegen hinten ein. Das Innere des Wagens war luxuriös und sauber, und es roch nach neuen Teppichen.
Der Wagen fuhr los, zwängte sich in den stockenden Verkehrsstrom. Der Fahrer erklärte ihnen, die direkte Route nach Fulham, zum Haus von Lilys Mutter, sei so gut wie unpassierbar. Deshalb bog er so bald wie möglich vom Strand ins Labyrinth der Seitenstraßen ab. Hier kamen sie etwas schneller voran - bevor sie am Ende einer Schlange vor einem geplatzten Abflussrohr halten mussten.
Der Fahrer warf einen Blick in den Spiegel und grinste sie an. Er war vielleicht fünfunddreißig, ein Wust kleiner blonder Locken bedeckte seinen Kopf. »Ihr seid die Geiseln, stimmt’s? Die Zentrale hat so was gesagt.« Er sprach das typische Londoner Englisch; zumindest war es zu der Zeit, als Lily in Gefangenschaft geraten war, typisch gewesen.
»Wir waren Geiseln«, verbesserte Gary ihn milde. »Jetzt sind wir wieder wir.«
»Ja. Na klar. Glückwunsch. Ihr seid beide Amerikaner, oder?«
»Ich nicht«, sagte Lily. »Halb Engländerin, halb Amerikanerin. In Fulham geboren und aufgewachsen.«
»Okay. Was dagegen, dass ich das mache?« Er drückte auf einen Knopf. Das kleine Sternenbanner rollte sich um die Fahnenstange und verschwand mit ihr in der Karosserie des Wagens. »Der größte Teil unserer Aufträge kommt von der Botschaft. Aber wir sagen denen nicht gern, dass ihre Fahne manche Leute zu Angriffen animiert.«
Gary zuckte mit den Achseln. »Von mir aus.«
Die Schlange bewegte sich ein paar Meter vorwärts, und der Fahrer nutzte die Gelegenheit, in eine weitere Seitenstraße abzubiegen. An deren Ende stießen sie auf die nächste Schlange.
»Die haben euch also in die freie Wildbahn entlassen, was? Ist bestimmt eine Erleichterung.«
»Kann man wohl sagen«, murmelte Gary.
Lily stimmte ihm zu. Sie hatten noch einige Verpflichtungen, vor allem einen Empfang bei Nathan Lammockson, dem Eigentümer und Generaldirektor von AxysCorp - jenem Unternehmen, das sie aus den Fängen der »Väter der Auserwählten« befreit hatte. Anschließend würde Lily an einer Besprechung mit hochrangigen USAF-Offizieren in Mildenhall in Suffolk teilnehmen müssen, um herauszufinden, ob sie in der Air Force noch eine Zukunft hatte. Doch bis dahin waren sie beide froh, die Ärzte und Berater los zu sein - und in Lilys Fall ein paar dringend notwendige Zahnbehandlungen hinter sich zu haben. Ein bisschen Freiheit war ihnen mehr als willkommen.
Der Fahrer schüttelte den Kopf. »Fünf Jahre an eine Heizung gekettet. Kann mir nicht vorstellen, wie das ist. Erstaunlich, dass ihr euch nicht gegenseitig umgebracht habt. Oder euch selbst. Allerdings sitze ich nun seit vier Jahren in diesem Wagen, und das fühlt sich manchmal genauso an. Und seit sechs Jahren bin ich verheiratet, was auf dasselbe hinausläuft, haha!« Er warf Lily einen Blick zu. »Also, ein Mädchen aus London. Hat sich nicht viel verändert, seit Sie weggegangen sind, oder? Im Grunde ändert sich nie viel.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass es damals auch schon so verdammt viel geregnet hat. Genau wie in Spanien. Dort, wo wir gefangen gehalten wurden, wissen Sie.«
Der Fahrer schnitt eine Grimasse. »Ach was. Bloß komisches Wetter. Allerdings konnten sie die reguläre Saison dieses Jahr nicht beenden. Die Fußballsaison, meine ich. Zum ersten Mal seit 1939. Zu viele Spiele mussten wegen des Regens abgesagt werden. Und Wimbledon ist in den letzten drei Jahren kein einziges Mal in den geplanten zwei Wochen über die Bühne gegangen. Einer der Jungs in der Taxigarage glaubt, dass es an den Chinesen liegt.«
»Was denn?«, fragte Gary.
»Der Regen, die Überschwemmungen. China trocknet aus, stimmt’s? Ist doch klar, dass die mehr Regen haben wollen, und zum Teufel mit uns anderen.«
Lily konnte nicht erkennen, ob er das ernst meinte oder nicht.
Erneut schob sich der Verkehr ein Stück vorwärts, und wieder schoss der Wagen durch eine Lücke und bog ab. Lily bemühte sich, ihre Route zu verfolgen. Sie fuhren ungefähr in südwestlicher Richtung und arbeiteten sich durch das Straßenlabyrinth von Mayfair, nördlich von Green Park. Dann durchquerten sie Knightsbridge in Richtung Brompton Road.
Der Fahrer bemerkte, dass sie auf die Straßenschilder sah. »Keine Angst, meine Liebe, ich bringe Sie schon ans Ziel.« Es klang, als wollte er sich verteidigen.
»Das bezweifle ich nicht.«
»War früher mal Taxifahrer - so ein echtes Londoner Taxi. Hier verdiene ich mehr. Aber von damals kenn ich mich aus. Viele der regulären Routen kann man gar nicht mehr nehmen bei den ganzen Straßensperrungen und Überschwemmungen. Man tut halt sein Bestes. Die Hälfte der Kunden versteht das nicht, die denken, man will sie übers Ohr hauen. ›Sind Sie sicher, dass das der richtige Weg ist, Fahrer?‹ Deshalb hab ich damit Schluss gemacht. Die Arbeit bei der Agentur ist nicht so stressig. Oh, du verdammtes Arschloch …«
Der Fahrer drehte das Lenkrad abrupt nach rechts, um einem teuer aussehenden Wagen auszuweichen, der in einem öligen Wasserteppich ins Rutschen geriet und gegen eine Mauer krachte. Sie entgingen einem Zusammenstoß, mussten jedoch weitere fünf Minuten Stillstand ertragen, bis die Polizei das Unfallfahrzeug aus dem Weg geräumt hatte.
Ein Stück weiter vorn war die Fahrbahn wegen umfangreicher Bauarbeiten blockiert. Der Fahrer erklärte, viele der älteren Londoner Gebäude würden gerade hochwasserfest gemacht - ihre Fundamente würden verstärkt, die unteren Etagen mit Sandsäcken umkleidet. Kurz darauf strömte um sie herum eine Schar wütend dreinschauender Büroangestellter, Einkaufsbummler und Schüler auf die Straße. Der Fahrer schaltete das Radio ein. Im Verkehrsfunk hieß es, die U-Bahn-Station Knightsbridge habe wegen Überschwemmung evakuiert werden müssen. Außerdem war die Rede von einem stärker werdenden Sturm über der Nordsee, der vermutlich Probleme für die Ostküste mit sich bringen werde.
Der Fahrer schaltete das Radio wieder aus, und sie warteten darauf, dass sich die Blockade auflöste. Lily blickte auf die Fahrzeugschlangen, die stehenden Autos und gesperrten Fahrspuren, die griesgrämigen, klatschnassen Menschen, die auf den Bürgersteigen dahinplatschten und versuchten, ihren Angelegenheiten nachzugehen. Ihre eigene enervierende Fahrt kam ihr erheblich länger vor als bloß ein paar Kilometer.
 
Es war wie eine Erlösung, als sie schließlich beim Haus ihrer Mutter aus dem Wagen stiegen. Lily wusste nicht recht, ob sie dem Fahrer ein Trinkgeld geben sollte, und wenn, wie viel; während ihrer Abwesenheit schien es einen Inflationsschub gegeben zu haben. Sie reichte ihm zwanzig Pfund. Er sah weder enttäuscht noch überrascht drein und fuhr davon.
Lily atmete tief durch und versuchte, sich zu orientieren. Sie waren in Fulham, in der Arneson Road, rund einen Kilometer nördlich des Flusses. Das Haus gehörte zu einer Reihe spätviktorianischer Stadthäuser, alle aufwendig renoviert und mit Satellitenschüsseln bestückt. Sandsäcke kauerten in dem kleinen Vorgarten, der Keller mit seinem vom Bürgersteig halb verdeckten Fenster war mit Brettern verrammelt und wurde offensichtlich nicht mehr genutzt. Es war ein komisches Gefühl, nach so langer Zeit wieder hier zu sein. Alles kam Lily kleiner vor, als sie es in Erinnerung hatte. Sie war froh, dass sie daran gedacht hatte, Gary mitzunehmen; er war so etwas wie ein Symbol ihres anderen Lebens.
Gary sah skeptisch zu den drei Stockwerken des Hauses hinauf, wo PVC-Rahmen die ursprünglichen Schiebefenster ersetzt hatten. »Ganz schön schmal, das Haus«, sagte er.
»Schmal, aber tief«, erwiderte Lily bemüht munter. »Mehr Platz, als man denkt. Komm mit.« Sie traten durch eine niedrige Pforte. Ein Weg durch den schwach nach Abwasser stinkenden, klebrigen Matsch war freigeräumt worden. »Jedenfalls macht meine Mutter den besten Schokoladenkuchen in Westlondon.«
Aber nicht Lilys Mutter öffnete die Tür, sondern ihre Schwester Amanda. Und Lily erfuhr, dass ihre Mutter tot war.
4
Amanda führte sie durch das Haus in die Küche. Das Erdgeschoss war ein einziger großer, offener Raum, und zwar schon seit den 1970er Jahren, als man bei einem Umbau die Innenwände herausgerissen hatte.
Im Wohnzimmer sah Lily sich neugierig um. Die Bücher ihrer Mutter waren fort, die altersschwachen Möbel verschwunden. Der abgenutzte alte Teppich, an den Lily sich aus ihrer Kindheit erinnerte, war ebenfalls nicht mehr da; seinen Platz hatten nun billig aussehende Keramikfliesen eingenommen. Die unteren Bereiche der Wände waren weder gestrichen noch tapeziert, und Lily bemerkte grob in den Putz geschnittene Furchen, wo die Steckdosen bis auf etwa einen Meter über dem Fußboden verlegt worden waren. Der bei der Renovierung in den Siebzigern dichtgemachte Kamin war wieder offen und rußgeschwärzt; offenbar war er erst vor kurzem benutzt worden.
In der kleinen Küche hatte sich viel weniger verändert als im Wohnzimmer. Sie war noch immer genauso vollgestopft, wie Lily sie in Erinnerung hatte, nun allerdings mit Amandas typischem Krimskrams, in erster Linie zahllosen Gläsern und Dosen mit Gewürzen, die ihre Begeisterung für die indische Küche bezeugten. Amanda ließ ihre Gäste auf hohen Barhockern Platz nehmen und reichte ihnen Becher mit heißem Kamillentee. Auf einem Bord über dem Tisch standen Fotos von Lilys Mutter und Amandas Kindern, aber auch ein großes Porträt von Lily selbst, ihr offizielles USAF-Bild, ein jüngeres, smartes Ich in einer schneidigen Uniform. Lily war gerührt, es dort zu sehen.
Sie versuchte zu verdauen, dass ihr Leben sich so sehr verändert hatte, ohne dass sie daran teilgenommen hatte - dass ihre Mutter schon vor ganzen zwei Jahren gestorben und ihre Schwester von ihrer alten Wohnung in Hammersmith in das ehemalige Elternhaus umgezogen war.
Vielleicht war sie einfach zu lange fort gewesen. Sie fühlte sich wie betäubt.
Und sie merkte, dass es Gary, den sie nur aus einer Laune heraus mitgebracht hatte, unangenehm war, mitten in eine Familientragödie geraten zu sein.
Gary wusste aus ihren endlosen Gesprächen in Barcelona alles über Lilys Familie. Ihre Mum war gewissermaßen eine GI-Braut gewesen; sie hatte einen in Suffolk stationierten Piloten der amerikanischen Air Force kennengelernt und geheiratet. Von ihm hatte sie zwei Töchter bekommen, bevor er im ersten Golfkrieg versehentlich von den eigenen Leuten unter Feuer genommen und getötet worden war. Lily hatte zwar nie in den USA gelebt, besaß jedoch die doppelte Staatsbürgerschaft. Mit vierzehn Jahren, nach dem Tod ihres Vaters, war ihre Mutter ihr Rettungsanker gewesen.
»Ich wollte es dir nicht am Telefon sagen, als du angerufen hast, um deinen Besuch anzukündigen«, sagte Amanda nervös.
»Dafür bin ich dir dankbar«, erwiderte Lily.
Mit ihren fünfunddreißig Jahren war Amanda fünf Jahre jünger als Lily. Tatsächlich war sie etwa so alt wie Lily zum Zeitpunkt ihrer Entführung. Schon seit jeher größer und dünner als Lily, hatte sie das schwarze Haar zu einem Knoten gewunden und trug ein schwarzes Kleid, das praktisch aussah, auch wenn es ihr vielleicht eine Nummer zu klein war. Obwohl nichts darauf hindeutete, dass im Haus geraucht wurde, glaubte Lily, bei Amanda Spuren der alten Angewohnheit zu sehen; sie hielt die rechte Hand so, dass sich zwischen Zeige- und Mittelfinger ein zigarettenförmiges Loch auftat.
»Ich versteh nicht, wieso die Regierung es dir nicht erzählt hat. Du bist schließlich schon seit fünf Tagen aus Spanien zurück.«
»Ich glaube, sie behandeln uns wie potenzielle Traumafälle.« Das lag an Piers Michaelmas, bei dem die Gefangenschaft offenkundige psychische Schäden angerichtet hatte. »Sie haben uns die Neuigkeiten in homöopathischen Dosen verabreicht. Selektiv.«
Gary sah sich um. »Sieht so aus, als hätten Sie hier Ihr eigenes Trauma erlitten.«
»Ja, im Frühling sind wir vom Hochwasser vertrieben worden. Es war alles so verdammt kompliziert, ihr würdet es nicht glauben. Die Versicherung, wisst ihr. Man muss ewig warten, bis ein Schadensregulierer kommt, und bis dahin darf man nichts anrühren. Man darf nicht mal den Schlamm rausschaffen. Es hat gestunken, Lily, das kannst du dir nicht vorstellen, Straßendreck und Abwasser überall auf dem Boden. Die Teppiche waren natürlich hin. Kein Strom, kein Wasser, kein Gas, verzogene Dielen, und der Gestank des Wassers ist hinterher noch wochenlang aus dem Putz gedünstet - es war einfach ein Albtraum. Zum Glück sind bei uns keine giftigen Pilze aus den Wänden gewachsen. Die alte Mrs. Lucas hat welche gekriegt, erinnerst du dich noch an sie? Und selbst wenn der Typ von der Versicherung endlich mal da war, kriegt man nur Geld, wenn man sich verpflichtet, geeignete Maßnahmen zur Anpassung an das geänderte Klima zu ergreifen. Ich muss allerdings gestehen, dass ich Bodenfliesen viel besser finde als Teppich, du nicht? Sind viel leichter sauber zu halten. Natürlich hatten wir Glück. Mehrere Häuser hier in der Gegend sind für unbewohnbar erklärt worden.«
»Diese alten Kästen sind nicht darauf ausgelegt, einer Überschwemmung zu widerstehen, nehme ich an«, sagte Gary. »Was ist passiert? Ist der Fluss über die Ufer getreten?«
»Nein. Es war eine Sturzflut …«
Es hatte tagelang unablässig geregnet, bis die noch aus viktorianischer Zeit stammenden Abflüsse und Abwasserkanäle verstopft gewesen waren. Da das Wasser nirgendwohin konnte, war es in gewaltigen Strömen über den Boden gelaufen und hatte sich auf der Suche nach einem Weg zum Fluss sintflutartig in Straßen, Häuser und Schulen ergossen.
»Die Kinder sind heimgekommen, kurz bevor der Wasserspiegel auf der Straße zu steigen begann, in dem Punkt hatten wir Glück. Das Wasser ist unter der Tür durchgelaufen. Wir sind nach oben gegangen und haben uns einfach aneinandergekauert. Wir haben gesehen, wie ein Auto weggeschwemmt wurde, einfach die Straße entlang. Unglaublich, was? Dann ist es aus dem Waschbecken und sogar aus dem Klo hochgekommen, schwarzer, nach Abwasser stinkender Modder. Die Kinder haben einen Mordsschreck gekriegt, das kann ich dir sagen. Nur gut, dass Mum das nicht mehr miterlebt hat.«
»Kaum zu glauben, dass euch das alles passiert ist und ich nicht mal was davon wusste«, sagte Lily.
Gary räusperte sich. »Genau wie das mit eurer Mum. Ich bin froh, dass ich mit meiner Familie, meiner Mutter gesprochen habe. Ich freue mich schon darauf, sie bald zu sehen.«
Amanda schenkte ihm Tee nach. »Wann wird man Sie nach Hause schicken?«
»In ein paar Tagen. Wie ich höre, gibt es Probleme bei Flügen von zivilen Flughäfen.«
»Wem sagen Sie das. Heathrow besteht praktisch nur noch aus überschwemmten Start- und Landebahnen und Stromausfällen.«
»Ich bin ziemlich sicher, dass ich bald einen Platz in einer Militärmaschine kriege.«
»Sie sind aber nicht beim Militär?«
»Nein, doch wir arbeiten häufig zusammen. Ich bin Klimawissenschaftler.« Als er in die Gewalt der Entführer geraten war, hatte er gerade sein Studium am Goddard-Institut für Weltraumstudien, einer NASA-Einrichtung, abgeschlossen. »Deshalb war ich in Spanien. Das Land ist ein Hotspot des Klimawandels. Das Landesinnere trocknet aus und verwandelt sich in eine Art Nordafrika - jedenfalls war’s damals so. Dieser ganze Regen war in den alten Klimamodellen nicht vorgesehen, und die neuesten Daten kenne ich noch nicht. Ich war gerade unterwegs, um draußen im Gelände ein paar Untersuchungen im Zusammenhang mit Geo-Satelliten-Daten über Sanddünen-Formationen in der Nähe von Madrid durchzuführen, als - zack - mich ein Wagen von der Straße drängte.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, wie das für Sie gewesen sein muss.«
»Zuerst dachte ich nur: Wie soll ich jetzt meine Arbeit beenden?«
Lily erinnerte sich, dass sie im Augenblick ihrer Entführung dasselbe gedacht hatte. Ihre erste Reaktion war nicht Furcht gewesen, sondern eher Ärger darüber, aus ihrem Leben, ihren privaten Angelegenheiten herausgerissen zu werden - dazu ein nachklingender Schock über den Absturz des Chinooks, obwohl die Besatzung und die Passagiere sich hatten retten können. Anfangs war sie sicher gewesen, binnen zwei, drei oder höchstens vier Wochen freigelassen zu werden. Erst einige Zeit später war die lange Dauer ihrer Gefangenschaft in ihr Bewusstsein gedrungen, und andere, stärkere Reaktionen waren in den Vordergrund getreten. Rückblickend fragte sie sich, ob sie nicht den Verstand verloren hätte, wenn ihr von Anfang an klar gewesen wäre, dass sie erst ganze fünf Jahre später wieder die Freiheit erlangen würde.
Amanda beobachtete sie schweigend.
»Entschuldige«, sagte Lily. »Ich träume vor mich hin.«
»Es gibt ein paar Dinge, über die wir reden müssen, Lil. Zum Beispiel das Testament.«
»Oh.« So weit war Lily seit ihrer Ankunft noch nicht gekommen; zu tief saß der Schock über den Tod ihrer Mutter, als dass sie ihn in allen Konsequenzen hätte realisieren können.
Gary stand auf und stellte seine Tasse ab. »Wisst ihr, ihr beiden braucht Zeit.«
2. Auflage
Copyright © 2 0 0 8 by Stephen Baxter Copyright © 2 0 0 9 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH Lektorat: Sascha Mamczak Redaktion: Angela Kuepper
Karten: Geokarta, Heiner Newe, Altensteig unter Verwendung eines Satellitenbildes der NASA Herstellung: Helga Schörnig
eISBN : 978-3-641-03691-1
 
 
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Leseprobe
 

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