Die letzte Geschichte des Miguel Torres da Silva - Thomas Vogel - E-Book

Die letzte Geschichte des Miguel Torres da Silva E-Book

Thomas Vogel

4,5

Beschreibung

Nach vier Auflagen (und sechs Übersetzungen) jetzt auch im Taschenbuch: Ein charmanter, ganz und gar fesselnder Roman, in dem die rätselhaften Zahlenwerke der Mathematik, die Geheimnisse des Erzählens und die Überraschungen der Liebe auf wundersame Weise zueinander finden.

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Seitenzahl: 154

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Thomas Vogel

Die letzte Geschichtedes Miguel Torresda Silva

Roman

Thomas Vogel, 1947 in Sindelfingen geboren, studierte Romanistik, Kunstgeschichte und Theologie zuerst am Evangelischen Stift in Tübingen, dann in Heidelberg, Promotion in französischer Literaturwissenschaft übers Chanson der Gegenwart. Seit 2003 Honorarprofessor am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen. Er arbeitete als Kulturredakteur beim SWR, zuerst in Baden-Baden, dann in Tübingen, wo er die Kulturredaktion leitete und stellvertretender Studioleiter war. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, Essays, Hörspiele, Reportagen und Anthologien. Bei Klöpfer & Meyer erschienen mit großem Erfolg seine Romane »Rom, Sixtina. Das Muster entsteht beim Weben« (2003), »Atacama. Die Reise des Lenny Sterne« (2006), »Der Park, in dem sich Wege kreuzen« (2009) sowie »Hinter den Dingen« (2011) und zusammen mit Heike Frank-Ostarhild die Anthologie »Neckargeschichten« (2010).

Hardcover-Originalausgabe Klöpfer & Meyer, Tübingen 2001.

© 2012 Klöpfer und Meyer, Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.ISBN 978-3-86351-106-7eISBN 978-3-86351-231-6

Umschlaggestaltung:Christiane Hemmerich Konzeption und Gestaltung, Tübingen.Herstellung: Horst Schmid, Mössingen.Satz: niemeyers satz, Tübingen.

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Mehr über das Verlagsprogramm von Klöpfer & Meyerfinden Sie unter www.kloepfer-meyer.de.

Bevor du die Welt neu erfindest,sagte Miguel Torres da Silva,erfinde neu dein Land.Bevor du dein Land neu erfindest,erfinde neu deine Stadt.Bevor du deine Stadt neu erfindest,erfinde neu dein Haus.Doch bevor du dein Haus neu erfindest,verlasse es und mach dich auf den Weg.

Inhalt

Der 1. Tag: Aufbruch

Der 2. Tag: Die halbe Geschichte

Der 3. Tag: Unterwegs

Der 5. Tag: Coimbra

Der 8. Tag: Die Universität

Der 10. Tag: Fibonacci

Der 13. Tag: Ribeiro

Das Gewitter

Der 21. Tag: Von den Zahlen und dem Erzählen

Der 34. Tag: Ein Garten

Der 55. Tag: Im Hochsitz

Der 89. Tag: Spielereien

Der 144. Tag: Am Meer

Der 233. Tag: Maria

Der 377. Tag: Die Ankunft

Der 1. Tag:Aufbruch

MANUEL HATTE ABSCHIED genommen. Von der Mutter und der Großmutter, von den Geschwistern, den Freunden und Nachbarn. Und zuletzt von Miguel Torres da Silva, seinem Großvater, den man vor ein paar Wochen erst auf dem kleinen Friedhof zu Grabe getragen hat, hinter der weißen Kapelle, oben auf der Anhöhe.

Korkeichen standen am Weg. Ginsterduft erfüllte den Morgen und seines Großvaters Geschichten gingen Manuel durch den Kopf.

Würde er sie finden? So, wie sein Großvater sie alle gefunden hatte? Aus der Luft gegriffen oder vom Hörensagen, aufgeschnappt, zusammengereimt und zu Ende gedacht. Mitgebracht von vielen Reisen und weitergesponnen beim zeitverlorenen Spazierengehen entlang der Reben, die ihm Stock für Stock vertraut waren, und zwischen denen der Alte sich wie unter guten alten Bekannten bewegte und die, wer weiß, vielleicht überhaupt die ersten waren, denen er seine Geschichten zu Gehör brachte.

Manuel war schon weit gekommen, als die Sonne am höchsten stand. Er pflückte eine Orange und setzte sich in den Schatten. Zu den saftigen Schnitzen aß er ein Stück von Mutters Kuchen, den sie ihm für die lange Reise gebacken hatte.

Vor ihm lag weit ausgebreitet das Land wie ein Garten. Nicht Stechginsterheiden wie in der Serra da Nogueira bedeckten den kargen Boden. Vielfarbig und mit großer Geste fiel das Land in Terrassen bis zum silbrig glänzenden Band des Douro ins Tal. Und irgendwo noch viel weiter hinter dem traumsanften Blau des Horizonts mußte Coimbra liegen, die Stadt mit einer Universität, der einzigen im ganzen Land.

Kein Wort, keinen Satz hatte der Großvater je zu Papier gebracht, nur erzählen wollte er, dann, wenn kein Platz mehr zu kriegen war in dem einzigen kleinen Lokal zwischen der Kirche und dem Rathaus, in dem zugleich die Schule untergebracht war.

Manuel würde schreiben. Seines Großvaters Geschichten. Und neue dazu. Das hatte er ihm versprochen, immer wieder, und gestern noch einmal, als er an seinem Grab stand.

Der 2. Tag:Die halbe Geschichte

IM WEITERWANDERN dachte Manuel an die anderen. Sein Bruder würde sich um die Weinberge kümmern, seine Schwester vielleicht schon bald den Sohn des Bürgermeisters heiraten, seine Mutter würde wie eh und je Haus und Hof versorgen, derweil die Großmutter endlos Initialen in das Weißzeug stickte.

›Ich hätte nicht gehen können, wäre Großvater noch am Leben‹, dachte Manuel, so viel ärmer jetzt die Welt und doch so viel reicher die Erinnerung an ihn – und alles, was erzählend er entwarf.

Aber was war mit der halben Geschichte, der einzigen, die ohne Ende geblieben war, rätselhaft und wie eine Wunde, die nicht verheilen wollte? Immer und immer wieder ging ihm diese halbe Geschichte durch den Kopf, drängte sich ihm auf. Der Großvater war nach Porto aufgebrochen, um dort mit Weinhändlern Geschäfte abzuschließen. Das war nichts Ungewöhnliches, er fuhr fast regelmäßig zweimal im Jahr. Viel wurde über Geschäfte zu Hause nicht gesprochen. Großvater hatte dann so viel anderes zu berichten, egal, wohin er reiste und von woher er kam, jedesmal brachte er Neuigkeiten mit, jedesmal war man neugierig, bat ihn, zu erzählen, und er tat es bereitwillig, ließ sich erst gar nicht lange bitten, »der alte Miguel ist der geborene Geschichtenerzähler«, sagten die Leute, und er war berühmt am Ort und darüber hinaus.

Unbegreiflich dann vor gut einem Monat das Ende samt seiner letzten Geschichte, die keines fand. Mitten im Erzählen war er gestorben, wollte trinken, die Kehle ölen mit dem besten Tropfen aus der eigenen Kelter, eine kleine Verzögerung nur mit dem Weinglas, als es am spannendsten war, als man wie so oft bei seinem Erzählen ungeduldig wissen wollte, wie und wohin es weiterging. Er hatte getrunken, um neuen Schwung zu nehmen, und sich dabei verschluckt. Wie gelähmt saßen die Zuhörer, und als die ersten begriffen, was passiert war, kam jede Hilfe zu spät.

Der Schock saß tief, tagelang war im Ort von nichts anderem die Rede, endlos lang war der Trauerzug, als man ihn zu Grabe trug. Die anderen hatten inzwischen wohl längst vergessen, was er im Begriff gewesen war, zu erzählen. Doch Wort für Wort klang es Manuel seither im Ohr und so auch jetzt wieder auf dem Weg. Großvaters letzte Geschichte, eine halbe Geschichte, die einzige, die er nicht zu Ende gebracht hatte, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Halse steckengeblieben war.

Der 3. Tag:Unterwegs

MANUEL TORRES DA SILVA, Enkel des Miguel Torres da Silva, eines Weinbauern und Geschichtenerzählers, durchwanderte widerborstiges Felsland und die beschaulichen Auen beiderseits des Douro, aß Trauben, pflückte Orangen, fand Herberge unter flatternden Mühlenflügeln und bei den Mönchen, konnte ein Stück Wegs mitfahren auf einem Ochsenkarren und kam so viel schneller, als er es erwartet hatte, nach Coimbra, wo er Mathematik studieren sollte. Von streitbaren Professoren in schwarzen Talaren, gelben Perükkenhütchen und strengen Mienen hatte Pater Bonifácio ihm berichtet und von der Joanina, der goldglänzenden Bibliothek mit ihren unzähligen wertvollen Schriften. In Coimbra, so hatte es der Großvater entschieden, solle er die Geheimnisse der Zahlen ergründen, denn das Erzählen sei eine Sache, das Zahlenwerk eine andere.

»Ich weiß wohl, wie wertvoll mir meine Geschichten ein Leben lang waren, aber ich weiß auch, wie wichtig es ist, die Rechenkunst zu ergründen.«

Und als handele es sich um ein kleines Geheimnis, fügte der Großvater mit leiser und eindringlicher Stimme hinzu: »Du mußt es so verstehen: aus den Buchstaben und Wörtern bilden sich Gleichnisse, aus den Zahlen in der Mathematik die Gleichungen. In beiden Fällen geht es darum, Lösungen zu finden.«

›Gut‹, dachte Manuel, ›daß Pater Bonifácio selber einmal in Coimbra studiert und mir immer wieder von dieser Stadt erzählt hat.‹ Wie es war, damals, als der Marquês de Pombal im Auftrag des Königs das 1755 vom Erdbeben zerstörte Lissabon wieder aufbauen und drei Jahre später die Jesuiten aus dem Land verjagen ließ.

Heute, siebzehn Jahre nach dem verheerenden Beben, war der Marquês der mächtigste Mann im Land, und König José I. ließ ihm freie Hand bei seinem Reformwerk, das den Portwein ebenso betraf wie die Abschaffung der Sklaverei in den Kolonien und die Gründung neuer Fakultäten an der Universität von Coimbra.

Von einem Studenten, dem er unterwegs begegnet war, bekam er ein paar Adressen und fand so schnell eine passable Unterkunft. Die Wirtin, ein gutmütiges altes Weib, servierte ihm eine Riesenschüssel Bohnensuppe und erwartete im Gegenzug reichlich Auskunft. Woher er komme und wem er gehöre, wie es im Norden sei und wovon man dort lebe. Manuel gab bereitwillig Auskunft, erfuhr auch so manches über die Stadt und ihre Bewohner und worauf er zu achten hätte.

Später am Abend und bis in die Nacht hinein erkundete er die nähere Umgebung. Er durchstreifte verwinkelte Gassen, schaute neugierig in die lärmenden Schenken, fand schließlich zurück zu seinem Zimmer, ließ sich auf sein Bett fallen und war eingeschlafen, noch bevor er sich ausgezogen hatte.

Der 5. Tag:Coimbra

LÄNGST WAR DIE STADT auf den Beinen, als er morgens erwachte, und wieder wollte er nichts, als die ihm neue Welt kennenlernen, seine Freiheit genießen.

Vom Fluß aus schlängelten sich die engen, mit Flußkieseln gepflasterten Gassen den Berg hoch, wo der ehemals königliche Palast stand, der seit Jahrhunderten die Universität beherbergte.

Es war Markt. Am Ufer des Mondego lagen die Boote der Händler, viele waren auf dem Wasserweg aus ihren Dörfern im Hinterland hierhergeschippert, um ihre Erzeugnisse zu verkaufen. Auf dem langgezogenen Platz unterhalb des Arco de Almedina herrschte reges Treiben.

Der Hochsommermorgen atmete Überfluß. Angebote aus dem Garten der Natur. Dazu die Fischverkäufer, die sich breit machten mit Gestank und Lärm, die Aale und Karpfen, Barben und Sardinen anpriesen, aber auch Flußforellen und Weißlinge und den Lachs aus Figueira da Foz.

Eingesperrt in großen Weidenkörben zwitscherte und gackerte das aufgeregte Federvieh der Vogel- und Geflügelhändler.

»Na, Studentlein, studierst du die Botanik? Dann kauf’ dir einen prächtigen Peru.«

So wurden die Truthühner genannt, welche die Seefahrer vor Jahr und Tag aus dem Land dieses Namens mitgebracht hatten, und die inzwischen hier längst heimisch waren.

Das größte Gedränge herrschte bei den Obst- und Gemüsehändlern, die Limonen und Orangen, Melonen, Birnen, Äpfel und Feigen feilboten. Bauersfrauen, von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, trugen ihr Gemüse in Weidenkörben auf dem Kopf.

Alle paar Schritte blieb Manuel stehen, beobachtend, den Duft der Gewürze einatmend, die ihr Aroma freigebig verströmten. Es roch nach Orient und Medizin.

Staunend verweilte Manuel vor den Ständen der Tabakhändler. Wiewohl der Tabak in ganz Portugal bei Todesstrafe nicht angebaut werden durfte, waren doch alle Arten von Rauch- und Schnupftabak aus Brasilien reichlich im Angebot. Die trockenen Blätter werden pfundweise verkauft, wobei die schwarze, feuchte und stinkende Sorte nur etwa halb so teuer ist wie die sehr viel angenehmer riechenden goldbraun fermentierten Blätter. Der Schnupftabak ist von feinstem Pulver und kommt, wie ein Karton vermerkt, aus der königlichen Tabakoffice zu Lissabon.

Kurz vor den Stufen, die zum offenstehenden Kirchenportal führen, verlief sich das Markttreiben. Weihrauchgeruch stahl sich aus dem kühlen Kirchendunkel heraus ans Licht, verflüchtigte sich in der Mittagshitze. Manuel blieb im Schatten der Kirchenfassade stehen, unschlüssig, was er tun sollte. Dann erstand er für wenig Geld zwei Traubenstengel, ging hinunter zum Mondego, setzte sich in eines der kleinen Boote, aß Trauben, ließ sich schaukeln in dem Wohlgefühl, hier in dieser Stadt willkommen zu sein.

Der 8. Tag:Die Universität

GLEICH IN DER FRÜH nahm Manuel das wohlgehütete Empfehlungsschreiben, das ihm Pater Bonifácio zu Hause mit auf den Weg gegeben hatte. Mit diesem sollte er zu Professor Sebastião gehen, Bonifácios altem Lehrer.

Die Universität lag in der Alta, dem oberen und zugleich ältesten Stadtteil von Coimbra. Zu Beginn des neuen Studienjahrs waren die Wege dorthin dicht bevölkert. Als sich Manuel auf dem umtriebigen Platz der Universität nach Professor Sebastião erkundigte, spürte er, daß dieser eine Berühmtheit an der Universität sein mußte. Da Sebastião wie an jedem Vormittag in der Bibliothek saß und nicht gestört werden durfte, beschloß Manuel, sich vor die Tür seines Arbeitszimmers auf den Boden zu setzen, um dort auf ihn zu warten.

Noch nie war Manuel in einem ähnlichen Gebäude gewesen, nie hätte er sich die Universität in einem Königspalast vorgestellt, mit breiten Treppen und langen Fluren, mit hohen Säulen, dicken Wänden und schmalen, in die Höhe strebenden Fenstern.

›Bin ich nicht zu klein‹, dachte er, ›und vielleicht auch zu dumm, um hier zu studieren?‹ Er beschloß, nicht weiter darüber nachzudenken und überlegte, was der Pater ihn wohl fragen würde, als dieser plötzlich vor ihm stand.

»Ich vermute, du bist zum ersten Mal hier. Und wer schickt dich? Komm herein.«

Manuel stand erschrocken auf, folgte dem Professor in den Raum und gab ihm den Brief. Sebastião trat ans Fenster und las, derweil Manuel den neugierigen Blick durch den Raum schweifen ließ, vollgestopft mit Büchern bis unter die Decke. Ein großer Schreibtisch in der Mitte, ein paar schlichte Holzstühle, sonst nichts. Auf einem der Stühle ein Schachbrett. Drei Figuren im Endspiel. Schwarzer König auf a7, weißer König samt letztem Bauer auf a5 bzw. a4. ›Da ist für niemand mehr etwas zu gewinnen‹, dachte Manuel.

»Und wie geht es meinem ehemaligen Schüler?«

Der Theologe wandte sich seinem Gast zu.

»Er scheint ja eine Menge von dir zu halten.«

Manuel erzählte. Vom Latein- und Griechischunterricht, den er von Pater Bonifácio erhalten, und von den langen Diskussionen, die dieser mit seinem Großvater geführt hatte. Schilderte ausführlich, mit welch aufopferungsvollem Bemühen der Pater die halbverfallene Magdalenenkapelle mitten in den Weinbergen wieder hatte instand setzen lassen.

»Ach! So hat er dir sicher auch erzählt, daß er während seiner Studien eine bedeutende Abhandlung über Maria aus Magdala verfaßt hat, die selbst Rom mit Interesse zur Kenntnis nahm. Nun gut. Und das Schachspiel?«

Manuel schaute verdutzt.

»Wir haben fast täglich gespielt«, gestand er wahrheitsgemäß und bereute im gleichen Moment die ehrliche Auskunft. Doch im Gesicht des Professors der Theologie zeigte sich ein Lächeln.

»Dann hat er dir das also auch beigebracht! Nun, ein Laster hat jeder und dieses hat er von mir … und du dann wohl von ihm. Professor Ribeiro von der mathematischen Fakultät würde sagen: ›So findet das eine zum andern‹. Apropos: Du willst die Wahrheit also in der Arithmetik finden?«

Manuel fielen Großvaters Worte ein: »Es gibt viele Wege, die Welt und ihre Geheimnisse zu ergründen.«

»Und doch hast du Griechisch und Latein gelernt, hast die Kirchenväter gelesen und dich mit Pater Bonifácio über die Theologie unterhalten.«

Manuel wußte nicht so recht, was er darauf sagen sollte, der alte Professor schien auch gar keine Antwort zu erwarten, sondern fuhr fort:

»Du scheinst ein kluger Schüler zu sein, doch denk daran, nur das Studium der alten Schriften kann letztlich zur Wahrheit führen. Ich werde dich Professor Ribeiro empfehlen, vielleicht kann er etwas für dich tun. Wenn du Glück hast, wirst du noch einen Platz in seinem Seminar finden. Da Ribeiro beliebt ist bei den Studenten, wollen viel zu viele zu ihm. Und finden dann Interesse an seinen Spekulationen. Hüte dich davor! Ich bin längst nicht mit allem einverstanden, was er denkt, und oft genug überschreitet er dabei auch die Grenzen seiner Wissenschaft. Aber er ist fraglos ein großer Mathematiker. Ich werde sehen, was sich machen läßt. Melde dich übermorgen um 9 in der Früh an der Pforte.«

Der 10. Tag:Fibonacci

VORBEI AN DER alten Kathedrale betrat Manuel durch das Eiserne Tor, die Porta Férrea, den Patio-das-Escolas, den Platz der Universität, auf dem es an diesem Morgen von Studenten wimmelte. Als er sich beim Pförtner meldete, begleitete ihn ein Universitätsdiener in einen bereits völlig überfüllten Hörsaal. Wer keinen Platz in den Sitzreihen finden konnte, saß am Boden.

Augenblicklich verstummte das allgemeine Palaver, als Professor Ribeiro den Raum betrat. Er legte einen Stoß Papiere auf das Pult und schaute in die Runde, ging einige Male vor der vordersten Bankreihe auf und ab und blieb dann stehen. Es war mucksmäuschenstill.

»Wer die Welt verstehen will, muß sich in die Lehre der Mathematik vertiefen, deren Sprache aus Zahlen besteht, und aus Linien, die sich zu Kreisen, Dreiecken, zu Pyramiden und Würfeln fügen. Ohne diese Sprache irren wir hilflos durch ein dunkles Labyrinth, in dem kein Lichtstrahl uns den Weg weist, keine Ariadne uns einen Faden borgt.«

Der Professor redete, fast ohne Pause, gestikulierte, notierte an die Tafel Namen und Zahlen, erzählte von Kerben in einer Keule, dem Zahlensystem kannibalischer Vorfahren, kam von den Chinesen auf die Ägypter zu sprechen, auf die Juden, die Griechen und die Römer.

Manche Anekdote gab Anlaß zu Gelächter, zumindest bei einigen der wohl schon älteren Studenten. Manuel hörte aufmerksam zu, versuchte zu folgen, erkannte aber bald, daß er den Faden bereits hoffnungslos verloren hatte. Alles was er verstand, war, daß der Professor sich ausgiebig über die Römer mokierte.

Für die höhere Mathematik hielten sie sich griechische Sklaven. Und so wenig etwa Papst Julius II. den Petersdom erbaut, sondern nur als Auftraggeber fungiert hatte, so wenig stammte der Julianische Kalender von Julius Cäsar. Ein gewisser Sosigenes aus Alexandria habe im Auftrag Cäsars den nach diesem benannten Kalender ausgetüftelt. Überhaupt hätten die Römer nur das Nötigste von den viel gebildeteren Griechen übernommen. Weder Euklid hätten sie verstanden noch die ›Synthaxis mathematiké‹ des Ptolemäus.

»Dabei ist bekanntlich alles Zahl«, sagte der Professor, fixierte einen der Studenten vor sich und fragte ihn: »Wer hat das behauptet?«

»Pythagoras«, antwortete der Student.

»Pythagoras«, wiederholte der Professor, »und das war vor 2000 Jahren und ist heute so richtig wie damals und wie schon immer.«