Verlag: Hybrid Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Die letzte Melderin - Michael G. Spitzer

Danielle war immer schon anders. In einer Stadt, in der blond und blauäugig das Ideal und auch den Großteil der Bevölkerung stellt, ist sie eine Außenseiterin. Diese geschützte Siedlung, nach mehreren verheerenden Kriegen vielleicht das letzte Refugium der Menschheit, birgt jedoch Gefahren und Geheimnisse. Gregor, ihr Ausbilder und Mitglied des Rates, weist sie immer tiefer in die Abgründe der Gesellschaft ein. Als er Dan in Kontakt mit der Untergrundorganisation "Die geöffneten Hände" bringt, stellt sich ihr Leben komplett auf den Kopf. Im Wissen der Gefahr, die ihr und allen Andersartigen droht, sucht sie nach Möglichkeiten, den Lauf der Dinge zu ändern. Doch auch hier steht sie allein. Nicht einmal ihren Helfern kann Dan rückhaltlos vertrauen.

Meinungen über das E-Book Die letzte Melderin - Michael G. Spitzer

E-Book-Leseprobe Die letzte Melderin - Michael G. Spitzer

HYBRID VERLAG

Ebookausgabe

09/2018

© by Michael G. Spitzer

© by Hybrid Verlag, Homburg

Umschlaggestaltung: © Katharina Netolitzky

Bilder: Stocksnap.io

Lektorat: Sylvia Kaml, Paul Lung

Autorenfoto: Mathias Blum

Coverbild ›Zwei Welten‹

© Fotograf Exxpression, Homburg

Coverbild ›Die Verschwörung des Raben‹

© 2018 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Das Eden-Projekt‹

© 2016 by Creativ Work Design, Homburg

ISBN 978-3-946-82038-3

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

Michael G. Spitzer

Die letzte Melderin

Buch 1: Die Nachfolge

Dystopie

Für Diana, meine Frau,

die mich in den fünf Monaten der Entstehung dieser Geschichte immer wieder ermutigt hat weiterzumachen, obwohl ich ihr auf die Nerven ging, ihr teilweise einsame Abende bescherte, fluchte, jubelte, tatsächlich das eine oder andere Tränchen vergoss und immer wieder verlangte, dass sie sich „kurz“ durchliest, ob das, was ich gerade geschrieben habe, auch Sinn macht.

Inhaltsverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

˜

I.

Jeder Bürger hat die Pflicht, seinen vollen Einsatz dem Wohl der Siedlung zu Diensten zu stellen!

II.

Der Schutz der Bürger wird durch die Siedlung garantiert!

III.

Der Schutz der Siedlung ist die Pflicht eines jeden Bürgers!

IV.

Die Siedlung als Lebensraum wird durch alle Bürger erhalten!

V.

Die Siedlung sorgt für das Wohlergehen eines jeden Bürgers!

VI.

Bürger müssen jedes Eigentum der Siedlung und der anderen Bürger achten!

VII.

Bürger dürfen keine Handlungen vornehmen, die sich gegen das Wohlergehen eines anderen Bürgers richten!

˜

1.

»Guten Morgen, Dan!«, ruft Gregor mir zu.

Selbst er nennt mich bei meinem Spitznamen. Lediglich für meine Eltern war ich stets Danielle. Unsere Nachnamen nutzen wir kaum, eigentlich nie.

Gregor Tully ist mein Ausbilder. Normalerweise zuständig für mentale Disziplin und Konzentration, bildet er mich in allen drei Hauptfächern aus: Kartografie, Ressourcen und Führung.

Kartografie ist einfach: Man muss neue Umgebungen begutachten und skizzieren oder bekommt Karten vorgelegt und soll die Landschaft dann für Transporte durch das bestmögliche Terrain studieren.

Mit Ressourcen habe ich ebenfalls keine Probleme. Im Grunde ist dies alles einfache Mathematik. Darin bin ich gut. Hin und wieder überschneiden sich Kartografie und Ressourcen, wenn man schnellstmöglich Transporte durch unbekanntes Gebiet bringen und entsprechend auf verschiedene Anlaufstellen verteilen muss.

Alles keine große Sache.

Probleme bereitet mir das Fach Führung.

Zwar sehe ich auch hier immer ein zufriedenes Gesicht von Gregor, aber es erfordert durchaus Einfühlungsvermögen in mein Gegenüber. Etwas, was ich wahrscheinlich nie lernen werde. Ich bin zu impulsiv. Um mich in jemanden reinzuversetzen, fehlen mir oft Zeit und Nerven.

Gregor spielt mir immer wieder Simulationen vor, in denen mein Gegenüber anders als in den vorherigen Situationen reagiert und ich entsprechend handeln muss, um meine Position durchzusetzen. Aus diesem Grund gehört auch Psychologie zum Lehrstoff für Führung. Doch ich bin mies darin, andere Bürger zu lesen, wie Gregor es nennt. Vielleicht liegt das daran, dass ich ein Einzelgänger bin und mir zu viele Menschen auf einmal zuwider sind.

»Guten Morgen«, erwidere ich. Etwas aufgeregt sehe ich ihn kurz lächelnd an und gehe weiter zum großen Tor des Ausbildungszentrums. Der Mann mit den langen, zum Pferdeschwanz gebundenen und fast schwarzen Haaren folgt mir.

Heute ist Zwischenprüfung meiner sechsmonatigen Ausbildung. Ich muss beweisen, dass ich mich auch unter widrigen Umständen durchsetzen und meinen Auftrag erfüllen kann. Irgendwie fühle ich mich schlecht vorbereitet, obwohl ich bis jetzt keine Übung durchgespielt habe, die wirklich schwer war. Wahrscheinlich will die Gemeinschaft meine Fähigkeit, mich auf neue Situationen einzustellen, testen und wird nun die Zügel anziehen.

»Du bist für die Delta-Prüfung vorgesehen.« Mein Ausbilder stupst mir mit dem Ellenbogen gegen den Arm.

»Delta? Wieso Delta?« Verwirrt runzle ich die Stirn und schüttle den Kopf. »Ich habe keine Erfahrung, was Kampftaktik anbetrifft. Das hast du nur einmal mit mir trainiert!«

»Genau! Du hast heute Zwischenprüfung. Das heißt, du musst dich unerwarteten Situationen stellen. Diese ist neu!«

Ich werde nervös. Natürlich gab es ständig veränderte Bedingungen in den Simulationen, die ich auch regelmäßig bewältigen konnte, aber bisher hat sich alles auf Führung, Ressourcenverteilung und Kartografie von unbekannten Aktionspartnern und Landflächen konzentriert. Kampftaktik ist neu.

Ich bemerke, wie er stehen bleibt, und drehe mich zu ihm um.

»Hör zu, Dan: Du wirst keine Simulation vorfinden, die du nicht bewältigen kannst.« Er scheint meine aufkommende Panik zu bemerken. Manchmal glaube ich, er kann Gedanken lesen. Immer, wenn ich mich schlecht fühle, wenn ich traurig oder tief in meine Überlegungen versunken bin, findet er die richtigen Worte. Das müssen wohl sein Alter und die damit verbundene Lebenserfahrung sein. Oder es ist eben genau das, woran ich selbst immer scheitere: sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Gregor ist fast dreiunddreißig Jahre alt und gehört damit zu den erfahrensten Bürgern. Er ist nicht viel größer als ich, doch deutlich muskulöser. Sein Gesicht spiegelt Ruhe, Gelassenheit und Wärme wider. Die dunklen Haare sind ungewöhnlich für seine hellblauen Augen, aber keineswegs unattraktiv.

Gregor gehört zum Rat und leitet die Ausbildung seit fast sechs Jahren. Hin und wieder bildet er auch selbst einen Zögling aus. Ich gehöre zu den Wenigen, die dieses Privileg genießen dürfen.

»Wie soll ich Kampftaktik bestehen, wenn ich noch nicht mal die Ausrüstung richtig kenne, über welche die Siedlung verfügt?«

Ich kann mir alleine unter dem Begriff Kampftaktik kaum etwas vorstellen. Werde ich bei einer Simulation in ein Kriegsgebiet geschickt, das vor langer Zeit wirklich einmal existierte? Heißt es, dass ich eine Gruppe in dieses Gebiet schicken oder gar anführen soll? Soll ich vielleicht eine gesamte Armee auf einem Schlachtfeld koordinieren und zum Sieg gegen einen imaginären Feind führen? Ich weiß es nicht! Auch wenn es nur eine Prüfung in einem Computerprogramm ist: Allein der Gedanke, dass ich vielleicht irgendwann tatsächlich einer solchen Lage ausgesetzt bin, schnürt meine Kehle zu. Mit einem tiefen Durchatmen versuche ich, meine erneut aufkommende Panik zu unterdrücken.

»Genau darum geht es, Dan. Du kommst in neue Situationen, die du schnell einordnen musst, um deine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen!«

Führungsqualitäten.

Obwohl mein Mund staubtrocken ist, schlucke ich hart.

Mein Ausbilder legt eine Hand auf meine Schulter und fährt mit ruhiger Stimme fort. »Dan. Dir sollte doch klar sein, dass einige hier in der Siedlung besondere Aufgaben wahrnehmen müssen. Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, die sich aus ihren Fähigkeiten definieren, nicht aus dem Ego, besser als alle anderen zu sein.«

Ich atme tief durch. »Mir ist klar, dass ich eine besondere Ausbildung durch dich erhalte, und ich bin stolz darauf. Mir ist nur nicht klar, warum Kampftaktik.«

»Nimm es einfach so hin. Du wirst noch verstehen, was es damit auf sich hat.« Trotz meiner wiederholten Zweifel bleibt sein Ton ruhig, und selbst das milde Lächeln erscheint wieder in seinem Gesicht. Ich komme nicht umhin, einfach zu tun, was er fordert.

»Okay, solange du nicht verlangst, dass ich genauso arrogant werde wie die meisten im Stadthaus.«

Anstatt sauer zu werden, da auch er zu diesem Personenkreis gehört, geht Gregors Lächeln in ein Grinsen über. Er legt seinen Arm um meine Schulter und schiebt mich sachte weiter. Hier geht es also um Führungsqualitäten und das Ratsmitglied zeigt mir mit Mimik und Verhalten, wie einfach das sein kann. Trotzdem ist mir nicht klar, was jetzt auf mich zukommt.

»Was soll ich tun?«

»Vertrau auf dein Inneres!« Gregor führt mich sanft, aber bestimmt mit einer Hand an meinem Rücken zu der roten Tür im Center. Ich bin aufgeregt, aber die Panik in mir hat sich gelegt.

Vertrau auf dein Inneres!

Gregor tut es anscheinend. Warum soll ich es dann nicht können?

Langsam trete ich durch die Tür, atme tief durch. Der Raum ist groß und in Form einer Halbkugel aufgebaut. Es ist angenehm kühl hier. Eine Temperatur, die wohl dafür sorgen soll, dass der Proband in perfektem Umfeld agieren kann. Im dämmrigen Licht kann ich gerade noch erkennen, dass die Wand weiß ist. Sie wirkt steril, doch Farbe und Glätte der Fläche sagen mir, dass es so sein soll. Im Simulationsraum steht ein bequem aussehender, hoher Stuhl. Vor ihm ist ein Tisch mit einer Tastatur und den mir bekannten Bedienfeldern aufgebaut. Hinter diesem befindet sich ein Bildschirm ähnlich denen meiner Trainingsstunden, nur viel größer. Trotz der elektronischen Geräte ist es absolut still. Ich kann nichts weiter als unsere Schritte hören.

Obwohl der Stuhl vor dem Bedienpult bequem erscheint, bleibe ich stehen. Gregor klebt Elektroden an meine Schläfen. Ich lasse es mit deutlich gerunzelter Stirn zu.

»Es misst deine Herzfrequenz und die Hirnaktivität während der Simulation«, antwortet er auf die unausgesprochene Frage, die er wohl aus meinem Gesicht ablesen konnte. Wie immer. »In dem Test kommt es darauf an, die Aufgabe in kürzester Zeit erfolgreich zu bestehen. Mit dieser Messung können wir anhand des aufkommenden Stresspegels verfolgen, wo deine Schwächen und Stärken liegen. Er zeigt uns, in welcher Form wir deine weitere Ausbildung fortführen müssen.«

… in kürzester Zeit erfolgreich bestehen.

Natürlich. Die Simulation kann von jedem Zögling bewältigt werden. Es kommt nur darauf an, wie schnell und mit welchen Mitteln. Auf diesem Ergebnis baut die weitere Ausbildung auf. Gerade in Führung bin ich nicht die Schnellste. Das glaube ich zumindest, denn Gregor bildet zurzeit nur mich aus und ich kann mich nicht mit einem Konkurrenten vergleichen.

Ein wenig Ruhe kehrt in mir ein, als der Bildschirm hell wird. Mittig auf dem Display erscheint für ein paar Sekunden in großen Lettern das Wort, von dem ich eigentlich nichts in einer Simulation wissen will:

˜Entscheide!˜

Mein Puls schießt nach oben und meine Hände werden feucht. Ich wische sie mir an meiner Hose ab, als plötzlich das Wort verschwindet und sich zwei Felder auf dem Schirm aufbauen.

Das linke Bild zeigt einen Kontrollraum mit vielen Paneelen, welche mit verpixelten, unleserlichen Bezeichnungen beschriftet sind. In solchen Kontrollräumen führen wir unsere Lernsimulationen durch.

Auf dem rechten Feld sehe ich eine Steppenlandschaft mit spärlichem Bewuchs von Kakteen und halb vertrockneten, kleinen Büschen. Trotz ihrer Trostlosigkeit zieht mich diese einfache Schönheit an.

Ich tippe mit einem Finger auf das Display am Kontrolltisch und wähle die Landschaft.

Ein leichtes Klicken ertönt neben mir und ich schaue nach rechts. Ein Regal wird aus dem Fußboden herausgefahren. In diesem liegt ein Anzug für praktische, computergesteuerte Übungen. Er ist schwarz und voller Elektroden, Mikroplatinen und aufgedampfter Kabelstränge. Neben dem Anzug liegt eine Simulationsbrille.

Auf dem Bildschirm erscheint erneut eine Aufforderung:

˜Anzug und Brille!˜

Mein Blick richtet sich wieder zu Gregor, der mir lächelnd zunickt.

»Muss sein.« Er legt seine Hand auf meine Schulter und weist mir mit einer Kopfbewegung den Weg in Richtung des Regals.

Ich atme tief durch, gehe zu dem Metallgerüst und ziehe den Anzug und die Brille an. Das Jaulen einer Hydraulik ertönt. Ich drehe mich erschrocken um und sehe, dass der Stuhl hinter mir im Boden versinkt. Auch der Tisch verschwindet auf gleiche Weise. Mit einem deutlichen Magendrücken wende ich mich wieder der Kleidung zu. Der Anzug legt sich fest um meinen Körper und versteift sich so, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Das Licht geht komplett aus und ich höre, wie auch das Regal und der Bildschirm heruntergefahren werden. Mein Herz schlägt schneller als in den Simulationen vor dem einfachen Computerdisplay und ich kann meinen Puls regelrecht hören.

Schlagartig wird es so hell um mich herum, dass ich die Augen zusammenpresse.

Langsam öffne ich sie wieder und erkenne, dass ich mitten in der Steppenlandschaft von vorhin stehe. Die weißen Wände existieren nicht mehr und selbst der Boden ist die Landschaft. Ich rieche den Sand, spüre den leichten Wind in meinem Haar und die Sonne brennt heiß auf meiner Haut. Vermutlich wird mir dies alles durch die Elektroden suggeriert, doch es scheint mir so real, als wäre ich tatsächlich an diesem Ort. Niemals habe ich mir vorstellen können, in einer so realistischen Umgebung zu stehen, von der ich weiß, dass es sie nicht gibt.

Aus meinem Simulationsanzug ist eine graublaue Uniform geworden.

Hinter mir höre ich undefinierbare Geräusche. Ich drehe mich um und sehe circa zwanzig junge Männer und Frauen im Alter von vielleicht zwanzig Jahren. Obwohl allesamt älter als ich, schauen sie mich in ihren gleichfarbigen Uniformen erwartungsvoll an.

Jetzt weiß ich, was ich hier tun soll: Ich muss eine Gruppe Soldaten durch ein mir unbekanntes Gelände und gegebenenfalls durch einen Konflikt führen. Nun ist mir auch klar, warum ich Kampftaktik nie als Ausbildungsschwerpunkt hatte: Jede Situation ist anders! Im Falle eines Gefechts muss man stets neu beurteilen und nötigenfalls schnell improvisieren können. Ich soll meine Gruppe in sicheres Terrain führen und ein mir unbekanntes Ziel erreichen. Ich atme tief ein, richte meinen Oberkörper auf und schaue mich um. Da ich das Gelände nicht kenne, muss ich seine Topografie erfassen: Kartografie!

Mein Gehirn rattert weiter durch alles Gelernte.

Ich muss Waffen, Essensvorräte und Wasser verteilen und nötigenfalls rationalisieren: Ressourcen!

Meine Gruppe soll mir folgen und auf meine Aufforderung auch unbekanntes Terrain freiwillig betreten. Ich muss mich durchsetzen, ohne Anzeichen von Schwäche oder Zweifel zu zeigen. Nur so kann ich mein Ziel erreichen, denn alleine schaffe ich das sicherlich nicht: Führung!

Diese Zwischenprüfung in Kampftaktik ist eigentlich nichts weiter als die Zusammenführung meiner bisherigen Ausbildungsinhalte.

Nur was mache ich, sollte es zu Kampfhandlungen kommen?

Taktik.

Etwas, das ich nie geübt, geschweige denn beherrscht habe.

Ich schaue mich weiter um, und mir wird flau im Bauch. Wir stehen mitten in einer Ebene. Rechts und vor uns ist eine kleine Hügelkette mit schmalen Durchgängen, die schon fast Schluchten ähneln. Die Hügel selbst ähneln Felsbrocken, nur dass sie mindestens hundertfünfzig Meter hoch sind und leicht im Gelände auslaufen. Links vor uns fließt anscheinend Wasser, denn hier sind mehrere Bäume wie an einer Allee aneinandergereiht. Sie tragen ein sattes Blaugrün. Ich schaue nach hinten. Im Rücken meiner Gruppe steigt schwarzer, dichter Rauch auf und umfasst nahezu die gesamte Rückseite des Simulationsraumes.

Die Richtung, in die wir gehen müssen, ist klar: vorwärts! Unser Ziel liegt irgendwo hinter den Hügeln.

Bei genauem Hinsehen bemerke ich, dass der eigentlich sehr flache Boden vor uns an einigen Stellen leichte Wölbungen aufweist, und vermute, dass es sich dabei um Minen handelt, die im Sand vergraben wurden. Aber ich möchte weg von der Ebene zu einem geschützteren Platz. Ich rufe meiner Truppe zu, mir zu folgen.

»Nicht auf die kleinen Erhebungen treten, das sind wahrscheinlich Minen!«, mahne ich sie.

Die Soldaten nicken und als ich in Richtung der Hügel laufe, folgen sie mir.

Nach zwei Minuten erreichen wir die Felsen. Ich erkenne eine kleine Nische im Gestein, welche uns ein wenig Schutz bieten kann. Dort sammle ich die Truppe und begutachte sie erstmals genauer. Alle Männer sehen gleich aus. Die Frauen ebenso. Ich zähle durch. Vor mir stehen zehn Männer und die gleiche Anzahl an weiblichen Soldaten. Keine Rangabzeichen, keine Spezialisierungsmerkmale, nur ein weißer Punkt auf dem linken Ärmel. Sie könnten Drohnen sein.

»Was haben wir an Waffen?«, frage ich in die Runde. Keine Antwort.

»Welche Vorräte haben wir und in welcher Menge?«

Wieder Schweigen. Mir ist klar: Ich muss eine Hierarchie aufbauen, ansonsten sind alle gleich und tun auch das Gleiche. Niemand wird mir antworten, da niemand unter ihnen einen Führungsanspruch hat und das Wort ergreifen darf.

Das Programm hilft mir, ich erkenne das sofort: Die Gruppe steht nicht im Kreis um mich herum, sondern hockt mir als eigener Haufen gegenüber. Ich zeige auf den Mann, der mir am nächsten ist, und spreche ihn an.

»Du! Du bist jetzt mein Adjutant! Ich werde dich mit Nr. 1 ansprechen.«

Irgendwie möchte ich ihm keinen Namen geben. Es wäre zu intim und ich kann nichts Persönliches an einer Kampfsimulation finden.

»Euch anderen werde ich als Gruppe ansprechen«, erkläre ich dem Rest.

Wie in meinem normalen Leben gewohnt, stecke ich meine Hände in die Jackentaschen. Ich spüre, dass sich etwas in ihnen befindet, und ziehe es raus.

In meiner linken Hand halte ich einen Mikrochip.

In der rechten Tasche finde ich einen schwarzen, einen roten und einen grünen Stift.

Ich wähle den Schwarzen und schreibe eine 1 auf den weißen Punkt meines neuen Adjutanten. Dann entscheide ich mich um und zeige auf die Frau neben ihm.

»Du wirst meine Nr. 2. Sammle die Vorräte und liste sie auf!« Während ich diese Worte ausspreche, versehe ich ihren Punkt mit einer grünen 2. Sie steht auf und untersucht die Tascheninhalte der anderen Mitglieder.

Eine zweite Frau wird mit der Auflistung der Waffen betraut und ebenfalls in Grün mit der Nr. 3 gekennzeichnet. Somit habe ich eine kleine, hoffentlich effektive Hierarchie aufgebaut und nach wenigen Augenblicken habe ich unsere Liste zusammen:

9 Pistolen mit je 15 Schuss Munition

12 Gewehre mit je 30 Schuss Munition

3 Äxte

21 Notrationen Feldnahrung

6 Liter Wasser in Feldflaschen

Von Waffen und Notrationen her passt das, aber vor allem unser Wasservorrat macht mir Sorgen. Wir müssen unser Ziel schnell erreichen!

»Nr. 1, komm zu mir«, befehle ich. »Bist du in Taktik ausgebildet?«

Er schüttelt den Kopf. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als alles alleine zu entscheiden. Innerlich seufze ich auf, doch ich muss Entschlossenheit ausstrahlen. Die Truppe darf nicht merken, dass ich mir in meinem Handeln nicht sicher bin. Mein Blick wandert durch die Reihen und ich beschließe, das weitere Vorgehen zu erklären.

»Ich habe nicht vor, durch die Schluchten zu gehen. Wenn möglich, sollte uns unser Weg an den Hügeln vorbei führen. Der Marsch wird länger dauern, aber er scheint mir sicherer. Was denkt ihr?«

Alle nicken stumm. Scheinbar sieht meine Gruppe dieselben Probleme wie ich.

Zwölf Mitglieder der Gruppe werden mit einem Gewehr ausgestattet, darunter Nr. 1.

»Könnt ihr damit umgehen?«, will ich wissen, und wieder erhalte ich nichts weiter als ein stummes Nicken. Die verbliebenen acht Soldaten und ich selbst erhalten die Pistolen. Ich wende mich an meinen Adjutanten und halte ihm meine Waffe entgegen.

»Erkläre mir die Handhabung einer Pistole!«

Wortlos nimmt er sie entgegen. Aber was war das? Hat sein Mundwinkel gezuckt? Sah ich einen winzigen Anflug eines Lächelns? Ohne eine weitere Miene zu verziehen, nimmt Nr. 1 die Waffe so langsam auseinander, dass ich jeden seiner Handgriffe genau sehen kann. Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht mich der blonde Soldat aus seinen blauen Augen heraus an.

»Jetzt Sie! Versuchen Sie, die Pistole wieder zusammenzubauen!«

Ich nehme die Einzelteile entgegen und sehe sie mir an. In Gedanken gehe ich die Schritte meines Adjutanten in umgekehrter Reihenfolge nochmal durch und füge die Stücke wieder zusammen. Es ist einfach, und die Pistole liegt nach nur wenigen Augenblicken komplett zusammengesetzt in meiner Hand.

»Nochmal auseinanderbauen und wieder zusammensetzen. Zur Sicherheit!«, fordert mich Nr. 1 auf. Ich befolge seinen Rat und benötige vielleicht eineinhalb Minuten für diese Aufgabe. Anscheinend ist das nicht schlecht, denn mein Adjutant steht mit einem Kopfnicken auf und gesellt sich zu den anderen Soldaten.

Zufrieden mit mir entschließe ich mich, unser Vorgehen zu koordinieren. Ich zeige auf vier Mitglieder mit Gewehren.

»Ihr vier: Nehmt eure Gewehre und gebt uns Rückendeckung. Wir werden zum Fluss laufen und brauchen Schutz nach oben und hinten!« Sie nicken und wir laufen am Fuße der Hügel entlang in Richtung der Bäume, die zweieinhalb Kilometer von uns entfernt sind. Kurz frage ich mich, wie ich so weit laufen kann, wenn ich in der Realität nur in einem begrenzten Raum stehe, doch dann fällt mir der Anzug wieder ein, den ich trage. Er hat mich komplett versteift und ich vermute, dass er auch das Laufen und alle Anstrengungen vortäuscht.

Die Simulation ist sehr realistisch. Mein Atem geht schneller, meine Muskeln brennen. Anscheinend täuscht der Anzug nicht nur vor, er beeinflusst auch meinen Muskeltonus. Ich bin froh über die vielen Sportangebote der Gemeinschaft. Die meisten sind nach Ausdauer ausgerichtet, einige nach Kraft und wenige nach Koordination. Dass ich die Ausdauertrainings immer bevorzugte, hilft mir jetzt. Meiner Gruppe hingegen scheint der anstrengende Weg nicht so viel auszumachen. Okay: Sie sind Teil der Simulation, doch sie haben mir gegenüber anscheinend einen Vorteil.

An den Bäumen angekommen, bemerke ich den beißenden Geruch von Verwesung. Der Fluss ist tot und halb ausgetrocknet. Fische liegen in der Sonne, das Wasser und der Rest des fast ausgetrockneten Flussbetts sind unnatürlich blau. Unzählige Fischkadaver schwimmen an der Wasseroberfläche.

Gift!

Es sticht in meiner Nase und ein Würgereiz überkommt mich. Mein Rachen beginnt zu brennen. Hinter mir höre ich, wie sich diejenigen meiner Gruppe, die dem Fluss am nächsten sind, übergeben. Der Fluss war von allen Entscheidungen wohl die Schlechteste.

Sofort winke ich meinen Trupp zu mir und laufe zurück zu den ersten Hügeln nahe dem Gewässer. Meine Gruppe folgt mir. Atemlos und immer noch mit einem Würgereiz im Hals komme ich an dem kleinen Unterschlupf an. Meine vier Begleiter erreichen unmittelbar nach mir das Ziel.

»Trinkt etwas, aber denkt daran, dass wir mit unseren Vorräten haushalten müssen«, weise ich alle an. Die Soldaten befolgen meine Aufforderung schweigend. Ich nehme ebenfalls einen kleinen Schluck und sehe mich um. Die Schluchten sind immer noch nicht meine erste Wahl, aber viele Möglichkeiten bleiben nicht. Klettern wäre zu anstrengend, wenn man unsere Wasservorräte und die Hitze bedenkt. Trotzdem muss ich mir einen Überblick verschaffen.

Ich nicke Nr. 1 zu. »Folge mir!«

Wir steigen den felsigen Hang des sandfarbenen Hügels empor, vor dem wir hocken. Oben auf der Kuppe habe ich einen klaren Überblick. Hinter mir sind die brennenden Felder, von denen aus wir gestartet sind. Links von uns liegt das halb vertrocknete Flussbett. Es zieht sich direkt entlang der Hügel hin zu einem Flugfeld, auf dem ein Jet steht. Neben ihm leuchtet ein Obelisk mit zwei Sekunden Verzögerung abwechselnd in Rot und Grün. Der Fluss führt rechts daneben vorbei und versperrt uns den Weg dorthin. Aber das Flugfeld ist unser Ziel – da muss der Mikrochip hin! Weiter rechts sehe ich, soweit mein Blick reicht, die Gebirgskette. Sie sieht so friedlich aus, aber ich weiß, dass von dort wahrscheinlich die größte Gefahr ausgeht.

Gerade will ich wieder von dem Hügel herunterklettern, als ich in gleicher Höhe von uns einen grellen Blitz ungefähr fünf- bis sechshundert Meter von mir entfernt bemerke. Ein Zischen fliegt an meinem Ohr vorbei und direkt danach ertönt ein Knall: Von der rechts gegenüberliegenden Anhöhe wird auf uns geschossen.

Mein Adjutant macht keine Anstalten, sich zu schützen. Obwohl ich deutlich kleiner und leichter bin, werfe ich mich auf ihn und will ihn zu Boden reißen, als ich im Augenwinkel einen weiteren Blitz bemerke. »Runter!«

Eine zweite Kugel rast direkt an unseren Köpfen vorbei, während wir noch fallen. Sie ist nicht zu überhören und hätte ich den Sprung zu Nr. 1 nicht gewagt, hätte ihn das Geschoss wahrscheinlich im oberen Brustbereich oder gar in den Kopf getroffen.

Er schaut mich überrascht an. Das Programm reagiert anscheinend auf mein Verhalten!

Ich nicke dem Soldaten zu und lasse mich langsam rutschend den Hügel hinabgleiten, um aus der Schusslinie zu kommen. Nr. 1 tut es mir gleich.

Zurück bei der Gruppe hält mich mein Adjutant am Arm fest. Er schaut mir in die Augen und ein leises »Danke« huscht über seine Lippen.

Ich lächle und nicke ihm erneut zu. »Wir sind ein Team!« Habe ich das jetzt tatsächlich gesagt?

Die Gruppe schaut uns an. Immer noch sagt keiner von den anderen Soldaten etwas. Ich beschließe, allen eine Nummer zu geben. Nr. 2 und Nr. 3 sind die beiden Frauen, welche die Vorräte und die Waffen erfasst haben. Die anderen bekommen in Rot willkürlich Nummern mit der Aufforderung, sie als Namen anzusehen. Sie nicken stumm.

Ich überlege mir eine Strategie.

Mit einem Finger zeichne ich die Umgebung in den Sand: Das brennende Feld, die Hügel, den Fluss und das an ihn angrenzende Flugfeld. Mein Blick fällt auf jeweils drei Frauen und Männer, die mir am nächsten hocken.

»Ihr Sechs, Nr. 5, 8, 11, 12, 15 und 16, nehmt eure Gewehre und lauft zu der ersten Schlucht. Nehmt unseren Gegner unter Feuer und lenkt ihn von uns ab! Wir anderen werden erneut zum Fluss gehen und versuchen, irgendwie hinüberzugelangen.«

Unser Ablenkungstrupp erkennt, dass ihre Aufgabe einem Selbstmordkommando gleichkommt und das Programm reagiert. Die sechs sehen mich an und Nr. 8 steht auf.

»Warum wir? Wir sind alle gleich. Jeder von uns kann schießen und alle sind gleich trainiert«, fragt sie.

»Weil wir nicht alle an das Ziel gelangen können«, antworte ich und ziehe den Mikrochip aus meiner Tasche. »Dieser Chip muss hier herausgebracht werden. Der einzige Weg führt am Wasserlauf entlang. Der Fluss und der Weg zum Flugfeld sind mit guten Gewehren durchaus erreichbar und wir bewegen uns wie auf einem Präsentierteller. Wenn unser Gegner herausbekommt, was wir vorhaben, wird er uns unter Beschuss nehmen, und wir können unsere Aufgabe nicht vollenden. Ihr seid ein Ablenkungsmanöver, und wenn alles gut geht, könnt ihr uns folgen, wenn wir uns einen Weg gebahnt haben. Und: Ich habe euch zufällig ausgewählt. Ich treffe keine Entscheidungen aus Sympathie«, erkläre ich mit genervtem Unterton, aber ohne Schuldzuweisung.

»Wie willst du über den Fluss kommen?«, fragt mich Nr. 3.

»Wir werden abwechselnd die Äxte nehmen, Bäume fällen und sie als Brücke über das Gift im Flussbett nutzen. Drei von uns nehmen eine Axt, laufen zu einem Baum, schlagen so oft wie möglich und kehren zurück, bevor die Gase ihre giftige Wirkung entwickeln können.« Mein Blick fällt auf den Sechsertrupp. »Aufgrund der Gase und der harten Arbeit benötigen wir alles Wasser. Ihr könnt also nur die Notration an Essen mitnehmen und müsst hoffen, dass wir fertig sind, bevor ihr dehydriert.«

Jetzt erst fällt mir auf, dass ich noch etwas trinken könnte. Ich habe Durst und mein Hals schwillt bei dem Gedanken an den Geruch vom Fluss zu, aber ich muss das Wasser einteilen.

Für uns alle!

»Nr. 4, Nr. 6 und ich werden als Erste schlagen.« Ich wähle bewusst einen endgültigen Tonfall, obwohl ich mir nicht sicher bin, dass diese Entscheidung tatsächlich die Beste ist. »Nr. 1, du führst die zweite Gruppe an. Nimm dir ebenfalls zwei weitere Gruppenmitglieder. Nr. 2 und 3, ihr macht das Gleiche. Die drei, die übrig bleiben, sichern jeweils den Rückzug der einzelnen Gruppen!«

Nr. 1 hebt die linke Augenbraue und sieht mich an.

»Du bist der Gruppenführer und Bote des Chips, du wirst nicht zu nah an den Fluss gehen, solange die Brücke nicht fertig ist.«

»Ich werde beim ersten Trupp dabei sein«, bestimme ich mit festem Ton, aber mein Adjutant sieht mich immer noch zweifelnd an. »Denk an die erste Regel«, erinnere ich ihn. »Jeder Bürger hat die Pflicht, seinen vollen Einsatz dem Wohl der Gemeinschaft zu Diensten zu stellen. Diese Regel ist durchweg gültig und macht auch vor einem Soldaten nicht Halt. Egal, welche Position er besitzt. Sollte ich fallen, so wirst du oder einer der anderen diesen Chip nehmen und zum Jet bringen!«

Die Gruppe schaut mich an. Ich habe mich soeben zu Ihresgleichen gemacht, obwohl ich die Gruppenführung habe. Einige nicken. Nr. 8 steht auf und nimmt ihr Gewehr fest in beide Hände.

»Na dann, los geht’s!«

Die anderen fünf ergreifen ebenfalls ihre Langwaffen und laufen am Fuße der Hügel entlang zurück zum Vorsprung. Dahinter biegen sie in die kleine, enge Schlucht ein, die in die Hügelkette führt. Zu lang sehe ich ihnen nach. Sie sind nur Teile einer Simulation, aber mir wird bewusst, dass ich soeben sechs Personen in den fast sicheren Tod geschickt habe. Diese kaltblütige Seite an mir erschreckt mich. Werde ich so etwas irgendwann mal mit realen, lebenden Menschen tun? Aber wieso sollte ich? Seit vielen Generationen haben wir keinen Krieg mehr. Er ist vorbei! Unsere Vorfahren haben gesiegt und eine friedliche Gemeinschaft gegründet. Sie haben aus den letzten Ressourcen, die ihnen zur Verfügung standen, ein Kraftfeld um unsere Siedlung errichtet. Sollte es noch Überlebende außerhalb der Kuppel geben und diese uns feindlich gegenüberstehen, haben sie keine Chance, zu uns zu kommen. Und warum wären sie uns überhaupt feindlich gesonnen? Sie kennen uns ja nicht einmal.

Und wir? Wir haben alles, was wir uns wünschen: Nahrung in vielfältigster Form, Schulen und Ausbildungszentren, Arbeit, die der gesamten Gemeinschaft dient, Sport- und Freizeitgestaltungen jeglicher Art. Warum also Krieg?

Ich verwerfe meine Gedanken, denn ich weiß, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt.

Mit einer Axt in der Hand gebe ich Nr. 4 und 6 ebenfalls eine und deute dem Rest der Gruppe, uns zu folgen. Wir laufen zurück zu den Bäumen. Kurz bevor wir ankommen, höre ich vereinzelte Schüsse – unser Ablenkungstrupp hat sein Ziel erreicht und den Feind ausfindig gemacht. Jetzt halten sie ihn in Bewegung und tarnen unser Manöver. Hoffentlich halten sie durch!

Ich drehe mich zu Nr. 1 um und reiche ihm den Mikrochip. »Nimm ihn, solange ich schlage! Gib ihn mir zurück, wenn du mich ablöst! Du übernimmst die nächste Runde, die anderen werde ich schicken, wenn es so weit ist.«

Schweigend nimmt er den Chip entgegen und macht mir mit heruntergezogenen Brauen unmissverständlich klar, dass er immer noch nicht mit meinem Plan einverstanden ist. Aber er nickt.

Ich habe die Führung, ich habe den Respekt und ich habe die Gefolgschaft. Ich bin stolz auf mich. Bei den Sportangeboten wählte ich immer die Einzeldisziplinen. Ich konnte eine Mannschaft noch nie von meinen Spielideen überzeugen. Hier hat es geklappt, obwohl ich vorhin leichten Widerstand bei einigen spürte.

Das hier ist kein Spiel!

Nr. 4, Nr. 6 und ich laufen zu den Bäumen. Als ich den Geruch schon schwach bemerke, atme ich trotz des erneut aufkommenden Würgereizes nochmal tief ein und halte die Luft an. Ich entscheide mich für das Gewächs, das am nächsten zum Flussufer liegt, und schlage mit der Axt eine Kerbe in den Stamm. So etwas habe ich noch nie gemacht, aber es klappt auch beim zweiten Schlag recht gut. Natürlich: Es ist eine Simulation!

Aus den Augenwinkeln sehe ich den Flugplatz. In der mittlerweile angebrochenen Abenddämmerung fällt mir der Obelisk neben dem Jet sofort auf. Die Abstände zwischen Rot und Grün werden kürzer. Die Zeit wird knapp!

Ich schlage schneller auf den Baumstamm ein. Meine Lungen brennen und die Arme werden schwer. In meinem Sichtfeld flackern immer wieder Punkte auf.

»Noch ein Schlag. Noch einer!«, sporne ich mich in Gedanken an.

Plötzlich bemerke ich einen Ruck an meiner rechten Schulter und es wird schwarz um mich herum.

Als ich wieder zu Bewusstsein komme, liege ich zwischen den vierzehn Soldaten, die mit mir zusammen das Holz fällen sollten. Leichte Übelkeit steigt in mir auf und ich sehe Nr. 1 verwirrt an.

»Was ist passiert?«

»Du bist ohnmächtig geworden, weil du die Luft zu lange angehalten hast. Vermutlich hast du beim Atmen auch Gift inhaliert.« Seine Stimme ist nüchtern, aber ruhig. »Ich habe bemerkt, wie deine Schläge schwächer wurden und du deinen Körper nicht mehr aufrecht halten konntest, da bin ich zu dir gerannt, um dich da rauszuholen.« Er hält mir den Chip entgegen.

»Danke.« Ich schlucke hart, um meinen hochkommenden Mageninhalt nicht seinen geplanten Weg gehen zu lassen. Tief durchatmend stecke ich den Chip ein. Mein Adjutant hat mich gerettet! Natürlich hat er das nicht: Wir sind in einer Simulation, aber das Programm hat ihn zur vermeintlichen Rettung geschickt.

»Das hast du für mich auch getan.« Seine Stimme gleicht einem Flüstern, und er schaut mich dankbar an. Das Programm ist großartig. Es simuliert sogar Gefühle.

Hinter uns erklingen immer noch Schüsse. Unsere Ablenkung hält durch und ermöglicht uns die Erfüllung des Auftrags.

Die Prüfung! Nr. 1 sagte mir, ich sei ohnmächtig gewesen. Unweigerlich muss ich an den Obelisken denken, dessen Blinken immer schneller wird. Habe ich mich übernommen und aufgrund meiner Sturheit die Prüfung versaut? Zumindest habe ich wertvolle Zeit verloren. Ich könnte mich ohrfeigen.

Doch es hilft jetzt nichts, sich über verschwendete Zeit Gedanken zu machen. Wir müssen weiter. Ich muss weiter.

»Wie weit sind wir mit dem Fällen der Bäume?«

Nr. 1 beginnt zufrieden zu lächeln. »Wir sind fertig. Wir können über den Fluss.«

Erleichtert atme ich ruckartig aus. Ein kleines Lachen entfährt mir, als ich erkenne, dass mein Team weitergemacht hat, obwohl ich ohnmächtig war. Ich sehe jeden Einzelnen an, presse kurz die Lippen aufeinander und nicke leicht. »Also los!«

Mit angehaltenem Atem sprinte ich, so schnell es der wackelige Boden zulässt, über die provisorische Holzbrücke. Kurz dahinter muss ich wieder durchatmen und rieche schwach das Gift. Erneut steigt die Übelkeit in mir auf. Mein Rennen geht in einen Dauerlauf über, denn ich besitze Ausdauer, keine anhaltende Sprintqualität.

Noch hundert Meter bis zum Jet. Ich kann die Turbinen hören, sie sind ohrenbetäubend laut. Der Jet ist startklar und das Blinken des Obelisken ist zu einem wilden Flackern entartet. Nr. 3 steht bereits auf der Laderampe des Jets und winkt uns eilig zu sich, als sie sich aufrichtet und hinter uns blickt. Ich bleibe stehen, drehe mich um und sehe, dass unser Ablenkungsteam eine knappe Meile hinter uns ist. Es läuft direkt auf uns zu.

Ich sehe wieder das Blitzen, diesmal von einem anderen Hügel, doch aufgrund der Turbinen hinter mir höre ich die Schüsse nicht. Vermutlich hat sich der Gegner ebenfalls aufgeteilt, weil er sich unserer Taktik bewusst wurde.

Mein Blick wandert zum Jet. Der Pilot zeigt mit seiner Hand über seine Schulter hinweg nach hinten und deutet mir so, ich solle einsteigen. Er will starten. Ich schüttle den Kopf und zeige auf unsere Nachzügler. Jetzt erkenne ich, dass sie nur noch zu dritt sind, und mein Herzschlag setzt fast aus: Ich habe drei Menschen in den Tod geschickt.

Nein!Hast du nicht! Es ist eine Simulation!

Trotzdem will ich die restlichen drei retten. Mit mehreren Handbewegungen weise ich den Piloten an, zu warten. Er schüttelt den Kopf und schwingt den Daumen mehrfach nach oben. Er will definitiv starten.

Ich laufe zum Jet, bleibe vor dem Cockpit stehen und ziehe den Chip aus der Tasche, zeige ihn dem Piloten und deute an, dass er ohne das Ding nicht fliegen darf. Resignierend, fast fassungslos schüttelt er den Kopf und deutet mir mit beiden Händen an, dass er mir noch sechs Minuten gibt. Er hat ja keine andere Wahl.

Ich schaue zu unserem Ablenkungsteam, oder dem, was davon übrig geblieben ist. Scheinbar stützen zwei der Frauen einen ihrer Kameraden. An der Laderampe des Jets sehe ich Nr. 3 und einen Mann unserer Gruppe, ohne die Zahl seines Zeichens erkennen zu können. Winkend mache ich ihnen klar, mir zu den drei Nachzüglern zu folgen und zu helfen. Beide drehen sich um und winken die restliche Gruppe zu sich. Anschließend laufen sie mit mir zum Ablenkungsteam.

»2, 3, 4 und 6: Rückzug sichern!«, befehle ich, als wir die drei Nachzügler erreicht haben. Je zwei des restlichen Teams führen stützend ein Mitglied der Ablenkungsgruppe, während die vier, die uns den Rücken frei halten sollen, auf unseren Feind schießen. Ich selbst laufe zum Jet, um dem Piloten zu zeigen, dass wir in einer Minute starten können, als plötzlich das Feuer verstummt. Neugierig drehe ich mich um und sehe, wie die vier Soldaten ohne Auftrag die Plätze unserer Rückendeckung einnehmen, da diese vermutlich ihre Munition verbraucht hat.

Ohne weitere Verluste erreichen nun auch die verbliebenen Kämpfer meiner Gruppe den Jet und steigen zusammen mit mir ein.

Als wir alle im Laderaum sitzen, schließt sich sofort die Rampe, während wir auch schon starten. Siebzehn Augenpaare schauen mich an. Die Köpfe nicken mir zu, und es wird hell.

2.

Die Simulation ist vorbei.

Gregor betritt den Simulationsraum und kommt auf mich zu. »Herzlichen Glückwunsch«, sagt er und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Du bist die Erste seit langer Zeit, die mit Bravour bestanden hat.«

Atemlos und voller Adrenalin senke ich erstaunt meine Brauen. »Die Erste? Ich dachte eigentlich, dass jeder diese Simulation schaffen kann.«

»Das stimmt auch.« Er nimmt mir die Simulationsbrille ab, bringt sie zum Kontrollpult und setzt sich auf dessen Kante. »Du warst nicht die Schnellste, aber durchaus die Erfolgreichste. Noch nie hat ein Zögling in seiner Zwischenprüfung den Jet erreicht und gleichzeitig so wenige Mitglieder seiner Gruppe verloren. Siebzehn Überlebende sind außergewöhnlich.« Sein Ton ist ruhig, aber ich kenne ihn lange genug, um einen Hauch Stolz herauszuhören.

Ich verstehe jedoch noch immer nicht und sehe Gregor einfach weiter verwirrt an.

»Die meisten verpassen den Jet und müssen sich nach einer Alternative umschauen«, fährt mein Ausbilder fort. »Es gab Simulationen, die dauerten über acht Stunden.«

Der Jet wäre ohne mich und den Chip abgeflogen? Oh Mann, wie dumm bin ich eigentlich? Wenn der Pilot ewig auf mich gewartet hätte, wieso dann der Obelisk?

Mit diesem Gedanken kommt mir ein anderer Umstand in den Sinn.

»Wie lange habe ich gebraucht?« Mir kam es vor, als wäre fast ein ganzer Tag vergangen. Es wurde ja zwischenzeitlich schon dämmrig und meine Muskeln sagen mir, dass sie Ruhe brauchen.

»Eine Stunde und sechs Minuten.«

»So schnell? Mir kam es Stunden länger vor.« Ich bin erstaunt.

»Das liegt daran, dass deine körperlichen Reaktionen durch den Anzug auf bioelektrischer Ebene gemessen werden. Gleichzeitig werden auch deine Gehirnströme durch das Programm analysiert und die Geschwindigkeit der Simulation der Leistungsfähigkeit und der Verarbeitungsgeschwindigkeit deines Gehirns angepasst. Stell dir also vor, wie lange du gefühlt in dieser Simulation gesteckt hättest, wenn sie tatsächlich acht Stunden dauert.« Das müssen Tage sein. Vielleicht eine Woche.

Gregor stützt seine Hände neben sich auf das Pult und beugt sich leicht vor. »Zunächst dachte ich, dass du es auch nicht zum Jet schaffen würdest. Er startet nach 75 Minuten sicher, egal, was geschieht.« Er beginnt zu schmunzeln. »Dein erster Gedanke war gut: nicht durch die Schluchten. Das Gift am Fluss hat dich aber umkehren lassen. Da dachte ich schon, du verbrauchst zu viel Zeit. Dann hast du die Möglichkeit mit den Bäumen erkannt. Scheinbar wurde dir auch klar, dass du die ganze Gruppe brauchen würdest. Du hast sie nummeriert, damit alle zu Individuen wurden.«

Habe ich nicht! Es war eine reine Sortierung, um Untergruppen einteilen zu können, aber ich lasse ihn in dem Glauben.

»Deine Ansprache mit der ersten Regel war ein Geniestreich. Diese Idee ist selbst mir damals nicht gekommen! Als du dann noch als Erste zu den Bäumen gelaufen bist und angefangen hast, einen davon zu fällen, hattest du die Gefolgschaft der Gruppe sicher.« Mittlerweile klingt Gregors Stimme fast euphorisch. »Nur so konntest du es schaffen, dass dich deine Nr. 1 in deiner Ohnmacht aus dem Gefahrenbereich holte und zurück zu deiner Gruppe trug. Die Simulation würde es auch hergegeben, dass dich deine Gruppe alleine lässt, wenn du sie nicht von dir überzeugst.«

Das erklärt auch, warum mich mein Adjutant plötzlich geduzt hat: Ich habe mich meiner Gruppe als gleichwertiges Mitglied offenbart und sie zahlten es mit Kameradschaft zurück. Jedoch wäre dies niemals ohne mein Zitat der oberen zwei Reihen unserer Steintafeln geglückt. Die sieben Regeln – sie bilden die Grundlage unseres Lebens in der Siedlung.

Bei der Gründung unserer Gemeinschaft und der Wahl des ersten Rats haben die Bewohner eine grundlegende Ordnung als oberstes Prinzip geschaffen. Sie würden einander achten und respektieren. Um diese Regeln jedem täglich vor Augen zu führen, wurden sie in Stein gehauen und vor jedem öffentlichen Gebäude aufgestellt.

»Wie lange war ich ohnmächtig?«, frage ich.

»Gar nicht. Der Anzug und die Elektroden an deinem Kopf haben die Ohnmacht simuliert. In der Simulation dauerte deine Ohnmacht allerdings knapp 30 Minuten. Aber genug für heute. Zieh den Anzug aus, leg ihn wieder in das Regal und mach dich auf zu deinen Freizeitangeboten!«

˜

Meine Muskeln schmerzen, und ich bin zu erschöpft für Sport, zu müde für Filme, zu kaputt für irgendwas. Ich will alleine sein, aber auf gar keinen Fall nach Hause, denn trotz meiner Müdigkeit bin ich noch zu aufgeregt.

Gregor hat mich gelobt und mir gratuliert. Das macht er sicherlich mit jedem Zögling, den er lehrt, aber für mich ist es etwas Besonderes! Gregor ist wohl das einzige Ratsmitglied, das sich die Mühe macht, andere auszubilden, aber auch er entscheidet sich nur sehr selten dafür. Von den Möglichkeiten, alle sechs Monate einen Zögling in seine Obhut zu nehmen, hat er erst vier Mal Gebrauch gemacht. In den sechs Jahren seiner Ausbildungsführung hätten es zwölf sein können.

Wieso ich?

Okay, ich habe die Schule mit Bestnoten abgeschlossen. Aber das haben andere vor mir auch, also nichts wirklich Besonderes. An meinem Aussehen kann es auch nicht liegen. Ich bin kleiner als der Durchschnitt. Zwar ausdauernd, aber doch eher zierlich und weniger muskulös. Im Gegensatz zu den beliebten Mädchen meines Alters habe ich lange, dunkle Haare, die ich mir auch nicht aufhellen lassen möchte. Und als Farbe steht in meinen Augen auch nicht das leuchtende Blau, wie bei so vielen hier, sondern eher ein helles Braun, das je nach meiner Stimmung auch schon mal ins Grau umzuschlagen scheint. Dazu kommt: Ein Teamplayer bin ich ebenfalls nicht! Ich kann zwar ein wenig Fußball, aber für Spiele in einer der beiden Mannschaften unserer Siedlung reicht es nicht. Ich will es auch nicht, bin lieber für mich.

Was ist es also?

Ich gehe vom Ausbildungszentrum am Stadthaus vorbei zu dem kleinen Wäldchen dahinter. Nachdem ich es durchschritten habe, setze ich mich an den kleinen Teich und schaue zu, wie der sanfte Wind die Wasseroberfläche leicht kräuselt. Mir geht der Jet nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe zwar schon mehrere in Filmen gesehen, aber hier in der Siedlung brauchen wir keinen. Der kurze Moment, bevor ich aus der Simulation entlassen wurde, als der Jet mit mir abhob, war ein berauschendes Gefühl!

»Na, wie war’s?«, ertönt Tinas Stimme hinter mir.

Ich fahre herum und blicke in ein lachendes, bei diesem Ausdruck an beiden Wangen mit Grübchen versehenes Gesicht. Zusammen mit ihren großen, strahlend blauen Augen wirken sie wie ein kleiner Kontrast, um die Aufmerksamkeit auf das gesamte Antlitz zu richten. Tinas voller Name ist Christina, aber so wie ich immer Dan gerufen werde, nennt sie jeder nur Tina. Wir wohnen zusammen im Zöglingshaus, beinahe nebeneinander. Es vergeht kaum ein Abend, an dem wir uns nicht sehen.

Tina ist meine beste Freundin. Die einzige. Sie weiß, wie ich ticke. Nur eine einzige andere Person kannte mich so gut wie sie, doch dieser Mensch ist nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft.

Ich schaue zu ihr auf und sie lässt sich neben mir im Gras nieder. »Na los, sag schon! Welches Fach hattest du in der Prüfung?«

»Kampftaktik.«

»Kampftaktik? Ich dachte, die testen dich in einem deiner Hauptfächer!«

»Das dachte ich auch, wurde aber eines Besseren belehrt. Ich dachte auch, dass Kampftaktik überhaupt nicht mehr geprüft wird, da wir ja keine Verwendung dafür haben.« Ich nehme einen kleinen Stein vom Ufer, welcher im Gras neben mir liegt, und werfe ihn ins Wasser. »Vielleicht wollen sie aber für den Fall der Fälle vorbereitet sein und Führungskräfte haben, die so was beherrschen.«

Und trotzdem frage ich mich, wieso? Was ist, wenn wir diese Taktiken doch noch brauchen? Wenn der Krieg eigentlich nicht vorbei ist, wir es hier nur nicht merken?

Diese Idee ist selbst mir damals nicht gekommen!

Gregor hatte dieses Fach auch als Zwischenprüfung. Das ist mir jetzt klar.

… selbst mir …

War er einer der Besten in Kampftaktik? Vielleicht sogar der Beste? Warum bildet er dann aber in den drei anderen Fächern aus? Das ergibt keinen Sinn.

Oder doch?

Die drei Hauptfächer bilden die Grundlage für Kampftaktik. Auch das habe ich heute gelernt. Nur, wer in allen drei Fächern Bestleistungen erzielt, ist in der Lage, sie so zusammenzuführen, dass das vierte Fach bestanden werden kann.

Ich war prädestiniert für diesen Test!

Ich starre auf das Wasser. Im Augenwinkel bemerke ich, dass meine Freundin ihren Kopf ebenfalls zum Teich richtet. Ich bin sicher, sie grübelt. Nahezu immer, wenn wir gemeinsam hier sitzen, beginnt sich ein beruhigendes Schweigen zwischen uns auszubreiten. Doch wirklich Ruhe finden wir nicht. Zumindest ich. Heute vor einem Jahr hatte ihr Bruder Mick seine Zwischenprüfung. Wenige Wochen danach ist er spurlos verschwunden. Keiner hat auch nur den Ansatz einer Ahnung, was geschehen ist. Ich denke oft an ihn, und ich würde jede Wette eingehen, dass Tina genau in diesem Moment ebenfalls darüber grübelt.

»Mick fehlt dir immer noch, oder?«, will ich wissen, und sofort könnte ich mich für diese blöde Frage ohrfeigen. Natürlich fehlt er ihr. Tina atmet tief durch, richtet ihren Blick vor meine Füße und nickt, ohne den Kopf dabei zu heben.

Vorsichtig stupse ich sie mit dem Ellenbogen an. »War ’ne blöde Frage, tut mir leid.«

Manchmal glaube ich, dass tief in ihr etwas auseinanderfiel, als er plötzlich verschwand. In mir ist jedenfalls ein Teil zerbrochen, und ich versuche heute noch, diese Scherben wieder zusammenzufügen.

Nach einigen langen Sekunden sieht Tina zu mir auf.

»Was ist mit dir?«

Ein gequältes Lächeln steigt in mein Gesicht, doch ich kann ihr nicht antworten. Ich kann nicht begreifen, warum ihr Bruder ging und suche nach irgendwelchen Anzeichen, die ich übersehen habe. Mein Blick richtet sich wieder zum Teich, meine Gedanken schweifen ab und die Stille zwischen meiner Freundin und mir stellt sich wieder ein.

Erst, als die Sonne langsam hinter den hohen Häusern der Siedlung versinkt, stehen wir beide auf, umarmen uns und gehen unserer Wege. Wortlos. Wie so oft.

Ich bin dankbar, eine Freundin wie Tina zu haben. Sie weiß, was ich brauche und sie braucht keine Worte, um es mir zu sagen.

Leider ist sie die Einzige.

3.

»Fußball?«, fragt mich Tina nach dem Abendessen.

»Ja, okay.«

Wirklich Lust habe ich keine auf Sport. Mir geht der gestrige Tag nicht aus dem Kopf. Die Simulation, Gregor, meine Prüfung an sich. Vielleicht ist die Idee aber gut, denn sie holt mich möglicherweise aus meinen Gedanken, die unnötig lähmen. Außerdem ist es gutes Training für Schnellkraft, das ich immer etwas vernachlässige.

Tina und ich gehen zum Sportzentrum und tragen uns für ein kleines Feld ein. Es ist fünf Mal zehn Meter groß und hat nur ein Tor. Perfekt für ein Spiel eins gegen eins! Wir sind recht gut in Fußball, haben uns aber nie dafür entschieden, in eine der beiden Mannschaften der Siedlung zu gehen.

Wir wechseln uns mit dem Anstoß ab.

»Mal schauen, ob du heute mal ein Tor schießt!«, necke ich meine Freundin und schiebe den Ball zwischen den Füßen hin und her.

Ich lasse Tina auf mich zukommen, umspiele sie und bugsiere den Ball ins Tor. So ist zumindest der Plan.

»Sieh du erst mal zu, dass du an mir vorbeikommst!«, antwortet sie lachend. Tina deckt den Raum gut, was es mir viel schwerer macht, frei auf das Tor zu schießen. Auf einem größeren Feld hätte sie aber wahrscheinlich mehr Schwierigkeiten.

Wenn Tina den Ball hat, versucht sie gar nicht erst, mich mit einem Dribbling zu umspielen. Meine Reaktionen, mit denen ich ihr regelmäßig den Ball abnehme, sind zu schnell. Sie setzt ihren deutlich größeren und muskulöseren Körper ein und schirmt den Ball mit ihrer Rückseite gegen mich ab, bis sie sich zum Tor drehen und draufschießen kann.

Nach gut fünfzehn Minuten legt mir Christina schnaufend eine Hand auf die Schulter. »Pause!«

Das Spiel eins gegen eins ist anstrengend, da man ständig in Bewegung bleibt. Der Muskelkater, den ich seit heute Morgen von der Simulation habe, tut sein Übriges.

»Ja, ich habe Durst!«

Als ich den ersten Schluck Wasser zu mir nehme, bemerke ich die sechs Mädchen am Rand unseres Spielfeldes. Sie sind größer als ich und hellblond wie Tina, haben aber alle eine goldgefärbte Strähne im Haar, die in der Sonne glitzert. Ihre Körper sind athletisch geformt, und man kann deutlich erkennen, dass Sport für diese jungen Frauen keine Nebensache ist.

Ich kenne die Mädchen vom Sehen her. Aufgrund ihrer Strähnen nenne ich sie nur die goldene Clique. Wir wohnen zusammen im Zöglingshaus, und ich habe nur selten eine von ihnen alleine gesehen.

Tara ist so was wie ihre Anführerin. Sie schart die anderen fünf gerne um sich und gibt mächtig mit ihrem Aussehen und einem ich kann sie alle haben-Verhalten an. Okay, ihr Körper ist ein Traum, doch ich kann sie aufgrund dieser arroganten Art nicht leiden, obwohl wir noch nie direkt miteinander gesprochen haben.

»Christina!«, ruft sie zu uns rüber und Tina dreht sich um. »Du scheinst eine gute Verteidigerin zu sein!«

Offenbar haben sie uns längere Zeit beobachtet. Tina schaut zu der Clique herüber und hebt nur den Arm zu einem halbherzigen Gruß.

»Warum kommst du nicht in unsere Mannschaft?« Tara richtet ihren Blick verächtlich auf mich und legt nach. »Bei uns würdest du richtiges Training bekommen.«

Tina schnaubt und steht auf, doch ich ziehe sie am Handgelenk zurück.

»Nicht, das bringt nichts.«

»Ich mag nicht, wenn sie so über andere reden. Schon gar nicht über dich.« Tina faucht diese Worte förmlich.

»Und was willst du tun? Sie alle verprügeln? Sechs gegen Eins dürfte für dich ja ein Kinderspiel sein. Vor allem, bei solch kleinen und schwachen Gegnern.« Tina sieht mich an, und ein grimmiges Lächeln huscht über ihr Gesicht aufgrund meiner Ironie.

»Tara würde mir schon genügen«, raunt sie etwas ruhiger und sieht mich an.

»Na klar! Und die anderen würden zuschauen«, schmunzle ich. »Außerdem würde es gegen die siebte Regel verstoßen.«

Sie setzt sich wieder neben mich und schlägt sich mit der flachen Hand auf das rechte Knie. »Ja, du hast Recht. Komm, lass uns hier aufhören und zum Teich gehen!« Tinas Stimme ist zwar beherrscht, wenn auch etwas genervt, aber sie blickt wütend drein, während sie ihre Tasche packt.

Die Szene wirkt für mich surreal. Normalerweise bin ich es, die sich nicht unter Kontrolle hat, und Tina holt mich zurück. Doch seit Micks Weggang sind wir beide irgendwie anders. Verdreht.

Während auch ich packe, sehe ich nochmal zu der goldenen Clique herüber. Sie grinsen und feixen, als sie mich im Vorbeigehen wiederholt mustern.

4.

Es ist immer wieder der gleiche Traum, nicht jede Nacht, aber oft genug.

Ich laufe nicht mit meiner verbliebenen Gruppe zum Fluss, sondern folge den sechs Mitgliedern des Ablenkungsmanövers zu den Schluchten. An einer kleinen Ausbuchtung im Tal zwischen zwei Hügeln erstarre ich. Meine Mitstreiter gehen langsam vor, als sie plötzlich beschossen werden und Deckung suchend zu mehreren kleinen Felsbrocken ausströmen. Ich will meine Pistole ziehen, bin aber regungslos.

Meine Teilgruppe erwidert das Feuer. Mindestens dreimal kann ich Schreie unserer Gegner hören, bevor eine der Frauen in die Schulter getroffen und nach hinten rücklings auf den Boden geschleudert wird. Der nächste Schuss trifft sie im Bauch. Sie schreit kurz einen erstickten Laut aus und lässt den Kopf fallen. Der Sand um sie herum saugt sich voll mit feuchtem Rot. Sie starrt mich mit leblosen Augen an, und ich bin nicht in der Lage, den Blick abzuwenden.

Bis ich aufwache.

˜

Kampftag!

Seit der Zwischenprüfung hat dieses Wort für mich eine neue Bedeutung, denn es drückt nicht im Geringsten aus, was es darstellen soll. Wieder sind Prüfungen. Diesmal aber in den Sportdisziplinen, die wir uns aussuchen. Ich habe mich, wie in jedem Quartal, für das Laufen entschieden. Meine Ausdauer liegt weit über dem Durchschnitt der Mädchen meiner Altersgruppe.

Ich trete zum zweiten Mal in Folge in der freien Kategorie an. Letztes Mal wurde ich immerhin Siebzehnte von 425 Teilnehmern. Die meisten älter als ich und länger im Training.

Dieses Mal will ich unter die ersten Zehn kommen. Ich habe versucht, zehn Kilometer mit der gleichen Geschwindigkeit zu laufen, wie ich es auf fünf schaffe. Natürlich habe ich es nie durchgehalten, aber versucht habe ich es immer wieder.

Nachdem ich Nacken und Schultern zunächst leicht gedehnt und anschließend wieder gelockert habe, begebe ich mich zu den rund 450 Teilnehmern im Aufstellungsraum auf dem Hauptweg der Siedlung. In ungefähr einer Minute wird der Startschuss fallen. Ich schaue mich unter den Zuschauern nach meiner einzigen Freundin um, während ich die Beine noch ausschüttle.

»Dan!«

Tina steht vielleicht zwanzig Meter von mir entfernt und winkt mir zu. Auf sie kann ich mich verlassen.

Als ich noch klein war, haben auch meine Eltern zugeschaut, wie ich vor allem Turnen und Sportgymnastik vorführte, aber ich kann mich nur noch schwach an sie erinnern.

Sie waren dem Ideal sehr nahe: Beide groß, nach meiner Erinnerung bestimmt 1,80 m oder etwas mehr. Mama hatte hellblondes Haar und strahlend blaue Augen. Papas Haare waren nicht ganz so hell, glaube ich, doch auch er war definitiv blond.

Mein Haar ist dunkel, fast schwarz. Es ist lang, obwohl momentan eher kurze Haarschnitte in Mode sind. Zumindest habe ich leichte Locken im Haar. Wenigstens etwas, was ich von einem meiner Eltern, meiner Mutter, an Aussehen abbekam. Meine Augen sind hellbraun, aber sie erscheinen laut Tina fast grau. Je nachdem, wie meine Stimmung ist.

Mama und Papa müssen enttäuscht gewesen sein, als sie merkten, dass meine Augen schon von Geburt an braun waren und meine Haare auch im Laufe meiner Kindheit nicht heller wurden. Aber das haben sie mich nie spüren lassen. Vor allem mein Papa kam jeden Abend in mein Zimmer, um mit mir etwas zu spielen, worauf ich gerade Lust hatte. Okay, vielleicht nicht jeden Abend, aber so erinnere ich mich. Auch meine Mutter hat sich um mich gekümmert, aber ich habe mehr Erinnerungen an meinen Vater. An seine Grübchen auf der Wange, die sich bei jedem Lächeln bildeten, erinnere ich mich wahrscheinlich für immer.

Tina ist ebenfalls das optische Ideal der Gemeinschaft – über 1,80 m groß, lange, hellblonde, glatte Haare und eine athletisch-muskulöse Figur. Allerdings strengt sie sich seit einem Jahr nicht mehr an, um in der Schule oder der Ausbildung besser zu sein, als der Durchschnitt. Sie könnte es sein, legt aber keinen Wert mehr darauf und entschied sich, einer festen Tätigkeit im Ausbildungszentrum nachzugehen.

Ihr Aussehen würde mir schon genügen, um reinzupassen, denn am Wissen liegt es nicht. Aber so bin ich nun mal nicht.

Der Trainer einer der Frauenfußballmannschaften fordert die Teilnehmer auf, sich bereit zu machen für den Start. Er hat heute die Aufgabe den Lauf freizugeben. Etwas nervös sehe ich nochmal zu Tina und lächle ihr zu, bevor ich beginne, mich auf meinen Körper zu konzentrieren.

Der Startschuss fällt und ich laufe los.

Schnell finde ich meinen Rhythmus und reihe mich im Mittelfeld ein.

Tina läuft neben uns am Rand der Strecke. Sie strahlt in meine Richtung und ruft mir zu.

»Los, Dan: Das ist dein Rennen! Ich warte am Ziel auf dich!«

Ich lächle angestrengt zurück, und sie biegt ab in Richtung Ziellinie.