Die letzte Wahl - Eric Sander - E-Book

Die letzte Wahl E-Book

Eric Sander

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Beschreibung

Die Volkspartei will den Umsturz in Deutschland. Er will die Partei stoppen. Die Jagd beginnt.

Der Journalist Nicholas Moor macht Urlaub in einem abgelegenen Berghotel. Zufällig filmt er mit einer Drohne das Geheimtreffen der aufstrebenden rechtspopulistischen Volkspartei. Die Aufnahmen sind brisant: Sie zeigen detaillierte Umsturzpläne für die Zeit nach dem erwarteten Wahlsieg.

Doch die Security der Volkspartei hat die Drohne bemerkt und setzt nun alles daran, die Veröffentlichung der Geheimpläne zu verhindern - auch wenn sie dabei über Leichen gehen muss. Um den Staatsstreich abzuwenden, sieht Nicholas nur noch einen ungeheuerlichen Ausweg ...

Ein spannender und actionreicher Thriller mit einem hochaktuellen Thema. Ein absolutes Must-Read vor den Bundestagswahlen 2025.

»Der Thriller verbindet die großen Themen unserer Zeit genial: rechtsextreme Umsturzphantasien und Massenüberwachung.« (Christian Fuchs, Autor bei DIE ZEIT, auf TWITTER, 30.07.2021)

Nominiert für den GLAUSER 2022 in der Kategorie Debütroman: »Ein echter Pageturner mit einer Hauptfigur, die Jäger und Gejagter zugleich ist. Eric Sander ist ein glaubwürdiger, packender und temporeicher Erstling gelungen.« (Auszug aus der Jurybegründung)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

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Über dieses Buch

Die »Volkspartei« will den Umsturz in Deutschland. Er will sie stoppen. Die Jagd beginnt

Als der Journalist Nicholas Moor mit seiner Tochter in einem abgelegenen Berghotel Urlaub macht, filmt er mit einer Drohne zufällig ein Geheimtreffen der aufstrebenden rechtspopulistischen Volkspartei. Die Aufnahmen sind brisant: Sie zeigen detaillierte Umsturzpläne für die Zeit nach dem erwarteten Wahlsieg. Die Security-Leute der Volkspartei haben die Drohne jedoch bemerkt, und sie sind gewillt über Leichen zu gehen, um zu verhindern, dass Nicholas die Pläne veröffentlicht. Er sieht nur noch einen ungeheuerlichen Ausweg, um den Staatsstreich zu verhindern …

Über den Autor

Eric Sander ist ein deutsch-französischer Journalist. Er hat Politikwissenschaft und Soziologie in Berlin und München studiert und schreibt für renommierte Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Spiegel Geschichte und Stern Crime. Die Gefahr durch Rechtsextremisten beschäftigt ihn, seit ihm seine Großmutter von der Besetzung ihres Heimatortes durch deutsche Soldaten erzählt hat.

ERIC SANDER

DIELETZTEWAHL

THRILLER

LÜBBE

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München

Copyright © Eric Sander

Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an:

[email protected]

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: © boreala/shutterstock.com; boreala/shutterstock.com; sunwart/shutterstock.com

eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-0972-9

luebbe.de

lesejury.de

Für Colette und Theo

Mit einem lauten Knall fiel die schwere Metalltür hinter ihm zu. Der Lärm hallte von den unverputzten Betonwänden des Treppenhauses wider. Nicholas Moor blieb erschrocken stehen und lauschte. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Hatte ihn jemand gehört? Doch in dem schäbigen Treppenhaus war es fast still, nur sehr gedämpft drangen die Stimmen der Menge durch die Tür.

Als er sich wieder beruhigt hatte, stieg er vorsichtig die Treppen hoch. Jetzt, mit der geschlossenen Tür, war es völlig finster, aber er traute sich nicht, Licht zu machen. Es stank entsetzlich nach Urin. Offensichtlich hatten sich einige Gäste, die es nicht mehr bis zur Toilette geschafft hatten, hier erleichtert.

Mit jedem Stockwerk fühlte sich der schwarze Koffer, den er sich mit einem Tragegurt umgehängt hatte, schwerer an. Seine Beine zitterten vor Aufregung.

Er blieb stehen und atmete langsam ein und langsam wieder aus, um sich zu beruhigen. Als er weiterging, versuchte er, immer nur an den nächsten Schritt zu denken, wie er es sich vorgenommen hatte. Stockwerk für Stockwerk stieg er nach oben.

Nach ein paar Minuten rutschte seine Hand vom Treppengeländer ins Leere. Vorsichtig, um ja nicht zu stolpern, nahm er die letzte Treppenstufe. Er war oben angekommen.

Behutsam stellte er den Koffer ab, dann holte er eine kleine Stirnlampe aus seiner Jackentasche und setzte sie auf. Mit dem dünnen Lichtstrahl tastete er die Decke ab, bis er die verschlossene Luke sah. Der Notausgang. Darunter hing eine zusammengeschobene Feuerleiter, genau wie er es erwartet hatte.

Er ignorierte das Warnschild und zog die Leiter nach unten, die mit einem leisen Rattern auseinanderfuhr.

Alles kam ihm seltsam bekannt vor. Dabei war er hier noch nie gewesen. Wie in einem Traum sah er sich selbst die schmalen Stufen nach oben nehmen und die Luke aufstoßen. Sofort strömte ihm kühle Abendluft entgegen, die er nach dem Gestank im Treppenhaus gierig einsog.

Mit einer Hand zog sich Nicholas auf das flache Dach, mit der anderen wuchtete er den Koffer nach oben. Es war eine finstere Nacht. Die Lichter der Stadt leuchteten in der Ferne, aber hier oben war es dunkel. Niemand würde ihn sehen.

Als er sich gerade überlegte, wohin er als Nächstes musste, vibrierte sein Smartphone. Eine Nachricht von einem anonymen Absender. Auf dem Display tauchte ein Foto auf. Ein Bild von ihm. Es zeigte, wie er eine Stunde vorher in einer Seitenstraße aus dem unauffälligen weißen Lieferwagen gestiegen war, den er gemietet hatte. Dabei hatte er darauf geachtet, dass der Wagen in einem toten Winkel stand, unsichtbar für die Kameras. Aber vielleicht hatte er vor Aufregung eine Drohne übersehen.

Das Handy vibrierte noch einmal. Nicholas zuckte zusammen. Diesmal war eine Aufnahme von Hanna zu sehen. Seine kleine Tochter winkte mit einem gestellten Lächeln in die Kamera. Sie trug das blau-weiß geringelte T-Shirt, das er ihr in den Sommerferien in einem Fischerort gekauft hatte, und an der Hand einen albernen rosa Plastikring aus einem Überraschungsei. Ihre hellblauen, mandelförmigen Augen, mit denen sie alle so bezirzen konnte, strahlten.

Auf dem Bild war nicht zu sehen, wo Hanna war, aber im Hintergrund erkannte er auf einem Fernseher eine Nachrichtensendung vom heutigen Tag. Und die Uhrzeit. Das Foto war keine Stunde alt.

Unter der Aufnahme stand: »Wir wissen, was du vorhast. Und wir haben Hanna. Wenn du diesen Anweisungen genau folgst, wird ihr nichts passieren.«

Sein Handy vibrierte zum dritten Mal. Diesmal bestand die Nachricht nur aus Text. Nicholas fing an, sie zu lesen. Tränen schossen ihm in die Augen, mit jedem Wort schien sein Blick mehr zu verschwimmen. Er steckte das Mobiltelefon ein und lief wie in Trance gebückt über das Dach, fast hätte er die geplante Stelle übersehen.

Hoffentlich erwachte er bald aus diesem Albtraum.

1

Sieben Wochen vorher

Markus Hartwig ließ den Blick über die Menge schweifen. Der Marktplatz war völlig überfüllt. Mehrere tausend Menschen drängten sich an diesem Freitag im April zwischen den Fachwerkhäusern und der alten Kirche, zwischen den Bratwurstständen und den Geschäften mit den modernen Fassaden aus Glas und Stahl. Selbst in den Seitengassen standen noch Hunderte, die ihn reden hören wollten, obwohl sie von dort aus die Bühne kaum noch erkennen konnten.

Alle waren außer sich, klatschten, grölten und schwenkten die schwarzen Fähnchen mit dem Logo der Volkspartei. Und immer wieder brüllten sie seinen Namen: »Hartwig! Hartwig! Hartwig!«

Die Polizei hatte Mühe, die Männer und Frauen zurückzuhalten, die hinter den Absperrgittern standen und jetzt begeistert nach vorn drängten, um ihm nahe zu sein. Eine junge blonde Frau in der ersten Reihe warf ihm Küsse zu, ein Rentner mit einer ALDI-Tüte in der Hand hatte Tränen in den Augen. Ein paar Meter entfernt hielt ein Mann mit militärischem Kurzhaarschnitt sein Smartphone hoch und übertrug den Auftritt live bei Facebook.

Markus Hartwig blickte kurz zu seiner Pressefrau und lächelte. Er winkte, ballte die Fäuste und riss die Arme nach oben, wie er es in den vergangenen Wochen so oft getan hatte.

»Diese korrupte Koalition, dieses Regime hat endgültig abgewirtschaftet!«, rief er ins Mikrofon. »Die Kanzlerin ist so am Ende, dass sie nicht einmal die Vertrauensfrage im Bundestag überstanden hat. Diese Leute vertrauen nicht mal mehr sich selbst! Wie können wir ihnen dann vertrauen? Weg mit denen, sage ich!«

Wieder brandete Beifall auf.

Dann streckte er die Arme in Richtung der Menge aus. »Wenn ihr mir zujubelt, dann jubelt ihr auch euch zu.«

Seine Anhänger johlten.

»Wisst ihr, was der Unterschied ist zwischen mir und den Politikern der Altparteien? Ich spreche eure Gefühle aus, die die nicht ernst nehmen. Aber ich bin einer von euch – und wir sind das Volk! Und deshalb will ich bei der Wahl in sieben Wochen nicht einfach Kanzler werden, sondern Volkskanzler! Für euch!«

Die Masse tobte. Für einen Moment hatte er das Gefühl, sie würde nie mehr damit aufhören.

Es war wie im Rausch.

Aus den Augenwinkeln nahm Hartwig wahr, wie der schwarze Block, den seine Parteijugend gebildet hatte, nach vorn marschierte. Er näherte sich bedrohlich den wenigen Gegendemonstranten, die wütend in ihre Trillerpfeifen bliesen, was aber im Geschrei der Menge unterging. Hartwig wollte schon etwas brüllen und seine Anhänger noch mehr aufwiegeln, aber dann riss er sich zusammen und verneigte sich nur leicht in alle Richtungen.

Er durfte sich nicht zu sehr berauschen, sondern musste wachsam bleiben.

Er durfte den Plan nicht gefährden.

***

Sein Smartphone vibrierte. Schon zum fünften Mal. Dabei rutschte es jedes Mal näher an die Schreibtischkante. Nicholas Moor ignorierte es. Er wusste genau, wer ihn anrief, aber jetzt konnte er keine Ablenkung brauchen. Er starrte auf den Computermonitor in seinem Büro in der Redaktion des Münchner Abendblatts und fluchte. Nur noch zwanzig Zeilen, aber ihm fiel einfach nichts mehr ein. Dabei hatte er nur noch neun Minuten Zeit.

Er sah auf die hässliche große Uhr, die an der kahlen Bürowand hing, dann wieder auf den Bildschirm. Sogar der Cursor schien schneller zu blinken als sonst.

»Na, mal wieder am Schwitzen?«

Sein Kollege Lucas Wirtz stand in der Tür. Er trug wie immer sein überdimensioniertes Holzfällerhemd und lächelte wie jemand, der sich gnadenlos überlegen fühlt.

Der Online-Redakteur hatte seinen Text natürlich schon längst fertig. Wahrscheinlich hatte er sich sogar noch ein paar lustige YouTube-Videos mit tanzenden Kakadus angeschaut, bevor er mit seinem Kaffee in der Hand zum Nachbarbüro im siebten Stock des Verlagshochhauses gestapft war, um seinen Kollegen zu ärgern.

»Hmpfff«, machte Nicholas. Auf dem Bildschirm blinkte der Cursor immer noch. Hektisch. Aggressiv.

Noch fünf Minuten.

»Wieso schreibst du nicht einfach, dass es völlig egal ist, ob es bald noch mehr Obdachlose in München gibt? Schließlich sind es wegen der Wirtschaftskrise schon so viele, da kommt es auf einen mehr oder weniger auch nicht mehr an. Wir bauen einfach ein paar neue Brücken, dann haben die auch einen Platz zum Schlafen.«

Nicholas schaute auf. Er wollte etwas Verächtliches erwidern, aber in diesem Moment klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch.

Er hob den Hörer ab. »Ich hab’s gleich, ich hab’s gleich!« Bevor seine Ressortleiterin am Ende der Leitung etwas sagen konnte, legte er wieder auf. Wenigstens hatte sich Lucas inzwischen verzogen.

Nicholas blickte sehnsüchtig durch die riesige Fensterfront und sah, wie am Horizont die Sonne über dem Alpenrand unterging. Er stellte sich vor, wie er auf einem Berg stand, ganz allein, ohne Abgabetermin, wie in der Bierwerbung, um ihn herum nur das Summen der Bienen und der beruhigende Geruch von Harz und Tannennadeln.

Das Smartphone vibrierte wieder. Diesmal rutschte es vom Schreibtisch und plumpste in den Papierkorb.

Nicholas starrte einfach weiter auf die Buchstaben auf dem Monitor, die immer weniger Sinn ergaben.

Das Handy brummte noch zweimal im Papierkorb, dann war endlich Ruhe.

Noch drei Minuten.

Das verhasste und doch so vertraute Gefühl von Panik stieg in ihm auf.

Früher hätte er so einen kleinen Kommentar in zwanzig Minuten heruntergerissen und sich nicht wie jetzt stundenlang damit abgemüht. Aber das war lange her – bevor die Katastrophe passiert war. Jetzt schwirrten ihm die Gedanken durch den Kopf, rasten von einer Ecke seines Gehirns in die andere und waren nicht zu greifen. Er setzte sich wie immer viel zu sehr unter Druck, selbst dieser kleine Kommentar sollte perfekt sein.

Es war doch egal.

Es war nicht egal.

Endlich akzeptierte er, dass es so einfach nicht funktionieren würde. Er griff in seine Schreibtischschublade und öffnete eine kleine Blechdose. Mit zittrigen Fingern nahm er eine der weißen Pillen und steckte sie in den Mund.

Er atmete tief ein und wieder aus und stellte sich vor, dass der Cursor eine Antenne war, mit der er Botschaften von seinem früheren Ich empfing.

Dann begann er zu schreiben.

***

Der Citroën CX fuhr auf der Wasserburger Landstraße, Richtung stadtauswärts. Es wurde schon langsam dunkel, und Nicholas war zu spät dran. Er war angespannt, wie immer, wenn er sich auf den Weg zu seiner Ex-Frau Sandra machte. Aber wenigstens hatte sich der übliche Stau bereits aufgelöst, der jeden Freitag entstand, wenn sich die Münchner gleichzeitig ins Wochenende stürzten.

Auf der Rückbank des alten Wagens stapelten sich abgegriffene Magazine und Zeitungen, am Boden standen seine Winterstiefel. Die beiden leeren Bierkästen im Kofferraum klapperten jedes Mal, wenn er scharf um eine Ecke bog. Hinter dem Beifahrersitz lag in einem großen Karton die Drohne, die ihm Lucas noch mitgegeben hatte.

Man sah dem Wagen nicht an, wie sehr Nicholas ihn mochte. Dabei hatte er wochenlang im Internet gesucht, um genau dieses seltene Modell von 1975 mit der hellbraunen Metallic-Lackierung zu finden. Er hatte es schließlich einem alten Polizisten aus Frankreich abgekauft, der steif und fest behauptet hatte, das Auto habe früher Alain Delon gehört. Nicholas hatte den CX schon als Kind geliebt, als Bekannte seiner Eltern einen fuhren. Die flache, futuristische Karosserie, die hydro-pneumatische Federung, die den Wagen fast schweben ließ, und der seltsame eckige Tacho wie in einem Raumschiff – der CX stammte aus einer Zeit, als sich die Menschen noch auf die Zukunft freuten. Die Dellen und tiefen Kratzer von dem Unfall vor zwei Jahren hatte er längst entfernen lassen, sie waren nur noch zu erkennen, wenn man sehr genau hinsah.

Nicholas schaltete das Autoradio ein. In den Nachrichten ging es ausschließlich um den Wahlkampf. Nach einer gescheiterten Vertrauensfrage vor zwei Monaten war die Kanzlerin zurückgetreten, es waren nur noch sieben Wochen bis zur vorgezogenen Bundestagswahl Mitte Juni, und die Medien wurden immer hysterischer. Ständig wurden Politiker interviewt, ständig gab es Diskussionsrunden, in denen aber nie wirklich diskutiert wurde, weil nie jemand seine Meinung änderte. Im Studio analysierten Experten die Politikersprüche, dann interviewten sich die Experten gegenseitig, und Meinungsforscher und Social-Media-Redakteure verkündeten die jüngsten Umfrageergebnisse.

Es war wie bei einem Pferderennen. Es ging nur darum, wer gerade aussichtsreich in Führung lag, wer dicht dahinter lauerte, wer ins Feld zurückgefallen war und wer nur noch weit abgeschlagen hinterhertrabte. Nicholas kannte dieses Spiel zur Genüge, er hatte es schließlich jahrelang selbst mitgespielt. Bis der Unfall alles verändert hatte. Jetzt war das nicht mehr seine Welt.

Er wollte schon den Sender wechseln, als der Moderator zu einem Wahlkampfauftritt von Markus Hartwig schaltete.

»Wenn ich komme, dann räume ich auf mit dem Filz der Altparteien«, brüllte der Spitzenkandidat der Volkspartei, »dann wird wieder Politik für uns gemacht, für das Volk. Deutschland zuerst!«

Seit Kurzem beendete Hartwig jeden seiner Auftritte mit dieser Parole. Die anderen Parteien und die meisten Medien hatten ihn dafür kritisiert, aber seit er seinen Ton verschärft hatte, legte er in den Umfragen ständig zu. Und auch jetzt hörte man, wie seine Zuhörer in lauten Jubel ausbrachen.

Nicholas schaltete das Radio aus und biss die Zähne zusammen. Er bog in die neugebaute Reihenhaussiedlung in Trudering ein, in der Sandra seit ihrer Trennung wohnte. Die Häuser unterschieden sich nur durch die Muster der Gardinen und die Höhe der Hecken in den winzigen Vorgärten. Im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen waren sie jetzt noch weniger auseinanderzuhalten als sonst.

Der Anblick deprimierte ihn. Ohne Navi hätte er sich jedes Mal wieder verfahren, auch wenn er schon so oft hierhergekommen war. Er versuchte, sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, mit Sandra hier zu leben, aber es gelang ihm nicht. Allein die Nachbarn, die einen ständig beobachteten und mit denen man immer reden musste, selbst wenn man sich nur im Garten sonnen wollte. Da wohnte er lieber in seiner Bruchbude im zehnten Stock eines Hochhauses in München-Neuperlach, wo er niemanden kannte und nicht viel Miete zahlen musste.

Bevor er ausstieg, schaute er noch einmal in den Rückspiegel. Auch wenn er es nie zugegeben hätte, war er immer stolz darauf gewesen, dass man ihn jünger schätzte, als er war. Selbst jetzt noch mit seinen inzwischen zweiundvierzig Jahren. Aber heute sah er müde aus, seine kurzen hellbraunen Haare waren zerzaust, unter den braunen Augen zeichneten sich graue Schatten ab, die jeden Tag größer zu werden schienen. Sein Fünftagebart war viel zu lang und wurde langsam weiß, er musste sich dringend rasieren.

Als er auf Sandras Haus zuging, fiel sein Blick auf den Briefkasten, auf dem Beckmann stand. Bis heute bedauerte es Nicholas, dass seine Tochter den Nachnamen ihrer Mutter trug und nicht seinen. Neben der Eingangstür war ein kleines Loch in der Wand. Durch den grauen Putz konnte man bis auf den Ziegelstein dahinter sehen. Für jemanden, der nicht darauf achtete, war die Stelle kaum erkennbar, aber für ihn sah sie riesig aus. Wie ein Mahnmal seiner Schande.

Als sie mal wieder über das Sorgerecht für Hanna gestritten hatten, hatte er seinen Schlüsselbund voller Wucht gegen die Wand geschleudert, nur ein paar Zentimeter neben Sandras Kopf. Sie hatte nur kurz gezuckt, als hätte sie schon mit so etwas gerechnet. Er war furchtbar erschrocken, als er sah, was er getan hatte. Doch anstatt sich zu entschuldigen, trat er gegen eine Straßenlaterne und schrie laut. Dann sackte er auf dem Gehsteig zusammen und heulte. Er wusste nicht mehr, wohin mit seiner Wut auf sich selbst und die Welt.

Als er jetzt an diese Szene dachte, spürte er eine Woge der Scham in sich aufsteigen. Ihm wurde heiß und schwindlig.

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Hanna stürzte auf ihn zu.

»Paapaaaa!« Sie fiel ihm um den Hals. »Wieso stehst du denn so dumm rum und klingelst nicht?«

***

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Bei jedem Schritt hinterließen Nicholas’ Winterstiefel einen tiefen Abdruck auf dem Waldweg. Wohin er auch sah – alles war weiß. Auf den Tannen und Fichten lag so viel Schnee, dass sich die Äste nach unten bogen. Die dicke Schicht dämpfte fast alle Geräusche. Es war so leise, dass er Hanna neben sich atmen hörte. Er hätte ihr gerne erklärt, was für ein kleiner bunter Vogel vor ihnen durch die Luft flog, aber mit Tieren und Pflanzen kannte er sich leider nicht aus. Er hatte viel zu viel Zeit seines Lebens vor Bildschirmen verbracht.

Trotz der Eiseskälte trug Hanna nur die Basecap mit dem Logo der Dallas Mavericks, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Sandra hatte ihr zum Abschied eine pinkfarbene Wollmütze aufgesetzt, aber Hanna hatte sie in seinem Auto sofort abgenommen. »Ich bin doch keine acht mehr!«, hatte sie lautstark protestiert.

»Aha. Na, wenn das so ist, dann müssen wir ja auch nicht mehr Bibi Blocksberg hören? Dafür bist du eh längst zu alt.«

Für einen kurzen Moment hatte er gehofft, dass er nicht zum hundertsten Mal das uralte Hörspiel würde abspielen müssen.

»Dooooch! Wir fahren in den Urlaub, und dann hören wir natürlich Bibi Blocksberg und der Autostau.«

»Na gut.« Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen, hatte er sich gedacht und seufzend die alte Kassette ins Autoradio eingelegt.

Sie hatten länger ins Allgäu gebraucht als geplant. Nach einer Stunde hatte es angefangen, heftig zu schneien. Der große Scheibenwischer des Citroëns kämpfte verzweifelt gegen die dicken Schneeflocken an, trotzdem sah Nicholas in der Dunkelheit fast nichts. Er konnte nur noch im Schritttempo die Berge hochschleichen.

Der Streit mit Sandra ging ihm nicht aus dem Kopf. Wieso konnten sie einfach nicht mehr normal miteinander reden? Er hatte sich wie ein Idiot benommen, das stimmte. Aber er hatte sich doch längst entschuldigt. Mehrmals. Wie lange wollte sie ihm das noch nachtragen? Und wieso zog sie Hanna da mit rein? Ihre Tochter war doch die Leidtragende, wenn Sandra und er fast nur noch über WhatsApp und Notizzettel miteinander kommunizierten.

Er blickte kurz nach hinten. Hanna war längst auf dem Rücksitz eingenickt. Ihre hellbraunen Haare lugten verstrubbelt unter der Basecap hervor. Ihre Hand umklammerte ihren Stoffhasen, der früher einmal rosa gewesen, aber inzwischen völlig ausgeblichen war. Vor ihren Freundinnen hätte Hanna nie zugegeben, dass sie den Hasen immer noch zum Einschlafen brauchte.

Auch Nicholas war müde. Doch als er schon fürchtete, ihm würden gleich die Augen zufallen, leuchtete endlich das Ortsschild von Balderschwang im Scheinwerferlicht auf. Es war kurz vor Mitternacht.

Das Dorf, das auf mehr als tausend Meter Höhe lag, bestand nur aus ein paar alten Bauernhöfen, Scheunen und Herbergen, die sich in einem Hochtal an der Hauptstraße entlangzogen. Das Hotel Engel lag einsam am Ende eines unbefestigten Weges und war teilweise in den Hang hineingebaut. Es gehörte zwei alten Schwestern, die beide nur noch schwarz gekleidet herumliefen, seit der Mann der Älteren gestorben war. Das war zwar schon fast dreißig Jahre her, aber für die Frauen war die dunkle Kleidung längst zu einer Art Uniform und Markenzeichen geworden.

Nicholas hatte schon als Kind mit seinen Eltern in dem kleinen Hotel Urlaub gemacht. Weiter oben am Berg sah er noch die Lichter an der Höfle Alp brennen. Dort hatte ihm sein Vater das Skifahren beigebracht. Obwohl es damals auch schon einen Sessel- und mehrere Schlepplifte gab, hatte er darauf bestanden, dass sie den Hang zu Fuß hinaufstapften.

»Sonst ist das doch kein Sport!«, hatte der Vater nur grinsend erwidert, wenn sich Nicholas mal wieder beschwerte.

Nicholas erinnerte sich, wie in der Kälte die Eiskristalle im Vollbart des Vaters gehangen hatten. Nicholas trug nur Fäustlinge aus grober Wolle, die seine Mutter selbst gestrickt hatte. Wenn es mal wieder minus zehn Grad war, froren seine Hände darin jämmerlich. Sie tauten erst wieder auf, wenn alle endlich in einer Hütte saßen und Grillwürstchen mit Pommes aßen. Trotzdem hatte Nicholas es geliebt, mit seinem Vater, der sonst oft auf Geschäftsreisen war und wenig Zeit für ihn hatte, Ski fahren zu gehen. Und je besser er wurde, desto mehr genoss er es, den Berg hinunterzugleiten. Die Gleichmäßigkeit der Schwünge schien jedes Mal auf seinen Körper und seinen Geist überzugehen, und nach ein paar Stunden hatte er das Gefühl, dass sein Leben wieder im Takt war.

Das Wochenende im Hotel Engel, das er mit Hanna verbringen wollte, war auch ein Versuch, an diese Zeiten anzuknüpfen. In den vergangenen Monaten hatte er viel zu wenig mit seiner Tochter unternommen.

Wie früher machten im Hotel Engel auch heute noch vor allem Familien Urlaub. Als Nicholas im Schritttempo auf den Parkplatz einbog, stieß er erstaunt die Luft aus. Das Licht des Citroëns fiel auf mehrere schwarze Mercedes-S-Klasse-Limousinen mit dunkel getönten Scheiben. Was hatten die hier draußen zu suchen?

***

Sein Jackett war viel zu dünn, aber er ließ sich nicht anmerken, dass er fror. Hätte er gewusst, dass er länger Wache stehen sollte, hätte er sich einen warmen Mantel übergeworfen. Wenigstens hatte es aufgehört zu schneien.

Sven Thoma war es gewohnt, sich nicht viel anmerken zu lassen. Die Ausdruckslosigkeit seines Gesichts war eine seiner bemerkenswerten Eigenschaften. Eine andere war, dass er so durchschnittlich aussah, dass sich fast nie jemand an ihn erinnerte. Oder dass er mit seinem kräftigen Daumen einem Gegner lautlos den Kehlkopf zerdrücken konnte. Seine Auftraggeber wussten diese Eigenschaften zu schätzen und bezahlten ihn sehr gut dafür. Nur eine kleine Narbe über dem rechten Auge, die er sich bei einem Einsatz in Libyen zugezogen hatte, war etwas ungewöhnlich.

Thoma suchte in der Tasche seines Anzugs nach einer Zigarette und zündete sie an. Er schaute zu seinen beiden Chefs, die zwanzig Meter entfernt auf dem Feldweg neben einem Baum standen und flüsterten.

Er fand ihre Geheimhaltung völlig übertrieben. Wer sollte sie denn hier in diesem Kaff in den Bergen nachts schon beobachten?

Aber wenn die zwei sich so besser fühlten, dann sollte es ihm recht sein. Nur etwas beeilen könnten sie sich ruhig, die beiden redeten jetzt schon seit zwanzig Minuten.

Thoma sog den wärmenden Rauch der Zigarette tief ein. Plötzlich hörte er Geräusche. Ein Auto näherte sich. Aus Gewohnheit drückte er sofort die Zigarette aus, damit ihn die Glut nicht verriet.

Die Scheinwerfer des Wagens tasteten sich die Straße entlang. Thoma duckte sich schnell und wollte seinen Chefs warnend etwas zurufen, aber sie hatten das Auto auch schon bemerkt und sich ins Gebüsch gedrückt.

Doch der Citroën bog gleich wieder nach links ab und hielt auf dem großen Parkplatz. Ein groß gewachsener Mann in einer Daunenjacke und ein Kind mit einer Basecap stiegen aus. Selbst auf die Entfernung fiel Thoma auf, dass der Mann kurz stehen blieb und neugierig auf ihre Limousinen starrte.

Er hatte gleich gesagt, dass die Luxusautos hier auf dem Land viel zu auffällig waren, da konnten sie noch so schwarz sein.

Der Mann ging weiter zum Empfang des Hotels, trotzdem prägte sich Thoma sein Gesicht genau ein. Es kam ihm so vor, als hätte er ihn schon einmal gesehen, er wusste nur nicht, wo.

2

In dem kleinen holzgetäfelten Raum roch es verführerisch nach heißer Schokolade und frischen Brötchen. Hanna stand etwas unschlüssig in der Tür. Wie so oft war sie an diesem Samstagmorgen die Erste beim Frühstück – ihr Vater rasierte sich noch – und wusste nicht, wohin sie sich setzen sollte. Drei Tische waren noch frei.

»Bist du Hanna Beckmann?« Die Bedienung in dem Dirndl lächelte sie an. Als Hanna nickte, deutete die Frau in eine Ecke. »Euer Tisch ist da drüben.«

Schnell setzte sich Hanna auf einen Stuhl, von dem sie direkt auf das üppige Buffet sehen konnte. Sollte sie erst einen Orangensaft trinken und ein Nutella-Brötchen und dann die Pancakes mit Honig essen oder erst eine heiße Schokolade und dann die Pancakes und zum Schluss das Nutella-Brötchen?

»Ist bei Ihnen noch frei, Fräulein Beckmann?«

Ihr Vater stand neben ihr. Er roch angenehm nach seiner Minz-Rasiercreme. Erst jetzt bemerkte sie auf dem Tisch das handgemalte Schild, auf dem Familie Hanna Beckmann stand.

»Aber sicher, mein Herr!«, antwortete sie und deutete mit einer übertriebenen Geste, von der sie hoffte, dass sie erwachsen wirkte, auf den Stuhl gegenüber.

»Papa, wieso steht denn da mein Name und nicht deiner?«

»Ich glaube ja fast, unser Zimmer ist auf deinen Namen gebucht.« Er zwinkerte ihr zu. »Ich bin dieses Wochenende nämlich dein Gast – und du darfst entscheiden, was wir machen!«

»Au ja!« Hanna strahlte. »Und jetzt will ich Pancakes!«

Gleich nach dem Frühstück brachen sie zur Wanderung auf. Hanna hatte sich sehr auf die Tage in den Bergen gefreut. Sie liebte den Schnee und war schon lange nicht mehr Schlitten gefahren. Aber vor allem hatte sie sich gefreut, endlich wieder Zeit mit ihrem Vater zu verbringen.

In den letzten Monaten hatte sie ihn nur selten gesehen. Er müsse so viel arbeiten, hatte ihre Mutter immer wieder erklärt. Hanna war sich nicht sicher, ob das wirklich der Grund war. Sie telefonierten jede Woche, aber statt wie früher Witze zu machen, erkundigte sich Nicholas meistens nur nach der Schule. Er hörte nicht richtig zu, und seine Stimme klang anders, abwesend.

Als Hanna wissen wollte, was mit ihrem Vater los war, seufzte ihre Mutter nur. »Du bist noch zu jung, um das zu verstehen.«

Sie wusste nicht mehr, wie oft Mama diesen Satz gesagt hatte, seit ihre Eltern sich getrennt hatten. Es war schlimm, dass ihre Mutter und ihr Vater nicht mehr zusammenlebten. Fast noch schlimmer war es jedoch, dass sie mit ihnen nicht darüber reden konnte. Sie hatte es satt, nicht ernst genommen zu werden. Immerhin war sie schon zwölf und ging aufs Gymnasium. Sie hatte sogar schon mit ihrer besten Freundin darüber gesprochen, welche Jungs aus der Klasse ihnen gefielen. Und welche total peinlich waren.

Was also sollte sie da bitte nicht verstehen?

Auch ihr Vater hatte nur knapp geantwortet, als sie ihn vorige Woche am Telefon danach gefragt hatte.

»Mir geht’s schon wieder viel besser.«

Dann machte er eine Pause. Hanna hatte das Gefühl, dass ihm gerade etwas eingefallen war.

»Aber sag mal, wollen wir nicht mal zusammen wegfahren? In die Berge zum Beispiel?«

Jetzt sah sie zu Nicholas, der ein paar Meter vor ihr durch den Schnee stapfte. Die Sonne schien durch die Bäume, und Hannas Backen hatten sich vor Anstrengung und Aufregung rot gefärbt. Sie war einfach nur froh, dass sie zusammen hier waren.

»Papa, jetzt geht’s dir aber wieder besser, oder?«

Er schien sie nicht zu hören.

Hanna bückte sich und griff in den Schnee.

»Hey!«

Ihr Vater drehte sich um. Der Schneeball klatschte ihm mitten ins Gesicht. Hanna lachte kieksend mit ihrer hellen Mädchenstimme und warf gleich noch einen Schneeball. »Nimm das, du pupsender Oger!« Diesmal verfehlte sie ihr Ziel.

»Der Oger wird’s dir gleich zeigen!«

Sie rannte kreischend davon, ihr brauner Zopf flog wild von links nach rechts.

***

»Du bist dran!«

Hanna legte ihre Karten auf das Spielbrett und sah ihn auffordernd an. Nicholas schreckte aus seinen Gedanken auf und versuchte, so zu tun, als hätte er nur über seinen nächsten Zug nachgedacht.

»Hm, nicht schlecht. Aber wie findest du das hier? Ich bekomme zehntausend!«

Er legte zwei Karten auf einen Stapel und nahm sich dafür mehrere Scheine Spielgeld.

Hanna lachte nur kurz auf. »Davon kannst du mir ja später ein Eis kaufen.«

Sie grübelte über ihren nächsten Zug nach. Wie immer, wenn sie sich besonders anstrengte, streckte sie, ohne es zu merken, ihre Zunge leicht aus dem Mund. Nicholas wollte sie damit aufziehen, wie er es schon so oft gemacht hatte, als sein Blick durch das Fenster in ihrem Hotelzimmer auf ein neues, sehr großes Haus fiel, das weiter oben am Hang stand. Es war viel zu protzig für diese Gegend und hätte eher in einen neureichen Vorort gepasst als in ein Bergdorf. Eine riesige Hecke schirmte das Grundstück gegen neugierige Blicke ab. Gerade fuhr eine schwarze Mercedes S-Klasse durch das überdimensionierte Tor, das von zwei kitschigen weißen Säulen im pseudoantiken Stil flankiert wurde.

Das Auto sah genauso aus wie die Limousinen, die gestern Abend auf dem Parkplatz gestanden hatten. Ein paar Männer in dunklen Anzügen stiegen aus und gingen zum Eingang. Ein Mann, der eleganter gekleidet war als die anderen, unterhielt sich mit einer blonden Frau in einer schmal geschnittenen, glänzenden Daunenjacke, unter der sie ein kurzes Kleid trug, dazu kniehohe Lederstiefel.

Das Gesicht dieses Mannes kam Nicholas bekannt vor. Aber weil es schon dämmerte, konnte er seine Züge nicht genau erkennen.

Wo hatte er ihn nur schon mal gesehen?

Er stand auf. »Ich muss kurz was fragen wegen unseres Ausflugs morgen. Ich bin gleich wieder da.«

Hanna nickte nur, dann starrte sie wieder auf ihre Karten.

Nicholas ging hinunter in die Eingangshalle.

Statt der etwas grantelnden, aber im Grunde herzlichen Witwe saß heute eine junge Frau mit blond gefärbten Haaren am Empfang. Sie wusste sofort, was Nicholas meinte.

»Die Villa Wachenheim? Die können Sie gar nicht kennen, Herr Moor. Das Haus wurde erst letzten Sommer fertig gebaut, das ist alles ganz neu. Der Parkplatz ist noch nicht mal fertig, deshalb dürfen sie auch unseren nutzen.« Die Frau war schlank und attraktiv, aber ihr osteuropäischer Akzent wollte nicht so recht zu dem bayerischen Dirndl passen, das sie offensichtlich wie alle weiblichen Hotelangestellten tragen musste.

»Wer wohnt denn da?«, wollte Nicholas wissen.

»Das Gelände gehört angeblich einer Unternehmensgruppe aus der Schweiz. Nur der Hausmeister und seine Frau leben dort, aber es ist trotzdem oft was los. In der Villa treffen sich Mitarbeiter der Firmen.« Sie machte eine Pause und sah sich kurz um, ob ihnen jemand zuhörte. Dann beugte sie sich vor und sagte deutlich leiser: »Ich war mal für ein Catering dort. Hinter dem Haupthaus gibt es noch einen Saal für Versammlungen. Man hat von dort einen fantastischen Blick auf das Riedberger Horn.«

»Ach, das klingt ja interessant. Darf man das Gelände denn mal besichtigen?«

»Soviel ich weiß, geht das leider nicht, das ist alles nur für Firmenangehörige.« Sie lächelte und zwinkerte ihm zu: »Top secret sozusagen!«

Nicholas bedankte sich und kehrte zurück zu Hanna, die schon eine Spielkarte in der Hand hielt und ihm triumphierend entgegensah.

»Papa, jetzt mach ich dich platt!«

***

Die Drohne schwebte in vier Metern Höhe auf der Stelle. Nicholas drückte einen Knopf auf der Fernbedienung. Sofort zog der kleine weiße Multikopter erstaunlich schnell nach links, stieg in einem Bogen auf und vollführte dann mit seinen vier Rotoren über den Baumwipfeln einen Looping.

»Wow, das ist ja stark!« Hanna war begeistert.

Auch Nicholas war beeindruckt. Lucas hatte wirklich nicht übertrieben. Das neue Modell, das ihm sein Kollege geliehen hatte, war nicht nur viel kleiner und leiser, sondern auch einfacher zu bedienen als seine alte Drohne. Selbst ein Anfänger wie Nicholas konnte jetzt erstaunliche Manöver ausführen.

Erst hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt, als er den Multikopter ausgepackt hatte. Schließlich hätte er an diesem Sonntag, ihrem letzten gemeinsamen Tag, auch mit Hanna einfach nur Schlitten fahren können. Aber als sie die Drohne gesehen hatte, war Hanna genauso wild darauf gewesen, sie auszuprobieren, wie er.

Die Zeit in Balderschwang war rasend schnell vergangen. Nicholas hatte sich seit Wochen nicht mehr so gut gefühlt und kaum noch an die Dämonen gedacht, die ihn schon so lange verfolgten – obwohl er seine Medikamente zu Hause vergessen hatte. Aber Hannas Nähe tat ihm gut, und er war erleichtert, dass es ihr auch zu gefallen schien, nach all den Monaten, in denen er sie vernachlässigt hatte. Nur ein paar Stunden noch, dann würden sie leider schon heimfahren müssen.

Er drückte die Aufnahmetaste der Fernbedienung.

»Lächle, Hanna, du wirst gefilmt!«

Sie setzte ein großes Grinsen auf, stieg auf einen vermoderten Baumstamm, der auf der schneebedeckten Wiese lag, und warf sich theatralisch wie eine Ballerina mit abgespreizten Armen in Pose. Ihre blauen Augen strahlten.

Die Drohne streamte das Video direkt auf Nicholas’ Handy.

»Willst du sie mal fliegen?«, fragte Nicholas.

Natürlich wollte Hanna. Ihre Backen waren wieder ganz rot vor Aufregung. Er erklärte ihr schnell die wichtigsten Funktionen, und schon bald steuerte sie die Drohne allein. Erst etwas unbeholfen, dann aber immer sicherer ließ sie den Multikopter durch die Luft schweben. Übermütig vollführte sie Loopings und Kreisel.

Nicholas nahm sein Smartphone und schickte das kurze Video, das sie eben aufgenommen hatten, an Lucas. Sein Kollege antwortete schon nach ein paar Sekunden mit einem Smiley.

Nicholas überlegte kurz, dann schickte er das Video auch an Sandra. Ihre Antwort kam einige Minuten später. Ein hochgereckter Daumen.

Immerhin.

»Papa, schau mal, wie weit die fliegen kann!«

Er hatte ganz vergessen, auf Hanna zu achten. Sie hatte die Drohne über das Waldstück hinaus den Berg hoch gesteuert – ein weißer Punkt in der Ferne, kaum noch zu erkennen.

***

Das Treffen dauerte jetzt schon viel länger, als Markus Hartwig geplant hatte. Er hasste es, wenn so viel unnötiges Zeug geredet wurde. Angespannt saß er an seinem Tisch im Konferenzraum, einer umgebauten alten Scheune. Die Wand hinter ihm war bis auf ein paar Holzpfeiler fast vollständig verglast. Wenn er sich umdrehte, konnte er einen atemberaubenden Blick auf das verschneite Alpenpanorama werfen. Doch die Schönheit der Natur ließ ihn gerade völlig kalt.

Dieser abgeschiedene Ort war der ideale Platz für ihre geheime Tagung, von der nur wenige Mitglieder der Volkspartei etwas wussten. Hier konnten sie völlig ungestört über seine Pläne reden, die das Schicksal Deutschlands für immer verändern würden, da war er sich sicher.

Im Raum waren in einem großen Oval schmale Holztische aufgestellt, an denen die dreißig wichtigsten Parteimitglieder Platz genommen hatten. Früher hatten sich bei diesen Konferenzen vor allem alte Männer in gestreiften Hemden mit beigen Krawatten, schlecht sitzenden Anzügen oder Trachtenjankern und Jägerhüten getroffen. Aber das hatte sich geändert. Jetzt saßen auch jüngere Frauen in der Runde, von denen einige ihre teuren Handtaschen neben sich abgestellt hatten und auf goldfarbenen Smartphones tippten. Die offiziellen Vertreter der Parteijugend trugen demonstrativ Hoodies mit dem Parteilogo und Sneaker, und ihre langen Hipsterbärte glänzten frisch gewachst.

Die Volkspartei hatte sich in den letzten Jahren verjüngt, das war auch Hartwigs Verdienst. Er hatte die richtigen Leute dazugeholt, die wussten, wie man Facebook, Twitter, Instagram, TikTok, WhatsApp und YouTube einsetzen musste, um seine Botschaft zu verbreiten und die Jüngeren zu erreichen.

Alle paar Sekunden leuchtete das Display seines Smartphones auf, wenn wieder eine neue Nachricht eintraf. Meistens las er nur den Betreff. Den Ton und den Vibrationsmodus seines Handys hatte er ausgeschaltet, um niemanden zu stören.

Zu Beginn seiner Karriere hatten viele in der Partei seine Höflichkeit und seine guten Manieren für eine Schwäche gehalten. Jahrzehntelang hatten hemdsärmelige Anführer die Partei beherrscht. Bei Wahlkampfauftritten brüllten sie zwei Stunden lang über leere Marktplätze, und ihre Untergebenen kommandierten sie gerne lautstark herum, wie sie das früher in der Armee gemacht hatten. Es waren Männer fürs Grobe gewesen, die viel schwitzten, fettes Fleisch aßen und bei den Burschenschaften nicht nur gelernt hatten, literweise Bier zu trinken, sondern auch, wie man mit den richtigen Seilschaften nach oben kam.

Hartwig war anders. Mit seinem immer braun gebrannten, glattrasierten Sonnyboy-Gesicht sah er deutlich jünger aus als seine fünfundvierzig Jahre. Nur wer genau hinschaute, konnte auf seinem dunkelblonden Schopf die ersten weißen Haare erkennen. Seine Anzüge waren schmal geschnitten, dazu trug er enge Hemden. Um fit zu bleiben, ging er regelmäßig joggen und verzichtete auf Bier. In den Maßkrügen, die er bei seinen Auftritten in Bierzelten gern demonstrativ in die Luft hob, war immer Apfelschorle, was nur enge Mitarbeiter wussten.

Er brauchte keinen Alkohol, um sich zu berauschen, dafür umso mehr den Applaus seiner Zuhörer und die Erregung der sozialen Medien. Jedes Like, das er und seine Partei bekamen, füllte seinen Endorphin-Speicher weiter auf. Jede Kritik seiner Gegner stachelte ihn an. Das Einzige, was er nicht vertrug, war, wenn nichts passierte. Aber es war schon lange her, dass sie ignoriert wurden.

Hartwig war erst am Vorabend mit seinen engsten Vertrauten nach Balderschwang gekommen, der Rest der Parteispitze hatte schon seit zwei Tagen in der Villa Wachenheim konferiert. Am liebsten hätte er seinen Wahlkampf gar nicht unterbrochen, aber das ging natürlich nicht. Sie mussten schließlich die Strategie für den Endspurt des Wahlkampfs und für die Zeit nach dem Wahlsieg festlegen. Einige ihrer revolutionären Ideen waren im Vorstand der Partei schon durchgesickert, und sie hatten Mühe gehabt, die Gerüchte wieder zu zerstreuen.

Dass er die Bundestagswahl gewinnen würde, da war sich Hartwig ganz sicher. Es lief noch besser, als er gehofft hatte, seine Gegner griffen bereitwillig seine Themen auf, jeden Tag trieb er sie mit seinen Vorschlägen vor sich her. Aber vor allem liebten ihn die Medien. Auch wenn es sich die meisten Journalisten nie eingestanden hätten, ließen sie sich doch begierig auf seine Provokationen ein, denn er war eine unaufhaltsame Like- und Klickmaschine. Jeden Tweet von ihm, jeden Retweet, jedes Like, jeden Anruf in einer Radiosendung, jedes Fernsehinterview verbreiteten sie mit dem Eifer pflichtbewusster Chronisten. Denn immer gab es entgeisterte und begeisterte Reaktionen, und darauf wieder Gegenreaktionen und Gegengegenreaktionen, und die heiße Luft, die dabei entstand, trieb die Webseiten, Zeitungen, YouTube- und Social-Media-Kanäle der Medienhäuser und Internetkonzerne wie eine gigantische Dampfturbine an – und damit auch seinen Wahlkampf. Mit ihrer Empörung sorgten seine Feinde erst recht dafür, dass seine Botschaften überall verbreitet wurden.

Und dabei war es doch noch gar nicht richtig losgegangen. Er hatte noch ein paar Trümpfe in der Hinterhand, mit denen seine Gegner nicht rechneten. Mit denen niemand rechnete.

Hartwig schob seinen schmalen Diplomatenkoffer zur Seite und breitete vor sich auf dem Tisch die Moderationskarten mit den Stichwörtern für seinen Vortrag aus. Er las sie noch einmal konzentriert durch, bis ihn eine Stimme aus seinen Vorbereitungen riss.

»Und ich freue mich, dass unser Kanzlerkandidat trotz des strapaziösen Wahlkampfs extra gekommen ist, um uns seine Strategie ›Sieg 3.0‹ vorzustellen. Er wird uns zeigen, wie wir das Regime der Altparteien endlich loswerden.«

Georg Rotten, die Nummer zwei der Partei, hatte seinen Vortrag endlich beendet. Aus seiner runden Nickelbrille blinzelte er mit seinen wässrigen blauen Augen in Hartwigs Richtung, auf seinem Glatzkopf glänzte der Schweiß. Wie üblich hatte Rotten mit seiner Rede nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst. Das lag nicht nur an seiner monotonen Stimme mit dem schwäbischen Akzent und daran, dass er etwas lispelte. Seine Vorträge klangen, als würde ein Sprechautomat Phrasen aneinanderreihen. Seine fehlende Fähigkeit, andere mitzureißen, versuchte er durch wüste Beschimpfungen der politischen Gegner zu kompensieren.

Rotten bat Hartwig nach vorn. Die dreißig Männer und Frauen klatschten erwartungsvoll. Während Hartwig aufstand und betont langsam und aufrecht in die Mitte des Raumes ging, als hätte er einen Stock verschluckt, schaltete sich schon der Beamer ein und projizierte das Parteilogo an die Wand.

»Danke, lieber Georg, vielen Dank!«

Hartwig macht eine Kunstpause, um sich der Aufmerksamkeit seiner Zuschauer zu vergewissern. Er sah ans andere Ende des Saals, wo auf einer kleinen gepolsterten Holzbank ein großer Mann saß, der aufmerksam zuhörte, aber nicht richtig dazuzugehören schien. Dann machte er einen Schritt auf seine Parteikollegen zu und lächelte verschwörerisch.

»Was ihr jetzt sehen werdet, liebe Kameradinnen und Kameraden, das muss unbedingt unter uns bleiben. Deshalb müssen wir euch bitten, für die Dauer dieser Präsentation alle Handys abzugeben. Marianna wird sich jetzt darum kümmern.«

Eine attraktive blonde Frau im schwarzen Kostüm ging durch die Reihen, sammelte von allen Teilnehmern die Mobiltelefone ein und legte sie in eine kleine, abschließbare Metallkiste.

»Danke für euer Verständnis!«, sagte Hartwig. »Ihr werdet gleich sehen, wieso wir diesmal ganz besonders viel Wert auf Diskretion legen.«

Er drückte auf den Knopf der winzigen Fernbedienung, die er in der Hand hielt. Die erste Folie der Präsentation tauchte auf. Ein Raunen ging durch den Saal. Ein paar Parteimitglieder stießen Laute des Erstaunens aus, andere sahen einander ungläubig an oder glotzten einfach nur mit aufgerissenem Mund. Nur wenige schüttelten den Kopf.

Hartwig lächelte. Genau so eine Reaktion hatte er erwartet.

***

»Papa, Hilfe!«

Die Rotoren heulten auf, die Drohne machte einen wilden Satz nach vorn und beschleunigte. Aus der Fernbedienung kam ein schriller Warnton.

Hanna hatte nicht aufgepasst und war auf die falsche Taste gekommen. Hektisch drückte sie mit ihren kleinen Fingern auf der Steuerung herum, um das Fluggerät wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Nicholas sprang zu seiner Tochter und griff nach der Fernbedienung, aber sie rutschte ihm aus der Hand. Die Drohne flog mit hoher Geschwindigkeit auf eine riesige Tanne zu. Der Warnton wurde immer lauter.

Nicholas bereitete sich auf den Knall vor, der jetzt kommen musste. Er hatte schon das wütende Gesicht seines Kollegen Lucas vor Augen, dessen neues Spielzeug sie gerade zerstörten.

Aber es passierte nichts. Die Drohne war unvermittelt in der Luft stehen geblieben, nur wenige Zentimeter vor den mächtigen Ästen.

Nicholas seufzte erleichtert auf. Er hatte ganz vergessen, dass in diesem Modell Sensoren steckten, die selbstständig Kollisionen vermieden. Ein Hoch auf die Technik!

Hanna weinte, ob vor Angst oder Erleichterung wusste sie wahrscheinlich selbst nicht. Nicholas nahm sie tröstend in den Arm.

»Es ist doch nichts passiert, mein Schatz.«

Er hob die Fernbedienung aus dem Schnee und schaltete den nervigen Warnton aus. Der Bildschirm zeigte die protzige Villa Wachenheim. Hanna hatte aus Versehen das leistungsstarke Zoom-Objektiv der Drohne eingeschaltet, die offenbar nicht weit von dem Haus entfernt in der Luft schwebte.

Hinter der Villa stand ein älteres Holzgebäude, womöglich eine umgebaute Scheune. Das musste der Tagungssaal sein, von dem die Frau an der Rezeption des Hotels gesprochen hatte. Man konnte erkennen, dass dort zwanzig, dreißig Menschen an Tischen saßen und offenbar einem Vortrag zuhörten.

Nicholas zoomte näher. In der Mitte des Raumes stand ein Mann und präsentierte etwas. Nicholas versuchte, das verschwommene Bild noch stärker zu vergrößern, aber mehr ging nicht.

Er blickte auf die Uhr und überlegte. Sie hatten schon viel mehr Zeit mit der Drohne verbracht als geplant. Wenn er Hanna heute Abend pünktlich wieder zu Sandra bringen wollte, mussten sie jetzt zurückfahren. Aber er war auch sehr neugierig.

Was war das für eine Gruppe, die in der Villa Wachenheim tagte?

»Komm mit!«

Er gab Hanna das Zeichen, ihm zu folgen, und zusammen kämpften sie sich durch den Schnee den Berg hoch, der Drohne hinterher. Sie durchquerten ein kleines Waldstück, dann kamen sie wieder auf schneebedeckte Wiesen, auf denen im Sommer die Kühe grasten. Dahinter lag die Villa.

Sie blieben am Waldrand stehen, die Drohne schwebte dreihundert Meter entfernt vor ihnen.

Nicholas drückte den Steuerhebel und flog sie vorsichtig näher an das Grundstück heran. Ihm fiel ein, dass Lucas stolz eine Funktion erwähnt hatte, mit der man für Aufnahmen die Fluggeräusche reduzieren konnte. Er suchte etwas in den Menüs der Steuerung, dann fand er den Befehl. Es funktionierte, die Drohne flog jetzt zwar viel langsamer und ließ sich schwieriger lenken, aber man hörte ihre Motoren kaum noch.

Nicholas sah einen hohen Baum, der ziemlich nah an der Villa stand, und visierte ihn an. Als die Drohne unter dem kahlen Geäst schwebte, betätigte Nicholas wieder den Zoom. Nun konnte er direkt in den Tagungsraum filmen. Jetzt erkannte er auch den Mann, der den Vortrag hielt.

Es war Markus Hartwig, der Spitzenkandidat der Volkspartei.

Nicholas traute seinen Augen kaum. Tingelte Hartwig nicht gerade von einem Auftritt zum anderen und beschimpfte seine politischen Gegner als Volksverräter? Was machte der hier draußen in den Bergen? Der Mann mobilisierte inzwischen regelmäßig Tausende von Menschen, wieso sollte er vor ein paar Dutzend Zuhörern sprechen? Es sei denn …

Langsam drehte er die Drohne und schwenkte das Objektiv, um auch die anderen Teilnehmer zu filmen. Auf dem Display tauchte ein anderes bekanntes Gesicht auf. Georg Rotten, die Nummer zwei der Volkspartei. Natürlich. Und Marianna Tretskow, Hartwigs Büroleiterin. Offensichtlich war hier die ganze Führungsriege der Volkspartei versammelt.

Was würde er jetzt geben, um zu hören, was in dem Saal besprochen wurde. Aber für Tonaufnahmen war die Drohne viel zu weit weg.

Leider konnte er auch die Leinwand mit der Präsentation kaum erkennen, dafür flog der Multikopter zu hoch, und der Winkel war zu steil. Noch einmal versuchte er, näher heranzuzoomen, aber die Kamera filmte nur einen der Tische, auf dem lauter Karteikarten lagen.

Die Fernbedienung piepste wieder laut. Der Akku der Drohne war fast leer. Kein Wunder, bei diesen kalten Temperaturen hielt die Batterie nicht lange durch.

Nicholas fluchte leise, aber es half nichts. Er musste die Drohne weiterfliegen lassen, wenn er auch den Vortrag aufnehmen wollte. Für ein paar Minuten würde der Strom hoffentlich noch reichen.

Langsam ließ Nicholas die Drohne etwas tiefer sinken, um ein besseres Bild zu bekommen.

***

Thoma stand mit verschränkten Armen in einer Ecke und starrte mit ausdrucksloser Miene in den Raum. Die Präsentation von Hartwig nahm er gar nicht wahr. Er interessierte sich nicht für Politik, er hörte höchstens die Nachrichten im Radio, wenn er seine Chefs in der Limousine chauffierte. Manchmal überflog er auch im Internet ein paar Schlagzeilen, aber sobald er sie gelesen hatte, vergaß er sie gleich, so wie er versuchte, seine Aufträge zu vergessen, wenn er sie erledigt hatte.

Thomas Blick fiel auf den groß gewachsenen Mann, der wirkte wie ein Manager und ihm gegenüber an der Glasfront Platz genommen hatte. Er hatte schon den ganzen Tag dort gesessen, wirkte aber immer noch sehr konzentriert. Nur manchmal war er zum Telefonieren kurz rausgegangen. Hartwigs Vortrag schien ihm allerdings nicht besonders zu gefallen. Thoma fiel auf, dass er immer wieder seine schmalen Lippen verzog.

Plötzlich bewegte sich etwas hinter der Glasfront. Ein weißes Objekt sank langsam von oben herab, wie eine überdimensionale Spinne, die sich abseilte. Nur, dass es keinen Faden gab. Thoma kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.

Es war eine Drohne. Verdammt.

Unauffällig knöpfte er sein Jackett auf und berührte den durchsichtigen Knopf, den er im rechten Ohr trug.

»An alle: Vor dem Fenster ist eine Drohne! Sofort schnappen. Aber bitte unauffällig.«

In einem Nebenzimmer erhoben sich mehrere muskulöse Männer in schwarzen Anzügen von ihren Stühlen.

3

Hanna entdeckte sie zuerst.

»Schau mal, da kommen zwei!«

An der linken Seite des Konferenzgebäudes liefen zwei Männer in schwarzen Anzügen über den Schnee. Sie schauten suchend in den Himmel. Einer trug in der Hand ein Netz, das wie ein Kescher aussah, mit dem man den Pool reinigte.

Gleichzeitig senkten sich in dem Saal die Rollläden.

»Mist, die haben unsere Drohne entdeckt«, sagte Nicholas.

Er blickte auf das Display, das jetzt nur noch die geschlossenen grauen Rollos zeigte, und gab der Drohne den Befehl zu steigen. Als er versuchte, die Kamera auf die beiden Kerle auszurichten, stieß Hanna wieder einen Schrei aus.

»Da sind noch welche!«

Auf der rechten Seite des Gebäudes erschienen weitere Männer in Anzügen. Ein großer stieß mit einer langen Eisenstange nach der Drohne, auch der Mann mit dem Netz versuchte, sie zu erreichen, aber sie flog schon zu hoch. Ein Glatzkopf, der sich ans Ohr fasste, sah sich in der Gegend um. Er suchte offensichtlich den Piloten der Drohne.

Nicholas hoffte, dass sie Hanna und ihn aus dieser Entfernung nicht erkennen konnten, aber sicher war er sich nicht.

»Komm, wir verschwinden.«

Nicholas schaltete die Drohne auf Autopilot, dann packte er die Hand seiner Tochter. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie durch den Wald rannten.

»Was passiert denn mit der Drohne?«, fragte Hanna schnaufend nach einigen Metern. In ihren dicken Winterstiefeln konnte sie nur schlecht rennen.

»Die folgt uns automatisch.«

Nicholas drehte sich um, um zu sehen, ob es wirklich stimmte, was er gerade gesagt hatte. Die Drohne flog tatsächlich in ihre Richtung. Der Mann mit der Stange warf nach ihr, verfehlte sie aber.

Sie rannten weiter. Nicholas’ Puls hämmerte. Er hörte Hanna keuchen, die kaum noch hinterherkam.

Plötzlich peitschte ein Schuss durch das Tal, ein Geräusch, wie es Nicholas schon lange nicht mehr gehört hatte.

»Papa!«, schrie Hanna. Sie fiel zu Boden.

»Hanna! Nein!«

Instinktiv warf er sich auf seine Tochter, um sie mit seinem Körper zu schützen. So ist das also, wenn auf einen geschossen wird, dachte er.

Hanna zitterte, aber nur vor Schreck. Sie war nur über eine Wurzel gestolpert. Trotzdem blieb sie mit dem Gesicht im Schnee liegen und heulte wie das kleine Mädchen, das sie war.

Er hielt ihr vorsichtig den Mund zu und flüsterte. »Pst, sie dürfen uns nicht hören.«

Es knallte wieder. Aber nirgends spritzte der Schnee auf.

Für einen Moment verspürte er so etwas wie Erleichterung: Sie schossen nicht auf sie, sie schossen auf die Drohne. Aber wer wusste schon, ob das so bleiben würde?

Nicholas rappelte sich auf und sah entsetzt, wie der weiße Punkt in ihre Richtung flog. Vier Männer spurteten hinterher, genau auf sie zu.

Es war keine besonders schlaue Idee gewesen, die Drohne ihnen folgen zu lassen. Sie brachte die Männer auf ihre Spur. Hanna lief, so schnell sie konnte, aber sie war erst zwölf Jahre alt. Die Männer würden sie bald einholen. Er musste etwas unternehmen.

»Lauf schon mal vor bis zu unserem Schlitten, ich komme gleich nach.«

»Aber Papa, ich will nicht allein …«, protestierte Hanna.

»Mach schon! Renn einfach den Weg entlang. Und an der Abzweigung bei der Bank gehst du nach links. Genau, wie wir gekommen sind.«

Er tupfte mit einem Taschentuch ihre verweinten Augen ab und wischte ihr etwas Schnee von der Jeans.

»Das ist ganz einfach. Der Schlitten steht dann ein paar hundert Meter weiter an dem großen Baum. Warte dort auf mich. Ich bin gleich da.«

Hanna presste die Lippen aufeinander, damit sie nicht wieder weinen musste. Dann nickte sie und rannte los. Nicholas sah, wie seine Tochter den verschneiten Weg hinunterlief und hinter einer Biegung verschwand.

***

Diesmal blickte sich Hanna nicht um. Sie schaute nach vorn, dorthin, wo der Wald sich lichtete. Da musste sie hin. Eigentlich machte ihr Rennen Spaß, sie ging manchmal sogar mit ihrer Mutter joggen, und einmal hatte sie sogar mit ihrer Klasse an einem Mini-Marathon teilgenommen, bei dem sie Spenden für Kranke gesammelt hatten.

Doch das hier war anders. Sie war allein, ganz allein. Und sie hatte furchtbare Angst. Wer waren diese Männer, die plötzlich aufgetaucht waren, und was wollten sie? Es konnte nichts Gutes sein.

Sie warf ihre kurzen Beine nach vorn und lief, so schnell sie mit den Winterstiefeln konnte, aus dem Wald auf einen Feldweg. Rechts und links türmte sich meterhoch der Schnee. An einer Abzweigung blieb sie kurz stehen.

Wo musste sie hin? Zu der Bank? Wo war die nur? Vielleicht unter diesem Schneehaufen? Aber war das überhaupt die richtige Stelle? Als sie vorhin hier entlanggegangen waren, hatte sie nur auf die Drohne geachtet.

Nach links führten Fußabdrücke einen schmalen Pfad entlang. Dorthin rannte sie. Der Weg schlängelte sich zwischen zwei Feldern entlang, aber je weiter sie kam, desto dichter wurde der Schnee, ihre Stiefel sackten immer tiefer ein. Hanna stolperte und fiel hin. Zum Glück dämpfte der Schnee ihren Sturz, sodass sie weich landete. Als sie sich wieder aufrappelte, bemerkte sie den silbernen Gegenstand auf dem Boden, der kaum größer als eine Zigarettenpackung war. Er musste ihr aus der Tasche gefallen sein, beinahe hätte sie ihn übersehen. Hastig steckte sie ihn wieder ein.

War sie wirklich richtig? Sie drehte sich um. Niemand war zu sehen, auch ihr Vater nicht. Was, wenn jetzt die Männer kamen?

Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf, Tränen stiegen in ihr auf. Doch dann dachte sie an ihre Freunde. Was, wenn die sie so sehen könnten? Wenn sie kein kleines Mädchen mehr sein wollte, dann musste sie sich zusammenreißen.