Die letzte WG von Prenzlauer Berg - Andreas  Spider Krenzke - E-Book

Die letzte WG von Prenzlauer Berg E-Book

Andreas Spider Krenzke

4,7

Beschreibung

Spider, der Lesebühnenautor mit der unnachahmlich-eigenwilligen Art, unsere Gesellschaft zu betrachten und zu kommentieren, ist bekannt für seine hochoriginellen Einfälle, für treffende Sozialkritik und scharfzüngige Satire. Spider hat einen neuen Band seiner unverwechselbaren Kurzgeschichten zusammengestellt. Wer wissen möchte, was es mit der "letzten WG von Prenzlauer Berg" auf sich hat oder wie man in ebenjenem Stadtteil Kindergeburtstage feiert; wer mehr darüber erfahren will, was er bei seinem Aufenthalt unter dem Meeresspiegel erlebte oder wie das war, als er endlich Deutscher wurde, der lese sein neues Buch. Diese und viele andere seiner lakonischen, pointierten und humorvollen Geschichten sind darin zu finden. Und über Ostern mit Frau und Kindern gibt es sogar eine Schauergeschichte.

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Verlag Voland & Quist, Dresden und Leipzig, 2014

© by Verlag Voland & Quist OHG

Korrektorat: Annegret Schenkel, Leipzig

Umschlaggestaltung: HawaiiF3, Leipzig

Satz: Fred Uhde, Leipzig

E-Book: eScriptum, Berlin

ISBN: 978-3-86391-106-5

www.voland-quist.de

Inhalt

Joghurt in der EiszeitMeine VorfahrenDer BettlerKindergeburtstag in Prenzlauer BergDick und doof auf UsedomKevin, das Reh aus dem WaldRonny und der MuezzinDas SeminarNach HohenschönhausenGeiler als JohanniskrautDie violette FrauAtomausstieg selber machenFamily Saturday BurnoutDurst in der SchweizAltägyptische TrivialliteraturBlack MusicDie WunschfeeTropentagebuch 1: Unter Nonnen über den WolkenMein BrotTauschstationDie letzte WG von Prenzlauer BergVom Fischer und seiner Frau – Die FortsetzungDie Schnapsidee oder Spuren im SchneeEs-Eh-IxMorgens vor der Wald-KitaTropentagebuch 2: Mein erster Tauch120000 EuroDie TürBayernAuf dem GerüstTopflappenTropentagebuch 3: Friedrich EngelsIm StadtkindergartenAls Künstler in der ProvinzKlassentreffenSushi, kleine Kulturgeschichte desMeine Frau, unsere Gruppe, die Gesellschaft und ichTropentagebuch 4: Der FerienjobKündigung, FrauShampoo und LotionZurück zur NaturDie letzte Geschichte

Joghurt in der Eiszeit

Dieser Konsum wird uns alle in den Wahnsinn treiben. Bei mir ist es schon so weit. Ich bin total mit den Nerven runter.

»Bring doch Joghurt für die Kinder mit«, sagte sie. Und ich Narr antwortete: »Mach ich.« Ich kaufe sonst nie Joghurt, habe ich noch nie gemacht. Aber Nahrungsbeschaffung ist nun mal des Mannes Bürde. Steht so in unseren Zellkernen. Ein genetisches Erbe aus der Eiszeit. Das steht so in einem Buch, hat mir mal wer erzählt. Jetzt stehe ich da. Ich Paläo-Männchen. Vorm Kühlregal. Es gibt so viele Sorten. Die in der ersten Regalreihe, die in der zweiten Regalreihe, die in der dritten Regalreihe, die in der vierten Regalreihe, die unten in diesem breiten Fach. Ich fühle mich wie einer, der sich nicht entscheiden kann, ob er auf null reizen soll oder lieber passen und auf Ramsch hoffen. Ich würde jetzt gern ein bisschen weinen. So muss sich eine Frau im Baumarkt fühlen, wenn der Mann gesagt hat: »Bring doch ein paar Bohrer mit.« Ich bin überfordert. Das gebe ich gern zu. Meine Offenheit macht mich ja so sympathisch, alle finden das, denke ich oft. Gerade als Mann. Ich kann sowas zugeben. »Ich würde jetzt gern ein bisschen weinen«, sage ich zu dem Typen neben mir. Aber er hat Kopfhörer auf in der Größe von halbierten Honigmelonen. Das sieht ulkig aus, aber er versucht damit seiner Freundin subtil mitzuteilen, dass er meint, sie solle ihre Brüste vergrößern lassen. Er hört mich nicht.

Wenn ich einfach beobachte, was er kauft, und dann das Gleiche nehme? Ein Freund von mir war mal in Japan und wollte dort Punk-CDs erwerben, also beobachtete er japanische Punks dabei, was die kauften, und nahm das Gleiche.

Hoffentlich ist hier in der Kaufhalle das Gleiche dann noch da und der Typ mit den Porno-Körbchen auf den Ohren hat nicht die letzten Exemplare genommen. Sonst müsste ich ihm diese heimlich aus dem Wagen stehlen.

Das ist mir schon einmal passiert, dass mir in der Kassenschlange auffiel, ich hatte Eier vergessen. Glücklicherweise hatte der Schwabe hinter mir eine Packung Eier in seinem Wagen. Die habe ich mir einfach genommen, als er nicht hingeguckt hat, wegen Werbung für Schnaps. Als er dann seinen Krempel auf das Kassenband legte, hörte ich ihn murmeln: »Die Eier? Hab ich die Eier vergessen?« Er rannte in die Halle zurück und ließ seinen Einkaufswagen in der Reihe stehen. »Ach, ich hab Kartoffeln vergessen«, sagte jemand, der hinter ihm stand, und nahm die Kartoffeln aus dem herrenlosen Wagen. »Huch, ich brauch ja noch Fisch«, erinnerte sich eine Oma und griff zu. Aber sie legte ihm dafür auch etwas aufs Kassenband, Katzenfutter nämlich.

Als der Schwabe zurückkam, hatte er eine Packung Milch in der Hand. Er kratzte sich am Kopf, blickte in seinen Einkaufswagen und auf das Förderband. »Dieser Konsum wird mich noch mal in den Wahnsinn treiben, ich glaube, es ist schon so weit«, murmelte er, »ich hätte nie nach Berlin ziehen dürfen. Dieses Opfer war der Maklerjob nicht wert, trotz der Kohle. Ich hätte nie herkommen sollen«, sagte er zu sich selbst. Er ließ seinen Wagen und den Kram auf dem Band einfach stehen, ging in die Getränkeabteilung, kam mit einem Kasten Oettinger zurück und stellte sich an einer anderen Kasse an. Seitdem sitzt er jeden Tag in der kleinen Grünanlage neben der Kaufhalle. Und jetzt hat er Freunde.

Ah, endlich greift der Typ mit den Kopfhörern zu. Er nimmt einen Würfel Hefe und geht. Das hilft mir auch nicht.

Also weine ich ein bisschen. Aber sogleich versuche ich mich zu trösten. Die Menschen in den unterentwickelten Hungerzonen der Welt haben ganz andere Probleme als ich. Aber laut der Millenniumsstudie der Vereinten Nationen ist die Anzahl extrem armer Menschen weltweit um eine Milliarde zurückgegangen. Die müssen sich also zunehmend auch mit solchen Problemen herumschlagen wie ich. Außer es kommt eine Finanzkrise, so wie in Südeuropa, und rettet sie vor zu viel Luxus. Erste-Welt-Sorgen statt Dritte-Welt-Probleme.

So viele Joghurts. Manche sind ganz billig. Manche sind ganz teuer. In Joghurt gibt es mehr verschiedene Obstsorten als in der Obstabteilung. Das Schlimmste aber ist, dass die kalte Luft aus dem Kühlregal nach unten auf den Boden sinkt. Ich habe nur Flipflops an den Füßen und somit schon ganz kalte Zehen. Auch so ein Problem, dass ich schon seit der Eiszeit kenne. Ich halte das nicht länger aus. Mein Leben ist die Hölle. Mir wird auf einmal klar, wie menschenverachtend und mörderisch der Kapitalismus agiert. Also trete ich einen Schritt vom Regal zurück. Jetzt bemerke ich die entsetzten Gesichter mehrerer Menschen, die links und rechts neben mir gewartet haben, um zu gucken, was ich nehmen werde. »Wasn jetzt, nimmste gar nüscht?«, fragt einer leise und weinerlich. »Ick dachte, du bist voll der Auskenner.« Aber ich kann nur mit den Schultern zucken.

Dann habe ich doch noch eine Idee. Ich kaufe einen Kasten Bier und setze mich zu dem Schwaben in die Grünanlage. Im Laufe des Nachmittags werden wir immer mehr.

Meine Vorfahren

Neulich in der Kneipe beim Bier machte mich mein Kumpel darauf aufmerksam, dass das Universum erst ungefähr 13,75 Milliarden Jahre alt ist. Bekanntlich dehnt es sich aus. Das kann man im Alltag leicht nachprüfen. Zwar dehnen sich Lineale und Maßbänder mit dem Universum zusammen aus, aber man fühlt doch recht eindeutig, dass der Weg zur Arbeit einem jeden Morgen etwas weiter vorkommt und schwerer zu bewältigen. Oder jeden Abend der Heimweg von der Kneipe. Auch dass Fahrkarten, sowohl im Nah- als auch im Fernverkehr sowie Flugtickets jedes Jahr teurer werden, ist ein eindeutiges Indiz dafür. Dehnt sich das Universum mit Lichtgeschwindigkeit aus, dürfte es also höchstens einen Radius von 13,75 Milliarden Lichtjahren haben. Wenn es sich langsamer ausdehnt, dann ist es natürlich kleiner. Wie groß das Universum tatsächlich ist, weiß angeblich wieder mal keiner so genau, aber es sind mindestens 78 Milliarden Lichtjahre im Radius. Mehr als fünfmal so viel, wie eigentlich sein dürfte.

Als ich das hörte, musste ich gehörig schlucken, denn der Kellner brachte schon wieder ein neues Bier. Entweder war das Licht früher schneller oder die Zeit lief langsamer, sodass die Welt rechtzeitig ihre heutige Größe erreichen konnte. Wahrscheinlich sind es raumzeitliche Effekte, die sich erst ab einer gewissen Größenordnung beobachten lassen. Wahrscheinlich dieselben Effekte, wegen denen jetzt der Großflughafen Berlin-Brandenburg nicht fertig wird.

Ich habe dann am nächsten Morgen beim Frühstück versucht, den Kindern diese Problematik zu erklären, damit sie auch in den Ferien was lernen. Klar, der Große ist erst in der zweite Klasse, da muss er das Ganze eigentlich noch nicht verstehen, aber der Kleine ist Autist, von dem erwarte ich natürlich schon eine gewisse naturwissenschaftlich-mathematische Inselbegabung. Von mir aus nicht Universum und vierdimensionale Raumzeit und so, aber wenigstens die Lottozahlen sollte er irgendwann einmal voraussagen können, finde ich.

Meine Frau wollte mir das Ganze mal wieder nicht glauben. »Du willst mir doch nicht weismachen, ihr redet in der Kneipe über das Universum!« Sie glaubt tatsächlich, wir reden über Fußball, Autos und Computer.

Mir ist dann aufgefallen, dass wir die Eltern unserer Kinder sind. Und zwar hat jedes unserer Kinder eine Mama und einen Papa, also zwei Eltern, aber insgesamt sind es für alle Kinder zusammen auch bloß zwei. Gut, das ist trivial – aber jetzt kommt’s: Ich selber habe ja auch zwei Eltern. Eine Mama und einen Papa. Jeder Mensch hat die. Auch meine Eltern. Demzufolge habe ich vier Großeltern, zwei Opas und zwei Omas. Acht Urgroßeltern. 16 Ururgroßeltern. Mit jeder Generation verdoppelt sich die Anzahl meiner Ahnen. Ein exponentielles Wachstum meines Stammbaumes in die Vergangenheit hinein. Vor zehn Generationen hatte ich 1024 Vorfahren. Nimmt man einen Generationenabstand von 30 Jahren an, was realistisch ist, denn der Generationenabstand schwankt seit Beginn des 17. Jahrhunderts zwischen 25 und 35 Jahren, dann hatte ich diese 1024 Vorfahren vor 350 Jahren. Vor 380 Jahren waren es doppelt so viele. Vor 410 Jahren viermal. Vor 33 Generationen, also vor 990 Jahren, hatte ich über sieben Milliarden Urahnen. So viele wie die gesamte heutige Weltbevölkerung. Mehr Menschen gibt es nicht. Noch mehr Ahnen kann kein Mensch haben. Sehen wir also den Konsequenzen dieser Berechnung ins Antlitz! Die gesamte Menschheit kann unmöglich älter als 1000 Jahre sein!

Das Christentum ist seiner Grundlage beraubt, denn vor über 2000 Jahren, als Jesus Christus geboren worden sein soll, gab es noch keine Menschheit. Die gesamte Antike ist ein ausgemachter Humbug. Die ersten Menschen lebten ungefähr ab 1023, also im frühen Hochmittelalter.

Meine Frau war natürlich sofort wieder skeptisch. Bloß weil diese wissenschaftliche Erkenntnis von mir kommt. Genau widerlegen kann sie meine glasklare Beweisführung zwar nicht, aber sie vermutet, dass mehrere Menschen in früheren Generationen gemeinsame Vorfahren gehabt haben müssten. Dass sie also dieselben Urgroßeltern, Großeltern oder gar Eltern gehabt haben könnten. Diese Theorie ist sehr populär. Geschwisterehen werden besonders den Regionen Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt immer wieder nachgesagt. »Ich kann mir gut vorstellen«, sagte ich zu meiner Frau, »dass das bei deinen Vorfahren durchaus häufig der Fall war. Für meine eigene Ahnenreihe halte ich das allerdings für ausgeschlossen.« Eigentlich eine Frechheit, ich arbeite seriös wissenschaftlich und sie kommt mit unsachlichen Argumenten. Manchmal denke ich, das Einzige, was uns noch miteinander verbindet und unsere Beziehung zusammenhält, ist die Liebe.

Man könnte jetzt einwenden, dass ja möglicherweise vor über 1000 Jahren die Menschheit weitaus umfangreicher war als jetzt. Viel mehr als sieben Milliarden Menschen. Das ist aber sehr unwahrscheinlich. Denn aufgrund der Expansion des Universums mit Überlichtgeschwindigkeit war damals für so viele Menschen gar nicht genug Platz.

Im Grunde ist das alles egal. Vergangenheit ist Vergangenheit und außerdem schon lange vorbei. Aber wenn bei meinen Kindern demnächst in der Schule der Geschichtsunterricht beginnt, wenn die Lehrerinnen ihnen offensichtlich ausgedachte Fantasy-Schnurren über Urmenschen, Zweistromländer und ein angebliches Altertum erzählen werden, dann kann ich ihnen die nötigen Grundlagen zum eigenen Denken schon mal mit auf den Weg geben. Dann können sie von niemandem mehr verarscht werden. Das bin ich ihnen als Vater schließlich schuldig.

Der Bettler

Auf dem Bürgersteig der Schönhauser Allee spielt ein Mann auf einem in den achtziger Jahren verrückt gewordenen Akkordeon. Vor den beiden liegt eine Mütze auf dem Weg, in der ein paar Münzen schlafen.

Menschen telefonieren mit ihren Fotoapparaten. Kaffee wird im Pappbecher spazieren geführt. Hundehalter freuen sich, denn was sie zu Hause mit ihren Hunden machen, wäre mit Kindern nicht erlaubt. Hundelose Ehepaare führen ihre Kinder unangeleint aus.

Ein Junge mit Rastas versucht Abonnenten für eine Tageszeitung zu gewinnen. Junge Tierschützer bauen ein Hindernis auf dem Gehweg auf und essen dann Bratwurst. Frauen eilen vorbei mit Kopftuch und Männer mit Burka. Polizisten schwitzen. Teenager schwatzen. Allergiker rotzen. Touristen aus den umliegenden Herbergen flanieren zu den nahe liegenden Cafés.

Ein Mann lehnt an einer Säule und hält einen Becher in der Hand. In den Becher soll man etwas hineintun. »Ein bisschen Kleingeld bitte«, sagt der Mann. Ich habe kein Kleingeld. Ich habe bloß große Scheine. Soll ich ihm einen Zwanziger geben? Oder ist das zu viel? Wie viel soll ich dem Mann geben? Und warum überhaupt?

Der Mann bettelt. Er verkauft keine Springer-Zeitung, er bittet nicht um Spenden für den Kinderschutz, er spielt nicht mal ein Instrument. Er will Geld für gar nichts. Er ist erfreulich unaufdringlich. Er nervt nicht und er stört nicht. Er will mir nichts geben, was ich nicht brauche. Im Gegenteil, etwas, was ich brauche, will er haben. Geld. Keine sinnlosen Produkte, nichts, was ich irgendwann wegschmeißen muss, will er mir aufdrängen. Keine Zeitung, die mich langweilt, für die aber Wälder abgeholzt werden, keinen Handyvertrag, den ich nicht brauche, kein überhaupt nichts.

Der Bettler ist das ideale Vorbild des Lohnarbeiters. Er ist selbstständig tätig, kein Unternehmer leidet seinetwegen an den unglaublich hohen Lohnnebenkosten. Er fordert keinen überhöhten Tarif. Ja, er akzeptiert sogar Kunden, die überhaupt nicht zahlen. Auch unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten ist der Bettler ein Vorbild. Er vergeudet keine Energie und keine Rohstoffe für sinnlose Produkte. Er gibt niemandem das Gefühl, zu viel bezahlt und zu wenig bekommen zu haben. Er schont die Ressourcen und vermeidet überflüssigen CO2-Ausstoß. Seine Tätigkeit richtet keine Schäden an. Er nimmt niemandem die Arbeit weg. Er kontrolliert keine Fahrkarten. Er exportiert keine Personenminen. Er verspricht nicht, den Hartz-IV-Empfängern in den Hintern zu treten, wenn man ihn ins Parlament wählt.

Und er ist bei allen Vorzügen so bescheiden, dass er mit gesenktem Haupt und altem Becher den Menschen empfiehlt, das zu geben, was sie für richtig halten – während andere mit Krawatte, Kokain und Kabriolett Umwelt und Menschheit ruinieren und dafür noch Spitzengehälter einfordern und dann aber trotzdem immer noch Gründe finden, zu jammern.

Der Bettler arbeitet an hässlichen Orten, bei schlechter Witterung und mit unfreundlichen Menschen. Er verdient unsere Achtung. Seine Tätigkeit ist sinnlos, aber nicht nutzlos. Er nutzt sich selbst, denn er braucht Geld. Jeder braucht Geld. Das kann man niemandem übel nehmen, auch dem Bettler nicht. Viele Menschen arbeiten sogar für Geld, aber genau das muss man ihnen oft übel nehmen: dem Makler, dem GEZ-Mann, der Callcenter-Agentin. Zum Glück ist nicht genug Arbeit für alle da. Wer weiß, was für einen Unsinn der Mann, der da bettelt, sonst treiben müsste. Eigentlich gibt es sogar viel zu viel Lohnarbeit, die nervt und schadet. Der Bettler nervt nicht. Der Bettler klaut nicht und betrügt nicht. Trotzdem hat er ein schlechtes Prestige.

Der Bettler arbeitet nicht im herkömmlichen Sinne. Er verdient Geld. Wie so viele, bloß weniger. Das kostet ihn Zeit. Wie jeden Werktätigen. Der einzige Unterschied ist der, dass der Bettler das sinnlose Produkt oder die lieblos hingepfuschte Dienstleistung auslässt. Er verwirklicht den Sinn der Lohnarbeit mit einem Minimum an Entfremdung.

Eigentlich ist es ein Unding, dass der Bettler auf die unzuverlässige Zahlungsmoral der Passanten angewiesen ist. Könnte das nicht der Staat übernehmen, dem Bettler einfach einen angemessenen Betrag geben, damit der sich nicht hier die Beine in den Bauch stehen und den anderen Menschen die Zeit stehlen muss? Da würde der Staat mal was Vernünftiges machen. Und das Geld, das der Bettler kriegt, das könnten dann alle kriegen. Auch die, die gar nicht betteln, sondern arbeiten. Für falls sie es sich mal anders überlegen. Das wäre in manchem Fall sogar sehr nützlich. Leider funktioniert die Welt noch nicht so.

»Ein bisschen Kleingeld bitte«, bittet der Mann mit dem Becher in der Hand. Und ich habe nur Papiergeld. Soll ich ihm einen Zwanziger geben? Einen Fuffi? Das ist sehr viel für einen armen Künstler wie mich. Das kann ich mir eigentlich gar nicht leisten, außer ich fange zusätzlich zur Schriftstellerei auch noch an, quasi im Nebenjob, zu betteln. Dann bettle ich sozusagen für den Bettler. Ob der Bettler auch manchmal anderen Bettlern was gibt?

Jedenfalls habe ich es nicht klein. Vielleicht kann er wechseln. Ich sehe in seinen Becher. Nein, schade. Er kann nicht wechseln. In seinem Becher sind ebenfalls nur große Scheine. Das ist heute eben einfach nicht unser Glückstag.

Manchmal ist es wie verhext.

Kindergeburtstag in Prenzlauer Berg

Ein Blick auf die Uhr. Dann klatschten meine Frau und ich unsere rechten Handflächen gegeneinander: »Nur noch vier Stunden!« Zweckoptimismus, der Kindergeburtstag hatte gerade erst begonnen. Offiziell zumindest. Aber schon seit über zwei Stunden waren Kinder bei uns abgegeben worden. Die Elternteile rissen schlecht geschauspielert die Augen auf. »Was, es ist noch gar nicht 14 Uhr? Ich muss vergessen haben, auf Sommerzeit umzustellen«, wanden sie sich oder faselten etwas von »Uhrmacher« und »Garantieleistung«. Aber es lohnte sich natürlich nicht, umzukehren und später noch einmal wiederzukommen. Doch, doch, sie wohnten schon alle hier in der Nähe. Aber sie waren weite, verschlungene Umwege gegangen, damit die Kleinen nicht selbst zurückfänden, bevor sie abgeholt würden. »Na, hoffentlich werden sie auch wirklich abgeholt«, scherzte ich. Erste Tränchen begannen zu kullern.

Die Eltern schrieben mir – für alle Fälle – eine Telefonnummer auf. Es wurde eine sehr lange Liste. Es waren ja auch sehr viele Kinder. Ich wusste gar nicht, dass so viele Kinder mit meinem Sohn in eine Kindergartengruppe gingen. Zumal ja nicht alle kommen konnten. Aber genau diese, die nicht hatten kommen können, hatten die Einladungen bei eBay versteigert. Sogar gefälschte Einladungen, billige chinesische Kopien.

Hauptsache man hat die Brut mal einen Nachmittag vom Hals. So ist das hier in Prenzlauer Berg. Der Bedarf an Betreuung ist enorm. In den Medien wird immer so getan, als würden die Kinder hier überbehütet oder mit einem unangemessen umfangreichen Freizeit- und Bildungsangebot überschüttet. Aus Ehrgeiz oder übertriebener Liebe. Musikalische Frühförderung, Windelyoga, Krabbelgottesdienst, Vorschuljapanisch, BWL for Kids ab vier. Aber in Wirklichkeit geht es darum, die mal los zu sein.

Ich hatte es ja genauso gemacht. Hatte meine Jungs zu jeder Kindergeburtstagsparty gebracht, egal wie weit die weg war. Manchmal sogar weit jenseits des Kurzstreckentarifbereiches. Bis nach Pankow sogar. Na, und jetzt war ich eben selber mal dran. Waren wir dran. Meine Frau hatte bis zuletzt vergeblich versucht, noch einen Dienstauftrag für heute zu bekommen.

Ich hatte alles Zerbrechliche, Wertvolle und Empfindliche in den Keller gebracht. Bei der Gelegenheit hatte ich ein paar sehr blasse, sehr langhaarige Kinder in zu kurzer Kleidung entdeckt, die sich dort offensichtlich seit dem großen Versteckspiel vom letzten Kindergeburtstag eingenistet hatten. Sie hatten sich von Eingemachtem ernährt, von Süßigkeiten, ungarischen Trockenwürsten, spanischem Schinken, Corned Beef und Sardinen in Büchsen. Gut, dass wir Vorräte eingekellert hatten, während der Bankenkrise 2008. Sie hatten meine alten Bücherkisten durchgeschmökert und Grammofonplatten gehört. Sie waren für ihr Alter überdurchschnittlich gebildet, gelassen und zu dick. Ich vertrieb sie aus dem Paradies und schickte sie hinaus in die Welt. Sie kneisteten mit den Augen im ungewohnten Sonnenlicht. »Kopf hoch«, machte ich ihnen Mut, »vielleicht bewölkt es sich ja schon bald. Der Wetterbericht hat sogar Regen angesagt.«

Zurück in der Wohnung flog mir etwas Matschiges an den Kopf. Meine Frau hatte schon Kuchen ausgegeben. Zwar hatte ich die kleinen Pfeile des Flitzebogens und die kleinen Bolzen der Spielzeugarmbrust versteckt, aber die Gören schossen mit Buntstiften aufeinander. Es wurde Zeit für ein kindgerechtes Unterhaltungsprogramm. »Wollt ihr Topfschlagen spielen?«, fragte ich. – »Au ja«, schrien sie, wählten ein langsameres Kind als Topf und begannen, es mit Kochlöffeln zu schlagen. Um Himmels willen, meine schönen Kochlöffel. »Halt!«, gebot ich gebieterisch. »Ich weiß was Besseres. Wir gehen raus auf die Wiese. Sackhüpfen, Eierlauf, Blinde Kuh!« – »Au ja!«

Wir waren so klug, nicht mit den vielen Kleinen auf den Humannplatz zu gehen, denn der ist immer viel zu voll, seit die Eltern von Prenzlauer Berg ihre Kinder nicht mehr zum Vorschuljapanisch schicken, also seit Fukushima, sodass wir zu Recht befürchten mussten, Kinder dort im Gewimmel zu verlieren. Also gingen wir besser auf die Hundewiese in der Kuglerstraße hinter dem Seniorenheim mit dem kryptischen Namen »Stalingrad II«.

Es war unübersehbar, am sogenannten Himmel bauschte sich Unwetterbewölkung. Wir mussten uns beeilen. Mir kam eine Idee. Ein paar Handgriffe und schon standen sie alle in einer Reihe. Der amüsierwütige Nachwuchs. Bis zur Taille in einem Jutesack, in einer Hand einen Löffel mit einem Ei drauf und die Augen verbunden. Sackhüpfen, Eierlauf und Blinde Kuh auf einmal. Ungeduldig warteten sie auf das Startzeichen, ungeduldig, denn es hatte schon zu regnen begonnen. Sackhüpfen, Eierlauf und Blinde Kuh auf einmal und dazu noch Heimweg. Ursprünglich hatte ich vorgehabt, auf diese pädagogisch wertvolle Art den zukünftigen Schulweg einzustudieren. So ungewöhnlich gelernt würden sie ihn sicher behalten. Aber ich sah ein, dass das Wetter dazu einfach zu schlecht war.

Zurück in der Wohnung wurden nasse Schuhe ausgezogen, Haare trocken gerubbelt und Kuchen verteilt. Meine Frau hatte eine Idee: »Kinderdisco!« – »Au ja!« Und so kam es, dass sie alle zur Musik von Kraftwerk, Manu Chao und Señor Coconut mit Becherchen voller Saft an den Wänden eines leeren Zimmers aufgereiht saßen und quatschten. Aber schon bald begannen sie Einkriegezeck zu spielen, Mädchen zu ärgern oder Jungs zu ärgern. Jedes Kind war reihum einmal dran mit Weinen. Ich machte die Musik lauter.

Ab und zu schlug ein Kind lang über den Couchtisch oder fiel vom Hochbett, beim Versuch, Fallschirmspringen mit meinem Regenschirm zu machen. Es war einfach zu viel Wuling in der Bude. Ich versuchte Eltern von meiner langen Liste anzurufen. Aber alle vorgeblichen Elterntelefonnummern erwiesen sich als inexistent oder gefälscht. Ich sprach mit einem Pizzaservice, einem Massagesalon und zwei Drogendealern. Klar, ich hätte auch den Teufel getan, an meinem freien Nachmittag erreichbar zu sein. Ein paar Telefonnummern, die mir schon wegen der eigenwilligen Vorwahl aufgefallen waren, entpuppten sich später als verblüffend teuer. Mir schwante, was einige Elternteile damit meinen mochten, wenn sie sagten, sie machten beruflich was mit Medien.