Die letzten Tage der Nacht - Graham Moore - E-Book

Die letzten Tage der Nacht E-Book

Graham Moore

4,8
6,99 €

Beschreibung

"Eine geniale Reise in die Vergangenheit" The Washington Post New York, 1888. Thomas Edison hat mit seiner bahnbrechenden Erfindung der Glühbirne ein Wunder gewirkt. Die Elektrizität ist geboren, die dunklen Tage der Menschheit sind Vergangenheit. Nur eine Sache steht Edison und seinem Monopol im Weg, sein Konkurrent George Westinghouse. Zwischen den beiden Männern entbrennt ein juristischer Kampf, es geht um die Milliarden-Dollar-Frage: Wer hat die Glühbirne wirklich erfunden? Und wer hat also die Macht, ein ganzes Land zu elektrifizieren? Der NEW YORK TIMES-Bestseller jetzt auf deutsch! Graham Moore, der für sein Drehbuch für den Film "Imitation Game" mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, ist mit "Die letzten Tage der Nacht" ein packender historischer Roman gelungen, der auf wahren Ereignissen beruht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 574

Bewertungen
4,8 (38 Bewertungen)
31
7
0
0
0



Inhalt

Cover

Über das Buch

Titel

Impressum

Widmung

Karte

TEIL I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

TEIL II

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

TEIL III

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

NACHBEMERKUNG DES AUTORS

DANKSAGUNG

QUELLEN DER VERWENDETEN ZITATE

Über das Buch

Die letzten Tage der Nacht ist ein historischer Roman. Jenseits der bekannten realen Personen, Ereignisse und Örtlichkeiten, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen, sind sämtliche Namen, Charaktere, Orte und Geschehnisse der Fantasie des Autors entsprungen bzw. werden fiktiv behandelt.

GRAHAM MOORE

DIE LETZTENTAGE DER NACHT

Roman

Übersetzung aus dem amerikanischenEnglisch von Kirsten Riesselmann

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»The Last Days of Night«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Graham Moore

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anabelle Assaf, Berlin

Umschlaggestaltung: Thomas Krämer unter Verwendung eines Designs von © Jeff Miller/Faceout Studio and Carlos Beltrán | © A Wet Night, Columbus Circle, New York, 1897-98 (gelatin silver print), Fraser, William A. (c.1840-1925) / Private Collection / Bridgeman Images

Karte: David Lindroth, Inc.

Vorsatzmotiv © getty-images: John Parrot/Stocktrek Images

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3982-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meinen GroßvaterDr. Charlie Steiner,

TEIL I

Vorstöße

Sehen Sie denn nicht, dass Steve keine Ahnung von Technologie hat? Er ist nur ein hervorragender Verkäufer … Er hat keine Ahnung von Technik, und 99 Prozent von dem, was er sagt und denkt, sind falsch.

– BILL GATES

KAPITEL 1

Die letzten Tage der Nacht

Die Leute wissen nicht, was sie wollen – bis man es ihnen zeigt.

– STEVE JOBS

11. Mai 1888

An dem Tag, an dem er Thomas Edison zum ersten Mal begegnen sollte, sah Paul im Himmel über dem Broadway einen Mann bei lebendigem Leib verbrennen.

Der Vorfall ereignete sich an einem späten Freitagvormittag. Als Paul aus seinem Bürohaus auf die überfüllte Straße trat, näherte sich das Gedränge zur Lunchzeit gerade seinem Höhepunkt. Paul gab im steten Fluss der Fußgänger eine imposante Gestalt ab: Er war einen Meter neunzig groß, breitschultrig, glattrasiert und mit seinem schwarzen Mantel, dazu passender Weste sowie langer Krawatte so gekleidet, wie es von einem berufstätigen jungen Mann in New York erwartet wurde. Seine sauber links gescheitelten Haare hatten vor Kurzem begonnen, zu leichten Geheimratsecken zurückzuweichen. Er sah älter aus als seine sechsundzwanzig Jahre.

Als Paul sich in das Getümmel auf dem Broadway stürzte, bemerkte er im Vorbeigehen, dass da ein jüngerer Arbeiter in der Kluft von Western Union auf einer Leiter stand. Er machte sich an den Stromkabeln zu schaffen, diesen dicken, schwarzen Leitungen, die seit Neuestem den Himmel über der Stadt durchzogen und immer wieder über Kreuz liefen mit den dünneren, älteren Telegrafendrähten. Im Frühlingswind war aus ihnen ein verworrenes Knäuel geworden. Der Western-Union-Mann versuchte, die beiden Kabelstränge zu entknoten, und sah dabei aus wie ein in monströse Schnürsenkel verheddertes Kind.

Eigentlich stand Paul der Sinn nach einem Kaffee. Der Financial District von New York war für ihn immer noch neu, genauso wie die Räumlichkeiten seiner Kanzlei in der zweiten Etage des Hauses Nr. 346 am Broadway. Er hatte sich noch nicht entschieden, welches der umliegenden Cafés er bevorzugte. Eines lag ein Stück weiter nördlich auf der Walker Street. Und dann gab es noch das auf der Baxter Street, mit dem Hahn an der Tür, das zwar en vogue war, in dem man aber nicht so flott bedient wurde. Paul war müde. Die frische Luft im Gesicht tat gut. Er war an diesem Tag noch nicht vor der Tür gewesen. In der vergangenen Nacht hatte er im Büro geschlafen.

Als er den ersten Funken sah, wusste er nicht sofort, was vor sich ging. Der Arbeiter bekam eines der Kabel zu fassen und zog daran. Dann hörte Paul einen Knall – einen kurzen, merkwürdigen Knall –, und den Mann durchlief ein Zittern. Später würde Paul sich erinnern, einen Blitz gesehen zu haben, auch wenn er das, was er da sah, im ersten Moment nicht einordnen konnte. Der Arbeiter kämpfte darum, den Halt nicht zu verlieren, und griff mit der freien Hand nach einem anderen Kabel. Was, wie Paul später erkennen sollte, sein Fehler war. Denn so hatte er eine Verbindung hergestellt. Er war zu einem lebenden Stromleiter geworden.

Und dann schlugen aus seinen beiden Armen orangefarbene Funken.

Die Köpfe der Menschen, die an jenem Morgen auf der Straße unterwegs waren, schienen sich alle im selben Moment zu drehen. Mit breitkrempigen Zylindern einherstolzierende Bankiers, Gehilfen von Aktienhändlern, die zur Wall Street spurteten und sich geheime Mitteilungen gegen die Brust drückten, Privatsekretärinnen in dunkelgrünen Röcken und dazu passenden, eng geschnittenen Jacketts, Buchhalter, die sich schnell ein Sandwich besorgen wollten, Damen in Doucet-Kleidern, auf Stippvisite aus der Gegend rund um den Washington Square, Lokalpolitiker, erpicht auf ihren Entenfleisch-Lunch, sowie eine ganze Kohorte von Pferden, die dick bereifte Droschken über das unebene Kopfsteinpflaster zogen. Der Broadway war die Verkehrsader, über die die Versorgung von ganz Lower Manhattan lief. Ein der Welt bisher unbekannter Reichtum quoll aus diesen Straßen. Am Morgen hatte Paul noch in der Zeitung gelesen, dass John Jacob Astor gerade offiziell reicher geworden war als die Königin von England.

Alle starrten auf den Mann dort oben. Eine blaue Flamme schoss aus seinem Mund und setzte seine Haare in Brand. Seine Kleider waren innerhalb von Sekunden verkohlt. Er kippte nach vorn, die Kabel immer noch um die Arme gewickelt. Seine Füße baumelten gegen die Leiter. Er hing da wie Jesus am Kreuz. Die blaue Flamme schoss ihm weiterhin aus dem Mund und schmolz ihm die Haut von den Knochen.

Noch hatte niemand geschrien. Paul wusste immer noch nicht genau, was er da sah. Gewaltsamkeiten hatte er durchaus schon erlebt. Schließlich war er auf einer Farm in Tennessee aufgewachsen, und am Ufer des Cumberland River waren Tod und Sterben wenig sensationelle Anblicke. Aber so etwas wie das hier hatte er noch nie gesehen.

Das Geschrei brach erst epochale Sekunden später los, als sich das Blut des Mannes auf die Zeitungsjungen unter ihm ergoss. In wilder Flucht stoben die Menschen fort vom Schauplatz des Geschehens. Erwachsene Männer rissen Frauen um. Die Zeitungsjungen rannten durch die Menge, ohne bestimmtes Ziel, sie rannten einfach nur – und versuchten, sich das verkohlte Fleisch aus den Haaren zu ziehen.

Die Pferde stiegen auf die Hinterhand und traten mit den Vorderbeinen in die Luft. Ihre Hufe flogen den in Panik ausbrechenden Besitzern entgegen. Paul stand wie erstarrt, bis er einen Zeitungsjungen vor die Räder eines Zweispänners fallen sah. Die Hengste rissen an ihrem Geschirr, machten einen Satz nach vorn und zogen die Räder auf die Brust des Jungen zu. Paul war sich seiner Entscheidung, vorwärts zu springen, nicht bewusst – er tat es einfach. Er bekam den Jungen an der Schulter zu fassen und zog ihn von der Straße.

Mit dem Mantelärmel wischte er dem Kind Schmutz und Blut aus dem Gesicht. Aber noch bevor er nachsehen konnte, ob der Junge verletzt war, floh dieser schon wieder in die Menge hinein.

Paul hockte sich an einen nahestehenden Telegrafenmasten. In seinem Magen rumorte es. Er merkte, wie er um Luft rang, und versuchte, im Staub sitzend, ruhiger zu atmen.

Es dauerte weitere zehn Minuten, bis Glockengeläut die Ankunft der Feuerwehr ankündigte. Ein von drei Pferden gezogener Löschwagen hielt neben der makabren Unfallstelle. Ein halbes Dutzend Feuerwehrmänner in schwarz geknöpften Uniformen hob seine ungläubigen Augen gen Himmel. Einer griff instinktiv zu seiner dampfbetriebenen Feuerspritze, die restlichen waren starr vor Entsetzen. Einen solchen Brand hatten sie noch nicht erlebt. Das hier war Elektrizität. Und das unheimliche Wunder eines menschengemachten Blitzes war für sie so rätselhaft und unverständlich wie eine alttestamentarische Plage.

Während der Dreiviertelstunde, die die verängstigten Feuerwehrmänner brauchten, um den verkohlten Leichnam loszuschneiden und herunterzuholen, saß Paul gebannt da. Er saugte jedes Detail in sich auf, nicht, um sich alles zu merken, sondern um das alles wieder vergessen zu können.

Paul war Anwalt. Und was seine bis hierhin erst kurze Karriere im Rechtswesen mit seinem Gehirn angestellt hatte, war, dass er Einzelheiten als tröstlich empfand. Seine zutiefst menschlichen Ängste ließen sich nur durch das enzyklopädische Beherrschen von Detailwissen lindern.

Paul war von Berufs wegen Schöpfer von Geschichten. Er war ein Märchenerzähler, und er erzählte sehr präzise Märchen. Seine Arbeit war es, eine Reihe voneinander unabhängiger Ereignisse zu nehmen, zu entschlacken und so in einen Zusammenhang zu stellen. Die einzelnen Bilder dieses Vormittags – eine Routinearbeit, ein linkischer Irrtum, eine hilflos zupackende Hand, eine volle Straße, ein Feuerfunke, ein tropfender Leichnam, ein blutbeflecktes Kind – ließen sich zu einer Geschichte zusammensetzen. Mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Und mit Geschichten ist es schließlich so: Sie kommen zu einem Schluss, und dann sind sie auch wieder vorbei. Darin liegt ihre so verzweifelt benötigte Magie. Die Geschichte des heutigen Tages könnte, sobald er sie für sich zu Ende erzählt hätte, eingepackt, beiseitegelegt und nur, wenn nötig, wieder hervorgeholt werden. Eine richtig aufgebaute Geschichte würde seinen Verstand vor der Entsetzlichkeit der ungefilterten Erinnerung bewahren.

Paul war bewusst, dass sogar eine wahre Geschichte immer Fiktion ist, ein zweckdienliches Werkzeug, mit dem wir die chaotische Welt um uns herum zu Verständlichkeit ordnen. Fiktion ist die Erkenntnismaschine, die die Spreu der Sinneseindrücke vom Weizen der Gefühle trennt. Die wirkliche Welt ist voller kleiner Geschehnisse, sie birst vor Ereignishaftigkeit. Die meisten dieser Vorkommnisse aber lassen wir in unseren Geschichten außer Acht, damit sie vernünftig und in ihren Beweggründen logisch erscheinen. Jede Geschichte ist so eine Erfindung, eine technische Vorrichtung, die sich gar nicht so stark von der unterscheidet, die an jenem Vormittag die Haut eines Mannes von dessen Knochen gesengt hatte. Eine gute Geschichte lässt sich zu einem kaum weniger gefährlichen Zweck einsetzen.

Weil er Anwalt war, handelten Pauls Geschichten von Moral. In seinen Erzählungen gab es nur Täter und Opfer. Nur Lügner und Verleumdete. Diebe und Bestohlene. Paul entwickelte seine Figuren sehr genau und sehr umsichtig, bis zu dem Punkt, an dem die Rechtschaffenheit seines Klägers oder des Beschuldigten, den er vertrat, überwältigend deutlich zutage trat. Die Aufgabe eines Prozessanwalts war nicht, der Fakten habhaft zu werden, sondern vielmehr aus diesen Fakten eine Geschichte zu konstruieren, deren moralische Schlussfolgerung eindeutig und unabweisbar war. Genau darum ging es bei Pauls Geschichten: eine unbestreitbare Sicht auf die Welt darzulegen. Eine Sicht auf die Welt, die sich wieder in Luft auflöste, sobald die Welt in eine Ordnung gebracht und ein angemessener Verdienst eingestrichen war. Ein mitreißender Anfang, ein spannender Mittelteil, ein befriedigendes Ende, vielleicht noch eine letzte kleine Kehrtwendung, und dann …: weg damit. Katalogisieren, im Karton verstauen, ins Lager bringen und sicher verwahren.

Um die heutige Geschichte wieder zum Verschwinden zu bringen, musste Paul also nichts weiter tun, als sie sich selbst zu erzählen. Sich die Bilder wieder und wieder vor Augen zu halten. Erlösung durch Wiederholung.

Aber wie sich herausstellte, war ein lichterloh brennender Leichnam über dem Broadway nur das Zweitentsetzlichste, was Paul Cravath an jenem Tag zu sehen bekommen sollte.

Später am Abend – seine Sekretärin war längst auf dem Weg zu ihrer Wohnung in Yorkville, seine Seniorpartner hatten sich in ihre dreistöckigen Häuser auf der Upper Fifth Avenue zurückgezogen, Paul selbst hatte es versäumt, zu seiner Junggesellenwohnung auf der 50. Straße aufzubrechen, und stattdessen mit dem Füller so viele Aktennotizen geschrieben, dass sich an seinem rechten Mittelfinger eine Blase bildete – stand irgendwann ein Botenjunge vor der Tür zur Kanzlei. Er hatte ein Telegramm in der Hand, mit folgendem Inhalt: »Ihre Anwesenheit ist umgehend erwünscht. Es gibt viel zu besprechen. Strikt vertraulich.«

Unterschrieben war die Nachricht mit: »T. Edison«

KAPITEL 2

Der Zauberer von Menlo Park

Zur Hölle noch eins, Regeln gibt es hier nicht – schließlich wollen wir doch etwas auf die Beine stellen.

– THOMAS EDISON, HARPER’S MAGAZINE, SEPTEMBER 1932

Bevor er zur Tür ging, zog Paul sich die Krawatte fest und griff nach seinem Mantel. Seit beinahe einem halben Jahr war er mit einem Gerichtsverfahren beschäftigt, das er gegen Thomas Edison führte, aber kennengelernt hatte er den berühmtesten Erfinder der Welt bislang noch nicht.

Edison musste von dem Ereignis gehört haben, dem überaus öffentlichen tödlichen Stromunfall eines Mannes auf einer innerstädtischen Straße. Mit Sicherheit würde er darauf reagieren. Aber was wollte er von Paul?

Bevor er das Büro verließ, zog Paul einen Ordner aus einer Schublade, entnahm ihm einige Unterlagen und steckte sie sich in die Innentasche seines Wollmantels. Was Edison auch planen mochte: Er hätte eine eigene Überraschung auf Lager.

Zu derart später Stunde war es auf dem Broadway duster. Die wenigen Gaslaternen malten lediglich einen dünnen gelblichen Schein auf das Kopfsteinpflaster. Nur in einiger Entfernung funkelte es: Die Wall Street im Süden war eine Festung aus hell strahlendem elektrischem Licht inmitten einer schmutzig über Manhattan hängenden Glocke aus Rauch und Gas.

Paul wandte sich dem dunklen Norden zu und hielt schnell eine vierrädrige Droschke an.

»Fifth Avenue Nummer 65«, wies er den Kutscher an. Während die Edison General Electric Company ihr berühmtes Labor zwar immer noch in New Jersey betrieb, hatte der Hauptsitz des Unternehmens mittlerweile eine deutlich schickere Adresse.

Der Fahrer drehte sich zu Paul herum. »Treffen Sie den Zauberer?«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass seine Mutter ihn so nennt.«

»Seine Mutter ist doch schon lange tot«, gab der Droschkenkutscher zurück. »Wissen Sie das nicht?«

Die Legenden, die sich um Edisons Geschichte rankten, fand Paul ein ums andere Mal erstaunlich. Binnen eines knappen Jahrzehnts im Licht der Öffentlichkeit hatte Edison sich zum Hänschen Apfelkern der Gegenwart gemausert. Was einen wütend machen konnte – aber man musste ihm schon lassen, dass er das geschickt angestellt hatte.

»Edison ist auch nur ein Mensch«, sagte Paul. »Selbst wenn die Sun anderes behauptet.«

»Er vollbringt Wunder! Blitze in einer Glasflasche. Stimmen in einem Kupferdraht. Welcher Mensch vermag denn so etwas?«

»Ein reicher.«

Die vor sich hin trottenden Pferde brachten sie den Broadway hinauf, vorbei an der ruhigen Houston Street und den modernen Reihenhäusern auf der 14. Straße. Die Stadt lag im Dunkeln. Dann aber bogen sie auf die Fifth Avenue ein. Plötzlich rückten die elektrischen Lampen in den Blick, die diese Straße erhellten. Noch wurde der Großteil New Yorks nachts mit Kohlengas beleuchtet, jenem flackernden Licht, das die Stadt seit hundert Jahren heller machte. Aber in jüngster Zeit hatte eine Handvoll begüterter Geschäftsleute ihre Häuser mit diesen neuartigen elektrischen Glühbirnen ausgestattet. In einigen wenigen Straßen traf man jetzt auf ungefähr 99 Prozent der Elektrizität Amerikas, Straßen, deren Namen allgemein bekannt waren: Wall Street, Madison Avenue, 34. Straße. Und mit jedem Tag wurden diese Straßen einen Hauch heller, immer dann, wenn ein weiteres Haus ans Stromnetz angeschlossen wurde. Die hoch oben hängenden Kabel wirkten wie Festungsmauern rund um jeden dieser Häuserblocks. Wenn Paul die Fifth Avenue hinaufschaute, sah er Fortschritt.

Und trotzdem: Sollte er erfolgreich sein, würde er das illuminierte Imperium von Edison einstürzen sehen.

Es war elf Uhr abends, als Paul das Haus Nummer 65 auf der Fifth Avenue betrat. Die untersetzten Männer hinter den Fensterscheiben trugen ihre Schusswaffen recht beiläufig mit sich herum. Sie hatten aber auch keinen Grund für kriegerische Drohgebärden. Nur jemand sehr Dummes hätte dieses Gebäude furchtlos betreten.

Ein bärtiger Mann mittleren Alters wartete am zentralen Treppenaufgang und streckte Paul die Hand entgegen. Er lächelte nicht. »Ich bin Charles Batchelor.«

»Ich weiß, wer Sie sind«, sagte Paul. Batchelor war Edisons rechte Hand: der Vorsteher seines Labors und gleichzeitig sein oberster Schläger. Wenn Edison schmutzige Wäsche zu waschen hatte, dann ließ Batchelor den Zuber ein. In den Zeitungen stand, man treffe den einen nie ohne den anderen an. Im Unterschied zu seinem Arbeitgeber gab Batchelor allerdings keine Interviews. Nie war sein Gesicht neben dem von Edison auf einer Titelseite zu sehen.

»Er wartet bereits auf Sie«, sagte er jetzt und führte Paul die Treppe hinauf. Edisons Büro lag im dritten Stock. Batchelor öffnete eine Flügeltür aus Eichenholz und hieß Paul eintreten, blieb selbst aber ohne ein weiteres Wort gleich hinter dem Eingang stehen. Es war, als würde er unsichtbar, solange er keine weiteren Anweisungen erhielt.

Der Raum war üppig ausgestattet. Mit Antikleder bezogene Sessel. Ein Mahagoni-Schreibtisch mit Glasplatte, auf dem elektrische Gerätschaften herumstanden. Eine Liege in einer der hinteren Ecken. Den Gerüchten zufolge schlief Edison nur drei Stunden pro Nacht. Wie bei den meisten Gerüchten über Thomas Edison war Paul sich nicht sicher, wie glaubwürdig dieses war.

Entlang der Wände mit ihren gemusterten Tapeten waren alle paar Meter hübsche elektrische Glühbirnen in Rosenform angebracht worden. Und Grundgütiger, was waren sie hell!

Paul blickte auf seine Hände hinunter. Ihm wurde bewusst, dass er die eigenen Hände noch nie bei elektrischem Licht gesehen hatte. Er konnte die blauen Adern unter der Haut erkennen. Dazu Sommersprossen, Pockennarben, Schrammen, Schmutz und die unansehnlichen Furchen, über die ein Mann im Alter von sechsundzwanzig Jahren bereits verfügte. Der verräterische Mittelfinger, der immer zuckte, wenn er nervös war. Paul hatte das Gefühl, dass nicht nur das Licht neu war, sondern er gleichermaßen. Es brauchte lediglich einen glühenden Faden, und schon war er enttarnt als einer, der zu sein er nie für möglich gehalten hatte.

Hinter dem breiten Mahagoni-Schreibtisch saß Thomas Edison und rauchte eine Zigarre.

Er sah besser aus, als Paul erwartet hatte, und war schlanker, als es auf Fotos den Anschein hatte, dazu besaß er den kräftigen Unterkiefer eines Mannes aus dem Mittleren Westen. Obwohl schon jenseits der vierzig, war Edisons Haar noch immer so wirr und ungekämmt wie das eines Schuljungen. Einen weniger imposanten Mann hätte das älter aussehen lassen; bei Edison wirkte es, als gäbe es eben wichtigere Dinge, um die er sich zu kümmern hatte. In dem grellen Licht konnte Paul sogar das Grau seiner Augen ausmachen.

»Guten Abend.«

»Warum bin ich hier, Mr Edison?«

»Gleich zur Sache also. Diese Eigenschaft schätze ich bei meinen Anwälten.«

»Ich bin nicht Ihr Anwalt.«

Edison hob auf eigentümliche Art die Augenbrauen und schob dann ein Blatt Papier über den Schreibtisch. Paul zögerte erst – er hatte nicht vor, seine Stellung aufzugeben. Dann aber wollte er doch sehen, was Edison ihm da zeigte, und trat vor.

Es war eine Kopie der Titelseite der New York Times. TOD IN DEN KABELN!, lärmte die Schlagzeile. ENTSETZLICHES SCHAUSPIEL – LEITUNGSMONTEUR AUF KABELNETZ GEGRILLT. In der Spalte darunter stand ein erregter Artikel, der die Gefahren der Elektrizität anprangerte. Die Redakteure stellten infrage, ob es tatsächlich sicher war, kreuz und quer durch die Stadt Stromleitungen zu spannen, die voller roher, noch unzureichend verstandener Energie steckten.

»Das ist die Zeitung von morgen«, sagte Paul. »Wie sind Sie da denn drangekommen?«

Edison überhörte die Frage. »Ihre kleine Firma, wie heißt sie noch? Sie sitzen da doch ganz in der Nähe, oder nicht?«

»Ich habe gesehen, wie es passiert ist.«

»Ach, tatsächlich?«

»Ich habe gesehen, wie der Mann in Flammen aufging, und ich war da, als die Feuerwehrleute seinen Leichnam aus den Kabeln schnitten. Aber die Leitungen auf dem unteren Broadway sind ja nicht die Ihrigen. Und auch nicht die meines Mandanten. Das sind Leitungen der U. S. Illuminating Company. Und da ich – dem Himmel sei Dank – nicht der Anwalt von Mr Lynch bin, geht mich diese Angelegenheit nichts an. Genauso wenig hat sie zu tun mit dem Zwist zwischen Ihnen und George Westinghouse.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Warum bin ich hier?«

Edison hielt kurz inne und sagte dann: »Für den Fall, dass Sie das noch nicht bemerkt haben, Mr Cravath: Hier wird ein Krieg geführt. Innerhalb der nächsten Jahre wird jemand ein Stromnetz errichten, das die gesamte Nation mit Licht versorgt. Dieser Jemand könnte ich sein. Oder Mr Westinghouse. Nach dem heutigen Tag wird es sicher nicht mehr Mr Lynch sein. Der wird bis morgen früh von der Presse vernichtet worden sein.«

»Klingt nach einem guten Tag für meine Seite.«

Edison ließ Asche von seiner Zigarre auf ein goldenes Tablett fallen und sagte dann:

»Im vergangenen Jahr hatte ich eine Menge Gegenspieler, denen ich mich hätte widmen können. Nach dem heutigen Tag habe ich nur noch einen. Ihren Mandanten. Entweder ich gewinne – oder Mr Westinghouse. So einfach ist das. Mein Unternehmen ist zehnmal so groß wie seines. Ich bin ihm in der Herstellung dieser Technologie um sieben Jahre voraus. J. P. Morgan selbst hat mir nie versiegende finanzielle Mittel für unsere Expansion zugesagt. Und ich … Nun ja. Ich denke, Sie wissen, wer ich bin.«

Edison nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre und stieß dann eine Rauchwolke in die Luft. »Ich habe Sie herbestellt, um Ihnen diese eine Frage zu stellen: Glauben Sie wirklich, dass Sie auch nur den Hauch einer Chance haben?«

Daraufhin bedachte er Paul mit einem Blick, der dem eines Hundefängers für einen zum Tode verdammten Streuner glich.

»Mr Cravath, ich habe die Glühbirne erfunden. Nicht George Westinghouse. Deswegen verklage ich ihn auch auf allen Ebenen. Westinghouse ist ein reicher Mann, und Sie werden bei dem Versuch, mich in einem Spiel zu schlagen, das ich längst gewonnen habe, nichts weiter tun als sein Vermögen zu verschleudern. Wenn die ganze Sache hier vorbei ist, wird Westinghouse’ Unternehmen mir gehören. Auch Ihre Kanzlei wird mir gehören. Also lassen Sie’s gut sein. Die Grenze ist gezogen. Wer sich mir in den Weg stellt, wird Schaden nehmen. Ihnen zuliebe wünsche ich mir, dass Sie nicht dazugehören.«

In den Winkeln von Edisons grauen Augen bemerkte Paul ein sonderbares Runzeln, das er nicht gleich einordnen konnte. Aber, ja … Thomas Edison betrachtete ihn sorgenvoll.

Und das machte Paul wütend.

»Ich bin erfreut darüber, dass Sie mich heute Abend hergebeten haben«, sagte er. »So haben Sie mir die Umstände erspart, mit Ihnen einen Termin ausmachen zu müssen.«

»Ach tatsächlich? Und worüber wollten Sie mit mir sprechen?«

»Ich wollte Ihnen eine weniger schöne Nachricht überbringen. Gegen Sie ist nämlich Klage erhoben worden.«

»Ist das so?«, kam es von Edison, und seine Lippen umspielte der Ansatz eines Lächelns. »Von wem?«

»Von George Westinghouse.«

»Mein lieber Junge, ich glaube, Sie verwechseln da etwas.«

»Wir haben Gegenklage gegen Sie eingereicht.«

Edison lachte auf. »Weswegen?«

»Weil Sie unser Patent auf die Glühbirne verletzen.«

»Aber ich habe die Glühbirne erfunden.«

»Das hat das Patentamt auch behauptet. Nur … Sind nicht doch schon Glühlampenpatente vor dem Ihrigen erteilt worden? Hatte vor Ihnen nicht doch schon jemand Ansprüche auf einen ähnlichen Entwurf geltend gemacht?«

Edison erfasste schnell, worauf Paul hinauswollte. »Sawyer und Man? Aber das ist doch ein Witz. Deren Entwürfe sind Lichtjahre von den meinigen entfernt. Sollten diese beiden mich verklagen wollen, dann dürfen sie das gern tun.«

»Ich fürchte, das können sie nicht. Denn sie sind nicht mehr im Besitz ihrer Patente.« Paul hielt die Dokumente hoch, die er eingesteckt hatte, bevor er das Büro verlassen hatte, und schob sie Edison über den Mahagoni-Schreibtisch zu. »Wir aber schon.«

Edison begutachtete die vor ihm liegenden Papiere. Während er las, dass die Westinghouse Electric Company mit William Sawyer und Albon Man eine Lizenzvereinbarung getroffen hatte und dass Westinghouse jetzt über das alleinige Recht verfügte, elektrische Lampen nach dem patentierten Entwurf dieser beiden herzustellen, zu verkaufen und zu vertreiben, trommelten seine Finger eine leise Begleitmusik auf die dicke Schreibtischplatte.

»Das ist ja ausnehmend clever, Mr Cravath«, kam es schließlich von Edison. »Ja, in der Tat. Ich verstehe, warum George Sie so gut leiden kann.«

Westinghouse beim Vornamen zu nennen und damit Vertrautheit zu signalisieren, war ein kalkulierter Schachzug. Edison schob die Unterlagen wieder über den Tisch zurück. Dann lehnte er sich in seinem tiefen Sessel weit nach hinten und hob erneut an zu sprechen: »Ich habe einige Nachforschungen über Sie angestellt. Ich hoffe, das stört Sie nicht weiter.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass da viel zu finden ist.«

»Sie haben vor zwei Jahren das Studium an der juristischen Fakultät der Columbia University als Jahrgangsbester abgeschlossen. Woraufhin Ihnen Walter Carter höchstpersönlich einen Lehrstuhl anbot. Fürchterlich eindrucksvoll. Aber anderthalb Jahre später verlässt Carter die Universität, und Sie folgen ihm in seine neue Kanzlei. Werden sofort zum Partner gemacht. Mit sechsundzwanzig Jahren.«

»Ich bin eben frühreif.«

»Sie sind ehrgeizig. Vor sechs Monaten waren Sie noch Juniorpartner in einer neu gegründeten Kanzlei. Sie hatten noch keinen einzigen Fall selbst verhandelt. Und dann schaffen Sie es irgendwie, Ihren allerersten Mandanten zu akquirieren: Mr George Westinghouse, den Mann, gegen den ich gerade erst Klage erhoben habe, eine Klage, bei der es um mehr Geld geht, als Sie, Ihre Kinder und Kindeskinder in Ihrem gesamten Erdenleben je zu Gesicht bekommen werden.«

»Mr Westinghouse hat eben ein Auge für Talent.«

»Sie sind ein Kind, das angeheuert wurde, um im größten Patentrechtsstreit in der Geschichte dieses Landes als Hauptprozessanwalt aufzutreten.«

»Ich bin sehr gut in dem, was ich tue.«

Edisons Lachen kam als ein tiefes Grollen. »Ach, kommen Sie schon, Mr Cravath. So gut ist niemand. Wie haben Sie George dazu bekommen, Sie als seinen Anwalt zu bestellen?«

»Mr Edison«, sagte Paul, »warum tun Sie so, als wären Sie von mir beeindruckt?«

»Wie kommen Sie darauf, dass meine Bewunderung nicht echt ist?«

»Weil ich auf der Fifth Avenue in der obersten Etage im Büro des erfolgreichsten Erfinders der Menschheitsgeschichte stehe, einem Mann, der sein erstes Patent mit einundzwanzig angemeldet und mit dreißig seine erste Million verdient hat, dessen Äußerungen jedweder Natur in Blockbuchstaben auf die Titelseite der New York Times gedruckt werden, als wäre er das Orakel von Delphi, und den der Präsident der Vereinigten Staaten mitsamt dem Großteil seiner Bürger buchstäblich für einen Zauberer hält, dessen Name bei jedem Kind, das einen Schraubenschlüssel und einen Traum hat, Ehrfurcht auslöst – und bei jedem Bankier auf der Wall Street Angst. Und dieser Mann soll mich für ehrgeizig halten?«

Edison nickte seelenruhig. Dann wandte er sich zum ersten Mal seinem weiterhin an der Tür stehenden Mitarbeiter zu: »Mr Batchelor, wären Sie wohl so freundlich und holten mir diese Unterlagen, die auf Maryannes Schreibtisch liegen?«

Als Batchelor zurückkam, trug er einen fast meterhohen Papierstapel auf dem Arm.

»Einfach hier auf den Schreibtisch legen, das wäre ganz wunderbar, danke«, sagte Edison. »Nun, ich muss Ihnen wahrscheinlich nicht sagen, dass das hier alles Anklageschriften sind.«

»So, wie es aussieht, zumindest ein Großteil davon«, sagte Paul nach einem flüchtigen Blick auf die Blätter.

»Dreihundertzehn«, sagte Edison. »Auf diesem Stapel befinden sich, soweit ich weiß, dreihundertzehn Anklageschriften. Und sie alle richten sich gegen Tochtergesellschaften von Westinghouse.«

»Es sind dreihundertzwölf«, stellte Batchelor richtig. »Die Rhode-Island- und die Maine-Klage sind heute Abend noch fertig geworden.«

»Richtig, richtig. Dreihundertzwölf also. Sie sehen, ich prozessiere nicht nur gegen Sie. Ich gehe gerichtlich gegen alle vor, mit denen Sie Geschäfte machen. Ich klage gegen alle, mit denen Sie jemals Geschäfte gemacht haben: Jede Westinghouse-Tochtergesellschaft, jeder private oder staatliche Herstellungsbetrieb, jede Fabrik, jede Vertriebsniederlassung. Und die Sache ist die: Ich muss gar nicht jeden dieser Prozesse gewinnen. Noch nicht einmal den Großteil davon. Ich muss nur einen einzigen gewinnen. Sie erheben Gegenklage? Ich wünsche Ihnen viel Glück. Denn Sie werden mich nicht nur einmal schlagen müssen. Sie werden mich dreihundertzehn, Entschuldigung, dreihundertzwölf Mal schlagen müssen. Ohne Ausnahme.«

Edison fuhr mit dem Finger über die Mahagoni-Platte, vorbei an den geheimnisvollen Schachteln, versiegelten Glasröhrchen und dünnen Kupferstreifen bis hin zu einem schwarzen Knopf neben der Schreibtischkante.

»Gefällt Ihnen die Aussicht?« Edison sah aus dem Fenster. Jenseits der Scheiben erhob sich der untere Teil Manhattans aus dem Meer. Die Stadt flimmerte im Zwielicht von brennendem Öl und Gas, durchsetzt vom gelegentlichen Funkeln einer elektrischen Glühbirne. »Man kann die Freiheitsstatue von hier aus sehen.«

Da war sie, tatsächlich: Lady Liberty, gut zu sehen, obwohl so weit weg auf Bedloe’s Island. Paul dachte zurück an seine ersten Besuche in New York, als ihr Arm noch im Madison Square Park ausgestellt wurde, so lange, bis die Stadt dann genügend Geld aufgebracht hatte, um sie fertigzustellen. Vorher hatte Paul mit Freunden im Schatten ihres Ellbogens gepicknickt.

Das Licht der Statue war über die Entfernung nur schwach zu erkennen. Aber seine Quelle war eindeutig elektrisch. Die Fackel wurde von einem Stromgenerator betrieben, der auf der Pearl Street an der Südspitze der Insel stand. Es war Edisons Generator. Es war Edisons Licht.

»Der Standort Pearl Street hat uns in letzter Zeit einige Probleme bereitet«, sagte Edison. »Es gab hin und wieder Instabilitäten.« Er drückte kurz auf den schwarzen Knopf.

Und plötzlich ging das Licht aus. Ein Fingertippen von Thomas Edison, und die Fackel der Freiheitsstatue in fünf Meilen Entfernung erlosch.

»Strom kann eine derart unsichere Sache sein. Gas war immer so schön vorhersehbar. Sie nehmen eine Fuhre Kohle. Erhitzen sie, filtern sie, setzen sie unter Druck, nehmen ein Streichholz – und voilà: eine Flamme, die ein Zimmer erleuchtet. Mit der Elektrizität ist es komplizierter. Es gibt so viele verschiedene Arten von Glühbirnen – unterschiedliche Glühfäden, Gehäuse, Generatoren, Vakuen. Gibt es irgendwo auch nur eine Fehlfunktion, werden wir prompt ins finstere Mittelalter zurückgeworfen. Und trotzdem wird das alte Versorgungssystem zunehmend obsolet. Ein neues entsteht, um seinen Platz einzunehmen. Sobald es stabil läuft, also perfektioniert ist und allgegenwärtig, wird es kein Zurück mehr geben. Wissen Sie, die Polizei hat mir gesagt, dass alle Formen von verdammenswerter Gewalt an öffentlichen Orten rückläufig sind, sobald meine Lichter in Betrieb gehen. Dank meiner Helligkeit ist der Arbeitstag des Menschen nicht länger an den Sonnenuntergang gekoppelt. Die Produktivität in den Fabriken verdoppelt sich. Ob es Mitternacht ist oder Mittag – das macht keinen Unterschied mehr. Die Nacht unserer Vorfahren nähert sich ihrem Ende. Das elektrische Licht ist unsere Zukunft. Der Mann, der es kontrolliert, wird nicht nur zu einem unvorstellbaren Vermögen gelangen. Er wird nicht einfach nur die Politik diktieren. Er wird nicht bloß die Kontrolle haben über die Wall Street, Washington, die Zeitungen, die Telegrafengesellschaften und die Millionen elektrischer Haushaltsgeräte, von denen wir jetzt noch nicht einmal zu träumen wagen. Nein, nein, nein. Der Mann, der die Elektrizität beherrscht, wird zum Herrscher über die Sonne am Firmament.« Und mit diesen Worten drückte Thomas Edison erneut auf seinen schwarzen Knopf, und die Fackel der Statue ging wieder an.

»Die Frage, die Sie umtreiben sollte«, sagte er dann und lehnte sich im Sessel zurück, »ist nicht, wie weit zu gehen ich bereit bin, um zu gewinnen. Die Frage ist: Wie weit gehen Sie, bevor Sie verlieren?«

Ein guter Anwalt bekommt es nicht so leicht mit der Angst zu tun. Ein sehr guter Anwalt bekommt es überhaupt nie mit der Angst zu tun. Als Paul aber auf die weit entfernte und trotzdem so hell leuchtende Freiheitsstatue blickte, auf die rätselhaften Gerätschaften auf Edisons Schreibtisch, auf die dreihundertzwölf Klagen, die er abzuschmettern hatte, und auf das bleiche Gesicht des Mannes, der mit einem Finger zu tun vermochte, was sich Generationen von Newtons, Hookes und Franklins noch nicht einmal hätten vorstellen können, da hatte er eben doch Angst. Denn in diesem Augenblick erkannte Paul, was wahre Macht war.

Macht war ein Bedürfnis. Ein derartiges Bedürfnis nach etwas Großartigem, dass einen absolut nichts davon abhalten kann, es sich zu holen. Mit einem solchen Bedürfnis war der Sieg keine Frage des Willens, sondern lediglich eine Frage der Zeit. Und Thomas Edisons Bedürfnis zu gewinnen war größer als das jedes anderen Menschen, dem Paul je begegnet war.

Alle Geschichten sind Liebesgeschichten. Paul erinnerte sich, dass irgendein berühmter Mensch das einmal gesagt hatte. Thomas Edisons Geschichte machte da sicherlich keine Ausnahme. Alle Männer bekommen die Dinge, die sie lieben. Die Tragödie mancher Männer ist nicht, dass ihnen das Geliebte verwehrt bleibt, sondern dass sie sich wünschen, etwas anderes geliebt zu haben.

Leise sagte Edison: »Versuchen Sie’s nur, wenn Sie denken, Sie könnten mich aufhalten. Aber Sie werden es im Dunklen tun müssen.«

KAPITEL 3

Wunderkinder

Wenn man etwas Bedeutsames tun möchte, ist es notwendig, leicht unterbeschäftigt zu sein.

– JAMES WATSON, MITENTDECKER DER DNA

Ein Jahr zuvor war Paul noch ein strebsames junges Ausnahmetalent mit einer der begehrtesten Stellungen in der New Yorker Juristerei gewesen – und hatte noch keinen einzigen eigenen Mandanten gehabt.

Im Frühling ’86 war er einige Wochen vor seinem Abschluss an der juristischen Fakultät der Columbia University von dem ehrenwerten Walter Carter persönlich rekrutiert worden. Daraufhin nahm Paul eine Referendarstelle in der Kanzlei Carter, Hornblower & Byrne an. Er sollte bei Mr Carter selbst in die Lehre gehen. Hatte es damals einen Jurastudenten in der Stadt gegeben, der hinter diesem Posten nicht her war – Paul war ihm nie begegnet.

Daher brach für ihn eine Welt zusammen, als sich die Kanzlei nur wenige Monate später aufzulösen begann. Carter und Byrne sprachen plötzlich nicht mehr miteinander. Den Grund ihrer Zwistigkeiten erfuhr Paul nie; er spielte zum damaligen Zeitpunkt für ihn aber auch keine Rolle. Die beiden Partner gingen auseinander und gründeten jeweils neue Kanzleien, und Paul musste sich für eine Seite entscheiden.

Byrne nahm Hornblower mit, dazu sowohl den Großteil der Mandanten als auch praktisch das gesamte Renommee. Wäre Paul mit Byrne gegangen, wäre er Referendar bei der Kanzlei mit dem vermutlich besten Ruf der Stadt geworden.

Im Unterschied dazu sollte Carters neue Kanzlei nur ein Zwei-Mann-Betrieb sein. Wenn Paul mit einstiege, wären sie zu dritt. Carter hatte sich mit einem unerfahrenen Anwalt zusammengetan, Charles Hughes, der sogar noch jünger war als Paul, allerdings auch im Begriff stand, Carters Tochter zu ehelichen. In dem Familienunternehmen sollte es keine Referendare geben. Bedeutsame Mandanten hatte man ebenfalls noch nicht vorzuweisen. Alles würde einzig und allein abhängen von Carters gutem Namen, der jedoch in letzter Zeit durch das Zerwürfnis mit Byrne Schaden genommen hatte.

Aber gerade weil seine neue Firma so klein war, konnte Carter Paul etwas anbieten, was Byrne nicht bieten konnte: die Partnerschaft. Sicher, die von Carter vorgeschlagene Aufteilung – 60/24/16, und Paul mit dem Minderheitsanteil – war weit entfernt von großzügig. Und trotzdem … Bei keiner anderen Kanzlei der Welt würde Pauls Name so bald an der Tür stehen.

Wollte Paul also Byrnes Referendar sein? Oder Carters Partner?

Die Kanzlei Carter, Hughes & Cravath öffnete ihre Pforten am 1. Januar 1888.

In jener ersten Zeit war es von vorrangiger Bedeutung, Mandanten zu gewinnen. Carter schürfte in seinen jahrzehntealten Geschäftskontakten. Es erwies sich als hilfreich, dass Hughes die Eisenbahngesellschaft Rome, Watertown, and Ogdensburg Railroad früher schon mal in einem eher nebensächlichen, dafür aber langwierigen Prozess vertreten hatte. Paul hingegen konnte auf nichts weiter zurückgreifen als eine Handvoll Kumpels aus Universitätszeiten und eine einigermaßen annehmbare Verkaufsstrategie. Als es ihm aber nach Ablauf der sechsten Woche immer noch nicht gelungen war, auch nur einen einzigen Dollar Umsatz zu machen, wurde aus seiner Zuversicht langsam Enttäuschung. Jede Stunde, die er in der Stille seiner Nutzlosigkeit allein am Schreibtisch zubrachte, enttarnte ihn als Hochstapler.

Seine ehemaligen Kommilitonen stellten sich weder als hilfreich noch als mitfühlend heraus. »Ach, das ist ja mal wieder typisch Paul«, sagten sie, wenn er sich mit ihnen in ihren Clubs auf einen Scotch traf. »Es muss furchtbar hart sein, alles zu bekommen, was man will.«

Und das war es tatsächlich. Aber wie konnte er ihnen den Druck und die Unsicherheit einer Stellung begreifbar machen, für die sie sich gegenseitig frohgemut das Messer in den Rücken gerammt hätten? Ein jeder von ihnen wollte das, was er hatte. Aber Menschen, die ihm seinen Erfolg neideten, zu erzählen, dass ebenjener Erfolg nicht das bedeutete, was er sich erhofft hatte, sondern niemals nachlassenden Druck und Sorgen, die ihm immer noch mehr abverlangten – das wäre Verrat an seinen Träumen gewesen. Ein Aufgeben seiner ehrgeizigen Ziele aus, so nahm er irrtümlicherweise an, falscher Bescheidenheit.

Paul hatte schon immer ein Ausnahmetalent sein wollen. Aber was niemand ihm jemals gesagt hatte, war, dass Wunderkinder sich nicht wie Wunderkinder fühlen, sondern einfach nur alt. In dem Augenblick, in dem über ihr volles Erblühen gesprochen wird, fühlen sie sich bereits welk. Wenn sie für ihre Frühreife oder ihr jugendliches Genie gerühmt werden, weisen sie diesen Ruhm weit von sich, denn tief in ihrem Herzen wissen sie, dass sie längst uralt und im Verfall begriffen sind. Erst, nachdem viele Jahre der erbrachten Leistung sie von ihrer Unsicherheit befreit haben, erfahren sie, dass sie nun keine Wunderkinder mehr sind, sondern einfach nur außerordentliche Erfolgsmenschen. Und sie werden sich innerlich winden. Denn erst im Verblassen ihrer Großartigkeit werden sie erkennen, dass sie tatsächlich Wunderkinder waren.

Manchmal hatte Paul sich insgeheim gewünscht, wieder ein einfacher Kanzleiangestellter zu sein.

Aber dann kam vollkommen unerwartet die Einladung zu einem Dinner auf dem Anwesen von George Westinghouse. Es stellte sich heraus, dass Pauls entfernter Onkel Caleb vor Jahren eine Stelle in einer Westinghouse-Niederlassung in Ohio angetreten hatte. Als Caleb zufällig hörte, wie ein Mann aus der Chefetage sich verzweifelt über die ideenlose juristische Vertretung der Firma äußerte, machte er einen Vorschlag: Er habe da einen Neffen in New York, einen klugen jungen Mann. Nachgerade ein Wunderkind, das im aufsehenerregenden Alter von nur sechsundzwanzig Jahren just zum Partner des weithin geschätzten Walter Carter bestellt worden sei. Mr Westinghouse solle sich doch einfach einmal mit ihm zum Essen treffen. Vielleicht habe der Junge ja die eine oder andere Idee.

Als Caleb erstmalig über Pauls Vater ausrichten ließ, dass er seinen Neffen der Westinghouse Electric Company anempfohlen hatte, fühlte Paul sich leise beschämt. Für ein derartiges Mandat war er demütigend wenig qualifiziert. Er konnte sich die höfliche Ablehnung, mit der Westinghouse der Erwähnung seines Namens begegnet sein musste, lebhaft vorstellen.

Paul schrieb seinem Vater sogar, dass derartige familiäre Unterstützung zwar ganz sicher gutgemeint, aber eben doch auch etwas naiv sei. Er sei hier schließlich in New York und nicht in Tennessee. Als Antwort schickte Erastus Cravath eine kurze Nachricht zurück, die zwei Bibelstellen aus den Sprüchen und eine Mahnung an die herzliche Umarmung Jesu enthielt. Es war nicht der erste Briefwechsel, der Paul das Gefühl gab, dass sein Vater die Tiefe der Gewässer, in denen er schwamm, nicht ganz ermessen konnte.

Und doch traf zu Pauls Überraschung zwei Wochen später ein Brief bei ihm ein: »Mr George Westinghouse (Pittsburgh, Pennsylvania) erbittet sich morgen Abend das Vergnügen Ihrer Gesellschaft beim Dinner.«

Auf dem Weg nach Pittsburgh fuhr Paul zum ersten Mal in einem Zugabteil erster Klasse. Während der ganztägigen Reise nahm er sein einziges gutes, sorgfältig zusammengelegtes Dinner-Jackett nicht ein Mal von den Knien. Seine größte Angst war, dass dieses Jackett, das er am Vorabend hatte von Hand bügeln lassen, Falten bekam. Denn er hatte keinen Ersatz. An der juristischen Fakultät hatte er gelernt, dass man ein schwarzes Dinner-Jackett bei jedem formellen Abendessen tragen konnte, ohne dass irgendjemandem auffiel, dass man nur dieses eine besaß.

Am Bahnhof in Pittsburgh angekommen, wurde Paul zum Glen Eyre geleitet, Westinghouse’ Privatzug. Der brachte Paul – und zwar Paul allein – die sechs Meilen hinaus nach Homewood, den grünen Vorort, in dem die Familie Westinghouse ihre weiße Backsteinvilla bewohnte. Ein Mann, der genügend Züge entwirft, dachte Paul, bekommt irgendwann eine eigene Lokomotive. Westinghouse aber hatte gleich eine eigene Bahnstrecke.

Der Tisch war für sechzehn Personen gedeckt: ein paar Ingenieure aus Westinghouse’ Labor, ein Yale-Professor auf Besuch, einige hohe Tiere aus der Eisenbahnbranche und ein deutscher Investor, dessen Namen Paul nicht einmal richtig verstand. Marguerite Westinghouse hieß sie alle, an dem mit Sèvres-Porzellan und reingoldenem Besteck eingedeckten Tisch Platz zu nehmen, während ihr Ehemann sich um seine Salatsauce kümmerte. Marguerite erklärte, dass George das Dressing nach dem Rezept seiner Mutter immer selbst mache – davon könne ihn keine noch so große Armee angestellter Köche abhalten. In zwanzig Jahren Ehe habe sie ihrem Mann nicht einmal einen Salat zubereitet. An Marguerites Lächeln ließ sich ablesen, dass sie diese Geschichte häufig zum Besten gab, aber immer noch gern erzählte.

George Westinghouse begrüßte Paul mit einem festen Handschlag und einem langen Blick in die Augen. Um ihn anschließend gänzlich zu ignorieren. Westinghouse war eine imposante Erscheinung. Er hatte den Körperbau eines Bären, stattliche Koteletten und einen ausufernden, grau melierten Schnauzbart, der die Oberlippe vollständig und noch dazu einen Großteil der Unterlippe verdeckte. Er war zwar ein paar Zentimeter kleiner als Paul, aber der junge Anwalt fühlte sich neben ihm trotzdem zwergenhaft.

Bei Tisch wurde fast ausschließlich gefachsimpelt. Paul gab den Versuch zu folgen schnell auf. Die Eisenbahner waren alte Freunde von Westinghouse, noch aus den Siebzigerjahren, als sie alle zusammen Millionäre geworden waren. Sie stellten endlose Fragen über seine Druckluftbremsen. Einer von ihnen versuchte gar, Paul in die Unterhaltung einzubeziehen.

»Stimmen Sie Mr Jensons Hypothese denn nicht zu, Mr Cravath?«

»Ich bin mir sicher, dass ich das würde, wenn ich auch nur die leiseste Idee hätte, um was es hier geht«, gab Paul zurück und hoffte, dabei einen gewitzten, nonchalanten Eindruck zu machen. »Ich fürchte nur, ich habe die Naturwissenschaften in der Schule ausgelassen. Und der Mathematik auch den Laufpass gegeben.«

Der Gesichtsausdruck von Westinghouse am anderen Ende des Tisches machte deutlich, dass Pauls kesser Einwurf die falsche Taktik gewesen war.

»Der Tod der mathematischen Bildung wird der Tod dieses Landes sein«, stellte der Erfinder in den Raum. »Eine ganze Generation junger Männer, die noch nie von der Infinitesimalrechnung gehört hat, ganz zu schweigen davon, dass sie nicht über die Fähigkeit verfügt, momentane Änderungsraten zu bestimmen. Was wollt ihr jungen Leute bloß erfinden?«

»Nun, nichts«, gab Paul zurück. »Wenn Sie das mit dem Erfinden übernehmen, dann kann sich meine Generation ja darum kümmern, Ihre Rechte vor Gericht zu verteidigen.«

Westinghouse zuckte mit den Schultern und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Crème fraîche, die seine Suppe aus geröstetem Kürbis zierte.

Und das war die Gesamtsumme dessen, was Paul zur Unterhaltung beisteuerte. Seine einzige Chance, bei Westinghouse Eindruck zu schinden, hatte er vergeben. Paul ließ seine Verlegenheit an dem Bordeaux aus. Wer wusste schon, ob er je wieder eine derart teure Flasche kredenzt bekäme?

Durch eine flapsig hingeworfene Bemerkung des Professors wurde er kurzzeitig aus der Niedergeschlagenheit gerissen, mit der er das Weinglas fixierte. Es waren nur ein paar Worte, die Paul über den Tisch hinweg auch nur halb verstanden hatte. Es ging um das Institut für Physik in Yale. Der Professor grummelte etwas über einen neuen Promovenden. Der übliche griesgrämige Tratsch des akademischen Betriebs. Doch ein Wort stach heraus. »Ein Neger im Physikinstitut?«, meinte der Professor mit müdem Kopfschütteln. »Ein paar von denen am College zu haben ist das eine. Aber als Lehrkraft? Und noch dazu in den Naturwissenschaften?«

»Wäre es Ihnen lieber, er hielte seine Vorlesungen woanders?« Es war bereits ausgesprochen, als Paul auffiel, dass er das tatsächlich laut gesagt hatte.

»Pardon?«, kam es von dem eindeutig überraschten Professor.

»Ich … nun ja …«, stammelte Paul. Weiterzusprechen wäre Wahnsinn, geradezu grob unhöflich. Da übernahm der Wein das Reden für ihn. »Ich gehe davon aus, Sie würden es bevorzugen, wenn der Mann andernorts Physik lehrte? Wenn er statt Ihrer Studenten die nichtsnutzigen Trottel am MIT mit sich hinabzöge?«

»Nichtsnutzige Trottel vom MIT habe ich selbst schon mehr als nur ein paar kennengelernt«, sagte Westinghouse im Versuch, die Situation in aller gebotener Eile zu entschärfen.

»Vielleicht könnte er ja an einer seiner eigenen verdammten Universitäten Vorlesungen halten«, sagte der Professor.

»Unglücklicherweise«, erwiderte Paul, »gibt es an keinem der Neger-Colleges einen Physik-Studiengang. Obwohl ich mir habe sagen lassen, dass man an der Fisk Universität bald einen einrichten wird. Eine Generation, die man ansonsten an die Felder hätte verlieren können, wird stattdessen mehr von Ihren Druckluftbremsen und von elektrischer Verdrahtung verstehen, als ich jemals in der Lage wäre.«

»Und woher wissen Sie das?«, fragte der Professor.

»Weil mein Vater einer der Gründer der Fisk University ist.«

Die Tischrunde verstummte. Paul hatte die Unbehaglichkeit der Situation mit der Kraft einer Westinghouse-Dampfmaschine um ein Vielfaches vergrößert.

»Ihr Vater hat ein Neger-College gegründet?«, kam es mit Neugierde in der Stimme vom Gastgeber.

»Das ist bei uns Familientradition, Mr Westinghouse«, sagte Paul.

Normalerweise war Paul nicht besonders stolz darauf, diese Geschichte zu erzählen. Er stimmte zwar den politischen Überzeugungen seiner Eltern zu, aber er stolzierte nicht herum und gab sie überall zum Besten. Vielleicht lag es am Wein. Vielleicht auch an der Scham, sich bei einem so eleganten Dinner derart fehl am Platz zu fühlen. Oder es lag schlicht an der Liebe zu seiner Familie, die ihn, sollte er in New York scheitern, mit Freuden wieder in dem Farmhaus in Tennessee aufnehmen würde. »Schon mein Großvater hat sich sehr früh für ein kleines College in Ohio engagiert, ein College mit dem Namen Oberlin. Er ist für die Bildung von Frauen eingetreten, und das College wurde sein großes Experiment. Männer und Frauen gemeinsam in Vorlesungssälen. Ich selbst habe dort studiert. Meine Eltern lernten sich am Theologischen Seminar von Oberlin kennen, heirateten, und mein Vater wurde Diakon. Im Krieg diente er als Kaplan, was ihn zu einem Anliegen brachte, das ihm ebenso viel bedeutete wie meinem Großvater die Frauenbildung: die Bildungsprobleme nämlich, mit denen es die Neger im Süden zu tun haben. Mein Vater ist ein tief gläubiger Mann und hatte das Gefühl – er hat es bis heute –, dass Gott ihn aus einem ganz bestimmten Grund auf diese Erde geschickt hat. Und er glaubt, erkannt zu haben, welcher Grund das ist: ein College zu gründen, das für den Neger aus den Südstaaten das tut, was Yale für den reichen New Yorker getan hat.«

Auf Pauls Ansprache folgte kein Applaus. Nur das unbehagliche Klirren von Suppenlöffeln gegen Porzellan. Er hatte keine kluge intellektuelle Argumentation geführt. Er hatte sich schlicht zum Narren gemacht.

Das Dinner nahm seinen Gang. Die Schamesröte färbte Pauls Gesicht während der gesamten Käsespeise. Und dann sagte Westinghouse etwas, das nicht nur Paul, sondern auch jeden anderen Gast am Tisch überraschte.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, mich in mein Arbeitszimmer zu begleiten, Mr Cravath?«

Immer noch unsicher, ob Westinghouse sich nicht versprochen hatte, folgte Paul dem Erfinder in dessen Arbeitszimmer. Der Schreibtisch allein schien größer zu sein als Pauls gesamte Wohnung in Manhattan. Der Boden war mit dicken Perserteppichen ausgelegt, ein mit Technikzeitschriften bestücktes Regal reichte bis unter die Decke. Westinghouse schloss die Tür hinter ihnen.

»Zigarre?«, bot er an.

»Nein, danke«, sagte Paul. »Ich rauche leider nicht.«

»Ich auch nicht. Ich kann den Geruch nicht ausstehen. Aber Marguerite sagt, es sei unhöflich, keine Zigarren für Gäste da zu haben.« Er goss einen uralten Scotch in zwei Whiskygläser. »Mein Junge, ich habe den Eindruck, Sie könnten eine ehrliche Haut sein.«

»Ich bin geschmeichelt, Sir. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Ehrlichkeit in meiner Branche ein erstrebenswerter Ruf ist.«

»Ich habe neuerdings einen recht dringenden Bedarf an einem Mann mit Überzeugungen.« Westinghouse legte eine Pause ein, suchte offenbar nach einem Weg, das anstehende Thema möglichst treffend zur Sprache zu bringen. »Gegen mich wird Klage erhoben.«

Darüber war Paul sehr wohl im Bilde. Seitdem die Einladung zum Dinner bei ihm eingegangen war, hatte er sämtliche Zeitungsberichte über Westinghouse’ rechtliche Schwierigkeiten verschlungen. Der Streit wurde überaus öffentlich ausgetragen. »Thomas Edison hat Sie verklagt wegen der Verletzung seines Patents auf die Glühfadenlampe.«

»Edisons Glühbirnen sind furchtbar – die Konstruktion ist von minderer Qualität und hinkt zwei Generationen hinter den meinigen her. Es gibt ein Dutzend Firmen im ganzen Land, deren Konstruktionen besser entwickelt sind als die von Edison. Nur rein zufällig sind meine Birnen die mit Abstand besten von allen.«

»Ihre sind vielleicht die besseren. Aber Edisons waren die ersten. Juristisch von Belang ist Letzteres. Sie haben das Problem, dass er derjenige mit dem Patent ist.«

»Ich habe Edisons Glühlampenentwurf nicht kopiert. Ich habe ihn lediglich verbessert. Und zwar erheblich. Im Vergleich mit seiner verhält sich meine Glühbirne wie ein Motorwagen zu einem Pferdegespann. Wäre es denn gerecht, Herrn Benz den Verkauf von Ersterem aufgrund der Existenz von Letzterem zu verbieten? Natürlich nicht. Edison zieht also gar nicht gegen mich vor Gericht, sondern gegen den Fortschritt selbst, weil ihm die Fähigkeit abgeht, ihn zu erfinden.«

»Das klingt, als könnten Sie einen sehr guten Anwalt gebrauchen«, stellte Paul in den Raum.

»Einen sehr guten Anwalt, der keine Angst vor Thomas Edison hat.«

Westinghouse faltete seinen ausladenden Körper in einen ledernen Armsessel und nippte an seinem Scotch. »Sollten Sie sich der Sache der Gerechtigkeit verpflichtet fühlen, dann kann ich Ihnen versprechen, dass Sie keine gerechtere Sache finden werden als unsere Verteidigung gegen Edison. Ihre Kanzlei ist klein. Das ist gut. Wenn ich jemanden beauftrage, erwartete ich seine volle Aufmerksamkeit. Auch ich habe Nachforschungen getätigt. Kein Grund, so überrascht aus der Wäsche zu schauen. Einen Anwalt kann sich jeder besorgen, Mr Cravath. Ich aber brauche einen Partner. Ich brauche einen ehrenhaften Mann, der keine Angst davor hat, mich auch mit schwierigen Wahrheiten zu konfrontieren. Technisch gesehen bin ich der versierteste Erfinder unserer Zeit. Was manche Menschen einschüchtert. Sie vielleicht auch?«

»Sie beeindrucken mich«, sagte Paul, »aber einschüchtern tun Sie mich nicht – und das wird auch weiterhin nicht geschehen. Was in Bezug auf Thomas Edison übrigens nicht anders aussieht.«

Westinghouse ließ ein leises Lachen hören. »Das glauben sie am Anfang alle. Und dann merken sie, in was sie da hineingeraten sind.«

»Und in was würde ich hineingeraten?«

»In dieses Verfahren … Und das ist beachtlich.«

»Ohne Zweifel.«

»Noch sind meine Buchhalter dabei, sich die Zahlen anzusehen, um den Umfang der ganzen Sache näherungsweise ermessen zu können. Es ist quasi unmöglich, für die elektrische Innenraumbeleuchtung einen exakten Wert festzulegen, Sie verstehen.«

»In meiner vorherigen Kanzlei, in der ich ebenfalls für Mr Carter gearbeitet habe, war ich mit einem der Prozesse der Investmentbank Kuhn und Loeb befasst.« Paul übertrieb. Er hatte mit dem Fall nur peripher zu tun gehabt. Was Westinghouse allerdings sicher nicht wissen konnte. »Es ging um eine Schadensersatzklage über 275 000 Dollar. Ziemlich beispiellos. Und wir haben gewonnen.«

Westinghouse hob eine Augenbraue. »Das ist viel Geld.«

»Ja.«

»Thomas Edison verklagt mich auf eine Milliarde Dollar.«

Westinghouse studierte den Ausdruck auf Pauls Gesicht und verzog den Mund dann – zum ersten Mal an diesem Abend – zu einem großen, breiten Lächeln.

»Nun denn«, meinte er. »Wollen Sie den Job noch?«

KAPITEL 4

Ein Kompromissvorschlag

Überhaupt konnte man nicht erfolgreich Wissenschaft treiben, ohne sich darüber klar zu sein, daß die Wissenschaftler – im Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung, wie sie auch von Zeitungen und von Müttern mancher Forscher verbreitet wird – zu einem beträchtlichen Teil nicht nur engstirnig und langweilig, sondern auch einfach dumm sind.

– JAMES WATSON, MITENTDECKER DER DNA

Alle erforderlichen Dokumente wurden nach New York geschickt, die Verträge wanderten von hier nach dort und wurden unterschrieben. Mit Geld gefüllte Koffer kamen an. Westinghouse zahlte nicht nur pünktlich – er zahlte sogar im Voraus. Carter, der Seniorpartner, war überglücklich. Der jüngere Hughes hingegen war unverhohlen eifersüchtig, immerhin hatte der Juniorpartner gerade einen Vertrag mit einem der vornehmsten Mandanten im ganzen Land abgeschlossen. Aber die Modalitäten ihrer Partnerschaft ließen keinen Zweifel: Paul war derjenige, der Westinghouse als Mandanten gewonnen hatte, und das bedeutete, dass es sein Fall war. Die Seniorpartner konnten zwar ihre 84 Prozent des Honorars einbehalten, aber die Anerkennung bekamen sie nicht.

In den folgenden drei Monaten hörte Paul wenig von seinem einzigen Klienten. Er erhielt nichts von ihm, was als Einführung oder Orientierungshilfe hätte dienen können. Das Spezifische des Rechtswesens schien Westinghouse nicht weiter zu kümmern. Wenn Paul technische Zeichnungen diverser fraglicher Apparate erbat, erhielt er sie unverzüglich und kommentarlos. Wenn Paul seinem Auftraggeber Kopien seiner Einlassungen schickte, kam keine Antwort. Ihre unregelmäßigen Treffen in Pittsburgh brachte Westinghouse größtenteils schweigend zu. So, als wartete er auf etwas, das Paul noch nicht ausgesprochen hatte. Paul reagierte auf das Schweigen seines Mandanten, indem er einfach immer weiterredete. Wortreiche Ausführungen waren seine bestmögliche Annäherung an Freundlichkeit.

Nur, wenn es um irgendeinen wissenschaftlichen Punkt ging, kam Leben in Westinghouse. Dann sprach er lange und mit überlauter Stimme. Westinghouse schien nur zwei Arten der Interaktion zu kennen: schweigen oder Vorträge halten. Oft hatte Paul das Gefühl, dass Westinghouse ihm nicht richtig zuhörte. Dann stellte er ihm eine Frage. Meist brütete Westinghouse in diesen Fällen noch lange über irgendwelchen auf seinem Schreibtisch liegenden Unterlagen, bevor er eine Antwort gab – zu einem vollkommen anderen Thema.

Manchmal hatte Paul auch den Eindruck, dass er genauso gut das Silber seines Mandanten hätte polieren können, statt zu versuchen, sein Unternehmen zu retten.

Das einzige nicht wissenschaftliche Thema, bei dem der Ältere eine klare Regung zeigte, war Edison. Bei jeder Erwähnung dieses Namens schlich sich ein verächtliches Grinsen in Westinghouse’ Gesicht. Angesichts der Unterstellung – die Edisons Anwälte in aller Umständlichkeit formuliert hatten –, dass Edison die Glühbirne erfunden habe und Westinghouse sich widerrechtlich an dessen Arbeit bereichere, sprudelte die Empörung nur so aus Westinghouse heraus.

Und wer hatte recht? Paul war weder Wissenschaftler noch Ingenieur. Er wusste es nicht. Seine Aufgabe war es, seinen Mandanten mit Feuereifer zu verteidigen, und das würde er tun. Seine eigene Zukunft hing davon ab, dass er hier erfolgreich war. Wenn Westinghouse ihm nur irgendeine Hilfe gewesen wäre.

An dem Tag, nachdem der Monteur über dem Broadway in Flammen aufgegangen war und das mitternächtliche Treffen mit Edison stattgefunden hatte, brach Paul umgehend nach Pittsburgh auf. Nicht, dass er bei seinem Mandanten höflich um eine Audienz ersucht hätte: Er telegrafierte einfach nur, dass er am Abend da sein würde.

Als Paul eintraf, fand er Westinghouse im Labor. Ohne Überzieher und mit hochgekrempelten Ärmeln, ganz versunken in die Betrachtung einer stählernen Scheibe auf der Werkbank vor ihm.

Während Paul die Ereignisse referierte, die sich in Edisons Büro zugetragen hatten, liebkoste Westinghouse das Gerät vor ihm, fuhr zärtlich mit den Fingern über dessen ungeschliffene Kanten. Als könnte seine Berührung ausreichen, um den unvollendeten Mechanismus zum Leben zu erwecken.

»Edison hat versucht, mich einzuschüchtern«, erklärte Paul. »Was nicht unbedingt schlecht ist, denn es bedeutet, dass er selbst vor irgendetwas Angst hat.«

Westinghouse wedelte mit einer Hand durch die Luft. »Sie sagen, er hatte eine Vorrichtung auf seinem Schreibtisch, mit der er die Fackel der Statue ein- und ausschalten konnte? Das ist nicht möglich.«

Paul war unsicher, was er darauf sagen sollte.

»Wie groß ist die Entfernung zwischen der Fifth Avenue und der Freiheitsstatue?«, überlegte Westinghouse laut. »Das müssen vier Meilen sein. Oder sogar fünf. Undenkbar, dass Edisons Strom eine derartige Strecke überbrückt. Sein Strom schafft es vom Generator aus nur wenige Hundert Meter weit. Wie sah sie denn aus?«

»Na, wie die riesenhafte Statue einer Frau, die eine Fackel in der Hand hält und …«

»Nein, nein, diese Vorrichtung. Auf dem Schreibtisch. Wie sah der Schalter aus?«

Paul starrte seinen Mandanten an. Während er sich sammelte, zog er den Windsor-Knoten seiner langen schwarzen Krawatte fest. »Ich fürchte, Sir, daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Es ist das Entfernungsproblem«, hub Westinghouse mit einem Vortrag an. »Meine Leute verbringen schlaflose Nächte bei dem Versuch, es zu lösen. Elektrischer Strom mit einer Spannung, wie sie notwendig ist, um eine Glühbirne mit Energie zu versorgen, kommt nicht weiter als ein paar Hundert Meter. Dann versiegt er. Edison muss ein telegrafisches Signal gesendet haben – ja, das ist es. Es war ein Morsecode an den Mann im Kraftwerk Pearl Station, der dann wiederum die Fackel für ihn an- und ausgemacht hat. Das ist die einzig mögliche Erklärung. Undenkbar, dass Edisons Team das Entfernungsproblem gelöst hat. Das glaube ich nicht.«

Paul ließ sich keine Reaktion ansehen. Als Herzblutingenieur neigte Westinghouse dazu, sich geradezu manisch auf winzigste technische Feinheiten einzuschießen, dabei aber die größeren, drängenderen Probleme aus dem Blick zu verlieren. Hier ging es um eine Milliarde Dollar, und Westinghouse war ausschließlich an der Form von Edisons Schaltern interessiert. Paul musste seinem Mandanten irgendwie beibringen, dass es keine Rolle spielte, wessen Schalter eleganter konstruiert war: Wenn es Edison gelang, ihn bis zur Bedeutungslosigkeit zu verklagen, würde Westinghouse höchstens noch Dynamos auf einem Hinterhof in der Bowery basteln.

»Außer«, fuhr Westinghouse fort, »dieses Schauspiel war eigentlich für mich gedacht und gar nicht für Sie. Er kann ja davon ausgehen, dass Sie mir Bericht erstatten, und wollte mich glauben machen, dass er das Entfernungsproblem gelöst hat. Mir will er Angst machen. Tja. Das hat wohl nicht geklappt, was?«

»Sie können Anwälte nicht besonders gut leiden, habe ich recht, Sir?«, fragte Paul.

Ein neugieriger Ausdruck legte sich auf Westinghouse’ Gesicht. Paul hatte seine Aufmerksamkeit gewonnen.

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Aber nichtsdestoweniger haben Sie zum jetzigen Zeitpunkt einen Anwalt bitter nötig. Und ich wiederum brauche Sie, um meinen Job erledigen zu können.«

»Also schön.«

»Zu meinen Aufgaben gehört es, jede potenzielle Vorgehensweise zu identifizieren, die möglicherweise Ihren Interessen dient. Vor allem, wenn Ihnen diese Vorgehensweise vorher noch gar nicht bewusst gewesen sein mag.«

Westinghouse zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Paul konnte nicht sagen, ob er seinen Mandanten mit seiner Predigt oder lediglich mit seiner Unverfrorenheit beeindruckt hatte.

»Ich würde es begrüßen, wenn wir über einen Kompromiss nachzudenken begännen«, schlug Paul vor.

»Einen Kompromiss?«

»Der Ihnen und Ihren Produkten zugutekommt. Ob sie nun gerecht ist oder nicht: Das ist die Welt, in der wir leben.«

»Was genau meinen Sie denn mit einem Kompromiss?«

»Das zu bestimmen steht mir nicht zu«, sagte Paul diplomatisch. »Es gibt eine Vielzahl von Wegen, auf denen ein Kompromiss erzielt werden kann. Uns bleibt noch Zeit, um zu entscheiden, welcher der Ihnen zuträglichste wäre.«

»Zum Beispiel?«

»Beispielsweise eine Fusion. Die Westinghouse and Edison Electrical Company. Oder nennen Sie sie die American Electrical Company. Um es einfach zu halten, streichen wir vielleicht lieber Ihre beiden Namen. Oder – wie wäre das? Eine Lizenzvereinbarung, ähnlich der, die wir mit Sawyer und Man getroffen haben. Sie verkaufen Edisons Generatoren und zahlen dafür eine Lizenzgebühr, während er Ihre Glühbirnen verkauft, die seinen ja weit überlegen sind, und er zahlt dafür an Sie eine Lizenzgebühr. Oder Sie verkaufen, im Rahmen eines ähnlichen Lizenzsystems, beide sowohl Ihre eigenen Glühbirnen und Generatoren als auch die des anderen und lassen die Verbraucher entscheiden, welche sie favorisieren.«

»Meine sind besser.« Westinghouse’ knapper, aber vollkommen ernst gemeinter Einwurf riss ein Loch in den Gesprächsfluss.

»In Ordnung.« Was hätte Paul auch sonst sagen sollen?

»Edisons Glühbirnen gehen ständig kaputt. Seine Generatoren müssen sogar noch öfter repariert werden als seine lausigen Telegrafen. Wissen Sie, dass die Glühbirnen, die er verkauft, nur halb so lange halten wie meine? Und nur Dreiviertel der Helligkeit produzieren? Ein Produkt also, das in jeglicher Hinsicht minderwertig ist. Und trotzdem kaufen die Leute sie in Wagenladungen. Er verkauft viermal so viele wie ich, trotz der Konstruktionsmängel. Wer weiß warum? Merken die Leute denn nicht, dass Edison die Geduld fehlt – ganz zu schweigen von der handwerklichen Fähigkeit und Raffinesse –, um tatsächlich Qualitätsprodukte zu entwickeln? Sein Konzern stellt derart viele Dinge her und hat eine derart große Produktpalette – aber trotzdem ist jedes einzelne Ding, Sie entschuldigen, Mist. Schlichtweg Mist. Edison produziert Mist und verkauft so viel davon, dass niemandem auffällt, dass alles nur Mist ist. Mist ist das, was Thomas Edison erfunden hat. Die Glühbirne dagegen habe ich erfunden. Ich habe sie perfektioniert, ich habe sie gebaut. Meine ist die beste Glühbirne der Welt – und sie wird ständig besser.«

Sein Mandant erinnerte Paul an niemanden so sehr wie an Edison. Die beiden Männer ähnelten sich auf fast perverse Art und Weise. Jeder war sich seines eigenen Genies so sicher, dass er für das des anderen nur Verachtung übrig hatte.