Beschreibung

Christine & Adam: eine Geschichte voll Schmerz, Glück und Lachen – von einer Liebe, die Leben rettet. Adam will einfach nur, dass alles aufhört. Er ist über das Geländer der Brücke geklettert und schaut hinunter in das kalte, schwarze Wasser. Christine will einfach nur helfen. Mit einem Deal kann sie Adam vom Springen abhalten: Bis zu seinem nächsten Geburtstag wird sie ihn überzeugen, dass das Leben lebenswert ist!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 498


Cecelia Ahern

Die Liebe deines Lebens

Roman

Aus dem Englischen von Christine Strüh

FISCHER E-Books

Inhalt

Für David,1 Wie man jemanden beruhigt2 Wie man seinen Mann verlässt (ohne ihn zu verletzen)3 Wie man ein Wunder erkennt und was man tun kann, wenn man eines erlebt4 Wie man sich gut festhält5 Wie man die nächste Ebene einer Beziehung erreicht6 Wie man seine Gedanken beruhigt und in den Schlaf findet7 Wie man Freundschaften aufbaut und Vertrauen schafft8 Wie man sich ehrlich entschuldigt, sobald einem klar wird, dass man jemanden verletzt hat9 Dreißig einfache Methoden, das Leben zu genießen10 Wie man ein Omelett brät, ohne die Eier kaputtzumachen11 Wie man vom Erdboden verschwindet und unauffindbar wird12 Wie man ein Maria-Problem angeht13 Wie man lernt, seine Mitmenschen zu respektieren und zu würdigen14 Wie man den ganzen Kuchen haben kann15 Wie man erntet, was man gesät hat16 Wie man das Leben organisiert und vereinfacht17 Wie man aus der Masse hervorsticht18 Wie man absolut alles wieder in Ordnung bringt19 Wie man sich aufrappelt und den Staub abklopft20 Wie man Farbe bekennt21 Wie man ein Loch gräbt und auf der anderen Seite der Welt wieder herauskommt22 Acht einfache Methoden, Erbstreitigkeiten zu schlichten23 Wie man sich auf einen Abschied vorbereitet24 Wie man sich auf ganz einfache Weise in seiner Verzweiflung suhlt25 Wie man um Hilfe bittet, ohne das Gesicht zu verlieren26 Wie man das Positive an einem Dilemma entdeckt27 Wie man feiert, was man erreicht hatDanksagung

Für David,

der mir gezeigt hat, wie man sich verliebt

1 Wie man jemanden beruhigt

Man sagt, der Blitz schlägt nie zweimal ein. Stimmt aber nicht. Na ja, dass die Leute das sagen, stimmt schon, aber als Tatsache ist es falsch.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass Wolke-Erde-Blitze häufig an zwei oder mehr Stellen in den Boden einschlagen und dass die Chance, getroffen zu werden, um etwa fünfundvierzig Prozent höher ist als allgemein angenommen. Meistens will man mit dem Spruch ja ausdrücken, dass der Blitz nie mehrmals denselben trifft, doch auch das stimmt nicht. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz getroffen zu werden, bei eins zu dreitausend liegt, wurde Roy Cleveland Sullivan, ein Park-Ranger aus Virginia, in seinem Leben siebenmal vom Blitz erwischt. Roy überlebte sämtliche Blitzschläge, jagte sich aber mit einundsiebzig Jahren eine Kugel in den Bauch – wie man munkelte, nahm er sich das Leben aus Liebeskummer. Wenn die Leute auf die beliebte Blitzmetapher verzichten und stattdessen einfach sagen würden, was sie meinen, wäre das: »Das gleiche sehr unwahrscheinliche Ereignis passiert einem Menschen nie zweimal.« Allerdings stimmt das auch nicht. Wenn sich Roy wirklich aus Liebeskummer umbrachte, dann wusste er sicher besser als alle anderen, dass dieser ganz besondere Schmerz, der mit einem gebrochenen Herzen einhergeht, ihn durchaus noch einmal treffen könnte, auch wenn es unwahrscheinlich war. Was mich zum Kern meiner Geschichte bringt, dem ersten meiner beiden höchst unwahrscheinlichen Erlebnisse.

Es war elf Uhr in einer eiskalten Dubliner Dezembernacht, und ich befand mich an einer Stelle, an der ich noch nie gewesen war. Das soll keine Metapher für meine psychische Verfassung sein, auch wenn sie ziemlich passend wäre. Ich meine nur, dass ich diesen Ort noch nie betreten hatte, jedenfalls nicht in seiner gegenwärtigen Form. Ein eisiger Wind fuhr durch die verlassene Wohnsiedlung in der Southside und heulte zwischen zerbrochenen Fensterscheiben und losem Gerüstmaterial eine gespenstische Melodie. Schwarze Risse, wo Fenster hätten sein sollen, bedrohliche Löcher und herausgerissene Steinplatten in unfertigem Mauerwerk, wahllos auf Balkone und Fluchtwege gehäufte Kabel und Rohre, die irgendwo anfingen und im Nichts endeten – die perfekte Kulisse für eine Tragödie. Allein bei dem Anblick dieser verwahrlosten Einöde überfiel mich ein Frösteln, das nichts mit den frostigen Temperaturen zu tun hatte. In diesen Wohnblocks hätten hinter zugezogenen Vorhängen Familien schlafen sollen, aber die Siedlung war vollkommen leblos, verlassen von ihren Bewohnern, die hier in tickenden Zeitbomben gelebt hatten, mit einer Liste von Brandschutzproblemen so lang wie die Lügen-Liste der Bauunternehmer, die ihr Versprechen auf erschwingliche Luxuswohnungen nicht gehalten hatten.

Ich hätte nicht hier sein sollen. Ich hatte das Gelände unrechtmäßig betreten, aber das war es nicht, was mir hätte Sorgen machen sollen. Es war gefährlich, ich hatte hier nichts zu suchen. Jeder normale Mensch hätte kehrtmachen und dorthin zurückgehen sollen, woher er gekommen war. Das wusste ich alles, aber ich ging trotzdem weiter, verstrickt in eine heftige Debatte mit meinem Bauchgefühl. Und schließlich betrat ich eins der Gebäude.

Fünfundvierzig Minuten später stand ich zitternd wieder draußen und wartete auf die Polizei, wie es mir der Mann in der Notrufzentrale aufgetragen hatte. In der Ferne sah ich schon die Lichter des Krankenwagens, kurz darauf folgte ihm ein Polizeiauto in Zivil, und heraus stürzte Detective Maguire, ein unrasierter Mann mit zerzausten Haaren und zerfurchtem, fast hagerem Gesicht, den ich später als enorm gestresstes emotionales Pulverfass kennenlernte. Wenn er zu einer Rockband gehört hätte, wäre sein Aufzug als cool durchgegangen, aber die Tatsache, dass er ein siebenundvierzigjähriger Detective im Einsatz war, minderte den stylischen Aspekt beträchtlich und betonte eher noch den Ernst der Situation, in die ich mich gebracht hatte. Nachdem ich ihm und seinen Kollegen den Weg zu Simons Apartment beschrieben hatte, ging ich wieder nach draußen und wartete darauf, meine Geschichte zu erzählen.

Ich berichtete Detective Maguire von Simon Conway, dem sechsunddreißigjährigen Mann, den ich im Innern des Gebäudes getroffen hatte und der zusammen mit fünfzig anderen Familien wegen Sicherheitsmängeln aus der Siedlung evakuiert worden war. Simon hatte hauptsächlich über Geldprobleme gesprochen, in die er geraten war, weil er die Hypothek für die Wohnung, in der er nicht wohnen durfte, abzahlen musste, während die Kommune die Kosten für die Ersatzunterbringung nicht mehr übernehmen wollte. Obendrein hatte er seinen Job verloren. Obwohl mir das, was ich gesagt hatte, teilweise nur noch verschwommen bewusst war, rekonstruierte ich mein Gespräch mit Simon, so gut ich konnte, für Detective Maguire, vermischte allerdings gelegentlich das, was ich meiner Erinnerung nach gesagt hatte, mit dem, was ich nach meiner jetzigen Meinung hätte sagen sollen.

Es war nämlich so, dass Simon Conway einen Revolver in der Hand hielt, als ich in das verlassene Apartment trat. Ich glaube, ich war überraschter als er. Möglicherweise dachte er, die Polizei hätte mich geschickt, um mit ihm zu reden, und ich hatte das auch nicht bestritten. Er sollte ruhig denken, dass im nächsten Zimmer eine ganze Armee von Leuten wartete, während er mit seiner schwarzen Pistole herumwedelte und ich mich anstrengen musste, mich nicht einfach zu ducken und aus dem Zimmer zu laufen. Eine immer größere Panik stieg in mir auf, aber ich versuchte, ihn zu beruhigen und zu überreden, die Waffe wegzulegen. Wir sprachen über seine Kinder, ich tat mein Bestes, ihn auf das Licht in seiner momentanen Finsternis hinzuweisen, und ich brachte ihn tatsächlich dazu, die Waffe auf die Küchentheke zu legen, so dass ich die Polizei zu Hilfe rufen konnte. Aber als ich auflegte, passierte etwas. Zwar waren meine Worte vollkommen harmlos, aber jetzt weiß ich, dass sie besser ungesagt geblieben wären, denn sie lösten irgendetwas in Simon aus.

Er sah mich an, und mir war klar, dass er mich nicht wirklich sah. Sein Gesicht war völlig verändert. In meinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken, aber ehe ich etwas sagen oder tun konnte, griff er nach der Waffe und hielt sie sich an den Kopf. Und dann ging der Revolver los.

2 Wie man seinen Mann verlässt (ohne ihn zu verletzen)

Manchmal, wenn man etwas wirklich Reelles, Wahres sieht oder erlebt, möchte man sofort aufhören, noch irgendwo so zu tun, als ob. Man fühlt sich plötzlich wie ein Idiot, wie ein Scharlatan. Man möchte den Kontakt zu allem abbrechen, was unecht ist, ganz gleich, ob es sich um etwas Harmloses handelt oder um die ernsteren Dinge des Lebens – zum Beispiel um die eigene Ehe. Bei mir war es Letzteres.

Wenn man andere Leute darum beneidet, dass ihre Ehe in die Brüche geht, weiß man, dass man selbst Eheprobleme hat. Genau das hatte ich in den letzten Monaten empfunden, ich befand mich in diesem seltsamen Zustand, in dem man etwas weiß und es gleichzeitig nicht weiß. Als meine Ehe am Ende war, wurde mir klar, dass ich schon die ganze Zeit gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Solange ich drinsteckte, hatte ich natürlich auch glückliche Augenblicke und war im Großen und Ganzen zuversichtlich. Natürlich können aus einer positiven Einstellung viele gute Dinge erwachsen, aber pures Wunschdenken eignet sich nicht als Basis für eine Beziehung. Und das Ereignis in der verlassenen Siedlung – die Simon-Conway-Erfahrung, wie ich es gerne nannte – öffnete mir die Augen. Es war eine der realsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens, und sie führte dazu, dass ich nicht mehr bereit war zu heucheln, ich wollte nicht mehr so tun, als ob, ich wollte selbst eine reale Person sein, ich wollte, dass alles in meinem Leben echt und ehrlich war.

Meine Schwester Brenda glaubte, es wäre auf eine Art posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführen, dass ich meine Ehe beendete, und sie riet mir inständig, mit jemandem darüber zu reden, worauf ich ihr erklärte, dass ich das bereits tat, dass der innere Dialog schon vor einiger Zeit begonnen hatte. So war es im Grunde ja auch, Simon Conway hatte die Erkenntnis nur beschleunigt. Das war natürlich nicht, was Brenda hören wollte, denn sie meinte selbstverständlich ein Gespräch mit einem ausgebildeten Psychologen und kein alkoholisiertes Schwätzchen bei einer Flasche Wein in ihrer Küche, mitten in der Nacht, mitten in der Woche.

Mein Mann – Barry – hatte verständnisvoll und unterstützend reagiert, als ich in der Nacht nach Hause kam, und auch er hielt meine plötzliche Entscheidung für eine Nachwirkung des Revolverschusses, aber als ich meine Sachen packte und unser gemeinsames Heim verließ, wurde auch ihm klar, dass ich es ernst meinte, und auf einmal fing er an, mir die gemeinsten Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Ich machte ihm keinen Vorwurf – obwohl ich wirklich nicht dick bin und auch nie dick war, und ich hatte bislang auch nicht gewusst, dass ich seine Mutter viel lieber mochte, als er offenbar glaubte. Ich verstand, dass Freunde und Familie verwirrt waren und mir anfangs einfach nicht glauben konnten. Es hatte viel damit zu tun, dass ich immer für mich behalten hatte, wie unglücklich ich war. Aber vor allem lag es an meinem Timing.

In der Nacht der Simon-Conway-Erfahrung – nachdem ich begriffen hatte, dass der markerschütternde Schrei aus meinem eigenen Mund gekommen war, nachdem ich die Polizei alarmiert hatte und die Zeugenaussagen für den Polizeibericht aufgenommen worden waren, nachdem ich einen Pappbecher milchigen Tee aus dem Supermarkt um die Ecke getrunken hatte – war ich nach Hause gefahren und hatte vier Dinge erledigt. Erstens ging ich unter die Dusche, um mir die Szene von der Haut zu waschen, zweitens blätterte ich ein bisschen in meinem abgenutzten Exemplar von »Wie man seinen Mann verlässt (ohne ihn zu verletzen)«, drittens weckte ich Barry mit einem Kaffee und einer Scheibe Toast, sagte ihm, dass unsere Ehe vorbei sei, und erklärte ihm viertens – auf Nachfrage –, dass ich gerade miterlebt hätte, wie ein Mann sich eine Kugel in den Kopf gejagt hatte. Rückblickend fiel mir auf, dass Barry mehr und detailliertere Fragen zu der Sache mit dem Schuss stellte als zum Ende unserer Ehe.

Wie er sich seither benahm, überraschte mich, und gleichzeitig war ich geschockt, dass es mich überraschte, denn ich hatte geglaubt, in solchen Dingen recht belesen zu sein. Schon vor dieser großen Lebensprüfung hatte ich mich gründlich darüber informiert, wie wir beide uns fühlen würden, falls ich je beschloss, die Ehe zu beenden. Ich hatte alles Mögliche darüber gelesen, nur um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein und um sicherzugehen, dass ich dann die richtige Entscheidung traf. Mehrere meiner Freunde hatten sich getrennt, und ich hatte viele lange Nächte damit verbracht, beiden Seiten aufmerksam zuzuhören. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass mein Mann so reagieren würde, dass er einen kompletten Persönlichkeitswandel durchmachen und dermaßen kalt, gemein, bitter und bösartig werden würde. Die Wohnung, die wir uns zusammen gekauft hatten, war jetzt seine, und er ließ mich keinen Fuß mehr hineinsetzen, unser Auto war nur noch seines, er wollte es um keinen Preis mit mir teilen, und überhaupt setzte er alles daran, möglichst viel von dem, was uns beiden gehört hatte, für sich zu behalten. Selbst Dinge, auf die er eigentlich gar keinen Wert legte – Originalton Barry. Wenn wir Kinder gehabt hätten, hätte er garantiert auch sie für sich beansprucht und dafür gesorgt, dass ich sie nie mehr zu Gesicht bekam. Zuerst ging es ihm vor allem um die Kaffeemaschine und die Espressotassen, dann geriet er wegen des Toasters regelrecht in Rage, und auch der Wasserkocher war plötzlich sein Ein und Alles. Ich ließ seine Ausraster in der Küche, im Wohnzimmer und im Schlafzimmer über mich ergehen, und er folgte mir sogar zur Toilette, um mich auch noch anzuschreien, während ich auf dem Klo saß. Ich bemühte mich, so geduldig und verständnisvoll wie möglich zu reagieren, und da ich schon immer eine gute Zuhörerin war, ließ ich ihn einfach ausreden. Aber ich konnte ihm die Sache selbst nicht sonderlich gut erklären und wunderte mich, dass er das immer wieder von mir verlangte. Eigentlich war ich sicher, dass er im Grunde seines Herzens das Gleiche empfand wie ich, aber so verletzt war, dass er all die Momente schlicht vergaß, in denen wir uns beide eingesperrt und gefangen gefühlt hatten – in einem Arrangement, das von Anfang an nicht richtig gewesen war. Aber Barry war wütend, und Wut macht oft taub und blind für die Realität – jedenfalls war es bei ihm so. Also beschloss ich abzuwarten, bis seine Wutanfälle verebbten, und hoffte, dass wir eines Tages ehrlich über alles sprechen könnten.

Ich wusste genau, dass ich aus den richtigen Gründen so handelte, aber ich konnte den Schmerz nur schwer ertragen, den ich im Herzen fühlte, weil ich ihm so weh getan hatte. Und nun lastete all das auf meinen Schultern, ganz zu schweigen von der traumatischen Erfahrung, dass ich es nicht geschafft hatte, einen Mann daran zu hindern, sich in den Kopf zu schießen. Seit Monaten konnte ich nicht richtig schlafen, und jetzt klappte es seit Wochen überhaupt nicht mehr.

»Oscar«, sagte ich zu dem Klienten, der mir in dem Sessel vor meinem Schreibtisch gegenübersaß. »Der Busfahrer will Sie ganz bestimmt nicht umbringen.«

»O doch. Er hasst mich, aber das können Sie nicht wissen, weil Sie nicht gesehen haben, wie er mich anschaut.«

»Und wie kommen Sie auf die Idee, dass der Busfahrer solche Gefühle gegen Sie hegt?«

Oscar zuckte die Achseln. »Sobald der Bus anhält, macht er die Tür auf und starrt mich böse an.«

»Sagt er irgendwas zu Ihnen?«

»Nicht, wenn ich einsteige. Aber wenn ich draußen bleibe, dann brummt er irgendwas vor sich hin.«

»Manchmal steigen Sie also nicht ein?«

Er rollte die Augen und blickte auf seine Hände. »Manchmal ist mein Sitz nicht frei.«

»Ihr Sitz? Das ist neu. Was für ein Sitz denn?«

Er seufzte, weil ich ihm auf die Schliche gekommen war und er beichten musste. »Wissen Sie, alle Leute im Bus starren mich an, okay? Ich bin der Einzige, der an der Haltestelle einsteigt, und alle glotzen. Und weil sie alle glotzen, setze ich mich auf den Platz gleich hinter dem Fahrer. Sie wissen schon, auf den, wo man seitlich sitzt, zum Fenster. Der Fenstersitz, ein bisschen abseits vom Rest des Busses.«

»Da fühlen Sie sich sicher.«

»Ja, der Platz ist perfekt, da könnte ich den ganzen Weg in die Stadt sitzen bleiben. Aber manchmal sitzt da eben dieses Mädchen, ein behindertes Mädchen, sie hört Musik auf ihrem iPod und singt Lieder von den Steps mit, so laut, dass der ganze Bus mithören kann. Wenn sie da ist, kann ich nicht einsteigen, und das nicht nur, weil behinderte Menschen mich nervös machen, sondern weil es mein Sitz ist, verstehen Sie? Und bevor der Bus hält, kann ich auch nicht sehen, ob sie da ist. Deshalb muss ich erst checken, ob der Platz frei ist, und wenn das Mädchen da sitzt, steige ich wieder aus. Und der Busfahrer hasst mich.«

»Wie lange geht das schon so?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht ein paar Wochen.«

»Oscar, Sie wissen, was das bedeutet. Wir müssen noch mal anfangen.«

»O Mann.« Er vergrub das Gesicht in den Händen und sank in sich zusammen. »Aber ich war doch schon halb in der Stadt.«

»Achten Sie darauf, dass Sie Ihre wirkliche Angst nicht auf eine andere Befürchtung projizieren. Wir sollten das am besten gleich anpacken. Morgen steigen Sie in den Bus, setzen sich auf irgendeinen freien Platz und bleiben da bis zur nächsten Haltestelle sitzen. Dann können Sie aussteigen und zu Fuß nach Hause gehen. Am nächsten Tag steigen Sie ein, setzen sich irgendwohin, bleiben bis zur übernächsten Haltestelle sitzen und gehen dann heim. Am Tag darauf bleiben Sie drei Stationen lang sitzen, und dann vier – verstehen Sie? Sie müssen das Problem schrittweise angehen, und irgendwann sind Sie dann am Ziel.«

Ich war nicht sicher, ob ich ihn oder mich überzeugen wollte.

Langsam hob Oscar den Kopf. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.

»Sie schaffen das«, sagte ich freundlich.

»Bei Ihnen klingt das so einfach.«

»Aber für Sie ist es nicht einfach, das verstehe ich. Machen Sie Ihre Atemübungen. Nach einer Weile ist es nicht mehr so schwierig. Dann können Sie den ganzen Weg zur Stadt im Bus bleiben, und die Angst verwandelt sich in Freude. Ihre schlimmsten Momente werden bald Ihre glücklichsten sein, denn Sie überwinden große Herausforderungen.«

Er sah mich unsicher an.

»Vertrauen Sie mir.«

»Das tu ich ja, aber ich bin nicht mutig.«

»Mutig ist nicht, wer keine Angst hat, sondern wer seine Angst überwindet.«

»Steht das in einem Ihrer Bücher?«, fragte er und deutete mit einer Kopfbewegung auf die dicht mit Ratgebern aller Art bepackten Bücherregale in meinem Büro.

»Nelson Mandela«, lächelte ich.

»Schade, dass Sie als Jobvermittlerin arbeiten, Sie wären bestimmt eine gute Psychologin«, sagte Oscar und hievte sich aus dem Sessel.

»Ich tu das für uns beide. Wenn Sie es schaffen, mehr als vier Haltestellen im Bus zu sitzen, dann erweitert das Ihre Jobchancen enorm.« Ich versuchte, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Oscar war ein hochqualifizierter, hochintelligenter Mann, für den ich jederzeit einen guten Job finden konnte – ich hatte ihn schon dreimal vermittelt –, aber seine Mobilitätsprobleme schränkten ihn beträchtlich ein, da er nicht regelmäßig bei der Arbeit erscheinen konnte. Nun versuchte ich, ihm gezielt bei der Überwindung seiner Phobie zu helfen, und da er nicht selbst fahren lernen wollte – und ich nicht nebenbei auch noch Fahrlehrerin werden konnte –, hatte er sich bereit erklärt, es mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu versuchen. Etwas ungeduldig blickte ich auf die Uhr über seiner Schulter. »Okay, vereinbaren Sie mit Gemma einen Termin für nächste Woche, und ich freue mich darauf zu hören, wie Sie zurechtkommen.«

Als die Tür sich hinter ihm schloss, hörte ich auf zu lächeln und suchte mein Bücherregal nach einem meiner Selbsthilfebücher ab. Es kam häufig vor, dass meine Klienten sich über meine Sammlung wunderten, und ich war auch ziemlich sicher, dass ich mit meiner Leidenschaft den kleinen Buchladen meiner Freundin Amelia vor der Pleite bewahrte. Die Bücher waren meine Bibeln, meine Berater, wenn ich nicht mehr weiterwusste oder Tipps für die Probleme meiner Klienten brauchte. Seit einem Jahrzehnt träumte ich davon, selbst einen Ratgeber zu schreiben, aber ich war nie weiter gekommen, als mich, aufgeregt und bereit, meine Gedanken zu formulieren, an meinen Schreibtisch zu setzen und den Computer anzuschalten. Aber dann starrte ich nur auf den weißen Bildschirm und den blinkenden Cursor, und die Leere vor meinen Augen entsprach der Leere in meinem Kopf.

Meine Schwester Brenda sagte immer, ich sei mehr an der Idee des Bücherschreibens interessiert als daran, es tatsächlich zu tun, denn wenn ich wirklich schreiben wollte, dann würde ich schreiben, jeden Tag, allein, für mich, ob nun ein Buch daraus würde oder nicht. Sie meinte, Schriftsteller fühlten sich immer zum Schreiben getrieben, ob sie nun eine Idee hatten oder nicht, ob sie einen Computer besaßen oder nicht, ob sie Stift und Papier hatten oder nicht. Ihr Schreibdrang würde nicht davon gesteuert, ob sie einen bestimmten Kugelschreiber von einer bestimmten Marke zur Verfügung hätten oder ob auch genug Zucker in ihrem Milchkaffee sei – Dinge, die bei mir den kreativen Prozess behinderten, wann immer ich mich zum Schreiben niederließ. Brenda gab des Öfteren irgendwelche mehr oder weniger bescheidenen Erkenntnisse zum Besten, aber ich musste zugeben, dass ihre Beobachtungen in meinem Fall möglicherweise zutrafen. Ich wollte schreiben, ich wusste nur nicht, ob ich es konnte, und hatte Angst, dass ich, wenn ich tatsächlich damit anfing, feststellen würde, dass ich es eben nicht konnte. Monatelang schlief ich mit »Wie man erfolgreich ein Buch schreibt« auf dem Nachttisch, schlug es aber kein einziges Mal auf, weil ich fürchtete, wenn ich nicht in der Lage wäre, die Tipps zu befolgen, würde das bedeuten, dass ich es niemals schaffen würde, und am Ende versteckte ich den Ratgeber in der Schublade. Ich räumte diesen Traum sozusagen weg, bis irgendwann der richtige Zeitpunkt kommen würde.

Schließlich fand ich im Bücherregal das Buch, das ich suchte. »Sechs Tipps, wie man Angestellten taktvoll kündigt (mit zahlreichen Illustrationen)«.

Ich weiß nicht, ob die Bilder hilfreich waren, aber ich hatte jedenfalls schon versucht, den besorgten Gesichtsausdruck des Arbeitgebers vor dem Badezimmerspiegel nachzuahmen. Ich studierte die Notizen, die ich auf einem Klebezettel innen aufs Deckblatt geklebt hatte, unsicher, ob ich dazu überhaupt imstande war. Meine Firma Jobagentur Rose war seit vier Jahren im Geschäft, ein kleines Unternehmen mit vier Leuten, und unsere Sekretärin Gemma sorgte dafür, dass alles funktionierte. Zwar sträubte ich mich innerlich dagegen, ihr zu kündigen, aber der finanzielle Druck wurde immer größer. So war ich ganz in meine Notizen vertieft, als es an der Tür klopfte und Gemma hereinbrauste.

»Gemma!«, krächzte ich und wollte das Buch schuldbewusst und möglichst unauffällig wieder ins Regal zurückschieben. Aber das war so vollgestopft, dass mir das Buch, statt brav ins Fach zu rutschen, aus der Hand glitt und zu Boden fiel, direkt vor Gemmas Füße.

Gemma kicherte und bückte sich, um es aufzuheben. Als sie den Titel sah, wurde sie ganz rot. Fragend schaute sie mich an, erst überrascht, dann entsetzt, verwirrt und tief verletzt. Ich machte den Mund auf und zu, aber kein Wort kam heraus, während ich mich krampfhaft zu erinnern versuchte, in welcher Reihenfolge ich meine Botschaft übermitteln sollte, welche Wortwahl und welchen Gesichtsausdruck der Ratgeber empfahl. Ich rief mir die Tipps Klarheit, Empathie, nicht zu viel Gefühl vor Augen … War Offenheit eigentlich angeraten oder eher das Gegenteil? Aber ich war zu langsam, und bevor ich zu einem Entschluss gekommen war, wusste Gemma schon Bescheid.

»Na, endlich hat mal eins deiner blöden Bücher funktioniert«, sagte Gemma, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Dann schmiss sie mir den Ratgeber hin, drehte sich um, schnappte sich ihre Tasche und stürmte aus dem Büro.

Sosehr ich mich auch schämte, konnte ich nichts dagegen machen, dass ich mich gekränkt fühlte, weil sie solche Betonung auf das Wort »endlich« gelegt hatte. Ich lebte nach diesen Büchern. Sie funktionierten wirklich.

 

 

»Detective Maguire«, bellte die barsche Stimme ins Telefon.

»Detective Maguire, hier spricht Christine Rose.« Ich steckte einen Finger in mein freies Ohr, um das Telefon auszublenden, das man durch die Wand klingeln hörte. Gemma war immer noch nicht zurückgekommen, und ich hatte es nicht geschafft, gemeinsam mit dem ganzen Team einen Plan auszuarbeiten, wie wir ihre Arbeit unter uns aufteilen konnten, denn meine Kollegen Peter und Paul weigerten sich strikt, die Aufgaben von jemandem zu übernehmen, der so unfair entlassen worden war. Sosehr ich auch beteuerte, dass es ein Irrtum gewesen sei, hatte ich jetzt alle gegen mich. »Ich wollte ihr nicht kündigen. Jedenfalls nicht heute«, war wahrscheinlich keine gute Verteidigungsstrategie.

Der Vormittag verlief kurz gesagt katastrophal, und obwohl offensichtlich war, dass ich Gemma behalten musste – was sie mir durch ihr Fernbleiben wohl auch deutlich machen wollte –, hatte mein Konto etwas dagegen. Ich musste noch die halbe Hypothek für die Eigentumswohnung bezahlen, die Barry und mir gemeinsam gehörte, und ab diesem Monat außerdem noch sechshundert Euro extra abzweigen, um die Miete für das Ein-Zimmer-Apartment aufzubringen, in dem ich wohnte, bis wir alles geregelt hatten. Angesichts der Tatsache, dass wir eine Wohnung verkaufen mussten, die keiner wollte, zu einem Preis, von dem wir beide nicht wirklich überleben konnten, ging ich davon aus, dass ich längere Zeit an meine Ersparnisse gehen musste. Sicher, verzweifelte Umstände erforderten verzweifelte Maßnahmen, aber Barry hatte jetzt auch noch meiner Schmucksammlung den Krieg erklärt und alles, was er mir jemals geschenkt hatte, an sich genommen. Mit dieser Botschaft hatte meine Mailbox mich heute Morgen geweckt.

»Ja?«, lautete Detective Maguires Antwort, alles andere als begeistert, von mir zu hören, obwohl ich überrascht war, dass er sich immerhin noch an meinen Namen erinnerte.

»Ich versuche seit zwei Wochen, Sie zu erreichen, und habe Ihnen jede Menge Nachrichten hinterlassen.«

»Die hab ich auch bekommen, sie haben ja meine ganze Mailbox verstopft. Nur keine Panik. Sie haben nichts zu befürchten.«

Ich staunte – es war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass ich Ärger bekommen könnte. »Deshalb hab ich Sie nicht angerufen.«

»Ach nein?« Er heuchelte Überraschung. »Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was Sie um elf Uhr nachts in diesem verlassenen Wohnblock zu suchen hatten.«

Schweigend ließ ich mir seine Bemerkung durch den Kopf gehen. Fast jeder, den ich kannte, hatte mich dasselbe gefragt, und selbst diejenigen, die nicht gefragt hatten, hätten es offensichtlich gern getan, aber ich hatte niemandem eine Antwort gegeben. Ich musste schnell das Thema wechseln, ehe Maguire mich wieder darauf festnageln konnte.

»Ich hab angerufen, weil ich mich nach Simon Conway erkundigen wollte, nach der Beerdigung zum Beispiel. In der Zeitung konnte ich darüber nichts finden. Aber das ist zwei Wochen her, also hab ich sie wohl verpasst.« Ich gab mir Mühe, nicht stinksauer zu klingen. Ich wollte Informationen, denn Simon hatte ein enormes Loch in meinem Leben und endlose Fragen in meinem Kopf hinterlassen. Ich musste wissen, was nach diesem Tag passiert und was gesagt worden war. Ich wollte Einzelheiten über Simons Familie erfahren, damit ich sie besuchen und ihnen all die schönen Dinge erzählen konnte, die er über sie gesagt hatte, wie sehr er sie liebte und dass das, was er getan hatte, absolut nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich wollte ihnen in die Augen schauen und ihnen sagen, dass ich alles in meiner Macht Stehende getan hatte. Ging es mir darum, ihren Schmerz zu lindern oder eher meine Schuldgefühle? War etwas daran auszusetzen, dass ich beides wollte? Aber diese Fragen wollte ich Maguire nicht stellen, und ich wusste, dass er mir sowieso keine Antwort geben würde. Doch ich konnte dieses Erlebnis einfach nicht hinter mir lassen, ich wollte, ich brauchte mehr.

»Zwei Dinge – erstens sollten Sie sich nicht so in das Schicksal eines Opfers verwickeln lassen. Ich bin schon lange bei diesem Spiel dabei und …«

»Spiel? Ich habe zugesehen, wie ein Mann sich direkt vor meinen Augen in den Kopf geschossen hat. Für mich ist das kein Spiel.« Meine Stimme versagte, und ich nahm es als Hinweis, den Mund zu halten.

Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen. Ich schauderte innerlich und hielt mir die Hand vors Gesicht. Ich hatte es vermasselt. Aber dann riss ich mich zusammen und räusperte mich. »Hallo?«

Ich erwartete eine schlagfertige Erwiderung, irgendetwas Zynisches. Aber nichts dergleichen. Maguires Stimme klang ganz sanft, und anscheinend war er woanders hingegangen, denn es war ganz still geworden, so dass ich erst dachte, dass mir alle zuhörten.

»Wissen Sie, wir haben Leute hier, mit denen Sie nach so einem Erlebnis reden können«, sagte er ungewöhnlich freundlich. »Das hab ich Ihnen schon in der Nacht damals gesagt und Ihnen eine Karte gegeben. Haben Sie die noch?«

»Ich muss mit niemandem reden«, erwiderte ich ärgerlich.

»Na schön.« Jetzt war er wieder barsch wie immer. »Schauen Sie, wie ich Ihnen vorhin sagen wollte, als Sie mich unterbrochen haben – es gibt keine Informationen über die Beerdigung, weil es nämlich keine Beerdigung gegeben hat. Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Informationen haben, aber offensichtlich hat man Ihnen Quatsch erzählt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na, man hat Sie angeschwindelt. Ihnen Lügen aufgetischt.«

»Nein, ich meinte – was heißt, es hat keine Beerdigung gegeben?«

Er klang tierisch genervt, weil er etwas erklären musste, was für ihn doch sonnenklar war. »Er ist nicht gestorben. Noch nicht jedenfalls. Simon Conway liegt im Krankenhaus. Ich kann rauskriegen, in welchem, und dort Bescheid sagen, dass Sie ihn besuchen können. Aber er liegt im Koma und wird sicher nicht viel reden.«

Mir blieb die Spucke weg, ich war sprachlos.

Eine Weile herrschte Schweigen.

»Ist sonst noch was?« Anscheinend war Maguire jetzt wieder unterwegs, denn ich hörte eine Tür zuknallen, dann war er wieder in dem Raum mit den lauten Stimmen.

Es fiel mir schwer, auch nur einen einzigen Gedanken zu formulieren, während ich langsam in meinen Sessel zurücksank.

Und manchmal, wenn man Zeuge eines Wunders wird, glaubt man, dass alles möglich ist.

3 Wie man ein Wunder erkennt und was man tun kann, wenn man eines erlebt

Es war totenstill im Zimmer, das einzige Geräusch das Piepen des Herz-Monitors und das Zischen des Beatmungsgeräts. Simon sah vollkommen anders aus als bei unserer letzten Begegnung, das genaue Gegenteil. Jetzt wirkte er vollkommen friedlich. Die rechte Seite seines Gesichts sowie der Kopf waren verbunden, die linke Gesichtshälfte wirkte ruhig und glatt, als wäre nichts geschehen. Ich setzte mich auf seine linke Seite.

»Ich habe gesehen, wie er sich in den Kopf geschossen hat«, flüsterte ich Angela, der diensthabenden Schwester, zu. »Er hat den Revolver so gehalten« – ich demonstrierte es ihr mit meiner eigenen Hand – »und dann auf den Abzug gedrückt. Ich hab gesehen, wie sein … alles überall hingespritzt ist. Wie hat er das überlebt?«

Angela lächelte, ein trauriges Lächeln, es bewegte nur die Muskeln um ihren Mund herum. »Ein Wunder?«

»Aber was für ein Wunder ist das?« Ich flüsterte immer noch, denn ich wollte nicht, dass Simon mich hörte. »Es geht mir dauernd im Kopf herum. Ich habe Bücher über Selbstmord gelesen, was ich ihm hätte sagen sollen, und da steht, wenn man Menschen, die mit Selbstmord drohen, dazu kriegt, rational zu denken, wenn sie sich also den realen Selbstmord und seine Folgen vorstellen, dann könnten und würden sie ihren Entschluss vielleicht rückgängig machen. Sie suchen nach einer schnellen Methode, sich von ihrem emotionalen Schmerz zu befreien, nicht ihr Leben zu beenden – wenn man ihnen also einen anderen Weg zeigt, wie sie den Schmerz lindern können, kann man ihnen möglicherweise helfen. Und wenn man bedenkt, dass ich keinerlei Erfahrung hatte, glaube ich, dass ich meine Sache ganz gut gemacht habe, ich glaube jedenfalls, ich bin zu ihm durchgedrungen. Er hat auf mich reagiert, zumindest für einen Augenblick. Ich meine, er hat den Revolver weggelegt und mich die Polizei rufen lassen. Ich weiß nur nicht, was ihn dann wieder in diesen Zustand zurückversetzt hat.«

Angela runzelte die Stirn, als würde sie etwas hören oder sehen, was ihr gar nicht gefiel. »Sie wissen doch, dass es nicht Ihre Schuld ist, oder?«

»Ja, das weiß ich.« Ich tat ihre Frage mit einem Achselzucken ab.

Die Schwester musterte mich prüfend, und ich konzentrierte mich auf das rechte Rad des Krankenhausbetts, das an der Stelle, wo es hin- und hergeschoben wurde, eine schwarze Schramme im Boden hinterlassen hatte, jede Menge Schleifspuren, vor und zurück, und ich versuchte zu schätzen, wie oft es bewegt worden war. Dutzende Male. Mindestens.

»Sie wissen ja, dass es Leute gibt, mit denen Sie über so etwas sprechen können. Es wäre bestimmt gut, wenn Sie Ihre Sorgen mal rauslassen.«

»Warum sagen das alle dauernd?«, fragte ich und versuchte unbekümmert zu klingen, obwohl tief in mir die Wut brodelte. Ich hatte die Nase voll davon, analysiert und behandelt zu werden, als müsste man mich wieder auf die Reihe kriegen. »Mir geht’s gut.«

»Dann lasse ich Sie jetzt mal eine Weile mit ihm allein.« Angela drehte sich um und ging, entfernte sich so lautlos auf ihren weißen Schuhen, als schwebe sie.

Jetzt, wo ich an Simons Bett saß, wusste ich auf einmal gar nicht mehr, was ich tun sollte. Zaghaft streckte ich die Hand aus, zog sie aber schnell wieder zurück. Wenn er bei Bewusstsein wäre, würde er vielleicht nicht wollen, dass ich ihn berührte, vielleicht gab er ja mir die Schuld an dem, was passiert war. Es war doch meine Aufgabe gewesen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, und das hatte ich nicht geschafft, obwohl er es doch vielleicht gewollt hatte. Vielleicht hatte er sich gewünscht, ich würde das Richtige sagen, und ich hatte ihn enttäuscht. Ich räusperte mich, vergewisserte mich, dass niemand zuhörte, und beugte mich dichter zu ihm hinab, aber nicht so dicht, dass er Angst bekam.

»Hi, Simon«, flüsterte ich.

Dann wartete ich auf eine Reaktion. Nichts.

»Mein Name ist Christine Rose, ich bin die Frau, mit der Sie sich in der Nacht des … Vorfalls unterhalten haben. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich mich ein Weilchen zu Ihnen setze.«

Wieder lauschte ich und forschte in seinem Gesicht und seinen Händen nach irgendeinem Zeichen, vor allem nach einem, das nahelegte, dass meine Anwesenheit ihn störte. Ich wollte seine Lage ja auf gar keinen Fall zusätzlich verschlimmern. Doch da alles ruhig und still blieb, lehnte ich mich schließlich in meinem Sessel zurück und entspannte mich etwas. Ich wartete nicht darauf, dass er aufwachte, ich hatte ihm nichts mitzuteilen, ich war einfach nur gerne hier, in der Stille, in seiner Nähe. Wenn ich bei ihm war, musste ich mir wenigstens nicht von ferne irgendwelche Gedanken über ihn machen.

So wurde es neun Uhr abends, die Besuchszeit war vorbei, aber ich war immer noch nicht zum Gehen aufgefordert worden. Vermutlich galten die regulären Besuchszeiten nicht für Menschen in Simons Zustand. Er lag im Koma, angeschlossen an eine Herz-Lungen-Maschine, und sein Zustand würde sich so schnell nicht bessern. Ich dachte über mein Leben nach, dachte daran, wie unsere Begegnung uns unwiderruflich verändert hatte. Seit Simons Selbstmordversuch war erst kurze Zeit vergangen, aber die Erfahrung hatte meinem Leben eine ganz neue Richtung gegeben. Ich überlegte, ob es reiner Zufall war oder ob das Schicksal es gewollt hatte, dass ich an diesem Ort war.

»Was hattest du denn da überhaupt verloren?«, hatte Barry mich gefragt und sich verwirrt und verschlafen im Bett aufgesetzt. Dann hatte er zu seiner Brille mit dem schwarzen Gestell gegriffen, die immer auf dem Nachttisch lag, und plötzlich wurden seine kleinen Augen riesig. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und mir wäre auch jetzt nichts Gescheites eingefallen. Es laut auszusprechen, wäre peinlich gewesen, es hätte nur noch verdeutlicht, wie haarsträubend verloren ich mich fühlte.

Mal ganz abgesehen von dem Grund, warum ich mich überhaupt dort herumgetrieben hatte, reichte mir schon die Tatsache, dass ich in einem verlassenen Gebäude Kontakt zu einem Mann aufgenommen hatte, der eine Waffe in der Hand hielt, um an mir zu zweifeln. Ich half anderen Menschen gern, aber ich war nicht sicher, ob es wirklich nur das gewesen war. Sicher, ich sah mich selbst als Problemlöserin, und ich wandte diese Art zu denken auf die meisten Aspekte meines Lebens an. Wenn etwas nicht repariert werden konnte, dann ließ es sich vielleicht wenigstens verändern, vor allem, wenn es um menschliche Verhaltensweisen ging.

Diese Überzeugung hatte ich von meinem Vater übernommen, der auch ein Helfer und Reparierer war. Es lag in seiner Natur, ein Problem anzupacken und eine Lösung zu finden, Dinge in Ordnung zu bringen. So hatte er es auch bei seinen drei Töchtern gemacht, die ohne ihre Mutter aufwachsen mussten, und da ihm Mums Instinkt fehlte und er nicht wie sie intuitiv wusste, ob mit uns alles in Ordnung war, stellte er uns Fragen, hörte sich unsere Antworten aufmerksam an und suchte dann nach einer Lösung. Darin war er ein Meister, das konnte er für uns tun, so konnte er uns helfen. Wenn ein Vater mit drei noch nicht einmal zehnjährigen Kindern zurückbleibt – das jüngste war gerade erst vier –, tut er eben, was er kann, um sie zu beschützen.

Ich hatte meine eigene private Jobagentur, an sich eine ziemlich nüchterne Angelegenheit, aber ich sah mich lieber als Vermittlerin, die die richtige Stelle für den richtigen Menschen suchte. Es war mir wichtig, dass die Person die passende Energie für den Job mitbrachte, und genauso wichtig war meiner Ansicht nach, was die Firma für diese Person tun konnte. Manchmal beschränkte sich die Sache auf eine pure Gleichung – ein verfügbarer Job für eine verfügbare Person mit den entsprechenden Fähigkeiten –, aber manchmal, wenn ich einen Menschen – wie zum Beispiel Oscar – besser kennenlernte, erledigte ich bei der Stellenvermittlung nicht nur meine eigentliche Pflicht. Die Menschen kamen mit sehr unterschiedlichen Anliegen zu mir – wenn sie ihre Arbeitsstelle verloren hatten und eine neue suchten, standen sie meist unter Stress, wenn sie Lust auf eine berufliche Veränderung hatten, waren sie nervös, aber auch angenehm aufgeregt und voller Erwartung, und wenn sie gerade den ersten Arbeitsplatz ihres Lebens suchten, waren sie vor allem gespannt, was der neue Lebensabschnitt für sie bereithielt. Ohne Ausnahme jedoch waren alle diese Menschen auf einer Reise, und ich war dabei. Ich fühlte immer die gleiche Verantwortung für meine Klienten – den Menschen zu helfen, ihren Platz in der Welt zu finden.

Und obwohl ich mich auf diese Philosophie verlassen hatte, hatte das, was ich gesagt hatte, Simon Conway in dieses Krankenzimmer gebracht.

Ich wollte ihn hier nicht allein lassen, und es hatte auch nichts Erstrebenswertes für mich, in meine Übergangswohnung zurückzukehren, wo es keinen Fernseher gab und ich auch sonst nichts tun konnte, als die Wände anzustarren. Ich hatte viele Freunde, zu denen ich hätte gehen können, aber das waren gemeinsame Freunde, die auch Barry gut kannten und sich zurzeit eher zurückhaltend verhielten, weil sie nicht in den ganzen Schlamassel hineingezogen erden und in den Verdacht geraten wollten, Partei zu ergreifen – vor allem, weil ich ja in der Rolle der gemeinen Zicke war, die Barry das Herz gebrochen hatte. Also wollte ich sie diesem Stress gar nicht erst aussetzen. Brenda hatte mir angeboten, bei ihr zu wohnen, aber ich ertrug es nicht, dass sie sich ständig Sorgen um mein angebliches Trauma machte. Ich wollte kommen und gehen können, wie es mir beliebte, ohne dass mir dauernd Fragen gestellt wurden, vor allem nicht über meine psychische Verfassung. Ich wollte mich frei fühlen, schließlich hatte ich mich ja genau aus diesem Grund von Barry getrennt. Die Tatsache, dass ich mich auf dieser Intensivstation eher zu Hause fühlte als überall sonst, sprach für sich.

 

 

Was ich weder Detective Maguire noch Barry, noch meinem Dad und meinen beiden Schwestern oder überhaupt irgendwem sagen konnte, war Folgendes: Ich war auf der Suche nach einem Ort, an dem ich wieder ins Gleichgewicht kam, wenn ich mich traurig und unsicher fühlte. Der Tipp stammte aus einem meiner Bücher mit dem Titel »Wie man seinen Wohlfühlplatz findet«. Dahinter steckte die Idee, dass man sich einen Ort suchte, an dem man sich gut fühlte, mit dem sich vielleicht eine schöne Erinnerung verband, einen Platz, der einem das Herz erwärmte oder wo man das Licht besonders mochte, einen Platz, an dem man sich aus irgendeinem Grund, den man auf bewusster Ebene nicht erklären konnte, einfach zufrieden fühlte. Wenn man diesen Ort gefunden hatte, bot das Buch Übungen an, wie man das Gefühl, das mit diesem schönen Ort verbunden war, jederzeit und auch an jedem anderen Ort hervorrufen konnte, wenn man es brauchte. Aber es funktionierte eben nur, wenn man den richtigen Ort für sich gefunden hatte. Und in der Nacht, in der ich Simon Conway begegnet war, hatte ich meinen persönlichen Wohlfühlplatz auf dem verlassenen Gelände gesucht. Natürlich nicht in der heruntergekommenen Siedlung als solcher, sondern in der glücklichen Erinnerung, die ich mit dieser Stelle verband.

Es war ein Cricket-Match gewesen, Clontarf gegen Saggart. Ich war fünf Jahre alt, Mum war erst vor ein paar Monaten gestorben, und ich weiß noch, dass es ein sonniger Tag war, der erste nach einem langen, dunklen, kalten Winter. Meine Schwestern und ich waren da, um Dad spielen zu sehen. Der gesamte Cricket-Club war draußen, ich erinnere mich an den Geruch von Bier und den salzigen Geschmack der Erdnüsse, die ich päckchenweise verdrückte, auf meinen Lippen. Das Spiel neigte sich dem Ende entgegen, Dad war Werfer, und ich sah seinen angespannten Gesichtsausdruck, den gleichen, den ich in den letzten Wochen jeden Tag gesehen hatte, den dunklen Blick, bei dem seine Augen praktisch unter den Augenbrauen verschwanden. Beim dritten Wurf verschätzte sich der Schlagmann und verpasste den Ball, der das Wicket traf, und der Spieler war draußen. Dad brüllte laut, stieß die Faust in die Luft, und gleichzeitig brach um uns herum so lauter Jubel aus, dass ich im ersten Moment Angst bekam. Es war eine Massenhysterie, die Menschen benahmen sich, als hätten sie plötzlich einen sonderbaren Virus eingefangen, wie in einem Zombie-Film, und ich schien die Einzige zu sein, die dem Virus nicht zum Opfer gefallen war. Aber dann sah ich wieder ins Gesicht meines Vaters und wusste plötzlich, dass alles in Ordnung war. Er grinste so breit wie schon lange nicht mehr, und ich erinnere mich auch noch gut an die Gesichter meiner Schwestern. Sie interessierten sich nicht allzu sehr für Cricket, genau genommen hatten sie auf der ganzen Fahrt zum Platz gestöhnt und gejammert, weil sie lieber weiter mit ihren Freunden auf der Straße spielen wollten, aber jetzt sahen sie unserem Dad beim Feiern zu, beobachteten, wie er von seinen Teamkollegen auf die Schulter gehoben wurde, alle lächelten, und ich erinnere mich, dass das der Augenblick war, in dem ich dachte: Wir werden es schaffen, alles wird gut.

Und um dieses Gefühl wieder zu spüren, war ich an diesen Ort zurückgekehrt, aber als ich ankam, sah ich eine Geistersiedlung, und ich begegnete Simon.

 

 

Auch nach meinem Besuch bei Simon im Krankenhaus setzte ich meine Suche nach Orten, die mir guttaten, fort. Inzwischen war ich schon seit sechs Wochen mit diesem Ziel unterwegs, hatte bereits meine alte Grundschule besucht, war auf einem Basketballfeld gewesen, auf dem ich einen Jungen geküsst hatte, den ich für absolut unerreichbar gehalten hatte, am College, beim Haus meiner Großeltern, im Gartencenter, das ich immer mit ihnen besucht hatte, im Park um die Ecke, im Tennisclub, wo ich den Sommer verbrachte, und noch an mehreren anderen Plätzen, an die ich schöne Erinnerungen hatte.

Außerdem hatte ich spontan beim Haus einer alten Grundschulfreundin vorbeigeschaut, wo ich das peinlichste Gespräch meines Lebens führte und mir wünschte, ich hätte mir nicht die Mühe gemacht. Ich hatte sie besucht, weil ich, als ich vorbeigegangen war, plötzlich eine Erinnerung an den warmen, süßen Backgeruch in ihrer Küche hatte – jedes Mal, wenn ich dort zum Spielen gewesen war, hatte ihre Mutter irgendetwas zu backen. Aber jetzt, zwanzig Jahre später, war der Duft verschwunden, die Mutter war nicht mehr da, und an ihrer Stelle lernte ich die beiden Kinder meiner völlig erschöpften Freundin kennen, die sie als Klettergerüst benutzten und uns keine Sekunde Ruhe zum Reden ließen, was aber eigentlich ein Segen war, da wir uns ohnehin nichts zu sagen hatten – abgesehen von der stummen Frage auf ihren Lippen: Was machst du hier eigentlich? So eng befreundet waren wir doch gar nicht. Vermutlich dachte sie, ich wäre in irgendeiner Krise, was sie aber höflichkeitshalber nicht laut aussprach.

In den ersten paar Wochen störte es mich wenig, dass ich meinen wohltuenden Ort nicht fand, die Suche war ein guter Zeitvertreib, aber nach drei Wochen begann ich mir doch Gedanken zu machen. Statt mir neue Energie zu schenken, zerstörte ich mit meiner Suche meine guten Erinnerungen.

Nach dem Krankenhausbesuch brannte ich noch mehr darauf, einen Ort zu finden, brauchte ich dringend eine Aufmunterung, und ich wusste, dass es mich nicht trösten würde, in meine Übergangswohnung mit den magnolienfarbenen Wänden zurückzukehren.

Damit war ich in dem Augenblick beschäftigt, als das gleiche höchst unwahrscheinliche Ereignis im gleichen Monat die gleiche Person traf.

4 Wie man sich gut festhält

Die Straßen von Dublin waren sehr still an diesem Sonntagabend im Dezember, und es war bitterkalt, als ich vom Wellington Quay zur Ha’penny Bridge ging. Die Ha’penny Bridge, offiziell als Liffey Bridge bekannt, war eine der populärsten Sehenswürdigkeiten Dublins, eine Fußgängerbrücke über den River Liffey, die den Norden der Stadt mit dem Süden verband. Der Name stammte aus der Zeit, als die Brücke erbaut wurde, denn damals, im Jahr 1816, war für die Überquerung ein Brückenzoll von einem halben Penny erhoben worden. Vor allem bei Nacht, wenn die drei dekorativen Laternen den Weg erhellten, aber natürlich auch bei Tag war die alte Bogenbrücke mit den schmiedeeisernen Geländern ein bezaubernder Anblick. Ich hatte diese Stelle ausgesucht, weil ich für meinen College-Abschluss in Wirtschaft und Spanisch ein Jahr in Spanien hatte verbringen müssen. Ich erinnere mich nicht mehr, wie nahe wir uns als Familie waren, bevor Mum starb, aber ich erinnere mich noch gut, wie wir danach zusammenrückten, und ich weiß noch, wie undenkbar es in den Jahren danach schien, dass einer von uns jemals den Schoß der Familie verlassen würde. Als ich mit dem College anfing, wusste ich, dass das Erasmus-Programm eine unvermeidliche, unumgängliche Realität war, und zu diesem Zeitpunkt spürte ich den überwältigenden Drang, die Familienbande zu durchtrennen und die Flügel auszubreiten. Sobald ich jedoch in Spanien war, wusste ich, dass es ein Fehler war – ich weinte dauernd, konnte nicht essen, nicht schlafen und mich kaum auf das Studium konzentrieren. Ich hatte das Gefühl, als wäre mir das Herz aus der Brust gerissen worden und zu Hause bei meiner Familie geblieben. Mein Dad schrieb mir jeden Tag, witzige Gedanken über seinen Alltag und den meiner Schwestern, die meine Stimmung aufhellen sollten, aber lediglich mein Heimweh befeuerten. Aber eine Postkarte half mir, mich für einen Moment aus meinem chronischen Heimweh herauszureißen. Ich war immer noch in der Fremde, aber ich konnte wenigstens funktionieren. Auf dieser Postkarte sah man die Ha’penny Bridge, bei Nacht, mit der bunt erleuchteten Dubliner Skyline im Hintergrund, die sich im Wasser der Liffey spiegelte. Das Bild hatte mich verzaubert, ich schaute mir die fröhlichen Menschen an, versuchte ihnen Namen zu geben und Geschichten für sie zu erfinden, überlegte mir, wo sie wohl hingingen, wo sie herkamen, vertraute Namen, die von Orten kamen und zu Orten unterwegs waren, die ich kannte. Ich pinnte die Karte an die Wand über dem Bett, wenn ich schlafen ging, trug sie tagsüber mit mir in meinem College-Ordner herum und hatte das Gefühl, dass es ein Teil von zu Hause war, den ich immer bei mir haben konnte.

Ich war nicht so dumm zu glauben, dass dieses Gefühl an der Ha’penny Bridge nun genauso wiederkommen würde, denn ich sah die Brücke ja fast jede Woche. Inzwischen hatte ich ja Erfahrung mit der Suche nach dem richtigen Ort und wusste, dass es nicht unmittelbar passieren würde, aber ich hoffte, ich könnte dort stehen und mich wenigstens an dieses Gefühl erinnern, dieses Erlebnis. Es war dunkel, im Hintergrund leuchtete die Skyline, nur die Neubauten am Dock hatte es auf der alten Postkarte natürlich nicht gegeben. Aber die Lichter spiegelten sich im schwarzen Fluss, es waren also die richtigen Elemente vorhanden.

Nur eines stimmte nicht.

Nämlich der schwarzgekleidete Mann, der sich von außen an das Brückengeländer klammerte und in den kalten Fluss hinunterstarrte, der unter ihm tückisch dahinbrauste.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich auf den Stufen des Aufgangs vom Wellington Quay gesammelt und starrte zu dem Mann auf der Brücke. Auch ich war schockiert und fragte mich, ob Roy Cleveland Sullivan sich wohl so gefühlt hatte, als der Blitz ihn das zweite Mal getroffen hatte … nicht schon wieder!

Jemand hatte die Polizei verständigt, und man diskutierte, wie lange es wohl dauern würde, bis sie kam, und dass es vielleicht nicht rechtzeitig wäre. Alle überlegten, was sie am besten tun könnten. Unwillkürlich erschien Simon Conways Gesicht vor meinem inneren Auge, wie er mich angesehen hatte, bevor er abdrückte, wie sein Gesicht sich verändert hatte, kurz bevor er den Revolver wieder in die Hand nahm. Irgendetwas hatte diesen Moment ausgelöst, vielleicht etwas, was ich gesagt hatte? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, was ich gesagt hatte; vielleicht war es meine Schuld gewesen. Ich dachte an die beiden kleinen Mädchen, die sich fragten, warum ihr Daddy nicht aufwachte wie immer. Dann sah ich zu dem Mann auf der Brücke und dachte an die zahllosen Leben, die von seinem Bedürfnis, seinen Schmerz zu beenden, seiner Unfähigkeit, einen anderen Ausweg zu sehen, in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Auf einmal schoss ein Adrenalinstoß durch meinen Körper, und ich wusste, dass ich mich nicht anders entscheiden konnte. Ich hatte keine Wahl. Ich musste den Mann auf der Brücke retten.

Diesmal würde ich es anders angehen, ich hatte seit der Sache mit Simon Conway mehrere Bücher gelesen, um herauszufinden, was ich falsch gemacht hatte und wie ich ihn von seinem Vorhaben hätte abbringen konnte. Ich musste mich zunächst ausschließlich auf den Mann auf der Brücke konzentrieren und den Auflauf um mich herum ignorieren. Die drei Leute neben mir begannen sich zu streiten, was zu tun war, aber das würde niemandem helfen. Ich setzte einen Fuß auf die Treppe. Ich würde es schaffen, redete ich mir zu, und ich fühlte mich selbstbewusst und als Herrin der Lage.

Der Wind war so kalt, dass er sich anfühlte wie ein Schlag ins Gesicht, der mir sagen wollte: »Wach auf! Mach dich bereit!« Von der Kälte taten mir die Ohren weh, meine Nase war ganz taub und fing an zu laufen. Es war Flut und das Wasser der Liffey schwarz, trübe, heimtückisch, abweisend. Ich löste mich aus der Menge, die gespannt hinter mir wartete, und versuchte zu vergessen, dass jedes Wort, das ich sagte, und jeder zittrige Atemzug vom Wind in die Ohren der umherstehenden Schaulustigen getragen werden konnte. Dann sah ich ihn genauer: Eine Gestalt in Schwarz stand auf der falschen Seite des Geländers, die Füße auf dem schmalen Sims über dem Wasser, mit den Händen an die Brüstung geklammert. Es war zu spät für einen Rückzieher.

»Hallo«, rief ich leise, denn ich wollte ja nicht, dass er vor Schreck losließ und ins Wasser stürzte. Obwohl ich mich anstrengen musste, den Wind zu übertönen, achtete ich darauf, ruhig und klar zu sprechen, ausgeglichen und sanft, denn ich hatte gelesen, dass man keinen scharfen Ton anschlagen und auf jeden Fall Blickkontakt halten sollte. »Bitte machen Sie sich keine Sorgen, ich werde Ihnen nicht zu nahe kommen.«

Der Mann drehte sich um, warf mir einen Blick zu und starrte dann sofort wieder hinunter ins schwarze Wasser. Es war offensichtlich, dass er mich kaum wahrgenommen hatte. Er war zu sehr in seine Gedanken vertieft, in die Grübeleien, die ihm durch den Kopf gingen.

»Ich heiße Christine«, sagte ich und kam langsam und mit kleinen Schritten näher. Weil ich sein Gesicht sehen wollte, hielt ich mich dicht am Rand der Brücke.

»Bleiben Sie, wo Sie sind!«, rief er. Die Panik in seiner Stimme war nicht zu überhören, und ich blieb stehen. Die Entfernung war mir recht, eine Armlänge. Wenn es sein musste, konnte ich ihn packen.

»Okay, okay, ich bleibe, wo ich bin.«

Wieder drehte er sich um, offenbar wollte er wissen, wie weit ich noch weg war.

»Konzentrieren Sie sich, ich möchte nicht, dass Sie fallen.«

»Fallen?« Mit einer raschen Bewegung blickte er zu mir hinauf, dann wieder nach unten und wieder zurück zu mir. Unsere Blicke trafen sich. Er war Mitte dreißig, mit kantigem Kinn, die Haare unter einer Wollmütze verborgen. Seine blauen Augen starrten mich an, aufgerissen und verängstigt, die Pupillen so groß, dass sie fast die ganze Iris ausfüllten. Einen Augenblick überlegte ich, ob er vielleicht Drogen genommen hatte oder betrunken war. »Ist das Ihr Ernst?«, fragte er. »Glauben Sie vielleicht, es macht mir was aus, wenn ich falle? Meinen Sie, ich bin zufällig hier?« Dann versuchte er, mich wieder auszublenden, und fixierte den Fluss.

»Wie heißen Sie?«

»Lassen Sie mich in Ruhe«, fauchte er und fügte dann etwas freundlicher hinzu: »Bitte.«

Sogar in dieser verzweifelten Lage war er höflich.

»Ich mache mir nur Sorgen. Ich sehe, dass es Ihnen nicht gutgeht, und möchte Ihnen helfen.«

»Ich will aber mit niemandem reden. Und ich brauche Ihre Hilfe nicht.« Wieder tat er, als wäre ich nicht da, und konzentrierte sich ganz auf das schwarze Wasser. Ich beobachtete, wie seine Fingergelenke abwechselnd weiß und dann wieder röter wurden, während er das Geländer mal fester und mal weniger fest umklammerte. Jedes Mal, wenn er den Griff lockerte, begann mein Herz zu hämmern, und ich hatte Angst, er würde ganz loslassen. Ich hatte nicht viel Zeit.

»Ich würde gerne mit Ihnen reden.« Vorsichtig trat ich ein Stückchen näher.

»Bitte gehen Sie weg. Ich möchte allein sein. Ich wollte das alles nicht, ich wollte keine Szene, ich möchte es einfach nur tun. Allein. Ich möchte nur … ich hab nicht erwartet, dass es so lange dauert.« Er schluckte.

»Schauen Sie, ohne meine ausdrückliche Zustimmung wird Ihnen niemand zu nahe kommen. Also gibt es keinen Grund zur Panik, wir haben keine Eile, Sie müssen nichts tun, ohne vorher gründlich darüber nachzudenken. Wir haben jede Menge Zeit. Alles, worum ich Sie bitte, ist, dass Sie mit mir reden.«

Er schwieg. Auch auf weitere sanfte Fragen erhielt ich keine Antwort. Ich war bereit, ihm zuzuhören, bereit, all die richtigen Dinge zu sagen, aber alle meine Fragen wurden mit eisernem Schweigen beantwortet. Wenigstens war er noch nicht gesprungen.

»Ich würde gern Ihren Namen erfahren«, sagte ich.

Keine Reaktion.

Ich stellte mir Simon Conways Gesicht vor, wie er mir in die Augen geschaut und den Abzug betätigt hatte. Eine Woge von Gefühlen überflutete mich, und auf einmal wollte ich nur noch weinen, einfach zusammenklappen und weinen. Ich konnte das nicht, ich war der Sache überhaupt nicht gewachsen. Panik stieg in mir auf. Gerade als ich aufgeben, zu den versammelten Zuschauern zurückkehren und ihnen sagen wollte, dass ich es nicht schaffte, dass ich nicht für ein weiteres Unglück verantwortlich sein wollte, begann der Mann zu sprechen.

»Adam.«

»Okay«, sagte ich, erleichtert, dass er Kontakt zu mir aufnahm. Ich rief mir einen Abschnitt in einem der Bücher in Erinnerung: dass ein Mensch, der einen Selbstmordversuch unternahm, daran erinnert werden musste, dass es Menschen gab, die an ihn dachten, die ihn liebten – ob er es in diesem Moment fühlte oder nicht. Aber ich hatte Angst, dass ich damit das Gegenteil erreichen würde. Was, wenn womöglich etwas mit diesen Menschen passiert war und er genau aus diesem Grund hier stand oder wenn er sowieso schon dachte, er sei eine Last für sie. Meine Gedanken rasten, während ich herauszufinden versuchte, was zu tun war, es gab so viele Regeln, und ich wollte doch nur helfen.

»Ich möchte Ihnen helfen, Adam«, sagte ich schließlich.

»Vollkommen sinnlos.«

»Ich möchte aber gerne hören, was Sie zu sagen haben«, beharrte ich und bemühte mich, positiv zu bleiben. Hör genau zu, sag nie: Tu das nicht, tu jenes nicht. Oder gar: Das kannst du nicht. In Gedanken ging ich alles durch, ich durfte nichts falsch machen. Jedes einzelne Wort musste stimmen.

»Sie wollen es mir doch sowieso bloß ausreden.«

»Geben Sie mir eine Chance. Vielleicht fühlt es sich im Augenblick so an, als gäbe es keine andere Möglichkeit, aber in Wirklichkeit gibt es eine Menge Lösungen. Ihr Kopf ist bestimmt total müde vom vielen Grübeln. Lassen Sie sich von der Brücke runterhelfen. Dann können wir uns die Alternativen anschauen, die Sie momentan nur so schwer erkennen können – aber sie sind da! Kommen Sie doch erst mal von dieser Brücke runter, ich helfe Ihnen.«

Er antwortete nicht, und dann sah er mich wieder an, mit diesem Blick – diesem Blick, den ich so gut kannte. Genauso hatte Simon Conway mich auch angeschaut. »Tut mir leid.« Seine Finger lockerten ihren Griff um die Eisenstangen, und sein Körper neigte sich nach vorn, weg vom Geländer.

»Adam!« Ich stürzte vor, schob meine Arme durch die Gitterstäbe, schlang sie fest um seinen Brustkorb und riss den Mann so heftig zurück, dass er gegen das Geländer schlug. Ich war so dicht an der Brüstung, dass sein Rücken an meine Vorderseite presste. Ich drückte mein Gesicht in seine Mütze, kniff die Augen zu und hielt ihn fest. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er versuchen würde, sich loszureißen, und mich schon gefragt, wie ich es am besten anstellen könnte, ihn ihm Griff zu behalten. Ich wusste, dass er kräftiger war als ich und dass ich bei diesem Kräftemessen keine Chance hatte, lange die Oberhand zu behalten. Ich wartete, dass einer der Zuschauer herbeigeeilt käme, um zu übernehmen, hoffte, dass die Polizei irgendwo in der Nähe war, damit die Profis die Sache in die Hand nehmen konnten. Ich war vollkommen überfordert, was hatte ich mir denn dabei gedacht? Mit geschlossenen Augen drückte ich mich an den Mann. Er roch nach Aftershave, ganz sauber, als hätte er gerade geduscht. Er roch nach Leben, er roch wie jemand, der irgendwohin unterwegs war, nicht wie jemand, der vorhatte, von einer Brücke zu springen. Er fühlte sich stark an, meine Arme reichten kaum um ihn herum, so breit war sein Brustkorb, aber ich hielt ihn fest und hatte nicht vor, ihn jemals wieder loszulassen.

»Was machen Sie denn da?«, keuchte er, und seine Brust hob und senkte sich heftig.

Zögernd öffnete ich die Augen und sah mich nach der Menschenmenge hinter mir um. Kein Blaulicht war zu sehen, niemand machte Anstalten, mich zu unterstützen. Meine Beine zitterten noch mehr, als wäre ich es, die in die schwarzen Tiefen der Liffey hinunterstarrte.

»Tun Sie es nicht«, flüsterte ich und begann zu weinen. »Bitte tun Sie es nicht.«

Er versuchte, sich zu mir umzudrehen, aber ich stand zu dicht hinter ihm, er konnte mein Gesicht nicht sehen.

»Was machen Sie denn … weinen Sie etwa?«

»Ja«, schniefte ich. »Bitte tun Sie es nicht.«

»Meine Güte.« Wieder wollte er sich umdrehen und mich ansehen. Ich weinte immer heftiger, völlig unkontrolliert, meine Schultern zuckten, aber ich umklammerte weiterhin seinen Brustkorb und hielt ihn ganz fest.

»Was zum Teufel …« Er wand sich in meinen Armen und schob langsam die Füße an der Brüstung entlang, bis er sich umdrehen und mir ins Gesicht sehen konnte.

Unsere Blicke trafen sich.

»Ist … ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte er. Auf einmal klang seine Stimme ein bisschen sanfter, und es war, als käme er allmählich aus der Trance, in der er sich befunden hatte.

»Nein.« Ich wollte aufhören zu weinen, wollte mir die Nase putzen, aber ich hatte Angst, ihn loszulassen.

»Kenne ich Sie?«, fragte er verwirrt, studierte mein Gesicht und fragte sich offensichtlich, weshalb ich so versessen darauf war, ihn zu retten.

»Nein.« Ich schniefte wieder, hielt ihn noch fester und umarmte ihn, wie ich seit Jahren keinen Menschen mehr umarmt hatte – seit der Zeit, als meine Mutter mich im Arm gehalten hatte.

Er starrte mich an, als wäre ich verrückt, als wäre er der Vernünftige und ich die Durchgeknallte. So standen wir praktisch Nase an Nase, und er studierte mein Gesicht, als suche er wesentlich mehr, als er sehen konnte.

Der Bann brach, als irgendein Idiot, der am Ufer stand, plötzlich brüllte: »Jetzt spring endlich!« Mit neu erwachter Wut versuchte der junge Mann sich aus meinem Klammergriff zu befreien.

»Nehmen Sie endlich die Hände weg«, verlangte er und versuchte mich abzuschütteln.