Die Liebe der Kriegerin - Paige Anderson - E-Book
Beschreibung

Gejagt, verfolgt und ohne Verbündete muss der Drachenclan der größten Prüfung seines Daseins entgegenblicken. Die Kriegerin Callista fühlt sich mehr und mehr ausgeschlossen vom Clan, da ihre männlichen Gefährten mittlerweile die große Liebe gefunden haben. Sie ist oft allein und einsam. In dem charismatischen Keleth findet sie einen neuen Kampfpartner. Und noch mehr ... Keleth ist halb Drachenkrieger, halb Satyr und Sohn des Baltes. Er fürchtet, dass seine dämonische Seite irgendwann durchbricht und hält sich daher nur mit Hilfe eines Medikamentencocktails über Wasser. In Callistas Nähe wird er jedoch ruhiger und seine Drachenseite stärker. Während es noch unklar ist, für welche Seite er sich entscheiden wird, könnte seine leidenschaftliche Affäre zu Callista den Clan für immer spalten und ihren Feinden ein leichtes Spiel liefern.

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Die Liebe der Kriegerin

Drachenclan 3

Paige Anderson

Die Liebe der Kriegerin

Drachenclan 3

Paige Anderson

© 2015 Sieben Verlag, 64354 Reinheim Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera Korrektorat: Christine Hochberger ISBN-Taschenbuch: 9783864435423 ISBN-ebook-PDF: 9783864435430 ISBN-ebook-epub: 9783864435447

www.sieben-verlag.de

1. Kapitel

„Diesmal bin ich mir sicher – hat er gesagt.“

Genervt trat Callista gegen eine morsche Holztür.

„Keine modrigen Keller und muffigen Gewölbe – hat er gesagt.“

Ihre schweren Lederstiefel klebten mit jedem Schritt mehr am Boden. Sie schaute bewusst nicht nach unten, wollte nicht wissen, welche Substanzen den stabilen Kellerboden in eine schmierige Gallerte verwandelten. Bedächtig lief sie weiter, stets darauf aus nicht zu fest aufzutreten, um keine Spritzer abzubekommen. Was bei Schuhgröße 43 und Stahlkappen in den Schuhspitzen nicht unbedingt einfach war. Sie war noch nie ein Stiletto-Typ gewesen. Außerdem wäre es eine Schande, wenn die Eiscremetüte in ihrer Hand etwas abbekäme. Bevor sie den nächsten Raum betrat, nahm sie einen tiefen Atemzug. Dank ihrer geschärften Sinne konnte sie im Handumdrehen herausfinden, wer in diesem Keller sonst noch unterwegs war. Geruchssinn, Sehschärfe, Reflexe, Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit waren ihr in die Wiege gelegt worden. Als geborene Drachenkriegerin gehörte sie zur Elite der Welt der Übernatürlichen. Elfen, die Heiler unter ihnen, oder die Dryaden, welche stets eine Affinität zu einem der vier Elemente besaßen, konnten dem Drachenclan nicht das Wasser reichen. Früher waren sie zahlreicher, jetzt bestanden sie lediglich aus ihrem Anführer Mennox, den Kriegern Venor, Darian, Liam und ihr. Was wohl auch der Grund war, dass der Clan dafür Verantwortung trug, die Sicherheit aller anderen zu gewährleisten. Was mittlerweile keine dankbare Aufgabe war.

Danke Nephelim.

Wütend trat sie gegen einen Blecheimer. Das laute Scheppern sorgte für unruhiges Gewusel in den dunklen Ecken.

Die Nephelim. Genau genommen hatte Callista die Führer ihres Volkes noch nie gemocht. Fahlgesichtige Esoteriker nannte sie die drei Mitglieder Asmodeus, Charismon und Marvae heimlich. Angebliche Halbgötter. Von wegen. Nichts als Lügen. Sie waren nicht mehr wert als der Clan. Wie sich durch Andi, Liams bessere Hälfte und hochdekorierte Archäologin, herausgestellt hatte. Gemeinsam hatten sie eine Grabkammer der Nephelim gefunden. Der jetzige Rat hat einfach alle abgemurkst, sich selbst als Götter aufgeschwungen und sich am eigenen Machthunger erfreut. Zu dumm, dass der Drachenclan dahintergekommen war. Laut Andi stand der Clan sogar auf der gleichen evolutionären Ebene wie die Nephelim. Was die Krieger an körperlicher Kraft besaßen, hatte der Rat an mentaler Kraft. So glich es sich aus. Mit dem Bonus, dass die Krieger einen natürlichen Schutz gegen die Hirnpüriermethoden des Rats hatten. Calli war schon immer klar, dass sie etwas Besonderes war. Wer sie erschaffen hatte, wollte gewaltig angeben. Mit einem feuchten Schlürfgeräusch leckte sie den Eiscremetropfen auf ihrem Handrücken ab. Sie war einfach wahnsinnig elegant, egal, was sie tat. Elegant und gefährlich. Letzeres war für ihre Aufgabe auch unabdingbar. Gegen die Nephelim konnten sie im Moment nicht viel tun, aber es blieben ja noch genügend andere Feinde. Ein Glück. Sofern die Übernatürlichen sich gegenseitig die Köpfe einschlugen, was bei einigen öfter vorkommen konnte, ging sie das nichts an. Nur wenn sich die spezielle Rasse ihrer Welt zeigte, mussten sie reagieren. Satyrn. Eine widerliche Promenadenmischung aus Dämonen und … dem Missing Link zwischen Fisch und Schnabeltier. Diese Kreaturen lebten vom Schmerz anderer, geilten sich daran auf, sobald sie Unschuldige quälen konnten.

„Durchaus mit dir vergleichbar, kleiner Freund“, murmelte Callista zu einer verwirrt dreinblickenden Ratte, die auf einem alten Wäschetrockner ein Kabel anknabberte. Zur Antwort quiekte sie lautstark und verschwand in der Dunkelheit. Zumindest der dümmliche Gesichtsausdruck hat gepasst. Insgeheim hoffte sie, einen der rotäugigen Idioten anzutreffen. Es gab nichts Besseres zum Stressabbau, als einen guten Kampf. Sie liebte den Ledergriff ihres Katanas, der Waffe eines Drachenkriegers. Der Stahl wurde zu einer Verlängerung ihres Arms. Herrlich. Liam schwor früher auf zwei oder drei Frauen, fünf Liter Wodka und ein paar fetttriefende Quarterpounder. In diesem Punkt überging sie jedoch die Ratschläge ihres Kumpels geflissentlich. Frauen waren zu zerbrechlich, Wodka betäubte sie nicht annähernd genug und … na ja die Burger könnten helfen. Kopfschüttelnd konzentrierte sich Callista auf ihre Umgebung, so ätzend diese auch sein mochte.

Schimmel, brackiges Wasser, allerlei Getier und deren Ausscheidungen. Das einzig Angenehme war der Geruch der Eistüte in ihrer Hand. Cookies and Cream. Es gab nichts Besseres. Okay, vielleicht wenn es mit Käse überbacken wäre. Alles wurde besser, wenn man es mit Käse überbackte.

Sie machte auf dem Absatz kehrt, um aus dem Kellerloch zu entfliehen. Das würde Liam nicht gefallen. Nein, nein. Seit der Entführung seiner Gefährtin vor einigen Wochen war er wie besessen von einem speziellen Gedanken. Rache. Neben Essen, Vögeln, Trinken und Vögeln, ein gänzlich neuer Charakterzug. Der eher lockere Liam hatte sich vom zuckersüßen Tea Cup Schweinchen, das Frauenherzen und Stringtangas besagter Liebhaberinnen sammelte, zum tollwütigen Pitbull in Dolce und Gabbana verwandelt. Andi war tough. Callista schätzte sie. Sie hatte nie daran geglaubt, dass ihr tatsächlich etwas zustoßen würde. Viel schlimmer als die Entführung waren für Calli zwei andere Dinge. Baltes. Ausgerechnet er hatte die Entführung geplant. Ein ehemaliger Drachenkrieger, der sich für die falsche Seite entschieden hatte. Venor, der zweitälteste Krieger hatte ihn getötet. Zumindest hatten sie das alle gedacht. Doch der kleine Scheißer hatte überlebt. Man hätte ihn Herpes nennen sollen. Er kam einfach immer wieder zurück. Sein Ziel: Den Clan terrorisieren. Juhu.

Und die zweite Sache, die für bittere Galle in Callis Mund sorgte, war der Umstand, dass sie Andis Begleitschutz an diesem Abend gewesen war. Baltes hatte sie so richtig schön nass gemacht. Unfassbar! Obwohl es schon eine Weile her war und die Sache vergleichsweise glimpflich ausgegangen war, rumorte es noch immer in ihrem Innern. Vielleicht auch, weil es Andi allein gelungen war, sich zu befreien. Taffes Ding. Baltes hatte es auf Andi abgesehen gehabt, da die Archäologin eine seltene Hybride war. Eine Mischung zwischen zwei Affinitäten. Sie war sowohl Erddryade als auch Feuerdryade. Eine Laune der Natur. Im positiven Sinne. Andi war mächtig und Baltes hatte wohl eine Schwäche für das Außergewöhnliche. Insbesondere im Hinblick auf seine unheilige Brut. Calli konnte nicht anders, als prustend loszulachen. Ja, es war nicht lustig. Baltes hatte einen Sohn. Zur Hälfte Krieger, zur Hälfte Satyr. Eine beängstigende Kombination. Stark wie einer vom Clan, blutrünstig wie ihre ärgsten Feinde. Erneut lachte sie los, während die Stufen unter ihren Tritten knarzten. Biologisch eigentlich nicht möglich, da sich Kriegerblut nicht mit anderen Rassen mischt. Eine Rasse obsiegt immer. Es kamen keine Vermischungen vor. Hatten zumindest alle gedacht. Fehlanzeige. Es gab Ausnahmen. Witzige Ausnahmen. Kopfschüttelnd kam Calli oben im Erdgeschoss an. Das Bild, wie der große, böse Krieger Baltes eine sabbernde, gurgelnde Satyrin durchorgelt und danach mit ihr kuschelt, war einfach zu köstlich. Ob die beiden auf Blümchensex standen oder doch eher auf Lederhosen und Gagball?

Diesen Gedanken teilte sie besser nicht mit Liam. Da es um seine Frau ging, fände er es bestimmt nicht so lustig. Ebenso hielt Calli ihre Meinung über die Suche nach dem Kellerverlies, in dem Andi gefangen gehalten worden war, zurück. Finde ein älteres Gebäude mit Labor im Keller. Backsteinfassade im Außenbezirk. Keller von außen nicht einsehbar. Ein eigentlich simpler Auftrag. Wenn die Beschreibung nicht auf so ziemlich jedes Haus im äußeren Stadtring zugetroffen hätte. Prima!

Und während Liam zu Hause in seiner lauschigen Hütte die warmen, wohlduftenden Ecken seiner Liebsten erkundete, erkundete Callista … kalte und nicht ganz so wohlduftende Ecken feuchter Kellerräume. Na ja. Das mit dem feucht könnte auf beide Erkundungen zutreff… uhh das könnte sie Liam erzählen!

Als sie den Rand der Eiswaffel anknabberte, lugte sie durch die Eingangstür. Ihre prächtige Laune verschwand schneller, als ein Muffin im Diätcamp. Sie war eine Drachenkriegerin. Früher schrieb sie sogar Autogramme. Ihre Facebook-Seite hatte die meisten Likes von allen Kriegern! Und jetzt? Sie musste sich hinter einem vergilbten Vorhang ducken und verstecken, wie eine Kriminelle auf der Flucht. Zugegeben, das mit der Flucht traf zu. Sie war jedoch so kriminell wie Mutter Theresa. Sie biss sich auf die Lippen. Okay. Mutter Theresa mit dem Hang zu fettigem Essen, lauten Maschinen, hartem Leder und schweren Waffen. Aber sie war nicht kriminell. Nie. Dank des Rats der Scheißelim wurde der Drachenclan leider genau dazu gemacht. Die gute Marvae, das einzig weibliche Monster im Rat, hatte den Clan kurzerhand zum Staatsfeind Nummer eins erklärt. Sie verdrehte die Wahrheit und hetzte das Volk der Übernatürlichen gegen den Clan auf. Erfolgreich. Callista konnte gar nicht genug kotzen, so schlecht, wie ihr war. Der Clan hätte sich aufgelehnt. Würde angeblich rebellieren. Natürlich, das stimmte sogar. Doch sie rebellierten nicht gegen den glanzvollen, rechtschaffenden Rat. Der machtbesessene, irre gewordene Rat würde eher zutreffen. Das interessierte jetzt niemanden. Keiner würde den Kriegern auch nur ein Wort glauben. Die Volksverhetzung hatte wunderbar funktioniert. Manchmal fragte sich Calli, ob die Wahrheit diesen Kummer wert gewesen ist. Wäre es besser gewesen, von alledem nichts zu wissen? Was wenn Mercy, die Frau Darians, kein Orakel gewesen wäre. Demzufolge wäre ihre Mutter ebenso kein Orakel gewesen. Die Prophezeiung, welche den Anstoß für diese Scheiße, gegeben hatte, wäre nie ausgesprochen worden.

Eine Macht wird kommen, die Altvorderen aufhalten. Sobald die Opfer gerächt, würde es Frieden geben.

Blablabla. Mehr nicht. Seit diesem Zeitpunkt ging es bergab. Stück für Stück wurde das dunkle Geheimnis der Nephelim offenbart. Und Stück für Stück starb ein kleiner Teil in jedem Kriegerherz. Sie riskierten ihr Leben für den Rat, ihre Anführer, ihre moralischen Vorbilder. Nichts als ein riesen Haufen Mist. Der Rat wollte über die Menschen herrschen, besetzte menschliche Ämter mit Übernatürlichen. Undenkbar, welche Macht sie bereits jetzt besaßen. Die Menschen glaubten immer noch, sie seien allein auf der Welt. Das sollte auch so bleiben. Der Rat befehligte den Clan und der Clan folgte aufs Wort. So war es zumindest immer gewesen. Loyalität, leider eine falsche. Was hatten sie jetzt davon? Ihre Existenz lag in Trümmern vor ihnen. Dank Marvaes spitzzüngigen Lügenmärchen hatte das aufgebrachte Volk nicht gezögert und das Anwesen des Drachenclans angezündet. Sie glaubten nach wie vor das, was sie selbst vor noch wenigen Monaten ebenso geglaubt hatten. Bei dem Anschlag wurde alles zerstört. Calli hatte gerade noch genug Zeit ihre Notfalltasche zu schnappen und abzuhauen. Hätte sie geahnt, dass sie diese Tasche tatsächlich mal brauchen würde, hätte sie sorgfältiger gepackt. Sie hatte sieben Shirts, aber keine Unterwäsche. Zwei Tuben Zahnpasta, keine Zahnbürste. Und das Schlimmste: ihre Playstation Portable lag auf ihren Nachttisch. Ruiniert. Sie hatte Wochen für die Haustechnik gebraucht. Das Sicherheitssystem und die Computer waren ihr Baby. Verschmorter Müll. Schrott. Sonderabfall. Ganz zu schweigen von ihren Waffen. Langwaffen, Kurzwaffen, Wurfwaffen. Meine Güte, sie hatte alles gehabt. Sogar einen uralten Colt, für den sie ein kleines Vermögen gezahlt hatte. Das Ding konnte kaum geradeaus schießen, doch es war ein Prachtstück. Sie weinte nicht um ihre Klamotten oder dergleichen. Das war ersetzbar. Sie hatte jedoch ihr Zuhause verloren. So viele Jahre hatten sie dort zusammen gelebt. Gemeinsam gegessen, gemeinsam gelacht. Der Clan war ihre Familie. Missmutig stieß sie die Tür auf und trat hinaus in die laue Nachtluft. Ihr Wagen parkte zwei Querstraßen entfernt. Ein Wagen mit getönten Scheiben vor einem baufälligen Gebäude würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ach ja, und sie hatte das neue Final Fantasy noch nicht durchgespielt. Jetzt konnte sie damit von vorn anfangen. Super! Sie hatte so kurz davor gestanden, den vorlauten belgischen Jungen in Call of Duty plattzumachen. Auch futsch. Die Eiswaffel in ihrer Hand knackte bedrohlich, als sich ihr Griff unabsichtlich verstärkte. Nun fing sie vor Wut schon an, einer unschuldigen Eistüte wehzutun.

„Huch!“ Erschrocken wich sie zurück und entging nur knapp einer Klinge, welche direkt vor ihrer Nase runtersauste. Mit der Geschwindigkeit einer aufgeschreckten Katze fasste sie nach hinten in die Mantelscheide und zog ihr Katana. Binnen Sekunden erwachten ihre Drachensinne zum Leben. Genauso schnell, wie sie in Alarmbereitschaft versetzt wurde, entspannte sie sich wieder. Eine Horde Satyrn, große Kerle, gute Gegner. Das wäre was gewesen. Aber was stand vor ihr? Ein satyrischer Winzling mit einem Buttermesser. Was sollte sie denn damit anfangen? Callista hätte ihn monatelang aufpäppeln müssen, bevor er zu jemandem werden würde, gegen den es sich lohnt, zu kämpfen. Rote Augen, wie sie allen Satyrn vorbehalten waren, glommen im fahlen Licht der Straßenlaternen zu ihr herauf. Ein langer Speichelfaden hing ihm aus den Mundwinkeln. War er auf Entzug? Ohne Frage. Nur im Delirium war ein Satyr dumm genug, sie anzugreifen. Satyr brauchten den Schmerz, den sie anderen zufügten, wie eine Droge. Sie hatte für Süchte jeglicher Art kein Verständnis. So was machte einen schwach. Und sie war nicht schwach.

„Pass doch auf!“, tadelte sie den Satyr, als dieser erneut die Luft vor ihr mit dem Messer teilte. „Du schneidest dich noch.“ Gelassen biss sie ein Stück der Eiswaffel ab, die sie nach wie vor festhielt.

„Du … leiden, Schlampe“, zischte der Satyr zwischen den gesprungenen, spröden Lippen.

Moderner Satzbau eines Satyrs: Subjekt, Prädikat, Beleidigung. Wenn er ein Alter anfügen würde, wäre es der gebräuchliche Satzbau zurückgebliebener Jugendlicher.

„Du … reden in ganzen … Sätzen“, äffte Callista ihn mit Zombiestimme nach.

Zornig stieß er noch mal zu, während Callista flink einen Schritt zurücksprang und ihm mit der flachen Klinge auf die Hand schlug.

„Na, na, na. Böser Satyr. Pfui!“ Ja, sie sollte nicht mit ihm spielen. Aber sie hatte es satt diese Würmer ernst zu nehmen. Es war einfacher, Liam seine Süßigkeiten abzunehmen, als solch ein Ding zu köpfen. Zudem ging ihre Zahl signifikant zurück. Sie stellten kaum mehr eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

„Okay“, sie hob entschuldigend die Hände. „Das war nicht nett von mir. Wie wär’s mit einem Rätsel? Jeder mag Rätsel.“

Wieder hieb er nach ihr.

„Das fasse ich als Ja auf. Also: Was ist der Unterschied zwischen einer Hühnerleiter und deinem Leben?“

Stille, der Satyr legte tatsächlich eine Pause ein, als überlege er eine Antwort.

„Es gibt keinen“, sagte Callista und lachte. „Beides ist kurz und beschissen!“

Den hatte sie von Liam geklaut, aber er war ja nicht hier, demnach konnte sie ihn durchaus als ihren Witz ausgeben.

„Kriegerschlampe!“

„Ui ein so langes Wort. Ich bin beeindruckt.“ Erneut hob er die Waffe, diesmal drehte sie sich seitlich weg.

Der Satyr strauchelte jedoch und blieb an ihrem Katana hängen. Unfassbar. Jetzt verletzte er sich noch selbst.

„Was zum …?“ Zum ersten Mal wurde Calli jetzt sauer. „Sieh, was du angerichtet hast, du dämlicher Idiot!“ Demonstrativ hielt sie dem mittlerweile großzügig blutenden Satyr ihre Eiswaffel hin. Ein schleimig, dunkler Tropfen Blut klebte daran. Sie aß zwar vieles, und es war eher möglich eine Drehtür zuzuschlagen, als ihr den Appetit zu verderben, aber hier zog sie definitiv die Grenze. Wütend warf sie die Waffel auf die Erde und machte kurzen Prozess. Ein geschmeidiger Hieb später und der Satyr sackte ein Körperteil leichter zu Boden. Der Kopf kullerte die Gasse hinunter. Achtlos stopfte sie die Überreste in eine Mülltonne und setzte ihren Weg fort. Ohne Eis. Kaum am Wagen angekommen, war der Zwischenbesucher bereits vergessen.

„Blöde, Mist, Dreckskarre“, murmelte sie, als die Tür des SUV sich leise schloss. Unbestritten ein tolles Auto. Schnell, Vierradantrieb, ordentlich Pferdestärken, geräumig. Es war Liams ganzer Stolz. Sie hasste es. Mit vier Rädern unterwegs zu sein, war reizlos. Zwei Räder, gute Kurvenlage, Fahrtwind, der die Lederkluft fest an ihre Haut presste.

Aber dank der Deppen, die der Clan zu schützen geschworen hatte, waren sie ins Exil verbannt worden. Kein High-Tech-Anwesen mehr. Ab sofort stand Scheiß-Blockhütten-Romantik mitten im Nirgendwo kurz vor der kanadischen Grenze auf dem Plan. Die Fahrt dauerte knappe vierzig Minuten. Genügend Zeit um sämtliche Radiosender so zu verstellen, dass Liam das nächste Mal, wenn er den Zündschlüssel umdrehte, vor Schreck in Ohnmacht fallen würde.

Geschähe ihm ganz recht. Sie konnte nicht leugnen, dass ihr das Rund-um-die-Uhr-Geschmuse der Pärchen um sie herum gehörig auf den Sack ging. Zugegeben Mennox, ihr Anführer und Lillian konnte sie noch am besten verstehen. Lillian war schwanger, es dauerte nicht mehr lange. Und je näher der Termin rückte, desto griesgrämiger wurde Mennox. Er wollte die Tage mit ihr ausnutzen. Darian und Mercy sowie Liam und Andi nutzten das Exil ausgiebig, um ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen. Oder wie Calli es nannte, um zu vögeln, bis die stärkste Wund- und Heilsalbe keine Wirkung mehr zeigen würde. Immerhin wohnten sie in kleinen abgeschiedenen Hütten, jedes Paar für sich. Dadurch ersparte sie sich die peinlichen Begegnungen an den unmöglichsten Orten im großen Gemeinschaftsanwesen.

Ich … ähm war auf der Suche nach einem Besen. Klar. Darian wusste nicht einmal, wie ein Besen aussah. Das erklärte seine Anwesenheit im Besenschrank mit einer halb entkleideten Mercy kaum. Liam war da wenigstens direkter. Ich werde jetzt Sex auf dem Schießstand haben! Kannst du das glauben? Er erzählte es, sehr zum Leidwesen Andis, jedem, der es wissen wollte. Und denen, die es nicht wissen wollten, ebenso.

Callista parkte den Wagen auf einem der abgesprochenen Parkplätze und griff nach der braunen Papiertüte auf dem Beifahrersitz. Die Blockhütten waren nicht frei zugänglich. Ein Fußmarsch über steiniges Gelände gehörte zum All-inclusive-Paket, also machte sie sich auf den Weg. Der Wind blies hier oben schon wesentlich kälter, als in der Stadt. Es war Venors geheimer Rückzugsort gewesen. Es war, als hätte er das alles geahnt. Jede Hütte war voll ausgestattet mit allem, was nötig war. Tief im Wald hatten sie den ersten Schreck der öffentlichen Verfolgung in Ruhe verdauen können. Ihr persönlich stieß es jedoch noch immer bitter auf. In den Bergen versteckt halten, während der Rat und Baltes ungestört in Silversprings lebten und sie wahrscheinlich auslachten. Diese Ungerechtigkeit. Unwillkürlich zerknüllte sie die Papiertüte zwischen den Fingern. Es war zum Schreien. Wut und Enttäuschung rangen um die Vorherrschaft, sobald sie daran dachte. Ihr beschleunigter Atem bildete kleine Wölkchen.

„Verfluchter Mist!“ Mit aller Kraft schmetterte sie die Tüte samt Inhalt gegen den nächsten Baum. Callista hielt abrupt inne, als das Geräusch der aufprallenden Tüte ausblieb. Blitzschnell wandte sie sich um, das Katana im Anschlag.

„Ich bin es.“ Mit ausgestrecktem Arm trat Venor aus dem Schatten. Er hatte die Tüte aufgefangen. Callis Gemüt beruhigte sich schlagartig.

„Hallo Venor.“ Metall klirrte durch die Stille, als sie das Schwert wegsteckte. Wer sonst? Nur Venor gelang es, sich absolut lautlos zu bewegen. Sogar für die Sinne eines Kriegers nicht wahrnehmbar. Es war keine Schmähung, ihn zu überhören. Nach Mennox, war er der Älteste. Und leider auch der, das musste man einfach so sagen, mit dem größten Dachschaden. Seitdem Venor die unselige Aufgabe zufiel, Baltes aus dem Weg zu räumen, also einen Clangefährten zu töten, war er nicht mehr derselbe.

„Du hattest keinen Erfolg.“ Keine Frage, eine Feststellung.

„Dir ebenfalls einen schönen Abend“, gab sie zurück. Es war keine Beleidigung. So war er eben. Venor hob eine Augenbraue und hielt die Tüte hoch.

„Ein doppelter Fett-Trief-Arterienverstopfer für Liam.“ Der Krieger verzog keine Miene. „Ein Cheeseburger mit Speck“, setzte sie nach. Kurzfristig hatte sie die Immunität des Kriegers gegen Sarkasmus und Ironie vergessen. Es lag nicht an seiner Intelligenz, sondern eher an der absoluten Emotionslosigkeit, die ihm anhaftete.

„Iss ihn. Du hast bestimmt noch nichts gegessen. Liam ist ohnehin zu klein für sein Gewicht“, sagte sie und winkte ab, als er ihr die Tüte reichen wollte. Seit sie im Wald lebten, ersetzte Venor das Alarmsystem. Tag und Nacht schien er auf den Beinen zu sein. Durchzog die umliegenden Gebiete, streifte umher. Rastlos, als sei er von einer inneren Unruhe erfasst, welche nur die kalte Bergluft beruhigen konnte. Er war in vielerlei Hinsicht wie ein Roboter. Dennoch war Calli beruhigt, denn der Terminator war auf ihrer Seite. Und Baltes war Sarah Connor. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her. Es gab nichts zu berichten, wenn doch, hätte Venor sofort das Wort ergriffen. Was sollte hier auch lauern. Eichhörnchen und kleine Pelztiere, die nicht halb so gut schmeckten, wie sie aussahen.

„Du darfst deine Emotionen nicht dein Handeln beeinflussen lassen. Wut macht dich blind, Schmerz lähmt deine Muskeln und Frust macht deinen Arm schwach.“

Calli schluckte. War es so offensichtlich, was in ihr vorging? „Ein blinder, lahmer und schwacher Krieger. Was bliebe da noch übrig von uns?“

Unschlüssig, was sie sagen solle, schaute sie stur nach vorn.

„Für dich mag das einfach sein in der Umsetzung. Aber …“

Stille.

Calli blickte sich um. Er war weg. „Ich führe gern Selbstgespräche. Danke auch“, murmelte sie und lief weiter. Sie hasste es, wenn er das tat. Es war nervtötend.

Die erste Hütte ließ sie links liegen. Sie wollte Mennox nicht stören, es gab keinen Grund. Myrell, die Hexe welche sich dem Clan angeschlossen hatte, wollte sie ebenso wenig besuchen. Es war eine merkwürdige kleine Frau. Und sie stank schrecklich nach Mottenkugeln und Lakritze. Ihr Ziel war die dritte Hütte. Liams Liebeshöhle. Würg.

Ohne Burger und ohne Erfolg. Na das würde ein tolles Gespräch werden.

Nach dem ersten Klopfen ertönte Rascheln. Nach dem Zweiten ein ersticktes weibliches Lachen. Nach dem Dritten erschien Liam in der Tür. Er trug nur Boxershorts und ein warmer Luftzug wehte Callista von drinnen entgegen. Es roch nach Kaminholz, Schokolade und Lust. Ihre Hütte würde kalt sein, wenn sie hiernach dort einkehrte. Kalt und dunkel. Und es würde nach den Überresten ihres Abendessens von vor drei Tagen riechen, welches sie nicht entsorgt hatte. Eklig, denn es hatte schon frisch nicht besonders gut gerochen.

„Wo ist mein Burger?“ Gut gelaunt trat Liam ins Freie.

Seine Miene wurde traurig, als er ihre leeren Hände sah.

„Kopf hoch Prinzesschen, sonst fällt das Krönchen runter.“

Leise zog er die Tür zu. Natürlich. Andi sollte nichts von seinem kleinen Rachefeldzug erfahren. Einer der Gründe, warum Calli diese Aufträge ausführte.

„Da war wieder nichts? Wie kann das sein?“, herrschte er sie an.

„Die Angaben deiner Gattin sind nicht die Genauesten“, fauchte sie zurück.

„Das kann doch nicht sein!“ Er raufte sich die strohblonden Haare. „Wie viele Häuser können es denn sein, die auf ihre Beschreibung passen?“

„Willkommen in der Realität, Liam. Darf ich dich rumführen?“ Wütend warf sie die Hände in die Höhe. „Andi war verstört, als das geschah. Sie kann es kaum beschreiben, weiß fast nichts mehr. Diese Suche ist aussichtslos“, flüsterte sie fast nur noch. Sie gönnte Liam seine Rache von Herzen. Nur zu gern würde sie diesen Bastard mitsamt Sohnemann in einen blutigen Brei verwandeln. Es gab Wichtigeres zu tun. In Zeiten wie diesen, war es unangebracht, sich in privaten Rachefeldzügen zu verlieren.

„Wir finden sie. Alle beide“, murmelte Liam. Es war, als hätte er ihr gar nicht zugehört.

„Gib es endlich auf Liam“, sagte sie leise.

„Du suchst nur nicht richtig!“ Eisblaue Augen funkelten ihr wütend entgegen. Die Kälte darin galt nicht ihr, das wusste Callista. Dennoch prickelte es bedrohlich unter ihrer Haut. Zähl innerlich bis zehn. Er meint es nicht so. Eins, zwei …

„Wenn du dir vielleicht mehr Mühe geben würdest …“

Drei, vier …

„Weniger privaten Vergnügungen …“

Zehn!

„Privaten Vergnügungen? Aber natürlich. In modrigen Kellern rumkrabbeln, ist mein neues Hobby. Es gibt nichts Schöneres, als eine Nase voll Schimmel versetzt mit Rattenscheiße, um mal wieder einen klaren Kopf zu bekommen!“

Neben ihr raschelte es im Gebüsch, und ein Hase preschte unter dem Dickicht hervor. Zweifelsohne gestört durch den nächtlichen Lärm.

„Ihr beiden versucht, den Weltrekord im Dauervögeln aufzustellen, Mennox’ Ohr ist auf Lillians Babybauch festgewachsen und Darian entdeckt seine Vaterrolle. Jeder hat seinen Spaß. Nur. Ich. NICHT!“ Gut, Venor ebenso nicht, aber der war auch nicht Bestandteil ihres Vortrags gerade.

„Du hast recht. Tut mir leid.“

„Deine gehässigen Kommentare kannst du dir sparen oder ich schieb sie dir so tief in deinen …“

„Ich sagte, du hast recht“, brüllte er. Was? Liam gab nie jemandem recht. Er hatte grundsätzlich recht. Regel Nummer eins. Und falls dies nicht der Fall sein sollte, trat wieder Regel Nummer eins in Kraft.

„Na … dann ist ja gut.“ Sie versuchte, nicht allzu kleinlaut zu klingen.

Liam schaute über ihre Schulter ins Leere. „Vielleicht sollte ich wirklich aufgeben.“

„Sein Kopf in einem Schuhkarton wird die Sache nicht ungeschehen machen“, setzte Callista nach.

„Aber es würde ungemein guttun.“ Darauf gab es nichts zu sagen. Es musste schwer für ihn sein, seinen Blutdurst auf Eis zu legen, statt ihn zu stillen. Rache kann ein nagendes Gefühl sein. Genau wie Sehnsucht. Dieses Gefühl kannte sie zu gut.

„Du schuldest mir einen Burger“, brummte Liam noch, drehte sich um und verschloss die Tür.

„Danke Calli! Du bist einfach die Beste!“, rief sie durch die geschlossene Holztür. „Dass du in der Kälte für mich unterwegs bist, ist unglaublich liebenswürdig!“

Schnaubend machte sie sich auf den Weg zu ihrer Behausung. Die letzte Staffel von The Walking Dead und kalte Hähnchenschenkel von gestern warteten bereits auf sie. Ein toller Abend also.

Außer … Ihre Schritte wurden langsamer. Sie könnte noch mal kurz in die Stadt und rein zufällig an der Bibliothek für Übernatürliche vorbeifahren. Sie blieb stehen. Der dunkle Schatten ihrer Blockhütte war bereits zu sehen. Unsicher zerkaute sie ihre Unterlippe. Ihre Kleider waren noch sauber und … sie roch am Saum ihres Shirts, der Geruch annehmbar. Andererseits schwor sie sich regelmäßig, wenn sie dort war und er nicht, dass es das letzte Mal gewesen sei.

Scheiß drauf. Ohne erneut zu zögern, kehrte sie um. Die Zombies wären nachher noch genauso verfault und die Hähnchenschenkel genauso kalt. Ein finaler Versuch.

2. Kapitel

Endlich. Gleich einem Raubtier lag Keleth auf der Lauer. Jeden Abend wartete er an derselben Stelle, wartete auf seinen Untergang, wartete auf sie. Er kannte den schwarzen SUV. Das kühle Metall der Pillendose knarzte bedrohlich in seiner Faust. Sofort beschleunigte sich sein ohnehin rasanter Herzschlag. Ohne den Blick von dem Wagen abzuwenden, stopfte er sich eine Hand voll weißer Tabletten in den Mund. Über die normale Dosis war er längst hinweg. Die größte Menge, die er nehmen konnte, ohne sich zu übergeben, war die korrekte Anzahl. Es ging nicht anders. Moderne Pharmazeutika waren alles, was das Tier in ihm zügeln konnte. Um die Wirkung zu beschleunigen, zerbiss er sie. Der bittere Geschmack störte ihn nicht. Im Gegenteil, er erinnerte ihn daran, dass er noch zu Empfindungen in der Lage war. Auch wenn es etwas Banales, wie Geschmack war. Der Satyr in ihm wurde mit jedem Tag stärker. Mit den Pillen verschaffte er sich lediglich Zeit. Irgendwann würde er den Kampf verlieren, der seit seiner Geburt in ihm tobte. Eines Tages würde die Stimme in seinem Kopf verklingen, welche ihn ermahnte sich nicht dem Blutrausch hinzugeben. An diesem Punkt angelangt, konnten alle Medikamente der Welt ihn nicht mehr retten. Blut, Tod und Schmerz wären alles, wonach er sich verzehren würde. Jedwede Emotion wäre unwiederbringlich dahin. Fort. Für immer.

Noch nicht. Er hatte noch Zeit. Zeit, zu leben, zu empfinden, zu fühlen. Und der Schlüssel dazu stieg soeben aus dem Auto vor ihm aus. Die reine Verführung. Ihre Nähe zu spüren, ihre unverfälschte Witterung aufzunehmen, war sein Everest. Alles in ihm schrie nach ihr. Der Mann und das Monster. Darin waren sie sich einig. Der Mann wollte den Kopf in der Grube ihres Schlüsselbeins vergraben, das Tier wollte sie zerfleischen. Warum es ausgerechnet bei ihr so war, erschloss sich ihm nicht. Er war keine Jungfrau mehr, hatte durchaus schon seinen Spaß gehabt. Aber niemals hatte ihn jemand auf diese Art und Weise berührt. Seit ihrer ersten Begegnung hier, in der Bibliothek der Übernatürlichen, fochten seine beiden Seiten stärker gegeneinander denn je. Er fühlte sich lebendig. Das war gefährlich. Er sollte ihr nachspionieren, herausfinden, was der Clan vorhatte. Im Auftrag seines Vaters. Die uralte Fehde. Keleth war es leid. Sein Erzeuger war zerfressen von Rache, unfähig Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Keleths Loyalität Baltes gegenüber war an jenem Abend erstmals ins Schwanken geraten. Satyrn einfangen, sie untersuchen, um herauszufinden, was genau Keleth zu dem machte, was er war, hatte ihm keine Gewissensbisse bereitet. Auch wenn das Ergebnis ernüchternd war. Ein Hybride. Nicht mehr und nicht weniger. Die simple Mischung zweier verschiedener Rassen. Für Baltes wäre es ein Leichtes gewesen, seinen Plan, eine Armee aus Halbsatyrn, wie Keleth einer war, durchzusetzen. Aber er hatte dies zu verhindern gewusst. Fast jede Satyrin war schwanger von Baltes geworden. Jedoch nicht lange, dafür hatte Keleth gesorgt. Er musste lediglich die Fesseln lockern. Die Satyrinnen waren so außer sich, dass sie den Rest allein erledigt hatten. Alles in ihm wehrte sich gegen den Gedanken, seinen Brüdern und Schwestern dasselbe Los zuteilwerden zu lassen, dass er ertragen musste. Der ewige Kampf, die Schmerzen, die Alpträume. Das war kein Leben.

Baltes hatte natürlich keine Ahnung, dass sein eigener Sohn ihn sabotierte. Auch nicht, als er Liams Frau bei der Flucht geholfen hatte. Er hatte einfach die Tür offen gelassen. Er wollte keine Schachfigur sein. Schon gar nicht im perfiden Spiel seines Vaters. Im Nachhinein stellte er fest, dass er sich oft vorstellte, wie sie ihm danken würde. Ihn umarmte, an sich drückte, anlächelte. Er tat es mehr für sie, als für sich selbst. Wen wunderte das? Ein Monster war nicht fähig, Mitleid zu empfinden, oder? Was sonst würde ihn antreiben, sich für das Gute einzusetzen, wenn nicht der egoistische Gedanke an eine Belohnung. Von ihr. Callista. Er wusste alles über sie, was er in Erfahrung hatte bringen können. Jedes Detail sog er in sich auf. Als eine kühle Brise ihren Duft zu ihm trieb, erstarrte er. Sie trug kein Parfum, benutzte keine Bodylotion. Das, was seine Sinne zum Explodieren brachte, war sie. Rein, unverfälscht und einfach göttlich. Mit trübem Blick beobachtete er sie. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, die Waffen in den Tiefen ihres schwarzen Mantels verborgen, ging sie im Schatten umher. Seit ihrer öffentlichen Verfolgung war sie vorsichtiger geworden. Stets darauf bedacht, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Keleth sprach sie nicht an. Nie. Er war zu unsicher, ob er sich wirklich zügeln konnte. Ohne Zweifel würde es seinem Vater gefallen, wenn er die jüngste Kriegerin des Drachenclans auf offener Straße hinrichtete, doch er selbst würde sich das nie verzeihen. Die Welt war besser mit ihr darin.

Abermals sog er ihren Duft ein, speicherte jede Nuance in seinen Gedanken. Heute Abend war es anders. Etwas Fremdes schwängerte die Luft. Es roch metallisch, säuerlich und … erneut nahm er einen bebenden Atemzug und filterte Callista widerwillig heraus. Marzipan. Verdammt! Nur einem Stoff wurde dieser Geruchsstoff künstlich beigemischt. TNT. Eigentlich für die Nasen von Spürhunden, aber er roch es genauso. Der Drachenkrieger in ihm schlug Alarm, das Monster jubilierte. Warum witterte sie es nicht? Sein Körper war zum Bersten gespannt. Das geparkte Auto, in dessen Schatten sie sich herumdrückte, musste es sein. Anschläge waren in diesen Zeiten keine Seltenheit. Er war überzeugt, dass der Rat sie selbst inszenierte, um die Bevölkerung zu ängstigen und näher zu ihnen zu treiben. Im Namen der Terrorbekämpfung war es einfacher, eine Diktatur einzurichten. Die Leute gehorchten, nahmen Einschränkungen ihrer Freiheit in Kauf, um sich und ihre Lieben zu schützen.

Sie merkt es nicht. Sie steht direkt davor und merkt es nicht! Herrgott! Schweiß ließ seinen Rücken frösteln.

Geh. Dreh dich um und geh. Überlass sie ihrem Schicksal Sie kommt zurecht.

Keleth trat aus dem Schatten der Häusergasse und lief schnurstracks auf sie zu. Lass das. Tu das nicht. Du wirst sie verletzen!

„Hey. Na, wenn das kein Zufall ist.“

Callistas Nacken verspannte sich und ihre Finger zuckten zu ihrer Waffe. Nur für einen Sekundenbruchteil. Dann wandte sie ihm das Gesicht zu. Und die Welt blieb stehen. Sofort tauchte er in die Tiefen ihrer stahlgrauen Augen ein, verlor sich in der Schönheit ihrer Gesichtszüge. Geschwungene Lippen, wobei die Oberlippe einen Tick voller war als ihre Unterlippe. Die definierten Wangenknochen und die blau schimmernden schwarzen Haare machten ihr Bild perfekt. Sollten sie eben in die Luft fliegen. Wenn er jetzt stürbe, so wäre es im Frieden mit sich und dem Universum.

„Keleth!“ Und diese Stimme. Rauchig, dunkel und doch weiblicher als alle Sukkubi zusammen. „Was machst du denn hier?“ Die Tatsache, dass sie so tat, als wäre sie nicht auf der Suche nach ihm, ließ seine Mundwinkel nach oben zucken.

Ich lauere dir schon seit unserer ersten Begegnung auf. Ich will immer wissen, wo du bist, was du tust und ob es dir gut geht. Du beherrschst meine Gedanken, meinen Körper, jede Faser!

„Ich hab Bücher zurückgebracht.“ Er trat einen Schritt zurück. Distanz. Das Zauberwort, welches ihr Leben retten könnte. Sie war älter als er, demnach war die Kriegerseite in ihr stärker. Aber seine dämonische Seite war ebenso stark. Er könnte sie töten. Er war kräftiger. Schneller. Und offenbar gerade wesentlich aufmerksamer. Am liebsten hätte er sie am Ärmel gepackt und von dem Auto weggezogen, das so offensichtlich nach Sprengstoff roch, dass es ihn in der Nase juckte. Doch das durfte er nicht. Sie durfte nicht wissen, was er war. Vielleicht eines Tages, wenn er den Entschluss gefasst hatte, zu sterben. Dann würde er es ihr sagen. Durch ihre Hand den Tod zu finden, war mehr, als er zu hoffen wagen konnte. Doch nicht jetzt. Nicht, bevor er sie besser kennenlernen durfte.

„Ein wunderschöner Abend, nicht?“, fragte er und verzog das Gesicht zu einem Lächeln, von dem er hoffte, sie kaufte es ihm ab. „Und die Luft ist so klar!“ Er atmete übertrieben tief ein, ließ seinen Brustkorb erzittern.

Volltreffer! Sie streifte ihre Kapuze ab, hob den Kopf und nahm ebenso einen kräftigen Atemzug.

„Ja das stimmt. Es riecht ein wenig nach Schnee und …“ Sofort verdüsterte sich ihre Miene und ihre Augen wurden dunkel. Endlich. „Wir müssen gehen.“

Wie er es sich vorgestellt hatte, packte sie ihn am Arm und zog ihn weg von dem Wagen.

„Was ist los?“ Seine Schauspielkünste schienen auszureichen, denn sie drückte ihn in eine Seitengasse, schirmte ihn mit ihrem Körper ab. Obwohl er ihr wildfremd war, beschützte sie ihn. Ihn! Haare kitzelten sein Kinn und nur schwer widerstand er dem Drang, sie zu berühren.

„Ich rieche eine Bombe. Sie muss in dem … Scheiße!“ Er folgte ihrem besorgten Blick.

Eine Frau und ein kleines Mädchen waren im Begriff, in das Auto einzusteigen. Das war nicht gut. Der Geruch hatte sich in den vergangenen Minuten verstärkt, die Detonation musste unmittelbar bevorstehen. „Warte hier.“

„Nein. Du kannst da nicht hingehen!“ Keleth hielt sie am Arm fest. Es war zu spät für die Frau und das Kind. Tragisch aber er würde jeden bereitwillig opfern, um sie zu schützen.

„Das verstehst du nicht. Warte. Hier!“ Ihre Augen strahlten Entschlossenheit aus. Geschickt entwand sie sich seinem Griff und sprintete los.

Den Teufel würde er tun. Leise fluchend rannte er ihr hinterher. Wie ferngesteuert lief er los. Dann geschah alles sehr schnell. Scheiß drauf! Jetzt war einer der seltenen Augenblicke, in denen der Krieger in ihm zum Vorschein kam. Mit einem Arm packte er Callista, noch bevor diese sich beschweren konnte, und warf sie, zugegeben etwas unsanft, zur Seite. Irgendwohin, egal. Hauptsache weg von dem Wagen. Im selben Moment schnappte er sich die verdutzt dreinblickende Frau sowie das kleine Mädchen und zog auch sie weg. Die Explosion riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Wie eine Decke breitete er seinen Oberkörper über die beiden aus, schützte sie vor der Druckwelle. Es war eine stümperhaft zusammengezimmerte Bombe, so viel war klar. Eine professionelle Zündung hätte sie getötet.

„O Grundgütiger! Amalia! Amalia!“ Die Frau unter ihm trat und schrie hysterisch um sich, das Kind weinte bitterlich. Sie lebten. Alle. Aus den Augenwinkeln sah er Callista. Das zu erklären, würde schwierig werden. Benommen rappelte er sich auf. Die Frau untersuchte das Gesicht ihrer Tochter.

„Was sollte das denn?“ Callistas Augen blitzten gefährlich in der Dunkelheit. Nun war sie das Raubtier. Und er hatte sie um ihre Beute, ihre Genugtuung gebracht. „Du hättest dabei draufgehen können, du Idiot! Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Sie schlug ihm kräftig gegen die Schulter. Ohne ihn weiter anzusehen, ging sie in die Hocke.

„Geht es Ihnen gut?“

Die Frau nickte und presste ihr Kind an die Brust. Liebe.

So sah Liebe aus. Wenn einem das Leben eines anderen mehr wert war, als das eigene. War es das, was er in dem Moment gespürt hatte, als Callista sich dem Wagen genähert hatte? Nein. Das war Angst. Die Kehle zuschnürende, die Atmung lähmende, qualvolle Angst um jemanden.

Wenn auch keine Liebe, zumindest ein Fortschritt Richtung Menschlichkeit.

„Da ist eine von ihnen! Der Clan ist hier!“

„Seht, was sie getan hat!“

„Haltet sie auf, ruft Hilfe!“

„Sie werden uns töten!“

Keleth schloss für einen Augenblick die Augen, wegen dieses Unsinns.

„Was zum Teufel?“ Callista richtete sich auf. Ihr Blick ging an Keleth vorbei zu der kleinen Ansammlung. Die Hassrufe wurden lauter und lauter.

„Glauben die etwa, ich war das?“ Der Zorn in ihrer Stimme war verflogen. Zurück blieb Ernüchterung. Die Traurigkeit ihrer Worte versetzte seiner Brust einen schmerzhaften Hieb. Am liebsten hätte er den Schwachsinn aus ihren Köpfen herausgeprügelt.

„Verschwinde, du Missgeburt!“

„Wir haben keine Angst vor euch, egal wie viele ihr tötet!“

Er fühlte sich hilflos. Was sollte er jetzt tun? Oder sagen? Die Worte des aufgebrachten Mobs verletzten Callista. Das konnte sogar er deutlich sehen. Die Brauen zusammengekniffen, die Schultern runtergezogen stand sie da.

Die immer noch am Boden liegende Frau ergriff Keleths Hand. „Geht. Sie werden euch nicht glauben. Flieht, solange noch Zeit ist.“

Er nickte und begriff. Der Ruf des Clans war irreparabel geschädigt. Sie gaben ihr die Schuld. Obwohl sie die Mutter und ihr Kind hatte retten wollen.

„Komm.“ Vorsichtig zog er Callista mit sich zurück zu ihrem Wagen.

„Das ist doch ein schlechter Scherz, oder?“, flüsterte sie. „Diese … was denken die sich? Dass ich nichts Besseres zu tun habe, als amateurhafte Autobomben zu legen?“

„Gib mir die Schlüssel“, forderte er sie auf.

Zu seiner Überraschung griff sie tatsächlich in ihre Hosentasche und überreichte ihm ihren Schlüsselbund.

„Wenn ich diese Bombe gebaut hätte, würde der gesamte Straßenzug in Schutt und Asche liegen! Haben diese Lemminge überhaupt noch eine eigene Meinung zu irgendwas?“

„Nein. Sie haben zu lange unter Menschen gelebt“, antwortete Keleth tonlos und schob sie auf den Beifahrersitz.

„Ich meine, was hätte ich davon, Unschuldige zu grillen? So was tun wir nicht! Wir beschützen!“

Der Motor heulte leise auf und er bog in die nächste Seitenstraße ein, ohne im Geringsten zu wissen, wohin er jetzt fahren sollte. Hauptsache weg. Das Leder des Lenkrads knarzte unter seinen Händen. Nun war er in einem geschlossenen Wagen mit der Frau, die das Tier in ihm wütend fauchen ließ. Er konnte sogar die Wärme, die von ihrem Körper ausging, spüren. Das war zu nah. Viel zu nah. Und es gab keine Fluchtmöglichkeit.

*

So weit war es also gekommen. Sie wurde für Attentate verantwortlich gemacht. Unfassbar. Der Ausdruck in den Gesichtern der wütenden Menge hatte sich in ihrem Kopf festgebrannt. Sie hatten Angst vor ihr. Zugleich brandete ihr gebündelter Hass entgegen. Sie konnte damit leben, ihr Facebook Profil zu löschen, zu viele Schimpfwörter in den Postings, oder keine Autogramme mehr zu schreiben. Gottverdammt sie lebte in einer Hütte im Wald! Aber jetzt wurde sie auf offener Straße angegangen. Callista wusste nicht, ob sie zornig oder traurig sein sollte.

„Ich muss telefonieren“, informierte sie Keleth und kramte nach ihrem Handy. Verstecken war eine Sache, gejagt zu werden, eine gänzlich andere. Sie hatte die Frau und das Kind beschützen wollen, ihrem Urinstinkt folgen. Das tun, wozu sie geboren war. Ihr Blick glitt zu dem Mann am Steuer. Warum hatte sie ihm überhaupt die Schlüssel gegeben? Sie war sehr gut dazu in der Lage, selbst zu fahren. Konnte sie sich noch schwächer verhalten? Später. Sie musste Mennox eine Nachricht hinterlassen. Danach konnte sie sich den Kopf über ihre Emotionsflexibilität zerbrechen.

„Vor der Stadtbibliothek ging eine Autobombe hoch, ich war zufällig in der Nähe, sie geben mir die Schuld daran. Keine Verletzten.“ Die Kurzfassung. Die Details ließ sie weg, das war alles, was ihre Kameraden wissen mussten. Ohne weiter darauf einzugehen, steckte sie ihr Handy weg.

„Ich fasse es nicht, dass es so weit gekommen ist. Jetzt hängen sie uns schon Anschläge auf Unschuldige an“, sagte sie zu Keleth und schaute in die vorbeiziehende Dunkelheit. Es gab keinen Grund, das Offensichtliche zu leugnen. Und er war anscheinend auf ihrer Seite. Oder? Er hatte sich gefreut, sie zu sehen, also gab er wohl nichts auf das Gerede. Es sei denn, er hatte einfach nur Angst, ihr das so direkt zu sagen. Unsinn. Dennoch wollte sie seine Meinung dazu hören. „Glaubst du, was sie so sagen?“, fragte sie und war sich nicht sicher, ob sie die Antwort hören wollte.

„Ich gebe nicht viel auf die pauschalisierte Meinung einer fehlgeleiteten Masse. Sie denken nicht nach, sondern glauben alles, was ihnen jemand vorkaut.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie glauben, was sie glauben wollen. Irgendjemand muss als Sündenbock herhalten.“

„Demnach glaubst du nicht, dass der Drachenclan zu einem amoklaufenden Terrorverein geworden ist?“, fragte sie und musterte sein Profil.

„Eher würde ich glauben, dass Heckler und Koch nun Zuckerwatte herstellt.“

Ein Waffenvergleich. Ihr Herz tat einen Hüpfer. Er war tatsächlich auf ihrer Seite. Es tat gut, zu wissen, dass anscheinend nicht alle innerhalb der übernatürlichen Bevölkerung gegen den Clan waren und dem Rat auf den Leim gegangen waren. Vor allem, dass er klug genug war, darauf nicht hereinzufallen, gefiel ihr.

„Du hättest verletzt werden können“, sagte sie langsam und nahm ihn jetzt etwas genauer unter die Lupe. Die Freude darüber, dass er endlich wieder aufgetaucht war, verwandelte sich allmählich in Misstrauen.

„Nein“, setzte sie nach, bevor er antworten konnte. „Du hättest verletzt sein müssen!“ Als er nichts erwiderte, schälte sie sich aus ihrem Mantel und warf ihn auf die Rückbank.

Seine Finger griffen fester um das Lenkrad. Aha. Er war verletzt.

„Wenn du anhältst, kann ich mir deinen Rücken mal ansehen.“ Seine verspannte Körperhaltung, die Wortkargheit. All das kannte sie zu gut. Immer wenn Liam eine Verletzung aus einem Kampf davontrug, verhielt er sich ähnlich. Ja nichts anmerken lassen und so tun, als sei nichts gewesen. Es gab ja nichts Empfindlicheres als ein männliches Ego.

„Was?“, fragte er unwirsch und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Für einen Moment musste sie tatsächlich lächeln. Er war genauso, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Die dunklen Haare, welche in dicken Strähnen sein Gesicht umrahmten und teilweise in alle Richtungen abstanden. Die dichten Wimpern, das markante Kinn. Nur seine Augen hatte sie seltsamerweise anders im Gedächtnis. Das matte Blau darin wirkte … fehl am Platz. Sie schob es auf die schummrige Beleuchtung im Wageninneren.

„Ich bin nicht ver…“, fing er an, brach jedoch ab, als er ihre hochgezogenen Augenbrauen sah. „Na gut. Es ist aber nicht schlimm. Ein paar Schürfwunden.“

Er war elfischer Abstammung, und da diese beträchtliche Heilkräfte besaßen, glaubte sie ihm. Zumindest teilweise. „Wenn du mein Baby gegen einen Baum setzt, werde ich dir so fest in den Hintern treten, dass du bis Mexiko fliegst“, sagte sie und lächelte ihn an. Hör auf zu grinsen, wie ein albernes Schulmädchen! Du hast ein Hühnchen mit ihm zu rupfen! Vergiss das nicht.

„Ich verspreche, weder dir noch deinem Wagen wird etwas passieren. Ich fahre schon sehr lange unfallfrei.“ Mir wird nichts passieren. Wollte er wirklich auf sie aufpassen? Lächerlich. Sie war eine Kriegerin und dreimal so stark wie er. Obwohl seine Muskeln, soweit sie das erkennen konnte, nicht von schlechten Eltern waren. Und er konnte rennen wie der Teufel. Das musste sie neidlos eingestehen. Seltsam. Bei jedem anderen hätte sie anders reagiert. Einmal hatte Liam sich in eine Kugel für sie geworfen. Danach hatte er sich gewünscht, das nicht getan zu haben. Für sie musste sich niemand opfern, sie war nicht schwächer als die anderen. Es widerstrebte ihr, als zerbrechliches Weibchen angesehen zu werden. Es fühlte sich nicht falsch an. Es nagte nur ein wenig an ihrem Ego.

„Ich hätte es mir trotzdem nicht verziehen, wenn dir etwas zugestoßen wäre. Du darfst nicht vergessen, dass ich wesentlich schneller heile als du. Selbst ein paar Kugeln machen mir nichts.“ Gut, die brannten wie die Hölle und fühlten sich echt nicht angenehm an, doch das musste er ja nicht wissen.

„Es tut mir leid“, sagte Keleth. „Ich hätte deine Aufgabe nicht unterbrechen dürfen, aber … es ging einfach mit mir durch. Ich konnte es nicht kontrollieren.“ Bei diesem Satz war seine Stimme rau geworden.

„Ich kenne das“, antwortete sie nachdenklich. „Es ist ein Instinkt, den man nur schwer unterdrücken kann. Dass Elfen diesen auch haben, ist mir zwar neu, aber bei all den Kuriositäten der vergangenen Monate überrascht mich langsam nichts mehr.“ Sie atmete tief durch. So hatte sie sich ihr Wiedersehen nicht vorgestellt. Was hatte sie erwartet? So genau wusste sie das nicht. Ein wenig Small Talk, ihn näher kennenlernen? Ein Date? Lächerlich. Sie datete nicht.

„Geht das überhaupt? Kann man einen angeborenen Instinkt unterdrücken?“, fragte er ohne die Augen von der Straße abzuwenden.

„Nein“, antwortete sie entschlossen. „Man ist, was man ist. Das ändern zu wollen, ist nicht möglich. Der Hase wird auch nicht zum Schaf, wenn er sich einen Wollpulli anzieht.“

Der Falte zwischen seinen Brauen nach zu urteilen, gefiel ihm diese Antwort nicht.

„Jemand, der nicht zum Beschützen geboren ist, kann dies also niemals tun?“ Seine Stimme klang traurig.

Das nahm alles nicht die Richtung, die sie beabsichtigt hatte. Sie wusste, wie es war, stark zu sein und für schwach gehalten zu werden. Offensichtlich empfand Keleth ähnlich. Er hatte sie heute gerettet. Na ja, zumindest hatte er sie vor fiesen Schmerzen bewahrt. Dennoch war er kein Krieger, nicht dazu geboren, viel auszuhalten und sich regelmäßig in Gefahr zu begeben. Er war Heiler. Etwas gänzlich anderes. Und eine übernatürliche Umschulung kam nicht infrage. Wenn sie jedoch genauer darüber nachdachte, war das nicht korrekt.

„Man ist zwar, was man ist, doch das muss ja nicht bedeuten, dass man andere Dinge nicht ebenso gut kann“, setzte sie nach.

Das schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. Erneut warf er ihr einen Seitenblick zu und sie meinte sogar, den Anflug eines Lächelns zu erkennen.

„Lillian, Mennox’ Frau ist elfischer Herkunft. Aber sie ist im Herzen eine Kriegerin. Für ihre Familie würde sie alles opfern. Und es kam mehr als einmal vor, dass sie Mennox die Stirn geboten hatte, wie es sich keiner von uns getraut hätte.“

„Das Herz eines Kriegers. Ist es das, was zählt?“, fragte er leise und legte den Kopf schräg.