Die Liebe meines Vaters - Sabine Eichhorst - E-Book
Beschreibung

Als Loris Schorb 1930 in Budapest aus dem Zug steigt, verliert er sein Herz: Erst an die Stadt mit ihren Kuppeln und Brücken, ihrem pulsierenden Leben, den freundlichen Menschen, dem Duft von Mokka und warmem Mohnstrudel. Dann an die eigenwillige und kluge Éva, die zu allem eine Meinung hat, auch zur Politik. Drei Jahre lang reist Loris immer wieder nach Budapest - doch auch Éva liebt ihre Heimatstadt, und über das ferne Deutschland senkt sich bereits der Schatten des Nationalsozialismus. Kann es für sie und Loris eine gemeinsame Zukunft geben? Ende der 1950er Jahre verliebt sich in München die junge Maria in den Ungarn János. Als sie ihm eines Tages alte Familienfotos zeigt, deutet er auf eine junge Frau – und erkennt in ihr seine Tante, Éva. Der Mann an ihrer Seite ist Marias im Krieg verschollener Vater Loris ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:432


Sabine Eichhorst

Die Liebe meines Vaters

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

A

Inhaltsübersicht

VorbemerkungWidmungEine Liebe in Budapest~ Budapest 1930 ~~ 1931 ~~ 1932 ~Im Krieg~ Frankreich 1939 ~~ 1940 ~~ Ostfront 1942 ~~ 1943 ~~ 1944 ~~ 1945 ~Das Vermächtnis~ Budapest 1962 ~~ München 1963 ~Danke …Literaturverzeichnis
[home]

 

 

 

 

Dieser Roman beruht auf einer wahren Begebenheit und einer Sammlung von Feldpostbriefen, die der Autorin zur Verfügung gestellt wurden. Handlung, Figuren und Orte wurden dennoch so weitgehend verändert, dass die beteiligten Personen nicht mehr erkennbar sind.

Eine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre daher rein zufällig.

 

Bei den Feldpostbriefen haben wir die damals gültige Rechtschreibung beibehalten.

[home]

 

 

 

 

H.S.

1908 – 1945

[home]

Eine Liebe in Budapest

~ Budapest 1930 ~

Der Himmel hatte die Farbe von Kalk, als der Zug an einem Morgen im August nach Pest hineinfuhr. Bürgerhäuser und Baustellen, Fabriken und Parks lagen im Schlaf, auf den Straßen nirgendwo ein Mensch. Loris Schorb gähnte und rieb sich die Augen. Er streckte die Beine und massierte seinen Nacken. Seit achtzehn Stunden war er unterwegs. Der Mann ihm gegenüber, der am Vorabend in Prag zugestiegen war, zog ein Päckchen aus seiner Hemdtasche – weiß, mit dem Emblem einer Brücke – und bot ihm eine Zigarette an. Dann steckte er sich selbst eine zwischen die Lippen und eine weitere hinters Ohr.

In seinen Hosentaschen grub Loris nach Streichhölzern. Draußen auf dem Gang schob ein Schaffner einen Handwagen mit einem Perkolator vorbei, und ein Herr in einem gebügelten Anzug sprach ihn an. Der Bahnbedienstete deutete auf den Perkolator und schüttelte den Kopf. Seine Stimme klang rau, und Wörter voller Ös und Üs flossen über seine Lippen. Loris lauschte ihnen wie einer fremden Musik. Er hätte auch gern Mokka bestellt. In Brünn und Bratislava war er aufgewacht, als Fahrgäste in die Waggons drängten, Koffer und Kisten unter Sitzen und auf Gepäckablagen verstauten, und nachdem der Zug gegen zwei Uhr in Hegyeshalom die Grenze passiert und Beamte die Pässe kontrolliert hatten, hatte er lange am Fenster gelehnt und durch die beschlagene Scheibe in die Nacht gestarrt. Ab und zu war aus der Dunkelheit der Umriss eines Gehöfts, eines Dorfs aufgetaucht.

Er gab dem Fremden Feuer, stand auf und öffnete das Abteilfenster. Kühle Luft strömte herein. Im selben Moment blieb der Zug mit einem Ruck stehen. Tassen klapperten, Gläser klirrten, der Perkolator schepperte, der Schaffner schimpfte. Loris blies den Rauch seiner Zigarette aus. Er sah hinaus – Gleisbetten und gelbes Gras, Weichen und Schilder. Jenseits der Schienen eine Straße. Dahinter ein Park. Zwischen hohen Baumkronen ragte eine Figur empor – ein Engel mit gespreizten Flügeln?

»Kerepesi temető«, sagte der Mann ihm gegenüber.

Loris nickte.

»Das Grabmal von Lajos Kossuth.« Der Fremde schloss den obersten Knopf seines Hemds. »Es ist nicht mehr weit bis zum Ostbahnhof, aber wahrscheinlich kommt gerade ein anderer Zug, und wir müssen ihn vorlassen.«

»Sie sprechen Deutsch?«

»Meine Familie kommt aus Fünfkirchen.« Er lächelte, ein feines, höfliches Lächeln. »Wir sind Donauschwaben. Mein Großvater besaß ein Gut am Fuß des Mecsekgebirges. Mein Vater studierte in Pécs und Berlin. Dort lernte er auch meine Mutter kennen und …« Er hob die Schultern, als wolle er sagen: Was kann ich dafür? »Ein Jahr später wurde ich geboren.«

»Ich komme aus Württemberg.« Loris setzte sich. Er zog ein Päckchen aus seiner Reisetasche und wickelte ein Schinkenbrot aus. Es war sein letztes. Er teilte es in zwei Hälften und bot dem Fremden die größere an.

»Köszönöm – danke.« Der Mann knüllte das leere Zigarettenpäckchen zusammen und warf es aus dem Fenster. Sein Haar glänzte wie Teer. Sein Hals war kurz und kräftig, und sein Adamsapfel hüpfte, als er ins Brot biss. Loris schätzte ihn auf etwa vierzig Jahre.

»Bist du zum ersten Mal in Ungarn, Junge?«

Loris leckte Butter von seinen Zähnen und räusperte sich – in zwei Monaten würde er zweiundzwanzig, im kommenden Jahr das Lehrerseminar beenden.

»Ja«, sagte er.

Der Fremde musterte ihn amüsiert. »Und hast du ein Mädchen?«, fragte er mit vollem Mund.

Loris straffte die Schultern.

Der Mann lachte.

»Ich bin Junggeselle«, sagte Loris. Die Gaslampe über seinem Kopf röchelte und erlosch mit einem Geräusch, das wie ein Seufzer klang.

Der Mann kaute und streckte die Beine aus. Als er den letzten Bissen Brot gegessen hatte, zog er ein Taschentuch hervor und betupfte seine Lippen. Er wischte sich die Finger und rieb seine Nägel, bis sie glänzten. Dann faltete er das Tuch und schob es in seine Hosentasche. Er beugte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in beide Hände. Er sah Loris an, als wolle er etwas Wichtiges sagen. Im selben Moment ging ein Ruck durch den Waggon, und der Zug fuhr wieder an.

»Nem.« Der Fremde schüttelte den Kopf und erhob sich. Er nahm einen Pappkoffer von der Gepäckablage, stellte ihn auf den Boden, strich sein Hemd glatt und zog einen Kamm aus der Innentasche seines Jacketts.

»Budapest ist eine wunderbare Stadt«, sagte er und bückte sich, sodass er sich im Spiegel über dem Sitz sah. »Voller Schönheit und Schmerz.« Er fuhr durch sein Teerhaar. Dann richtete er sich auf. Er tastete nach der Zigarette, die hinter seinem Ohr klemmte, schnippte mit dem Fingernagel gegen das Mundstück. Noch einmal gab Loris ihm Feuer. Der Fremde nahm einen tiefen Zug. Dann nahm er seinen Koffer, deutete eine Verbeugung an und verließ das Abteil.

Loris faltete das Butterbrotpapier und rieb sich Krümel von der Hose. Er betrachtete sich ebenfalls im Spiegel – die Augen gerötet, die Haare zerzaust, auf den Wangen dunkle Bartstoppeln. Er wischte sich übers Gesicht. Dann zog er einen Zettel aus seiner Brieftasche: Hotel Europa, Nagymező utca 9 – Hotel Corvin, Csokonai utca 14 – Hotel Berlin, Révay utca 24 – Hotel Jószef Főherceg, Baross tér 2. Der Barossplatz lag in der Nähe des Ostbahnhofs.

Draußen war der Himmel jetzt gelb, und obwohl die Straßen noch leer waren, spürte Loris, dass die Stadt erwachte. Er griff nach seiner Reisetasche, als ein Pfiff ihn zusammenfahren ließ.

»Keleti pályaudvar!«, rief eine Stimme. Er verstand es nur, weil er das ungarische Wort für »Ostbahnhof« im Reiseführer nachgeschlagen hatte.

 

Das helle Schrillen einer Elektrischen weckte ihn. Er sah auf die Uhr; er hatte fast vier Stunden geschlafen. Als er aus dem Bett glitt, knackten seine Kniegelenke – noch immer spürte er die Fahrt in allen Gliedern. Er massierte seine Wadenmuskeln, machte ein paar Liegestütze. Dann griff er nach dem Hemd, das er mit Anzug und Socken über die Lehne des einzigen Stuhls gehängt hatte, und trat ans Fenster.

Die Sonne stand hoch, und auf dem Platz vor dem Hotel hielt eine Straßenbahn. Die Fahrgäste, die ausstiegen, eilten auf die Bürgersteige zu, wo Markisen Schatten warfen. Es waren nur wenige Autos und Fahrradfahrer unterwegs. Ein Polizist regelte den Verkehr. Loris blinzelte und schloss die Augen. Er lauschte dem Rattern der Motoren, den gedämpft heraufklingenden Stimmen der Passanten, dem Quietschen der eisenbereiften Räder eines Pferdewagens. Er sog den Geruch von warmem Staub und fremder Stadt ein und dachte daran, wie er sich vor nicht einmal achtundvierzig Stunden von seinen Eltern in Eberswalde verabschiedet hatte und in den Omnibus nach Berlin gestiegen war.

»Nach Budapest?«, fragte der Schalterbeamte am Bahnhof, ein Mann mit einem Bart wie ein Walross. »Haben Sie einen gültigen Reisepass?«

Loris nickte und legte ihn zu dem Geld. Ein Visum brauchte er nicht, er hatte sich erkundigt.

»Besuchen Sie Verwandte?«

»Nein, ich reise als Tourist.«

Der Beamte schnaufte. Er ging zu einem Schrank, ließ ein Rollgitter herunter und fuhr mit dem Zeigefinger über lange Reihen Billetts. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, als er schließlich das Datum aufstempelte.

»Abfahrt 11.02 Uhr über Dresden, Prag, Brünn, Pressburg, Ankunft in Budapest morgen früh um 5.08 Uhr.« Er schob den Fahrschein, kaum größer als eine Briefmarke, durch den Schlitz.

Loris nickte.

»Wenn Sie verschlafen, landen Sie in der Walachei!«

Loris lachte, steckte Fahrkarte und Wechselgeld in die Börse und sah auf seine Armbanduhr; bis zur Abfahrt des Zugs blieb eine gute Stunde.

Er setzte sich in die Wartehalle. Am Vortag hatte er einen Reiseführer gekauft, und nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, überflog er das Inhaltsverzeichnis. Dass Budapest Haupt- und Residenzstadt war, mit nahezu einer Million Einwohnern, wusste er. Er blätterte durch Praktische Vorbemerkungen und Geschichtliches. Unter Sprache las er, dass etwa die Hälfte der Ungarn auch Deutsch spreche und jeder Schutzmann, der eine weiße Armbinde trage, eine Fremdsprache beherrsche, dennoch sei es ratsam, schnell die korrekte Aussprache zu erlernen, da Ausländer sonst nicht verstanden würden, denn im Ungarischen betone man stets die erste Silbe eines Wortes. Loris zog an seiner Zigarette und hielt den Rauch in den Lungen, bis er einen leichten Schwindel spürte. Er würde zurechtkommen, Sprachen fielen ihm leicht. Im Gymnasium hatte er Englisch, Französisch und Latein gelernt und sich an langen Sommernachmittagen, an denen die anderen Jungen angelten oder Fußball spielten, selbst Spanisch und Italienisch beigebracht. Mein Bub ist ein guter Lateiner, sagte seine Mutter gern und zog dabei das U in die Länge – ein guuuter Lateiner! –, als nehme sie dem Wort übel, dass es so kurz war, als wolle sie es bedeutsamer machen. Sie war streng mit ihren Kindern, doch vor den Leistungen ihres Sohnes hatte sie Respekt.

Loris klappte den Reiseführer zu und schlug das Wörterbuch auf. Halblaut las er: pályaudvar – Bahnhof, kérem – bitte, levélbélyeg – Briefmarke, Németország – Deutschland, csomagmegőrző – Gepäckaufbewahrung … Ein einziges Mal hatte er jemanden Ungarisch sprechen hören, in einem Hörspiel im Radio. Ein Offizier der Österreichisch-Ungarischen Armee war im Großen Krieg durch einen Granatensplitter am Auge getroffen worden und erblindet. Als er aus dem Lazarett kam, verließ ihn seine Braut. Verzweifelt und liebeskrank ließ er alles hinter sich und zog in die Hauptstadt. Dort begegnete er einem Straßenmusikanten – er spielte nicht virtuos, einige Töne klangen schief, doch der Klang seiner Geige rührte den Offizier. Er bot sein letztes Geld für das Instrument; zu viel, denn der Musikant überließ es ihm, ohne zu zögern. Fortan stand der blinde Offizier jeden Tag auf dem Vörösmartyplatz und übte. Anfangs gaben die Leute ihm Almosen, doch bald blieben sie stehen und wünschten sich Lieder, die er für sie spielte. Sie hörten zu und staunten über sein Repertoire, wo er doch keine Noten, keine Partituren lesen konnte, während er sein Kinn in die Vertiefung des Kinnhalters drückte, seine Finger über die Saiten gleiten ließ und mit jedem Bogenstrich, jedem Ton tiefer in die Musik sank, bis er nicht mehr wusste, wo sie begann und er endete. Im Radio hatte eine junge Frau die Rolle der Geige gesprochen, mal auf Deutsch, mal auf Ungarisch, und etwas im Klang der fremden Wörter hatte eine jähe Sehnsucht in Loris ausgelöst, ein Gefühl von Unbehaustheit.

Unten auf dem Platz schrillte die Elektrische. Der Polizist hob den Arm. Schwerfällig setzten sich die Waggons in Bewegung, wie Kühe, die – eine den Kopf am Hinterteil der anderen – ihrem Hirten folgten. Loris fuhr sich durchs Haar. Es war warm von der Sonne. Er knöpfte sein Hemd zu, schlüpfte in seine Hose, die Schuhe, nahm das Rasierzeug aus der Tasche, ein Handtuch und ging ins Bad am Ende des Flurs.

Schummriges Licht fiel durch eine Luke, und der Wasserhahn klemmte. Die Wände waren aus Latten gezimmert. Das Hotel Eden lag im obersten Stockwerk eines Bürgerhauses, und als die Wirtin, eine Frau mit roten Wangen und runden Hüften, ihm einen Zimmerpreis genannt hatte, hatte er gezögert.

»Es gibt auch drei Kammern unterm Dach«, fügte sie hinzu, »für zwei Pengő die Nacht, bitte schön.« Lächelnd reichte sie ihm ein Anmeldeformular.

Loris rechnete kurz, dann trug er seinen Namen ein. Eine graue Katze, die sich in einem Sessel zusammengerollt hatte, sah ihm zu. Auf einem Rauchtisch lag aufgeschlagen ein Groschenroman.

»Ich lasse ihr Gepäck hinauftragen.« Die Wirtin nahm das Formular und blies mit gespitzten Lippen über die Tinte.

»Das ist sehr freundlich, aber wirklich nicht nötig«, sagte Loris und schraubte seinen Füllfederhalter zu. »Bitte schön.«

Sie sah ihn an, im Mundwinkel ein verschmitztes Lächeln. Dann zuckte sie mit den Schultern und gab ihm den Schlüssel.

Es war Nachmittag, als Loris Schorb die blank getretenen Stufen hinunterstieg und auf die Rákóczistraße trat. Autos hupten, und Fahrradfahrer schlängelten sich zwischen Omnibussen und Droschken hindurch. Der Polizist wedelte jetzt mit den Armen und blies in seine Trillerpfeife, Fußgänger strömten über die Trottoirs, und Zeitungsjungen riefen die Schlagzeilen der Abendausgaben aus. Ein Schauer überfuhr Loris. Er spürte ein Kribbeln im Bauch und erschrak über sich selbst. Worauf hatte er sich eingelassen? Wäre es nicht klüger gewesen, ins Lehrerseminar zurückzufahren und für die Prüfungen zu lernen?

Er sah sich um. Unschlüssig, in welche Richtung er gehen sollte, stand er da – die anderen Passanten wichen ihm aus, es war, als teile sich ein Strom, niemand stieß ihn an, niemand schimpfte, eine junge Frau lächelte ihm zu, und ein Kind sah neugierig zu ihm auf. Loris rückte seinen Hut zurecht. Wie von allein setzten sich seine Beine in Bewegung, und er ließ sich mitziehen, vorbei an prächtigen Häusern, deren Fassaden, Erker und Dächer mit Friesen und Kugeln verziert waren, mit Kuppeln und Türmchen, fein ziseliert wie von einem Zuckerbäcker. Frauen in eleganten Kleidern und Riemchenschuhen flanierten über die Bürgersteige, manche schoben einen Kinderwagen. Hier und da blieben sie stehen und beugten sich vor, um die Auslagen eines Schaufensters zu betrachten. Er lauschte ihren Stimmen. Blicke kreuzten sich, und ab und zu flog ihm ein Lächeln zu. Er tauchte in ihre Schatten und ließ sich weitertreiben, vorbei an Damenmodegeschäften, Herrenausstattern, Juwelieren, Optikern. An Konditoreien, über deren Türen Schilder mit goldenen Lettern hingen: Barabás Imre, Biro Dénes, Nagel Péter; offenbar nannte man auch in Ungarn zuerst den Familiennamen, so wie er daheim der Schorb Loris war und sein Vater der Schorb Ludwig.

»Pesti Napló!« Ein Junge streckte ihm eine Zeitung entgegen. Loris konnte nicht einmal die Schlagzeilen lesen. Er lachte und schüttelte den Kopf. Er fühlte sich unbeschwert und leicht, als trüge ihn etwas, und lief weiter, vorbei an Cafés, Bars und Denkmälern, an Bänken, auf die Bäume zitternde Schatten warfen, und hohen Türen mit orientalischen Ornamenten, ab und zu stand eine offen, und er erhaschte einen Blick in einen Innenhof, von dem ein weiterer Hof abging und noch einer, dunkel und verlockend, als führten sie ins Herz der Welt. Ein Motorradfahrer knatterte übers Pflaster, und zwei Mädchen traten aus einem Kaffeehaus und liefen schwatzend die Straße hinauf, ihre Absätze keckerten wie aufgeregte Vögel. Irgendwo weinte ein Kind, ein Hund bellte, und ein Fahrradfahrer rief zwei Burschen, die an einem Hydranten lehnten, etwas zu. Es roch nach frisch gebrühtem Mokka und warmem Fettgebäck, nach Benzin und Kalk, der von einer Baustelle auf der anderen Straßenseite herüberwehte. Die Luft flirrte, sie schien wie elektrisiert, und Loris spürte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte. Er hatte geahnt, dass Budapest eine prachtvolle Stadt war, doch auf solch eine verschwenderische Schönheit und pralle Lebendigkeit war er nicht vorbereitet gewesen – sie packte ihn wie ein Sog, und gegen seine Gewohnheit tauchte er ein.

Am Ende der Elisabethstraße stieß er auf eine Kreuzung. Die Straßenecken waren schräg, und weil auf jeder Schräge ein Haus stand, sah es aus, als habe der Platz acht Ecken. Er sah sich um. Ein Restaurant, über dessen Eingang Savoy stand. Ein Kaufhaus unter einem Kuppeldach. Eine Bankfiliale und neben dem Eingang ein Straßenschild: Oktogon tér. Auf seinem Faltplan führte die Andrássystraße, die den Oktogonplatz kreuzte, zur Donau. Sollte er zum Flussufer hinunterlaufen? Ein Omnibus hupte und rumpelte vorbei, so dicht, dass sein Luftzug ihm den Hut vom Kopf riss. Ein kleiner Junge rannte hinterher.

»Danke.« Loris beugte sich hinab, als der Kleine ihm den Hut reichte. Seine Augen waren kohlenschwarz, seine Knie voller Schorf. Auf seiner Stirn glänzte eine schmale Narbe. »Köszönöm.« Er achtete darauf, die erste Silbe zu betonen.

Ein Lächeln wehte über das Gesicht des Jungen, und ein Schwall von Ös und Üs tanzte über seine Lippen wie das Gezwitscher eines Vogeljungen. Dann wandte er sich abrupt um und lief zu seiner Mutter.

Loris richtete sich auf. Er wischte Staub von der Hutkrempe und wich einem Fahrradfahrer aus. Eine Straßenbahn klingelte, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Café Abbázia balancierte ein Ober ein Tablett mit buttergelbem Strudel, zwei Mädchen in geflickten Schürzen und mit kurz geschorenen Haaren sahen ihm hungrig nach. Sein Hals kratzte.

Loris setzte den Hut auf und überquerte die Straße.

Kühle empfing ihn und ein Gemurmel wie vor Beginn einer Theatervorstellung, als er das Abbázia betrat. Unter einer gewölbten Decke standen zwei Dutzend Tische und ein paar Sessel. Etwas abseits lehnten Männer an einem Billardtisch, die Queues locker in der Hand. Ein Kronleuchter funkelte, und an der Stirnseite hinterm Tresen blitzte ein hoher Spiegel.

»Jó napot!« Ein Kellner, eine Serviette über dem Arm, kam auf ihn zu. »Guten Tag, mein Herr.«

»Jó napot.«

»Bitte folgen Sie mir.« Der Mann war hochgewachsen, und das Parkett knarrte unter seinen Schritten, als er Loris zu einem Tisch am Fenster führte.

»Die Karte, mein Herr?«

»Gern.« Loris hängte Sakko und Hut über eine Stuhllehne. »Und ein Glas Wasser, bitte.«

»Sofort, mein Herr.«

Loris setzte sich und leckte sich Schweißperlen von der Lippe. Draußen auf dem Oktogonplatz hielt eine Droschke, ein Herr stieg aus und zählte Münzen in die Hand des Fahrers. Zwei Männer traten aus einer Tabaktrafik, über ihren Bäuchen spannten goldene Uhrketten. Ein Zeitungsjunge lief ihnen nach. Hausfrauen mit Einkaufstaschen stiegen in Omnibusse und Mütter mit kleinen Kindern aus Straßenbahnen, gegenüber dem Kaffeehaus schlug ein Mann in einem Gehrock eine Haustür zu. Sein Haar und sein Bart, der ihm bis zur Brust reichte, waren schlohweiß. Er sah sich um, als suche er jemanden. Dann überquerte er die Straße und ging, leicht vorgebeugt, in Richtung Blaha-Lujza-Platz.

»Bitte schön.« Der Kellner stellte ein Glas auf den Tisch und reichte Loris die Karte.

»Köszönöm.« Er griff nach dem Wasser und trank in schnellen Schlucken. Am Nebentisch winkte ein Mann einem Mädchen, das eben durch den Windfang trat. Etwas weiter saßen zwei Herren und spielten Karten. Schräg hinter ihm las eine Frau Le Figaro. Sie war allein, und neben ihrer Tasse stand ein Teller mit Strudel. Als spüre sie Loris’ Blick, ließ sie die Zeitung sinken und griff nach der Gabel. Ihre Haut war alabasterblass, ihre Augenbrauen wirkten wie gemalt. Sie trug ein blaues Kleid, und das Haar fiel ihr in Wellen auf die Schultern. Sie lächelte, als sie Loris’ Blick bemerkte. Er errötete und schlug die Speisekarte auf.

Sein Blick huschte über fremde Wörter, über denen Akzente, dünn wie Fliegenbeine, schwebten. Die Offenheit der Budapester Frauen irritierte ihn – zu Hause in Württemberg waren sie reservierter. Das gefiel ihm nicht immer. Doch es war ihm vertraut.

»Haben der Herr gewählt?«

Loris sah auf. Er deutete zum Tisch der Frau, die wieder Zeitung las, und bestellte Mokka und Strudel.

»Sehr wohl.« Das Parkett knarrte, als der Kellner sich entfernte.

Loris sah sich um. Die Billardspieler rauchten, ihre Gesichter verschwammen im Qualm. Die Kartenspieler begannen eine neue Runde, der Jüngere teilte aus. Zwei Männer beugten sich über ein Schachspiel. Ein blonder Jüngling schrieb etwas in ein Notizbuch und griff dabei, ohne aufzusehen, nach seiner Tasse, führte sie zum Mund und bemerkte, dass sie leer war. Erstaunt stellte er sie zurück. Die Spitze seines Füllfederhalters zwischen den Lippen, wanderte sein Blick zur Decke. Nach einer Weile schrieb er wieder ein paar Zeilen. Saugte wieder an seinem Stift. Schrieb. Saugte. Als sauge er jedes Wort, jeden Satz aus dem Federhalter. Irgendwann tastete seine Hand erneut nach der Tasse, als habe er längst vergessen, dass sie leer war.

Ob er Journalist war? Oder Schriftsteller?

Loris liebte Bücher. Er hatte Goethe gelesen, Schiller und Shakespeare, Eurypides, Aischylos und Aristophanes. Er mochte Lyrik, vor allem Rilke. Manchmal schrieb er selbst Gedichte und raufte sich die Haare, wenn die Wörter sich nicht fügten, wenn sie sich sperrten und verweigerten und es ihm nicht gelang, ihnen Zauber einzuhauchen. Sein Vater schüttelte darüber den Kopf. Ludwig Schorb lag nichts an Poesie, nur an Reimen. Für ihn war Dichtung ein Ausgleich zu seiner Arbeit als Postbeamter, die ihn immer wieder an fremde Orte führte, vom Bodensee auf die Ostalb, von Heilbronn nach Eberswalde. In Heilbronn hatte Loris Abitur gemacht. In einer Exportfirma begann er eine Lehre. Die Arbeit war eintönig, doch die Kollegen waren nett, an den Wochenenden gingen sie gemeinsam wandern, fuhren ins Allgäu, nach Rothenburg oder Schorndorf, badeten oder machten Picknicks, und weil sie jung und ungebunden waren, nahmen sie die Liesl mit, die Luzie mit den blonden Zöpfen und die Hermine, die auf zwei Fingern pfeifen konnte, und natürlich die Lotte, Lotte mit den grünen Augen, die alle Mieze nannten und in die sich der Hermann aus der Buchhaltung bis über beide Ohren verliebte.

Dann kam die Krise.

Die Exportfirma ging bankrott. Einen Winter lang reiste Loris als Hausierer über Land, lief durch hohen Schnee und stand vor verschlossenen Türen, sah Gardinen sich bewegen und Schatten hinter den Fenstern, hörte dumpfe Stimmen, die warteten, dass er wieder verschwand. Manchmal, wenn er seine Wurzelbürsten und Seifen pries, schlug ihm die Hausfrau mitten im Satz die Tür vor der Nase zu. Jedes Mal wurde ihm heiß vor Scham und kalt vor Wut. Im Frühjahr bat er seinen Vater, eine Ausbildung zum Volksschullehrer machen zu dürfen.

»Du hast drei Schwestern, die brauchen eine Aussteuer. Wie soll ich das bezahlen?«

»Aber es geht um meine Zukunft, und ich habe sehr gute Noten.«

Der Vater schüttelte den Kopf.

Loris reiste weiter in Bürsten und Seifen, bis sein Großvater ihn beiseitenahm: Am Lehrerseminar in Schwäbisch-Gmünd hatte man die Anmeldung seines Enkels akzeptiert, Antritt der Ausbildung zum Ende des Sommers, alle Kosten, auch für die Unterbringung, waren halbjährlich und im Voraus zu entrichten.

Der schreibende Jüngling sah von seinem Notizbuch auf und winkte dem Kellner. Er hatte eine hohe Stirn und eine gerade Nase, die ihm etwas Kühnes verlieh. Er trug einen blassgrauen Anzug mit Weste und eine Krawatte. Neben ihm auf dem Tisch lag ein Hut. Alle Budapester Männer schienen Hüte zu tragen, elegante Fedoras aus Filz, die Kronen oberhalb des Hutbands ein wenig eingekniffen. Ihre Hemden waren gestärkt, ihre Kragen gebügelt, ihre Anzüge saßen tadellos. Leichten Schrittes bahnten sie sich ihren Weg, als sei die Straße eine Bühne, über die sie sich bewegten. Dabei schienen sie sich der Blicke ihres Publikums stets bewusst und hatten ihren Spaß daran, mit ihnen zu spielen.

»Bitte schön.« Der Kellner brachte Mokka und Strudel.

Loris wandte sich um. »Köszönöm.«

»Sollten Sie lesen wollen, mein Herr, wir haben auch deutsche Tagespresse.« Der Ober deutete zum Tresen, auf dem Torten standen und Etagèren voller Brioches und Pralinés. Dahinter an der Wand, ordentlich aufgereiht an Zeitungsstöcken, nationale und internationale Journale.

»Köszönöm«, sagte Loris noch einmal und griff nach der Zuckerdose. »Vielleicht später.«

Der Kellner verbeugte sich.

Loris ließ Zucker in die Tasse rieseln, und als er umrührte, hörte er, wie es auf dem Boden knirschte. Der Mokka dampfte und glänzte wie Öl. Vorsichtig probierte er einen Schluck – obwohl der Kaffee sehr stark war, schmeckte er weich und rund. Er griff nach der Gabel und löste ein Stück vom Kuchen.

Und verzog das Gesicht.

Der Mohn schmeckte streng und muffig. Loris schluckte, verschluckte sich, hustete. Er sah sich um. Der Jüngling schrieb. Die Männer spielten Karten und Schach und rauchten. Die Frau las The Times. Hastig trank er einen Schluck Wasser.

Vorsichtig stach er erneut in den Kuchen, löste ein Stück, schob es in den Mund, kaute. Der Geschmack erinnerte ihn an modrige Keller. Er schluckte und spülte mit Wasser und Mokka nach.

Als der Kellner wieder an seinen Tisch kam, bestellte Loris ein Stück Apfelstrudel.

»Gern, mein Herr.«

»Und bitte noch einen Kaffee.«

»Bitte schön.« Wie ein Fisch glitt der Ober zwischen den Tischen hindurch. Drüben am Billardtisch drückten die Spieler ihre Zigaretten aus. Ein schlaksiger Blonder eröffnete ein neues Match, und Loris lauschte dem Klacken der Kugeln. Den weichen Geräuschen, wenn sie die Bande berührten. Dem Seufzen und dem gewinnenden Lachen einzelner Spieler, wenn eine im Inneren des Tischs versank. Er lehnte sich zurück, und sein Blick wanderte über den vom Rauch zahlloser Zigaretten vergilbten Stuck. Er sah den Sonnenstrahlen zu, die durch die Fenster fielen und Muster auf das von unzähligen Schritten matt geriebene Parkett warfen. Draußen in den Straßen pulsierte es – hier drinnen umhüllte ihn wohlige Heimeligkeit.

Die Frau mit der alabasterblassen Haut schlug ihre Zeitung zu. Sie strich sich eine Locke hinters Ohr, die sofort wieder hervorsprang, und leerte ihr Wasserglas. Sie winkte, und drei Ober eilten los. Loris lächelte. Er betrachtete ihre vollen Lippen. Ihren langen weißen Hals. Ein Schwanenhals, dachte er. An ihrer rechten Hand trug sie einen Ring, doch er konnte nicht erkennen, ob es ein Ehering war.

Sie wandte sich um und sah zu ihm herüber.

Diesmal erwiderte er ihren Blick.

»Einmal Apfelstrudel, bitte schön.« Ohne stehen zu bleiben, stellte der Kellner einen Teller vor Loris und eilte weiter zum Tisch der Frau, schob sich an seinen Kollegen vorbei, griff nach der leeren Tasse und wedelte mit seiner Serviette übers Tischtuch. Er deutete auf die Zeitungen und sagte etwas. Die Frau lachte. Sie öffnete ihr Portemonnaie und zog einen Schein hervor. Er grub nach Wechselgeld. Sie hob den Kopf, und ihre Locken hüpften. Er sagte etwas und verbeugte sich. Sie lachte wieder. Ein Lachen wie warmer Regen. Dann stand sie auf. Sie strich über ihr Kleid, nahm ein Paar Handschuhe aus ihrer Tasche und streifte sie über. Daheim, dachte Loris, trugen die Frauen Kopftücher und grobe Schuhe, und ihre Hände waren rau – Hände, die selten ein Buch berührten und nie über die Balustrade einer Theaterloge strichen.

Noch einmal sah sie zu ihm herüber.

Loris lächelte.

Die Frau nickte. Dann wandte sie sich um, und die Kellner sahen ihr nach, als sie den Saal durchquerte, und in dem Moment, als sie auf die Andrássystraße hinaustrat, war Loris, als wehe ihn ein Hauch ihres Parfüms an.

Er beugte sich vor.

Doch sie war bereits in der Menge verschwunden.

Er sank zurück in seinen Stuhl und nahm einen Schluck von seinem Schwarzen. Langsam aß er seinen Apfelstrudel, und als er zwischen zwei Bissen aufsah, bemerkte er sein Spiegelbild in der Fensterscheibe, das sich blass und schemenhaft vor die Menschen schob, die draußen über den achteckigen Platz liefen. Von den Nachbartischen wehten Satzfetzen herüber. Das Klappern von Kaffeetassen, das Reißen eines Streichholzes. Der Duft von Zigaretten, Zigarren und Mokka. Wohlig überließ sich Loris dem Rauschen des Raums und dachte an die Stimme der jungen Ungarin im Radio, der er gefolgt war wie der Blinde dem Klang der Geige.

 

Im letzten Blau der Nacht lief Béla Trebitsch den Burghügel hinunter, über den Döbrenteiplatz, vorbei am Denkmal des heiligen Gellért. Die Luft war weich und kühl – in wenigen Stunden würde sie nach Staub schmecken, nach Mörtel und Teer, und ein weiterer heißer Tag würde sich über die Stadt und ihre Menschen legen, ihnen sanft die Luft nehmen, und wieder würde er in seinem fensterlosen Redaktionsbüro kaum etwas davon mitbekommen.

Er betrat die Elisabethbrücke. Flussabwärts sah er die Silhouette der Kettenbrücke, dahinter, flach wie ein Strich, die Margaretenbrücke. Flussaufwärts griff der Ausleger der Franz-Josef-Brücke wie ein neugieriger Finger über den Fluss. Seine Schritte schnitten durch die Stille. Kurz nach vier Uhr hatte der Informant angerufen – eine Tote in der Attilastraße, ein Mädchen noch, wenn er sich beeile, wäre er vor der Polizei am Tatort.

»Wieder eine Dienstmagd, die sich von der Brücke gestürzt hat?« Béla war aus tiefem Schlaf aufgeschreckt, ihn schwindelte.

Ein trockenes Räuspern in der Leitung.

»Oder eine Dirne, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hat?« Vor zwei Wochen hatte der Chefredakteur ihm die Kriminalfälle übertragen und den Kriminalreporter und einen anderen Kollegen freigestellt, denn der Reichsverweser wollte nach Italien reisen, munkelte man, zu Mussolini. Béla hatte nicht widersprochen, denn er wollte zum Redakteur aufsteigen und endlich über die nationale Frage schreiben, die Folgen von Trianon, die soziale Lage, den Zerfall des Landes.

»Nein, diesmal ist es keine vom Land, die erst bei irgendwelchen Herrschaften putzt und dann auf der Straße landet.« Die Stimme an seinem Ohr war rau wie Frost. »Diesmal …«

Pause.

Ein Knarren im Hörer.

»Ja?«

»In der Manteltasche des Mädchens stecken Flugblätter.«

Eine Politische? Die Kälte des Bodens drang durch Bélas Sohlen, kroch seine Waden empor. Er griff nach der Kirschholzschachtel neben dem Telefon; ein Geschenk von Judit. Seine Finger zitterten, als er eine Zigarette herausnahm und mit dem Daumennagel gegen das Mundstück klopfte. Die Kommunisten organisierten sich in Zirkeln, sie trafen sich an geheimen Orten und nie zwei Mal am selben.

»Wer weiß noch davon?«, fragte er.

»Niemand«, sagte die Stimme. »Der Herr Kriminalreporter gibt mir immer fünf Pengő, darum rufe ich ihn zuerst an.«

Rauschen in der Leitung.

»Und jetzt eben Sie …«

Das Schnappen des Feuerzeugs. Der scharfe Geruch von Benzin.

»Attilastraße, welche Nummer?«, fragte Béla.

»Dreizehn. Ganz in der Nähe vom Szarvasplatz.«

Im Haus gurgelte ein Wasserrohr.

»Beeilen Sie sich, die Polizei ist informiert, und im Kommissariat hat man schon den Leichenwagen verständigt.«

Ein gefleckter Mond stand über dem Burgpalast, als Béla wenig später die Donau überquerte. Er kam selten nach Buda. Er war in Pest aufgewachsen, in der Leopoldstadt, sein Vater besaß eine Tuchfabrik und exportierte in verschiedene Länder, sodass die Familie in einer weitläufigen Wohnung hinter der Szent-István-Basilika lebte. Die Kaffeehäuser und Theater, die Gassen zwischen Wesselényi- und Királystraße, in denen es nach süßen Kuchen und feuchten Kellern roch, das Treiben auf der Andrássy út, die Märkte, Kirchen und Synagogen, das Mondäne und das Einfache, das Prächtige und das Schmutzige, das war für ihn das Leben. Pest pulsierte. Buda war gesetzt und konservativ. In Buda gab es kaum Cafés und nur ein Theater, dafür Villen, deren Bewohner mit silbernen Spazierstöcken durch die Alleen auf dem Rosenhügel flanierten.

Schmal und grau standen die Häuser in der Dunkelheit, als er in die Attilastraße bog. Nachtmatte Fenster, nirgendwo Licht. Der Schrei einer Katze. Eine Mücke sirrte neben seinem Ohr. Béla lief weiter, vorbei an Goldschmieden und Gemüsegeschäften, an Trafiken und Abfallkübeln, die auf die morgendliche Müllabfuhr warteten. Ein Windhauch ließ die Blätter der Platanen zittern. Einzelne Autos parkten am Straßenrand, und eine Litfaßsäule kündigte eine neue Aufführung von Liliom an; bei der Uraufführung vor über zwanzig Jahren war das Publikum entsetzt gewesen über Molnár Ferencs Karussellausrufer, der sich mit allen, auch illegalen, Mitteln durchs Leben schlug. Inzwischen, dachte Béla und überquerte den Szarvasplatz, ist die Stadt voller Lilioms.

Vor einem Wohnhaus blieb er stehen. Eine Gaslaterne warf blasses Licht auf die Fassade. Drei Stufen führten zu einer Holztür. Béla überflog das Klingelschild – magyarische Namen, deutsche, ein slowakischer. Er zögerte kurz und sah sich um.

Dann drückte er gegen den Türgriff.

Ein heiserer Protest der Scharniere. Das Knirschen seiner Sohlen, als er eintrat. Finsternis, als die Tür sich hinter ihm schloss. Reglos stand er im Dunkel. Er hörte seinen Atem. Er roch das Bohnerwachs auf den Stiegen und die Feuchtigkeit in den Mauern. Ein Rest von Paprikakartoffeln und Bohnengulasch lag in der Luft. Eine Spur von Mandelblüten. Irisduft.

Béla blinzelte. Eine Armlänge entfernt machte er die Umrisse von Briefkästen aus, dahinter führten Stufen zum Hochparterre. Er tastete sich vorwärts. Wie Wetterleuchten blitzten Bilder vor seinen Augen auf: die Tote, die man auf dem Dachboden eines Hauses im Rotlichtviertel gefunden hatte, mit kahl rasiertem Schädel, hingerichtet mit drei Dutzend Messerstichen. Das Dienstmädchen im Garten einer Villa am Rosenhügel, dem Krähen schon die Augen aus den Höhlen gepickt hatten, ihr Dienstherr wollte es wie Selbstmord aussehen lassen, doch als herauskam, dass die Tote im fünften Monat schwanger gewesen war, zeigte seine Ehefrau ihn an. Die alte Dame, die in einen Brunnen gefallen war, und die Feuerwehrleute, die ihr die Knochen brechen mussten, um sie aus dem Schacht ziehen zu können. Der Tod war erbarmungslos. Eine Plattitüde, doch Béla fiel es schwer, sich daran zu gewöhnen.

Er fuhr zusammen.

Ein Geräusch?

Das Mahlen eines Motors?

Reifen, die über warmes Pflaster schurften?

Angestrengt horchte er ins Dunkel. Doch es war nur Stille. Er presste eine Hand auf die Brust. Sein Herz klopfte. Stumm zählte er – eins, zwei, drei … Bei zehn holte er Luft und tastete nach der letzten Stufe. Links ging eine Tür ab. Sie hatte ein Guckfenster und keine Klingel. Die Hausmeisterwohnung? Sein Blick tastete über den Boden, suchte nach Abtretern, Schuhen, Eimern, Einkaufstaschen. Etwas entfernt sah er den Schemen einer Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Vorsichtig hielt er darauf zu. Ein Seufzen der Dielen, als er die erste Stufe nahm. Auf der dritten Stufe stieß sein Fuß gegen etwas Hartes. Béla biss sich auf die Lippe. Er starrte ins Dunkel, bis seine Augen einen Schuh ausmachten. Er bückte sich. Ein Damenschuh mit schmalem Absatz, das Leder glatt und geschmeidig. Seine Finger ertasteten eine Schnalle. Einen Dorn, der ein winziges Stück über das Metall hinausstand. Mühsam schob er sein Bein vor, setzte den Fuß auf die nächste Stufe, die übernächste.

Am Treppenabsatz erstarrte er.

Sie lag unterhalb eines Fensters. Ein schmaler Körper, nackt, nur mit einem Mantel bekleidet, die Schöße ausgebreitet wie Engelsflügel. Blondes Haar floss ihr über die Schultern, das rechte Bein war auf unnatürliche Weise angewinkelt. Ihr Kopf war zur Seite gewandt, als wolle sie sich seinem Blick entziehen. Aus ihrer Tasche war ein Bündel Zettel gerutscht.

Pochen hinter seinen Schläfen.

Kälte in seiner Brust.

Ihre Makellosigkeit erschütterte ihn. Er hatte mit Blut gerechnet, mit Grauen und einem zur Fratze verzerrten Gesicht, in das sich der Schreck der letzten Sekunden eingegraben hatte. Mit dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wanderte sein Blick zu ihrem Hals. Den kleinen Brüsten. Den harten Hüften. Ihren Beinen. Ihren Füßen. Ihr linker Fuß steckte in einem Schuh mit schmalem Absatz. Ohne den Blick von ihr zu lassen, ging Béla in die Knie und stellte den anderen Schuh neben sie. Als gäbe er ihn ihr zurück.

Langsam glitt sein Blick wieder ihre Beine hinauf. Huschte über ihren Bauch, ihre Brust. Er spürte die Gänsehaut auf seinen Armen. Wieder zählte er bis zehn.

Ein Luftzug ließ ihn erschauern. Er sah, wie der Wind durch ihr Haar fuhr, und die Zartheit der Bewegung trieb ihm beinahe die Tränen in die Augen. Seine Haut brannte, und als er einen Schritt vortrat, zitterten seine Knie. Silbriges Licht flutete über ihren Körper. Er roch ihren Irisduft. Er bückte sich und spürte die Wärme, die sie immer noch verströmte. Er wollte ihr Gesicht sehen und beugte sich über sie. Ihre Stirn war hoch. Die Nase schmal und gerade. Die Lippen hatten die Farbe von Auberginen, und unterhalb ihres Kinns entdeckte er einen Fleck. Ein Muttermal? Eine Verletzung? Er richtete sich auf und ging um sie herum.

Es war, als sähe das Mädchen ihn an.

Es war, als blicke es in seine hintersten Winkel.

Béla spürte einen mächtigen Drang, niederzuknien und ihr Haar zu berühren. Sie wirkte so schutzbedürftig, obwohl jeder Schutz zu spät käme, so erschreckend jung und allzu schön.

Er schloss die Augen.

Dann wandte er sich abrupt ab. Seine Fototasche stieß gegen das Geländer, ein dumpfer Knall. Hastig zog er die Kappe vom Objektiv, stellte Blende, Entfernung, Belichtungszeit ein, spannte und drückte ab. Er hob einen der Zettel auf – Arbeiter Ungarns! Helft bei der Verwirklichung der sozialistischen Republik, die keine Unterschiede zwischen Rassen und Nationen kennt … –, faltete ihn und schob ihn in seinen Schuh. Dann stürzte er die Treppe hinunter und tauchte in die letzte Schwere der Nacht.

Erst auf der Elisabethbrücke blieb er stehen. Er stützte die Hände aufs Geländer. Unter ihm strömte graues Wasser, und er starrte auf die hellen Reflexe auf den Wellenkämmen und die dunklen Flecken auf ihren Rücken, bis alles vor seinen Augen verschwamm. Eine tiefe Erschöpfung breitete sich in seinem Körper aus. Er schloss die Augen. Eins, zwei, drei …

Bei hundert richtete er sich langsam auf. Er fühlte sich wie ein alter Mann, während um ihn herum ein neuer Tag begann. Über der Margareteninsel färbte sich der Himmel violett, und am Pester Ufer züngelte Dunst die Böschung hinauf. Ein paar Enten duckten sich im Schutz der Weiden, und auf der Budaer Seite hatten Schleppkähne festgemacht; ab und zu knarrte eine Planke. Beim Rudas-Bad trat heißes Quellwasser in die Donau. Durch die Dampfschwaden schimmerte ein Körper. Wind, der durch helles Haar strich. Ein einzelner Schuh.

Béla schüttelte sich.

Er rieb seine Lider. Sein Kopf schmerzte, und sein Nacken fühlte sich steif an. In Pest schlug die Uhr der Innerstädtischen Pfarrkirche – halb sechs, zu spät, um nach Hause zu gehen und noch zu schlafen. Sollte er im Café New York frühstücken? Die Morgenzeitungen lesen und ein paar Notizen für den Artikel machen? Sobald der diensthabende Redakteur den Polizeibericht bekäme, würde er nach der Toten aus dem ersten Bezirk fragen. Béla tastete nach seinen Zigaretten, schnippte eine Symphonia aus dem zerknitterten Päckchen und merkte, dass er nicht wusste, was er schreiben sollte.

Wer war das Mädchen?

Was war geschehen?

Wer hatte sie getötet und warum?

»Mindenségit!« Er konnte im Kommissariat anrufen und nach Details zu Person und Tathergang fragen, er konnte im Pathologischen Institut anrufen und sich nach dem Befund der Obduktion erkundigen, beide Male würde man ihm keine oder eine nichtssagende Antwort geben. Er konnte im Archiv nach vergleichbaren Fällen suchen und eigene Nachforschungen anstellen, sich im Haus umhören, in der Nachbarschaft. Doch am Ende würde die Zeit drängen, und er würde einen weiteren Artikel über einen weiteren Todesfall schreiben, der die Zeitung füllte, weil die Zeitung eben gefüllt werden musste. Rätselhafter Tod einer jungen Frau oder Erneuter Selbstmord eines Dienstmädchens? Die Wahrheit würde nicht darin stehen. Doch um die ging es ihm. Verbrechen aufzuklären, Geheimnisse von Politikern und Machenschaften korrupter Funktionäre oder Fabrikanten aufzudecken – das war sein Beruf. Ein ruheloser Reporter zu sein, dafür hatte er studiert, dafür hatte er volontiert.

Er zupfte einen Tabakkrümel von seiner Lippe. Drüben am Kopf der Kettenbrücke blitzte ein Blaulicht auf. Ein einsamer Streifenwagen fuhr Richtung Buda.

Béla grub die Hände tiefer in die Hosentaschen. Lag sein Feuerzeug noch neben dem Telefon? Er steckte die Zigarette hinters Ohr, wickelte einen Kaugummi aus und warf das Papier übers Geländer. In einer Spiralbewegung trudelte es in die Tiefe. Da tauchte unter ihm eine Spitze auf, ein rasch wachsendes Dreieck, das durch die Wasseroberfläche schnitt wie ein Messer durch weiche Butter. Béla wandte sich um und sah, wie sich von der Franz-Josef-Brücke ein zweites Kanu näherte. Schnell öffnete er seine Fototasche, löste den Objektivdeckel, wählte Blende, Entfernung, Belichtungszeit, montierte das Blitzgerät, positionierte den Apparat auf der Brüstung, spannte den Film. Da schnellte das Boot unter der Brücke hervor – ein gelber Pfeil vor monochromem Grau.

Béla drückte ab.

Im nächsten Augenblick glitt der Kanute mit gleichmäßigen Paddelschlägen auf die Margareteninsel zu, hinter sich eine Fahrrinne, ein langsam sich weitendes V. Zufrieden schraubte er den Deckel wieder aufs Objektiv, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Am Pester Ufer stand ein Mann. Eine Sekunde lang wünschte Béla sich, eins zu werden mit dem Morgengrau. In seinem Schuh spürte er das Flugblatt.

Dann holte er Luft. Langsam zog er den Ärmel seines Jacketts über die Finger, löste die Blitzbirne, verstaute Blitzgerät und Kamera. Eine erste Straßenbahn schaukelte die Lajos-Kossuth-Straße hinauf, und auf der Uferpromenade fuhr ein Pferdewagen Richtung Markthalle; später würde der Eismann seine Glocke schlagen, und aus allen Gassen würden Bedienstete strömen, Hausfrauen und Wirte und mit ihren Eimern hinter dem tropfenden Wagen herlaufen und Eis für ihre Küchen, Kaffeehäuser und Weinschenken kaufen.

Béla schloss seine Fototasche. Die Redaktion lag in der Nähe des Oktogonplatzes – ein Spaziergang und ein Schwarzer im Café New York würden sein Kopfweh vertreiben. Außerdem waren die Brioches und der Mohnstrudel dort hervorragend.

Am Fuß der Brücke stieg er die Stufen hinunter. Ein Schwarm Spatzen stob auf, und er duckte sich unter ihrem Flügelschlag.

Am Kirchplatz machte er kehrt.

Der Mann saß jetzt auf einer Uferbank unter einer Weide. Er trug einen hellen Anzug und ein weißes Hemd, neben ihm lag ein Strohhut. Er hielt ein Buch in den Händen und sah zu, wie ein Erpel mit ungelenken Hüpfern an Land ging. Béla wechselte auf den Grünstreifen. Das feuchte Gras dämpfte seine Schritte. Er sah, wie der Erpel sich schüttelte und den Kopf in den Nacken legte. Sein Gefieder schillerte, und die Schwanzfedern an seinem Bürzel ruderten hin und her, als er auf zwei schlafende Stockenten zuwatschelte. Auch der Mann beobachtete, wie der Erpel die Enten aufscheuchte, wie sie mit den Flügeln schlugen und schnatternd die Böschung hinunterstoben. Ein paar Meter schienen sie übers Wasser zu laufen, bis sie schließlich abhoben und davonflogen, plump wie Luftschiffe.

Nur wenige Schritte trennten sie noch.

Béla tastete nach der Zigarette hinter seinem Ohr. »Elnézést …«

Der Mann sah auf. Er war jung, kaum älter als er selbst. Er hatte dunkle Augen und schmale Lippen – ein sensibler Zug um den Mund, dachte Béla und fragte sich im selben Moment, wieso ihm eine so abgedroschene Phrase einfiel.

Der Fremde klappte sein Buch zu und zog ein Päckchen Streichhölzer aus der Hosentasche.

»Sie lesen Rilke?«, fragte Béla auf Deutsch.

Der Mann nickte.

»Und sagen sie das Leben sei ein Traum: …«

»… das nicht; nicht Traum allein«, führte der andere die Zeile fort. »Traum ist ein Stück vom Leben. Ein wirres Stück, in welchem sich Gesicht und Sein verbeißt und ineinanderflicht …« Er riss ein Streichholz an.

Sein Dialekt, dachte Béla, klingt vertraut.

»Sie sprechen hervorragend Deutsch«, sagte der Fremde.

»Meine Großmutter war Österreicherin. Außerdem habe ich vier Semester Zeitungskunde in Leipzig studiert.«

»Sie sind Journalist?« Der Mann löschte das Streichholz und schnippte es ins Wasser.

»Lokalreporter beim Pesti Napló.« Béla stieß den Rauch aus und bot dem Mann eine Zigarette an.

Zögernd zupfte er eine Symphonia aus dem Päckchen.

»Eigentlich wollte ich Literatur studieren.« Béla deutete auf den Gedichtband. »Aber mein Vater war dagegen.«

Der Fremde strich mit dem Daumen über den Rand des Zigarettenfilters. Dann riss er ein zweites Streichholz an. Seine Hände waren schmal, die Finger feingliedrig. Pianistenfinger. Noch so eine Plattitüde.

»Bitte sehr …« Der Mann deutete auf den Platz neben sich.

»Köszönöm.« Béla setzte sich. Drüben über der Burg war der Mond eine bleiche Sichel, und er dachte an Herrn Bárdóczky, seinen alten Geschichtslehrer, der selten ein Buch mit in den Unterricht gebracht und sich stattdessen ans Pult gesetzt und einen Moment still in sich hineingelächelt hatte, als würde ihn etwas amüsieren, bevor er begann, seinen Schülern Geschichten zu erzählen. Geschichten von den Mongolen beispielsweise, die im 13. Jahrhundert Pest zerstörten, woraufhin König Béla IV. auf den Hügeln von Buda eine Festung errichten ließ, mit meterhohen Mauern, um Palast, Häuser, Kirchen und Klöster zu schützen. Doch die Mauern sollten nie eine feindliche Armee daran hindern, das Burgviertel zu erobern.

Béla zog an seiner Zigarette. »Sind Sie Tourist?«

Der Fremde nickte.

»Zum ersten Mal in Budapest?«

»Ja.«

Er streckte die Beine aus, zog erneut an seiner Zigarette, und diesmal hielt er den Rauch in der Lunge, bis es in der Brust brannte. Sein Vater kaufte die ägyptischen Zigaretten, die nach Nelken rochen, nach Rosen und reifen Trauben, doch er zog die schlichten, rauen Symphonia vor.

Drüben auf der Kettenbrücke fuhr das Polizeiauto von Buda nach Pest, ohne Blaulicht diesmal. Dahinter ein Leichenwagen.

»Keine guten Zeiten«, murmelte Béla.

Der Fremde hob eine Braue.

Béla schüttelte den Kopf. Er zupfte an einem Stück Haut neben seinem Daumennagel und spürte, wie der andere ihn musterte. Seinen zerknitterten Anzug. Das müde Gesicht. Er ist aufmerksam, dachte er, doch es liegt nichts Arglistiges in seinem Verhalten.

Béla räusperte sich. »Wissen Sie ein wenig über Ungarn?«

»Nur das, was in meinem Reiseführer steht.« Es klang beinahe entschuldigend.

Béla lächelte. »Wir haben den Großen Krieg verloren. Jetzt sind wir unabhängig von Österreich, aber durch den Friedensvertrag von Trianon haben wir zwei Drittel unseres Staatsgebiets verloren. Für die meisten Magyaren ist das eine ungeheure Demütigung.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Mit den Gebieten haben wir auch Rohstoffquellen verloren. Unsere Industrie liegt am Boden. Gleichzeitig müssen wir enorme Reparationszahlungen leisten.«

»Eine schwierige Situation.«

»In der Tat, und die Weltwirtschaftskrise hat uns zusätzlich getroffen. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Armut wächst, und nach wie vor strömen Flüchtlinge aus den verlorenen Gebieten in die Hauptstadt, obwohl es längst keine Wohnungen mehr gibt.« Béla schnippte Asche von seiner Zigarette. Sie landete auf dem Schuh des Fremden.

Er schüttelte sie ab. »Die Arbeitslosigkeit ist auch in Deutschland ein Problem.«

»Ich weiß«, sagte Béla. Über dem Burgpalast schwebten zarte Zirruswolken. »Doch in Ungarn ist auch die politische Lage kompliziert. Nach Kriegsende waren wir eine demokratische Volksrepublik. Ein Jahr später riefen die Roten die Räterepublik aus. Bald darauf marschierten rumänische Truppen ein, was wiederum die Konservativen zur Konterrevolution nutzten. Seither …« Er lachte, doch es klang bitter. »Seither leben wir in einem Königreich ohne König.«

Wieder hob der Fremde seine rechte Braue.

»Miklós Horthy, der Reichsverweser, regiert mit eiserner Hand. Man muss ihm zugestehen, dass er für eine gewisse Stabilität sorgt. Aber um welchen Preis? Es gibt zahlreiche Parteien, linke und rechte, doch die Menschen dürfen nicht frei wählen. Kommunisten und Sozialisten werden verfolgt, Leute verschwinden oder gehen ins Exil. Und die Pressefreiheit …« Béla machte eine wegwerfende Handbewegung.

Der Mann runzelte die Stirn.

»In Berlin lebt ein Reporter, Egon Erwin Kisch. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Nein.«

»Ein großartiger Reporter, immer unterwegs, in den Hinterzimmern der Macht, in der Unterwelt, in fremden Ländern. Er fürchtet nichts und schaut sehr genau hin.« Béla schnippte seinen Zigarettenstummel ins Wasser und schob die Ärmel seines Jacketts hoch. »Er sagt, als Reporter müsse man unabhängig sein, doch wenn ich seine Reportagen lese, lese ich darin ein starkes Engagement für die Schwachen. Ich denke, Kisch will als Journalist die Welt verändern – und das will ich auch.« Er hielt inne.

Warum erzählte er das?

Der Mann legte den Kopf in den Nacken und zog an seiner Zigarette, bis die Glut knisterte. Warum fühle ich mich in seiner Gegenwart so wohl, dachte Béla. Ihr Ungarn, hatte seine österreichische Großmutter oft geschimpft, seid entweder maulfaul oder redet euch um Kopf und Kragen.

»Wissen Sie«, fuhr er etwas zurückhaltender fort, »viele Menschen kommen vom Land in die Stadt, lassen sich auf der Polizeistation ein Gesindebuch ausstellen und verdingen sich als Dienstboten. Doch ihre Arbeitgeber können ihnen jederzeit kündigen. Ein einziger Eintrag wegen Faulheit, Ungehorsams oder Unehrlichkeit genügt, und sie finden keine neue Stelle mehr. Die jungen Mädchen, die hübsch genug sind, landen auf der Straße, zumindest bis die Sittenpolizei sie aufgreift und ins Arbeitshaus steckt. Die anderen …« Er deutete zur Franz-Josef-Brücke.

Der Blick des Fremden folgte seiner Bewegung.

»Jede Woche klettern Menschen die Eisenketten hinauf und stürzen sich hinunter. Die Leute nennen sie schon die Selbstmörderbrücke.«

»Oh.« Der Mann runzelte die Stirn.

Hinter ihnen auf der Uferpromenade fuhr ein Auto vorbei. Vom Parlament näherte sich ein Omnibus, seine Lichter sahen aus wie weit auseinanderstehende Augen, die ihren Weg in der Dämmerung suchten. Über der hügeligen Silhouette vor Buda färbte sich der Himmel inzwischen rosa. Über Pest hing noch ein Rest Bläue. Diese Stadt, dachte Béla, hat zwei Hälften und zwei Himmel.

Der Fremde betrachtete seinen Zigarettenstummel. »Warum haben Sie das Boot fotografiert?«

Béla zuckte zusammen.

»Dort oben.« Der Mann deutete auf die Elisabethbrücke. »Ich habe den Blitz gesehen.«

Béla wurde heiß. Sein Schuh drückte.

Der Fremde verschränkte die Arme vor der Brust.

»Die Bootsspitze … dieses helle Holz vor dem Grau …« Béla zog ein Taschentuch aus der Hosentasche. »Es sah so schön aus. Und zugleich sehr abstrakt.«

Der Mann lächelte.

»Ich fotografiere gern.« Béla wischte sich den Nacken. Dann lachte er. »Na ja, ich habe noch ein paar Probleme mit der Technik. Manchmal verschätze ich mich mit der Entfernung oder mit der Tiefenschärfe.«

»Schärfentiefe.« Der Fremde lachte und deutete auf seine Fototasche. »Eine Leica?«

»Ja.« Béla nickte. »Eine Leica Ia.«

»Sie ist handlich, man kann sie schnell einsetzen.«

»Ja …« Béla stieß ein wenig Luft durch die Zähne aus und wischte sich über die Stirn; nein, dieser Mann war kein Spitzel, da war er sicher. Ein Schwarm Tauben flog dicht über sie hinweg und landete auf den Schwingen eines Turuls auf der Franz-Josef-Brücke. Der Erpel rannte zeternd einer Ente hinterher. Drüben beim Rudas-Bad dampfte noch immer das Wasser.

»Hätten Sie vielleicht Lust«, fragte Béla und faltete sein Taschentuch zusammen, »morgen Abend mit mir ins Uránia-Kino zu gehen? Zur Premiere von Der Blaue Engel?«

 

Loris Schorb stand auf der Váci utca, der eleganten Einkaufsstraße in der Pester Altstadt, und sah einem Jungen zu, der Seifenblasen in die Luft blies. Eine ältere Dame blieb stehen, ließ ihren Schirm sinken, mit dem sie sich vor der Mittagssonne schützte, und applaudierte. Jauchzend tauchte der Junge einen Stab in eine Blechdose, blähte erneut die Wangen – und ein weiterer Schwall blau, violett und grün schillernder Blasen regnete auf ihn herab, sank langsam und wie schwerelos zu Boden, bis die Blasen schließlich mit sanftem Aufprall auf dem Pflaster landeten, erschauerten und zerplatzten.

Loris lachte und drückte ab. Dann überquerte er die Straße. Eine Gruppe Mädchen radelte vorüber, ihre Röcke bauschten sich wie Ballons. Eine Frau hakte sich bei ihrem Begleiter unter und steuerte auf ein Juweliergeschäft zu, sie deutete in die Auslage und sagte etwas, der Mann lachte, dann schlenderten beide Arm in Arm Richtung Vörösmartyplatz. Ein Schuhputzer, der am Eingang zur Untergrundbahn stand, sah ihnen nach. Dann wandte er sich dem Straßenfeger zu, der mit einem Reisigbesen über den Bordstein kratzte, und rief ihm etwas zu. Der Straßenfeger nickte, und der Schuhputzer saugte zufrieden an seinem Stumpen. Vor dem Belvárosi Söröző-Restaurant schmiegte ein kleines Mädchen sein Gesicht an die Brust eines Braunbären, der auf einem Plakat an einer Litfaßsäule für einen Besuch im Zoologischen Garten warb – Loris wählte eine kleinere Blende und drückte ab. Zwei Herren traten aus einem Spirituosengeschäft und scheuchten einen Hund auf, der neben dem Eingang döste. Eine Frau ging vorüber, und die beiden riefen: Kezét csókolom – küss die Hand! Die Frau lachte. Im selben Moment bemerkte sie Loris’ Kamera und warf ihm einen Handkuss zu. Er lächelte und drückte ab.

Als er weiterging, dachte er daran, wie er nach dem Abitur von dem Geld, das er mit Nachhilfestunden verdient hatte, nach Italien gereist war. In Mailand hatte er den Dom besichtigt, in Pisa den Schiefen Turm. In Florenz hörte er ein Chopinkonzert, in Livorno sah er Hafenarbeitern beim Löschen eines Frachters zu und badete in den weichen Wellen des Mittelmeers. In Rom machte er Ausflüge nach Pompeji, besuchte den Petersdom und das Kolosseum und verbrachte die Nachmittage im Park der Villa Borghese. Er ließ sich über den Corso Vittorio Emanuele II treiben und durch die Gassen von Trastevere, wo es nach fremden Gewürzen und frisch gebrühtem caffè roch. Er lauschte den Gesängen der Signorinas, dem Geschrei der Straßenjungen, dem Tosen der Motorroller. Er sah den feinen Signori und Signoras zu, die stets bella figura machten, sich zu kleiden und bewegen wussten und vor Schönheit und Selbstbewusstsein strahlten, selbst wenn ihre Nase ungewöhnlich groß oder ihre Zähne schief gewachsen waren. Er verknipste drei Filme, klebte Eintrittskarten und Eisenbahnbilletts in sein Reisetagebuch und füllte Seite um Seite mit seiner Schrift voller Bogen und Schwünge. Es war, als habe er etwas zu fassen bekommen, wovon er bisher nur eine Ahnung gehabt hatte. Einen Geschmack des Lebens, das auf ihn wartete. Ein Versprechen von Liebe, Wärme und Sinnlichkeit.