Die Liste der vergessenen Wünsche - Robin Gold - E-Book

Die Liste der vergessenen Wünsche E-Book

Robin Gold

4,5
7,99 €

Beschreibung

Eine Geschichte über Verlust, Kindheitsträume und einen Neubeginn

Früher war alles einfacher. Abschiede zum Beispiel. Als die achtjährige Clara Black – in einem schwarzen Badeanzug – ihren Kater »Schweinebraten« beerdigt, ahnt sie nicht, dass das Leben noch einen viel größeren Verlust für sie bereithalten würde: Jahre später stirbt ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit. Es bricht Claras Herz. Doch dann findet sie eine alte Liste mit ihren Kindheitswünschen, die vor ihrem 35. Geburtstag in Erfüllung gehen sollten. Ganz unverhofft wird die Liste zu Claras Rettungsanker – und zum Weg zurück ins Glück …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 371

Bewertungen
4,5 (76 Bewertungen)
49
14
13
0
0



ROBIN GOLD

Die Liste der vergessenen Wünsche

Roman

Aus dem Amerikanischen von Carolin Müller

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»Once Upon a List« bei Avon Impulse, New York.

Erste Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2013 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Robin B. Gold

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013

by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Das Gedicht Der ungenannte Wunsch von Walt Whitman wird zitiert nach: Walt Whitman, Grasblätter, Carl Hanser Verlag, München, 2009; übersetzt von Jürgen Brôcan.

Das Joan-Didion-Zitat stammt aus folgender Ausgabe: Joan Didion, Das Jahr des magischen Denkens, List Taschenbuch, Berlin, 2008; übersetzt von Antje Rávic Strubel.

Das Patrick-Swayze-Zitat stammt aus folgender Ausgabe: Patrick Swayze und Lisa Niemi, The Time of my Life – Die Geschichte meines Lebens, Piper, München, 2009.

Redaktion: Susann Rehlein

ES · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10946-2

www.blanvalet.de

»Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten.«

– Joan Didion, Das Jahr des magischen Denkens

»Mein Vater hat mich gelehrt, dass man zwar verlieren, aber nie aufgeben darf.«

– Patrick Swayze, The Time of my life – Die Geschichte meines Lebens

Prolog

Clara betrachtete mit großen Augen die rechteckige, in Geschenkpapier eingewickelte Schachtel in ihren Händen und lächelte von einem Ohr bis zum anderen. »Ein Geschenk?«, fragte sie ihren Verlobten. »Für mich? Aber warum?« Sie hatte weder Geburtstag, noch war Weihnachten. Zum Henker, es war nicht mal Flaggen-Gedenktag.

»Was meinst du mit aber warum?« Sebastian, der gerade von einem langen Arbeitstag nach Hause gekommen war und noch seinen Wintermantel anhatte, beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen Kuss, den sie gern erwiderte.

»Warum bekomme ich ein Geschenk?« Clara erkannte das glänzende silberne Bogenlogo als Teil der unverkennbaren Verpackung von Ivy, ihrer Lieblingsboutique in Boston.

Sebastian zuckte mit den Schultern, und seine braunen Augen funkelten, als er sie ansah. »Einfach so.«

Kopfschüttelnd stieß Clara ein leises Lachen aus. »Natürlich. Einfach so. Hätte ich mir ja denken können.« Einfach so war einer seiner bevorzugten Gründe, etwas für sie zu tun. Sebastian brauchte keinen besonderen Feiertag, keinen speziellen Anlass für eine nette Geste oder um zu zeigen, wie sehr sie ihm am Herzen lag. Jeder Tag mit ihm war etwas Besonderes, um nicht zu sagen eine Wundertüte, und Clara war weit davon entfernt, das für selbstverständlich zu nehmen. Von wegen Einladung zum Essen am Samstagabend – er überraschte Clara lieber, indem er sie an irgendeinem x-beliebigen Dienstagabend romantisch ausführte. Er brauchte keinen Valentinstag als Anlass für ein Kärtchen mit einer innigen Liebesbotschaft und auch keinen Muttertag, um sie mit einem prächtigen Blumenstrauß zu erfreuen – ungeachtet der Tatsache, dass sie noch gar nicht Mutter war (auch wenn sie bereits beschlossen hatten, dass ihre erste Tochter Edith, ihr erster Sohn Julian und ihr erster Hund – wenn sie endlich genug Zeit hätten, sich einem zu widmen – Mon Chéri heißen würden). Seine erstaunlich aufmerksame Art war bloß einer der vielen Gründe, warum sich Clara vor mehr als zehn Jahren Hals über Kopf in diesen Mann verliebt hatte.

Sie standen noch immer an der Tür ihres vor kurzem erworbenen ersten Eigenheims, denn Clara war Sebastian entgegengelaufen, sobald sie seinen Wagen in der Einfahrt gehört hatte. Sebastian schnupperte demonstrativ. »Rieche ich da etwa Brownies?«

»Allerdings.« Clara grinste, denn sie wusste, wie sehr er ihre selbstgemachten Leckereien liebte. Schon als Kind hatte sie gern gebacken. Aber das war gar nichts gewesen, verglichen mit der Freude, für das Leckermaul Sebastian zu backen, der ihr immer das Gefühl gab, sie könne alle Backmischungen und Keksmarken dieser Welt zusammen in den Schatten stellen.

Er sog das himmlische Schokoladenaroma ein und drückte ihr einen weiteren Kuss auf die Lippen, diesmal aber ausdauernder und feuriger. »Ich wusste, es gab da einen guten Grund, warum ich dich heiraten werde.«

Sie lachte. »Genau, wie wär’s mit dem: Weil du mich über alle Maßen liebst und ich deine absolute Traumfrau bin?«

»Na ja … Ich nehme an, das spielt auch mit rein.«

Clara legte den Kopf schräg und kniff die Augen zusammen. »Muss ich dich daran erinnern, dass ich noch acht Wochen, drei Tage und …«, sie warf einen Blick auf die Uhr, »… eine Stunde habe, um mir zu überlegen, ob ich wirklich Ja, ich will sage?« Wie ein Kind, das Weihnachten kaum erwarten kann, hakte Clara die Minuten ab, bis sie Ende März ganz offiziell Mrs. Sebastian McKinley sein würde. Sie war seit Monaten ganz aus dem Häuschen. Wäre sie auch nur eine Spur aufgeregter gewesen, hätte sie sich zum Einschlafen etwas verschreiben lassen müssen, das sonst nur sehr große Tiere bekommen.

Sebastian kicherte.

»Kann ich mein Geschenk jetzt aufmachen?« Sie schüttelte voller Neugier die Schachtel.

»Nur zu.«

Clara entfernte das Geschenkpapier, öffnete die Box und erblickte einen hellroten Flanellpyjama mit auffälligen weißen Sternchen darauf. Ein paar Wochen zuvor war ihr bei einem gemeinsamen Abendspaziergang durch Boston der Pyjama im Schaufenster von Ivy aufgefallen. Sie hatte gesagt, dass sie ihn schön fand, hatte ihn aber schon ein paar Minuten später völlig vergessen gehabt. Anders Sebastian. Heimlich war er am nächsten Tag zwischen zwei Patiententerminen zum Laden zurückgekehrt, um ihn zu kaufen. Der vielbeschäftigte Podologe wusste, dass Clara sich darüber freuen würde. Und wenn er sah, dass sie sich freute, freute auch er sich. Einfach so.

»Liebling …« Sie stand mit offenem Mund da. »Das ist doch der Pyjama, den wir neulich auf unserem Spaziergang gesehen haben. Dass du dich daran erinnert hast!«

»Na komm, ich erinnere mich doch an alles, was du mir sagst«, erwiderte Sebastian verlegen. Und das stimmte sogar. Wenn Clara etwas sagte, hörte er ihr wirklich zu. Ganz am Anfang ihrer Beziehung, als sie noch dabei waren, sich kennenzulernen, hatte Clara ihm erzählt, dass ihr Lieblingsdichter Walt Whitman war. Monate später kehrte Sebastian von einer Reflexzonenmassagen-Tagung in New York mit einer Überraschung für sie zurück, und zwar einer Erstausgabe von Whitmans Gedichtband »Leaves of Grass«, von der es weltweit insgesamt nur achthundert Exemplare gibt. Als sie dieses Kleinod entgegennahm, war Clara zu überwältigt gewesen, um etwas zum Dank zu sagen, aber die Tränen in ihren Augen zeigten ihm, wie viel ihr dieses Geschenk bedeutete. Der Einband war beschädigt, ein paar Seiten fehlten ganz, und das Buch roch nach Kohlsuppe, aber die Tatsache, dass Sebastian es ihr geschenkt hatte, machte es für sie noch wertvoller. Seine ungekünstelte Aufmerksamkeit war wirklich etwas, das sie nicht für selbstverständlich nahm. Sie wusste verdammt gut, dass ihr Verlobter etwas ganz Besonderes war. Und sie wusste ohne auch nur den Hauch eines Zweifels, dass sie die glücklichste Frau der Welt war.

»Der ist vielleicht weich!«, sagte Clara, als sie mit den Fingern über den Flanellstoff strich. »Ich finde ihn toll. Danke, Schatz!«

»Gern geschehen. Ich hoffe, ich habe die richtige Größe erwischt.«

Clara warf ihm ihr verführerischstes Lächeln zu. »Hmm … Wie wär’s, wenn ich ihn anprobiere?« Dann nahm sie seine Hand und zog ihn in Richtung Treppe, wobei sie mit rauer, verführerischer Stimme hinzufügte: »Dann kannst du ihn mir auch gleich wieder ausziehen.«

»Bevor ich mich schlagen lasse«, Sebastian gab ihr einen spielerischen Klaps auf den Hintern, bevor er sie die Treppe hinaufjagte.

* * *

»Liebe Trauergäste, dürfte ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten?« Leo, der Bestatter, hob in der schwülen Nachmittagssonne den Arm, um die Aufmerksamkeit der sich leise unterhaltenden Menge zu gewinnen. Er räusperte sich und wartete, bis Ruhe eingetreten war. »Im Namen meiner kleinen Schwester Clara möchte ich Ihnen allen für Ihr heutiges Erscheinen danken und Sie einladen, sich nun um das Grab zu versammeln. Die Beerdigungszeremonie wird gleich beginnen«, verkündete er in kontrolliertem, feierlichem Ton, den er zuvor geübt hatte, indem er ihn morgens vor dem Badezimmerspiegel in eine Haarbürste gesprochen hatte. Dann, als würde in seinem Kopf eine imaginäre Glühbirne angehen, fügte er rasch hinzu: »Oh, und bitte steigen Sie nicht auf Salatköpfe oder Tomaten. Vorsicht, Gemüse!« Er blickte zu seiner Mutter Libby hinüber, die ihn an diesem Morgen mehrmals daran erinnert hatte, er möge die Gäste ermahnen, bloß nicht überall in ihrem Garten herumzutrampeln.

Mit einem Augenzwinkern hob Libby ermutigend den Daumen ihrer freien Hand. Mit der anderen hielt sie Claras Linke.

Am Nachmittag des Vortags hatte Clara, als sie von der Ballettstunde kam, Leo mit vor der Brust verschränkten Armen und finsterem Gesicht an der offenen Haustür vorgefunden. Er schien auf sie gewartet zu haben. Und er sah nicht gerade fröhlich aus.

»Komm mit, du kleiner Hosenscheißer, wir setzen uns mal hin«, forderte Leo sie in merkwürdigem Ton auf.

Clara folgte ihrem Bruder in seine Bude und ließ sich aufs Sofa fallen. Obwohl jede Menge Platz war, setzte er sich direkt neben sie.

»Hör mal, Clara …«, er räusperte sich und schluckte schwer, »… ähm, also während du im Kindergarten warst, ist etwas ganz Schlimmes passiert.« Er schaute weg, aber Clara bemerkte die Traurigkeit in seinen smaragdgrünen Augen. Dann atmete er tief durch, wandte sich ihr wieder zu und sagte sanft: »Schweinebraten … Er ist gestorben.«

Für Clara blieb die Zeit stehen.

Sie konnte nicht sprechen.

Sie konnte kaum atmen.

»Ich weiß, dass er deiner war und wie lieb du ihn gehabt hast. So wie wir alle«, versicherte ihr Leo mit der Einfühlsamkeit eines weisen Erwachsenen, obwohl er ein achtjähriger Junge war, der vor ein paar Tagen noch seine Hand an der Wand festgeklebt hatte, um zu testen, wie gut Alleskleber wirklich ist. »Aber Schweinebraten war schon ein sehr, sehr alter Kater, Clara, und er ist einfach …« Leos Stimme brach. »Er ist … von seinem Nickerchen heute einfach nicht mehr aufgewacht.«

Dicke Tränen rannen Clara über die Wangen, und sie spürte einen brennenden Schmerz, der schlimmer war als alles, was sie mit ihren sechs Jahren bisher erlebt hatte – sogar schlimmer als der damals, als sie Natalie Marissa, ihrer allerliebsten Lieblingspuppe, einen grässlich schiefen Haarschnitt verpasst hatte, nur um dann zu merken, dass orangefarbenes Wollhaar nicht mehr nachwächst.

»Es tut mir wirklich leid.« Leo wischte sich schnell über die nassen Augen.

Wie Clara in ihrem Trikot und dem Tutu dasaß und unkontrolliert schluchzte, meinte sie kurz, sie hätte Libby den Kopf durch die Tür stecken sehen, aber falls es so war, dann hatte sie wohl beschlossen, sich lieber nicht einzumischen, und war gleich wieder verschwunden.

Clara und ihr Bruder blieben so lange auf der Couch sitzen, wie sie weinte, und ihr kam es wie eine sehr lange Zeit vor. Leo legte den Arm fest um ihre Schultern und sagte nichts weiter.

Denn es brauchte keine weiteren Worte.

»Ich hab dir doch gesagt, dass man auf einer Beerdigung nicht pupsen darf! Böser Hund!«, schimpfte Claras Freundin mit Mötley Crüe, ihrer Dänischen Dogge.

»Macht nichts, Hazel«, beruhigte Leo sie. »In Anbetracht der heute hier Versammelten wird der alte Mötley wohl nicht der Einzige sein, der sich danebenbenimmt.«

Früher an diesem Samstagmorgen, noch bevor Clara aufgewacht war (und ohne die Erlaubnis seiner Mutter), hatte Leo im Garten neben Libbys Tomatenstauden ein Loch ausgehoben und einen Gedenkgottesdienst für den späten Nachmittag organisiert. Die meisten ihrer Freunde aus der Nachbarschaft hatten Haustiere, und als Leo an eine Tür nach der anderen klopfte und die traurige Nachricht von Schweinebratens Ableben überbrachte, betonte er extra, dass bei der Zeremonie sowohl Menschen als auch Tiere willkommen seien.

Leo bestand darauf, dass er zu Schweinebratens Beerdigung seinen besten (und einzigen) Anzug trug. Infolge eines Saftunfalls, bei dem ihr marineblaues Kleid in Mitleidenschaft gezogen wurde, beschränkten sich Claras Auswahlmöglichkeiten, was dunkle Bekleidung betraf, auf einen schwarzen Badeanzug und ein Sensenmannkostüm (inklusive Sense) vom letzten Halloween – was dem Anlass jedoch nicht gerade angemessen war. Also entschied sie sich für den Badeanzug. Als sie merkte, dass auch Natalie Marissa nichts Angemessenes zum Anziehen hatte, wurde sie kurz panisch, aber Libby rettete wie immer die Situation, indem sie ihr aus einer schwarzen Plastiktüte schnell ein einfaches Kleid im Togastil fertigte. Libby beteuerte außerdem, dass es bei einem solchen Anlass durchaus üblich sei, seinen Kopf zu bedecken, und bot an, auch noch einen praktischen Hut für Claras Puppe mit den verschnittenen Haaren zu zaubern. Aber angesichts einer wahren Tragödie wie dieser kümmerte Clara ein schlechter Haarschnitt herzlich wenig.

Schweinebratens Beerdigung wohnten fünf Jungen, sechs Mädchen, zwei Erwachsene, vier Hunde, drei Katzen, eineinhalb Kaninchen (Ernestine war trächtig) bei. Die ersten Trauergäste, die erschienen, waren Hazel und Mötley Crüe. Sie wurden von Leo in Empfang genommen. Er nahm ihr das Tablett mit den Sellerie-Rosinen-Häppchen ab, die Hazel ganz allein gemacht hatte, und stellte es zwischen das Kondolenzbuch und die Platte mit Cupcakes, die Libby gebacken hatte, auf den Picknicktisch.

»Ich hab sie mit extra vielen Rosinen gemacht, so wie du es magst«, sagte Hazel und lächelte Clara an. Dann drückte sie ihr die Hand und fügte sanft hinzu: »Schöner Badeanzug.«

Makiko vom anderen Ende der Straße – in Begleitung ihrer Wüstenrennmaus Barnabas – trug einen prunkvollen türkisen Kimono. Clara spürte, wie sich wieder ein Kloß in ihrem Hals bildete, als sie behutsam Barnabas’ hellbraunes Fell streichelte. »Weißt du, es ist okay, wenn du traurig bist oder weinen musst«, sagte Makiko. »Sterben ist schrecklich. Hier …« Sie hielt Clara einen ihrer luftigen Kimonoärmel hin.

»Oh, nicht doch!«, mischte sich Mrs. Stewart ein, die nette grauhaarige Dame von gegenüber, die keine eigenen Enkelkinder hatte und deshalb mehr oder weniger alle Kinder der Nachbarschaft adoptiert hatte. »Nimm lieber das«, sagte sie und reichte Clara ein Taschentuch. Dann nahm sie Clara ganz fest in den Arm und flüsterte: »Es tut mir ja so leid, Clara Black.«

Libby versuchte, den Kindern so wenig wie möglich in die Quere zu kommen, aber jedes Mal, wenn Clara in ihre Richtung blickte, sah sie, dass die Augen ihrer Mutter auf sie gerichtet waren, und Libbys warmes Lächeln war ihr ein Trost.

Nachdem die Gäste sich im Kreis um das Grab herum aufgestellt hatten, gab Leo seine schönste Erinnerung an Claras geliebte Katze zum Besten und lud die Gruppe ein, es ihm gleichzutun. Als Clara an der Reihe war, trat sie zögernd vor, zupfte mit der einen Hand ihren Badeanzug aus der Poritze und drückte mit der anderen Natalie Marissa an die Brust. Mit zitternder Stimme sagte sie aus dem Gedächtnis folgenden Haiku auf, den sie sich am selben Tag, versteckt in der Ahornburg, ihrem Baumhaus, ausgedacht hatte:

In ewiger LiebeMein flauschiger FreundIch vermisse dich, Schweinebraten.

Nachdem ein einfaches Schild mit der Aufschrift »Ruhe sanft« auf Schweinebratens Grab gelegt worden war, senkten alle – Mötley Crüe eingeschlossen – den Kopf für eine Schweigeminute. Zum Abschluss der Zeremonie spielte Wuschel, Claras Nachbar von nebenan, »Stille Nacht« auf der Flöte. Er nahm erst seit ein paar Wochen Unterricht, und das war das einzige Lied, das er schon spielen konnte. Nach der Hälfte, ungefähr bei »alles schläft«, verspielte er sich und zischte: »Scheiße!«, was wohl darauf zurückzuführen war, dass Wuschel einen älteren Bruder hatte, der viel und gerne fluchte. Sämtliche Kinder drehten sich sofort zu Libby und Mrs. Stewart um, damit sie deren Reaktion einschätzen konnten. Clara merkte, dass ihre Mutter sich das Lachen verkneifen musste, und Mrs. Stewart sagte schulterzuckend: »Pah! Wenn man nicht einmal an einem Tag wie heute Scheiße sagen kann, wann denn sonst?«

Den Kindern klappte die Kinnlade herunter, und Hazel schlug ungläubig beide Hände vor den Mund.

Libby prustete nun doch los. »Sie hat recht!«, sagte sie dann betont ernst. »Aber trotzdem lassen wir es uns nicht zur Gewohnheit werden, dieses schreckl…« Sie musste so sehr lachen, dass sie den Satz nicht zu Ende sprechen konnte.

Und keine Nanosekunde später hielten sich alle gackernd die Bäuche.

Als Clara beim Leichenschmaus auf Libbys Schoß saß, die Glasur von einem Schokoladentörtchen schleckte und über das Universum nachdachte, fragte sie ihre Mutter, ob Schweinebraten nun bei ihrem Papa im Himmel sei. Ihr Vater, James Black, war keinen Tag in seinem Leben krank gewesen, als ihn mit fünfunddreißig ein Herzinfarkt dahinraffte und er Libby mit zwei Kleinkindern allein zurückließ. Leo behauptete, er könne sich noch an ihn erinnern, aber Leo behauptete auch, er könnte fliegen und im Dunkeln sehen. Clara hatte keine Erinnerung mehr an ihren Vater, aber eine ihrer liebsten Habseligkeiten war ein kleines gerahmtes Foto, das sie und ihren Vater zeigte, wie sie gemeinsam in einer Hängematte ein Nickerchen hielten, als sie noch ein winziger Säugling war. Es hatte immer auf Libbys Klavier im Musikzimmer gestanden – also in dem Raum, der in den meisten Häusern als Wohnzimmer bezeichnet wurde –, zusammen mit einer ganzen Sammlung von Familienfotos. Doch eines Abends, als Clara ziemlich niedergeschlagen war, brachte ihre Mutter das Bild herauf in ihr Zimmer, damit es ihr Gesellschaft leisten konnte. Auf Libbys Wunsch hin war es seither Claras Foto. »Um deine Frage zu beantworten«, sagte Libby und biss von Claras Schokotörtchen ab, »ich glaube, Schweinebraten ist wirklich bei Papa, und ich glaube, dass die beiden es richtig gut miteinander haben.«

»Ich auch«, pflichtete ihr Clara bei.

»Ich denke, wir hätten Schweinebraten keinen schöneren Abschied bereiten können.«

»Stimmt«, sagte Clara grinsend.

* * *

Tatsächlich war es so eine schöne Beerdigung, dass über Jahrzehnte an ihr alle folgenden Beerdigungen gemessen wurden. Und achtundzwanzig Jahre später war dies die Erinnerung, die Clara in den Sinn kam, als sie von einem ernst dreinblickenden Polizisten davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass Sebastian tot war.

November

1

»Das ist doch lächerlich. Wir sitzen jetzt geschlagene zehn Minuten hier rum. Irgendwann musst du aus dem Auto aussteigen«, sagte Leo zu Clara. Er musterte sie, wie sie zusammengesackt auf dem Beifahrersitz seines Jeeps hing und ins Leere starrte. »Du bist doch wohl nicht den ganzen weiten Weg von Boston hergeflogen, um dann hier in Libbys verschneiter Einfahrt rumzuhocken.«

»Ich weiß. Ich weiß …« Clara zitterte, als sie sich ihren Wollschal über den Mund zog. »Bitte«, sie schloss die Augen und stieß einen schweren Seufzer aus. »Gib mir noch zwei Minuten, damit ich mich mental drauf vorbereiten kann, da reinzugehen.«

»Das hast du schon vor zwei Minuten gesagt.« Leo trommelte mit den Daumen auf dem Lenkrad herum und bemühte sich erst gar nicht, seinen besorgten Gesichtsausdruck zu verbergen. »Du willst doch bloß Zeit schinden.«

Clara antwortete nicht.

»Schau …«, er hielt für einen Moment inne, um seine Worte sorgfältig zu wählen, während er seine jüngere Schwester genau betrachtete. »Ich weiß, du bist schon lange nicht mehr zu Hause gewesen, und ich weiß, dass du dich vor diesem Wochenende fürchtest, aber es wird schon nicht so schlimm werden. Ehrlich. Thanksgiving ist schließlich eine Zeit der Freude, nicht der Qual.«

»Schon klar. Aber du bist ja auch nicht derjenige, der ganz genau unter die Lupe genommen wird«, murmelte Clara kleinlaut und sank noch mehr auf ihrem Sitz zusammen.

Leo schüttelte den Kopf. »Das wirst du nicht.« Mit einem Lächeln drückte er Clara aufmunternd die Schulter, bevor er den Motor abstellte. Er öffnete die Wagentür und ließ die eisige Novembernachtluft herein. »Und wenn Libby uns erwischt, wie wir hier draußen in der kalten Dunkelheit herumsitzen, dann macht sie sich nur noch mehr Sorgen um dich.«

Clara verdrehte die Augen. »Als wenn das überhaupt möglich wäre.«

»Tut mir leid. Du weißt, ich liebe dich.« Und mit diesen Worten drückte er die Hupe und machte ihre sorgenvoll auf sie wartende Mutter darauf aufmerksam, dass sie zu Hause waren.

»Halleluja! Ihr seid hier!«, kreischte Libby von oben, als sie hörte, wie ihre Kinder zur Tür hereinkamen, an der ein buntes Schild mit der Aufschrift »Willkommen zu Hause, Clara!« hing. Sie hatte eigentlich vorgehabt, Leo zu begleiten, um Clara vom Flughafen abzuholen, aber dann hatte sie nicht weggekonnt, weil Todd, der chronisch verspätete, umwerfend schöne Teilzeit-Klavierstimmer, drei Stunden zu spät aufgetaucht war, da er ganz kurzfristig als Model für einen Männermodekatalog gebucht worden war. Für Libby Black, stolze Gewinnerin von fünf Clio Awards (in der Werbebranche das Äquivalent zum Oscar), war es Tradition, ihre Gäste zu Thanksgiving mit einem Medley ihrer berühmtesten Werbemelodien zu unterhalten. Und natürlich kam es nicht in Frage, dass sie mit ihrem absoluten Gehör ein Konzert auf einem verstimmten Instrument gab.

»Endlich, ihr Lieben, endlich!« Sie kam in Lichtgeschwindigkeit die Mahagonitreppe heruntergeschossen, und ihr Bademantel flatterte um sie herum wie der Umhang eines Superhelden. Unten angekommen, umarmte sie Clara stürmisch. »Clara-Keks! Ich freue mich ja so, dass du endlich mal wieder zu Hause bist!« Libby drückte ihre Tochter fest an sich, wobei sie die Hand schützend an Claras Hinterkopf legte. »Oh, Gott sei Dank, du bist da«, flüsterte sie. »Gott sei Dank …«

Das letzte Mal, dass Clara in River Pointe gewesen war, einem Vorort nördlich von Chicago, wo sie aufgewachsen war und wo hauptsächlich erfolgreiche Anwälte, Ärzte und andere »Angebertypen« – wie Leo sie nannte – wohnten, war noch vor dem Unfall gewesen. Dem Unfall im März, bei dem ihr Verlobter ums Leben gekommen war, keine zwei Wochen vor ihrer geplanten Hochzeit. Vor der Tragödie hatte Clara die Angewohnheit gehabt, ihre Mutter und ihren Bruder alle paar Monate, wenn nicht öfter, zu besuchen. Leo und Libby hatten ihr gefehlt, seit sie nach Boston gezogen war. Aber die regelmäßig geplanten Reisen nach Chicago hatten ihr geholfen, das Heimweh etwas zu lindern. Sebastian hatte Clara oft damit aufgezogen und gesagt, dass sie, wenn sie für jedes Mal, das Clara »Ich wünschte, wir würden näher bei meiner Familie leben« sagte, einen Dollar bekämen, schon Millionäre wären. Clara hatte ihm recht geben müssen.

Dies war die längste Zeitspanne, die sie je am Stück von zu Hause weg gewesen war – ein Punkt, den Libby kürzlich bei einem etwas angespannten Telefonat besonders hervorgehoben hatte, nachdem Clara erklärt hatte, Thanksgiving dieses Jahr in Boston verbringen zu wollen.

»Auf keinen Fall! Das kommt nicht in Frage, Liebes«, hatte Libby gesagt. »Wenn du auch nur eine Sekunde glaubst, du könntest den Feiertag allein verbringen, dann lass dir lieber gleich von mir gesagt sein, dass du damit falschliegst. Du magst vierunddreißig sein, aber du bist noch immer mein kleines Mädchen, und wenn es sein muss, fahre ich höchstpersönlich nach Boston, schnalle dich auf den verdammten Rücksitz und verfrachte dich nach River Pointe. Hast du mich verstanden? Das ist kein Scherz!«, drohte Libby.

»Ja, ich hab’s kapiert«, schnauzte Clara.

Libby atmete tief durch. Als sie wieder das Wort ergriff, war es mit viel sanfterer Stimme. »Glaub mir, Clara-Keks … Ich weiß, was du gerade durchmachst. Ich habe einen Ehemann verloren. Ich weiß, wie schwierig Feiertage sind. Und ich weiß, wie sehr es dich schmerzt, dass Sebastian nicht mehr da ist. Das weiß ich wirklich. Aber ich sage dir jetzt mal was: Ob es dir gefällt oder nicht, du musst dein Leben irgendwann wieder auf die Reihe bekommen und weitermachen. Und glaub mir, es wird dir viel leichter fallen, wenn du aufhörst, dich von allem so abzuschotten. Du musst die Menschen, die dich lieben, wieder an dich ranlassen, anstatt darauf zu beharren, das alles allein durchzustehen.«

»Das mache ich doch gar nicht«, stritt Clara ab.

»Oh, doch, das machst du«, versicherte Libby ihr.

Sebastian war nun seit acht Monaten fort, obwohl es Clara eher vorkam wie eine Ewigkeit, bestehend aus nahtlos ineinander übergehenden trübseligen Tagen. Und das Letzte, was sie wollte, war, das alles mit ihrer Mutter zu diskutieren. »Also gut«, murrte sie und tat ihr Bestes, nicht weiter in Gedanken der Tragödie nachzuhängen, die ihr ihren Seelenverwandten genommen hatte – ihren Anker –, weshalb sie nun richtungslos im Meer der Zeit dahintrieb. »Es hat einen Unfall in der Nähe des Flughafens gegeben«, hatte der ernst dreinblickende Polizist gesagt. Einen Unfall…

Nun, in der warm beleuchteten Diele des Hauses, in dem Clara aufgewachsen war, wehrte sie sich nicht gegen die Umarmung ihrer Mutter, die so fest war, dass ihr beinahe die Organe zerquetscht wurden.

»Ich bin ja so froh, dich zu sehen«, sagte Libby strahlend.

»Ich freue mich auch, dich wiederzusehen«, erwiderte Clara halbherzig.

Als ihre Mutter sie dreißig Sekunden später noch immer nicht losgelassen hatte, formte sie lautlos mit den Lippen ein »Hilfe!« in Richtung ihres Bruders, der neben ihrem Koffer stand.

Offensichtlich amüsiert, warnte er seine Mutter: »Vorsicht. Was du zerdrückst, musst du kaufen. So lauten die Hausvorschriften.«

Libby lockerte ihre Umarmung, ließ sie jedoch noch immer nicht ganz los. Stattdessen untersuchten ihre Hände Claras Rückgrad, Wirbel für Wirbel. Sie betastete ihre Tochter akribisch, bevor sie entsetzt ausrief: »Du bist ja nur noch Haut und Knochen! Lass dich mal anschauen …« Endlich ließ sie los und trat mit einem alarmierten Gesicht einen Schritt zurück. »Grundgütiger! Und du bist ja bleich wie ein Gespenst. Wann hast du zuletzt was gegessen?« Sie hielt inne und betrachtete Clara eingehend. »Im August? Liebes, ich hab dich noch nie so dünn gesehen.«

»Ich kann dir versichern, dass ich genauso dünn bin wie immer«, brummte Clara. »Du hast mich nur eine Weile nicht gesehen, das ist alles.«

»Ach, Kleines, Kleines. Lass mich noch mal sehen. Du bist ja geradezu ausgemergelt.« Die Hand in die Hüfte gestützt, drehte sich Libby zu Leo um und fragte: »Sieht deine Schwester nicht total ausgemergelt aus?«

»Äh … Ich … weiß nicht.« Er zuckte mit den Schultern. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass er da mit hineingezogen wurde. »Ich … schätze, sie sieht ein bisschen dünn aus.«

»Ein bisschen?«, empörte sich Libby, und Clara, genauso überrascht von der Wortwahl ihres Bruders, wiederholte: »Du schätzt?« Leo hatte die irritierende Angewohnheit zu »schätzen«, wenn er gerade ängstlich bemüht war, jemandem eine dicke, fette Lüge aufzutischen. Seltsamerweise schien er so gut wie nie zu »schätzen«, wenn er die Wahrheit sagte.

»Hä?« Clara kniff die Augen zusammen angesichts seiner Wortwahl. »Du schätzt … wirklich?« Sie fragte sich, ob es vielleicht stimmte. Clara warf jeden Morgen einen kurzen Blick in den Badezimmerspiegel, wenn sie aus der Dusche stieg und sich die nassen Haare kämmte, aber sie machte sich nur selten, wenn überhaupt je, die Mühe, ihr Spiegelbild genau zu betrachten. Es spielte sowieso keine Rolle mehr für sie.

Leo seufzte gereizt: »Was weiß denn ich?«

Libby neigte den Kopf, legte den Zeigefinger ans Kinn und betrachtete Clara eingehend. »Zweiundfünfzig, höchstens vierundfünfzig Kilo«, verkündete sie nach kurzem Nachdenken. »Aber kein Gramm mehr. Glaub mir.« Libby Black hatte sich immer als jemanden betrachtet, der über zwei besondere, gottgegebene Gaben im Leben verfügte. Die eine war ihr absolutes Gehör und die andere ihre Fähigkeit, das Gewicht eines beliebigen Objekts ohne irgendein Hilfsmittel genau schätzen zu können. Letztere hatte ihr auf dem Jahrmarkt von Libertyville den Spitznamen »Die menschliche Waage« eingebracht und ihr die Möglichkeit gegeben, drei Sommer hintereinander zu glänzen. Dieses ungewöhnliche Talent war ihr aber auch im Supermarkt recht nützlich. Libby wusste genau, wie ein Pfund Kirschen aussah und sich anfühlte, und als ihre Kinder noch klein waren, hatte sie aus dem Einkaufen oft ein spaßiges Spiel gemacht. Wenn es ihren Kindern gelang, sie des Irrtums zu überführen, durften sie sich als Preis süße Frühstücksflocken aussuchen (eine überragende Belohnung für ein Mädchen wie Clara, das ganz verrückt nach gefriergetrockneten Marshmallows war und dessen persönliche Lieblingshelden der Kellog’s-Smacks-Frosch und der Frosties-Tiger waren). Clara und Leo gaben Libby das, was sie für ein Pfund Erbsen hielten, sie streckte die Tüte in die Luft, schätzte und nahm dann so viele Erbsen heraus oder legte Stück für Stück so viele hinzu, wie nötig waren. Sie machte aus der ganzen Sache ein Riesenspektakel und ließ die beiden dann zur Waage in die Obstabteilung rennen, wo sie die Tüte wiegen und prüfen sollten, ob sie recht hatte. Sie hatte immer recht. An Claras neuntem Geburtstag gab sie eine Übernachtungsparty für ihre Freunde, und obwohl Ziggy der Zauberer engagiert worden war, um die Gäste zu begeistern, war »Die menschliche Waage« bei den Kindern ein viel größerer Erfolg. Sie jauchzten vor Freude, wenn Libby sie hochhob und das Gewicht eines jeden bis aufs Gramm genau schätzte.

Clara erkannte den alten konzentrierten Glanz in den schokoladenbraunen Augen ihrer Mutter. Sie wusste genau, was als Nächstes kommen würde, und rückte langsam Zentimeter um Zentimeter von Libby ab. »Nein …«, warnte sie und wehrte Libby mit beiden Händen ab. »Ich bin gerade angekommen und echt nicht in der Stimmung für Spielchen.«

Libby schob sich das kinnlange schwarze Haar mit den weißen Strähnen hinters Ohr und machte einen kleinen Schritt auf ihre Tochter zu.

»Im Ernst … Hör auf mit dem Quatsch«, flehte Clara.

Libby machte einen weiteren entschlossenen Schritt nach vorn.

»Ich habe nein gesagt!« Plötzlich schoss Clara in Leos Richtung davon. Sie hatte eigentlich vorgehabt, ihren kräftigen, eins siebenundachtzig großen Bruder als Schutzschild zu benutzen, aber ihre flinke Mutter, die bereits in vollen Galopp verfallen war, war ihr zu dicht auf den Fersen, als dass sie ihr anvisiertes Ziel noch hätte erreichen können. Also war sie gezwungen, herumzuwirbeln und in die entgegengesetzte Richtung davonzulaufen.

»Nicht rennen! Der Boden ist frisch gebohnert! Du fällst noch hin, verdammt!« Libby jagte Clara durch den geschmackvoll eingerichteten Eingangsbereich.

»Und da wunderst du dich, dass es mich Überwindung gekostet hat reinzukommen?!«, schnauzte Clara im Rennen Leo an.

»Stehen bleiben hab ich gesagt! Hörst du nicht?« Libby hatte beide Arme nach vorne ausgestreckt.

»Hilfe!«, flehte Clara ihren Bruder an und wäre beinahe über ein Paar von Libbys Winterstiefeln gestolpert.

Als Clara mit rudernden Armen versuchte, ihr Gleichgewicht wiederzuerlangen, nutzte »Die menschliche Waage« den Moment, hechtete vor, packte sie an der Taille und hob sie hoch, sodass sie sich Bauch an Bauch anschauten. Claras Füße baumelten einige Zentimeter über dem Boden, der, wie ihr nun auffiel, wirklich ziemlich glänzte.

»Jep. Genau wie ich’s mir gedacht habe«, sagte Libby schnaufend und rang nach Atem. »Zweiundfünfzig Kilo.«

Leo schüttelte verblüfft den Kopf. »Du gehörst wirklich in ein großes oranges Jahrmarktszelt, neben die bärtige Dame und den Froschjungen«, sagte er staunend. »Unglaublich …«

Libby setzte Clara behutsam ab, blickte ihr dabei in die müden Augen und lächelte traurig. Obwohl Leo nur eine Armlänge von ihnen entfernt stand, hatte Clara das Gefühl, als gäbe es in diesem kurzen Moment, den man schon durch ein flüchtiges Blinzeln verpasst hätte, niemanden auf der Welt als sie beide, und irgendwie war ihre Mutter in der Lage, direkt in sie hineinzublicken und ihren Schmerz zu spüren.

Dann, ohne ihren eindringlichen Blick von ihr abzuwenden, legte Libby ihre Hand an Claras Wange, auf dieselbe zärtliche Weise, wie sie es auch getan hatte, als Clara noch ein kleines Mädchen war und getröstet werden musste, weil sie hingefallen war.

»Du ahnst nicht, wie sehr ich dich liebe«, flüsterte Libby und wischte sich rasch eine Träne weg.

2

Als sie ihr barbierosa Kinderzimmer betrat, stieß sie einen unwilligen Seufzer aus und stellte ihren Koffer ab. Ihr fiel auf, dass sich der Raum, abgesehen von einem nagelneuen Fitnessfahrrad in der Ecke, nicht verändert zu haben schien, seit sie nach Boston an die Uni gegangen war. Ihre komplette Sammlung von »Sweet Valley High«-Bänden lag als säuberlicher Stapel im Bücherregal, neben ihren Medaillen fürs Stabdrehen, und die kristallene Taschentuchbox stand auch an ihrem angestammten Ort auf dem Nachttisch. Und mitten auf ihrem Bett, an ein paar Rüschenkissen gelehnt, saß Natalie Marissa, ihre geliebte Puppe aus der Cabbage-Patch-Kids-Kollektion. Auch Natalie Marissa sah aus, als hätte es das Leben nicht allzu gut mit ihr gemeint – müde und ramponiert –, genauso wie Clara sich fühlte und vermutlich auch aussah (mit dem Unterschied, dass Claras Kopf glücklicherweise nicht lose herunterhing, weil er ihr aus Versehen einmal von einem übereifrigen Pfadfinder abgerissen worden war).

Ihrem natürlichen Instinkt folgend, nahm Clara Natalie Marissa hoch und drückte sie liebevoll an sich. »Hallo, altes Haus. Lange nicht gesehen. Wie lief’s so?«, erkundigte sie sich. Erst dann dämmerte ihr, dass sie gerade einem leblosen Ding mit einem katastrophalen orangen Irokesen eine ernsthafte Frage gestellt hatte. »Oh, Mann«, murmelte Clara, setzte Natalie Marissa schnell zurück aufs Bett und fragte sich, ob sie vielleicht doch ein bisschen näher am sprichwörtlichen Abgrund stand, als sie gedacht hatte. »Ist nicht böse gemeint«, sagte sie entschuldigend zu ihrer Puppe. »Oh, Gott, jetzt mache ich’s schon wieder.«

Clara hängte wahllos ein paar Kleidungsstücke aus ihrem Koffer in den Schrank, das Kleid, das sie bei der großen Thanksgiving-Feier tragen wollte, mit eingeschlossen, und stopfte noch ein paar andere Dinge in eine leere Kommodenschublade. Dann schlenderte sie ins Bad, das ihr Zimmer mit Leos verband. Nachdem sie sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, fiel ihr Blick auf die elektronische Waage, und sie entschloss sich, einfach so zum Spaß, einmal draufzusteigen. Sie sah zu, wie die roten Ziffern ihren wilden kleinen Tanz aufführten, bis sie schließlich bei zweiundfünfzig Kilo innehielten, genau wie es »die menschliche Waage« vorhergesagt hatte. Clara war schockiert.

Mit ihren gut eins zweiundsiebzig und gesegnet mit einem Stoffwechsel, für den die meisten Menschen töten würden, war sie immer rank und schlank gewesen, und ihr Gewicht hatte meist zwischen einundsechzig und zweiundsechzig Kilo gelegen – auch wenn Clara nicht der Typ war, der besonders viel Wert auf diese genetische Disposition legte, die sie offenbar von ihrem verstorbenen Vater geerbt hatte. Clara hatte oft gewitzelt, sie könne essen wie ein großer, bulliger Türsteher namens Biff, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen. Aber wenn sie darüber nachdachte, hatten ihre Hosen in letzter Zeit um die Taille tatsächlich ein bisschen lockerer gesessen als gewöhnlich. Aber Clara hatte einfach den Gürtel ein paar Löcher enger geschnallt. Nie wäre ihr in den Sinn gekommen, dass sie knapp zehn Kilo verloren haben könnte. Vielleicht hatte Tabitha – die eigentlich ihre Trauzeugin hätte sein sollen und von der sie sich in letzter Zeit mehr und mehr entfernt hatte – doch recht. Vielleicht hatte sie wirklich aufgehört, auf sich zu achten, seit »dem Verlust«, wie Tabitha behutsam formuliert hatte. Vielleicht hätte sie Tabitha daraufhin nicht so anschnauzen und sie auch nicht eine »streitsüchtige Hexe, die sich in Dinge einmischt, die sie nichts angehen« nennen sollen – ein Schlag in die Magengrube, denn Clara wusste genau, dass ihre beste Freundin, oder besser gesagt womöglich ihre ehemalige beste Freundin, es hasste, dass sie denselben Namen hatte wie die klugscheißernde, nasewackelnde kleine Hexentochter aus der Fernsehserie »Verliebt in eine Hexe«.

Clara wollte sich gerade nach unten schleppen, um Libby und Leo auf einen Schlummertrunk zu treffen, als ihr Blick auf eine in leicht zerfleddertes braunes Packpapier eingewickelte quadratische Schachtel fiel, die auf ihrer Kommode stand, gleich neben dem Foto von Patrick Swayze in einer ziemlich versonnenen Pose aus »Dirty Dancing«. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass es in ihrem Leben einmal eine Zeit gegeben hatte, als sie davon geträumt hatte, Mrs. Patrick Swayze zu werden. Oder überhaupt von etwas geträumt hatte …

Sie nahm das geheimnisvolle Päckchen hoch, das in kunstvoll geschwungener Schönschrift an Ms. Clara James Black adressiert war. Sie schüttelte es vorsichtig und untersuchte es nach einem Absender. Aber sie entdeckte keinen. Seltsam, dachte sie.

»Was ist das?«, fragte Clara Libby, als sie die Schachtel mit ins Musikzimmer brachte, das mit polierter Eichenverkleidung, glänzenden Stoffen und dick gepolsterten Ledermöbeln ausgestattet war und eine üppige Clubatmosphäre verströmte. Clara traf ihre Mutter und ihren Bruder vor dem Kamin an, in dem ein knisterndes Feuer brannte. Sie setzte sich auf die Couch neben Leo.

»Mach’s auf, Maus, und find’s raus«, sagte Libby, stand auf und holte Clara ein Weinglas.

»Das reimt sich, und was sich reimt, ist gut«, sagte Leo und nickte zustimmend.

»So ist es, mein Schatz«, erwiderte Libby grinsend. Dann fragte sie Clara: »Wie gefallen dir die Blumen in deinem Zimmer?« Sie wartete auf eine Antwort.

Und wartete.

Und wartete.

Clara spürte, wie Leo sie leicht mit dem Fuß anstieß. »Bitte?«

Libby und Leo tauschten besorgte Blicke.

»Äh … Libby hat dich was gefragt«, sagte er, um ihr auf die Sprünge zu helfen.

»Oh, tut mir leid.« Clara tat ihr Bestes, um wach und munter auszusehen. »Ich habe bloß«, sie griff nach der ersten Entschuldigung, die ihr in den Sinn kam, »über diese Schachtel nachgedacht.«

»Tja, du warst ganz offensichtlich in Gedanken versunken. Ich wollte wissen, ob dir die Blumen in deinem Zimmer gefallen.« Libby sah Clara aufmerksam an, während sie ihr Glas mit duftendem Merlot füllte.

»Die … Blumen?«, wiederholte Clara verwirrt. Sofort schaltete sie in den Flunkermodus, eine gut gemeinte Taktik, die sie mittlerweile gut beherrschte, aufgrund ihrer ständigen Bemühungen zu verhindern, dass die Leute sich um sie Sorgen machten. »Ach ja! Stimmt. Ich wollte mich schon bei dir dafür bedanken. Sie sind sehr schön!«

Libby nahm wieder in ihrem Clubsessel Platz und kniff die Augen zusammen. »Ach ja? Welche Farbe haben sie denn?«

Erwischt. Das gute Gespür ihrer Mutter hatte nie zu Claras Gunsten funktioniert. Seufzend zog sie den Kopf ein, sie hatte nicht die Energie, so zu tun, als hätte man sie nicht gerade auf frischer Tat mit den Pfoten in der Keksdose ertappt. »Mist. Tut mir leid, Libby. Ich hab nicht darauf geachtet. Aber ich bin sicher, sie sind wirklich sehr schön. All deine Blumenarrangements sind sehr schön. Die prächtigen Blumengestecke ihrer Mutter hätten in der Tat das Zeug dazu, es auf das Titelblatt von Wohnen & Garten zu schaffen, und auch wenn Claras Sträuße dagegen verblassten, hatte Libby ihre Leidenschaft für Blumen an sie vererbt.

»Das verstehe ich nicht. Ich dachte Chrysanthemen sind deine Lieblingsblumen«, seufzte Libby ernüchtert.

»Sind sie ja auch«, versicherte Clara ihr. Sie blühten im November – ein Hoffnungsschimmer in der kalten, dunklen Zeit –, und das war der Grund, warum Clara sie am liebsten mochte.

»Ich glaub’s nicht, dass du den Strauß nicht mal wahrgenommen hast. Er ist riesig! Bist du sowas wie ein Zombie?«

Clara wusste, dass ihre Mutter das im Scherz sagte, aber unterschwellig schwang etwas Ernstes mit. Wenn sie es recht bedachte, war Zombie eine ziemlich treffende Bezeichnung, musste Clara, die sich seit geraumer Zeit vollkommen taub fühlte, zugeben. Sie schenkte ihrer Mutter ein gezwungenes, wenig überzeugendes Lächeln.

Sie hatte wirklich ihr Bestes gegeben, wieder auf die Beine zu kommen nach Sebastians »Unfall«, wie sie es nannte. Das Wort Tod war für Clara zu schmerzhaft und endgültig, als dass sie es aussprechen könnte. Von einem Augenblick zum anderen war ihr Universum in sich zusammengestürzt und zu einer Erinnerung geworden. BAM! In nur einer Sekunde. Einfach so … weg. Es erschreckte Clara jeden Tag aufs Neue, wie ein Augenblick – ein kurzer, winziger, klitzekleiner Augenblick – alles verändern konnte. Dieser Gedanke ließ sie jedes Mal erschaudern.

Und dennoch, obwohl es sich anfühlte, als hätte man ihr das Herz aus der Brust gerissen, hatte Clara nicht die Absicht gehabt, sich kampflos geschlagen zu geben. Zumindest nicht gleich. Deshalb hatte sie alles versucht, ihren unerträglichen Schmerz zu bewältigen und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Am Ende hatte sie beschlossen, Selbstmord zu begehen, indem sie den Motor ihres Wagens in der Garage laufen ließ. Nur dass ihr kaputtes Garagentor seinen eigenen Kopf hatte und einfach nicht geschlossen bleiben wollte, was Clara an den Film Poltergeist denken ließ. Und sie fragte sich, ob das Haus, das Sebastian und sie so geliebt hatten, womöglich auf einer alten indianischen Begräbnisstätte errichtet worden war.

Nach acht quälenden Monaten musste Clara offiziell einräumen, dass die Trauer noch immer auf ihrer Seele lastete wie ein zehn Tonnen schwerer Klotz. Clara – die in ihrem Abschlussjahrbuch zum »Mädchen, das einem am besten den Tag versüßt« gewählt worden war – versank in einem dichten schwarzen Nebel. Sie konnte einfach nicht mehr kämpfen. Sie war zu erschöpft, um es weiter zu versuchen, und zu kaputt, als dass es sie noch kümmerte.

»Na ja, Zombie hin oder her, ich freue mich, dass du wieder bei uns bist«, Libby zwinkerte Clara zu.

»Wann ist die Schachtel angekommen?«, lenkte Clara das Gespräch in eine andere Richtung. »Warum hast du mir denn nichts davon erzählt?«

»Ich hab dich in Boston angerufen, als sie im Juli ankam, und da hast du mir ausdrücklich gesagt, ich soll sie einfach in dein Zimmer stellen. Also hab ich’s gemacht.« Libby nippte an ihrem Wein. »Erinnerst du dich?«

Clara hatte keinen blassen Schimmer.

»Du hast gesagt, dass es sich wohl um nichts Wichtiges handelt, sonst hätte man es dir direkt geschickt, und dass du es dir anschaust, wenn du das nächste Mal heimkommst.« Libby versuchte noch immer, ihrer Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, aber Claras irritiertes Gesicht machte deutlich, dass sie genauso gut Klingonisch mit ihr hätte sprechen können. »Hallo? Läutet es da bei dir?« In Libbys Stimme schwang nun eindeutig Besorgnis mit. »Himmel!«, rief sie und schnippte mehrmals mit den Fingern, als Clara nicht reagierte. »Komm schon, Clara-Keks. Wach auf!«

Da räusperte sich Leo glücklicherweise und sagte: »Ich würde gerne einen Toast ausbringen.« Er erhob sein Glas. »Auf Clara! Willkommen zu Hause. Es ist wundervoll, dich wieder hierzuhaben.« Er lächelte seine Schwester an.

Auch Libby erhob lächelnd das Glas. »Bravo! Darauf trink ich gern.«

»Ich auch«, fühlte Clara sich verpflichtet zu sagen und fragte sich, wie sie dieses Wochenende überleben sollte, ohne dass sie auch noch die ihr verbliebenen Reste geistiger Gesundheit ruinierte. Sie starrte aus dem Fenster des Musikzimmers hinaus in den sanft rieselnden Schnee und wünschte sich, sie wäre eine dieser Schneeflocken, die da so friedlich und sorglos durch die abendliche Brise schwebten und sich dann am Morgen in der aufgehenden Sonne auflösen würden.

»Also, worauf wartest du? Mach das Päckchen auf«, drängte Libby. Sie zeigte mit dem Kinn auf die Schachtel und riss Clara damit aus ihren trübseligen Gedanken.

Leo beugte sich vor, um eine bessere Sicht zu haben. »Gibt’s keinen Absender?«

»Nö.« Clara wickelte das Paket aus dem braunen Packpapier aus. »Vielleicht ist drinnen ein Brief.«

»Das ist ja seltsam«, sagte Leo.

Als es Clara schließlich gelungen war, den Karton aufzureißen, und sie das, was darin war, erblickte, klappte ihr die Kinnlade beinahe bis zum Orientteppich herunter. »Ich … glaub’s nicht …«, stammelte sie fassungslos.

»Was ist es?«, fragte Libby. »Lass mal sehen.«

Entgeistert und ganz vorsichtig, um sie nicht zu zerbrechen, holte Clara eine etwa dreißig Zentimeter lange, zylinderförmige, durchsichtige Röhre aus einem Bett aus Styroporkügelchen. Schweigend und voller Erstaunen starrte sie den Gegenstand an.

»Was zum Teufel ist das?«, fragte Leo.

»Ja, was soll das sein?«, wollte auch Libby wissen, die sich mit einem Ächzen bückte, um ein paar abtrünnig gewordene Erdnüsse aufzuheben, die auf den Boden gefallen waren. »Es sieht irgendwie futuristisch aus.«

»Im Gegenteil«, murmelte Clara völlig fasziniert.

Plötzlich stieß Libby atemlos hervor: »Warte mal …« Und als sie das Objekt näher betrachtete, wurden ihre Augen so groß wie Untertassen. »Ich glaube, ich erinnere mich an dieses Ding. Ja … jetzt weiß ich’s! Ich weiß, was das ist!«

Clara, die den Blick nicht von dem Zylinder lösen konnte, sagte leise: »Meine Zeitkapsel aus der fünften Klasse.«

3

Als sie im Geschichtsunterricht altertümliche und untergegangene Kulturen durchgenommen hatten, hatte Miss Jordain ihren Schülern aufgetragen, sich eine persönliche Zeitkapsel anzulegen. Aus einem abgegriffenen Lexikon hatte sie der Klasse vorgelesen: »Eine Zeitkapsel ist ein Behältnis, das dazu verwendet wird, für die Nachwelt eine Auswahl an Objekten zu bewahren, die als charakteristisch für das Leben in einer bestimmten Epoche erachtet werden.« Nachdem sie ein paar Richtlinien an die Tafel geschrieben hatte, die beim Füllen der Kapsel zu befolgen waren, gab Miss Jordain jedem ihrer Schüler eine leere Glaskapsel und kündigte an, dass sie sie eine Woche später gefüllt wieder einsammeln würde. »Ich möchte, dass ihr alle ganz genau darüber nachdenkt, welche persönlichen Gegenstände und Informationen ihr in eure Zeitkapsel packt«, ermahnte sie ihre Schüler. »Dabei dürft ihr nicht aus den Augen verlieren, dass sie den Menschen in der Zukunft dienen und späteren Generationen ein nützliches Andenken an eure Lebensgeschichte sein soll, damit sie nicht vergessen wird oder verloren geht wie Atlantis oder Lemuria.«

Nicht in ihren wildesten Träumen hätte Clara daran gedacht, ihre Zeitkapsel einmal wieder zu Gesicht zu bekommen. Tatsächlich hatte sie sie völlig vergessen. Deshalb lief es ihr nun, als sie Jahrzehnte später im Musikzimmer ihrer Mutter saß und das Relikt aus einer anderen Zeit in Händen hielt, vor Aufregung kalt den Rücken hinunter.

Ihre Kapsel aus der fünften Klasse enthielt eine interessante Sammlung von Kostbarkeiten: ein Foto, das nach einem Schneesturm im Januar aufgenommen worden war, darauf zu sehen: Clara, Libby und Leo, wie sie die Köpfe aus dem eiszapfenverhangenen Fenster der Ahornburg steckten; eine zerknitterte Eintrittskarte für Disney World; ein einzelnes Päckchen McDonald’s Ketchup; ein Pfadfinderabzeichen, das Clara und ihre Sippe erhalten hatten, nachdem sie gelernt hatten, mit dem Kompass umzugehen; und ein brüchiger Backenzahn. Libby machte ein entsetztes Gesicht, als Clara den Zahn hervorholte. »Woher hast du den denn?«, murrte sie missbilligend. »Schuldet dir die Zahnfee etwa noch Geld?«

Ganz unten in der Zeitkapsel lag, noch immer fein säuberlich in ihrem rosa Umschlag, die Originalgeburtsurkunde ihrer Puppe Natalie Marissa.