Die Macht der fünf Tugenden - Irene Euler - E-Book

Die Macht der fünf Tugenden E-Book

Irene Euler

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Beschreibung

Solange die Bewohner von Zorantander die fünf Tugenden befolgen, schützt eine magische Schale sie vor jedem Feind.Im Priesterorden der Stadt ringt Myan verzweifelt um Tugendhaftigkeit, denn sie ist heimlich in ihren Novizenbruder Quint verliebt.Als ein Kriegerkönig die Völker der Wüsten und Savannen mit einer neuen zauberkräftigen Waffe bedroht, braucht Zorantander zusätzlichen Schutz und Myan kann sich keine Fehler mehr leisten ausgerechnet sie wird gemeinsam mit sechs Priestern und Quint auf eine legendäre Pilgerreise entsandt.Nun hängt nicht nur die Sicherheit der Gefährten von Myan ab, sondern das Schicksal ihres ganzen Volkes

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Die Macht der fünf Tugenden

Irene Euler

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Karte & Tugendsymbole: Irene Euler

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-363-8

Alle Rechte vorbehalten

Für alle,

die sich von überkommenen Traditionen

gefesselt fühlen und ihren Weg suchen.

Inhalt

Landkarte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Danksagung

Landkarte

Kapitel Eins

Zähneknirschend betrachtete Myan den schwarzen Streifen Stoff mit den dunkelrot eingestickten Emblemen. Ihre Finger krampften sich um die Enden des Stirnbands. Heute würde sie es zum letzten Mal umbinden. Es musste das letzte Mal sein. Sie hatte im Kampf um Treue, Frieden, Reinheit, Gleichheit und Mäßigkeit alles gegeben. Die Ruhe und Sicherheit der wahrlich Tugendhaften warteten auf sie – wenn es ihr gelang, den Rhythmus zu finden. Myan nahm einige tiefe Atemzüge. Sobald ihr Herz sich beruhigte, zählte sie seine Schläge. Mechanisch verknotete sie die Enden des Stirnbands in ihrem Nacken, erhob sich von der Bettstatt und nahm im Takt ihrer Herzschläge die drei Schritte bis zur Tür ihrer Kammer.

Im Vorraum lehnte Quint an der Wand, ein Abbild heiterer Gelassen­heit. Kein einziges Mal hatte Myan ihren Novizenbruder unsicher oder aufgeregt erlebt, nicht einmal bei ihrer ersten Begegnung vor einem Jahr. Dabei waren damals, während der Aufnahmezeremonie in den Orden, alle Augen auf ihn gerichtet gewesen. Mit seiner hellen Haut und dem blauschwarzen Haar stach der Kuv-­Viandri immer noch unter den anderen Novizen hervor wie ein Flecken Grün in der Wüste. Doch inzwischen fragte niemand mehr, ob der Fremde den Dienst an der magischen Steinschale leisten könne. Quint stach nämlich ebenso durch die vollkommene Beherrschung der fünf Tugenden hervor. Er tänzelte geradezu den Weg des Zorant entlang, in tiefer Ruhe und Sorglosigkeit.

Myan fand, dass er mehr in den Orden gehörte als alle anderen Novizen, Adepten und Priester. Nach ihrer Verschwisterung zu einem Novizenpaar hatte sie ihm nichts beibringen können, obwohl er aus einem anderen Volk stammte. Sogar seine Haut zeigte denselben beigen Ton wie der Fels, auf dem die Stadt ruhte. Die Gesichter der Einwohner Zorantanders hoben sich dagegen deutlich vom Stein ihrer Heimatstadt ab, rotbraun unter schwarzbraunem Haar. Quint war Myans Leitstern auf ihrem Weg zur Tugendhaftigkeit. Und ihr größtes Hindernis.

»Guten Morgen, meine liebe und werte Schwester.« Quint deutete scherzhaft eine Verbeugung an. »Möge deine Nachtruhe eine gute gewesen sein. Es sieht jedenfalls so aus.«

Mit einem lebhaften Funkeln in den graublauen Augen pflückte er eine Daunenfeder aus Myans kurz geschorenem Haar und hielt sie ihr unter die Nase. Myan fuhr unter der flüchtigen Berührung zusammen und fühlte ihr Herz schneller schlagen. An anderen Tagen war sie einfach froh darüber, dass ihre Hautfarbe ihren Kampf mit der Tugend der Reinheit verbarg. Wenn sie wie eine Kuv-Viandri erröten könnte, hätte Quint schon längst schockiert festgestellt, was seine geschwisterliche Freundlichkeit in ihr auslöste. Doch heute stand mehr auf dem Spiel als dieses eine, sorgfältig gehütete Geheimnis. Sie musste schleunigst den Rhythmus wiederfinden.

Quint blies die Daunenfeder fort und setzte in seinem leichten Tonfall nach: »Oder sollte ich mich von einer Daune aus deinem Kopfpolster besser nicht in die Irre führen lassen? Immerhin könntest du ja auch die ganze Nacht wach gelegen sein, um tausendmal die einzelnen Zeilen des Zorantodion durchzugehen.«

»Natürlich habe ich mich auch während der letzten Stunden auf die Beschwörung der fünf Tugenden vorbereitet«, fuhr Myan auf. Ihr Kopf war tatsächlich nicht unter süßen Träumen im Kopfkissen versunken. »Es sollte doch meine letzte Nacht im Novizenstand sein – unsere letzte Nacht.« Noch während sie sprach, begann Myan wieder, ihre Atemzüge und Herzschläge zu zählen.

Quint schüttelte den Kopf. »Du konntest alle Zeilen des Zoranto­dion auswendig und im richtigen Rhythmus, bevor wir anderen Novizen die ersten zwei Zeilen gemeistert hatten. Niemand arbeitet so hart wie du. Wie kannst du nur daran zweifeln, heute zur Adeptin erhoben zu werden? Außer, du zweifelst an mir. Dann hilft es dir aber nicht im Geringsten, wenn du nächtelang übst.« Nun grinste er.

Myan winkte gequält ab. Natürlich würde ihr glänzender Novizen­bruder die Beschwörung makellos sprechen. Er hatte sich Zeit gelassen, bevor er die einzelnen Zeilen vorzutragen wagte, doch dann waren sie sofort musterhaft geraten.

»Quint, bitte! Ich muss mich konzentrieren! Ich finde den Rhythmus nicht.«

Myan schloss die Augen und presste die geballten Fäuste auf die Schläfen. Angestrengt lauschte sie ihrem Herzschlag. Das Pochen war völlig unregelmäßig und viel zu schnell. Ihr Atem ging flach und stoßweise. Sie zwang mehr Luft in ihre Lunge. Plötzlich fühlte Myan, wie Quints angenehm kühle Finger sich um ihre Hände schlossen und sie von ihrem Kopf fortzogen.

»Jetzt mach dich doch nicht fertig«, hörte sie ihn sagen. »Spätestens nach dem Morgengesang hast du den Rhythmus gefunden. Und wenn nicht – was soll’s. Dann bleiben wir eben noch ein weiteres Jahr Novizen. Aegin und Rutilja haben schon das dritte Jahr hinter sich und ich bin mir nicht sicher, ob sie das Zorantodion heute meistern werden.«

»Ja – Rutilja könnte in der Tat nochmals scheitern«, gab Myan heftig zurück. »Und Aegin ist inzwischen so verärgert, dass er sich schon viermal einem Reinigungsfasten unterziehen musste. Rutilja hält ihn zurück. Manche werden nach drei Jahren schon zu Zorantani geweiht …«

Quint hob die Schultern. »Novize, Adept, Priester – Leben im Orden ist Leben im Orden. Wenn Aegin glaubt, dem Zorant nur im Priesterrang dienen zu können, ist das sein Problem. Er ist jung. Selbst wenn er wegen Rutilja noch drei weitere Jahre Novize bleiben sollte, wird er immer noch jahrzehntelang als Zorantani leben können.«

»Die Novizen und Adepten dienen aber nicht nur dem Zorant, sondern auch den Zorantani.« Myan rückte ihr Stirnband zurecht, während sie um einen ruhigen Ton rang. »Außerdem sind nur die Priester wahrhaft Erleuchtete. Jeder will bei seinem Eintritt in den Orden so rasch wie möglich aufsteigen. Und gerade du wärest jetzt schon der Weihe würdig. Du sagst das alles nur, um mich zu beruhigen.«

Erneut erschien ein unbekümmertes Grinsen auf Quints Gesicht. »Natürlich, was sonst? Mich selbst muss ich ja nicht beruhigen. Ich bin sicher, dass du das Zorantodion heute meistern wirst und dass wir zu Adepten erhoben werden – das heißt, wenn wir uns jetzt endlich auf den Weg machen. Andernfalls könnten wir zu spät zum Morgengesang kommen. Dann würde uns auf jeden Fall ein weiteres Novizenjahr winken, ganz ohne Prüfung durch die Beschwörungszeremonie.«

Quint schob seine Hände in die weiten Ärmel seines Gewandes und verließ den Vorraum. Myan folgte ihm durch den düsteren Gang, hinaus in die Morgendämmerung. Wie immer verspürte sie das Bedürfnis, sich unter den Türstöcken zu ducken. Nicht einmal ihre Gestalt schien sich in die altertümlichen Ordenshäuser fügen zu wollen. Mit einem Seufzen rief Myan sich zum tausendsten Mal jene Ordensleute ins Gedächtnis, die sie überragten. Quint etwa war ebenso groß wie sie und er schritt ihr in kerzengerader Haltung voraus. Also konnten es nicht die Gebäude sein, die sie niederdrückten.

Draußen schlossen Myan und Quint sich den anderen Novizen, Adepten und Zorantani an, die gemessenen Schrittes zur Geweihten Höhe hinaufstiegen – eine Prozession von Ordenspaaren in losen weißen Gewändern. Die lange Treppe im beigen, goldgeäderten Fels brachte die Regelmäßigkeit in Myans Herzschläge und Atemzüge zurück. Als sie die letzten Stiegen erklomm und ganz Zorantander sich vor ihren Augen ausbreitete, kehrte jenes hoffnungsvolle Gefühl zurück, das sie an ihrem ersten Morgen auf der Geweihten Höhe empfunden hatte. Sie stand hier mit dem Stirnband einer Novizin. Ein ganzes Jahr im Dienst des Ordens lag hinter ihr. Sie hatte sich durchgekämpft, trotz der schweren Last, die sie vom Weg des Zorant fernzuhalten drohte.

Niemand konnte mehr sagen, dass alle Hoffnung für sie verloren sei und dass sie gar nicht hier sein dürfte. Der Zorant mochte ihr die härteste Buße abfordern, aber selbst ihr war es möglich, seinen Schutz zu erringen. Wenn sie heute die Beschwörung der fünf Tugenden meisterte, würde sie endlich Ruhe und Sicherheit kennenlernen. Dann lägen Angst und Kampf hinter ihr. Dann wäre sie keine Tochter der Sünde mehr, sondern eine wahre Tochter der Stadt auf dem goldgeäderten Felsen. Eine Tochter der Stadt des Friedens, der Händler, der Künstler, der Weisen und rechtschaffenen Wohlhabenden. Eine Tochter der Stadt der magischen Steinschale.

Feierlichkeit umgab die Ordensleute, während die Novizen sich in einem Halbkreis vor dem Hohen Paar sammelten. Die Zorantani bildeten einen größeren Bogen um sie und die Adeptenpaare nahmen am äußersten Rand Aufstellung. Für gewöhnlich gab es beim Morgengesang auf der Geweihten Höhe keine festgelegte Ordnung. Meist standen die Priester, Adepten und Novizen gemischt in einem losen Halbkreis. Nur an besonderen Tagen wie heute flossen die Ordensleute in bestimmte Formationen. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die über die Sanddünen der Östlichen Wüste strichen, stimmte das Hohe Paar den Morgengesang an. Wie aus einer Kehle fielen die versammelten Ordenspaare ein:

Wir leben die Treue, steh’n fest auf dem Stein,

wie Feuerkristall voll von bläulichem Schein.

Wer losbricht vom Fels in blindem Wahn,

wird brennen weitab von des Zorant Bahn.

Wir leben den Frieden, wir bauen die Wand,

dem Tingantbaum gleich an der Wüstenei Rand.

Wer Kampflust verfolgt in blindem Wahn,

verkohlt ungeschützt, fern des Zorant Bahn.

Wir leben die Reinheit, das tiefe Gefühl

verschwisterter Bindung, besänftigend kühl.

Wer Leidenschaft anfacht, blind vor Wahn,

verzehrt sich getrennt von des Zorant Bahn.

Wir leben die Gleichheit, das älteste Recht,

wie ausgleichend reißendes Quellengeflecht.

Wer Macht an sich reißt in blindem Wahn,

zersetzt jeden Steg zu des Zorant Bahn.

Wir leben in Maßen, wir sieben den Sand,

nur nötiger Stoff bleibt in unserer Hand.

Wer Masse heranrafft, blind vor Wahn,

hat längst schon verlassen des Zorant Bahn.

Wir leben in Tugend, wir suchen das Licht,

den fünf hohen Werten gilt unsere Pflicht.

Wir folgen ergeben dem heiligen Plan

und schützen die Stadt auf des Zorant Bahn.

Myan schloss die Augen, als die letzten Töne verklangen. Sie wollte die Ruhe und das Gleichmaß des Gesangs festhalten. Wenn sie ihr Herz jetzt davon abhalten konnte, schneller zu schlagen, würde sie den Rhythmus des Zorantodion finden. Um sie herum breitete sich erwartungsvolles Schweigen aus. Nur direkt neben ihr summte eine kaum hörbare Stimme selbstvergessen die Melodie des Morgengesangs weiter. An einem anderen Tag hätte Myan Quint einen Stoß mit ihrem Ellbogen versetzt. Heute war sie beinahe dankbar dafür, dass sie sich an dem getragenen Ton festhalten konnte. Ihren Anflug von schlechtem Gewissen, weil sie dem Hohen Paar nicht in voller Treue lauschte, schob sie rasch von sich. Jedes Jahr wurden in dieser Zeremonie dieselben streng festgelegten Worte gesprochen.

»In fünf Tagen wird die Sonne zu Mittag den höchsten Zenit des Jahres erreichen«, ergriff Lurethe, die Höchste der Zorantani, das Wort. »Vor genau einem Jahr wurden neue Novizen aufgenommen und zu Paaren verschwistert. Gemeinsam mit den älteren Novizen lernten sie, den Pfad der fünf Tugenden in seiner ganzen Wahrhaftigkeit zu erkennen und ihm auf einer höheren Ebene zu folgen.«

»Jeder Bewohner von Zorantander unterliegt der Pflicht, dem Pfad des Zorant zu folgen«, nahm der Höchste Priester die Rede auf. Jivirokans Stimme lieferte den gleichförmig schwingenden Bass zu Lurethes trillernden Tönen. »Denn die Einhaltung der fünf Tugenden gibt unserer magischen Schale ihre Macht, die sie bei Gefahr als undurchdringlicher Schutzschild über unserer Stadt entfaltet.«

»Doch nicht alle Einwohner leben so tugendhaft, wie der Zorant es verlangt.« In zürnender Geste umfasste Lurethe die Stadt, die sich am Fuß der Felsnadel ausbreitete. »Einige verstehen es nicht besser, andere sündigen mit offenen Augen. Damit schwächen sie ihren eigenen Schutz und damit schwächen sie den Schutz aller. Wir Zorantani wachen über die Einhaltung der Tugenden. Es ist unsere Pflicht, sie zu lehren und sie in ihrer höchsten Reinheit zu leben.«

»Indem wir sie in ihrer höchsten Reinheit leben, werden wir zu Gefäßen der fünf Tugenden. Dadurch ist es uns gegeben, manchen Fehltritt der weniger Standhaften auszugleichen. Denn als Gefäße der fünf Tugenden vermögen wir diese zu beschwören, damit ihre volle Kraft in den Zorant fließt, um seine Macht zu bewahren und zu steigern.« Jivirokan dämpfte seinen Ton immer stärker, wie wenn er den versammelten Ordensleuten die tiefsten Geheimnisse anvertrauen würde, statt rituelle Worte zu wiederholen.

Lurethe hingegen hob ihre Stimme stärker: »Die Beschwörung der fünf Tugenden erhöht nicht nur die Macht des Zorant. Das Zorantodion ist außerdem der Schlüssel zu dieser Macht.«

»Das Zorantodion ist der Schlüssel zur Erleuchtung«, setzte Jivirokan fort. »Doch es entfaltet seine heilbringende Kraft nur, solange es unter der vollkommenen Herrschaft jener Tugenden gesprochen wird, die es beschwört.«

Das Hohe Paar fiel in einen wohlbekannten Chor. Ohne es zu wissen, formte Myan die Laute stumm mit ihren Lippen nach:

»Treu dem Wort

Friede im Herzen

Reinheit der Gedanken

Gleichmaß der Silben

Mäßigkeit des Tempos.«

Nach einer Pause sprach die Höchste Zorantani wieder allein: »Wer die Beschwörung der fünf Tugenden zu langsam, zu schnell oder im falschen Rhythmus spricht, weicht vom Weg des Zorant ab und schwächt unseren Schutz.«

Jivirokan nickte bedeutsam. »Das Zorantodion ist mächtig und ebenso machtvoll ist seine schädliche Wirkung, wenn es falsch gesprochen wird. Deshalb dürfen nur Berufene die Worte sprechen. Deshalb darf ein Novize während des Studiums immer nur einzelne Zeilen sprechen.«

Mit feierlicher Miene blickte Lurethe in die Runde. »Novizen, das Zorantodion ist eure erste Prüfung. Nur wenn ihr euch völlig unter die Herrschaft der fünf Tugenden begeben habt, vermögt ihr sie auch zu beschwören.«

»Wenn ihr besteht«, dröhnte Jivirokan, »steigt ihr zu Adepten auf und die Zeit eurer Bewährung beginnt. Die Tugenden, die ihr beschworen habt, werden euch weiterhin prüfen. Ihr müsst sie auch künftig meistern, um Erleuchtung zu erlangen und euch höherer Weihen würdig zu erweisen.«

Auf einen Wink der Höchsten schlossen die Zorantani einen engen Kreis um die Novizenpaare. Die Priester nahmen ihre Stirnbänder ab, spannten sie vor sich und ergriffen die Hände ihrer jeweiligen Nachbarn. Die dunkelroten, mit den Symbolen der fünf Tugenden bestickten Stoffbänder umgaben die Novizen nun wie ein Ring, der die schädliche Wirkung einer falsch gesprochenen Beschwörung bannen würde. Tiefes Schweigen senkte sich über die Geweihte Höhe. Lurethe und Jivirokan traten auseinander, sodass zwischen ihnen genügend Raum für ein Novizenpaar entstand.

»Myaniti und Quintolaon«, sagten sie im Chor.

Myan hielt beinahe die Luft an, doch sie besann sich rechtzeitig auf den Rhythmus ihrer Herzschläge und ihrer Atemzüge. Als Erste zur Prüfung gerufen zu werden, war eine große Auszeichnung. Trotz ihres glänzenden Novizenbruders hatte sie nicht einmal von dieser Ehre geträumt. Nun mussten sie zwar vor allen anderen in den heiligen Rhythmus des Zorantodion finden, aber kein anderes Novizenpaar konnte ein falsches Maß in ihre Ohren pflanzen. Myan suchte Quints Blick. Nach kurzer, stummer Verständigung schritten sie Seite an Seite in die Mitte zwischen das Hohe Paar. Lurethe legte ihre rechte Hand auf Myans Kopf, wobei sie sich ein wenig strecken musste. Jivirokan platzierte seine linke Hand auf Quints kurz geschorenem Haar.

»Sprecht die heiligen Worte des Zorantodion«, zitierte das Hohe Paar die traditionelle Formel. »Sprecht sie gut und wahr. Sprecht sie unter der Herrschaft der fünf Tugenden, die ihr beschwört:

Treu dem Wort

Friede im Herzen

Reinheit der Gedanken

Gleichmaß der Silben

Mäßigkeit des Tempos.«

Einer von Lurethes Fingern tappte sanft und gleichmäßig auf Myans Kopf. Viermal. Beim vierten Mal war Myans Lunge voller Luft. Sie öffnete die Lippen im selben Moment, in dem Lurethes Finger nach dem fünften Tappen still lag:

»Flyndráng júrien pólaígrin

yóbindrár héleriz wosuonibeiréz kaletchiú-bend rómeiv

fol ánsekiróntiu móchbloa káletchiort-pend rif

holeírón grest

ágouversta ágouverstua ágouvezton

churoú-wárleont quirírzeund tachblíuv enéirmand krin

aalienár lonk.«

Myan balancierte an dem komplizierten Rhythmus des Zorantodion entlang wie ein Tänzer, der die zahllosen Gefahren auf seinem schmalen Grat nur deshalb zu meistern wusste, weil er sie unzählige Male studiert hatte. Kein einziges Mal schwankte sie in falschem Zögern oder in trügerischer Hast. Selbst in ihrer tiefen Konzentration nahm sie die scheinbar mühelose Eleganz ihrer Worte wahr. Die viel geübten Einzelzeilen des Zorantodion verbanden sich zu jener Formel, die von den Zorantani so sorgfältig gepflegt und bewahrt wurde. Nie erklang ein Misston im Chor mit Quint.

Dennoch fiel Myan ins Leere. Keine Kraft wallte in ihr auf, um sie mit der Ruhe und Sicherheit der Tugendhaften zu erfüllen. Nichts wurde in ihr lebendig, um sie mit der Macht des Zorant zu verbinden. Selbst der dümmste Kinderreim hätte mehr Gefühle in ihr geweckt, als das Zorantodion es soeben tat. Myan hörte die letzte Silbe in dem Wissen verklingen, dass sie gescheitert war. Der Zorant hatte sie zurückgewiesen. Ihr Kampf war nicht zu Ende. Sofort erstickte sie den Schmerz, der in ihr aufsteigen wollte, zu einem dumpfen Rumoren. Während der Beschwörungszeremonie auf der Geweihten Höhe durfte sie auf keinen Fall ihre Haltung verlieren – egal wie niederschmetternd die Prüfung verlaufen war.

»Kniet!«, forderte das Hohe Paar die beiden Novizen auf.

Myan folgte dem zeremoniellen Befehl und faltete pflichtgemäß ihre Hände über der Nase. Sie wartete auf die Worte des Bußgebetes, die Lurethe und Jivirokan sprechen mussten, nachdem ein Novizenpaar am Zorantodion gescheitert war. Weil die Höchste Zorantani ihr stattdessen das schwarze Novizen-Stirnband vom Kopf zog, hätte Myan es beinahe festgehalten, überzeugt von einem Irrtum.

»Ihr habt die heiligen Worte des Zorantodion gesprochen«, deklamierte das Hohe Paar. »Ihr habt sie unter der Herrschaft der fünf Tugenden gesprochen und sie beschworen. Eine neue Zeit der Prüfung beginnt. Setzt eure Schritte fest auf dem Weg des Zorant.«

»Treue. Friede. Reinheit. Gleichheit. Mäßigkeit«, hörte Myan sich wie durch einen Nebel hindurch antworten.

Mechanisch stand sie auf, sobald Quint sich neben ihr bewegte. Das Hohe Paar trat beiseite und der Ring der Zorantani öffnete sich auf der Ostseite. Von der Sonne geblendet schritt das neue Adeptenpaar in den losen Kreis ihrer nunmehrigen Kameraden. Myan steckte ihre Hände in die Ärmel und senkte den Kopf. Die weitere Beschwörungszeremonie zog schemenhaft an ihr vorüber.

»Eigentlich dachte ich, du würdest erleichtert und glücklich sein, nachdem du das Zorantodion gemeistert hast.«

Quint stützte sein Kinn in die Hand und sah Myan über den Tisch hinweg an. Mit dem Stirnband der Adepten – dunkelrot, bis auf die schwarz eingestickten Symbole der fünf Tugenden und die breiten schwarzen Enden – bot er einen ungewohnten Anblick. Seine Unbekümmertheit war jedoch ungebrochen.

»Ich werde glücklich und erleichtert sein, wenn ich nicht mehr so erschöpft bin«, fauchte Myan zurück.

Im nächsten Moment verfluchte sie ihre schnelle Zunge. Mit einer Lüge verstieß sie gleich gegen zwei Tugenden – Treue und Reinheit. Außerdem war ihr Ton das Gegenteil von friedlich gewesen. Sie rückte ihr neues Stirnband zurecht, um ihr Gesicht verdecken zu können. Wie sollte sie jemals zugeben, dass die Worte des Zorantodion nicht den winzigsten Funken Kraft in ihr freigesetzt hatten? Dass sie sich immer noch genauso schutzlos fühlte wie in ihrem ganzen bisherigen Leben? Wenn sie das zugab, würde sie den Orden verlassen müssen. Denn dann wüssten alle, was sie in Wahrheit war: eine brillante Schauspielerin. Niemand außer einer brillanten Schauspielerin hätte das Hohe Paar über ein Zorantodion hinwegtäuschen können, das keineswegs ein Zeugnis für die Beherrschung der fünf Tugenden gewesen war.

Aber der Zorant ließ sich nicht täuschen, er verweigerte ihr seinen Schutz. Hatte Onkel Filo doch recht? War es ihr verwehrt, Sühne zu erlangen, egal wie hart sie kämpfte?

Weil sie den Blick ihres Adeptenbruders auf sich ruhen fühlte, murmelte Myan abwehrend: »Die Vorbereitung auf die Beschwörungszeremonie hat mich unerwartet viel Kraft gekostet.«

»Du musst die Kraft des Zorant frei durch dich hindurchfließen lassen«, näselte Quint in einem vertrauten Ton. So sprach Innistheos, ein Lehrmeister der Novizen. »Sie ist das reine Glück – selbst in völliger Erschöpfung, selbst in schwerer Krankheit, selbst im Angesicht des Todes. Haltet inne und lasst euch von der Kraft des Zorant durchströmen – sogar, wenn ihr gerade von der Geweihten Höhe herabstürzen solltet.« Die graublauen Augen verklärten sich in einer perfekten Nachahmung von Innistheos’ schleierverhangenen Blicken.

Myan fror ihre gefährlich zuckenden Mundwinkel ein. Quint konnte es sich vielleicht erlauben, über einen Zorantani zu scherzen, der die Tugend der Mäßigkeit in allem befolgte, außer in seinen schwärmerischen Worten. Doch solange die Kraft des Zorant nicht durch sie selbst hindurchfloss – und sei es nur für einen Augenblick –, stand ihr nicht einmal der Ansatz eines Lächelns zu.

»Im Ernst, Myan.« Quint legte seine Rolle wieder ab. »Du lässt gar nichts fließen. Du hetzt immer dem entgegen, was ohnehin auf dich zukommt. Du hetzt der Erhebung zur Adeptin entgegen, der Weihe zur Zorantani, dem Zorant …«

Myan stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte die Hände um ihren Hals, den sie schon immer zu lang gefunden hatte. »Manche Menschen tragen Barrieren in sich, die erst niedergerissen werden müssen, bevor etwas fließen kann«, murmelte sie auf die Tischplatte hinunter. Danach klemmte sie hastig wieder ihre Zunge zwischen die Zähne. Solch unbedachtes Gebrabbel forderte Fragen heraus, die sie keinesfalls beantworten wollte. Sie hatte die Hindernisse, die sie vom Weg des Zorant trennten, nicht selbst aufgebaut, sie waren bei ihrer Geburt auf sie übergegangen. Quint wusste dies nicht und er sollte es auch nicht erfahren.

Zum Glück blieb er seiner tiefen Gelassenheit treu: »Wenn du meinst … Allerdings lassen Barrieren sich auch langsam abbauen, statt fieberhaft über sie herzufallen.«

Die Erleichterung über die ausgebliebenen Fragen war nicht groß genug, um einen giftigen Blick auf Quint zu verhindern. Reue folgte auf dem Fuß. Ihr Verstoß gegen den Frieden und die Mäßigkeit bewies erneut, wie hoch die Barrieren waren. Sandkorn für Sandkorn würden sie sich nicht abtragen lassen.

Unter Myans verstocktem Schweigen breitete Quint ratlos die Arme aus. »Warum können die Novizen oder Adepten es nie erwarten, endlich den Zorant zu sehen? Habe ich dir nicht schon heute Morgen vorgerechnet, dass jeder, der vor seinem zwanzigsten Geburtstag in den Orden eintritt, jahrzehntelang das Leben eines Zorantani führen wird?«

Diesmal schluckte Myan den größten Ärger rechtzeitig hinunter. Dennoch gelang es ihr nicht, den Groll völlig aus ihrer Stimme zu verdrängen: »Nicht alle Novizen und Adepten schaffen es bis zur Priesterweihe. Und kein Novize oder Adept hofft ernsthaft darauf, jemals den Zorant zu sehen.«

Quint runzelte erstaunt die Stirn. »Weshalb nicht?«

Betroffen starrte Myan ihn an. Zum ersten Mal stand ihr Adeptenbruder knapp vor einem Tugendbruch. »Weil nur zwei Priester unter vielen die Höchsten sein können«, antwortete sie leise, aber nachdrücklich. »Und weil wir im Namen der Mäßigkeit und der Gleichheit keine Auszeichnung erwarten dürfen, die uns nur zum Lohn für den vollkommenen Dienst am Zorant gewährt werden kann.«

Das Stirnrunzeln vertiefte sich zu Nachdenklichkeit. Quints Blick wanderte unstet durch den Raum. »Sicher, sicher … Ich meinte nur, dass jeder Ordensangehörige den Wunsch in sich trägt, ein vollkommener Diener des Zorant zu werden und damit auch des höchsten Amtes würdig zu sein.« Das Funkeln kehrte so rasch in seine Augen zurück wie es verschwunden war. »Wäre es nicht ein erhebendes Gefühl, sich würdig erwiesen zu haben, in den Gemächern des Hohen Paars das Heiligtum Zorantanders zu hüten?«

Myan war unfähig, auch nur zu nicken. Zu schmerzhaft nagte der Verdacht an ihr, für keinen Dienst am Zorant würdig zu sein, nicht einmal für den niedrigsten. Zur Ablenkung hackte sie auf einer wohlbekannten Nebensache herum:

»Der Zorant wird doch nicht in den Gemächern des Hohen Paars aufbewahrt.«

»Nicht? Wo denn dann?«

»In der Küche natürlich – er wird dort als Abfalleimer verwendet.« Entnervt zog Myan eine Grimasse. Sie war nicht in der Stimmung für Quints Späße. Erst an seinem völlig ernsten, ein wenig verwirrten Blick erkannte sie ihren Irrtum. »Entschuldige«, stammelte sie. »Ich hätte nie gedacht, dass du gerade das nicht weißt. Schließlich ist dir unser Orden so vertraut – obwohl du nicht in Zorantander aufgewachsen bist …«

»Das harte Schicksal eines ahnungslosen Kuv-Viandri.« Quint führte theatralisch einen Handrücken zur Stirn. »Kläre also deinen armen Adeptenbruder auf, der nun nicht mehr weiß, wohin er seine Gedanken beim Gebet lenken soll.«

»Der Zorant wird in einem Versteck in der Seegrotte aufbewahrt, das nur das Hohe Paar kennt.« Myan wies auf den Fußboden, obwohl das weitverzweigte Höhlensystem Hunderte Meter tief unter den Ordenshäusern lag.

Quint neigte den Kopf zur Seite. »Seit ich hier bin, sind Lurethe und Jivirokan kein einziges Mal in der Seegrotte gewesen. Sie lassen sich sogar ihr Badewasser heraufbringen. Sucht das Hohe Paar denn niemals den Zorant in seinem Versteck auf?«

»Warum sollte es das tun? Nur die Zeremonie zur Weihe des Hohen Paars verlangt danach – damit der oder die verwaiste Höchste den Nachfolgern das Versteck zeigen kann. Danach macht es keinen Sinn, den Zorant aufzusuchen. Solange die Stadtbewohner auf dem Pfad der fünf Tugenden bleiben, schützt er uns. Und sobald wir davon abweichen, bringt es nicht das Geringste, wenn das Hohe Paar unten in der Seegrotte die magische Schale betrachtet.«

Nun trommelte Quint gedankenverloren mit den Fingern auf die Tischplatte. »Ich dachte, dass das Hohe Paar am Zorant abliest, ob seine Macht zunimmt oder abnimmt – dass er also selbst signalisiert, wie treu die Menschen den Tugenden folgen.«

Myan schüttelte beinahe entsetzt den Kopf. »Die Macht des Zorant muss gelebt, erfühlt und beschworen werden. Man kann sie nicht sehen. Die einzig wirkliche Gewähr für seinen Schutz ist, auf seinem Weg zu bleiben.« Unweigerlich wallte der alte Schmerz in ihr auf. Wie sehr sie sich danach sehnte, diesen Schutz zu fühlen!

»Warum sprechen dann so viele Lieder vom Leuchten des Zorant?«, wunderte Quint sich.

Myan musterte ihn voller Unsicherheit. Sprach er immer noch im Ernst? Jedes Kind von Zorantander hätte ihn nach dieser Frage entweder ungläubig angestarrt oder ausgelacht.

»Der Zorant leuchtet nur, wenn er den Angriff von Feinden abwehrt – wenn er im Moment der höchsten Gefahr die volle Macht seines Schutzschildes entfesselt. Und er wird nur während großer Bedrohung aus seinem Versteck geholt, damit sein Anblick die Menschen davor bewahrt, aus Angst vom Weg der fünf Tugenden abzufallen – damit sie die Macht nicht in jenem Moment schwächen, in dem sie am dringendsten gebraucht wird. Die Stadtbewohner haben die Schale deshalb immer nur gesehen, wenn Zorantander belagert wurde, und während dieser Belagerungen kam es auch oft zum Moment der höchsten Gefahr. Wenn die Menschen den Zorant überhaupt sahen, sahen sie ihn also meistens leuchtend. Daher kommen die Liedtexte. Aber für gewöhnlich vergehen Jahrhunderte ohne die Notwendigkeit, unser Heiligtum aus seinem Versteck zu holen. Die Völker der Wüsten und Savannen wagen es kaum mehr, uns anzugreifen. Solange wir dem Weg der fünf Tugenden folgen, ist Zorantander uneinnehmbar und unbesiegbar.«

»Und während der langen Friedenszeiten sehen die Menschen den Zorant niemals?« Quint rieb sich die Schläfen. »Besteht nicht die Gefahr, dass sie vom Pfad der fünf Tugenden abfallen, wenn ihnen der Quell ihres Schutzschildes ständig verborgen bleibt?«

»Nur wenn der Anblick des Zorant etwas Besonderes bleibt, kann er bei großer Gefahr seine Wirkung entfalten«, gab Myan entschieden zurück. »Womit sonst sollten die Menschen auf dem Pfad gehalten werden, wenn plötzlich Feinde auf unsere Stadt einstürmen? In Friedens­zeiten erinnern die Bilder unseres Heiligtums an die Bedeutung der fünf Tugenden für die Sicherheit unserer Stadt.«

Myan deutete auf die Wandmalerei an der Stirnseite des großen Speisesaals. In jedem Haus war ein solches Bild zu finden, das die magische, aus dem beigen, goldgeäderten Fels geschlagene Steinschale von mehreren Seiten zeigte. Von oben bot sie den Umriss eines unregel­mäßigen Sechsecks. Eine Ecke wies in das Innere der Schale, sodass keine sechs glatten Außenflächen entstanden. Die beiden nach innen geneigten Wände stießen nicht scharf aufeinander, sondern verbanden sich zu einer rundlich eingebuchteten Fläche.

In die fünf Außenseiten – die vier glatten und die gebuchtete – war je ein rundes Emblem mit dem Symbol einer Tugend eingraviert. Ein unregelmäßiges Oval mit einem aufgesetzten Dreieck stand für die Treue. Der Friede wurde durch ein schmales, senkrecht aufragendes Rechteck symbolisiert, aus dessen Mitte drei Strahlen nach rechts ausfächerten. Das Zeichen für die Reinheit war ein Kreis, der sich zu den Enden des Kreuzes in seinem Inneren hin einkerbte. In den vier Kammern, die das Kreuz voneinander abtrennte, befand sich jeweils ein großer Punkt. Die Gleichheit wurde von zwei Bögen dargestellt, die in der Mitte zusammenliefen. Der mit einem Gittermuster durchzogene Kreis war das Symbol für die Mäßigkeit.

Quints Blick blieb lange an dem Bild des Zorant hängen, doch Myan war nicht sicher, ob er es wirklich ansah. Seine Miene war plötzlich verschlossen, beinahe düster. Sonst behielt er sogar während der tiefsten Versenkung ins Gebet einen gelösten Ausdruck. Fürchtete er nun, den Zorant niemals zu Gesicht zu bekommen und bereute seine Worte über ungeduldige Novizen und Adepten? Trotz seiner Enttäuschung fühlte Myan kaum Mitleid, stattdessen stieg eine neidische Sehnsucht in ihr auf. Ihr Adeptenbruder schritt mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem Pfad der fünf Tugenden dahin, tief beseelt von dem Wunsch, dem Zorant zu dienen. Selbst wenn er jetzt glaubte, dass ihm der Anblick der magischen Schale verwehrt bleiben würde, hatte er die besten Aussichten darauf. Er, der schon jetzt die tiefe Ruhe und Sicherheit eines Priesters besaß, konnte zum höchsten Zorantani aufsteigen – wenn ihm eine ebenso würdige Schwester zur Seite gestellt wurde.

Diese Schwester würde niemals Myan heißen. Während der Priester­weihe wurden die Ordensleute neu verschwistert, damit harmonische Paare entstanden. Von dieser Zeremonie war Myan heute weiter entfernt denn je. Und selbst wenn sie zur Zorantani aufsteigen sollte, stünde Quint immer noch weit über ihr. Wahrscheinlich war es besser so. In seiner Nähe fiel es ihr unendlich schwer, die Tugend der Reinheit zu bewahren. Natürlich müsste sie diese Herausforderung bereits meistern, um überhaupt eine Priesterin zu werden.

Völlig unvermittelt wandte Quint sich wieder Myan zu. Das vertraute schiefe Grinsen stand erneut in seinem Gesicht. »Jetzt ist mir klar, weshalb ein aufrechter Priester nicht darauf hofft, sein Heiligtum zu sehen – schließlich müsste seine Heimat dafür in größter Gefahr schweben. Allerdings verstehe ich jetzt noch weniger, warum manche es so eilig mit der Priesterweihe haben.«

Mit einem Schlag war der ahnungslose Kuv-Viandri verschwunden und hatte dem glänzenden Adepten Platz gemacht. Myan sprach sich lautlos die Formel für die Beschwörung der fünf Tugenden vor, um eine scharfe Antwort zurückzuhalten. Natürlich konnte Quint die Eile der Novizen und Adepten nicht verstehen. Sie selbst verstand sie jedoch allzu gut. Es ging nicht darum, möglichst schnell ein Zorantani zu werden. Es ging darum, den Zweifel auszuräumen, ob man jemals der Priesterweihe würdig sein würde.

»Findest du es nicht schön, ein Ziel zu erreichen?«, fragte Myan so beiläufig wie möglich.

»Nicht unbedingt.« Quints schiefes Grinsen wurde geradezu unverschämt. Unter Myans verwundertem Blick griff er nach seinem leer gegessenen Frühstücksgeschirr und stand auf. »Das Ziel, jetzt ein Stündchen im Grottensee zu schwimmen, scheint mir allerdings sehr verlockend.«

Missmutig betrachtete Myan die Reste auf ihrem eigenen Teller. »Wir müssen noch in den Adeptentrakt übersiedeln. Die neuen Novizen werden heute Nachmittag aufgenommen und brauchen unsere Kammern.«

»Richtig.« Quint produzierte einige Denkerfalten auf seiner Stirn. »Wenn ich jetzt schwimmen gehe – nebenbei bemerkt im Dienst an der Tugend der Reinheit –, könnte die Zeit zu knapp werden, um die reichen Besitztümer eines Adepten von einer Kammer in die andere zu tragen.«

Vor Myans innerem Auge stieg das Bild des kargen Inhaltes ihrer Kleidertruhe auf: zwei weitere der weißen knöchellangen Ordensgewänder, Unterwäsche, eine Zahnbürste und eine kleine Glasflasche mit Pflegeöl.

»Nun geh schon zum Grottensee hinunter«, grummelte sie in Quints Richtung. Sie vermied es, ihren Blick zu dem breiten Grinsen zu erheben, das zweifellos die Denkerfalten abgelöst hatte.

»Bin schon weg.« Tatsächlich setzte Quint sich in Bewegung. Über seine Schulter hinweg sagte er noch: »Und wehe, du übersiedelst auch meine Sachen. Ich muss doch meine Unabhängigkeit von meiner Schwester bewahren – schließlich werden wir nicht ewig ein Ordenspaar sein.«

Myan seufzte und legte wieder die Hände um ihren Hals. Wie recht Quint doch hatte. Sie musste froh sein, wenn sie die nächsten Tage im Orden überstand. Irgendwann würde den Zorantani auffallen, dass sie des Adeptentums nicht würdig war.

Kapitel Zwei

Pass doch auf, wo du hinläufst!«

Girestuur packte Myan am Arm und zog sie grob zur Seite – gerade noch rechtzeitig, bevor sie gegen eine schlanke Felsstange stieß, die das Sonnensegel vor einem Obstladen stützte.

»Würde!«, verlangte der Zorantani halblaut. »Als Angehörige des heiligen Ordens des Zorant müssen wir vor allem Würde ausstrahlen. Das gilt für Adepten ebenso wie für die Priester.«

Girestuurs Augen vollbrachten das Meisterstück, trotz ihrer goldbraunen Farbe vor Kälte zu sprühen. Die Schärfe seines Blickes wurde nicht einmal dadurch gemildert, dass Myan den stämmigen Zorantani um einen halben Kopf überragte. Nur mit Mühe unterdrückte sie den Impuls, seine Hand wie ein giftiges Insekt von ihrem Arm abzuschütteln. Girestuur war ihr von Anfang an zuwider gewesen. Obwohl er nicht zu den Lehrmeistern der Novizen gehörte, verfolgte er die Neulinge mit bohrenden Blicken, die den kleinsten Verstoß bemerkten und für immer in sein Gehirn brannten. Ständig fürchtete Myan, von ihm durchschaut zu werden – seit ihrer Erhebung zur Adeptin mehr denn je.

Der Priester sah sich forschend um. Sein Ausdruck wechselte von verächtlicher Kälte zu hoheitsvoller Kühle, sobald er sicher war, dass niemand dem Vorfall Beachtung geschenkt hatte. Er ließ Myans Arm los und zupfte ihr Gewand zurecht. Die Geste sollte fürsorglich wirken, aber sein Raunen klang alles andere als gütig in ihren Ohren:

»Wirst du ab jetzt deine Augen auf den Weg richten oder soll ich dich besser gleich zurückschicken?«

Mit einer knappen Kopfbewegung deutete Girestuur auf die mächtige Felsnadel, die in der Geweihten Höhe gipfelte. Direkt darunter lagen die Ordenshäuser in den Stein gemeißelt. Myan biss sich auf die Lippe. Sich beinahe eine Beule zu holen und ein Sonnensegel herabrauschen zu lassen, war für ihren Lehrmeister offenbar genauso schlimm, wie alle fünf Tugenden gleichzeitig zu verletzen. Sie rang das Gefühl nieder, das ihr zum Aufgeben riet, und wappnete sich für ihren täglichen Kampf um den Weg des Zorant.

»Entschuldigt, ehrwürdiger Vater«, presste sie hervor. »Ich werde von nun an besser aufpassen.«

»Vor allem wirst du darauf aufpassen, was ich tue«, plusterte Girestuur sich auf, so gut es mit gedämpfter Stimme ging. »Du bist hier, um zu lernen, wie ein Zorantani die Menschen den Weg der fünf Tugenden lehrt. Und währenddessen hat dich nichts davon zu interessieren, was sonst noch in dieser Stadt vor sich geht. Übrigens hat sich hier unten nichts geändert – alles ist genau so wie immer.« Naserümpfend setzte er endlich seinen Weg fort.

Myan heftete sich pflichtgetreu an seine Fersen und ließ ihren Blick nicht mehr abgleiten, obwohl Girestuur unrecht hatte. In einer Handelsstadt wie Zorantander gab es jeden Tag etwas Neues zu sehen und sie war nun schon ein Jahr lang nicht mehr durch die Straßen gegangen. Die Novizen durften die Ordenshäuser nur verlassen, um im Fels zu einem ganz bestimmten abgelegenen Grottensee hinabzusteigen und dort zu baden.

Nach der tiefen Ruhe des Ordenslebens schlugen der Lärm und das Gewimmel Zorantanders über Myan zusammen. Bauern und Händler riefen ihre Waren aus, Karawanen von Lastvögeln wurden durch die engen Gassen zwischen Geschäften und Marktständen geführt. Aus Werkstätten tönte Hämmern oder Schleifen und dazwischen erklangen immer wieder die Melodien der Straßenmusikanten. Es wollte Myan nicht gelingen, sich wie zu Hause zu fühlen.

Ihr ganzes Leben lang hatte sie darauf gewartet, alt genug für den Eintritt in den Orden zu sein, um dort endlich ihren Kampf um Tugendhaftigkeit zu gewinnen und die Schande ihrer Geburt auszulöschen. Vor einem Jahr hatte sie sich vorgenommen, als würdige Adeptin mit dem Zorantodion auf den Lippen auf die Straßen der Stadt zurückzukehren. Nun lag das ersehnte Stirnband deutlich sichtbar um ihren Kopf, aber der Kampf dauerte an. Allein ihre Schauspiel­künste übertrafen alle Erwartungen.

Myan rief sich energisch zur Ordnung. Sie hatte doch bereits beim Abendgebet nach ihrer Erhebung zur Adeptin erkannt, wie vermessen solche Gedanken waren. Lurethe und Jivirokan gingen ganz Zorantander auf dem Weg der fünf Tugenden voran. Wenn das Hohe Paar das Zorantodion aus ihrem Mund guthieß, dann hatte sie es tatsächlich gemeistert – egal, wie es ihr selbst erschien. Vielleicht war sie wirklich von den Vorbereitungen auf die Zeremonie erschöpft gewesen. Vielleicht gehörte das ausbleibende Gefühl für die Macht des Zorant bereits zu den Prüfungen, die sie während ihrer Adeptenzeit bestehen musste. Denn wer sie nicht fühlte, dem musste es umso größere Mühe bereiten, dem richtigen Weg zu folgen. Eine wahrhaft harte Prüfung für eine Adeptin, aber gerade sie musste mit den härtesten Prüfungen rechnen.

Trotz der zahlreichen Sonnensegel lastete die Hitze schwer auf Zorantander. Oben in den Ordenshäusern sorgten die Wüstenwinde für etwas Durchzug, doch hier unten blieb die Luft unbewegt und drückend. Myans Stirnband klebte auf ihrer Haut und unter ihrem weiten Gewand bahnten sich immer mehr Schweißtropfen ihren Weg. Der Durst ließ nicht lange auf sich warten. Trotzdem schöpfte Myan nicht einmal Hoffnung auf einen Becher Wasser, als Girestuur einen Brunnen ansteuerte. Ihr Lehrmeister wurde nicht von dem kühlen Nass angezogen, sondern von zwei Frauen, die in einen lautstarken Streit verstrickt waren.

»Friede!«, gebot der Zorantani mit erhobenen Händen. »Gedenkt der zweiten Tugend!«

Die beiden hielten inne. Die Jüngere zog verlegen den Schleier ihres fließenden orangefarbenen Kleides vor den Mund. Die andere zeigte sich ungerührt und ließ mit einem heftigen Kopfschütteln ihr weißes Haar fliegen.

»Die zweite Tugend geht flöten, wenn einmal die erste gebrochen wurde«, entgegnete sie dem Priester resolut.

Girestuur sah sie missbilligend an. »Welche Verletzung der ersten Tugend wirfst du deiner Mitbürgerin vor?«

Die Weißhaarige stemmte die Hände die in Hüften. »Sie brach die Treue, die Geschäftspartner einander schulden. Sie versprach, nur Eier von meinen Glinks zu verkaufen. Und nun macht sie auch Geschäfte mit Renturpan.«

»Ehrwürdiger Vater«, warf die beschuldigte Händlerin hastig, aber mit zaghafter Stimme ein. »Curni liefert mir nicht mehr genügend Eier, seit sie auch mit ausgewachsenen Glinks handelt und nicht nur die Vögel aus ihrer eigenen Zucht verkauft. Ich muss Renturpan Ware abkaufen, um meine Kunden zufriedenstellen zu können.«

Nun schnaubte Curni verächtlich durch die Nase. »Warum schickst du einen Teil meiner Ware zurück, wenn deine Kunden angeblich so viele Eier kaufen?«

Bevor die Händlerin diese Frage beantworten konnte, schaltete Girestuur sich ein: »Die Tugend der Treue meint zuallererst Treue zu den fünf Tugenden«, tadelte er. »Sie meint also Treue zum Weg des Zorant. Und niemals rechtfertigt der Verstoß gegen eine Tugend den Verstoß gegen eine andere. Um auf dem Weg des Zorant zu bleiben«, wandte er sich an die weißhaarige Glinkzüchterin, »musst du immer Frieden halten.«

Curni zog eine Augenbraue hoch. »Steht die Tugend des Friedens also über der Tugend der Gleichheit, die ja auch Gerechtigkeit meint?«

Girestuur hob einen Zeigefinger. »Unter der Treue als oberste Tugend stehen die anderen vier gleichwertig nebeneinander. Gerade deshalb müssen wir in Frieden für ihre Einhaltung eintreten. Wer Gleichheit und Gerechtigkeit nicht in Frieden erreichen kann, verlässt den rechten Weg.«

»Gleichheit und Gerechtigkeit«, ereiferte sich plötzlich die Händlerin. »Wenn ich nicht auch Renturpans Ware verkaufe, behandle ich nicht alle gleich und breche eine Tugend. Du hättest mich gar nicht zu dem Versprechen auffordern dürfen, nur die Eier von deinen Glinks zu verkaufen, Curni.« Ihr Blick heischte um Girestuurs Bestätigung.

Der Zorantani rügte jedoch mit bedeutungsschwangerer Stimme: »Der Weg des Zorant steht über allen Geschäften.«

Inzwischen hatte die weißhaarige Glinkzüchterin ihre Arme vor der Brust verschränkt und musterte den Zorantani skeptisch. Die Händlerin wiederum starrte ihn voller Nervosität an, als versuche sie, einen wirklichen Rat von seinem Gesicht abzulesen. Girestuurs Miene blieb jedoch äußerst glatt. Fahrig wickelte die Händlerin sich den Stoff ihrer weiten Ärmel um die Hände und setzte mehrmals zu sprechen an, ohne einen Ton hervorzubringen. Während dieses Schauspiels verdüsterte Curnis Ausdruck sich immer mehr, bis sie zuletzt in kühlem Ton sagte: »Mach deine Geschäfte mit Renturpan. Ich suche mir jemand anderen, der die Eier meiner Glinks verkauft.«

Mit der Andeutung eines Grußes wandte die Züchterin sich um und verschwand im Getümmel. Girestuur nickte zufrieden auf die Händlerin hinunter, die ein halb erleichtertes, halb schuldbewusstes Lächeln aufsetzte.

»Und schon ist das Problem aus der Welt geschafft«, sprach der Zorantani. »In Frieden und in Einklang mit den anderen vier Tugenden.« Nach einem letzten Tätscheln löste Girestuur seinen Griff um die Schultern der Frau.

»Ich danke Euch, ehrwürdiger Vater …«, stammelte die Händlerin. Wieder rang sie sichtlich nach Worten.

Ohne darauf zu achten, hob Girestuur seine rechte Hand mit den aufgefächerten Fingern zum Abschiedsgruß und winkte Myan, an seiner Seite davonzuschreiten. Sofort begann er, die Adeptin zu belehren: »Siehst du, so führt man die Menschen auf den Weg des Zorant zurück: Erinnere sie daran, warum wir den fünf Tugenden folgen und was auf dem Spiel steht, wenn wir sie vernachlässigen. Bei einem Streit wird dann der Schuldige sofort die Folgen seines Fehlers erkennen und die Buße auf sich nehmen.«

Myan knirschte mit den Zähnen und zitierte stumm die Formel für die Beschwörung der fünf Tugenden, um nicht mit der unbedachten Bemerkung herauszuplatzen, dass die Händlerin ihr verwirrt und die Glinkzüchterin angewidert erschien. Girestuur hielt ohnehin bereits wieder Ausschau nach weiteren Stadtbewohnern, die der Lehre eines Zorantani bedurften.

Bald stießen sie auf eine heftig diskutierende Menschengruppe, die sich um das Tor einer Karawanserei versammelt hatte. Girestuur erkundigte sich weder nach dem Grund für den Auflauf noch bat er die Versammelten, ihm Platz zu machen. Stattdessen nahm er am Rand der Gruppe Aufstellung und ließ ein kurzes, scharfes Räuspern hören. Sobald die Umstehenden das Stirnband des Zorantani erblickten, traten sie mehr oder weniger ehrfürchtig beiseite. Angespannt grub Myan die Fingernägel in ihre Unterarme. Kannte Girestuur keinen besseren Weg, im Namen der Gleichheit auf sich aufmerksam zu machen?

Mit dem sechsten Räuspern erreichte der Priester das Zentrum des Geschehens, wo ein Karawanenführer Hof hielt. Er war offenbar erst zu dieser Stunde in Zorantander eingetroffen, denn im Hof der Karawanserei wurden noch die unruhig schnatternden Glinks von ihren Lasten befreit.

»Natürlich habe ich das Heer nicht mit eigenen Augen gesehen«, sagte der Karawanenführer soeben. Seine krächzende Stimme entrang sich einem ausgedörrten, aber stolz aufgerichteten Körper. »Unser Weg führte nur bis Huloneim, rund zwanzig Tagesreisen von Tryllog entfernt.«

»Ehrwürdiger Vater! Ehrwürdiger Vater!«, stürzte ein Mann sich atemlos auf Girestuur. »Die Karawane dieses tapferen Händlers bringt furchtbare Neuigkeiten. Tryllog hat einen neuen König und er sammelt ein riesiges Heer. Es heißt, er wird gegen Zorantander ziehen, sobald genügend Krieger unter seinem Befehl stehen.«

»Bleib ruhig, mein Sohn.« Der Priester klopfte dem aufgewühlten Mann auf den Rücken. »Der Zorant schützt uns vor jedem Heer, egal wie stark es sein mag. Wenn dieser neue König es wirklich wagen sollte, gegen unsere Stadt zu ziehen, wird er genauso scheitern wie alle anderen Dummköpfe, die im Lauf der Jahrhunderte an unserem magischen Schutzschild zerschellten.«

»Das ist es ja gerade«, quietschte der Mann. »Der König von Tryllog hat auch einen Zorant.«

Girestuur runzelte tadelnd die Stirn. »Es gibt nur einen Zorant. Was ist das für ein Gerede?«

Die Frage war an den Karawanenführer gerichtet, der bedächtig seinen weiß durchzogenen Bart kraulte. Er antwortete mit derselben Ruhe, mit der ein erfahrener Wüstenwanderer einen Fuß vor den anderen setzte:

»In Huloneim geht die Kunde, dass Tryllog einen neuen König hat – einen Kriegerkönig, der die Stadt eroberte und die Dynastie der Tryll-Inaranti stürzte. Er soll einen magischen Stein von unermesslicher Macht besitzen, mächtiger als der Zorant. Mit diesem Stein will er unser goldenes Zorantander unter seine Herrschaft bringen – und natürlich jede andere Stadt, die auf seinem Weg liegt.«

»Nichts kann die Macht des Zorant außer Kraft setzen«, tönte Girestuur. »Nichts, was außerhalb der Stadt liegt. Solange Zorantander tugendhaft lebt, kann selbst das gewaltigste Heer mit der schwärzesten Magie uns nichts anhaben. Außerdem sind das alles nur Gerüchte, die irgendeiner Fata Morgana entsprungen sein mögen. Ein namenloser Kriegerkönig, der aus dem Nichts kam und eine über tausend Jahre alte Dynastie gestürzt haben soll … Zwischen Tryllog und Huloneim liegen dreißig Tagesreisen –«

»Zwanzig«, brummte der Karawanenführer und erntete dafür einen strengen Blick des Zorantani, der sich indessen nicht weiter beirren ließ: »… wenn die Route durch die Schwarzdünenwüste genommen wird. Und diese Reise kann nur während der Taunachtmonate unternommen werden. Auf der anderen Route über die Wogopeischen Trichter dauert die Reise dreimal so lang. Kein Händler nimmt den ganzen Weg auf sich, also wandern die Nachrichten von Karawane zu Karawane, von Oase zu Oase, von Mund zu Mund und werden dabei immer fantastischer. Das kennen wir alle.«

»Manche Karawanenleute schmücken in der Tat Nachrichten aus anderen Städten aus«, bemerkte der Händler mit hochgerecktem Kinn. »Aber nur, solange es um Prinzenhochzeiten, prachtvolle Bauwerke und kostbare Handelswaren geht. Wenn es um Krieg und um Kämpfe geht, wird sich jeder Reisende davor hüten, von der Wahrheit abzuweichen. Ein Karawanenführer muss wissen, welche Routen sicher sind und wo Gefahr droht. Jeder hat die Pflicht, andere Karawanenleute vor Unheil zu warnen. Auf Sand und Fels sind wir alle gleich – egal, wie hart wir in den Städten und in den Oasen um unsere Waren feilschen.«

Girestuur fixierte den Mann skeptisch. »Und deine Nachrichten stammen alle aus dem Mund anderer Karawanenleute, die selbst in Tryllog waren? Nichts davon hast du auf den Basaren von Huloneim aufgeschnappt, nachdem sich die ganze Stadt bereits tagelang das Maul darüber zerrissen hat?«

Der Händler begegnete den kalten Augen des Priesters standhaft, aber verdrossen.

Das reichte Girestuur als Bestätigung: »Die Sorge der Karawanenleute um ihr Leben und ihre Waren in Ehren – aber diese Schauer­märchen um den mächtigen Kriegerkönig mit seinem magischen Stein brauchen wir nicht ernst zu nehmen. Das Einzige, was wir ernst nehmen müssen, ist der Weg des Zorant. Die Befolgung der fünf Tugenden schützt uns vor jedem Übel, auch vor dem größten. Ein tugendhaftes Zorantander wird immer sicher sein.«

Während ihr Lehrmeister zu einer Predigt anhob, blieb Myans Blick an der unbewegten Miene des Karawanenführers hängen. Er betrachtete den Zorantani auf dieselbe Weise wie dunkle Wolken über dem Dünenhorizont, die einen Sandsturm ankündigten.

Die Adern im Fels von Zorantander reflektierten die letzten Strahlen der untergehenden Sonne rötlich golden. Für einen Moment schien die Stadt zu glühen, obwohl die Hitze des Tages endlich gebrochen war. Bald würde die Wärme des Steines angenehm wirken, anstatt ermattend. Myan streckte ihre Beine aus und lehnte sich gegen die Felswand. Sie war allein auf den Stiegen zur Geweihten Höhe zurückgeblieben, nachdem die Ordensleute ihr Abendgebet gesprochen hatten. Wie alle neuen Adepten musste sie sich fünf Wochen nach der Glutsonnenwende einem fünfzehntägigen Fasten unterziehen. Während dieser Zeit gab es ein kleines Frühstück, einen noch kargeren Mittagsbissen und kein Nachtmahl. An den vergangenen drei Abenden hatte Myans leerer Magen ihre Gedanken unweigerlich in den Speisesaal gelenkt. Heute tauschte sie die Enge an den Esstischen gern gegen die Einsamkeit auf den Stiegen.

Ihr Blick schweifte über die gelblichen Sanddünen der Östlichen Wüste und über die schmutzig grauen Böden der Harreischen Dorn­savanne. Zwischen ihnen ragte der Felsen von Zorantander empor wie eine Festung. Das Massiv erhob sich so schroff aus dem Umland, dass eine natürliche, mindestens drei Mann hohe Mauer entstand. Erst darüber erlaubten sanftere Hänge die Errichtung von Häusern. Das einzige Baumaterial war der beige, goldgeäderte Stein, auf dem die ganze Stadt stand. Wohnhäuser, Basare, Karawansereien und Werkstätten drängten sich dicht an dicht, bis sie sich an die Wände jener großen Felsnadel schmiegten, die in der Mitte des Massivs aufragte. Um die Stadt zog sich ein grüner Ring aus Palmhainen und Feldern, die durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem mit Wasser aus dem riesigen See unter dem Felsmassiv versorgt wurden.

Keine andere Stadt der Wüsten und Savannen konnte so viele Menschen ernähren wie Zorantander. Keine andere Stadt war reicher und größer. Und trotz ihres Reichtums war keine andere Stadt sicherer. Zorantander blieb über Jahrhunderte hinweg von den Kriegen unberührt, die so häufig zwischen den anderen Völkern der Wüsten und Savannen tobten. Der Zorant verlangte Frieden und schenkte Frieden. Doch nun war die Sicherheit trügerisch geworden.

Inzwischen hatten mehrere Karawanen Nachrichten über einen Kriegerkönig in Tryllog gebracht, der über einen magischen Stein gebot. Alle behaupteten, dass er ein Imperium aufbauen und zuletzt Zorantander erobern wollte. Manche Bürger sprachen immer noch abfällig von einer Fata Morgana, von Basargeflüster und Schauer­märchen, die sich in nichts auflösen würden. Wenn überhaupt etwas an den ganzen Gerüchten stimme, so meinten sie, dann der Sturz der Tryll-Inaranti. Der Rest der Geschichte klang nämlich so, als ob sie von den entflohenen Sprösslingen dieser mächtigen Dynastie erfunden worden wäre – die Besiegten wollten ihren Untergang mit Lügen beschönigen und zum Mythos erheben.

Andere spotteten über den König und forderten ihn lauthals heraus, seinen Kriegszug zu beginnen. Sein Stein würde ebenso wie sein Heer an dem undurchdringlichen Schutzschild zerschellen, den der Zorant über die goldene Stadt legte. Wahrscheinlich wäre dieser Stein ohnehin ein ganz gewöhnlicher Kiesel. Doch unter all diesen lauten Tönen schlich sich Unsicherheit in die Straßen. Zaghaftere Naturen und weit gereiste Karawanenleute richteten besorgte Blicke auf die allgegenwärtigen Abbilder ihres Heiligtums. Würde die Magie der Steinschale gegen den zauberkräftigen Stein des Krieger­königs ankommen? Lebten alle Bürger tugendhaft genug, um die volle Macht des Zorant zu erhalten? Hatte man in den langen Zeiten der Sicherheit zu sorglos gelebt und dadurch den Schutz geschwächt?

Die Beunruhigten scharten sich dichter um die Zorantani, die jeden Tag in die Stadt hinunterstiegen, um zu lehren und über die Einhaltung der fünf Tugenden zu wachen. Die Städter hatten mehr Fragen an die Priester und vertrauten ihnen größere Sorgen an. Sie sorgten sich besonders wegen der Unbekümmerten, die jede Gefahr leugneten, und wegen der Großmäuler, die den Kriegerkönig herausforderten. Die Zorantani taten ihr Bestes, um Zuversicht zu verbreiten. Aber selbst im Orden wurden die Mienen ernster. Allein Girestuur tat jederzeit seine Überzeugung kund, dass reine Hirngespinste verbreitet wurden. Myan hätte gern an den Nachrichten der Karawanenleute gezweifelt, doch sie kannte deren Welt. Sie stammte aus einer Familie von reisenden Händlern und hatte ihren Onkel mehrmals begleitet.

Das Leben der Karawanenleute hing davon ab, jene Nachrichten aus dem Basargeschwätz zu filtern, die für eine sichere Reise bedeutsam waren. Wenn mehrere Händler von einem Kriegerkönig berichteten, dann gab es ihn. Wenn sie sagten, dass er einen großen Kriegszug plante, dann stand dieser tatsächlich bevor. Und wenn dieser König sich sogar an Zorantander wagen wollte, musste er eine besondere Waffe besitzen.

Warum sollte es eine solche Waffen nicht geben? Der Zorant konnte unmöglich der einzige magische Gegenstand auf dieser Welt sein. Ob diese anderen Heiligtümer größere Macht besaßen, war eine völlig andere Frage. So wenig Myan an den Nachrichten der Karawanen zweifelte, so wenig vermochte sie sich von der Unbesiegbarkeit des Zorant zu überzeugen. Denn seine Macht hing von den Menschen in Zorantander ab – und diese Menschen zweifelten offenbar an der eigenen Tugendhaftigkeit und an der ihrer Nachbarn. Offenbar fühlten sie sich schutzlos. Und dieses Gefühl – den ständigen Begleiter der Tugendlosen – kannte Myan allzu gut. Zweifelten die Menschen also zu Recht?

»Hier.«

Myan fuhr unter dem plötzlichen Klang von Quints Stimme zusammen. Erst nach einer Atempause streckte sie die Hand nach dem Tonbecher aus, den ihr Adeptenbruder ihr entgegenhielt.

»Ich wollte dich nicht erschrecken.« Auf Quints Entschuldigung folgte ein breites Lächeln. »Ich dachte, deine Sinne wären vom Fasten schon so geschärft, dass du selbst einen Wüstenschleicher kommen hören würdest – oder wie nennt ihr in Zorantander dieses schwarze Raubtier doch gleich? Siskond?«

»Ja, Siskond.« Myan nippte an dem kalten Tee aus Uspekkräutern, den ihr Adeptenbruder gebracht hatte. Sie ärgerte sich darüber, so heftig zusammengezuckt zu sein, weil Quints Stimme sie mehr aufgewühlt hatte als sein unerwartetes Auftauchen. »Ich war einfach in Gedanken versunken.«

Nun grinste er. »Richtig – das Fasten soll ja bei der Versenkung in die Welt der fünf Tugenden genauso gut helfen wie bei der Schärfung von Augen, Ohren und Nase.« Sein Magen gab ein lautes Knurren von sich. Quint verzog das Gesicht. »Solche Geräusche könnten freilich bei der Versenkung ein wenig stören. Aber glücklicherweise haben unsere Lehrmeister versprochen, dass unsere Mägen bald verstummen werden, um all unsere Sinne für größere Wunder zu öffnen.«

Unversehens wünschte Myan sich, schon jetzt schärfere Ohren zu haben. Dann hätte sie mit Sicherheit sagen können, ob die Unbekümmert­heit ihres Adeptenbruders diesmal an der Grenze der Tugendhaftigkeit kratzte oder nicht. Quint ließ sich neben ihr nieder und blickte in die Savanne hinaus. Aus seiner Miene las Myan die übliche Gelassenheit, nichts deutete auf eine innere Auflehnung gegen die Fastenprüfung. Mit lautlosem Seufzen wandte sie sich wieder ihrem Teebecher zu. Wahrscheinlich machte ihr Hunger sie überempfindlich. Schon Girestuur war heute noch schwerer zu ertragen gewesen. Dabei hatte er nicht einmal gelehrt, sondern nur den Segen der fünf Tugenden über ein neugeborenes Mädchen gesprochen. Vier Worte in seiner metallisch kühlen Zeremonienstimme waren genug gewesen, um den Säugling zum Brüllen zu bringen.

»Warst du heute mit Kedjanky auf der Straße?«, fragte Myan, um Girestuur aus ihren Gedanken zu verjagen. Auf Quints Nicken setzte sie nach: »Beruhigen die Leute sich langsam wieder?«

»Wir waren zumindest nicht mehr in Gefahr, erdrückt zu werden. Aber alle, die sich heute um Kedjanky scharten, waren noch hysterischer. Oder vielleicht suchen nur mehr diejenigen den Beistand der Zorantani, die am hysterischsten sind … Die meisten von ihnen klagten jedenfalls über die fehlende Tugendhaftigkeit ihrer Nachbarn und flehten Kedjanky an, die Übeltäter mit strengen Worten an den Weg des Zorant zu erinnern.«

Erneut betrachtete Myan Quint von der Seite. Die Nachrichten aus Tryllog hatten seine Sorglosigkeit nicht im Geringsten getrübt. Der größere Eifer, der hin und wieder hervorblitzte, kam wohl vom neuen Adeptentum und hatte nichts mit dem Kriegerkönig zu tun. Wer schon im Novizenrang so sicher auf dem Weg des Zorant gewandelt war wie Quint, musste es als Bereicherung empfinden, nicht nur zu lernen, sondern auch die ersten Schritte zum Lehrmeister zu tun. Gerade funkelten seine Augen wieder besonders lebhaft auf.

»Drei Städter baten Kedjanky, den Zorant durch die Straßen zu tragen. Der Anblick würde ihnen Vertrauen in seine Macht geben und alle Tugendlosen an ihre heilige Pflicht erinnern.« Er schüttelte den Kopf. »Kein Wunder, dass die Schale erst bei der allergrößten Gefahr aus ihrem Versteck geholt wird. Wenn die Bürger jetzt schon so aufgelöst und ängstlich sind – kannst du dir dann vorstellen, was beim Anblick eines feindlichen Heeres los sein wird?«

Quint ließ seinen Blick über den dämmrigen Horizont schweifen, wie wenn er die Vorboten der Armee bereits sehen könnte. Seine Gelassenheit schien immer noch unerschüttert, aber darunter lag nicht der vertraute Frohmut, sondern etwas Härteres. Erst als sie ihre eigenen Worte hörte, begriff Myan, was sie aus seiner Haltung las:

»Bist du so sicher, dass dieser Kriegerkönig angreifen wird?«

»Ich rechnet stark damit«, erwiderte Quint trocken. »Der Name Zorantander steht unter den Völkern der Wüsten und Savannen für eine uneinnehmbare Festung. Jeder, der große Worte über die Eroberung der Stadt spuckt, macht sich lächerlich. Wer sie trotzdem ankündigt, muss es deshalb wirklich ernst meinen. Dieser König bereitet garantiert einen Kriegszug vor. Und sofern er nicht auf seinem Weg hierher von anderen Städten geschlagen wird – was unwahrscheinlich ist, nachdem er Tryllog einnehmen konnte –, wird er irgendwann vor Zorantander stehen.«

»Und wird er die Stadt auch erobern?«, fauchte Myan. Quints Gewissheit verstörte sie tief genug, um die Tugenden des Friedens und der Mäßigkeit zu gefährden.

»Nicht unbedingt.« Quint hob die Schultern. »Das werden wir sehen.«

»Das werden wir sehen?« Myan schrie beinahe. »Kannst du dir vorstellen, welch grässliche Kräfte ein Stein entfesseln muss, um den Zorant zu besiegen? Willst du diese Macht wirklich über die Wüsten und Savannen hereinbrechen sehen?« Sie hielt für einen Moment inne, weil sie begriff, was sie wirklich so tief traf. »Du zweifelst an der Tugendhaftigkeit der Menschen in Zorantander.«

Ein Schauer lief über Myans Rücken. Das Gefühl der Schutzlosigkeit lastete noch schwerer auf ihr. Wenn sogar Quint zweifelte, stand es wirklich schlimm.

»Nein, das habe ich nicht gemeint«, sagte er nach einer Pause. Seine Stimme klang sanft und ein wenig bekümmert. »Aber wir wissen eben nicht, was dieser Kriegerkönig mit sich herumträgt. Vielleicht würde nicht einmal die vollkommene Tugendhaftigkeit aller Stadtbewohner ausreichen, um seine Wunderwaffe zu besiegen. Genauso gut könnte es sein, dass der Kriegerkönig nur glaubt, einen magischen Stein in seinen Händen zu halten.«

Sofort floss Myans Atem freier.

»Die Menschen lassen sich leicht täuschen«, fuhr Quint fort. »Dieser Kriegerkönig ließ sich vielleicht an der Nase herumführen und hütet einen gewöhnlichen Felsbrocken wie einen Schatz. Und viele Menschen werden einen hohen Preis dafür bezahlen.«

Die letzten Worte wurden von einem tiefen Seufzen getragen. Myan fühlte sich Quint wieder nahe. Zu nahe. Sie ertappte sich gerade noch rechtzeitig dabei, wie sie ihren Kopf gegen seine Schulter lehnen wollte. Manchmal schien er die Kraft eines Magneten auf sie auszuüben. Besonders schlimm war es, wenn ihr sein Geruch in die Nase stieg – der Hauch einer fremden, verlockenden Gewürz­mischung. Quint würde in ihrem Kopf an seiner Schulter nur ein Zeichen der geschwisterlichen Verbundenheit sehen, andere Gedanken ließ seine Tugendhaftigkeit nicht zu. Aber für sie stand ein Bruch mit der Reinheit auf dem Spiel. Myan riss sich los und stand auf.

»Ich werde noch einige Gebete sprechen, bevor die Priester zur nächtlichen Versenkung in die Tugenden rufen.«

Zu Myans Erleichterung blieb Quint zurück und blickte gedankenverloren auf die Stadt hinunter, die nun im Schein von Fackeln und Öllampen glänzte.

Kapitel Drei

Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen, als ob plötzlich ein Sandsturm über der Schriftrolle aufgezogen wäre. Unwillig schüttelte Myan den Kopf, blinzelte mehrmals und ließ ihren Blick auf das Geflecht aus weißen Glinkfedern wandern, das die Fenster des Ordensarchivs abschirmte.

Unversehens wurde die Stille von einer Stimme durchbrochen, in der eine panische Note mitschwang: »Wonach suchen wir eigentlich?«

Nicht nur Myan fuhr zusammen. Auch die anderen Adepten schreckten auf. Vorwurfsvolle bis unfreundliche Blicke richteten sich auf den Sprecher. Ein Anflug von Schuldbewusstsein glitt über Aegins Gesicht, dann schob er seine Unterlippe vor.

»Wir sollen die wichtigsten Chroniken und Listen unseres Ordens durchgehen«, antwortete seine Adeptenschwester in mahnendem Ton. »Und besondere Ereignisse notieren. Du hast Pisandris Auftrag doch gehört.«

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, senkte Rutilja ihren Kopf wieder zu dem Schriftstück, das vor ihr lag.

»Natürlich habe ich Pisandris Auftrag gehört«, tönte Aegin. »Aber wozu soll diese Suche gut sein? Und welche sind die wichtigsten Chroniken und Listen? Unsere Archivare bewahren nichts Unwichtiges auf. Wenn wir keine genaueren Anweisungen bekommen, müssten wir eigentlich alles durchgehen und das kann Pisandri nicht gemeint haben. Es würde ewig dauern.« Er wies auf die rundum in den Fels geschlagenen Regalfächer, die vor Schriftrollen aus gepress­tem Palmen­bast strotzten. »Und was sind besondere Ereignisse? Ist der Ausfall einer ganzen Ernte von Palmfrüchten ein besonderes Ereignis? Oder wäre es das nur, wenn die Stadt deshalb ein halbes Jahr lang gehungert hätte?« Frustriert schlug Aegin mit der flachen Hand auf die Liste, die vor ihm lag.

In der halbherzigen Hoffnung, ihn zum Schweigen und Weiterarbeiten zu bringen, knurrte Myan: »Wenn ich Pisandri richtig verstanden habe, meinte sie besondere Ereignisse, die den Orden betrafen – nicht ganz Zorantander.«

»Was soll ich dann mit den Erntelisten?« Aegin warf einen anklagenden Blick in die Runde, obwohl niemand ihm geraten hatte, diese Dokumente zur Hand zu nehmen. »Andererseits – kann man das überhaupt trennen? Betreffen nicht alle besonderen Ereignisse im Orden die ganze Stadt und umgekehrt?«

»Wir sollten weiterarbeiten«, drängte Rutilja. »Pisandri wird uns zürnen, wenn wir ihrem Auftrag nicht treu sind.«

»Pisandri wird genauso wenig zufrieden sein, wenn wir ihren Auftrag falsch ausführen, weil wir ihn nicht verstehen.« Es kostete Aegin sichtlich Mühe, Frieden, Gleichheit und Mäßigkeit zu bewahren. »Und ich verstehe nun einmal nicht, wofür diese völlig ziellose Suche gut sein soll.«

»Mir fallen auf Anhieb einige Dinge ein.« Quints Stimme klang völlig gelassen. »Erstens lernen wir das Archiv besser kennen. Zweitens erfahren wir Einzelheiten über die Ordensgeschichte, die uns neu sind. Drittens müssen wir ohne die Hilfe unserer Lehrmeister entscheiden, ob diese Einzelheiten wichtig sind. Dadurch sollte uns klar werden, was ein Ereignis im Orden zu einem bedeutenden macht. Und ganz abgesehen davon haben wir gerade nichts anderes zu tun, als nach besonderen Ereignissen zu forschen. Deshalb ist es egal, wie groß das Archiv ist und wie lange Pisandri uns suchen lassen wird.«