Die Macht des Ersten - Lucian Caligo - E-Book

Die Macht des Ersten E-Book

Lucian Caligo

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Beschreibung

Der Alchemist Leko ist zum Tode verurteilt. Zeitgleich ist er einer der letzten Wissensträger um einen alten Fluch, der über dem Land liegt. Als dieser entfesselt wird, ist er zum Handeln gezwungen. Er befreit sich, um die beiden Menschenreiche vor den Auswirkungen alter Magie zu schützen, die in Gestalt von Waldgeistern und Felsentrollen nach dem Blut der Sterblichen giert. Da ihm keiner glaubt, obliegt es ihm allein, alles zum Guten zu wenden. Dabei steht er nicht nur einer Aufgabe gegenüber, der kein gewöhnlicher Mensch gewachsen ist, er muss auch der Versuchung von absoluter Macht widerstehen.

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Als Alchemist verfügt Leko über umfangreiches Wissen theoretischer Natur, was ihm im Kampfe gegen den übermächtigen Feind jedoch kaum weiterhilft, stattdessen ist er auf echte Freunde angewiesen, die ihn daran erinnern, wer er ist.

Mehr über die anderen Bücher von Lucian Caligo erfährst du auf www.lucian-caligo.de.

Über den Autor:

Lucian Caligo, 1985 in München geboren, gehört zu den neuen aufstrebenden Selfpublishern. Nach seiner Schulzeit stolperte er in eine Bauzeichnerlehre, von der er sich zur Krankenpflege weiterhangelte. Fantastische und vor allem düstere Geschichten zu ersinnen, war in dieser Zeit nicht mehr als eine heimliche Leidenschaft. Erst im November 2014 beschloss er all seine Bedenken, wegen seiner Legasthenie und tausend anderen Gründen, über Bord zu werfen und seine Werke zu veröffentlichen.

Für all meine Freunde und Begleiter. Danke für eure Unterstützung und Inspiration, ohne euch geht es nicht.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

Prolog

Im Schatten erhoben sich deformierte Gestalten, turmhoch gewachsen reckten sie ihre gewaltigen Hände nach dem König, der auf seinem Thron mitten im Wald saß. Aus dem Boden und von den Bäumen schlangen sich Ranken auf ihn zu. Von den Angreifern gänzlich unbeeindruckt, machte der Herrscher nicht die geringsten Anstalten sich zu verteidigen. Sein Zepter hatte er sich über die Knie gelegt.

Dieses Bild ließ Eria erschauern. Für gewöhnlich versuchte sie, es nicht zu beachten, wenn sie sich ins oberste Gemach des Schlosses hinauf kämpfte. Doch ihre schmerzenden Knie verlangten von ihr, genau dort zu verharren. Der Maler hatte seine eigene Interpretation einer alten Legende auf die Leinwand gebannt, wonach sich Monstren im ganzen Land erheben würden, wenn niemand mehr vom Blut des Ersten, dem Begründer des Menschenreichs, auf dem Thron saß. Auch wenn Eria nicht an diesen Mythos glaubte, zweifelte im Volk niemand an dessen Wahrheit. Deshalb würde es sich niemals gegen sie oder ihren Gemahl auflehnen.

Am liebsten hätte sie ihren Gemahl gebeten, ein Zimmer weiter unten beziehen zu dürfen. Aber wie hätte das ausgesehen? Von Standes wegen musste sie die höchsten Räumlichkeiten bewohnen, sie war schließlich die Königin. Bei dem Gedanken lächelte Eria freudlos. Einst erschien es ihr wie ein Traum, vom König erwählt zu werden. Dieses Hochgefühl hatte sich jedoch nicht lange gehalten. Die Wirklichkeit einer Herrscherin war nicht so zuckersüß, wie sie es sich als Kind ausgemalt hatte. Nein, sie war bisweilen bitterer als jegliche Medizin. Inzwischen waren zwanzig Jahre verstrichen, seit sie mit Girbodur vermählt worden war. Girbodur der Dritte, wohlgemerkt. Als Tochter eines sehr dünnen Zweigs des Adelsgeschlechts, hatte sie nicht auf die Heirat mit dem obersten Herrscher zu hoffen gewagt. Bis zu diesem einen schicksalsträchtigen Tag, als Girbodur der Zweite zum Ball geladen hatte. Völlig überraschend durfte Eria ihren Vater begleiten. Girbodur der Dritte hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Damals hatte Eria ihre Schönheit, die ihr von allen nachgesagt wurde, als Segen empfunden. Wie ihr heute klar war, handelte es sich dabei jedoch um einen Fluch. Kaum ein Mann war im Stande, ihrem Antlitz zu widerstehen. Eria wusste, dass fast jedes Männerherz am Hofe in heißer Liebe zu ihr brannte. Wer jedoch den Fehler beging, seinen Gefühlen nachzugeben, und es wagte, ihr Avancen zu machen, der zog den Zorn des Herrschers auf sich. Ein schneller Tod galt dabei als Gnade.

Eria zog sich am Handlauf über die letzte Stufe und atmete tief durch.

Freilich, sie liebte ihren Mann, das musste sie schließlich. Er war ein guter König, wenn sie von der ständigen Eifersucht absah. Die unaufhörlichen Anschuldigungen ihr gegenüber hatten alles zerstört, was sie einst glaubte, für den König gefühlt zu haben. Mittlerweile war er nicht mehr als ein Wegbegleiter, ein Anhängsel. Eria schalt sich innerlich für solche Gedanken. Echte Liebe fühlte sich jedoch anders an. Was gäbe sie darum, nichts davon zu wissen. Einmal hatte sie diese erfahren und auch die Qual, die damit einherging. Es schien, als habe der Erste selbst ihr diese Prüfung auferlegt. Denn ihre Liebe entflammte für einen Mann, der ihrer Schönheit als Einziger widerstanden hatte, zumindest anfangs. Was auch immer Eria mit ihm verbunden hatte, es sollte keinen Bestand haben.

Wenn es heute in ihrem Leben Liebe gab, dann nur noch für ihren Sohn. Doch auch diese Empfindung wurde von altem Schmerz begleitet.

Der Weg in ihr Gemach führte an einem Spiegel vorbei. Sie warf einen prüfenden Blick hinein. Die Königin war nicht hässlich, gewiss nicht, aber am Hof gab es weitaus schönere Frauen, wie sie fand. Was die Männer an ihr faszinierte, blieb ihr ein Rätsel. Wenn Eria ehrlich war, so wünschte sie sich höhere Wangenknochen und kleinere Augen. Die grüne Farbe ihrer Pupillen störte sie nicht, selbst wenn die Intensität über die Jahre abgenommen hatte. Für ihre reine und glatte Haut war Eria dagegen dankbar. Ihre Brust empfand sie als zu groß, die Taille zu schmal, die Beine zu lang, die Hüfte zu breit. Ihr Vater hatte Eria unentwegt wissen lassen, dass sie nichts Besonderes und von daher nicht viel wert sei. Wenn ihn der Grimm packte, hatte er Eria sogar hässlich genannt und seine Tochter hatte ihm geglaubt, bis sie ihre Wirkung auf Männer bemerkte. Diese überschlugen sich förmlich mit ihren Höflichkeiten und waren unaufhörlich darum bemüht, ihr alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Dennoch blieben die Zweifel an ihrem Äußeren, die ihr Vater ihr eingeredet hatte. Dies war das einzige Erbe ihrer Familie. Ihr Fürstentum war bankrott und ihre Verwandten tot. Die meisten Frauen von Stand hätten die Fähigkeit, dem anderen Geschlecht den Kopf zu verdrehen, zu ihrem Vorteil ausgenutzt. Aber Eria war vor ihrer Heirat viel zu unbedeutend gewesen, um sich im Intrigenspiel geübt zu haben.

»Hallo Trom«, grüßte Eria die Leibwache vor ihren Gemächern.

»Meine Königin.« Der Soldat verbeugte sich tief, ohne dabei den Blick von ihr abwenden zu können.

Eria trat in die königlichen Gemächer und verschloss die Tür. Der Lüster an der Decke ihrer Wohnstube warf ein angenehmes Licht auf die Lesesessel. Dazu knisterte ein Feuer behaglich im Kamin.

»Girbodur, bist du da?«, fragte sie und schritt zum Schlafgemach. Dabei löste sie ihre Haarnadel und entfesselte ihr seidiges Haar. »Ich muss dir unbedingt von unserem Tiris-Spiel erzählen. Ich habe dir doch gesagt, dass ich den Verdacht habe, dass Gelster mogelt. Wir haben heute die Würfel getauscht und ...« Eria stockte, als sie die Krone sah, die auf der Türschwelle zum Schlafgemach lag. Blankes Entsetzen packte sie. Das Herz hämmerte ihr gegen die Brust und trieb den Schweiß aus ihren Poren. Da lag er, ihr Mann, der Länge nach auf dem Boden. Neben ihm ein Kelch, dessen Inhalt in den dicken Teppich gesickert war. Girbodurs Augen standen weit offen. Es schien, als blickte er hilfesuchend zu Eria hinauf.

»Girbodur?«, fragte sie zaghaft. Eria wollte nicht glauben, was sie da sah. Ihr Gatte, der König, lag da und rührte sich nicht, auch sein Brustkorb stand still. Schaum lief ihm aus Mund und Nase.

Gift, schoss es ihr in den Sinn. War das einer ihrer Verehrer gewesen, der sie für sich haben wollte? Oder gar eine dieser Schlangen am Hofe, die ihr den König nicht gönnten? Sie zerrissen sich ihre Mäuler darüber, dass ihr Blut zu verwässert sei, um Königin zu sein. Selbst wenn man sich alle Mühe gab, es vor ihr zu verbergen, so drang das bösartige Geschnatter dennoch an ihre Ohren.

Eria sah zu der Karaffe hinüber, aus der ihr Gatte getrunken hatte.

»Der Wein, ich ...«, ihr schnürte sich der Hals zu. Der Mordanschlag hatte ihr gegolten. Es war allgemein bekannt, dass sie sich zur Nacht einen Krug Wein bringen ließ, um besser schlafen zu können. Dass der König in dem Alkohol seine Sorgen ersäufte, wusste niemand außer ihr.

Was würde wohl geschehen, wenn man sie verdächtigte? Man würde sie hinrichten lassen, ihres gemeinsamen Sohnes zum Trotz. Girbodur der Vierte, er sollte nicht ohne Mutter aufwachsen. Nicht hier in einem Nest voller Menschen mit giftigen Zungen, von denen jeder nur auf seinen Vorteil bedacht war.

In Gedanken bei ihrem Sohn packte Eria den hageren König, wuchtete den Körper ins Bett und deckte ihn zu. Sie wusch ihm den Mund aus und schüttete den vergifteten Wein aus dem Fenster. Daraufhin holte sie ein Buch aus dem Regal und legte es in der Wohnstube auf den Sessel neben dem Kamin.

Sie versuchte vergeblich, das Chaos ihrer Gedanken zu ordnen. Es half nichts, sie musste es jetzt tun. Eria räusperte sich und rief: »Trom, komm herein, schnell!«

Sogleich kam der Soldat durch die Tür gestürzt, die Hand am Schwertgriff. »Meine Königin?« Er sah sie kampfbereit an.

»Bitte sieh nach dem König, er hat irgendetwas«, sie gab sich große Mühe damit, das hilflose Frauchen zu mimen. Ein Theater, auf das die meisten Männer hereinfielen.

»Ja Herrin.« Im Laufschritt begab er sich ins Schlafgemach.

»Beim Ersten!«, rief der Soldat entsetzt.

»Was ist?« Eria trat hinter Trom ins Schlafzimmer.

Der Wachmann stand neben dem Bett, hatte die Decke zurückgeschlagen und seinen Kopf auf die Königsbrust gelegt. Wie er die Königin erblickte, richtete er sich mit hängenden Schultern auf. »Der König ... er ist tot«, gestand er ihr mit glitzernden Augen.

In ihrer Rolle schlug Eria sich die Hände vor den Mund. Schwere Zeiten würden nun auf sie zukommen.

I.

Dieser besagte Tag, an dem sich mein Leben grundsätzlich ändern sollte, fühlte sich zunächst wie jeder andere an. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass mich mein Eid, den ich vor Ewigkeiten geleistet hatte, zum Handeln zwang.

Der Schweiß durchtränkte meine Kleidung und gefror in der Kälte zu Eis. Mein Atem ging schwer und hüllte mich in Nebel, während ich die stumpfe Hacke unentwegt gegen den Stein schlug. Hier gab es nichts zu holen. Das Geröll war es nicht einmal wert, in den Süden gekarrt zu werden, damit man daraus Häuser oder gar Burgen errichtete. Der spröde Fels zerbröselte in wärmeren Gefilden zu Kies. Nein, ich arbeitete hier, um den Tod zu finden. Über ein Jahrzehnt hatte ich bereits in der Eiseskälte überlebt und ich sah weiteren Jahrzehnten entgegen. In dieser Zeit hatte ich zweihundertdrei Menschen sterben sehen, die ebenfalls zum Tode im ewigen Eis verurteilt worden waren. Dann hatte ich aufgehört sie zu zählen. Der allgegenwärtige Tod ließ mein Herz erkalten. So rührte es mich nicht, als Gribat neben mir zusammenbrach. Aus seinem Mund dampfte sein Todesröcheln, gleich einem verlöschenden Feuer. Am Leib trug der Mann nur dünne Lumpen. Gewöhnlichen Gefangenen gestand man weder Mütze noch Handschuhe zu, sie bekamen nicht einmal Schuhe. Es war abzusehen, dass Gribat nicht länger als vier Tage durchhalten würde. Seine Finger waren so blau wie seine Lippen und die Füße schwarz. In seinem Röcheln meinte ich, Deata, die Herrin des Todes, zu hören, die meinen Namen wisperte.

»Leko, du entkommst mir nicht ...«, schien sie zu flüstern.

Wie sehr ich mich auch nach ihrer Umarmung sehnte, ich konnte, ich durfte hier nicht sterben, noch nicht jedenfalls. Ich hatte es geschworen. Wenn ich auch alles, was vor meiner Gefangenschaft geschehen war, weitgehend verdrängt hatte, an meinen Schwur dachte ich täglich.

»Den hat´s erwischt«, urteilte Largu, einer der beiden Wächter, welche die Aufsicht über uns hatten. Sie waren genau wie ich in dicken Pelz gehüllt, um sich vor dem Kältetod zu schützen.

»Nicht nachlassen, Leko!«, trieb er mich an. Die beiden packten den Sterbenden an den Handgelenken und zogen ihn fort.

Ungerührt drosch ich weiter auf den Felsen ein. Es ging nicht darum, Quader aus dem Stein zu lösen, die Arbeit sollte uns nur ermüden, damit wir keinen Gedanken an Flucht verschwendeten. Wir waren zum Tode verurteilt, auf eine der grausamsten Arten, die man sich vorzustellen vermochte.

Die Sonne senkte sich früh über den Horizont und brachte das ewige Eis zum Funkeln. Anfangs war mir dieser Anblick wie Hohn vorgekommen. Wie konnte diese Hölle nur in solch einer Schönheit erstrahlen? Mittlerweile war ich zu kalt, um diese Pracht wahrzunehmen. Das redete ich mir damals zumindest ein.

»Komm«, sprach Largu und rieb sich die Hände. »Das reicht für heute.« Der Wächter hustete wie ein röhrender Hirsch.

Ich lehnte meine Hacke gegen die Felswand und folgte dem Wachmann. In gewisser Weise waren unsere Schicksale verknüpft. Die Soldaten, die hier ihren Dienst taten, waren in Ungnade gefallen. Sie hatten Befehle verweigert, hatten sich als Feiglinge erwiesen, oder waren einfach nur Opfer ihres Generals, der ein Exempel an ihnen statuieren wollte. Nach fünf Jahren im Eis durften sie diesen Ort wieder verlassen. Bevor ich inhaftiert wurde, hatte diese Gnade kaum ein Soldat erlebt.

»Nimmst du deine Medizin?«, fragte ich, während wir durch den hohen Schnee stapften.

»Ja«, beteuerte Largu. »Der Husten ist besser und ich bekomme wieder Luft, dank dir.«

Ich nickte nur.

Beim Hundeschlitten angekommen sprang eines der Zugtiere sogleich auf mich zu, um mir zum Gruß über die Wange zu lecken. Seine Artgenossen hatten indes nur einen trüben Blick für mich übrig. Wenn ich im ewigen Eis einen Freund hatte, dann diesen pelzigen Gesellen. Ich kraulte ihn hinter den Ohren, während wir auf die anderen Gefangenen warteten. Besagter Freund war mit Sicherheit ein Wolf. Das war ein offenes Geheimnis. Die Wachen hätten ein solches Raubtier töten müssen. Dazu war er ihnen jedoch zu sehr ans Herz gewachsen. Deshalb hatte man sich im Stillen darauf geeinigt, dass es sich bei ihm um einen Hund handelte, mit zugegebenermaßen recht wölfischen Zügen. Um die Soldaten dennoch an seine wahre Natur zu erinnern, hatte ich ihn Wolf getauft. Dies hatte mir eine Strafpredigt des Hauptmanns eingebracht. Mehr hatte ich nicht zu befürchten, dafür war ich zu wertvoll. Wochenlang versuchten die Soldaten, den Hund umzubenennen, aber er hörte nur noch auf diesen Namen. Wolf war vor zwei Jahren als Welpe dem Gefängnis zugelaufen. Largu hatte mir gestattet, die halbverhungerte Kreatur in Obhut zu nehmen, damit ich ihn aufpäppeln konnte. Mittlerweile war Wolf ausgewachsen, wobei er die übrigen Tiere nicht nur um einen Kopf überragte, sondern auch zu ihrem Leithund geworden war. Mit seinem grauweißen Fell stach er ebenfalls hervor, die anderen Hunde waren schwarz wie die Nacht.

Durch den Schnee kamen die Mitgefangenen auf uns zugewankt. Nachdem die Soldaten die heutigen Verluste gemeldet hatten, ging es zurück. Die Wächter fuhren zu fünft auf dem Schlitten, während wir Strafgefangenen nebenher durch den tiefen Schnee stapften.

Heute Morgen waren wir zu acht aufgebrochen, jetzt waren wir nur noch zu viert.

»Wie kommt es, dass du Stiefel und Handschuhe hast?«, fragte einer der Gefangenen mit bebenden Lippen.

Als Einziger besaß ich Kleidung, die den Temperaturen angemessen war.

»Das ist Teil meiner Bestrafung, ich soll möglichst lange durchhalten«, log ich. Die Wahrheit war eine andere. Als Alchemist verstand ich mich auf die Heilkunst, wie sonst keiner im ewigen Eis. An meinem zweiten Tag in Gefangenschaft diagnostizierte ich beim Hauptmann des Gefängnisses eine Lungenentzündung und behandelte ihn. Er überlebte allein durch meine Medizin. Damals erkannte man meinen Wert, was mir einige Privilegien einräumte. Damit wurde meine Haft aber auch wesentlich verlängert. Wahrscheinlich war ich bereits als tot gemeldet worden. Es wäre aufgefallen, wenn gerade ich länger lebte, als alle anderen Gefangenen zusammen.

»Wie lange bist du schon hier?«, fragte der Gefangene. Er versuchte, sich von der Kälte abzulenken. Eine Strategie, die viele der Verurteilten anfänglich verfolgten. Das verebbte aber meist nach dem dritten Tag. Ab diesem Zeitpunkt wurden sie zu schwach, um weitschweifige Unterhaltungen zu führen.

»Zwölf Jahre.« Meine Worte gefroren in der Luft.

Er sah mich überrascht an. Vermutlich überlegte er, ob er mich bedauern oder beneiden sollte. »Verdammt, was hast du getan?«

»Etwas Furchtbares«, kanzelte ich ihn ab.

»Aber was?«, er ließ nicht locker.

Ich war dankbar, als die Peitsche über uns knallte und Largu rief: »Hier wird nicht gesprochen!«

Der Verurteilte zuckte zusammen und schwieg.

Hinter uns ertönte ein dumpfer Schlag, etwas Schweres war in den Schnee gestürzt. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, was es war. Ein weiterer Lebensfunke war in der Kälte erloschen.

»Ihr müsst ihm helfen!«, begehrte der geschwätzige Kerl neben mir auf, der sich entsetzt zu dem Gefallenen umgedreht hatte.

»Halt den Rand!«, befahl Largu. »Wir kümmern uns schon um ihn.«

Wie das aussah, wusste ich. Sie schnitten dem Sterbenden die Wadenmuskeln durch. Wenn es sich nur um eine Finte handelte, um zu entkommen, so würde er nicht sonderlich weit kommen, bevor wilde Wölfe ihn rissen. Wenn er sich ohnehin nicht mehr erhob, dann störten ihn die durchtrennten Muskelstränge nicht, denn er befand sich bereits in den Armen der Geliebten. So wurde Deata, die Herrin des Todes, unter den Gefangenen genannt. Nach kurzer Zeit im ewigen Eis sehnte man sich nach ihrer Zuneigung.

Vor uns kam das Gefängnis Eisfaust in Sicht. Es wurde so genannt, weil dessen eisigen Griff keiner entkam. Die Festung war vom Grundriss quadratisch, in jeder Ecke befand sich ein Wachturm. In der Mitte der Anlage erhob sich das Haupthaus. Daneben gab es einen Zwinger für die Hunde und einen Stall, der nur selten Verwendung fand. Aber das bedrohlichste Gebäude war das Gefängnis, ein schmuckloser kalter Block aus Eis. Darin kauerten sich die Inhaftierten ohne die Annehmlichkeit eines Feuers jede Nacht zusammen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu versuchen sich gegenseitig zu wärmen. Jene, die sich dagegen entschieden, wachten nicht mehr auf.

Die Mauern der Festung mochten aus Stein bestehen, allerdings hatte sich über die Jahre so viel Schnee und Eis daran festgesetzt, dass sie wirkte, als bestünde sie aus gefrorenem Wasser. Allein die Dächer mussten gelegentlich vom Eis befreit werden, damit sie unter der Last nicht zusammenbrachen. Auch für diese Aufgabe wurden Häftlinge eingesetzt.

Knarrend wurde das Fallgitter emporgezogen. Der gefräßige Schlund des Monsters öffnete sich für uns. Als wir durch das Festungstor hindurchgetreten waren, blieb es offen stehen.

»Ab mit Euch!« Wie Vieh wurden die Gefangenen in den Menschenzwinger getrieben. Ich dagegen musste so lange stehenbleiben, bis auch der Letzte in dem dunklen Loch verschwunden war, damit keiner von ihnen sah, wie ich mein eigenes Zimmer in der Hauptburg bezog. Natürlich quälten die Inhaftierten andere Sorgen, als sich um meinen Verbleib in der Nacht Gedanken zu machen, aber der Hauptmann bestand auf dieses Vorgehen.

Hinter uns rollte der Versorgungskarren herein. Die vorgespannten Ochsen schnaubten in der Kälte. Er kam einmal im Monat, um die Soldaten mit Nahrung zu versorgen. Für die Männer in der Eisfaust war dies der Höhepunkt vieler Wochen und ihr einziger Kontakt zur Außenwelt. Der Kutscher wurde sogleich von allen Wächtern umringt, noch bevor er vom Kutschbock steigen konnte. Mich vergaßen sie darüber gänzlich. Ich kniete mich zu Wolf hinab, um ihn aus dem Geschirr zu befreien, er blickte mich dankbar an.

»Was gibt es neues, Meister?!«, fragte der Hauptmann der Festung in freudiger Erwartung. Was ihnen der Kutscher berichtete, war für den Folgemonat ihr einziger Gesprächsstoff.

Der Fuhrmann war seit Jahren derselbe. Er freute sich stets darüber, wie er hier willkommen geheißen wurde. Doch diesmal erschien seine Miene ungewöhnlich trüb. Schwerfällig stieg er vom Kutschbock, seine Glieder waren von der langen Fahrt und der Kälte steif geworden. »Ich habe schlechte Neuigkeiten«, verkündete er.

Wolf sah auf, als habe er die Worte des Mannes verstanden. Auch ich spitzte meine Ohren.

Die Soldaten blickten ihn erwartungsvoll an. Wie auch ich, wussten sie wohl, dass die Nachricht sie nur indirekt betraf, denn sonst hätte er einen Herold oder einen anderen offiziellen Boten dabei.

»Der König ist tot«, eröffnete der Fuhrmann betrübt.

Betroffenheit machte sich unter den Soldaten breit. Ich dagegen versteinerte regelrecht. Wolf befreite sich aus meinem starr gewordenen Griff und sah mich fragend an.

»Lang lebe der König!«, rang sich der Hauptmann zu der altbekannten Formel durch. Seine Mannen stimmten mit ein.

»Nun, vorerst wird ein kleiner Rat die Landesführung übernehmen. Der Prinz ist noch zu jung, um diese Verantwortung zu tragen.« Der Fuhrmann verfiel in seinen üblichen Plauderton.

»Ja, nach meiner Rechnung ist er zehn oder elf Jahre alt. In dem Alter sollte man kein Land regieren«, stimmte Largu zu und hustete.

Sogleich entbrannte eine hitzige Diskussion darüber, welches das richtige Alter für die Herrschaft war. Keiner beachtete mich, wie ich in die Hauptburg trat und mein Zimmer aufsuchte. Ich streifte die Handschuhe ab und entfachte mit einer einzigen Handbewegung ein Feuer im Kamin.

Der König ist tot, wiederholte ich in Gedanken. Der Ernstfall war eingetreten. Der Tag, den ich gefürchtet und zugleich ersehnt hatte, um einen Grund zu haben, meine Gefangenschaft hinter mir zu lassen. Die Zeit drängte. Ich durfte keinen Tag länger warten. All die Jahre hatte ich mich darauf vorbereitet und doch fühlte ich mich gänzlich ungewappnet. Es war die Angst, die mich hemmte. Angst eine Welt zu betreten, die mir fremd geworden war, die mich verstoßen hatte.

Kein Zögern, kein Zaudern, schalt ich mich. Der Plan, mich der Eisfaust zu entwinden, war so alt wie meine Gefangenschaft. Auf einmal erschien mir mein Vorhaben jedoch recht drastisch. Eine alte Empfindung regte sich in mir, ich hatte ihren Namen schon fast vergessen. Mitgefühl, erinnerte ich mich. Das ist der falsche Zeitpunkt für solche Albernheiten.

Ich hängte meine Kleidung nahe des Feuers auf. Ich benötigte sie trocken, und zwar schnell. Auf dem Tischchen neben der Zimmertür nahm ich das Säckchen beiseite, das ich jeden Morgen für die Soldaten bereitstellte. Darin befand sich eine Kräutermischung, welche die Kälteabwehr der Männer stärkte. Ich bereitete sie zu, damit sie diese in die Abendsuppe einrühren konnten. Doch heute sollte ihnen meine Mischung nicht bekommen. Ich warf das Säckchen ins Feuer und öffnete ein Fach meines Arbeitstisches. Im hintersten Eck der Schublade bewahrte ich einen Beutel auf, den ich über die Jahre vorbereitet hatte. Ich legte ihn für die Soldaten bereit.

Nun hieß es warten. Ich setzte mich an den Tisch und ließ meinen Blick über die zum Trocknen aufgehängten Kräuter schweifen. Gab es noch etwas, das ich brauchen konnte? Irgendein Gift oder ein Pulver zur Ablenkung? Das waren Gedanken, die mir hunderte Male durch den Kopf geschossen waren. Falls ich etwas vergessen hatte, dann wohl so gründlich, dass es mir sowieso nicht mehr einfallen würde.

Die Tür ging auf und Largu trat ein.

Ich sah mit müden Augen auf.

Er nahm das Säckchen in die Hand und wog es prüfend. Dann wandte er sich zum Gehen und hielt dabei überraschend inne.

»Leko, was hältst du vom Tod des Königs?«, fragte er. Ehrliches Interesse spiegelte sich in seinen Augen wider. Er hatte mich schon häufiger nach meiner Einschätzung zu den Neuigkeiten gefragt. Oft hatten sich daraus interessante Gespräche entwickelt, nur heute stand mir nicht der Sinn danach.

Ich sah auf. »Was interessiert einen Toten ein Toter?«, log ich. Ich war zwar zum Tode verurteilt, aber ich hatte vor mich heute Nacht wieder zu erheben. Der König hatte diese Möglichkeit nicht, zumindest nicht auf eine erfreuliche Weise.

Largu nickte und trat aus der Zelle. Für einen Moment rang ich mit dem Impuls, ihn zurückzuhalten und ihm den Beutel abzunehmen. Die meisten Soldaten waren gute Kerle, sie hatten solch einen Tod nicht verdient. Nein, daran durfte ich nicht denken, nicht jetzt. Es stand zu viel auf dem Spiel. Die Tür fiel geräuschvoll ins Schloss. Ich vernahm, wie Largu den Schlüssel herumdrehte und abzog.

Ich kämpfte all meine Gewissensbisse nieder und konzentrierte mich auf das Wesentliche.

Wenngleich man mir eine kleine Alchemieküche zugestand, in der ich es warm hatte und schlafen konnte, so war ich doch ein Gefangener.

Mein einfaches Lager aus alten Fellen, die mir die Soldaten über die Jahre geschenkt hatten, wirkte so anziehend wie noch nie. Vielleicht weil ich heute meiner Müdigkeit nicht nachgeben durfte, auch wenn sie mir wie Bleigewichte an den Lidern zog. Träge stemmte ich mich vom Stuhl hoch und begann meine Geheimfächer zu öffnen, die ich mir über die Jahre eingerichtet hatte. Es war mir vor zwei Jahren gelungen, einen Gürtel zu stehlen. An ihm befestigte ich sieben Ledertaschen und zwei Beutel, die ich mir mühsam zusammengeflickt hatte. Neben kräftigenden Mitteln fanden darin auch Gifte ihren Platz. Weil die Soldaten nichts von Alchemie verstanden, hatte ich von ihnen jegliche Pflanzen verlangen können, um meine Mittel zu brauen. Dennoch war Vorsicht geboten, denn sogar jeder Taugenichts weiß, dass Eber- und Diwrakraut zu gleichen Teilen miteinander vermengt, ein tödliches Gift ergeben. Noch dazu eines, das man leicht identifizieren kann, zumindest nach der Anwendung. Dem Opfer quillt Schaum aus Mund und Nase. Beide Kräuter in derselben Lieferung zu bestellen, hätte mich verdächtig erscheinen lassen. Trotzdem befanden sich beide in meinem Besitz. Der Kniff bestand darin, das eine Kraut zu ordern und mit dem weiteren ein oder sogar zwei Jahre zu warten, bis sich niemand mehr daran erinnerte, dass ich das andere Kraut besaß.

Mein ganzer Stolz war indes ein Blasrohr. Vier Jahre waren nötig, um alle Teile dafür zusammen zu bekommen. Die Pfeile des Blasrohrs waren mit Gelsengift versehen. Ich hielt das für eines meiner Meisterstücke, denn man benötigte zwanzig Arbeitsschritte, um es herzustellen. Mit den bescheidenen Mitteln, die mir hier zu Verfügung standen, war es fast unmöglich, das hochwirksame Gift zu destillieren. Ich besaß keine Destillierkolben oder sonst irgendein alchemistisches Werkzeug. Deshalb musste ich mit Tongefäßen arbeiten. Nach einem Jahr Arbeit wusste ich, dass mir das Gelsengift gelungen war. Man erkannte es an der harmlos anmutenden rosa Färbung. Wenn dieses Gift in die Blutbahn eines Organismus gelangte, geriet diese augenblicklich ins Stocken. Dazu genügte eine mit dem Toxikum beträufelte Nadelspitze. Es gab nur wenige Fälle, in denen jemand solch eine Vergiftung überlebte. Deshalb zog ich mir Handschuhe an, als ich die Nadeln der Blasrohrgeschosse in dem Gift tränkte und einen Pfeil ins Rohr lud.

Ich schnallte mir eine weitere Apparatur um meinen linken Unterarm. Sie verschwand gänzlich im Ärmel meines schäbigen Gewandes. Ich hatte sie dazu ersonnen, mir durch eine Drehung meines Handgelenks eine Staubkugel in die Hand fallen zu lassen. Diese Kugeln hatten mir in der Vergangenheit bereits gute Dienste geleistet. Wenn man sie auf den Boden warf, barsten sie und setzten eine Staubwolke frei. Wer nur etwas von dieser einatmete, wurde von schweren Hustenattacken gebeutelt. Sogar mir wurde es damit möglich, meine Gegner zu überwältigen und ich war, weiß der Erste, kein guter Kämpfer.

Ich schob das kleine Kräutermesser in die behelfsmäßige Scheide, legte den Gürtel an und atmete tief durch.

Es wurde Zeit. Die Soldaten hatten mit Sicherheit ihr letztes Mahl hinter sich gebracht. Ich beugte mich zu meiner Schlafstätte hinab und öffnete eine Fuge in der Wand. Den Mörtel hatte ich mit einem Kräuterbrei ersetzt, der sich leicht herauslösen ließ, optisch unterschied er sich in nichts von dem Fugenmaterial. Ich zog einen Schlüssel hervor. Es hatte lange gebraucht, dessen habhaft zu werden. Nachdem klar geworden war, dass eine Wache den Schlüssel zu meinem Gefängnis verloren hatte, gab es eine wochenlange Untersuchung meiner Räumlichkeiten und der ganzen Anlage, bis man zu dem Schluss gekommen war, dass der Schlüssel vermutlich irgendwo im Schnee abhandengekommen und deshalb nicht mehr auffindbar war. Dies war mittlerweile acht Jahre her, keiner erinnerte sich mehr daran.

Das Schloss knackte beim Öffnen. Auf leisen Sohlen schlich ich hinaus. In der Eisfaust herrschte die erwartete Totenstille. Dennoch schloss ich die Tür hinter mir. Zunächst musste ich sichergehen, dass wirklich alle Wächter umgekommen waren, weshalb ich meine Schritte zum Speisesaal lenkte. Der Hauptmann legte großen Wert auf ein gemeinsames Mahl. Im ewigen Eis gab es keine Feinde, weshalb schon lange keine Wache mehr auf dem Wehrgang patrouillierte.

Dort lagen sie, in dem wohlig warmen Speisesaal. Die Männer, mit denen ich die letzten Jahre meines Lebens zugebracht hatte. Männer, die unter glücklicheren Umständen meine Freunde hätten sein können.

Der Oberbefehlshaber war tief in seinen Stuhl gesunken. Die anderen lagen mit dem Kopf in ihrem Eintopf oder waren zu Boden gestürzt. Nahe der Tür lag der Soldat Namens Erdugar. Offenbar hatte bei ihm das Gift zuletzt gewirkt. Es sah so aus, als sei er aufgesprungen, um mich zur Hilfe zu holen. Mich, seinen Mörder.

Keiner von ihnen atmete noch. Unter ihnen befand sich auch der Kutscher. Eines einte alle: sie waren unschuldig, nicht wie ich. Ich hatte meine Strafe verdient und mit diesem feigen Mordanschlag auf fünfundzwanzig Männer gehörte ich an den Galgen. Aber es stand mehr auf dem Spiel, als mein Seelenheil.

»Leko, was hast du getan?«

Ich fuhr herum. Da stand Largu, einen Spieß auf mich gerichtet.

»Ich ... weiß nicht ... was du meinst«, stammelte ich erschrocken. Mich traf der Blitz der Erkenntnis! Die Medizin, die ich ihm gegeben hatte, neutralisierte das Gift. Wie konnte ich das vergessen?

»Stell dich nicht dumm, das ist dein Werk!« Er kam mit erhobener Waffe auf mich zu.

»Es geht hier schon lange nicht mehr um uns«, hob ich zu einer Erklärung an. »Ist der König tot und findet sich niemand seines Blutes auf dem Thron, wird unser ganzes Reich in den Untergang stürzen.« Unbemerkt drehte ich eine Kugel aus der verborgenen Vorrichtung an meinem Unterarm. Sie kullerte in meine Hand.

»Jeder weiß, dass dies nur eine Legende ist«, erwiderte Largu. »Du gehst zurück in deine Zelle!« Genau wie ich verspürte er die Hemmschwelle, einen Menschen zu töten, noch dazu jemanden, der einem Freund gleichkam. Selbst nach dieser Tat hätte er mich am Leben gelassen. »Und bete, dass du nicht erfroren bist, bis ich Meldung gemacht habe.«

»Es tut mir leid, Largu.« Ich warf die Kugel vor ihm auf den Boden und sprang zurück. Das brüchige Material barst und entfesselte explosionsartig eine Staubwolke, die aufstob und den Soldaten umhüllte. Sogleich legte sich das Aerosol auf Largus ohnehin kranke Lunge. Ein heftiger Hustenanfall packte den Soldaten und schüttelte ihn durch. Selbst wenn ich ihn durch die Wolke nicht sah, so wusste ich genau, was ihm zustieß. Sein Spieß fiel klappernd nieder. Ich zog mein Blasrohr und schoss den Pfeil ab. Augenblicklich erstarb das Husten und polternd ging Largu zu Boden. Wie Schnee legte sich weißer Staub über seinen Körper. Ich vermochte kaum hinzusehen. Der Anblick seines verzerrten Gesichtes genügte, um mir selbst für diese Taten den Tod zu wünschen. Gegen heftige Abscheu ankämpfend zwang ich mich dazu, noch einmal kehrtzumachen und nachzuzählen, ob es wirklich fünfundzwanzig Männer waren, oder noch jemand überlebt hatte.

Nein, sie waren alle da und boten einen entsetzlichen Anblick. Bei einigen konnte man deutlich erkennen, wie sie um ihr Leben gerungen hatten, bis das Gift seine Wirkung vollends entfaltete. Sie lagen mit verdrehten Gliedern und mit weit aufgerissenen Augen am Boden. Ihre Blicke schienen mich zu verfolgen. Im abendlichen Eintopf war das Gift wohl ungleichmäßig verrührt worden. Es sollte eigentlich sehr schnell wirken, niemals war es meine Absicht gewesen, die Männer lange leiden zu lassen.

Nun war ich zu den Vergehen, die mich hierher brachten auch noch ein Mörder. Dieser Fakt traf mich wie ein Pfeil in die Brust. Keuchend rang ich um Atem. Ich stolperte und musste mich am Tisch festhalten. Abwesend fiel mein Blick in eine Wasserschale, aus der mich mein Spiegelbild mit grauen Augen anstarrte. Mein Gesicht war eingefallen und ein langer Bart zierte inzwischen das Kinn. Die einst so gepflegten Haare hingen mir in fettigen Strähnen vom Kopf. Handele so, dass du dir jeder Zeit selbst in die Augen sehen kannst, so lautete einer der Grundsätze meines Ordens. Ich wandte mich ab, erschrocken über mich selbst.

Schwerfällig schlurfte ich in mein Quartier zurück und zog mich an. Man sollte nicht zurückschauen, wenn man seine Heimat verließ und obwohl ich von dieser Binsenweisheit wusste, tat ich es dennoch. Diese Stube war für zwölf Jahre mein Zuhause gewesen. Nie in meinem Leben hatte ich so viel Zeit an ein und demselben Ort zugebracht. Eine seltsame Art von Geborgenheit ging von dieser Kammer aus. Ich hatte hier einen eigenen Kamin, ein Fenster, wenn auch vergittert, und einen warmen Schlafplatz. Im Grunde alles, was ich brauchte. Unbehagen beschlich mich bei dem Gedanken, mich in die kalte Welt hinaus zu wagen.

Im Hof der Eisfaust dachte ich darüber nach, was wohl geschehen würde, wenn ich den Ochsenkarren nahm. Die Festung am Rande des ewigen Eises war mir gut im Gedächtnis geblieben. Schließlich war sie das Letzte, was ich vor meiner Inhaftierung gesehen hatte, das noch nicht gänzlich vom Eis bedeckt war. Direkt am Wegesrand gelegen, würde ich von den Soldaten dort auf jeden Fall gesehen werden. Noch dazu mit dem sperrigen Ochsenkarren. Vermutlich wurde er auf dem Rückweg überprüft, damit sich kein Häftling davonstehlen konnte.

Da vernahm ich das Winseln eines Hundes, gefolgt von Kratzgeräuschen, die von der Tür des Hundezwingers ausgingen. Jemand zog von innen an der Klinke, doch die Tür war abgeschlossen.

Einer Ahnung folgend benutzte ich den Schlüssel zu meiner Zelle. Tatsächlich griff er in die Verriegelung und schloss sie auf. Ich öffnete die Tür und wurde augenblicklich zu Boden gerissen.

Schwanzwedelnd stand Wolf auf meiner Brust und leckte mir über die Wange.

»Ist ja gut, Junge.« Ich schob ihn beiseite und richtete mich auf. Unterdessen sprang mein vierbeiniger Freund um mich herum. »Wir verlassen diesen Ort.«

Er hielt inne und sah mit gespitzten Ohren zu mir auf. Wolf blinzelte mich mit seinen bernsteinfarbenen Augen an und blickte daraufhin zum Hundezwinger, so als wolle er mir eine Möglichkeit eröffnen.

»Warum eigentlich nicht? Mach deine Kameraden bereit, wir treffen uns beim Schlitten.«

Wolf huschte in den Zwinger zurück, während ich den Hundeschlitten aus den Stallungen schob. Da fiel mir ein, dass ich gar keinen Proviant dabei hatte.

Erneut betrat ich das Haupthaus. Als ich die Speisekammer gefunden hatte, packte ich schnell das Nötigste in einen Beutel. Auf dem Rückweg bediente ich mich an der Kasse des Hauptmanns. Er war der Einzige, der mit Münzgeld bezahlt wurde. Da er es hier nicht ausgeben konnte, war eine beträchtliche Summe zusammengekommen.

Erneut im Hof angelangt, hatte Wolf die Hunde in Reih und Glied vor dem Schlitten angeordnet. Er hechelte aufgeregt, während die anderen Tiere müde in die sternenklare Nacht stierten. Routiniert spannte ich die Hunde vor, öffnete das Festungstor und ohne, dass ich die Peitsche knallen lassen musste, setzte Wolf den Schlitten in Bewegung.

Tatsächlich schlug er den Weg ein, der in den Süden führte. Als wüsste Wolf, dass es schnell gehen musste, trieb er die Hunde zu einer rasanten Geschwindigkeit an. Der Pulverschnee stob zu beiden Seiten des Schlittens auf. Im Mondschein erstrahlte der Schnee ringsum, sodass es, der Nacht zum Trotz, erstaunlich hell war.

Eiskalte Luft peitschte mir ins Gesicht und fuhr durch mein Gewand. Dennoch spürte ich eine Freiheit wie noch nie in meinem Leben. Ein fast schon beängstigendes Gefühl. Für den Moment schien es keine Grenzen für mich zu geben, damit aber auch nichts, woran ich mich orientieren konnte.

In der Umgebung tauchten immer mehr Bäume und Strauchwerk auf, der Weg vor uns verdunkelte sich. Gleich darauf rissen die Kufen des Schlittens Funken, als sie über Kies schabten. Ich musste nicht einmal einen Befehl geben, Wolf wich von ganz allein vom Weg ab, sodass die Kufen wieder durch den Schnee glitten.

Unsere Fahrt endete abrupt. Tiefer Matsch griff nach den Schlittenkufen und machte es den Hunden unmöglich, den Schlitten weiterzuziehen. Natürlich hätte ich ihnen helfen können, aber wozu? Dunkel lag das Land vor uns. Hier gab es keinen Schnee, der den Hundeschlitten tragen würde.

Ich befreite die Hunde aus dem Geschirr, nahm meinen Beutel mit Proviant vom Wagen und setzte meinen Weg fort. Hundewinseln brachte mich dazu, einen Blick zurückzuwerfen.

»Verschwindet, ihr seid frei!«, rief ich ihnen zu und erntete fragende Blicke der Schlittenhunde. »Ab mit euch. Ich kann euch nicht brauchen.« Diese Worte versetzten mir einen Stich ins Herz, waren sie doch die letzten Freunde aus meiner Gefangenschaft.

Ich wandte mich endgültig ab, fest entschlossen, mich nicht noch einmal nach ihnen umzudrehen. Verzweifelt kläfften sie hinter mir. Ein scharfes Knurren schnitt ihre Klagelaute ab. Daraufhin hörte ich, wie sie sich in alle Richtungen versprengten.

Ihr Klagen betrübte mich, aber eine ganze Hunderotte mit mir zu führen würde mich nur behindern. Ich versuchte sie aus meinen Gedanken zu verbannen. Dafür schlichen sich die verzerrten Gesichter der Soldaten in meinen Geist, ihre aufgerissenen Augen stierten mich anklagend an. Die Schuld an ihrem Tod nagte an mir. Aber was hätte ich anderes tun sollen? Wäre ich einfach geflohen, so hätten sie mich eingeholt und zurückgebracht. Oder noch schlimmer, es wäre bekannt geworden, dass ich noch am Leben war. Daraufhin hätte die königliche Armee selbst Jagd auf mich gemacht.

Nach einem guten Stück des Weges tauchte ein Hund neben mir auf und lief wie selbstverständlich neben mir hier. Ich sah zu ihm hinab und blickte in die bernsteinfarbenen Augen von Wolf, der zu mir hinauf blinzelte.

»Du sollst doch verschwinden«, sprach ich resignierend. »Den Weg, den ich gehen muss ... was ich tun muss, unternimmt man besser allein.«

Wolf lief ein Stück vor und setzte sich mir in den Weg. Sein Blick hatte etwas Herausforderndes. Ich versuchte an ihm vorbeizulaufen. Sogleich löste sich ein Grollen aus seiner Kehle. Es war kein feindseliges Knurren, sondern ein warnender Laut.

»Ich weiß, dass es gefährlich ist«, versicherte ich. »Und ich will dich nicht in Gefahr bringen.«

Wolf gähnte, als wolle er sagen: »Versuch ein besseres Argument, dieses überzeugt mich nicht. Ich lasse dich nicht allein.«

»Es ist meine Verantwortung, ich kann dich da nicht mit hineinziehen«, schob ich halbherzig nach. Vorsichtig trat ich an ihm vorbei. Er packte mich an der schäbigen Hose und kniff mir leicht ins Bein.

»Ach verdammt!«, resignierte ich. »Dann komm eben mit.«

Mein einziger Freund stieß einen Laut aus, der verhieß: »Warum nicht gleich so?«

Gemeinsam setzten wir unseren Weg durch die Nacht fort. Der Boden unter uns wurde fester. Ich beugte mich hinunter, streifte die Handschuhe ab und zum ersten Mal seit zwölf Jahren, spürte ich das Kitzeln von Gras zwischen den Fingern. Niemals hätte ich geglaubt, dies jemals wieder zu fühlen. In diesem Moment brach ein Stück aus der Eisfaust, die mein Herz seit über einem Jahrzehnt fest umschlossen hatte.

Wolf winselte, um meine Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes zu lenken. Da sah ich es, ein goldener Streifen am Horizont. Die Sonne zog über einer blühenden Landschaft herauf. Tränen drückten gegen meine Lider. Ich sank endgültig auf die Knie und krallte mich ins nachtfeuchte Gras. Ein unbeschreibliches Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit überkam mich.

All die Jahre hatte ich einen Fluchtplan ersonnen, ohne davon auszugehen, ihn jemals umzusetzen. »Ich dachte, ich würde als alter Mann im Eis sterben.« Tränen liefen mir heiß über die Wangen.

II.

Zunächst genoss ich es, in den Morgenstunden durch den Wald zu laufen. Das Farbenspiel der Sonne im grünen Blattwerk war atemberaubend. Doch alsbald wich das behagliche Gefühl tiefer Beunruhigung. Wolf bemerkte es ebenfalls. War er bis eben noch durch das Unterholz getollt, so hielt er sich nun dicht bei mir und zog den Schwanz ein. Er winselte leise.

»Wir sind hier gleich raus«, versuchte ich, uns beide zu beruhigen und kraulte ihn hinter den Ohren. War es schon soweit? Ich wusste nicht, wie lange König Girbodur bereits tot war, es konnten schon vier Wochen ins Land gegangen sein. Wenn dem so war, dann gab es mit Sicherheit die ersten Auswirkungen. Ich schauderte bei dem Gedanken. Wolf schüttelte sich, als könne er mein Grauen wahrnehmen.

Da roch ich es: Blut! Es war frisch und vermischt mit dem Gestank nach zerrissenen Därmen.

Sowie ich um die nächste Biegung trat, sah ich es. Vor uns auf dem Weg lag der Kadaver eines Rehs. Wolf blieb zurück als gehöre die Beute jemand anderem, in dessen Revier er nichts zu suchen hatte. Ich dagegen näherte mich dem toten Tier. Der Bauch des Rehs war zerfetzt, als hätte jemand mit übergroßen Händen hineingegriffen und ihn aufgerissen. Über die gesamte Wegbreite lagen die Eingeweide verteilt. Vom abgerissenen Kopf war nichts zu sehen. Unweit des Weges zog sich eine Blutspur einen Baum empor. Dort, drei Meter über dem Boden hing der Hirschkopf von dicken Ästen umschlungen. Als söge der Baum das Blut aus dem Kadaver, hatte sich die Rinde um den Hals geschlossen. Entsetzen lähmte mich. Gleichsam spürte ich die Bösartigkeit des Waldes, als wolle er alle Lebewesen aus Fleisch und Blut auslöschen.

Wolf sprang mich an und riss mich aus der Schreckensstarre. Gemeinsam ergriffen wir die Flucht. Immer wieder blickte sich mein Freund nach mir um. Er hätte mich längst abhängen können, tat es aber nicht.

Der Weg vor uns schien enger zu werden. Ich hörte den Wald bedrohlich ächzen und knarren. Er wollte unseren Tod, um sich an unseren Leichen zu nähren. Mein Atem ging schwer, die Muskeln in meinen Beinen schmerzten, das Blut rauschte mir in den Ohren und dennoch vernahm ich die drückende Stille, von einem gänzlich entvölkerten Wald. Nicht ein Tier schreckte auf, als wir vorbeirannten.

Vor uns riss der Wald auf, wir preschten hinaus. Etwas griff nach meinem Fuß, ich stürzte und überschlug mich. Zwei Schritt außerhalb des Waldes