Die Mädchenwiese - Martin Krist - E-Book + Hörbuch
BESTSELLER

Die Mädchenwiese E-Book und Hörbuch

Martin Krist

4,0

Beschreibung

SIE SIND JUNG. SIE SIND SCHÖN. KEINER HÖRT IHREN TODESSCHREI. Die alte Frau sieht alles kommen. Sie findet die grausam ermordeten Mädchen. Sie kennt ihren Mörder. Aber sie wird schweigen. Der kleine Junge bangt um seine verschwundene Schwester, denn er hat etwas gesehen. Er will reden, doch niemand hört ihm zu. Seit Alex Lindner vor Jahren seinen Dienst als Kommissar quittiert hat, lebt er zurückgezogen in der Provinz. Als auch hier ein Mädchen verschwindet, weiß er: Der Mann, den er damals vergeblich jagte, ist zurück. Diesmal muss er ihn fangen, denn der Blutzoll wird steigen. Der Erfolgstitel von Bestsellerautor Martin Krist in neuer Austattung.  "Garantiert auch bei 36 Grad Gänsehaut." Nina George, Focus "Ein kalter Schauer nach dem anderen!" Miriam Voßmann, Krimikiste.de "Er ist spannend, richtig spannend – der Thriller von Martin Krist. Seite um Seite ein Auf und Ab der Gefühle." Claudia Keikus, Berliner Kurier "Beeindruckendes Tempo und steile Spannungskurve ... Ein Thriller, der diese Bezeichnung ohne Zweifel verdient." Martina Turbanisch, Fluchtpunkt Lesen "Ein Meisterwerk – atemberaubender, präziser und formvollendeter wie dieses Buch kann ein Thriller kaum sein. Meine Hochachtung." Martha Küppers, Voices of the Street

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Seitenzahl: 516

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Zeit:12 Std. 47 min

Sprecher:Omid-Paul Eftekhari

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Beliebtheit




Die Mädchenwiese

Thriller

Martin Krist

R&K

Inhalt

Über den Autor

Finkenwerda

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Epilog

Bücher von Martin Krist

Über den Autor

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin.

Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter Biografien über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido, die Grunge-Ikone Kurt Cobain und den gewaltlosen Rebell Mahatma Gandhi, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.Martin-Krist.de

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»Die Mädchenwiese« ist erstmals erschienen:

2012 im Ullstein Verlag, Berlin

Neuausgabe bei R&K

15. März 2019

Copyright © R&K c/o Martin Krist

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch

auszugsweise – nur mit Genehmigung des Autors

wiedergegeben werden.

Titelbild & Umschlaggestaltung:

Designomicon | Anke Koopmann

unter Verwendung eines Fotos von

© Lee Avison/Arcangel Images

Lektorat: Hannes Windisch

Korrektorat: Rebecca Feist (die-flinke-feder.de)

Illustration Finkenwerda: Timo Kümmel

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Martin Krist, Postfach 910104, 12413 Berlin

www.Martin-Krist.de

Prolog

Als hätte er nur auf sie gewartet.

Als Berta die düstere Waldlichtung betrat, zerriss der Wind die Wolkendecke und der Mond blitzte hervor. Wie ein Scheinwerfer traf sein Licht auf das Moos und auf die junge Frau.

Erzähl mir nicht, du bist überrascht, höhnte eine Stimme in Bertas Kopf, während sie neben dem nackten Körper zu Boden sank, denn du hast gewusst, dass es wieder passieren wird.

»Ja«, sagte sie, »ja, ja …« Zugleich schüttelte sie den Kopf. Sie wollte aufstehen, weglaufen, so schnell wie es ihre alten Knochen zuließen. Doch ihr Körper versagte ihr den Dienst, und sie kauerte wie ein Häufchen Elend auf der Lichtung, als wäre sie mit dem Moos verwachsen, während ihr Blick an der Leiche klebte.

Du kannst mir nicht entkommen, du nicht, das weißt du, so wie du auch begriffen hast, warum es geschehen ist.

Berta spürte die Galle, die sich ihren Hals hinaufdrängte, als ihr Blick auf die entstellten Brüste und den Unterleib der jungen Frau fiel; als hätte ein Tier seine Krallen an dem Fleisch gewetzt. Die Bauchhöhle der Frau klaffte wie ein Krater auf, gab den Blick frei auf ein Loch ohne Eingeweide.

Tränen strömten Bertas Wangen herab, während ihre Augen das Gesicht der Toten suchten. Doch der Leiche fehlte der Kopf. Ohne hinzuschauen, wusste Berta, dass der Frau auch die Hände abgetrennt worden waren.

Angst drohte Berta zu überwältigen. Sie kämpfte dagegen an. Denn es war nicht ihre Schuld. War es nie gewesen.

»Nein«, presste sie hervor, »nein, nie, niemals.«

Und dennoch geschah es.

Weil du böse bist, weil ihr alle böse seid, ist das denn so schwer zu begreifen?

»Nein«, heulte Berta. »Nein, ich kann nicht, ich will nicht ...«

Doch sie wusste, was sie zu tun hatte.

Selbstverständlich weißt du das, es ist ja nicht das erste Mal, dass es geschehen ist, und ...

Widerstrebend rappelte Berta sich hoch, nahm die Arme der Toten und faltete sie ihr auf der Brust. Damit sie nicht wieder verrutschten, stützte Berta sie mit zwei dicken Ästen ab. Mit einem Stöhnen schaufelte sie Erde zusammen und füllte damit die Bauchhöhle. Mühsam schaffte sie Moos herbei, das sie über dem verstümmelten Leib ausbreitete. Anschließend sammelte sie Tannenzweige und bedeckte damit den Leichnam wie mit einer Decke.

… und es wird nicht das letzte Mal sein, dass es passiert! Das ist dir doch klar, oder?

Erschöpft fiel sie neben der Toten auf die Knie. Leise sprach sie ein Gebet. Erst dann schleppte sie sich zurück nach Finkenwerda. Ihr Haus lag am Ende des kleinen Ortes. Berta hatte gerade den Dorfplatz erreicht, da rief jemand ihren Namen.

»Lisa?«, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.

Lisa wirbelte herum. »Scheiße, Sam, hast du sie noch alle?«

Ihr kleiner Bruder tat einen Schritt zurück.

»Und was hast du hier überhaupt zu suchen?«

Verängstigt zog er den Kopf zwischen die Schultern.

»Also?«

»Ich, äh …« Er knetete seine Finger. »Ich bin dir gefolgt.«

»Ach, ehrlich?«

Er vermied es, sie anzusehen.

Lisa klemmte den Hörer zurück auf die Gabel, hob ihren Rucksack vom Boden auf und trat aus der Telefonzelle. Es war eines dieser gelben Häuschen, die eigentlich nur noch in alten Fernsehfilmen zu sehen waren. Oder in Finkenwerda. In dem kleinen Dorf tickten die Uhren anders, zumindest kam es Lisa mit ihren sechzehn Jahren so vor.

»Und?«, fragte Sam. »Du kommst doch zurück, oder?«

»Was soll die blöde Frage?«

Er blickte zu Boden.

»Sam, was?«

Seine Lippen bewegten sich lautlos.

»Erde an Sam: Red mit mir!«

Er holte Luft, schaute zu ihr auf, dennoch war seine zitternde Stimme kaum zu verstehen. »Du hast gerade am Telefon gesagt, du möchtest am liebsten abhauen …«

»Hast du mich etwa belauscht?«

»… und du wirst das Wochenende in …«

»Gar nichts werde ich!«, unterbrach sie ihn schroff. »Und halt jetzt bloß deine Klappe.«

Sofort ließ Sam wieder den Kopf hängen. Dunkle Punkte sprenkelten sein rotes T-Shirt. Er weinte.

Am liebsten hätte Lisa ihn gepackt, kräftig durchgerüttelt und ihm dabei in sein verheultes Gesicht geschrien: Musst du immer wie eine beschissene Schwuchtel herumflennen? Aber wahrscheinlich würde er sich dabei nur das Bein verstauchen, den Knöchel umknicken – oder wieder den großen Zeh brechen, wie er es in seiner unfassbaren Tollpatschigkeit vor zwei Monaten schon einmal getan hatte, noch dazu an der Badezimmertür.

Sie drehte sich um und marschierte zur Bushaltestelle, wie sie es von Anfang an vorgehabt hatte. Als sie die Dorfstraße überquerte, stolperte sie über einen Pflasterstein.

Das Straßenpflaster in Finkenwerda war sicherlich doppelt so alt wie die Telefonzelle. Darauf mit hochhackigen Schuhen zu gehen, wie Lisa sie an diesem Abend trug, glich fast einem Abenteuer, so groß war die Gefahr, im nächsten Moment umzuknicken. So in etwa das einzige Abenteuer, das Finkenwerda zu bieten hatte. Bis vor einigen Monaten war der alte Jugendclub am Dorfplatz noch akzeptabel gewesen, aber mittlerweile war er irgendwie nur noch etwas für Kinder. Für Kinder wie Sam.

»Aber«, hörte sie ihn hinter sich flüstern, »Mama wird sauer sein.«

»Hey, nur zur Erinnerung!« Lisa blieb stehen und betonte jedes einzelne Wort: »Das ist sie schon – scheißsauer!«

Sie lachte, aber es klang wie ein verärgertes Schnauben. Allerdings war ihr nicht klar, auf wen sie wütender war: auf sich selbst, weil sie vorhin die Zimmertür offen gelassen hatte, während sie sich zunächst ihre Finger- und Fußnägel schwarz lackiert hatte und anschließend in ihr Lieblingskleid und in ihre Lieblingsabsatzsandaletten geschlüpft war, oder auf ihre Mutter, die ohne anzuklopfen hereingeschneit war und Lisas drei Tage altes Bauchnabelpiercing entdeckt hatte? Ihr Gezeter klang Lisa immer noch in den Ohren.

Andererseits – hätte Lisas Mutter nichts von dem Piercing erfahren, hätte das vermutlich auch nichts an ihrer schlechten Laune geändert. In letzter Zeit war sie immer gestresst und sauer. Nimm nicht solche Wörter in den Mund, motzte sie dann. Warum trägst du so knappe Sachen? Räum endlich dein Zimmer auf! Eigentlich konnte man ihr gar nichts recht machen. Als wäre Lisa Schuld an der ganzen Misere.

»Aber«, stammelte Sam, »wenn Mama rauskriegt …«

»Wenn du dich nicht verplapperst, dann ...« Lisa hielt inne, als sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bewegung wahrnahm. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. »Guck mal, Sam.«

Die Augen ihres kleinen Bruders weiteten sich, als auch er die verwahrloste Gestalt entdeckte, die wirres Zeug vor sich hin murmelte.

»Soll ich sie mal rufen?«, fragte Lisa.

Ihr Bruder schüttelte entsetzt den Kopf.

Lisa grinste und rief: »Berta, hey, warte doch mal!«

Hast du nicht gehört, du sollst warten, blaffte die Stimme in Bertas Kopf, also bleib verdammt noch mal stehen!

»Nein«, flüsterte Berta verschreckt und beschleunigte ihre Schritte. »Ich bleib' nicht stehen, auf keinen Fall, das mach ich nicht.«

Ihr alter Körper sträubte sich gegen die Bewegung, aber Berta kümmerte sich nicht um den Schmerz. Viel schlimmer war die Angst, die tief in ihrem Innern lauerte; die wie eine Bestie nur auf den richtigen Augenblick wartete, um wieder über sie herzufallen.

Berta zwang sich, schneller zu gehen. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen.

Das wird dir eine Lehre sein, dich meinen Entscheidungen zu widersetzen. Glaubst du denn, du kannst tatsächlich vor mir weglaufen?

»Nein«, flüsterte Berta, »nein, natürlich nicht, das habe ich nie geglaubt, nie, niemals.«

Ihr Blick fiel auf das Mädchen, das von der gegenüberliegenden Straßenseite ihren Namen rief, und sie blieb stehen.

»Hey, Berta«, rief die junge Frau lachend, »ich glaube, mein kleiner Bruder möchte mit dir reden.«

Berta konnte sich nicht an den Namen des Mädchens erinnern. Es gab so vieles, das sie sich nicht mehr merken konnte. Ihr Gedächtnis hatte Lücken bekommen.

Aber mich hast du nicht vergessen, und du wirst mich auch niemals vergessen. Dafür habe ich gesorgt.

»Ja«, sagte Berta keuchend, »ja, ich habe dich nicht vergessen, niemals ...«

Und das lag auch an dem Mädchen, das noch immer lachte, mit einer glockenhellen Stimme, die wie geschaffen war für einen Abend wie diesen. Entsetzt über ihren letzten Gedanken schüttelte Berta ihren schmerzenden Kopf, doch die Wahrheit stand ihr jetzt klar vor Augen. Das Mädchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite hatte lange, schwarze Haare, sie trug ein adrettes Kleid, dazu Schminke und schwarzen Nagellack. Sie hatte sich hübsch gemacht. Sie sah fast aus wie –

Ja, sieh sie dir an, schau genau hin, in ihr süßes Gesicht, und du weißt, an wen sie dich erinnert!

»Nein«, wisperte Berta. »Nein, das ist nicht wahr, das ist nicht richtig, nein, nein …«

Panik trieb sie vorwärts, sie stolperte über das Straßenpflaster, ihrem Hof entgegen. In einem der Häuser kläffte ein Hund.

»Sam, weißt du, was sie ist?«, rief das Mädchen und lachte laut auf.

Der kleine Junge japste.

»Sie ist eine Hexe. Eine böse Hexe.« Das Mädchen kicherte. »Und wenn du Mama was verrätst, dann …«

Die restlichen Worte wurden vom Laub erstickt, das knirschte und knisterte, als Berta den verwilderten Vorgarten ihres Hauses betrat. Als hätte er dort auf sie gewartet, fiel ihr plötzlich der Name des Mädchens ein.

Sie heißt Lisa. Süße, böse Lisa, und jetzt kannst du nicht länger leugnen, an wen sie dich erinnert.

Bertas Kehle entrang sich ein hemmungsloses Schluchzen, das der Wind wie das Heulen eines Wolfes durch den Ort trieb.

»Hey, hast du mich verstanden?«

Obwohl seine Schwester neben ihm stand, drangen die Worte wie aus weiter Entfernung an Sams Ohr. Mit der Hand wedelte sie ungeduldig vor seinem Gesicht herum.

»Träumst du oder was?«

Sam holte Luft. Noch einmal schaute er der alten Kirchberger nach, die auf ihrem verwilderten Hof verschwand. Tagsüber wagte sich die bucklige Gestalt fast nie vor die Tür. Nur spätabends geisterte sie durchs Dorf und jagte den Leuten einen Heidenschrecken ein, wenn sie vor ihnen wie ein Gespenst auf der Straße erschien. Dass sie dabei ständig wirres Zeug vor sich hin murmelte, nährte nur die Gerüchte, die die anderen Kinder sich im Dorf über sie erzählten.

Bei dem Gedanken an diese Geschichten, mehr aber noch an den düsteren Blick, den sie Lisa und ihm zugeworfen hatte, bekam es Sam gleich wieder mit der Angst zu tun.

»Sie ist eine Hexe. Eine böse Hexe«, sagte Lisa grinsend und zeigte auf die greise Frau. »Und wenn du Mama was verrätst, dann passiert etwas Schlimmes. Hast du verstanden?«

Sam wurde wütend, allerdings hauptsächlich auf sich selbst. Er wusste, dass es nur dumme Schauermärchen waren, die die anderen Kinder erzählten. Es gibt keine Hexen! Seine Schwester hatte sich nur einen Scherz mit ihm erlaubt. Ständig piesackte sie ihn, so wie ihn die anderen Jungen in der Schule immer ärgerten. Weichbemme, nannten sie ihn, Gartenzwerg oder auch Schwuchtel.Sam hatte zwar keineAhnung, was das bedeutete, aber er war sich sicher, dass es nichts Schönes war. Deswegen ging er den Jugendlichen lieber aus dem Weg. Und auch der alten Kirchberger.

»Also was jetzt?«, blaffte Lisa.

Weil Sam nicht genau wusste, was sie meinte, nickte er nur.

»Scheiße, was soll das heißen?«

Er nickte noch einmal.

Lisa stöhnte. »Also hältst du die Klappe?«

Erneutes Kopfnicken.

»Schön«, sagte Lisa lächelnd.

Ich möchte nicht, dass du über mich lachst wie die anderen Kinder im Dorf, hätte Sam ihr gerne gesagt, aber er wollte nicht, dass sie sich wieder aufregte. Also hielt er lieber den Mund.

Zufrieden schulterte seine Schwester ihren Rucksack. Aus einer der Seitentaschen brachte sie einen funkelnden Armreif zum Vorschein, den Sam noch nie an ihr gesehen hatte. Sie schob ihn über ihr Handgelenk, dann setzte sie sich in Bewegung. Ihr schwarzes Kleid flatterte im Wind, und das helle Klackern ihrer Absatzschuhe vermischte sich mit dem Rascheln von Laub.

»Lisa«, rief Sam.

Obwohl seine Schwester ihm den Rücken zuwandte, wusste er ganz genau, dass sie die Augen verdrehte. »Was denn?«

Verlegen blickte er zu Boden.

»Kommt da noch was?«

Er knibbelte nervös an seinen Fingernägeln.

»Sam, ehrlich«, seufzte sie, »manchmal bist du …«

»Du kommst doch zurück, oder?«, platzte es aus ihm heraus.

Lisa stieß einen Seufzer aus. »So ein Blödsinn, ehrlich!«

Sams Augen füllten sich mit Tränen. Er konnte nichts dagegen tun.

»Natürlich komme ich zurück«, sagte seine Schwester lächelnd. »Am Montag.«

Diesmal fand Sam es nicht schlimm, dass sie lachte.

»Aber denk dran …« Mit den Fingern machte Lisa vor dem Mund eine Bewegung, als würde sie einen Reißverschluss zuziehen. Wenn du Mama was verrätst, passiert etwas Schlimmes. Der Armreif klapperte an ihrem Handgelenk. Danach drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. I want you to make me feel, begann sie dabei eines ihrer Lieblingslieder zu summen, like I'm the only girl in the world.

Ihr fröhliches Summen wurde leiser, ebenso wie das Klackern ihrer Absätze. Wenig später wurde beides vom Rattern eines vorbeifahrenden Pkw verschluckt. Das helle Scheinwerferlicht glitt über Sam hinweg, bevor der Wagen wieder in der Dunkelheit verschwand. Stille kehrte ein.

Langsam trottete Sam heim. Sein großer Zeh schmerzte wieder. Obwohl er seit kurzem keinen Gips mehr tragen musste, spürte er gelegentlich noch ein Ziehen.

Ein jähes Heulen ließ Sam erstarren. Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken. Nur ein Fuchs, beruhigte er sich. Oder ein Wildschwein.

Trotzdem beeilte er sich, nach Hause zu kommen.

Kapitel 1

Ich habe gewusst, dass Sie kommen. Nein, nicht Sie. Aber irgendjemand, der die Wahrheit herausgefunden hat. Früher oder später musste es doch passieren.

Bitte, kommen Sie herein. Gehen Sie ins Wohnzimmer. Setzen Sie sich.

Ich erzähle Ihnen gerne die Wahrheit: Dinge passieren einfach, ob Sie wollen oder nicht, und sie setzen Ereignisse in Gang, gegen die Sie noch viel weniger ausrichten können. Es ist wie bei diesem Spiel mit den Dominosteinen.

Den Kindern heutzutage ist es kaum noch ein Begriff. Viel lieber spielen sie mit ihren Telefonen herum, diesen kleinen Computern und den anderen Geräten, deren Namen ich nicht kenne. Ich bin zu alt für so etwas. Aber jeden Tag sehe ich auf dem Dorfplatz die Mädchen und Jungen damit spielen. Was sind schon ein paar Holzsteine, deren einziger Sinn darin besteht, der Reihe nach umzufallen, im Vergleich zu dem bunten Geflacker auf diesen winzigen Bildschirmen?

Aber ich schweife ab. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Es gibt so vieles, das mir durch den Kopf geht.

Als kleines Kind spielte ich oft Domino mit meinem Vater, im Sommer abends hinter dem Haus. Mit einer Engelsgeduld, wie ich sie später nie wieder bei jemandem erlebt habe, reihte er die Dominoklötzchen auf der Terrasse aneinander. Einige der Holzsteinchen, die ich ihm aus einem Säckchen reichte, platzierte er sogar im Blumenbeet meiner Mutter.

»Eduard«, rief sie, als sie mit einem Tablett voller Teller, Messer und Gabeln zu uns auf die Terrasse kam, »seid ihr da etwa zwischen meinen Geranien?«

»Geranien? Welche Geranien?« Mein Vater machte einen Satz, der angesichts seiner mächtigen Statur überraschte. Schon stand er zwischen seinen Tomatenstauden. »Ich seh nur Tomaten. Frische Tomaten. Brauchst du nicht welche für den Salat?«

Er zupfte eine Frucht vom Strauch und biss hinein. Dabei grinste er hinter seinem dichten Bart hervor wie ein vorlauter Schuljunge. Nicht nur ich musste kichern.

»Macht nicht mehr allzu lange.« Lachend verteilte meine Mutter die Teller auf dem Gartentisch. »Das Abendessen ist gleich fertig.«

»Mit oder ohne Tomaten?«

Mit den Gabeln in der Hand drehte meine Mutter sich um, eine ebenso neckische Antwort auf den Lippen. Ich mochte die Art, wie meine Eltern miteinander umgingen. Ihre Beziehung war von Respekt und Zuneigung geprägt.

So glücklich, dachte ich in solchen Momenten, möchte ich später auch mal sein.

Diesmal schüttelte meine Mutter nur kurz den Kopf. Während sie zurück ins Haus ging, schnürte sie ihre lilafarbene Küchenschürze enger um die schmale Hüfte. Anders als mein Vater war sie von zarter Statur.

Als alle Dominosteine standen, ohne dass Geranien oder Tomatenstangen einen Schaden erlitten hatten, setzten wir uns auf die alte Gartenbank. Wir warteten, bis Mutter die dampfenden Töpfe auf dem Tisch abstellte und sich zu uns gesellte. Erst dann zupfte mein Vater eine Karo-Schachtel aus der Brusttasche seiner Latzhose, die er bei der Arbeit am liebsten trug. Uns umgab Zigarettenqualm, den ich tief durch die Nase einsog. Ich mochte den würzigen Duft, der sich unter den Geruch von Schmorbraten, Kartoffeln und Kraut mischte, der Mutters Schürze anhaftete.

»Was meinst du, Kleines, sollen wir sie laufen lassen?« Mein Vater zerzauste mir die Haare.

Ich sprang auf.

»Ah, ah, ah«, sagte er.

Auf Zehenspitzen, das flatternde Blümchenkleid, das mir meine Mutter genäht hatte, fest an meine Beine gedrückt, tapste ich zu den Dominosteinen hinüber. Ich bückte mich und gab dem ersten Klötzchen einen Stoß. Sofort sauste der Dominozug mit einem Rattern über unsere Terrasse und durch das Gartenbeet.

Jedes andere Kind hätte das Spektakel wahrscheinlich mit Jubelrufen begleitet. Ich dagegen ließ mich wieder zwischen meinen Eltern nieder. Mein Vater hielt die Augen geschlossen, lauschte dem Surren der fallenden Steine. Für ihn, glaube ich, bedeutete das Spiel – das geduldige Aufbauen und das hypnotische Säuseln der Klötzchen – vor allem Entspannung nach einem anstrengenden Tag. Für mich war es Zeit, die ich mit meinen Eltern verbringen durfte, von denen ich viel zu selten etwas hatte. In ihrer Nähe, an die kräftige Schulter meines Vaters gelehnt, das Kitzeln von Mutters Haaren auf der Wange, den Geruch der Zigaretten und des Abendessens in der Nase, war ich so glücklich, wie ein Kind es nur sein konnte. Und später, als ich älter wurde, begriff ich, was es war, das ihre Beziehung so einzigartig machte: die Fähigkeit, in den wenigen Augenblicken des Innehaltens, die ihnen die tägliche Mühsal ließ, das gemeinsame Glück zu genießen.

Sie wollen wissen, was das mit den jetzigen entsetzlichen Ereignissen zu tun hat. Das erzähle ich Ihnen gerne. Aber um die Gründe zu verstehen, müssen Sie die Geschichte von Anfang an hören. Und alles begann mit meinen Eltern. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Alles Gute endete mit meinem Vater.

Kapitel 2

»Wie bitte?« Laura Theis blieb stehen und sah ihren Sohn entgeistert an. »Was hat dein Vater gesagt?«

»Dass ... dass ... «, Sams Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, »... dass wir bald wegziehen und dass wir ...«

»So ein Blödsinn!« Unwirsch fegte sie die Haarsträhnen beiseite, die ihr ins Gesicht hingen. Dabei bemerkte sie ein paar Rentner und Hausfrauen, die sie über die Supermarktregale hinweg anstarrten. Es würde sicherlich wieder Gerede geben: Hast du schon von der Theis gehört? Jetzt zieht sie also weg. Das musste ja so kommen.

»So ein Blödsinn!«, wiederholte Laura, diesmal deutlich leiser. Sie ergriff Sams Hand. »Und jetzt komm, du brauchst noch deine Pausenbrote.«

»Aua, mein Fuß.«

»Ach Sam, bitte, du trägst seit zwei Wochen keinen Gips mehr.« Sie zwängten sich an den Regalen vorbei, die in dem Dorfladen zu derart schmalen Gängen aufgereiht standen, dass man mit einem Einkaufswagen nur mühsam hindurchgelangte. Erst recht nicht mit einem tollpatschigen Jungen. In diesem Moment stieß Sam mit seinem Rucksack gegen Raviolibüchsen. »Sam, pass doch auf!«

Er gab einen wehleidigen Ton von sich. In einiger Entfernung bog eine alte Dame mit ihrem Rollator in den engen Gang. Sam wurde langsamer.

»Wenn du weiter so trödelst, verpasst du den Schulbus.« An ihren eigenen Bus, den sie für die Fahrt zur Arbeit in einem Berliner Callcenter erwischen musste, mochte Laura gar nicht denken. In diesem Moment klingelte ihr Handy.

»Ja, Rolf, was ist?«

»Du hattest angerufen.«

Die ruhige Stimme ihres Mannesmachte sie wütend. »Ja, schon am Freitag.«

»Tut mir leid, aber ich war mit ...«

»Nein, ich will's gar nicht hören. Es interessiert mich nicht, was du mit ihr getrieben hast, okay?«

Die alte Frau hatte sich inzwischen einen Weg durch die Regale gebahnt und stand mit einem Mal unmittelbar vor Laura. Diese zwängte sich an der Gehhilfe vorbei und streifte dabei ein Regal mit Colaflaschen, die wankten, aber nicht umfielen. »Sag mir lieber, warum du Sam so einen Blödsinn erzählst. Von wegen wir ziehen weg. Einen Teufel werden wir tun.«

»Aber es wäre besser für uns, wenn wir das Haus verkaufen.«

»Du meinst, es wäre besser für dich!« Lauras Handy piepte. Sie hatte eine SMS erhalten. Dann vernahm sie ein Knistern. »Sam, leg die Chipstüte zurück. Und komm endlich. Sonst verpasst du tatsächlich den Bus.«

Schwerfällig trabte er los.

»Sam, verdammt noch mal, beweg deinen Hintern!«

»Wie redest du denn mit dem Jungen?«, rief Rolf.

Sie packte Sam am Pulloverärmel und zerrte ihn hinter sich her. »Rolf, ich möchte nicht ständig ...« Ihre Worte gingen in einem ohrenbetäubenden Krachen unter.

»Was war denn das?«, erkundigte sich ihr Mann erschrocken.

Zu Sams Füßen rollten Suppendosen, die er mit seinem Rucksack umgeworfen hatte. Die Blicke aller Leute waren auf sie gerichtet. Die Theis und ihr komischer Junge. Mal wieder typisch.

»Rolf, pass mal auf«, sagte Laura erbost, »kümmer‘ du dich einfach um das verflixte Dach, okay? Letzte Woche hat es schon wieder ins Haus geregnet.« Sie kappte die Verbindung. »Und du, Sam, kannst du dich nicht einfach mal am Riemen reißen? Ist das denn wirklich zu viel verlangt?«

Verängstigt zog Sam seinen struppigen Kopf zwischen die Schultern. Seine Lippen bebten und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Laura atmete tief ein und wieder aus, bezwang ihre Verärgerung. Sie las die eingegangene SMS: Laura, Liebes, hast du gut geschlafen? Hoffe doch ... Freue mich, dich gleich zu sehen. HDL, dein Patrick.

Patrick war ihr Arbeitskollege, mit dem sie sich seit ein paar Monaten auch privat traf. Sie warf ihr Telefon in die Handtasche und bückte sich nach den Konserven. Fielmeister's Beste. Das Beste für den Tag. Sie seufzte. Erneut fielen ihr die Haare ins Gesicht.

»Warten Sie«, sagte ein Mann neben ihr, »ich helfe Ihnen.«

Laura schob die Strähnen beiseite. Durch das Schaufenster sah sie, wie sich der Schulbus der Haltestelle näherte. Die Kinder und Jugendlichen drängelten sich an den Straßenrand. Erschrocken sprang sie auf. »Würde es Ihnen etwas ...?«

»Ach was!« Er hob zwei Blechbüchsen auf. »Ich erledige das.«

»Danke, das ist nett von Ihnen, Herr ...«

»Lindner. Alex Lindner. Wir sind uns schon ein paarmal im Ort begegnet.«

»Ja, bestimmt.«

»Mir gehört die Elster.«

»Ach so, ja.« Sie hatte ihre Tochter einige Male spätabends mit anderen Jugendlichen vor der alten Kneipe am Dorfplatz erwischt. Laura machte einen Schritt auf ihren Sohn zu.

»Also«, sagte Lindner, »bestimmt haben Sie schon ...«

»Entschuldigung«, unterbrach sie ihn, »aber der Schulbus.«

»O ja.« Er errötete. »Natürlich.«

»Nochmals vielen Dank.« Sie nahm Sam an die Hand und schnappte zwei belegte Sandwiches aus der Kühltheke. Auf dem Weg zur Kasse begegnete sie noch einmal Lindners Blick. Er lächelte verlegen.

Alex Lindner blieb in dem schmalen Gang zurück. Er war eingepfercht zwischen Regalen mit Ravioli und Waschpulver und stand in einem Meer zerbeulter Fielmeister's Beste. Sein Blick fiel auf die beiden Suppendosen in seinen Händen. Das Beste vom Tag. Er wurde das Gefühl nicht los, sich wie ein Teenager benommen zu haben.

»Junger Mann?«

Hinter ihm klapperte eine alte Dame ungeduldig mit ihrem Rollator. Alex trat beiseite. Während die Frau ihre Gehhilfe an dem Blechteppich vorbeibugsierte, versuchte er sich an ihren Namen zu erinnern. Vergeblich. Es war zu früh, und er war zu müde. Mit einem Gähnen stellte er die Konserven auf das Regal und bückte sich nach den anderen. Er hatte die Hälfte zu einer Pyramide gehäuft, als ein unrasiertes Gesicht über dem Einkaufsregal auftauchte.

»Na, sieh mal einer an!«, sagte Ben grinsend.

Neben ihm erschien Paul. »Er hat sich einen neuen Job gesucht.«

»Er hat auf uns gehört.«

»Klar hat er das. Wir sind schließlich seine Freunde.«

»Freunde? Ihr?« Alex klaubte weitere Suppendosen vom Boden auf. »Da brauch ich keine Feinde mehr.«

»Oho«, riefen Ben und Paul im Chor.

»Der Herr ist gereizt.« Ben schritt um das Regal herum und half Alex, die Dosen zu stapeln. »War wohl wieder spät letzte Nacht.«

»Oder«, sagte Paul glucksend, »er ist sauer, weil er sich eine Abfuhr eingefangen hat.«

Alex hob die letzte Büchse auf. »Erzähl keinen Scheiß!«

»Hey, Mann, wir haben's mit eigenen Augen gesehen.«

»Gar nichts habt ihr gesehen.«

»Siehste«, Paul stieß Ben mit dem Ellbogen an, »hab ich dir doch gleich gesagt, die Alte mit ihrem Gehbänkchen will nichts von ihm wissen.«

Alex blickte in die feixenden Gesichter seiner Freunde. Er konnte nicht anders, er lachte, während er zur Kühltheke ging und daraus Kochschinken, Käse und Butter entnahm. Er gähnte.

»Also doch«, sagte Paul, der sich Brot und Erdbeerkonfitüre auf die Arme geladen hatte. »Gestern ist es spät geworden.«

»Kann sein.«

Alex sah, wie die alte Dame ihre Einkäufe vom Kassenband im Rollator verstaute. In diesem Moment fiel ihm auch ihr Name wieder ein: Krause. Ihr Mann, Anton Krause, gehörte zu den Stammgästen der Elster. Zu denjenigen, die Alex insgeheim »Barhocker« nannte, die morgens um drei oder vier Uhr gerne noch ein Helles und einen Korn bestellten.

»Da bist du selber Schuld«, wetterte Paul, »wir haben dich gewarnt.«

Alex winkte ab.

»Aber du musstest dir ja die Kneipe aufhalsen. Glaubst du wirklich, dass du ...«

Alex ließ ihn nörgeln. Er sah Laura Theis an der Kasse stehen. Sie war zierlich und hatte lange schwarze Haare, die in wirren Strähnen ein apartes Gesicht mit hoher Stirn und dunkel umrandeten Augen rahmten. Darunter befanden sich eine schmale Nase und ein Mund mit vollen Lippen. Alex vermutete, dass sie ein hübsches Lachen hatte, das sie aber selten zeigte.

Es gab einige Gerüchte, die unter den Barhockern über sie kursierten. Demnach war ihr Mann mit ihrer besten Freundin durchgebrannt und hatte sie mit den Kindern alleine gelassen. Außerdem hatte er die Hypothek für das Haus nicht beglichen und ihre Erbschaft verspekuliert.

»Hey, Mann, hörst du mir überhaupt zu?«, rief Paul empört.

Alex löste seinen Blick von Laura Theis, deren Handy in diesem Moment zu klingeln begann.

Genervt presste Laura ihr Handy ans Ohr. »Rolf, ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt.«

Ein oder zwei Sekunden drang nur ein Knistern aus dem Hörer.

»Verflixt, Rolf!«

»Frau Theis?«, fragte eine weibliche Stimme.

»Oh, Entschuldigung.« Laura warf der Kassiererin einen Fünf-Euro-Schein auf das Kassenband. Ohne auf das Wechselgeld zu warten, drückte sie Sam die beiden Sandwiches in die Hand und zog ihn zum Ausgang. »Also, ich dachte, sie wären ... jemand anderes.«

»Nein, hier ist Bertrams.«

»Ah ja, Frau Bertrams, hallo.«

Die Anruferin schwieg erneut, als würde sie darauf warten, dass Laura sich an sie erinnerte.

»Also, äh ...«, sagte Laura. »Sie waren noch mal?«

»Die Klassenlehrerin Ihrer Tochter.«

»Ach so, ja, natürlich.« Laura hüstelte verlegen. Sie trat nach draußen. Die Luft war kühl, aber die Sonne schien und ließ einen angenehmen Herbsttag erwarten. Ihr Sohn blieb auf dem Bürgersteig stehen. »Frau Bertrams, bitte warten Sie einen Augenblick.« Sie ordnete wieder notdürftig ihre Frisur. »Sam, was ist denn jetzt schon wieder?«

Sein Blick war furchtsam auf einen Hund gerichtet, der neben den Fahrradständern in der Sonne döste.

»Der schläft doch nur, der tut dir nichts.« Doch Sam rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Laura stellte sich vor den Vierbeiner. »Jetzt besser?«

Ohne den Hund aus den Augen zu lassen, tapste Sam an ihm vorüber. Laura nahm ihren Sohn wieder an die Hand und schleifte ihn über die Straße zum Dorfplatz. Der Bus hatte mittlerweile die Haltestelle erreicht. Zischend öffneten sich die Türen, die Kinder drängelten sich hinein.

»So, Frau Bertrams«, sprach Laura in ihr Handy, »jetzt bin ich wieder dran. Worum geht es?«

»Um den Ausflug ins Museum, der für heute geplant ist.«

»Ach ja, Lisa hat davon erzählt.« Beinahe hätte Laura den Postboten auf dem Fahrrad übersehen, der ihren Weg kreuzte. Ungeduldig ließ sie ihn vorbei. »Ich habe das Geld für die Busfahrt schon vor Wochen überwiesen. Es ist doch auf dem Schulkonto eingegangen, oder?«

»Ja, natürlich.« Die Lehrerin zögerte. »Aber wir warten auf Ihre Tochter. Ist sie wieder krank?«

»Nein, Lisa ist ...« Sam prallte gegen Lauras Rücken, als sie unvermittelt stehen blieb. »Ist sie nicht in der Schule?«

Alex drehte sich zu seinem Freund um. »Was hast du gesagt?«

»Ich sagte, lass die Finger von ihr.«

»Von wem?«

»Ach komm.« Paul verdrehte die Augen. »Ich hab doch deinen Blick gesehen.«

»Wer hat welchen Blick gesehen?« Ben gesellte sich mit Kaffee und Kondensmilch zu ihnen ans Kassenband.

»Ich den von Alex, gerade eben«, erklärte Paul, »wie er der Theis auf den Arsch gestarrt hat.«

»Erzähl keinen Scheiß!«, widersprach Alex. Durch das Schaufenster sah er Laura Theis am Dorfplatz stehen, nicht weit von der alten Telefonzelle entfernt. Mit der einen Hand hielt sie den Arm ihres Sohnes umklammert, mit der anderen presste sie ihr Handy ans Ohr.

Ben folgte seinem Blick. »Na ja, hübsch ist sie ja.«

»Schaut lieber mich an!« Paul verstellte ihnen die Sicht.

Alex und Ben wandten sich gleichzeitig ab. »O Gott!«

»... und dann wisst ihr, was zählt.«

»Was? Graue Haare? Eine dicke Wampe?«

»Ein guter Kumpel, das zählt«, verkündete Paul. »Keine Frau, die euch irgendwann ...«

»... das letzte Hemd kostet?«, fragte Alex lächelnd.

»Ganz genau, ich kann es ...«

»... nicht oft genug wiederholen, sag bloß?«, fügte Ben grinsend hinzu.

Paul runzelte die Stirn. »Macht ihr euch lustig über mich?«

»Nie im Leben«, erwiderte Ben.

Alex hustete in seine Faust, um ein Lachen zu unterdrücken. Er bezahlte Butter, Aufschnitt und Käse und stopfte alles in einen Rucksack. »Und was wolltest du mir eigentlich sagen?«

»Wisst ihr was?«, knurrte Paul. »Ihr könnt mich mal!«

Achselzuckend trat Alex nach draußen in die Sonne. Gizmo sprang auf, kam tänzelnd auf ihn zu und leckte sich die Lefzen.

»Vergiss es!«, wies ihn Alex zurecht.

Doch der Retriever hatte den Kochschinken in der Einkaufstüte bereits gewittert. Kläffend folgte er seinem Herrchen über den verwahrlosten Dorfplatz.

Finkenwerda mochte von idyllischen Flussläufen umgeben sein, aber zugleich wirkte es verloren im Spreewald, beinahe von der Zeit vergessen. Die Altbauten im Ortskern wiesen überwiegend Zeichen des Verfalls auf. Abgeblätterter Putz ließ erkennen, dass die meisten von ihren Besitzern aufgegeben waren.

Die Elster machte da keine Ausnahme. An der Kneipe angekommen, öffnete Alex den Briefkasten. Sieben Briefe und ein Päckchen kamen ihm entgegen. Das Päckchen riss er zuerst auf. Als hätte er seit Tagen nichts mehr zu fressen bekommen, schnappte Gizmo nach den herabflatternden Pappfetzen.

»Ich an deiner Stelle«, sagte Ben amüsiert, »würde mal ein ernstes Wort mit dem Hund reden.«

»Ich rede ständig mit ihm, aber er hört mir einfach nicht zu.«

Der Retriever spitzte die Ohren und neigte den Kopf.

»Es sei denn, es geht ums Essen.«

Gizmo bellte zustimmend.

»Siehst du«, sagte Alex an Ben gerichtet, »das meinte ich.« Er zog eine CD aus dem Päckchen. Nirvana. Nevermind. Original Master Recording.

»Hast du nicht gesagt, die gibt's nicht mehr?«, fragte Ben.

»Hab sie bei eBay entdeckt.«

»Und? Teuer?«

»Frag besser nicht.« Alex blätterte durch die Briefe. Drei waren von Brauereien, vermutlich Rechnungen, zwei vom Gaststättenverband, einer vom Finanzamt. Der Absender des letzten Briefes war die Stadt Berlin. Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Als Alex das Kuvert öffnen wollte, ließ ihn das Geräusch einer Hupe innehalten. Ein BMW rollte am Schulbus vorbei, der an der Haltestelle wartete, bis vor die Kneipe.

Die Tür öffnete sich und gab den Blick frei auf Bundfaltenhose, Hemd und Sakko mit Manschettenknöpfen. Norman strahlte über das ganze Gesicht und strich sich durch die blondierten Haare. »Herrgott, Jungs, was trödelt ihr denn so? Können wir endlich?«

Paul zeigte ihm den Mittelfinger.

Norman lachte. »Als dein Anwalt rate ich dir ...«

»Du bist nicht mein Anwalt«, widersprach Paul, »schon seit fünf Jahren nicht mehr.«

»Echt? Fünf Jahre?« Ben kratzte sich an seinem unrasierten Kinn. »Wenn man dich manchmal reden hört, könnte man meinen, deine Scheidung ist erst fünf Tage ...«

»Und du … kannst mich auch mal kreuzweise.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite mühte sich Frau Krause mit ihrer Gehhilfe über den holprigen Bürgersteig und verzog ihr Gesicht vor Missfallen.

»Also manchmal muss ich mich wirklich für meine Freunde schämen.« Ben lachte leise.

»Sag ich doch.« Alex warf die Briefe in den Rucksack und öffnete die Kofferraumtür des BMW. Kläffend sprang Gizmo zwischen die Angeln, Kescher und Köderkisten. »Also, was jetzt? Soll die Endeavour ohne uns ablegen?«

Laura musste einige Sekunden warten, bevor die Lehrerin auf ihre Frage reagierte.

»Tut mir leid, Frau Theis«, tönte es schließlich aus dem Hörer, »aber Ihre Tochter ist schon wieder nicht zur Schule gekommen. Deshalb, und weil der Bus zum Museum jeden Moment losfährt, wollte ich mich kurz bei Ihnen melden.«

»Deshalb?« Nervös spielte Laura mit ihren Haaren. »Frau Bertrams, was soll das heißen? Schon wieder? Und ob Lisa wieder krank ist? Das war sie die letzten Wochen nicht und ...«

»Aber sie hat in jüngster Zeit wiederholt im Unterricht gefehlt. Angeblich war sie krank.«

»Nein, ich sagte doch, das war sie nicht.«

»Sie hatte Entschuldigungsschreiben. Von Ihnen unterzeichnet.«

»Aber ... Warten Sie einen Augenblick!« Laura hielt Ausschau nach ihrem Sohn. Mit den beiden Sandwiches in der Hand schlenderte er den Bürgersteig entlang, und betrachtete die abgetretenen Pflastersteine. »Sam, der Bus!«

In diesem Moment schlossen sich zischend die Fahrzeugtüren. Das Dröhnen des Motors scheuchte die Spatzen aus den Baumwipfeln. Kurz darauf war der Bus zum Ortsausgang hinaus verschwunden. Als ginge ihn das alles nichts an, kickte Sam Kieselsteine in einen der wilden Sträucher am Dorfplatz. Es gab Tage, da trieb er Laura zur Weißglut.

»Frau Bertrams, es tut mir leid«, sprach sie in ihr Handy, »aber ich habe keine Entschuldigungsbriefe für Lisa unterschrieben.«

»So etwas habe ich mir fast gedacht. Deshalb rufe ich Sie ja an. Damit Sie Bescheid wissen. Und über alles Weitere müssten wir später reden, denn wie gesagt, unser Ausflug startet in wenigen Minuten. Würde es Ihnen morgen früh passen?«

Nein, das passt mir gar nicht, hätte Laura beinahe geantwortet, doch stattdessen sagte sie: »Vormittags muss ich arbeiten, am Nachmittag wäre mir daher lieber.«

»Ist Ihnen 16 Uhr recht?«

Laura willigte ein, beendete das Gespräch und ging in Gedanken den Ablauf des folgenden Tages durch. Sie würde noch ein paar Minuten früher aufstehen müssen, damit sie sich wenigstens die Haare frisieren konnte und Sam nicht erneut den Bus verpasste. Sie hoffte, ihre Schicht im Callcenter etwas früher beginnen zu können, um anschließend rechtzeitig im Gymnasium in Königs Wusterhausen zu sein. Sie stellte sich auf einen Tag ein, der noch stressiger werden würde, als er ohnehin schon gewesen wäre.Laura wählte die Handynummer ihrer Tochter, wurde jedoch zur Mailbox durchgestellt. Es erklang laute Techno-Musik, bei der Lisas Ansage kaum zu verstehen war. Nur mit Mühe bändigte Laura ihren Zorn. »Fräulein, kannst du mir bitte erklären, warum du – schon wieder – nicht in der Schule bist? Und wo steckst du überhaupt? Ruf mich an! Nein, du kommst heim. Sofort!« Sie legte auf. »Sam!«

Sam zuckte zusammen, als hätte sie ihn aus dem Schlaf gerissen. Sein Kopf sank auf die Brust, sodass seine struppigen Haare sein Gesicht verdeckten. Er knetete seine Finger.

Nicht zum ersten Mal fragte Laura sich, was in ihm vorging. Dabei kannte sie die Antwort und auch die Gründe, warum er sich trotz seiner acht Jahre immerzu wie ein kleines Kind benahm.

Sie kämpfte gegen die Verbitterung an, die ihr mittlerweile vertrauter war als das Lachen ihrer Kinder. Beklommen sah sie auf die digitale Uhr ihres Handys. »Sam, der nächste Bus kommt gleich.«

Er ließ nicht erkennen, ob er sie verstanden hatte.

»Den verpasst du aber nicht, ja?«

Endlich hob er den Blick.

»Willst du so lange an der Haltestelle warten oder daheim?«

Er zog die Riemen seines Rucksacks straffer und humpelte ihr hinterher. Sie glaubte nicht, dass sein Zeh ihm nach wie vor Schmerzen bereitete. Aber darum konnte sie sich jetzt nicht kümmern. Ihr blieb nur wenig Zeit, bis ihr eigener Bus kam. Nur ein paar Minuten, in denen sie sich vergewissern konnte, dass Lisa tatsächlich erkrankt und deshalb wieder heimgekehrt war. In den Blumenbeeten im Vorgarten ihres Hauses wuchs das Unkraut so hoch, dass sogar der Rosenstrauch vor dem Küchenfenster nur noch einem wilden Gestrüpp glich. Früher hatte Laura die Gartenarbeit geliebt, stundenlang in der Sonne und an der frischen Luft verbracht. Früher war vieles anders gewesen. Sie schob ihre Haarsträhnen aus dem Gesicht und entriegelte die Haustür.

Jetzt klärt sich alles auf, flüsterte sie vor sich hin, ganz sicher. Bestimmt war ihre Tochter zu Hause, weil sie einen Schnupfen hatte, Migräne, Unterleibsschmerzen oder ihre Tage.

Laura trat in die Diele. »Lisa?«

Kapitel 3

Habe ich schon erwähnt, dass die Zeit, die ich als Kind mit meinen Eltern verbrachte, nur knapp bemessen war?

Meine Eltern besaßen ein großes Grundstück und hielten sich aus Nostalgie – die Bodenreform lag ein halbes Jahr zurück – noch ein paar Katzen, Kühe, Schweine, Hühner und Gänse. Die Tiere sorgten zwar nicht für unser Einkommen, aber natürlich bereiteten sie viel Arbeit.

Ich war frischgebackene Pionierin und mein Vater trug mir auf, mich um die Tiere zu kümmern. Fortan fütterte ich mittags nach der Schule die Schweine, melkte die Kühe und trieb abends die Hühner zusammen. Wenn im Herbst die Zeit dafür gekommen war, half ich meiner Mutter, eine Gans zu schlachten. Dass meine Eltern mich mit diesen Aufgaben betrauten, erfüllte mich mit Stolz, fast noch mehr als die weiße Bluse und das blaue Halstuch, die ich seit kurzem trug.

Natürlich unterliefen mir anfangs Fehler, aber meine Eltern waren mir niemals böse. Als eines Abends eine wildgewordene Kuh auf mich losging, war es mein Vater, der sich ihr in den Weg stellte und mich vor den stampfenden Hufen rettete. Er kam mit einem blauen Auge, einigen geprellten Rippen und einem gebrochenen Arm davon. Seitdem war er mein Held.

Für den täglichen Unterhalt betrieben meine Eltern in Finkenwerda die Bäckerei, die früher meinem Urgroßvater gehört hatte. Er hatte sie seinem Sohn vererbt, die dieser kurz vor seinem Tod an meinen Vater weiterreichte. Bäckereien waren in der DDR einer der wenigen privaten Handwerksbetriebe. Das machte unseren Laden zu etwas Besonderem, und nicht zuletzt deshalb war er der ganze Stolz meines Vaters.

Die Kunden merkten das vor allem daran, wie er sich täglich um ihr Wohlergehen sorgte. Weil schon morgens um fünf Uhr die ersten Leute im Dorf auf den Beinen waren, schleppte sich mein Vater bereits um vier Uhr in die Backstube. Davon hielten ihn nicht einmal die dicken Verbände und der Gipsarm ab, die er der Kuh zu verdanken hatte. Auch Mutter ließ sich von seiner Begeisterung anstecken. Eimerweise pflückten wir Beeren und Pflaumen im Wald, die sie anschließend einmachte und als Marmelade verkaufte. Ihr Pflaumen-Prasselkuchen war im Dorf fast beliebter als die Brötchen meines Vaters.

Mir wurde erst bewusst, wie viel ihm das Geschäft bedeutete, als ich eines Nachmittags von der Schule nach Hause kam und meinen Vater auf der Terrasse sitzen sah. Er trug seinen abgewetzten Latzanzug, den er zum Missfallen meiner Mutter noch immer am liebsten hatte. Zwischen seinen Fingern glomm eine Karo.

»Bist du glücklich, Kleines?«, fragte er mich.

Unschlüssig blieb ich stehen. Einerseits wollte ich erfahren, weswegen mir mein Vater diese sonderbare Frage stellte. Andererseits war ich bereits etwas spät, da ich beim Pioniernachmittag gewesen war. Die hungrigen Schweine grunzten und im Stall muhten die Kühe.

»Also, was nun?« Er klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. »Bist du …?«

»Eduard!« Meine Mutter trat mit einer Schüssel frischgebackener Kekse zu uns auf die Terrasse. »Bedräng sie doch nicht.«

»Wer bedrängt hier wen?« Mit einem Blick auf das Gebäck leckte Vater sich über die Lippen.

»Keiner verlangt von dir, dass du sie isst«, sagte meine Mutter schmunzelnd.

»Stimmt, aber zum Glück verlangt auch niemand, dass ich darauf verzichte«, entgegnete er und griff in die Schüssel.

»Eduard!«

Schnell drückte Vater mir die Kekse in die Hand. Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Also ich hab nichts gemacht.«

»Undischauchnischt«, brachte ich mit vollen Backen hervor.

Meine Eltern wechselten einen Blick und brachen gleichzeitig in Gelächter aus. Noch heute bezweifle ich, wenn ich an Vater und Mutter denke, dass es je ein Paar gegeben hat, das besser zueinander passte. Ich ließ die Schweine grunzen und die Kühe muhen und setzte mich zu meinen Eltern auf die Bank, wo wir die noch warmen Plätzchen verdrückten.

»Und was nun, bist du glücklich?«, fragte mich mein Vater schließlich erneut.

Ich stopfte mir noch einen Keks in den Mund. »Jaklardaschbinisch!«

»Gut, ich auch.« Er nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und strahlte über das ganze Gesicht.

Ein Jahr war vergangen, seit wir das letzte Mal Dominosteine durch den Garten hatten klickern lassen. Ich glaube, mein Vater hatte damit aufgehört, weil er dachte, ich sei inzwischen zu alt dafür. Vermutlich war ich es tatsächlich. Doch solange wir gemeinsam Zeit auf der Terrasse verbrachten, uns unterhielten oder einfach nur Gebäck verzehrten und mich dabei hin und wieder der Dunst einer Karo umhüllte, war die Welt für mich in Ordnung.

»Trotzdem habe ich einen Wunsch«, sagte Vater unvermittelt.

Ich sah ihn überrascht an. Weil er nichts weiter sagte, glitt mein Blick zu meiner Mutter. Sie zuckte mit den Schultern. Ich schaute zurück zu meinem Vater.

»Ich wünsche mir, dass du irgendwann einen netten Mann heiratest, der dich glücklich macht und mit dem du unsere Bäckerei fortführen wirst.«

Fast hätte ich mich an meinem Keks verschluckt. Damals mochte ich vieles im Kopf gehabt haben, zum Beispiel Erste beim Sero-Schülerexpress zu werden. Die Vorbereitungen für das Ferienlager, das meine beste Freundin Regina und ich besuchen sollten. Oder unsere Picknicks, zu denen wir beide uns auf abgelegene, mit Moos bewachsene Uferlichtungen zurückzogen. Im Spreewald gab es unzählige davon - unsere Mädchenwiesen, wie wir sie nannten -, auf denen wir heimlich über all jene Dinge kicherten, über die junge Mädchen in dem Alter so kichern – Schule, Kleidung, Jungen, solche Dinge eben. Aber an Hochzeit dachte ich ganz bestimmt nicht. Der Gedanke lag mir so fern, er klang erwachsen und unglaublich alt.

Erstaunlicherweise verhielt es sich mit der Bäckerei meines Vaters ganz anders. So jung ich damals auch war, diesbezüglich hatte ich durchaus schon konkrete Pläne.

Ich ging meinen Eltern nicht nur bei den Tieren zur Hand, sondern jeden Morgen, bevor ich mit dem Fahrrad in die Schule fuhr, auch in der Backstube. So anstrengend es am heißen Ofen war, ich empfand die Arbeit nicht als Pflicht oder gar als Zwang. Natürlich sehnte ich mir einen Bruder oder eine Schwester herbei, mit dem oder der ich mir die vielen Aufgaben hätte teilen können. Aber dazu kam es leider nicht. Ich weiß nicht warum, meine Eltern haben nie ein Wort darüber verloren. Über solche Dinge sprach man nun mal nicht zu jener Zeit, und erst recht nicht mit den Kindern.

Stattdessen half mir Onkel Rudolf, wenn er mittags kurz bei uns vorbeischaute. Der Bruder meiner Mutter war wie sie schmächtig. Jedes Mal wenn er die schwer beladene Schubkarre zum Misthaufen schob und mir dabei zuzwinkerte, als würde die schwere Last ihm nichts anhaben können, fürchtete ich, er käme am Abend nicht mehr heil zurück zu seiner Frau Hilde. Aber selbst wenn mein Onkel nicht gewesen wäre, hätte dies nichts daran geändert, dass ich glücklich war.

Auch als Regina und ich mit zwölf Jahren in den Gruppenrat der Klasse gewählt wurden und ich kurz darauf bei einem Pionierausflug meinen ersten Freund Harald kennenlernte, war es immer noch mein festes Ziel, die Tradition meiner Familie fortzuführen.

Harald war es auch, der mich wenige Wochen nach meinem dreizehnten Geburtstag vom Herbstfest nach Hause begleitete. Die Stern-Combo Meißen hatte an jenem Abend auf dem Dorfplatz gespielt, damals war sie noch weit entfernt von ihrer späteren Berühmtheit.

Es war ein schöner Abend in Finkenwerda gewesen, und während Harald auf dem Heimweg meine Finger mit seiner Hand umschlossen hielt, entschied ich im Stillen, ihn in naher Zukunft meinem Vater vorzustellen. Ich war überzeugt, dass Harald – groß und stämmig wie mein Vater – ihm gefallen würde. Deswegen erlaubte ich Harald auch, kaum dass wir die Hofeinfahrt erreichten, mir zum Abschied einen ersten Kuss zu geben.

Als er sich mit spitzen Lippen zu mir hinabbeugte, neigte ich mich verwundert zur Seite. »Warum brennt im Stall noch Licht?«

Ehe Harald antworten konnte, flog die Haustür auf. Meine Mutter erschien im Rahmen. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.

»Mama«, rief ich schockiert.

Ein Schluchzen erstickte ihre Stimme. Mein Onkel tauchte hinter ihr auf. Er stützte sie.

Ich verstand nur ein Wort. »Papa.«

Erst in diesem Moment bemerkte ich den Krankenwagen vor dem Stall.

Kapitel 4

Laura stand im Flur und wartete vergeblich auf eine Antwort ihrer Tochter. Sie legte ihre Handtasche auf das Sideboard, ging zum Treppenabsatz und rief: »Lisa? Bist du in deinem Zimmer?«

Sie stieg die Stufen empor. Bestimmt liegt Lisa im Bett, flüsterte sie.

Doch das Zimmer ihrer Tochter war leer. Dort herrschte nur das übliche Durcheinander. Kleidung war auf dem Boden und auf dem ungemachten Bett verstreut. Die Bettdecke war zerknüllt und unter dem Kopfkissen lugte ein Glätteisen für die Haare hervor. Unter dem Bettgestell lagen Sneakers neben Sandaletten, dazwischen ein Haufen CDs, zerlesene Taschenbücher von Stephen King und Stephenie Meyer.

Unzählige Male hatte Laura schon mit ihrer Tochter über das Chaos in deren Zimmer gestritten. Trotzdem schaffte Lisa es nicht, auch nur halbwegs Ordnung zu halten. In letzter Zeit glich alles, was sie tat, einer stummen Rebellion.

Auch im Badezimmer befand sich Lisa nicht. Laura sah im Spiegel lediglich ihr eigenes Gesicht, die Sorgenfalten und die dunkel umrandeten Augen, die ungemachten Haare, in deren Schwarz sich erste graue Spuren schlichen. Sie nahm ein Haarband und band ihre wilden Strähnen zu einem Pferdeschwanz.

Ohne große Hoffnung begab sie sich hinunter in das Wohnzimmer, einen kleinen gemütlichen Raum mit Möbeln im Landhausstil. Auch die Fotos an der Wand waren in rustikale Holzbilderrahmen eingefasst. Ein Bild zeigte Sam grinsend mit einer Zahnlücke, ein anderes eine fröhliche Lisa. Ja, dachte Laura und verspürte einen Stich im Herzen, früher war alles anders. Auf einem dritten Foto war Lisa neben ihrer besten Freundin Carmen abgebildet.

Laura nahm ihr Handy und wählte deren Nummer.

Das Mädchen meldete sich sofort. »Hallo, Frau Theis.« Sie war kaum zu verstehen, weil im Hintergrund laut geschrien und gelacht wurde.

»Carmen, wo bist du?«

»In der Schule, also, ich meine, im Bus. Sie wissen doch, heute ist der Ausflug.«

»Und Lisa ist nicht bei dir?«

»Hat Frau Bertrams Sie nicht ...«

»Doch, hat sie. Aber Lisa wollte doch heute gemeinsam mit dir zur Schule.«

»Nein, wir wollten uns heute Morgen auf dem Schulhof treffen.«

»Moment mal.« Als Laura die Küche betrat, rutschte Sam vom Stuhl und ging zum Gäste-WC im Flur. Auf dem Tisch ließ er seine beiden Sandwiches zurück, ein halb geleertes Glas mit Orangensaft, daneben den offenen Tetra Pak. Der Schraubverschluss lag auf den Fliesen. Laura bückte sich und hob ihn auf. »Lisa hat mir am Freitag gesagt, sie würde das Wochenende bei dir und deinen Eltern verbringen und am Montag, also heute, mit dir zur Schule fahren.«

Carmens Antwort kam zögernd: »Äh, na ja ...«

»Also war sie nicht bei dir?«

»Äh, nein, Frau Theis.«

Laura schraubte den Verschluss auf den Tetra Pak und räumte diesen in den Kühlschrank, ehe sie fragte: »Lisa hat dir gar nichts davon erzählt, richtig?«

Das Mädchen reagierte nicht. Laura hörte, wie Sam die Klospülung betätigte und verspürte plötzlich den Drang, ebenfalls auf die Toilette zu gehen. »Carmen?«

»Es tut mir leid, Frau Theis, aber Lisa war am Wochenende nicht bei mir.«

»Ja, das hab ich verstanden. Aber wo war sie denn dann?«

»Das weiß ich nicht. Sie hat mir ja nicht einmal gesagt, dass sie Ihnen gesagt hat, dass sie am Wochenende bei mir schläft und ...«

Als die Haustür krachend zufiel, fuhr Laura herum. Sam hatte das Haus verlassen. Die Sandwiches, die noch auf dem Tisch lagen, hatte er vergessen.

»Danke, Carmen.« Laura warf das Telefon auf die Anrichte, schnappte die Brote und rannte ihrem Sohn hinterher. »Sam!«

Er blieb im Vorgarten stehen. Durch das Gestrüpp sah Laura den Bus, der sie zur Arbeit hätte bringen sollen, an der Haltestelle vorfahren. »Hier, die hast du vergessen.« Rasch drückte sie ihrem Sohn die Sandwiches in die Hand. »Ach, und Sam, hast du eine Ahnung, wo Lisa am Wochenende war?«

Er senkte den Kopf.

»Sam, hast du?«

Er presste die Lippen aufeinander.

»Mensch, Sam!«, rief sie ungeduldig aus.

Er zuckte zusammen. Augenblicklich bereute Laura ihre heftige Reaktion.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der Bus anfuhr. »Sam, es tut mir leid.«

Er hielt den Blick gesenkt.

»Aber hat Lisa was zu dir gesagt?«

Er gab keinen Ton von sich. Sie unterdrückte ein Seufzen. »Also weißt du nicht, wo sie ist?«

Sam schüttelte den Kopf. Laura zupfte ihrem Sohn den Pullover zurecht und strich ihm durch die Haare. »Dann mach dich auf den Weg, der nächste Bus fährt gleich.«

Wortlos schulterte er seinen Rucksack und schlurfte zur Haltestelle.

»Und denk dran«, rief sie ihm hinterher, »ich hab dich lieb.«

Er drehte sich nicht um. Laura verspürte ein Gefühl der Hilflosigkeit. Aus der offenen Haustür drang ein Handyläuten. Sie rannte in die Diele.

Alex tat es seinem Hund gleich, der auf den Planken am Bug lag. Er sank tief in seinen Klappstuhl und streckte die Beine von sich. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Wellen, die gegen die Außenhaut der Endeavour schwappten.

Der Name täuschte. Der Kutter war im Gegensatz zu seinem berühmten Namenspatron nicht sehr groß, und nicht einmal gut in Schuss. Er hatte einen Außenbordmotor und eine kleine Kajüte und bot gerade genug Platz für vier Männer und einen Hund, die einmal pro Woche zum Angeln in das Wasserlabyrinth der Spree schipperten.

Das idyllische Keckern und Zirpen, das von der Uferböschung an Alex‘ Ohr drang, wurde vom Quietschen der Kajütentür gestört.

Norman setzte sich neben Alex und fragte: »Wie sieht's aus?«

»Noch hat keiner angebissen.«

»Das meinte ich nicht.«

Alex blickte fragend in das gebräunte Gesicht seines Freundes. Norman hatte seinen Anzug abgelegt und trug nur Shorts. Sein Oberkörper war muskulös und ebenfalls von tiefbrauner Farbe.

»Wie ich gehört habe, hat sich Fielmeister's Beste bei dir gemeldet«, sagte Norman.

»Ja, morgen ist Verköstigung.«

»Ehrlich? Glückwunsch!«

»Gratulier mir, sobald der Vertrag unterzeichnet ist.«

»Hast du Zweifel? Ich nicht, nicht bei deinen ...«

»Nicht meine«, korrigierte Alex. »Die Gurken meiner Mutter.«

Alex hatte ein Rezept für Spreewaldgurken im Nachlass seiner Mutter gefunden. Seither zog er selber Gurken im Garten, legte sie dem Rezept entsprechend ein und bot sie als Zwischenmahlzeit in der Elster an. Seine Stammgäste waren angetan von der eigenwilligen Kreation, die sich schließlich sogar bis nach Berlin herumgesprochen hatte. Mit Fielmeister's Beste hatte ein großer Essensfabrikant, der seine Produktreihe um regionale Spezialitäten erweitern wollte, sein Interesse an dem Rezept bekundet.

»Wenn du dich morgen mit denen triffst, bleibt dann noch Zeit fürs Abendessen?«, fragte Norman.

»Klar, wenn Paul ...«

»Was ist mit mir?«, tönte prompt dessen Stimme von achtern.

Alex bückte sich nach der Cola light,die zu seinen Füßen stand. »Du springst morgen Abend in der Elster ein, wie abgemacht, oder?«

»Klar, wie immer. Aber ich hab noch 'ne bessere Idee: Da du jetzt unter die Hersteller gehst, mach doch die Kneipe einfach dicht. Für immer.«

Alex seufzte.

»Hey, Mann«, rief Paul, »erzähl mir nicht, dass dir das gefällt, jeden Abend in der Gesellschaft deiner Barhocker, die nicht wissen, wann sie ihr Limit erreicht haben, gerade du mit deinen ...«

»Mit meinen was?«

»Du weißt genau, was ich meine«, murrte Paul.

»Also ich meine, dass wir zur Abwechslung mal über deine Probleme reden sollten.« Alex nahm einen Schluck von der Cola.

»Ich hab keine Probleme.«

»Ha!«, rief Ben aus, der ebenfalls am Heck saß. »Ich sag nur – fünf Jahre!«

»Hey, Jungs, das versteht ihr falsch, die Scheidung ist kein Problem mehr für mich ...«

»Ha!«

»... sondern nur ein Beweis … Norman, sag du auch mal was.«

»Mich darfst du nicht fragen«, antwortete dieser.

»Wen, wenn nicht dich? Du bist doch Scheidungsanwalt.«

»Ich bin glücklich verheiratet«, erwiderte Norman lächelnd.

Paul grummelte, weil es nicht die Antwort war, die er hatte hören wollen. »Trotzdem, ich bin überzeugt, ohne Frauen ...«

»... ginge es uns Männern besser«, sagten Alex und Ben im Chor und verdrehten die Augen. »Weshalb wir, wenn es nach dir ginge, fortan alle in Keuschheit leben würden, ja, das haben wir mittlerweile begriffen.«

»Gut, denn das bewahrt euch vor Fehlern, wie ich sie gemacht habe.«

»Glaubst du nicht, dass man einige Erfahrungen selber machen muss?« Ben stand auf, weil seine Angelrute verdächtig zuckte.

Paul rümpfte die Nase. »Das ist jetzt der Sozialarbeiter, der aus dir spricht!«

»Aber habe ich recht oder nicht?« Ben sah über das Kajütendach hinweg erwartungsvoll Alex und Norman an.

»Na ja.« Alex führte die Cola light an den Mund, seine Stimme klang hohl. »Auf manche Erfahrungen hätte ich gut und gerne verzichten können.«

»Siehste«, sagte Paul, »das ist es, was ich vorhin meinte, Alex. Diesen ganzen Scheiß vor drei Jahren hast du noch gar nicht ...«

»Doch«, unterbrach ihn Alex schroff, »doch, das ist endgültig vorbei.«

Laura warf einen hoffnungsvollen Blick auf ihr Handy. Aber der Anrufer war nicht Lisa.

»Rolf, was willst du schon wieder?«

»Hören, ob du dich beruhigt hast«, antwortete ihr Mann. »Klingt nicht danach.«

»Na und?«

»Ich möchte das Gespräch fortführen, das du vorhin unterbrochen hast.«

»Ich hab alles gesagt, was ich zu sagen habe.«

»Nein, Laura, so einfach kannst du dir ...«

»Einfach?« Fast hätte sie gelacht. Ihr fielen ein Dutzend Antworten ein, die sie ihm gerne ins Ohr geschrien hätte. Zum Beispiel, wie wenig sie noch immer damit klarkam, dass er sie hintergangen und verlassen hatte. Oder wie sie um das Haus kämpfte und gegen die Schulden, wie sie sich täglich zur Arbeit nach Berlin quälen musste, weil er keinen Unterhalt zahlte. Dass die Einkünfte aus dem Callcenter-Job trotzdem nur knapp für den täglichen Bedarf reichten. Oder dass die Kinder ihr immer mehr Sorgen bereiteten, nicht nur Sam, sondern seit Neuestem auch Lisa.

Doch stattdessen fragte sie ihn: »Rolf, war Lisa am Wochenende bei dir?«

»Ob Lisa bei uns war?«, echote ihr Mann überrascht.

»War sie oder nicht?«

»Nein, wie ich dir vorhin bereits sagen wollte, waren wir ...«

»Ja, und ich hab dir gesagt, dass mich das nicht interessiert.«

»Dann frag doch nicht danach.«

»Ich hab nicht danach gefragt, was du am Wochenende unternommen hast, sondern ob Lisa bei dir war.«

»Nein, war sie nicht.«

»Hat sie sich bei dir gemeldet?«

»Was soll die Fragerei?«

»Ja oder nein?«

»Nein, hat sie nicht. Was soll das alles?«

»Nichts.«

»Wenn nichts wäre, würdest du nicht fragen.«

Laura schwieg.

»Hey, Laura, ich bin immer noch ihr Vater, der ...«

»Ja, der sie hat sitzen lassen, oder sehe ich das falsch?«

Rolf knurrte. »Ich habe die Kinder nicht sitzen lassen.«

»Richtig, du hast mich sitzen lassen, wie konnte ich das nur verwechseln?«

»Sorry, aber das bringt uns jetzt nicht weiter.« Einen Moment lang war nur sein schweres Atmen zu hören, mit dem er seine Verärgerung zu zähmen versuchte. »Also, was ist mit Lisa?«

»Nichts, das sagte ich doch schon.«

»Laura, verdammt!«

Laura schwieg einige Sekunden, ehe sie sagte: »Ihre Lehrerin hat mich vorhin angerufen. Lisa ist nicht in der Schule. Und sie fehlt nicht zum ersten Mal.«

»Was sollte die Frage nach dem Wochenende?«

Nach kurzem Zögern erwiderte sie: »Lisa hat mir am Freitagabend erklärt, dass sie das Wochenende bei ihrer Freundin verbringen will. Doch die weiß von nichts.«

»Das heißt, Lisa ist schon das ganze Wochenende verschwunden? Verdammt, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du besser auf sie ...«

»Rolf«, unterbrach sie ihn. »Wie war das noch? Das bringt uns nicht weiter.«

»Na ja«, entgegnete er leise, »wahrscheinlich machst du dich völlig umsonst verrückt. Lisa ist sechzehn, da hat man nun mal Flausen im Kopf. Damals haben wir beide doch auch unsere Eltern belogen und manchmal den Unterricht geschwänzt, kannst du dich noch erinnern?Bestimmt hat sie das Wochenende bei ihrem Freund verbracht, diesem ... diesem ... Wie heißt er noch gleich? Thorsten oder ...«

»Thomas. Mit dem ist seit Monaten Schluss.«

»Ach, ehrlich?«

»Ich dachte, du bist ihr Vater, der ...«

»Laura, verdammt«, rief Rolf verärgert aus, »Lisa lebt unter deinem Dach ...«

»Das immer noch undicht ist!«

»... und du trägst die Verantwortung ...«

Ehe er den Satz beenden konnte, schmiss Laura das Handy aufs Sofa. Sie wollte keine Vorwürfe mehr hören, doch vor allem wollte sie sich nicht verrückt machen. Aber sie war auf dem besten Wege.

Alex betrachtete die Cola-Flasche in seiner Hand. Er spürte den Blick, mit dem Norman ihn musterte. Plötzlich befielen ihn Zweifel. War es das wirklich? Vorbei?Hatte er mit den drei Jahre zurückliegenden Ereignissen tatsächlich abgeschlossen? Wenn er nicht einmal mit einer Frau plaudern konnte, ohne in das erstbeste Fettnäpfchen zu treten.

Am Ufer stieß ein Kormoran ein kehliges Krächzen aus. Es klang wie Hohn. Bens Angel pendelte wild auf und ab. Rasch hob er sie aus der Halterung und rang mit dem Fisch, offenbar ein kapitaler Fang.

Alex griff nach der Post in seinem Rucksack. Im nächsten Moment stand Gizmo wieder neben ihm..

»Hast du vorhin nicht verstanden?«, fragte Alex.

Der Retriever leckte sich die Lefzen.

»Nein, natürlich nicht.«

Mit Hilfe seines Haustürschlüssels öffnete Alex die drei Kuverts der Brauereien. Wie erwartet enthielten sie Rechnungen. Augenblicklich verlor er das Interesse an den übrigen Briefen und holte stattdessen die Nirvana-CD hervor. Er klappte die Hülle auf und blätterte durch das Booklet. Es fiel ihm schwer, sich auf das Gedruckte zu konzentrieren.

Seine Gedanken schweiften ab. Vor drei Jahren hätte er sich gar nicht erst in die Nähe einer Frau gewagt. Selbst seine Freunde hatten ihm kein Wort entlocken können. Seine einzige Gesellschaft war eine Flasche Wodka, die ihm Trost spendete.

Hätte ihn ein Jahr zuvor nicht die Nachricht vom Tod seines Vaters erreicht, wäre er sicherlich nie von seiner Alkoholsucht losgekommen. Alex war nach Finkenwerda gefahren, um den Nachlass seiner Eltern zu regeln, ihr Haus am Dorfplatz, die Kneipe im Erdgeschoss.

Damals hatte er beschlossen, die Elster nicht zu veräußern. Seine Freunde hatten Bedenken angemeldet und ihn gar für verrückt erklärt. Rational betrachtet, war es sicherlich keine kluge Entscheidung, dass ein Säufer eine abgewirtschaftete Kneipe in einem abgelegenen Kaff übernehmen wollte.

Vielleicht hatte er damals tatsächlich gehofft, sich in der Elster endgültig den Rest zu geben. Es war alles anders gekommen. Er hatte sein Alkoholproblem in den Griff gekriegt. Im Haus seiner Eltern, in deren Kneipe, an der Seite von Gizmo, mit seinen Freunden und den Erinnerungen an eine andere, an eine bessere Zeit.

Bens Jubelruf riss ihn aus seinen Gedanken. Auf den Bootsplanken zappelte ein gewaltiger Karpfen. Paul applaudierte. Gizmo bellte. Alex strich ihm durchs Fell und ließ seinen Blick über das im Sonnenlicht glitzernde Wasser, das Schilf und die Bäume schweifen. Deshalb, dachte Alex, bin ich hier geblieben. Und deshalb hatte er sein Leben in den Griff bekommen. Seine Rückkehr nach Finkenwerda war zugleich eine Reise zurück an den Anfang gewesen. Die Chance auf einen Neubeginn.

»Gut«, sagte Norman, als wüsste er um Alex' Gedanken.