Die Madonna von Notre-Dame - Alexis Ragougneau - E-Book + Hörbuch

Die Madonna von Notre-Dame Hörbuch

Alexis Ragougneau

5,0

Beschreibung

Mord in Notre-Dame – Der erste Fall für Pater Kern.. Notre-Dame an einem Sommermorgen. Die Messe hat kaum begonnen, als eine ganz in Weiß gekleidete junge Frau leblos zu Boden sinkt. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden, doch Pater Kern lässt der Fall keine Ruhe: Wer ist der Unbekannte, den der Clochard Kristof in der Mordnacht beobachtet hat? Mit der Staatsanwältin Claire Kauffmann macht Pater Kern sich auf die Suche nach der Wahrheit – und kommt in den Gewölben von Notre-Dame einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur … »Spannend bis zur letzten Seite, ein unvergesslicher Ermittler, lebensechte Figuren: Der französische Krimi hat seinen neuen Papst gefunden.« RTL »Perfekte Dramaturgie und bis ins Detail überzeugende Figuren – ganz großes Kino!« L'Express

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:6 Std. 42 min

Sprecher:Jürgen Holdorf

Bewertungen
5,0 (1 Bewertung)
1
0
0
0
0



Das Buch

Jeden Sommer reist Pater Kern aus der Provinz nach Paris, um den Pfarrer von Notre-Dame zu vertreten. Einen Meter achtundvierzig klein und rheumageplagt, hat er ein großes Herz für alle »verirrten Seelen«: die eigensinnige Dame mit dem Blumenhut, den Jura studierenden Exmörder Djibril und den Clochard Kristof, der am liebsten in einer ruhigen Ecke der Kathedrale schläft. Als eine junge Frau in Weiß ermordet wird, legen Polizei, Justiz und Kirche den Fall rasch zu den Akten. Doch Pater Kern ist überzeugt, dass ein Unschuldiger verdächtigt wird. Er ermittelt auf eigene Faust, tatkräftig unterstützt von der Staatsanwältin Claire Kauffmann. Zwischen Sakristei und Turmspitze kommen die beiden der Wahrheit immer näher, und auf einmal erscheint Notre-Dame in einem neuen Licht. Ein rätselhafter Mord in Frankreichs berühmtester Kathedrale, eine scharfsinnige Staatsanwältin und ein kleiner Pater, der alles riskiert – ein Krimivergnügen de luxe!

Der Autor

Alexis Ragougneau, 1973 geboren, wurde für seine Theaterstücke mehrfach ausgezeichnet. Er hat lange in Notre-Dame gearbeitet und kennt das Pariser Wahrzeichen wie sein eigenes Wohnzimmer. Die Madonna von Notre-Dame ist sein erster Roman.

Alexis Ragougneau

Die Madonnavon Notre-Dame

Ein Fall für Pater Kern

Aus dem Französischenvon Tobias Scheffel und Max Stadler

List

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel La Madone de Notre-Dame bei Éditions Viviane Hamy, Paris.

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

ISBN978-3-8437-0911-8

© 2014 by Éditions Viviane Hamy, Paris © der deutschsprachigen Ausgabe2014 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München Umschlagmotiv: par Etienne Cazin/gettyimages, FinePic, München

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

E-Book: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

Dieser Roman spielt zum großen Teil in Notre-Dame de Paris, daher werden die beschriebenen Orte den regelmäßigen wie auch den gelegentlichen Besuchern der Kathedrale bekannt sein.

Alle Ereignisse und Personen sind hingegen frei erfunden.

Montag

»Bombenalarm, Gérard. Im Chorumgang. Diesmal ist es ernst, die ist scharf.«

Mit der Schulter gegen den Türrahmen gelehnt, den riesigen Schlüsselbund in der Hand, beobachtete der Aufseher den Küster, wie er einen Schrank der Sakristei nach dem anderen öffnete, Lappen, Schwämme, Silberputzmittel herausholte und leise vor sich hin fluchte.

»Hörst du mir zu, Gérard? Du solltest mal einen Blick drauf werfen, wirklich. In fünfzehn Jahren hab ich so was hier noch nicht gesehen. Die ist so scharf, da könnte die ganze Kathedrale hochgehen.«

Gérard unterbrach seine Suche und schien sich endlich für den Aufseher zu interessieren. Der hängte den Schlüsselbund an einen einfachen Nagel in der Täfelung der Sakristei.

»Wenn du meinst, ich schau sie mir nachher mal an. In Ordnung? Zufrieden?«

»Was ist heute mit dir los, Gérard? Hast du keine Zeit mehr für die wichtigen Sachen?«

»Junge, du gehst mir auf den Geist. Dreißig Jahre arbeite ich hier. Jedes Jahr ist es das Gleiche, jeden 15. August stellen sie die Sakristei auf den Kopf. Und am nächsten Morgen finde ich nichts mehr. Ich brauche zwei Stunden, um alles aufzuräumen. Dabei ist das doch nicht schwer: Sie kommen, ziehen ihre Gewänder an, machen ihre Prozession und ihre Messe, kommen zurück, ziehen ihre Gewänder wieder aus, und ciao, bis zum nächsten Jahr. Was wühlen die in den Schränken herum?«

»Was hast du denn verloren, Gérard?«

»Meine Handschuhe. Die Schachtel mit den Handschuhen für das Silber ist weg. Ohne die Dinger mache ich mir nur die Hände kaputt mit diesen verflixten Putzmitteln.«

»Soll ich dir beim Suchen helfen? Hab gerade nichts zu tun, mit der Öffnung bin ich durch.«

»Nee, lass mal. Da sind sie ja. Es kann doch nicht so schwer sein, die Sachen wieder an ihren Platz zurückzulegen, heiliger Bimbam …«

Der Aufseher kramte in seiner Hosentasche, steckte ein paar Münzen in den Schlitz des Kaffeeautomaten und drückte auf einen Knopf. Er winkte dem Küster zu und machte sich mit dem dampfenden Becher in der Hand auf den Rückweg in die Kathedrale. Gérard folgte ihm in den Gang.

»Was ist jetzt mit deiner Bombe … Lohnt sich der Aufwand?«

»Glaub mir, die hat alles, was dazugehört: Ticken, Schaltuhr und Dynamitstangen.«

»Na schön, ich schau sie mir vor der Neun-Uhr-Messe mal an. Vielleicht ist sie dann noch da. Wo, meintest du, steckt sie?«

»Im Chorumgang vor der Kapelle Notre-Dame-des-Sept-Douleurs. Nicht zu verfehlen, wirst schon sehen.«

Nach und nach strömte die tägliche Flut von Touristen in die Kathedrale. Zwischen acht und neun Uhr morgens dominierten die Asiaten: Notre-Dame als erster Punkt eines Programms, das sie anschließend an nur einem Tag in den Louvre, nach Montmartre, zum Eiffelturm, in die Oper und in die Geschäfte am Boulevard Haussmann führte.

Gérard schob seine mit Kartons beladene Sackkarre durch die Kirche und hielt an jeder Seitenkapelle. Mechanisch schlitzte er jede Schachtel auf, hob den Deckel ab und nahm einen Stapel Kerzen mit dem Bildnis der Heiligen Jungfrau heraus, die er auf die dafür vorgesehenen Ständer stellte. Über den Kerzen war in Leuchtbuchstaben und verschiedenen Sprachen zu lesen: Bedienen Sie sich, Höhe der Spende beliebig, empfohlener Betrag:5Euro. Dann leerte der Küster ebenso routiniert die Metallgestelle daneben, auf denen am Vortag mehrere Hundert Kerzen im Laufe der Stunden herabgebrannt waren, und schuf Platz für eine neue Reihe von Lichtern, Gebeten und an die Jungfrau gerichteten Fürbitten. Etwas später würde ein Kollege die Münzen und Scheine aus den Opferstöcken in verschließbare Stoffsäcke schütten. Solche Kerzengestelle waren in der ganzen Kathedrale an strategisch günstigen Standorten verteilt, vor den Statuen, unter dem Heiland am Kreuz, in den zur Andacht bestimmten Kapellen. Ein langer Vormittag kündigte sich an, und der Weg bis zu Gérards noch fünfzehn Jahre entfernter Rente war gepflastert mit Zehntausenden Kartons, ein jeder gefüllt mit Wachskerzen, die das Antlitz der Jungfrau Maria trugen.

Gérard seufzte und setzte seine Runde fort. Wie jeden Tag seit Jahren saß im südlichen Querschiff Madame Pipi auf demselben Stuhl vor der Statue der Jungfrau mit dem Kinde, wie immer trug sie ihren Strohhut mit den roten Plastikblumen, wie immer warf sie ihm einen panischen Blick zu und öffnete den Mund, um ihn anzusprechen. Wie jeden Tag seit Jahren besann Madame Pipi sich anders und bekreuzigte sich zum Gruß. Mit ein wenig Glück würde sie Gérard ungestört seine Runde beenden lassen. Irgendwann aber würde die verrückte Alte wie immer einschlafen, und unter ihr würde sich alsbald eine Lache Urin ansammeln, die er dann mit dem Scheuerlappen aufwischen musste.

Er ging weiter und grüßte zwei Putzfrauen, die das nördliche Querschiff kehrten, ermahnte eine Gruppe von Chinesen, deren Gequake durch die um diese Uhrzeit sonst noch sehr ruhige Kathedrale hallte, zum Schweigen und schob seine Sackkarre über die schwarzweißen Steinfliesen des Chorumgangs. Da erinnerte er sich an den Aufseherkollegen. Und gleich darauf sah er sie auch schon. Oder, besser gesagt, er nahm im Halbdunkel ihre Umrisse wahr.

In der Tat eine Bombe, ganz hinten im Chorumgang, vollkommen reglos, einsam, als hätte sie jemand vorsichtig auf der Bank vor der Kapelle Notre-Dame-des-Sept-Douleurs abgesetzt. Gérard trat dichter heran und begann, das nächstgelegene Kerzengestell abzuräumen. Die wenigen Kerzen, die von den ersten Besuchern des Tages angezündet worden waren, erzeugten mehr Schatten als Licht, daher sah er eher eine Gestalt als einen Körper, eher ein Profil als ein Gesicht. Sie trug ein kurzes weißes Kleid, dessen hauchdünner Stoff jeder Kurve, jeder Biegung ihrer Figur folgte. Ihr schwarzes Haar, das an einigen Stellen heller glänzte, ergoss sich wie ein seidiger Fluss über Schultern und Hals. Die Hände, kindlich zum Gebet gefaltet, ruhten auf den nackten Oberschenkeln. Die Füße, wie bei einer braven Schülerin dicht nebeneinander unter der Bank, steckten in hochhackigen Pumps, deren strahlendes Weiß den Blick auf sich zog und die zierlichen Knöchel und wohlgeformten Waden betonte.

Gérard verlor sich in der Betrachtung der herrlichen Gestalt und vergaß für einen Augenblick sogar die Kerzenkartons, die Sackkarre, den Ärger mit den Chinesen und die Monotonie seiner Arbeit als Küster. Doch schon bald riss ihn das Knistern eines Funkgeräts in die Wirklichkeit zurück, genauer gesagt, des Funkgeräts, das an seinem Gürtel hing und aus dem sein Name schallte.

»Aufseher an Küster … Gérard? … Gérard, hörst du mich?«

»Ja, ich höre dich. Was willst du?«

»Hast du nachgesehen?«

»Stehe davor.«

»Ist sie immer noch da?«

»Ja. Brav wie eine Heilige.«

»Und?«

»In der Tat hochexplosiv … Du hattest recht.«

Er hängte das Funkgerät, aus dem das Lachen des Aufsehers dröhnte, wieder an seinen Gürtel. Dann leerte er schweren Herzens das Kerzengestell. Hinter ihm kam schon eine Handvoll Gläubige in den Chor. Gleich würde die Neun-Uhr-Messe beginnen. Er musste noch die liturgischen Geräte vorbereiten. An diesem Morgen hielt Pater Kern den Gottesdienst, und Pater Kern duldete keine Verspätung.

Kurz danach bot sich ihm die Gelegenheit, in den Chorumgang zurückzukehren. Ein Automat für Medaillen mit der Prägung Ave Maria Gratia Plena war defekt, und eine korpulente amerikanische Touristin bearbeitete den Knopf für die Geldrückgabe. Im Chor war die Messe in vollem Gang. Mit seiner metallischen Stimme hielt Pater Kern die Predigt und versetzte die Kathedrale in andächtiges Schweigen. Gérard schloss den Deckel des Automaten auf. Die steckengebliebenen Medaillen fielen klirrend nach unten, als würden sie in einer Sparbüchse landen. Dann wagte er einen Blick in die Richtung der weißgekleideten jungen Frau. Sie war noch da, sie hatte sich nicht bewegt, die Hände noch immer gefaltet auf den blassen Oberschenkeln, die Füße noch immer dicht nebeneinander unter der Bank. Die Morgensonne stand genau in der Achse der Kapelle, ihre Strahlen fielen durch das Kirchenfenster und tauchten das durchscheinende Gesicht der jungen Frau in einen rot-blauen Heiligenschein, der einer Madonna von Raffael würdig gewesen wäre. Reglos auf der für das Gebet reservierten Bank, geschützt von einem Seil, das sie von den Besuchern trennte und sie wie eine Reliquie erscheinen ließ, starrte sie mit erstaunlich leerem Blick auf die Statue der Mater Dolorosa.

Gérard schloss den Medaillenautomaten wieder und machte ein paar unsichere Schritte auf die junge Frau in Weiß zu, aber die amerikanische Touristin kam ihm zuvor. Sie holte einen Geldschein aus ihrer Handtasche, steckte ihn in den Schlitz des Opferstocks und nahm vier Kerzen, die sie auf den Ständer daneben stellte und nacheinander anzündete. Der flackernde Lichtschein erhellte endlich das Gesicht der Madonna.

Die Touristin bekreuzigte sich und ging auf die Bank zu. Leise und mit starkem Akzent fragte sie die junge Frau in Weiß, ob sie sich neben sie setzen könne, um zu beten. Die Angesprochene reagierte nicht, ihr Blick war weiterhin auf die Statue geheftet, als würde er magnetisch davon angezogen. Nachdem die Amerikanerin ihre Frage wiederholt hatte, ohne eine Antwort zu erhalten, ließ sie sich auf der Bank nieder, die unter der Last ein wenig knarrte. Da neigte die Madonna wie in Zeitlupe, wie in einem Alptraum aus tiefster Nacht ganz langsam den Kopf. Ihr Kinn sackte auf die Brust, dann kippte der ganze Körper sachte, fast anmutig nach vorn und fiel auf die schwarzweißen Steinfliesen.

In diesem Augenblick kreischte die dicke Amerikanerin los.

»Sie ist bestimmt weggesackt, als die Leichenstarre nachließ. Bis dahin hat deine Klientin schön brav und steif auf ihrer Bank gehockt.«

Der Gerichtsmediziner zog seinen Latexhandschuh aus und kratzte sich am Kopf, bevor er weitersprach.

»Soll ich warten, bis jemand von der Staatsanwaltschaft da ist, oder gleich loslegen?«

Als Antwort zog Landard ein Päckchen Gitanes aus der Jackentasche, steckte sich eine zwischen die Lippen, sah sich um und verzichtete vorerst darauf, sie anzuzünden.

»Lass ihr die Zeit, über den Vorplatz zu kommen. Kann gut sein, dass sie’s nicht gewohnt ist, zu Fuß zu gehen, das Schätzchen.«

»Weiß man, wer Bereitschaft hat?«

»Ja, weiß man. Diese kleine Zuckerpuppe …«

»Wer?«

»Die kleine Blonde mit der Brille … und diesem Fahrgestell …«

»Kauffmann?«

»Genau, Kauffmann …«

»Hübsch, kalt wie eine Klinge und steif wie die Justiz. Kein einziger von den Schleimern im Justizpalast hat sie je zu einem Glas nach Feierabend überreden können.«

»Denkst du, sie ist andersrum?«

»Keine Ahnung. Jedenfalls ist sie auf Zack. Und sie kommt selten zu spät.«

Wie ein Echo auf die fachmännische Einschätzung des Mediziners ertönte im Chorumgang das Klackern von Stöckelschuhen. Die junge Frau marschierte quer durch die kleine Gruppe von Technikern der Spurensicherung, die auf die Ankunft der Staatsanwältin gewartet hatten, um mit der Arbeit anzufangen, und steuerte geradewegs auf die Plane zu, die den Fundort vor neugierigen Blicken schützte.

»Doktor … Commandant Landard … Claire Kauffmann von der Staatsanwaltschaft. Wie sieht’s aus?«

Der Mediziner zog den Handschuh wieder an.

»Sehr sauber, fast zu sauber. Wir können es uns gleich mal ansehen, wenn Sie möchten.«

Der Leichnam lag im aggressiven Licht der von den Technikern aufgebauten Scheinwerfer. Claire Kauffmann hielt ihren Rock fest und kniete sich hin. Ihr Blick konzentrierte sich auf den Hals der Toten.

»Strangulation?«

Der Gerichtsmediziner kniete sich neben sie.

»Die Spuren sind recht deutlich, ja. Außerdem ist ihre Oberlippe leicht aufgerissen, und sie hat Blutergüsse an den Unterarmen, sehen Sie. Dem Sanitäter, der sie als Erster untersucht hat, sind sie sofort aufgefallen. Er hat heute Morgen gegen zehn Uhr die Polizei gerufen.«

Die Staatsanwältin drehte sich zu Landard um, der sich etwas abseits gehalten hatte.

»Dann hat Sie nicht einer der Angestellten benachrichtigt?«

»Sie dachten, es handelt sich um einen Ohnmachtsanfall. Wenn so etwas passiert, rufen sie den Krankenwagen.«

»Weiß man schon etwas über ihre Identität?«

»Keine Handtasche, keine Papiere, kein Handy. Null Komma nichts.«

»Seltsamer Aufzug für eine Kirche. Ein bisschen auffällig. Auffällig und kurz.«

»Wenn sich alle Miezen so für die Messe anziehen würden, wären die Kirchen in Frankreich voll bis zum Anschlag. Voll mit Gemeindemitgliedern, meine ich.«

»Gemeindemitglieder wie Sie, Commandant?«

Landard schob die geballten Fäuste in die Jackentaschen. Die Staatsanwältin würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Sie drehte sich demonstrativ um und wandte sich an den Gerichtsmediziner.

»Was können Sie zum Todeszeitpunkt sagen, Doktor?«

»Ich messe schnell ihre Temperatur und sage es Ihnen sofort, Frau Staatsanwältin.«

Claire Kauffmann überließ den Mediziner seinem Thermometer und ging mit Commandant Landard in den Chorumgang, wo Lieutenant Gombrowicz schon auf sie wartete. Landard hielt es nicht mehr aus. Er holte ein Feuerzeug hervor, schüttelte es und zündete die Zigarette an, die er noch im Mundwinkel hatte. Er nahm einen tiefen Zug, stieß den Rauch durch die Nase aus und warf Gombrowicz einen fragenden Blick zu. Der zog ein Notizbuch aus der Gesäßtasche seiner Jeans und musterte die ersten Seiten, auf denen ein heilloses Durcheinander aus Worten, Ausrufezeichen, kindlichen Skizzen und durchgestrichenen Passagen herrschte.

»So sieht’s aus: Heute Morgen um kurz vor zehn kippte das auf einer Gebetsbank sitzende Mädchen auf einmal um. Die Kathedrale hat den Krankenwagen gerufen. Die Sanitäter waren innerhalb von fünf Minuten da und haben den Tod festgestellt.«

Claire Kauffmann unterbrach Gombrowicz.

»Wen meinen Sie in diesem Fall mit ›die Kathedrale‹?«

»In diesem Fall meine ich die Herren dort drüben.«

Der junge Lieutenant drehte sich zu einer kleinen Gruppe um, die am anderen Ende des Chorumgangs neben dem Eingang zur Sakristei wartete: Zwei Priester, davon einer noch im Messgewand, standen neben einem Mann im hellblauen Hemd. Gombrowicz winkte Letzteren herbei.

»Das ist der Küster, der die Tote gefunden hat.«

Gérard musste seinen Namen und seine Funktion nennen und die auf ihn einprasselnden Fragen der Staatsanwältin beantworten.

»Sie haben also heute Morgen das Opfer gefunden?«

»So ist es.«

»Als sie umgekippt ist?«

»Richtig.«

»Und Sie haben dann auch den Krankenwagen gerufen?«

»Nein, das war Pater Kern. Der da drüben.«

»Pater Kern, ist das der große Glatzkopf oder der Kleine mit den braunen Haaren?«

»Der Kleine mit den braunen Haaren. Er hielt die Messe, als das Mädchen in Weiß von der Bank gekippt ist. Eine amerikanische Touristin hat angefangen zu kreischen, da kam Pater Kern aus dem Chor, um nachzusehen, was los ist.«

»War Ihnen die junge Frau in Weiß vorher schon aufgefallen?«

»Sie war schon eine Weile da.«

»Sie hatte Ihre Aufmerksamkeit erregt?«

Gérard steckte die Hände in die Taschen und senkte den Blick.

»Na ja, ihre Kleidung war … Wie soll ich sagen?«

»Provozierend? Meinen Sie das?«

»So kann man es ausdrücken, ja. Allerdings sehen wir hier im Sommer viele Miniröcke. Wir haben schon lange aufgegeben, dagegen anzukämpfen. Wenn wir jeder spärlich bekleideten Person den Eintritt verbieten müssten, würden wir den ganzen Tag nichts anderes tun.«

»Ich verstehe.«

»Manchmal kreuzen hier welche im Bikini-Oberteil auf. Die bitten wir, sich was überzuziehen. Alles hat seine Grenzen, selbst bei großer Hitze.«

»Natürlich. Es wäre doch furchtbar, wenn eins der Gemeindemitglieder von Commandant Landard mitten in der Kathedrale der Schlag träfe, nicht wahr?«

Der Küster warf Landard einen verwirrten Blick zu. Die Staatsanwältin fuhr fort.

»Haben Sie gesehen, wie die Frau in Weiß hereinkam? Oder wie sie auf der Bank Platz nahm?«

»Nein.«

»Hat Ihres Wissens irgendein Angestellter der Kathedrale beobachtet, wie sie hereinkam oder sich hinsetzte? War sie vielleicht in Begleitung?«

»Ich weiß es nicht.«

Gombrowicz schaltete sich ein.

»Der diensthabende Aufseher hat mir gesagt, dass er sie auch bemerkt hat. Er hat sie auch nicht hereinkommen sehen, weder allein noch in Begleitung.«

»Denken Sie, dass sie lange dort saß?«

Der Küster wirkte verlegen.

»Eine Weile, nehme ich an.«

»Könnten Sie das etwas genauer erklären?«

»Seit dem frühen Morgen. Kurz nach der Öffnung, würde ich sagen.«

»Und um wie viel Uhr öffnet die Kathedrale?«

»Um acht.«

»Wie bitte?«

»Die Kathedrale öffnet jeden Tag im Jahr um acht Uhr. Wieso?«

»Wollen Sie damit sagen, dass dieses arme Mädchen fast zwei Stunden mit weit geöffneten Augen auf dieser Bank gesessen hat, inmitten von Touristen und Angestellten, ohne dass irgendjemand bemerkt hat, dass sie tot ist?«

»Kann gut sein.«

»Kann gut sein? Was meinen Sie mit ›kann gut sein‹?«

»Sehen Sie, Mademoiselle, im Durchschnitt haben wir über fünfzigtausend Besucher am Tag. Wir können nicht hinter jeden Touristen einen Aufseher stellen.«

»Das leuchtet ein. Die jagen ja den Bikinis hinterher. Aber die hier trägt ein Minikleid, da hätten Sie sie doch bemerken müssen.«

Der Küster wechselte einen weiteren Blick mit Landard. Claire Kauffmann schickte ihn in seine Sakristei zurück und wies ihn an, sich der Justiz zur Verfügung zu halten. Dann drehte sie sich zu den beiden Polizisten um.

»Was ist mit der Touristin? Die Amerikanerin. Wo ist sie? Kann ich mit ihr reden?«

Gedankenverloren nahm Landard einen letzten Zug von seiner Zigarette. Gombrowicz zeichnete mit der Schuhspitze die Umrisse einer schwarzen Fliese nach, bevor er antwortete.

»Sie ist weg.«

»Weg? Was meinen Sie mit ›weg‹?«

»Die Kathedrale hat alle Touristen und Gläubigen noch vor der Ankunft des Krankenwagens rausschaffen lassen. Offenbar ist die Amerikanerin mit dem Bade ausgeschüttet worden.«

Die Staatsanwältin wurde lauter.

»Die Kathedrale? Unglaublich … Aber wer ist die Kathedrale?«

»Die Kathedrale bin ich.«

Die Antwort kam von dem größeren und älteren der beiden Priester, die ein paar Meter entfernt standen. Der alte Mann mit Glatze ging steif auf Claire Kauffmann zu. Er trug einen eleganten schwarzen Anzug, den nur der römische Kragen mit einem weißen Fleck aufhellte. Als er vor der jungen Staatsanwältin stand, die er um gut dreißig Zentimeter überragte, neigte er sich zu ihr herab. Das Gesicht war asketisch hager, die Wangen zierte ein sorgfältig gestutzter silbriger Bart.

»Ich bin Monseigneur de Bracy, Rektor der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Mit wem habe ich die Ehre, Mademoiselle?«

Die Staatsanwältin nannte ihren Namen und ihr Amt. Der Prälat schien überrascht, es mit einer so jung aussehenden hohen Beamtin zu tun zu haben.

»Mademoiselle, ich habe bereits diese Herren von der Polizei, die wir im Übrigen sehr schätzen, darüber unterrichtet, dass ich Ihnen sehr dankbar wäre, wenn Sie mich, um es einmal so zu formulieren, zeitnah über den Stand der Ermittlungen informieren würden. Unser Kardinalerzbischof weilt derzeit auf den Philippinen, ich habe ihn heute Morgen telefonisch erreicht und ihm von diesem bedauerlichen Unfall berichtet …«

»Monsieur, es handelt sich hier um ein Tötungsdelikt, nicht um einen Unfall.«

»Monseigneur.«

»Was die Ermittlungen betrifft, Monseigneur, so haben Sie ja schon das Ihre getan, indem Sie Hunderte potentieller Zeugen noch vor dem Eintreffen der Polizei fortschaffen ließen …«

Der Prälat verzog das Gesicht.

»Mademoiselle, in diese Kathedrale kommen im Durchschnitt mehr als fünfzigtausend Besucher am Tag. Als man mir mitteilte, dass sich eine Verstorbene in unserem Gotteshaus befindet, schien es mir geraten, diese nicht einer Horde von mit Kameras und Fotoapparaten bewaffneten Asiaten zur Schau zu stellen. Dies ist ein Ort des Gebetes und der Andacht, Mademoiselle. Gewiss, es ist auch eine touristische Sehenswürdigkeit, und glauben Sie mir, wir beklagen das zuweilen. Eines ist es aber ganz sicher nicht und wird es auch nie sein: eine Bühne für ein makaberes Schauspiel, das anschließend im Internet vorgeführt wird. Junge Frau, Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Sie sich nicht auf irgendeinem x-beliebigen Gelände befinden, wo man den Leichnam eines Drogenabhängigen oder einer Prostituierten gefunden hat. Haben wir uns verstanden?«

Claire Kauffmann sah zu dem Prälaten auf und brachte kein Wort hervor. Als der Alte feststellte, dass er die gewünschte Wirkung erzielt hatte, schien er sich ein wenig zu beruhigen.

»Bitte seien Sie doch so freundlich und teilen Sie mir den Namen des zuständigen Untersuchungsrichters mit, sobald er feststeht.«

Er wandte sich an Landard und Gombrowicz und schüttelte ihnen kräftig, aber herzlich die Hand.

»Auf Wiedersehen, meine Herren. Ich vertraue darauf, dass wir die Kathedrale bald wieder öffnen können und Sie uns die Journalisten vom Leibe halten. Die Kathedrale ist schon oft genug Attacken ausgesetzt, da muss sie nicht auch noch diesem feindlich gesinnten Mob zum Fraß vorgeworfen werden. Natürlich stehe ich Ihnen im Rahmen der Ermittlungen jederzeit zur Verfügung, und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um Ihnen die Arbeit zu erleichtern. Viel Erfolg, Commandant. Bitte seien Sie doch so freundlich und verzichten Sie in der Kathedrale auf das Rauchen.«

Monseigneur de Bracy ging mit großen Schritten davon, wie er gekommen war, steif und würdevoll, sogleich gefolgt von Pater Kern, der am Eingang der Sakristei gewartet hatte. Landard nahm den Zigarettenstummel aus dem Mundwinkel und drückte ihn in einem Weihwasserbecken aus. Gombrowicz trat grinsend zu ihm.

»Hast du gesehen, wie er sie zurechtgestutzt hat, unsere kleine Staatsanwältin?«

Landard holte sein Gitanes-Päckchen hervor und zündete sich gleich eine neue Zigarette an.

»Was hältst du von dem Alten?«

»Sieht ein bisschen aus wie dieser Schauspieler, der Große, der immer in den Western mitgespielt hat …«

»John Wayne?«

»Genau, John Wayne.«

»Wenn du meinst. John Wayne in Soutane. Mit Bart und ohne Haare.«

»Mein Cousin hat eine fünfzehn Jahre alte Deutsche Dogge, die gleicht ihm wie ein Ei dem anderen.«

»Dein Cousin? Der, der bei der Porte de Bagnolet mit alten Schrottkisten dealt?«

»Ja.«

»Gehst du manchmal in die Kirche, Gombrowicz?«

»Ich? Nein, wieso?«

Der Gerichtsmediziner tauchte wieder auf. Er ging zur Staatsanwältin und winkte die beiden Polizisten zu sich. Er wirkte etwas ratlos.

»Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre es zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht passiert. Möglicherweise wurde sie nach dem Tod hergebracht, ich finde, der Körper ist noch ziemlich steif.«

»Also wurde sie woanders getötet und dann hier abgesetzt?«

»Woanders oder hier, ich bin mir da noch nicht sicher. Ich hoffe, Ihnen nach der Autopsie mehr dazu sagen zu können, Frau Staatsanwältin.«

»Aber in jedem Fall hat sie die Nacht auf dieser Bank verbracht, oder?«

»Das ist die plausibelste Erklärung.«

Die Staatsanwältin wandte sich an Gombrowicz.

»Gibt es hier einen Hausmeister?«

Der junge Lieutenant überflog seine Notizen, bevor er antwortete.

»Er wohnt im Erdgeschoss des Pfarrhauses. Hat nichts gehört und nichts gesehen. Hat geschlafen wie ein Murmeltier.«

»Macht er denn keine Kontrollgänge in der Kathedrale? Nachts, meine ich.«

»Nie.«

»Warum? Haben Sie ihn das gefragt?«

»Jawohl, Frau Staatsanwältin.«

»Und?«

»Wozu denn, wenn die Kathedrale nachts geschlossen ist? Genau das hat er mir geantwortet, Frau Staatsanwältin.«

»Verstehe. Und heute Morgen bei der Öffnung hat niemand etwas bemerkt? Der diensthabende Aufseher, der Küster, die Priester, nicht zu vergessen Hunderte von Touristen, die zwei Stunden lang an ihr vorbeigegangen sind, ohne zu sehen, dass sie tot ist?«

»Hunderte? Ich würde eher sagen Tausende. Irgendwo habe ich mir aufgeschrieben, dass in diese Kathedrale im Durchschnitt … Warten Sie mal …«

»Ja, ich weiß, Lieutenant, pro Tag kommen fünfzigtausend Besucher. Na schön. Commandant Landard, Sie legen schleunigst mit den Ermittlungen los. Wir lassen ein Foto des Opfers in der Presse veröffentlichen. Geben Sie mir Bescheid, sobald Sie etwas über die Identität des Mädchens herausgefunden haben. Doktor, kümmern Sie sich um den Abtransport der Leiche? Das wäre es zunächst, meine Herren, ich muss in fünf Minuten im Justizpalast sein.«

Der Mediziner hatte erneut seinen Handschuh ausgezogen und kratzte sich am Kopf.

»Noch etwas, Doktor?«

»Ja, Frau Staatsanwältin. Als ich vorhin ihre Temperatur gemessen habe, fiel mir ein Detail auf … Nun, ehrlich gesagt ist es viel mehr als ein Detail.«

»Sagen Sie nicht, dass sie sexuell missbraucht worden ist! Hier? Mitten in der Kathedrale?«

»In gewisser Weise ist es eher das Gegenteil …«

»Was heißt das?«

»Nun ja, Frau Staatsanwältin, die Öffnung der Vagina ist mit Wachs verschlossen.«

»Sagen Sie das noch mal, Doktor.«

»Man hat ihr das Geschlecht post mortem mit heißem Wachs versiegelt. Und um ganz genau zu sein, Frau Staatsanwältin: mit dem Wachs einer Gebetskerze.«

Landard hatte Hunger. Landard langweilte sich. Tatorte mit den Technikern und Fotografen in schneeweißen Overalls gingen ihm tierisch auf den Geist. Man durfte nicht rauchen, nicht herumgehen, nicht husten, sogar das Atmen war beinahe verboten. In den zweiundzwanzig Jahren, die er jetzt bei der Kripo war, hatte er viel sehen und lernen können. Ja, bei einfachen Fällen waren die Weißkittel durchaus nützlich. Manchmal musste man als Ermittler nur auf die Ergebnisse der Tatortanalysen oder der Autopsien warten. Ein Haar, ein Fingerabdruck, eine DNA-Spur, und die Sache war geritzt. Der Richter hatte seinen Beweis, der Richter war glücklich; die Familien der Opfer auch, weil die Wissenschaft ihnen den unwiderlegbaren Beweis geliefert hatte, der es ihnen ermöglichen würde, ihre Trauer vor den Fernsehkameras auszuleben, sobald der Schuldige hinter Schloss und Riegel saß. Die wahren Ermittler, die sich draußen, auf der Straße, dreckig machten, konnten nach Hause gehen, ohne auch nur einmal die Knarre gezückt zu haben, im übertragenen Sinne natürlich. Die Zeiten änderten sich.

Am Vormittag waren drei Kollegen von der Kripo, drei Lieutenants vom gleichen Schlag wie Gombrowicz, als Verstärkung aus den Büros am Quai des Orfèvres angerückt. Zu Fuß kaum fünf Minuten vom Tatort entfernt, man konnte fast hinüberspucken. Sie befragten das gesamte Personal, alle Beschäftigten der Kathedrale, bevor sie ihnen für den Rest des Tages freigaben. Küster, Aufseher, Schlüsselwarte, Putzfrauen, Wartungstechniker, Postkarten- und Rosenkranzverkäuferinnen, Audioguideverleiher, ehrenamtliche Lektoren, Organisten, Sänger der Kantorei, Geistliche und natürlich Pfarrer.

Nachdem die Staatsanwältin gegangen war, übergab Landard Gombrowicz die Leitung der Befragungen und schaute ein letztes Mal bei der Leiche vorbei. Die Arme lag noch immer ausgestreckt auf den Steinfliesen und wurde von allen Seiten fotografiert. Hätte sie wohl so einen kurzen Rock angezogen, wenn sie das gewusst hätte?

Der Gerichtsmediziner versicherte ihm, dass der Leichnam so bald wie möglich abtransportiert würde. Die wahren Ermittlungen würden am frühen Abend beginnen, wenn die Weißkittel weg waren und Gombrowicz das Gröbste aussortiert hatte. Landard sah auf die Uhr: zehn vor zwölf. Gut zwei Stunden für die Mittagspause.

Draußen bog er nach links ab und ließ die endlose Besucherschlange, die sich vor den geschlossenen Toren der Kathedrale gebildet hatte und sich über den gesamten Vorplatz zog, hinter sich. Montag, der 16. August. Der Höhepunkt der Urlaubssaison. Da konnten sie lange warten, die Kathedrale würde frühestens am nächsten Tag wieder öffnen. Anstelle der fünfzigtausend Besucher, der Priester, der Messen und der Orgelkonzerte beanspruchte im Moment ein Team der Kripo die Sehenswürdigkeit für sich.

Er überquerte den Pont Marie, betrat das erstbeste Bistro und setzte sich trotz der Hitze nach drinnen, an einen Tisch mit hervorragender Sicht auf Notre-Dame. Er bestellte ein Beefsteak Tatar mit Pommes frites, dazu ein Bier und machte es sich bequem, die Hände über dem runden Bauch gefaltet.

Landard dachte nach.

Manchmal hatte es auch sein Gutes, wenn man auf eine Staatsanwältin traf, die ein bisschen sehr engagiert und entschlossen an die Sache heranging. So hatte er an diesem Morgen mit den Händen in den Hosentaschen und der Zigarette im Mundwinkel seelenruhig die Beine der kleinen Kauffmann begutachten können, als sie vor der Leiche kauerte.

Landard bestellte ein zweites Bier.

Es gab auch Schlimmeres für einen alten Hasen von der Kripo, als einen Tag mit einer Leiche vom Kaliber der attraktiven Kleinen zu beginnen, die in diesem Moment noch immer auf den Steinfliesen von Notre-Dame lag. In seiner langen Karriere hatte er schon viel Schreckliches gesehen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er hatte den menschlichen Körper in allen möglichen Zuständen erlebt: verwest, verbrannt, verstümmelt, ertrunken, verblutet, von Kugeln durchlöchert, mit einem Baseballschläger oder einer Eisenstange zertrümmert, von Säure zersetzt, mit der Rasierklinge entstellt, von Hunden oder Ratten angefressen, von den Rädern eines Zugs zu Brei zerquetscht …

Der Kellner brachte das Steak, und Landard nutzte die Gelegenheit, um ein drittes Bier zu bestellen.

Die Tote von Notre-Dame mit ihrem adretten Kleid und den entblößten Oberschenkeln hatte etwas Erregendes, natürlich sexuell – dieses widerliche und doch nicht zu unterdrückende Gefühl hatte er mit allen Männern geteilt, die sie im Laufe des Vormittags gesehen oder fotografiert hatten, einschließlich der Priester, da war er sicher –, aber auch moralisch. Diese hübsche, charmante Kleine in ihrem friedlichen Dahingeschiedensein, das sie wie ein schlafendes Mädchen aussehen ließ, hatte etwas unsagbar Stimulierendes, als müsste ihr Tod jeden guten Polizisten, der etwas auf sich hielt, dazu bewegen, sich in einen Rächer zu verwandeln und dem Dreckskerl, der es gewagt hatte, eine solche Schönheit umzulegen, die Eier abzuschneiden.

Der Kellner räumte den säuberlich geleerten Teller des Commandants ab. Landard verzichtete auf einen Blick in die Dessertkarte, bestellte aber noch einen Kaffee und einen Calvados.

Zu guter Letzt war es von einem intellektuellen Standpunkt aus ungemein erfreulich, auf einen zwar offenbar komplett durchgeknallten, aber zugleich unauffälligen, intelligenten und organisierten Mörder zu treffen. Denn es gehörte ein ordentlicher Wille dazu, diesen Mord zu inszenieren, der einem esoterischen Thriller alle Ehre gemacht hätte: ein weißgekleidetes Opfer, wunderschön, gefunden im Heiligtum der Jungfrau, ohne dass man wusste, wann oder wie es dorthin gebracht worden war, noch dazu mit einem künstlichen Jungfernhäutchen aus Wachs zwischen den Beinen.