Die Magie der kleinen Dinge - Jessie Burton - E-Book

Die Magie der kleinen Dinge E-Book

Jessie Burton

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Beschreibung

Wenn der Schein trügt, muss man zweimal hinsehen

Die junge Nella wird mit dem Amsterdamer Handelsmann Johannes Brandt verheiratet. Als sie sein herrschaftliches Haus an der Herengracht zum ersten Mal betritt, schlägt ihr kalte Abneigung von Seiten ihrer neuen Familie entgegen. Nur das Hochzeitsgeschenk spendet ihr Trost: ein Puppenhaus, das eine exakte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Doch bald werden Nella mysteriöse kleine Nachbildungen ihrer neuen Familienmitglieder geschickt – und Hinweise auf das, was diese verbergen. Nella beginnt zu ahnen, dass sich hinter der perfekten Fassade der Brandts tiefe Abgründe verbergen – und Geheimnisse, die sie alle in ihren Sog ziehen werden …

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Seitenzahl: 539

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Jessie Burton

Die Magieder kleinen Dinge

Roman

Aus dem Englischen von Karin Dufner

Die Originalausgabe erschien 2014unter dem Titel »The Miniaturist« bei Picador, London.

Der Limes Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Random House.Erste Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2014 Peebo & Pilgrim Limited

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Limes Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Abbildung Rijksmuseum, Amsterdam

Umschlagillustration und -gestaltung: www.buerosued.deunter Nutzung eines Motivs von Interfoto /A. Koch

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-15783-8www.limes-verlag.de

Für Linda, Edward & Pip

Petronella Oortmans Schrankpuppenhaus,Rijksmuseum, Amsterdam.

So raubet nun Silber! Raubet Gold! Denn hier ist der Schätze kein Ende und der Menge aller köstlichen Kleinode.

Nahum 2:9

Als Jesus den Tempel verließ, sagte einer von seinen Jüngern: Meister, sieh was für Steine und was für Bauten!Jesus sagte zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen.

Markus 13:1-2

(in der Familienbibel der Brandts angestrichene Passagen)

Die Oude Kerk, Amsterdam

Dienstag, 14. Januar, 1687

Eigentlich hätte die Beerdigung in aller Stille stattfinden sollen, denn die Verstorbene hatte keine Freunde. Doch in Amsterdam sind Worte wie das Wasser. Sie rinnen den Menschen in die Ohren, bis die Fäulnis einsetzt, und so ist der östliche Teil der Kirche voll besetzt. Vom sicheren Chorgestühl aus beobachtet sie, wie Mitglieder der Gilden und ihre Frauen sich dem klaffenden Grab nähern. Eine Prozession von Ameisen zum Honigtopf. Bald gesellen sich die Kontoristen der Ostindien-Kompanie VOC, die Schiffskapitäne, die Direktorengattinnen und die Konditoren hinzu – und er, der wie stets seinen breitkrempigen Hut trägt. Sie versucht, Mitleid für ihn zu empfinden. Im Gegensatz zu Hass kann man Mitleid abkapseln und beiseiteschieben.

Die bemalte Kirchendecke – das Einzige, was die Bilderstürmer hier unversehrt gelassen haben – erhebt sich über ihr wie der umgedrehte Rumpf eines prachtvollen Schiffes, das Spiegelbild der Seele der Stadt. Jesus sitzt, Schwert und Lilie in der Hand, zu Gericht. Ein goldener Frachter durchschneidet die Wellen. Die Jungfrau ruht auf einer Mondsichel. Als sie die alte Misericordie neben sich aufklappt, beben ihre Finger auf dem ins freigelegte Holz eingeschnitzten Symbol. Es ist das Relief eines Mannes, der einen Beutel Münzen scheißt. Ein gleichzeitig schmerzerfülltes und hämisches Grinsen spielt um seine Lippen. Hat sich irgendetwas verändert?, denkt sie.

Und dennoch …

Selbst die Toten haben sich heute versammelt, die Grabplatten verbergen Leichen über Leichen, Knochen und Staub, geschichtet bis dicht unter die Füße der Trauergäste. In diesem Boden liegen die Kiefer von Frauen, das Becken eines Kaufmanns, die hohlen Rippen eines dickwanstigen Grande. Auch kleine Leichen gibt es dort unten, einige davon nicht länger als ein Laib Brot. Sie stellt fest, dass die Menschen den Blick von so viel geballter Tragödie, von all den winzigen Grabplatten, abwenden, und kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen.

Mitten in der Menschenmenge entdeckt sie die Person, deretwegen sie hier ist. Die junge Frau wirkt erschöpft und eingefallen vor Trauer, als sie da vor dem Loch im Boden steht. Sie nimmt die Bürger kaum zur Kenntnis, die gekommen sind, um sie anzugaffen. Die Sargträger schreiten das Kirchenschiff entlang. Sie balancieren den Sarg auf ihren Schultern wie einen Kasten, der lediglich eine Laute enthält. Nach ihren Mienen zu urteilen, möchte man meinen, dass einige von ihnen ihre Vorbehalte gegen diese Beisetzung haben. Sie nimmt an, dass dies Pellicorne zu verdanken ist, der den Leuten wieder einmal Gift ins Ohr träufelt.

Für gewöhnlich folgen solche Prozessionen einer festen Ordnung. An der Spitze gehen die burgermeester, dann folgt das gemeine Volk. Heute jedoch hat man sich das gespart. Wie die Frau annimmt, ist noch in keinem Gotteshaus innerhalb der Stadtgrenzen je der Leichnam einer Frau wie dieser beigesetzt worden. Ihr gefällt die trotzige Haltung, die dahintersteht. Amsterdam, einst gegründet auf dem Mut zum Risiko, sehnt sich nun nach Gewissheit und geordneten Verhältnissen und bewacht in dumpfem Gehorsam seine Bequemlichkeit verheißenden Reichtümer. Ich hätte abreisen sollen, denkt sie. Der Tod ist mir zu nahe gekommen.

Die Menge teilt sich vor den Sargträgern. Als der Sarg ohne viel Federlesens in das Loch hinabgelassen wird, tritt die junge Frau an den Rand. Sie wirft ein Blumensträußchen in die Dunkelheit. Ein Star flattert die weiß gestrichene Wand der Kirche hinauf. Überrascht wenden die Menschen die Köpfe, doch die junge Frau zuckt nicht mit der Wimper.

Auch die Frau im Chorgestühl rührt sich nicht, und sie beobachten beide den bogenförmigen Flug der Blütenblätter, während Pellicorne das letzte Gebet anstimmt.

Als die Sargträger die neue Grabplatte an ihren Platz schieben, kniet sich ein Dienstmädchen vor den schmaler werdenden dunklen Streifen. Sie fängt zu schluchzen an, und als die erschöpfte junge Frau keine Anstalten macht, das Schauspiel zu unterbinden, wird dies vom Publikum mit missbilligendem Zungenschnalzen quittiert. Zwei in schwarze Seide gewandete Frauen, die neben dem Chorgestühl stehen, beginnen zu tuscheln. »Ein Benehmen wie dieses ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind«, raunt die eine.

»Wenn sie sich in der Öffentlichkeit schon so aufführen, gebärden sie sich zu Hause sicherlich wie die wilden Tiere«, erwidert ihre Freundin.

»Gewiss. Was würde ich dafür geben, bei denen einmal die Fliege an der Wand sein zu dürfen. Bzz-bzz.«

Die beiden müssen sich ein Kichern verkneifen. Die Frau stellt fest, dass sich ihre Fingerknöchel auf der symbolbehafteten Misericordie weiß verfärbt haben.

Als das Loch im Boden wieder verschlossen und der Tod in seine Schranken gewiesen ist, löst sich die Trauergemeinde rasch auf. Die junge Frau, die an eine aus der Buntglasscheibe gestürzte Heilige erinnert, nimmt die nicht eingeladenen Heuchler endlich wahr, die nun plaudernd auf den Ausgang und die verwinkelten Straßen der Stadt zusteuern. Nach einer Weile straffen sich die junge Frau und ihr Dienstmädchen und gehen, wortlos und Arm in Arm, das Kirchenschiff entlang und nach draußen. Die meisten Männer kehren nun an ihre Schreibtische und Ladentheken zurück, denn nur unermüdlicher Fleiß verhindert, dass Amsterdam untergeht. Harte Arbeit hat uns Ruhm gebracht, heißt es, doch Müßiggang wird uns zurück ins Meer spülen. Und in letzter Zeit scheint das Hochwasser immer näher zu rücken.

Sobald die Kirche leer ist, verlässt die Frau das Chorgestühl. Sie beeilt sich, weil sie unentdeckt bleiben will. »Die Dinge können sich ändern«, sagt sie, dass ihre Stimme von den Wänden widerhallt. Als sie vor der neu gelegten Grabplatte steht, erkennt sie, dass hier hastig zu Werk gegangen wurde. Der Granit ist noch wärmer als der auf den anderen Gräbern, an der eingemeißelten Inschrift haftet Staub.

So weit hätte es eigentlich nicht kommen dürfen.

Sie kniet nieder und greift in ihre Tasche, um zu Ende zu bringen, was sie angefangen hat. Das hier ist ihr ganz persönliches Gebet, ein Miniaturhäuschen, klein genug, um in ihre Handfläche zu passen. Neun Zimmer mit fünf menschlichen Figürchen darin, ein kleines Kunstwerk, bei dessen Vollendung die Zeit keine Rolle spielte. Vorsichtig legt die Frau ihre Gabe dorthin, wo sie hingehört, und segnet den Granit mit schwieligen Fingern.

Als sie die Kirchentür öffnet, sieht sie sich unwillkürlich nach dem breitkrempigen Hut und dem Gewand von Pellicorne und nach den Frauen in ihren Seidenkleidern um. Sie sind alle verschwunden, und die Frau könnte ganz allein auf der Welt sein, wenn da die Geräusche des eingesperrten Stars nicht wären. Obwohl es Zeit ist zu gehen, hält die Frau dem Vogel kurz die Tür auf. Er bemerkt zwar ihre Absicht, flattert aber hinter die Kanzel.

Sie schließt die Tür zum kühlen Kircheninneren, wendet sich der Sonne zu und geht, fort von den ringförmig angelegten Kanälen, in Richtung Meer. Star, denkt sie, wenn du dich in diesem Gebäude sicherer fühlst, will ich nicht diejenige sein, die dich befreit.

EINS

Mitte Oktober, 1686Herengracht, Amsterdam

Wünsche dir nichts von seinen feinen Speisen; denn es ist falsches Brot.

Sprüche 23:3

Verkehrte Welt

Nella Oortman steht auf der Vortreppe des Hauses, hebt den delphinförmigen Türklopfer an, lässt ihn fallen und zuckt unter dem lauten Geräusch verlegen zusammen. Nichts rührt sich, obwohl sie doch erwartet wird. Der Zeitpunkt wurde vereinbart, Briefe wurden gewechselt. Das Briefpapier ihrer Mutter war so dünn, verglichen mit dem teuren Pergament der Brandts. Nein, das ist keine schöne Begrüßung, wenn man bedenkt, dass die Trauung erst letzten Monat stattfand, denkt sie. Keine Girlanden, kein Hochzeitstrunk, keine Hochzeitsnacht. Nella stellt ihren kleinen Koffer und den Vogelkäfig auf die Treppe. Sie weiß schon jetzt, dass sie die Szene für die Daheimgebliebenen wird ausschmücken müssen, wenn sie endlich oben in einem Zimmer ist und an einem Schreibtisch sitzt.

Als sich am anderen Ufer das Gelächter von Kahnführern erhebt, dreht Nella sich um. Ein magerer Junge hat eine Frau angerempelt, die einen Korb voller Fische an der Hüfte trägt. Nun rutscht ein halbtoter Hering den weiten Rock der Fischhändlerin hinab. Ihre raue bäuerliche Stimme fährt Nella bis ins Mark, als sie zu schimpfen anfängt. »Idiot! Idiot!«, kreischt die Frau. Der Junge ist blind. Seine flinken Finger tasten ohne Scheu die Erde ab. Rasch hebt er den entflohenen Hering vom Boden auf wie einen silbrigen Glücksbringer und rennt, hämisch lachend und den freien Arm suchend ausgestreckt, mit seiner Beute den Kanal entlang.

Nella beglückwünscht ihn insgeheim und dreht sich zu der für den Oktober ungewöhnlich warm scheinenden Sonne hin, um sie so lang wie möglich zu genießen. Dieser Teil der Herengracht wird auch der Goldene Bogen genannt. Die Häuser, die über dem schlammfarbenen Kanal aufragen, sind wahre Wunderwerke. Beeindruckend und prachtvoll, bestaunen sie das Spiegelbild ihrer eigenen Schönheit im Wasser. Juwelen, die das Zentrum der Stadt schmücken. Über ihren Dächern tut die Natur ihr Bestes, um mitzuhalten. Safrangelbe und aprikosenfarbene Wolken wetteifern mit den bunten Fassaden.

Nella wendet sich wieder der Tür zu, die nun einen Spalt offen steht. War das vorhin auch schon so? Sie ist nicht sicher. Sie schiebt die Tür auf und späht in die Dunkelheit, während kühle Luft vom Marmor aufsteigt. »Johannes Brandt?«, ruft sie – laut und ein wenig ängstlich. Soll das ein Scherz sein?, fragt sie sich. Dann stehe ich ja im Januar noch hier. Peebo, ihr Wellensittich, reibt die Spitzen seines Gefieders an den Käfigstäben. Sein leises Zwitschern wird vom Marmor verschluckt. Selbst der inzwischen stille Kanal hinter ihnen scheint den Atem anzuhalten.

Eines weiß Nella genau, als sie weiter in die Dunkelheit starrt. Sie wird beobachtet. Los, Nella Elisabeth, sagt sie sich und tritt über die Schwelle. Wird ihr Mann sie nun umarmen und küssen oder ihr wie einem Geschäftspartner die Hand schütteln? Während der Trauung, bei der nur ihre kleine Familie und kein einziges Mitglied von seiner anwesend war, hat er nichts von alldem getan.

Um zu zeigen, dass auch Mädchen vom Land gute Manieren haben, bückt sie sich und zieht die Schuhe aus – zierlich, aus Leder und natürlich ihre besten. Allerdings ist sie nicht sicher, warum sie sie überhaupt angezogen hat. Würde, meinte ihre Mutter, aber Würde ist so unbequem. Sie knallt die Schuhe auf den Boden, in der Hoffnung, dass das Geräusch Aufmerksamkeit erregen oder vielleicht jemanden verscheuchen wird. Eine blühende Phantasie hat das Mädchen, pflegt ihre Mutter zu sagen, Nella-guck-in-die-Luft. Jetzt liegen die Schuhe reglos da und haben den Schwung verloren. Nella kommt sich einfach nur albern vor.

Draußen rufen zwei Frauen einander etwas zu. Nella dreht sich um, kann aber durch die offene Tür nur die eine Frau von hinten sehen. Sie trägt keine Haube, hat goldenes Haar und ist hochgewachsen. Sie schreitet in die untergehende Sonne hinein. Nellas Frisur hat sich auf der Reise von Assendelft hierher aufgelöst. In der leichten Brise haben sich Strähnchen gelockert. Sie zu richten würde sie nur noch nervöser machen, was sie nicht ertragen könnte. Darum lässt sie sich weiter von ihnen im Gesicht kitzeln.

»Wird hier demnächst eine Menagerie eröffnet?«

Nella bekommt eine Gänsehaut. Sie sieht, dass eine Gestalt aus den Schatten auf sie zugleitet. Eine Hand hat sie ausgestreckt – ob abwehrend oder zur Begrüßung, ist schwer festzustellen. Es ist eine Frau, schlank mit kerzengerader Haltung. Sie ist tiefschwarz gekleidet, die Haube auf ihrem Kopf ist gestärkt und mit dem Bügeleisen zu einem weißen Meisterwerk geglättet. Kein Haarsträhnchen ist verrutscht, und es haftet ihr ein ganz leichter und sonderbarer Hauch von Muskatduft an. Ihre Augen sind grau, ihr Mund ist schmal. Wie lange beobachtet sie sie schon? Peebo krächzt wegen der Störung.

»Das ist Peebo«, erwidert Nella. »Mein Wellensittich.«

»Das sehe ich selbst«, entgegnet die Frau und mustert sie. »Und hören kann ich es auch. Muss ich davon ausgehen, dass Sie noch mehr Tiere mitgebracht haben?«

»Ich habe einen kleinen Hund, aber der ist zu Hause …«

»Sehr gut. Der würde hier nur Unordnung machen. Und die Möbel zerkratzen. Außerdem sind diese Hündchen etwas für affektierte Franzosen und Spanier«, stellt die Frau fest. »So frivol wie ihre Besitzer.«

»Und sie sehen aus wie Ratten«, ruft eine zweite Stimme irgendwo im Flur.

Die Frau runzelt die Stirn und schließt einen Moment die Augen. Während Nella sie betrachtet, fragt sie sich, wer sonst noch dieses Gespräch beobachtet. Ich bin bestimmt zehn Jahre jünger als sie, denkt sie, auch wenn ihre Haut sehr glatt ist. Als die Frau an Nella vorbei zur Tür geht, um sie zu schließen, sind ihre Bewegungen anmutig, selbstbewusst und raumgreifend. Sie wirft einen kurzen beifälligen Blick auf die ordentlich an der Tür abgestellten Schuhe und mustert dann mit fest zusammengepressten Lippen den Käfig. Peebo sträubt ängstlich das Gefieder.

Nella beschließt, sie abzulenken, indem sie ihr die Hand schüttelt, doch die Frau zuckt bei der Berührung zusammen. »Kräftige Knochen für siebzehn«, sagt sie.

»Ich bin Nella. Und ich bin achtzehn«, erwidert Nella und zieht die Hand zurück.

»Ich weiß, wer Sie sind.«

»Eigentlich heiße ich ja Petronella, aber zu Hause nennen mich alle …«

»Ich habe Sie schon beim ersten Mal verstanden.«

»Sind Sie die Haushälterin?«, fragt Nella. Aus dem dunklen Flur ist ein kaum unterdrücktes Kichern zu hören. Die Frau achtet nicht darauf und blickt an Nella vorbei in die flirrenden Schatten. »Ist Johannes da? Ich bin seine Frau.« Die Frau schweigt weiter. »Wir haben vor einem Monat in Assendelft geheiratet«, beharrt Nella. Offenbar die einzige Methode, die bei dieser Frau wirkt.

»Mein Bruder ist nicht zu Hause.«

»Bruder?«

Wieder ein Kichern aus der Dunkelheit. Die Frau schaut Nella direkt in die Augen. »Ich bin Marin Brandt«, verkündet sie, als wolle sie Nella etwas damit mitteilen. So hart Marins Gesichtsausdruck auch sein mag, hört Nella aus ihrer Stimme ein leichtes Zittern heraus. »Er ist nicht da«, wiederholt sie. »Wir hatten es eigentlich anders geplant, aber er ist nicht da.«

»Wo ist er denn?«

Als Marin nun mit der linken Hand wedelt, treten zwei Gestalten aus den Schatten neben der Treppe. »Otto«, sagt sie. Ein Mann nähert sich. Nella schluckt und stemmt die kalten Füße in den Boden. Ottos Haut ist überall dunkel. Am Hals, der aus dem Kragen ragt, an den Handgelenken und Händen, die aus seinen Ärmeln schauen – nichts als dunkelbraune Haut. Seine hohen Wangenknochen, sein Kinn, seine breite Stirn, jeder Zentimeter. Noch nie im Leben hat Nella so einen Mann gesehen.

Offenbar will Marin sie auf die Probe stellen. Dem Ausdruck in Ottos großen Augen ist nicht zu entnehmen, ob er Nellas unverhohlene Neugier bemerkt hat. Als er sich verbeugt, macht sie einen Knicks und beißt sich auf die Lippe, bis der Geschmack nach Blut sie mahnt, die Ruhe zu bewahren. Nella stellt fest, dass seine Haut glänzt wie poliertes Nussholz und dass sein schwarzes Haar von der Kopfhaut absteht. Es erinnert an eine Wolke aus weicher Wolle und ist nicht glatt und fettig wie bei anderen Männern. »Ich …«, setzt sie an.

Peebo fängt an zu zwitschern. Als Otto die Hände ausstreckt, liegt ein Paar Pantoffeln auf seinen breiten Handflächen. »Für Ihre Füße«, sagt er.

Er hat einen Amsterdamer Akzent, rollt die Wörter aber so, dass sie warm und fließend klingen. Als Nella die Pantoffeln entgegennimmt, berühren ihre Finger seine Haut. Unbeholfen streift sie sich die Schuhe über die angehobenen Füße. Sie sind zu groß, doch sie wagt nicht, das anzumerken. Wenigstens trennen sie ihre Fußsohlen von dem kalten Marmor. Die Lederbänder wird sie später schließen, wenn sie oben ist. Das heißt, falls man ihr jemals gestatten wird, diese Vorhalle zu verlassen.

»Otto ist der Diener meines Bruders«, sagt Marin und durchbohrt Nella weiter mit Blicken. »Und das hier ist Cornelia, unser Hausmädchen. Sie wird sich um Sie kümmern.«

Cornelia tritt vor. Sie ist ein wenig älter als Nella, vielleicht zwanzig oder einundzwanzig, und ein Stückchen größer. Cornelia bedenkt sie mit einem verkniffenen Lächeln. Ihre blauen Augen wandern über Nellas Körper und bemerken wohl auch ihre zitternden Hände. Nella lächelt. Das unverfrorene Starren des Hausmädchens empfindet sie als kränkend, und sie zermartert sich das Hirn nach einer unverfänglichen Dankesfloskel. Als Marin nun wieder die Initiative ergreift, ist sie gleichzeitig erleichtert und beschämt.

»Ich zeige Ihnen das Obergeschoss«, verkündet Marin. »Sicher wollen Sie Ihr Zimmer sehen.«

Als Nella nickt, funkeln Cornelias Augen belustigt. Das klägliche Zirpen aus dem Käfig bricht sich an den hohen Wänden. Marin weist Cornelia mit einer Handbewegung an, den Vogel in die Küche zu bringen.

»Aber die Küchendünste«, protestiert Nella, während Marin und Otto sich bereits abwenden. »Peebo braucht Licht.« Cornelia nimmt den Käfig und schwingt ihn wie einen Eimer. »Seien Sie bitte vorsichtig«, sagt Nella, und Marin wirft Cornelia einen Blick zu. Begleitet von Peebos dünnem, kläglichem Trillern, verschwindet diese in der Küche.

Oben angekommen, ist Nella wie erschlagen vom Prunk in ihrem neuen Zimmer. Marin verzieht nur missbilligend das Gesicht. »Cornelia hat zu viel gestickt«, stellt sie fest. »Allerdings hoffen wir, dass Johannes nur einmal heiraten wird.« Die Kissen tragen ein Monogramm, der Bettüberwurf ist neu, und die Vorhänge wurden kürzlich aufgearbeitet. »Der schwere Samt hält die Feuchtigkeit vom Kanal ab«, stellt Marin fest. »Das war früher mein Zimmer«, fügt sie hinzu, tritt ans Fenster und schaut hinaus zu den ersten Sternen, die sich am Himmel zeigen. Sie legt die Hand an die Scheibe. »Es hat die beste Aussicht, deshalb haben wir es Ihnen gegeben.«

»Oh, nein«, sagt Nella. »Dann müssen Sie es behalten.«

Sie stehen einander gegenüber, umzingelt von Massen bestickten Stoffes und unzähligen Wäschestücken. Sie sind übersät mit dem B für Brandt – der Buchstabe umrankt von Weinblättern, eingebettet in Vogelnester und Blumenbeete. Das B mit seinem dick geschwollenen Bauch hat Nellas Mädchennamen verschluckt. Trotz ihrer Beklommenheit streicht Nella aus Pflichtgefühl mit dem Finger über diese Stoffberge, die ihr inzwischen aufs Gemüt schlagen.

»Und ist es im altehrwürdigen Herrensitz Ihrer Vorfahren in Assendelft warm und trocken?«, fragt Marin.

»Es kann manchmal feucht sein«, erwidert Nella, während sie sich bückt, um die zu großen Pantoffeln an ihren Füßen zu richten und zu verschnüren. »Die Deiche halten nicht immer. Aber es ist kein Herrensitz …«

»Unsere Familie mag keinen so alten Stammbaum haben wie die Ihre, doch was bedeutet das schon im Vergleich mit einem warmen, trockenen und gut gebauten Haus«, unterbricht Marin.

»Richtig.«

»Afkomst seyt niet. Der Stammbaum zählt nicht«, fährt Marin fort und schlägt bei dem Wort auf ein Kissen, wie um ihre Worte zu untermalen. »Das hat Pastor Pellicorne letzten Sonntag gesagt, und ich habe es auf das Deckblatt unserer Bibel geschrieben. Wenn wir nicht vorsichtig sind, steigt das Wasser. Ihre Mutter hat geschrieben«, fügt sie wie in Gedanken versunken hinzu. »Sie hat darauf bestanden, für Ihre Reise hierher zu bezahlen. Das konnten wir nicht annehmen. Wir haben das zweitbeste Boot geschickt. Sie sind doch hoffentlich nicht gekränkt?«

»Nein, nein.«

»Gut. Das zweitbeste ist in diesem Haus immerhin ein frischer Anstrich und eine mit bengalischer Seide ausgestattete Kabine. Johannes benutzt gerade das andere.«

Nella fragt sich, wo ihr Mann ist, in seinem besten Boot unterwegs und nicht rechtzeitig zurück, um sie zu begrüßen. Sie denkt an Peebo, der allein in der Küche ist, in der Nähe des Feuers und der Pfannen. »Haben Sie nur zwei Dienstboten?«, erkundigt sie sich.

»Das genügt«, entgegnet Marin. »Wir sind Kaufleute, keine Müßiggänger. In der Bibel steht, dass der Mensch nicht mit seinem Wohlstand protzen soll.«

»Natürlich nicht.«

»Das heißt, wenn er noch etwas besitzt, um damit protzen zu können.« Marin starrt Nella so lange an, bis diese den Blick senkt. Allmählich wird es dunkel im Raum, und Marin zündet die Kerzen an. Sie bestehen aus billigem Talg. Nella hat auf welche aus duftendem Bienenwachs gehofft und wundert sich, warum die Wahl auf diese qualmenden, nach Fleisch riechenden Dinger gefallen ist. »Offenbar hat Cornelia auf alles Ihren neuen Namen gestickt«, sagt Marin über die Schulter.

Das hat sie wirklich, denkt Nella und erinnert sich an Cornelias unfreundliche Musterung. Bestimmt hat sie sich die Finger blutig genäht, und an wem wird sie sich nun wohl rächen? »Wann kommt Johannes zurück, und warum ist er nicht hier?«, fragt sie.

»Ihre Mutter sagte, Sie freuen sich schon sehr auf Ihr neues Leben als Ehefrau in Amsterdam«, erwidert Marin. »Stimmt das?«

»Ja, nur dass man dazu einen Ehemann braucht.«

In dem nun folgenden frostigen Schweigen fragt sich Nella, wo wohl Marins Ehemann ist. Vielleicht hat sie ihn ja im Keller versteckt. Sie muss ein Kichern unterdrücken und lächelt stattdessen in Richtung Kissen. »Es ist alles wunderschön«, sagt sie. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«

»Cornelia hat alles gemacht. Ich bin bei Handarbeiten zu nichts zu gebrauchen.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ich habe meine Bilder abgehängt. Diese hier entsprechen vermutlich eher Ihrem Geschmack.« Marin weist auf ein Bild an der Wand, auf dem ein Schwarm erlegter Vögel, einschließlich Federn und Krallen, an einem Haken baumelt. Ein Stück weiter prangt ein aufgeschlitzter Hase, ebenfalls eine Jagdbeute. Ein drittes Bild zeigt einen Berg Austern auf einem Teller mit chinesischem Muster, daneben ein umgekipptes Weinglas und eine Schale mit überreifem Obst. Die Nacktheit der aufgeklappten Austern hat etwas Beunruhigendes an sich. Zu Hause hat Nellas Mutter die Wände mit Landschaftsbildern und Bibelszenen geschmückt. »Die gehören meinem Bruder«, erklärt Marin und weist auf eine überquellende Blumenvase, übernatürlich grell und in schrillen Farben gehalten. Am unteren Bildrand ist ein aufgeschnittener Granatapfel zu sehen.

»Danke.« Nella überlegt, wie lange sie wohl brauchen wird, um die Bilder vor dem Schlafengehen mit dem Gesicht zur Wand zu drehen.

»Sicher möchten Sie heute Abend hier oben essen«, sagt Marin. »Sie haben eine lange Reise hinter sich.«

»Ja, das stimmt. Sehr aufmerksam von Ihnen.« Beim Anblick der blutigen Vogelschnäbel muss Nella ein Schaudern unterdrücken. Die glasigen Augen kündigen die Verwesung an. Die Bilder lösen in ihr Appetit auf etwas Süßes aus. »Haben Sie vielleicht Marzipan da?«

»Nein. Wir verwenden kaum Zucker. Davon wird der Mensch krank an der Seele.«

»Meine Mutter hat es zu Formen geknetet.« Es gab immer Marzipan in der Speisekammer, das einzige Laster, das Madame Oortman mit ihrem Mann gemeinsam hatte. Meerjungfrauen, Schiffe und Ketten aus zuckrigen Perlen, die, weich und nach Mandeln duftend, im Mund zergingen. Ich gehöre nicht mehr zu meiner Mutter, denkt Nella. Und eines Tages werde ich Zuckerfigürchen für andere klebrige Händchen kneten, während Kinderstimmen um Leckereien betteln.

»Ich werde Cornelia bitten, Ihnen etwas herenbrood und Gouda zu bringen«, reißt Marin Nella aus ihren Gedanken. »Und ein Glas Rheinwein.«

»Danke. Wissen Sie vielleicht, wann Johannes wiederkommt?«

Marin reckt die Nase. »Was ist das für ein Geruch?«

Unwillkürlich fährt Nellas Hand hoch zum Schlüsselbein. »Bin ich das?«

»Sind Sie das?«

»Meine Mutter hat mir ein Parfüm geschenkt. Lilienöl. Meinen Sie das?«

Marin nickt. »Ja«, erwidert sie. »Lilie.« Sie hüstelt. »Wissen Sie, was man über Lilien sagt?«

»Nein.«

»Früh erblüht, früh verwelkt.«

Mit diesen Worten schließt Marin die Tür.

Der Mantel

Um vier Uhr morgens liegt Nella noch immer wach. Ihr seltsames neues Zuhause, alles blitzblank und bestickt und in den Geruch qualmenden Talgs gehüllt, lässt sie einfach nicht zur Ruhe kommen. Die Bilder in ihren Rahmen sind weiterhin sichtbar, weil sie nicht gewagt hat, sie umzudrehen. Und so liegt sie da und lässt die Ereignisse, die zu diesem Moment geführt haben, Revue passieren.

Bei seinem Tod vor zwei Jahren hieß es in Assendelft, Seigneur Oortman sei ein Mann gewesen, der Brauereien zeugte. Obwohl Nella die Vorstellung gar nicht gefiel, ihr Papa sei nichts als ein ständig betrunkener Frauenheld, entsprach es leider der Wahrheit. Ihr Vater hatte ihnen einen Berg Schulden hinterlassen. Die Suppe wurde zunehmend dünner, das Fleisch zäher, die Dienstboten verschwanden nach und nach. Er hatte nie eine Arche gegen das ansteigende Meer gebaut, wie man es von einem guten Holländer erwartete. »Du musst einen Mann heiraten, der sein Geld nicht aus dem Fenster wirft«, hatte ihre Mutter deshalb verkündet und zum Federkiel gegriffen.

»Aber ich hätte ihm doch nichts zu geben«, wandte Nella ein.

Ihre Mutter schnalzte mit der Zunge. »Schau dich nur an. Was haben wir Frauen wohl zu bieten?«

Diese Äußerung hatte Nella vor den Kopf gestoßen. Dass ihre eigene Mutter sie so geringschätzte, löste eine bislang unbekannte Form von Bestürzung in ihr aus, und die Trauer um ihren Vater wich einer Trauer um sich selbst. Carel und Arabella, ihre jüngeren Geschwister, durften weiter draußen herumtollen und Kannibalen oder Piraten spielen.

Zwei Jahre lang übte Nella, eine Dame zu sein. Sie legte sich eine neue Art zu gehen zu, obwohl es, wie sie sich oft beklagte, daheim nichts gab, wo man hätte hingehen können. Zum ersten Mal hatte sie das Bedürfnis, dem Dorf zu entfliehen, achtete nicht mehr auf den weiten Himmel und sah nur noch ein ländliches Gefängnis. In einem neuen, enger geschnürten Korsett feilte sie an ihrem Lautespiel und zupfte mit geschickten Fingern die Saiten. Aber sie langweilte sich. Nur die Sorge um die Nerven ihrer Mutter verhinderte, dass sie sich auflehnte. Und im Juli dieses Jahres fielen die Bemühungen ihrer Mutter, unterstützt vom letzten ihnen verbliebenen Gönner ihres Mannes, endlich auf fruchtbaren Boden.

Ein Brief traf ein. Die Handschrift auf dem Umschlag wirkte ordentlich, flüssig und selbstbewusst. Ihre Mutter ließ sie den Brief nicht lesen, doch eine Woche später fand Nella heraus, dass sie einem Mann vorspielen sollte. Einem Kaufmann namens Johannes Brandt, der aus Amsterdam anreisen würde. Während die Sonne über den verdorrten Ebenen von Assendelft unterging, saß der Fremde schließlich in ihrem langsam verfallenden Haus und hörte ihrem Lautespiel zu.

Nella hatte den Eindruck, dass er bewegt war, und als sie geendet hatte, sagte er, er habe es genossen. »Ich liebe die Laute«, sagte er. »Ein wundervolles Instrument. Ich habe zwei an der Wand hängen, doch sie sind seit Jahren nicht mehr gespielt worden.« Und als Johannes Brandt – neununddreißig, ein echter Methusalem!, wie Carel johlte – um ihre Hand anhielt, beschloss Nella anzunehmen. Es wäre undankbar und eindeutig leichtfertig gewesen abzulehnen.

Nach der Trauung in Assendelft im September wurden ihre Namen ins Kirchenbuch eingetragen. Darauf folgte ein kurzes Abendessen im Haus der Oortmans, und dann reiste Johannes ab. Er habe persönlich Waren nach Venedig zu liefern, sagte er. Nella und ihre Mutter nickten. Johannes war so charmant mit seinem schiefen Lächeln und der Macht, die er ausstrahlte. Und so hatte die frisch verheiratete Nella in ihrer Hochzeitsnacht genauso geschlafen wie schon seit Jahren: Kopf an Fuß mit ihrer zappelnden Schwester. Aber nun würde alles gut werden, dachte sie und malte sich aus, wie sie sich als Phönix aus der Asche von Assendelft erhob. Als neue Frau – als Ehefrau mit einer glänzenden Zukunft …

Das Geräusch von Hunden auf dem Flur reißt sie aus ihren Gedanken. Nella hört einen Mann – die Stimme von Johannes, da ist sie sicher. Ihr Mann ist hier in Amsterdam. Ein wenig verspätet zwar, aber hier. Nella setzt sich in ihrem Bett auf und übt schlaftrunken die Begrüßungssätze. Ich freue mich ja so. Hattest du eine gute Reise? Ja? Ich bin sehr glücklich.

Aber sie wagt sich nicht nach unten. Die Nervosität und die Aufregung, ihn endlich wiederzusehen, sind einfach zu stark. Also wartet sie mit Schmetterlingen im Bauch ab und fragt sich, wie sie es anfangen soll. Schließlich streift sie doch die Pantoffeln ab, legt sich ein Umschlagtuch über die Schultern und pirscht sich auf den Flur hinaus.

Die Hunde laufen mit klackernden Krallen über die Fliesen. Ihr Fell riecht nach Meeresluft, und ihre Schweife schlagen gegen die Möbel. Marin hat Johannes bereits abgefangen, und Nella hört sie reden.

»Das habe ich nie behauptet, Marin«, sagt Johannes. Seine Stimme ist dunkel und sonor.

»Vergiss es, Bruder. Ich bin froh, dich zu sehen. Ich habe dafür gebetet, dass du wohlbehalten zurückkommst.« Als Marin aus dem Schatten tritt, um ihn zu betrachten, flackert und tanzt die Flamme ihrer Kerze. Nella beugt sich übers Treppengeländer und mustert den so gar nicht vertrauten Umriss seines Reisemantels und die erstaunlich klobigen Finger. »Du wirkst erschöpft«, fährt Marin fort.

»Ich weiß, ich weiß. Und der Londoner Herbst …«

»Ist ein Graus. Ach, dort warst du. Lass mich mal.« Mit der freien Hand hilft Marin ihm aus dem Mantel. »Oh, Johannes, du bist mager geworden. Du warst zu lange weg.«

»Ich bin nicht mager.« Er tritt zurück. »Rezeki, Dhana!«, ruft er, worauf die Hunde ihm folgen wie Schatten. Nella lässt den seltsamen Klang dieser Namen auf sich wirken. Rezeki, Dhana. In Assendelft hat Carel ihre Hunde Schnauzi und Schwarzauge genannt, nicht sehr phantasievoll, doch ihrem Wesen und Aussehen entsprechend.

»Bruder«, sagt Marin. »Sie ist hier.«

Johannes bleibt stehen, dreht sich aber nicht um. Er lässt die Schultern hängen, und sein Kopf sinkt ihm auf die Brust. »Aha«, erwidert er. »Ich verstehe.«

»Du hättest bei ihrer Ankunft hier sein sollen.«

»Du hast das sicher auch ohne mich geschafft.«

Schweigen liegt schwer zwischen ihrem bleichen Gesicht und dem abweisenden breiten Rücken ihres Bruders. »Vergiss nicht, du bist verheiratet«, meint sie.

Johannes fährt sich mit den Fingern durchs Haar. »Wie könnte ich?«, antwortet er. »Wie könnte ich?«

Marin scheint noch etwas hinzuzufügen wollen, verschränkt aber lediglich die Arme vor der Brust. »Es ist so kalt«, sagt sie.

»Dann geh zu Bett. Ich muss noch arbeiten.«

Er schließt seine Tür. Marin legt sich den Mantel ihres Bruders über die Schultern. Nella beugt sich vor und beobachtet, wie Marin das Gesicht in den Stofffalten vergräbt. Als das Geländer knarzt, reißt sich Marin den Mantel von den Schultern und späht in die Dunkelheit. Nella erstarrt. Doch als Marin einen Schrank im Flur öffnet, pirscht sie sich zurück in ihr Zimmer, um zu warten.

Kurz darauf schließt sich die Tür von Marins Schlafzimmer am Ende des Flurs. Nella schleicht die Haupttreppe hinunter. Im Flur bleibt sie am Schrank stehen und rechnet eigentlich damit, dort den Mantel hängen zu sehen. Doch er liegt auf dem Boden. Sie bückt sich und hebt ihn auf. Er riecht feucht, nach einem müden Mann und nach den Städten, die er gesehen hat. Nachdem sie den Mantel aufgehängt hat, nähert sich Nella der Tür, hinter der ihr Mann verschwunden ist, und klopft an.

»Herrgott«, schimpft er. »Wir reden morgen weiter.«

»Ich bin es. Petronella. Nella.«

Kurz darauf öffnet sich die Tür, und Johannes steht vor ihr. Sein Gesicht liegt im Schatten. Er ist so breitschultrig. In der halbleeren Kirche in Assendelft hat er auf Nella nicht so beeindruckend gewirkt. »Esposa mía«, sagt er.

Nella versteht nicht, was das heißt. Als er in den Lichtkegel der Kerze tritt, sieht sie, dass sein Gesicht von der Sonne verbrannt ist. Seine Augen, grau wie die von Marin, sind fast durchscheinend. Ihr Mann ist keine Schönheit. Das fettige Haar klebt ihm stumpfgrau am Kopf. »Ich bin hier«, sagt sie.

»Das sehe ich.« Er weist auf ihr Nachthemd. »Du solltest schlafen.«

»Ich wollte dich begrüßen.«

Als er einen Schritt vorwärts macht und ihre Hand küsst, sind seine Lippen weicher als erwartet. »Wir sprechen morgen, Nella. Ich bin froh, dass du gut angekommen bist. So froh.« Sein Blick irrlichtert hin und her, ohne an etwas hängen zu bleiben. Während Nella noch rätselt, wie jemand gleichzeitig so erschöpft sein und eine solche Energie verströmen kann, nimmt sie einen moschusartigen Geruch wahr. Eindringlich und verstörend. Johannes zieht sich in den gelblich erleuchteten Raum zurück, der offenbar sein Arbeitszimmer ist, und schließt die Tür.

Nella verharrt noch einen Moment und späht die Treppe in die pechschwarze Finsternis hinauf. Marin schläft bestimmt, denkt sie. Ich schaue nur kurz nach, ob es meinem kleinen Vogel gut geht. Sie schleicht die Treppe hinunter in die Küche, wo der Vogelkäfig neben dem offenen Kochherd hängt. Die ersterbende Glut beleuchtet sanft die Gitterstäbe. »Alle Dienstmädchen sind gefährlich«, pflegte ihre Mutter zu sagen. »Doch die in der Stadt sind am schlimmsten.« Wie sie zu dieser Ansicht kam, hatte sie nicht näher ausgeführt. Aber wenigstens lebt Peebo. Er sitzt mit gesträubtem Gefieder auf seiner Stange und hüpft und zirpt, als er Nella bemerkt. Wie gerne würde sie ihn mit nach oben nehmen, doch dann denkt sie daran, was Marin tun könnte, wenn sie ihr nicht gehorcht. An Cornelia, wie sie einen Teller mit zwei winzigen Keulen, garniert mit grünen Federn, anrichtet. »Gute Nacht, Peebo«, flüstert sie.

Durch ihr Schlafzimmerfenster sieht sie die Nebel von der Herengracht aufsteigen. Der Mond erinnert an eine verblasste Münze. Sie öffnet die Vorhänge, zieht ihr Umschlagtuch fester zusammen und setzt sich in eine Ecke. Sie fürchtet sich noch immer vor dem riesigen Bett. Ihr neuer Gatte ist ein wichtiger Mann. Er genießt viel Einfluss in Amsterdam und beherrscht selbst die Meere und fremde Länder mit all ihrem Reichtum. »Das Leben ist hart, wenn eine Frau nicht verheiratet ist«, hatte ihre Mutter verkündet. »Warum?«, fragte Nella. Nachdem sie miterlebt hatte, wie ihre Mutter sich erst ständig über ihren Vater ärgerte und dann angesichts der von ihm geerbten Schulden in Aufruhr geraten war, verstand sie nicht ganz, warum sie ihre Tochter einem ähnlichen Risiko aussetzen wollte. Doch ihre Mutter hatte sie gemustert, als hätte sie den Verstand verloren. Zumindest ließ sie sich diesmal zu einer Erklärung herab. »Weil Seigneur Brandt ein Schäfer aus der Stadt ist, während dein Vater nur ein Schaf war.«

Nella betrachtet den silbernen Krug neben sich, den Schreibtisch aus poliertem Mahagoni, den türkischen Teppich, die prachtvollen Gemälde. Eine wunderschöne Pendeluhr misst stetig die Zeit. Auf ihrem Zifferblatt sind Sonnen und Monde abgebildet, die Zeiger sind ziseliert. So eine prachtvolle Uhr ist Nella noch nie untergekommen. Alles sieht neu aus und spricht von Wohlstand. Nella hat diese Sprache nie gelernt, glaubt aber, dass sie damit zurechtkommen wird. Sie hebt die heruntergefallenen Kissen auf und legt sich auf die Überdecke aus tiefroter Seide.

Als sie mit zwölf Jahren zum ersten Mal geblutet hat, hat ihre Mutter ihr erzählt, das Blut diene »der Sicherheit der Kinder«. Nella hatte nicht den Eindruck, dass es viel Grund gab, sich in Sicherheit zu wiegen. Schließlich hatte sie oft genug die Schreie der Frauen, die in den Wehen lagen, durchs Dorf hallen gehört. Und häufig gesehen, wie kurz darauf die Särge zur Kirche getragen wurden.

Die Liebe war so viel weniger greifbar als Flecken auf Leinenlappen. Für Nella bestand kein Zusammenhang zwischen den monatlichen Blutungen und dem, was sie hinter der Liebe vermutete – der körperlichen und der, die darüber hinausging. »Das ist Liebe, Petronella«, sagte Madame Oortman, als sie zusah, wie Arabella den kleinen Schwarzauge so fest an sich drückte, dass sie den Welpen beinahe erstickte. Wenn Musikanten im Dorf von der Liebe sangen, ging es in diesen Liedern tatsächlich um Schmerz, der sich hinter dem Glück verbarg.

Madame Oortman hatte stets geklagt, dass es im Umkreis von vielen Kilometern keinen passenden Bräutigam für Nella gab. »Bauerntölpel« nannte sie die Jungen aus dem Dorf. Die Stadt und Johannes Brandt, das war die Zukunft ihrer Tochter.

»Aber Liebe, Mutter. Werde ich ihn lieben?«

»Das Mädchen sehnt sich nach der Liebe!«, rief Madame Oortman, mit großer Geste an die bröckelnden Mauern von Assendelft gewandt, aus. »Sie will die Pfirsiche und die Sahne.« Sie nahm ihre Tochter bei den Schultern und beteuerte, es sei richtig, dass Nella Assendelft verließ, und Weggehen war weiß Gott auch das, was Nella selbst wollte. Sie war es leid, mit Carel und Arabella Schiffbruch zu spielen. Allerdings ändert das nichts an ihrer Enttäuschung, als sie nun in Amsterdam neben ihrem leeren Ehebett sitzt wie eine Krankenschwester neben einem Patienten. Wozu ist sie hier, wenn ihr Ehemann sie nicht einmal richtig begrüßt? Sie kriecht auf die unbenutzte Matratze und wühlt sich zwischen die Kissen. Cornelias abfällige Miene, Marins spitzer Tonfall und Johannes’ Gleichgültigkeit haben ihr noch den letzten Rest Gewissheit genommen. Ich bin das Mädchen, denkt Nella, das noch keinen einzigen Pfirsich abbekommen hat, geschweige denn die Sahne.

Trotz der unchristlichen Stunde scheint das Haus wach zu sein. Sie hört, wie die Eingangstür geöffnet und geschlossen wird. Dann öffnet sich über ihr noch eine Tür. Es wird geflüstert, und Schritte tappen über den Flur, bevor sich plötzlich eine undurchdringliche Stille über die Räume legt.

Sie lauscht verzweifelt. Ein hauchdünner Streifen Mondlichts beleuchtet den Hasen und den verrotteten Granatapfel auf dem einen Bild. Es ist eine trügerische Ruhe, so als atmete das Haus selbst. Doch sie wagt es nicht, schon wieder das Bett zu verlassen, nicht in der ersten Nacht. Die Gedanken an das Lautespiel des letzten Sommers sind verflogen. Inzwischen hallen Nella nur noch die Worte der Fischhändlerin in den Ohren – Idiot!, Idiot!

Ein neues Alphabet

Nachdem sie die Vorhänge geöffnet hat, bleibt Cornelia am Fußende von Nellas zerwühltem Bett stehen. »Der Seigneur ist gestern aus London zurückgekehrt«, sagt sie zu dem zierlichen Fuß, der unter der Bettdecke hervorlugt. »Sie werden zusammen frühstücken.«

Nellas Kopf fährt vom Kissen hoch. Sie hat das Gefühl, ihr Gesicht ist verschwollen wie das einer Putte. Sie hört, wie die Dienstmädchen entlang der Herengracht mit ihren Eimern herumfuhrwerken und die Treppen putzen. Es klingt wie gedämpftes Glockengeläut. »Wie lange habe ich geschlafen?«.

»Lange genug«, erwidert das Dienstmädchen.

»Ich fühle mich, als hätte ich drei Monate lang verzaubert in diesem Bett gelegen.«

Cornelia kann sich ein Lachen nicht verkneifen. »Das muss ja ein toller Zauber sein.«

»Was soll das heißen?«

»Nichts, Madame.« Sie breitet die Hände aus. »Kommen Sie, ich soll Sie ankleiden.«

»Sie waren noch spät auf.«

»War ich das?« Cornelia ist frech, und ihr Selbstbewusstsein sorgt dafür, dass Nella sich klein fühlt. Die Dienstmädchen ihrer Mutter hätten niemals so mit ihr gesprochen.

»Ich habe nachts die Eingangstür gehört«, sagt sie. »Und eine Tür über mir. Ich bin sicher.«

»Unmöglich«, entgegnet das Dienstmädchen. »Toot hat abgeschlossen, bevor Sie nach oben gegangen sind.«

»Toot?«

»So nenne ich Otto. Er findet den Spitznamen albern, aber ich mag ihn.« Cornelia nimmt ein Unterhemd, streift es Nella über den Kopf und schnürt sie in ein blaues, mit Silberfäden durchwirktes Gewand. »Der Seigneur hat es gekauft«, verkündet sie mit Bewunderung in der Stimme. Nellas Begeisterung über das Geschenk legt sich rasch – die Ärmel sind zu lang, und ihr Brustkorb scheint in dem viel zu weiten Mieder zu versinken, ganz gleich, wie fest Cornelia es auch schnürt. »Madame Marin hat der Schneiderin Ihre Maße geschickt«, stellt Cornelia tadelnd fest. Sie zieht die Bänder enger und enger und betrachtet missmutig die überlangen Enden. »Ihre Mutter hat sie uns geschrieben. Was mache ich jetzt mit dem vielen Stoff?«

»Da hat die Schneiderin offenbar etwas falsch verstanden«, erwidert Nella und mustert ihre Hände, die in Stoff verschwinden. »Ich bin sicher, dass meine Mutter meine Maße kennt.«

Als Nella ins Speisezimmer kommt, erörtert Johannes umfangreiche Dokumente mit Otto. Beim Anblick seiner Frau verbeugt er sich mit amüsierter Miene. Seine Augenfarbe hat sich verdichtet – von Fisch zu Feuerstein. Marin trinkt Zitronenwasser. Ihr Blick ruht auf der riesigen Karte, die hinter dem Kopf ihres Bruders an der Wand hängt, Landstückchen, die in einem gewaltigen Ozean aus Papier schwimmen.

»Danke für das Kleid«, bringt Nella heraus. Otto zieht sich in eine Ecke zurück und wartet, Johannes’ Unterlagen in den Händen.

»Das ist nur eines davon«, erwidert Johannes. »Ich habe mehrere bestellt. Aber es sieht ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt habe. Ist es nicht ein wenig zu groß? Marin, findest du nicht auch, dass es zu groß ist?«

Marin setzt sich gerade und faltet ihre Serviette zu einem makellosen weißen Quadrat, eine lose Kachel auf der schwarzen Fläche ihres Schoßes.

»Ich fürchte, das stimmt, Seigneur«, sagt Nella. Es ist ihr peinlich, dass ihre Stimme zittert. An welchem Punkt des Schriftwechsels zwischen Assendelft und Amsterdam ist ihr bräutlicher Körper zu einem lächerlichen Zerrbild geschrumpft? Sie mustert die Karte an der Wand, fest entschlossen, nicht an den absurd langen Ärmeln zu zupfen. Da ist Nova Hollandia, Palmen säumen seine Küste, und türkisblaue Ozeane und ebenholzfarbene Gesichter laden den Betrachter ein.

»Keine Sorge«, sagt Johannes. »Cornelia wird es ändern.« Seine Hand umfasst ein kleines Glas Bier. »Komm, setz dich, und iss etwas.«

Auf einer Platte mitten auf dem Tischtuch aus Damast befinden sich lediglich ein Laib Brot und eine Schüssel Fisch. »Wir frühstücken heute bescheiden«, erklärt Marin und beäugt das Glas ihres Bruders. »Als Geste der Demut.«

»Die Freuden der Selbstkasteiung«, murmelt Johannes und nimmt sich eine Gabel Hering. Bis auf seine leisen Kaugeräusche ist es still im Raum. Das Brot erhebt sich, trocken und unberührt, wie ein Block zwischen ihnen. Nella versucht, ihre Angst herunterzuschlucken, starrt auf ihren leeren Teller und bemerkt, dass sich um ihren Mann eine Aura aus Trauer zusammenballt. »Denk nur an das wundervolle Essen, Nella«, hat ihr Bruder Carel gesagt. »Ich habe gehört, in Amsterdam gibt es in Gold getauchte Erdbeeren.« Von diesem Frühstück wäre er nicht sehr beeindruckt gewesen.

»Marin, trink einen Schluck von diesem köstlichen Bier«, sagt Johannes nach einer Weile.

»Es schlägt mir auf die Verdauung«, entgegnet sie.

»Die Amsterdamer Diät aus Geld und Scham. Los, tu doch mal etwas Unvernünftiges. Mut ist inzwischen in dieser Stadt so selten geworden.«

»Mir ist einfach nicht danach.« Johannes lacht nur, doch Marins Miene ist schmerzlich verkniffen und alles andere als amüsiert. »Papist«, sagt sie.

Während des Frühstücks entschuldigt sich Johannes nicht dafür, dass er bei der gestrigen Ankunft seiner neuen Ehefrau durch Abwesenheit geglänzt hat. Er spricht nur mit seiner Schwester, während Nella ihre Ärmel hochkrempeln muss, damit sie ihr nicht in den fettigen Fisch auf ihrem Teller hängen. Otto wird hinausgeschickt, worauf er sich, die Finger sorgfältig um die Papiere geschlossen, verbeugt. »Kümmern Sie sich darum, Otto«, sagt Johannes. »Vielen Dank.« Nella fragt sich, ob die Männer, mit denen Johannes Handel treibt, auch einen Diener wie Otto haben, oder ob er der Einzige ist. Sie sucht Ottos Gesicht nach Anzeichen von Beklommenheit ab, aber er scheint sich in seiner Rolle wohl zu fühlen.

Goldpreise, Gemälde als Währung, die Unachtsamkeit einiger Packer, die seine Ware aus Batavia verschifft haben – Marin verschlingt hungrig Johannes’ Leckerbissen, die um einiges appetitlicher sind als ihr Frühstück, und entlockt ihm einen nach dem anderen. Er erstattet seiner Schwester Bericht. Tabakhandel, Seide, Kaffee, Zimt und Salz. Er spricht von den neuen Beschränkungen, die das Schogunat über den Abtransport von Gold und Silber von Deshima aus verhängt hat, und von den langfristigen Schäden, die daraus entstehen könnten. Allerdings sei die VOC der festen Überzeugung, dass Profite wichtiger seien als Stolz.

Während Nella von all diesen Informationen der Kopf schwirrt, scheint Marin keine Schwierigkeiten zu haben, sie aufzunehmen. Gibt es Neuigkeiten, was den Pfeffervertrag mit dem Sultan von Bantam angeht? Und welche Bedeutung hat das für die VOC? Johannes schildert den Aufstand der Gewürznelkenbauern in Ambon, deren Land auf Anweisung der VOC mit viel zu vielen Bäumen bepflanzt sei. Als Marin mehr über die Natur dieser Unruhen erfahren will, verzieht er nur das Gesicht. »Inzwischen hat sich die Situation sicher verändert, Marin, und wir wissen viel zu wenig.«

»Und das, Johannes, ist meistens das Problem.« Sie erkundigt sich nach für einen Schneider in der Lombardei bestimmter Seide. »Wer hat die Importrechte bekommen?«

»Habe ich vergessen«, antwortet er.

»Sag schon, Johannes, wer?«

»Henry Field. Ein Kaufmann von der English East India Company«, erwidert er.

Marin schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Die Engländer.« Johannes sieht sie schweigend an. »Denk nur daran, was das bedeutet, Bruder. Überleg mal. Die letzten beiden Jahre. Das Geld landet in den Taschen eines anderen. Wir haben nicht …«

»Die Engländer kaufen unser Leinen aus Haarlem auf.«

»Zu Spottpreisen.«

»Das Gleiche sagen sie von uns.«

Von Goldhandel über irgendwelche Sultane bis hin zu den Engländern – Marins Wissen ist erstaunlich breit gefächert. Sicher überschreitet Johannes eine Grenze, welche andere Frau ist wohl so gut über die inneren Abläufe bei der VOC im Bilde?

Nella fühlt sich unsichtbar und missachtet – immerhin ist dies ihr erster Tag hier, und noch niemand hat ihr auch nur eine einzige Frage gestellt. Zumindest gibt die kaufmännische Debatte Nella die Gelegenheit, ihren neuen Ehemann unauffällig einer gründlichen Inspektion zu unterziehen. Die sonnenverbrannte Haut – sie und Marin sind verglichen mit ihm bleich wie Gespenster. Nella stellt ihn sich mit einem Piratenhut auf dem Kopf vor, an Deck seines Schiffes, das über die dunkelblauen Wellen eines weit entfernten Meeres rast. Sie geht noch weiter und stellt sich Johannes ohne Kleider vor. Das Ding, das er unter dem Tisch hat. Ihre Mutter hat ihr beschrieben, was eine Ehefrau erwartet – ein Schmerzenspfahl, der sich in sie hineinbohrt, die Hoffnung, dass es nicht zu lange dauert, und die Feuchtigkeit, die ihr zwischen den Beinen herausrinnt. Allerdings gibt es in Assendelft genug Schafe und Widder, sodass sie genau weiß, wie es sich abspielt. »So eine Ehefrau will ich nicht sein«, hat sie zu ihrer Mutter gesagt. »Es gibt keine andere«, lautete die Antwort. Als Madame Oortman die erschrockene Miene ihrer Tochter sah, war sie ein wenig versöhnlicher geworden, hatte Nella in die Arme genommen und ihr den Bauch getätschelt. »Dein Körper ist der Schlüssel, mein Kind. Dein Körper ist der Schlüssel.« Als Nella nachgehakt hatte, was genau sie damit aufschließen solle, war ihre Mutter ausgewichen. »Du wirst ein Dach über dem Kopf haben, gedankt sei Gott.«

»Genug davon«, sagt Marin schließlich, worauf Nella zusammenzuckt, als hätte ihre Schwägerin ihre Gedanken gelesen. Johannes aber spricht einfach weiter über die Engländer und lässt das bernsteinfarbene Bier am Boden seines Glases kreisen. »Hast du mit Frans Meermans über den Zucker seiner Frau gesprochen?«, unterbricht Marin ihn wieder. Als er nicht antwortet, wird sie wütend. »Der liegt einfach nur im Lagerhaus herum, Johannes. Vor über einer Woche ist er aus Surinam eingetroffen, und du hast sie noch immer nicht wissen lassen, was du damit zu tun gedenkst. Sie warten auf dich.«

Johannes stellt sein Glas weg. »Dein Interesse an Agnes Meermans’ neuem Reichtum erstaunt mich«, erwidert er.

»Ihr Reichtum ist mir gleichgültig. Aber ich weiß, dass Agnes sich hier hereindrängen will.«

»Immer du und dein Argwohn! Sie möchte, dass ich den Zucker vertreibe, weil sie weiß, dass ich der Beste bin.«

»Nun, dann verkauf ihn, und wir sind sie los. Vergiss nicht, was auf dem Spiel steht.«

»Von allen Dingen, die ich verkaufen könnte, hackst du ausgerechnet darauf herum. Was mit lekkerheid, Marin? Dieser unseligen Lust auf Süßes? Was würde wohl dein Pastor dazu sagen?« Johann wendet sich an Nella. »Meine Schwester denkt, dass Zucker schlecht für die Seele ist, Nella. Aber verkaufen soll ich ihn trotzdem. Was hältst du davon?«

Nella erinnert sich an die Abfuhr, die sie sich mit ihrer Bitte um Marzipan geholt hat, und ist dankbar, dass er ihr plötzlich seine Aufmerksamkeit schenkt. Seelen und Börsen, denkt sie, den beiden geht es bloß um Seelen und Börsen.

»Ich versuche einfach nur, nicht unterzugehen«, entgegnet Marin spitz. »Ich bin gottesfürchtig, Johannes. Und du?« Nella bemerkt, dass Marin ihre Gabel fest umfasst wie einen kleinen Dreizack. »Verkauf bitte den Zucker, Bruder«, sagt Marin, ohne sich für Nellas Meinung zu interessieren. »Unser Vorteil ist, dass es keine Gilde der Zuckerhändler gibt. Wir können selbst den Preis festsetzen und verkaufen, an wen wir wollen. Stoß ihn ab, und zwar bald. Das wäre die beste Lösung.«

Johannes starrt auf den unberührten Brotlaib, der noch immer in der Tischmitte liegt. Als Nella ihren Magen knurren hört, presst sie unwillkürlich die Hand darauf, als könnte sie das Geräusch so unterdrücken. »Otto wäre mit diesem neuen Freihandel nicht einverstanden«, meint er mit Blick zur Tür.

Marin stößt die Gabel in die Damasttischdecke. »Er ist Holländer. Pragmatiker. Er hat noch nie eine Zuckerrohrplantage gesehen.«

»Beinahe wäre es dazu gekommen.«

»Er versteht genauso viel von unserem Geschäft wie wir.« Sie fixiert ihn aus grauen Augen. »Oder etwa nicht?«

»Sprich nicht für ihn«, sagt Johannes. »Er arbeitet für mich, nicht für dich. Außerdem hat dieses Tischtuch dreißig Gulden gekostet. Also sei doch so nett, nicht in alles, was mir gehört, Löcher zu bohren.«

»Ich war am Hafen«, zischt Marin. »Gestern Vormittag haben die burgermeester drei Männer ertränkt. Einen nach dem anderen. Sie haben ihnen Gewichte um den Hals gehängt, sie in Säcke gesteckt und sie ins Wasser geworfen.«

Draußen auf dem Flur klappert ein Teller. »Rezeki, böser Hund!«, ruft Cornelia. Allerdings stellt Nella fest, dass beide Hunde von Johannes fest schlafend in der Zimmerecke liegen. Nella fragt sich, was ertrunkene Männer wohl mit den Zuckerpreisen oder mit Ottos Meinung zu tun haben. Oder damit, dass Agnes Meermans sich hier hereindrängen möchte.

»Ich weiß, wie es ist, wenn ein Mann ertrinkt«, murmelt er. »Offenbar hast du vergessen, dass ich den Großteil meines Lebens zur See gefahren bin.«

Johannes klingt mittlerweile drohend. Trotzdem lässt Marin nicht locker. »Ich habe den Mann, der am Hafen wieder Ordnung geschafft hat, gefragt, warum die burgermeester die Männer ertränkt haben. Er antwortete, sie hätten nicht genug Geld gehabt, um ihren Gott zu besänftigten.«

Atemlos hält sie inne. Johannes wirkt beinahe, als trauere er, und sackt in seinem Stuhl zusammen. »Ich dachte, Gott verzeiht alles, Marin«, sagt er, aber offenbar will er die Antwort nicht hören, denn als Cornelia hereinkommt und das Geschirr abräumt, steht Johannes auf. Die drei Frauen sehen ihn erwartungsvoll an. Doch er geht nur mit einer wegwerfenden Handbewegung hinaus. Marin und Cornelia scheinen zu wissen, was das bedeutet. Marin greift zu dem Buch, das sie zum Frühstück mitgebracht hat. Nella wirft einen Blick auf den Titel. Warenar, ein Drama von Pieter Corneliszoon Hooft.

»Wie oft geht er denn aus?«, fragt Nella.

Marin legt das Buch weg und schnalzt missbilligend mit der Zunge, als eine Seite sich auf dem Tisch in die falsche Richtung biegt. »Mein Bruder geht. Er kommt zurück. Er geht wieder weg.« Sie seufzt. »Nicht schwierig, wie Sie sehen. Das kann jeder.«

»Ich habe nicht gefragt, ob es schwierig ist. Wer ist Frans Meermans?«

»Cornelia, wie geht es Petronellas Wellensittich heute Morgen?«, wechselt Marin das Thema.

»Gut, Madame, sehr gut.« Cornelia weicht Nellas Blick aus. Heute gibt es weder Gekicher noch Seitenhiebe. Sie wirkt müde, so als belaste sie etwas.

»Er braucht frische Luft«, sagt Nella. »In der Küche ist sicher alles voller Küchendünste. Ich würde ihn gern in meinem Zimmer fliegen lassen.«

»Dann wird er etwas Wertvolles anpicken«, widerspricht Marin.

»Wird er nicht.«

»Oder aus dem Fenster fliegen.«

»Ich mache es zu.«

Marin schnappt sich ihr Buch und marschiert hinaus. Das Dienstmädchen richtet sich auf und blickt seiner Herrin aus blauen Augen argwöhnisch hinterher. Nach kurzem Zögern geht auch sie aus dem Zimmer. Nella bleibt sitzen und starrt auf Johannes’ Karte, ohne etwas zu sehen. Da die Tür offen steht, kann sie Marin und Johannes vor dem Arbeitszimmer tuscheln hören.

»Gütiger Himmel, Marin, hast du denn nichts Besseres zu tun?«

»Du bist jetzt verheiratet. Wo willst du hin?«

»Ich habe ein Geschäft zu führen.«

»An einem Sonntag?«

»Marin, glaubst du, dieses Haus wird durch Zauberkräfte unterhalten? Ich kümmere mich jetzt um den Zucker.«

»Ich glaube dir nicht«, zischt Marin. »Ich lasse nicht zu, dass du alles zerstörst.« Nella spürt, wie die Anspannung zwischen den beiden Geschwistern wächst, eine zweite Sprache ohne Worte, gleich wird es einen Ausbruch geben.

»Welcher andere Mann würde dulden, dass seine Schwester so mit ihm spricht? Dein Wort ist nicht das Gesetz.«

»Nein. Aber näher dran als du denkst.«

Johannes marschiert zur Tür hinaus. Nella hört einen samtigen Luftzug, dann ist die Außenwelt wieder ausgesperrt. Als sie um die Ecke späht, sieht sie ihre Schwägerin im Flur stehen. Marin hat die Hände vors Gesicht geschlagen. Ihre Schultern sind nach vorne gesackt. Ein Sinnbild des Elends.

Trompe-l’Œil

Marin geht nach oben, dem Klang ihrer Schritte nach zu urteilen in ihr Zimmer. Nella schleicht sich ins Souterrain, wo Peebo zirpend nach seiner Herrin ruft. Zu ihrer Überraschung hängt Peebos Käfig inzwischen in der »guten« Küche. Hier wird nicht gekocht – diese Plackerei ist der Arbeitsküche auf der anderen Seite des Flurs vorbehalten. Die gute Küche ist ein Raum, der einzig und allein dem Zweck dient, die Porzellansammlung der Familie Brandt zur Schau zu stellen, und zwar fernab von spritzenden Töpfen und Pfannen und inmitten makellos sauberer Wände. Nella fragt sich, wie lange Peebo nun schon frische Luft atmen kann, und ist neugierig, wem sie diese gute Tat zu verdanken hat.

Otto sitzt an einem kleinen Tisch und poliert gemächlich das Silberbesteck, das sie beim Abendessen benutzen werden. Er ist zwar nicht hochgewachsen, aber breitschultrig, weshalb er zu groß für seinen Stuhl zu sein scheint. Als er Nella auf der Schwelle bemerkt, weist er auf Peebos Käfig. »Ein richtiger kleiner Krakeeler«, sagt er.

»Tut mir leid. Ich würde ihn ja mit in mein Zimmer nehmen …«

»Mir gefällt der Radau.«

»Oh. Gut. Danke, dass Sie ihn hier hineingestellt haben.«

»Das war nicht ich, Madame.«

Madame. Es ist ein wunderschönes Gefühl, ihn das sagen zu hören. Sein Hemd ist makellos sauber und ordentlich gebügelt. Keine losen Fäden oder Flecke. Die Arme unter dem Baumwollstoff bewegen sich mit lässiger Anmut. Wie alt mag er sein? Dreißig, vielleicht ein wenig jünger. Seine Stiefel sind so blitzblank wie die eines Generals. Alles an ihm ist so frisch und neu. In ihrem eigenen Haus von einem so elegant gekleideten Diener mit Madame angesprochen zu werden, wird plötzlich zum Höhepunkt ihres Daseins. Vor Dankbarkeit wird ihr ganz warm ums Herz, doch Otto scheint es nicht zu bemerken. Errötend geht Nella zum Käfig und fängt an, den Wellensittich durch die Gitterstäbe zu streicheln. Peebo stößt leise tickende Geräusche aus und fährt sich mit dem Schnabel durchs Gefieder, als suchte er etwas.

»Woher kommt er?«, fragt Otto.

»Ich weiß es nicht. Mein Onkel hat ihn mir geschenkt.«

»Also nicht in Assendelft aus einem Ei geschlüpft?«

Nella schüttelt den Kopf. Assendelft würde niemals etwas so Farbenfrohes und Exotisches hervorbringen. Sie ist gleichzeitig verlegen und aufgeregt – Otto kennt den Namen ihres Dorfes. Was würden ihre Mutter, die alten Männer auf dem Marktplatz und die kleinen Schulkinder wohl zu diesem Mann sagen?

Während Otto eine Gabel nimmt und mit einem weichen Lappen über jeden Zinken fährt, klammert sich Nella an die Gitterstäbe, bis sich ihre Fingerspitzen weiß verfärben, legt den Kopf in den Nacken und betrachtet die Kacheln an der Wand, die, glänzend und quadratisch, bis zur Decke reichen. Jemand hat ein Bild darauf gemalt, das das Auge täuscht – eine Glaskuppel, die über das Mauerwerk hinaus in einen unwirklich blauen Himmel zu ragen scheint.

»Seigneur Brandt hat das anfertigen lassen«, erklärt Otto, der ihrem Blick gefolgt ist.

»Wie hübsch.«

»Nur ein Trick«, erklärt er. »Bei dieser Feuchtigkeit wird es früher oder später abblättern.«

»Aber Marin sagte doch, das Haus sei trocken. Und ein Stammbaum zähle nicht.«

Otto schmunzelt. »Darin sind sie und ich verschiedener Ansicht.«

Nella fragt sich, auf welche von Marins Äußerungen er anspielt. Sie mustert die gewaltigen in die Wand eingelassenen Regale, wo drei riesige Glasscheiben unzählige Geschirrteile aus Porzellan schützen. Eine so große Sammlung hat sie noch nie gesehen. Zu Hause hatten sie nur einige wenige Stücke Delfter Fayence und auch sonst nicht viel, weil das meiste hatte verkauft werden müssen.

»Die Welt des Seigneurs, zusammengefasst zu Tellerstapeln«, stellt Otto fest. Obwohl Nella genau hinhört, kann sie weder Stolz noch Neid in seinem Tonfall erkennen. Otto klingt sachlich. »Delft, Deshima, China«, fährt er fort. »Porzellan, das die Weltmeere überbrückt.«

»Ist mein Mann denn nicht reich genug, um andere für sich reisen zu lassen?«

Stirnrunzelnd mustert Otto die Messerklinge, die er gerade poliert. »Man muss seinen Wohlstand beisammenhalten, und das kann einem niemand abnehmen. Wenn man nicht auf der Hut ist, rinnt er einem durch die Finger.« Er ist mit der Arbeit fertig und faltet den Lappen zu einem ordentlichen Quadrat zusammen.

»Also ist er sehr fleißig?«

Otto bewegt den Finger in spiralförmigen Linien in Richtung der Tiefe vortäuschenden falschen Glaskuppel über ihren Köpfen. »Seine Aktien steigen und steigen.«

»Und was passiert, wenn sie ganz oben sind?«

»Das, was immer passiert, Madame. Die Sache gerät aus dem Ruder.«

»Und dann?«

»Tja, dann gehen wir entweder unter oder schwimmen mit dem Strom.« Er greift nach einem großen Suppenlöffel und betrachtet sein verzogenes Spiegelbild im gewölbten Silber.

»Fahren Sie mit ihm zur See?«

»Nein.«

»Warum nicht? Sie sind doch sein Diener.«

»Ich fahre nicht mehr zur See.« Nella fragt sich, wie lange er schon auf diesem von Menschenhand gemachten Land lebt, das mit tiefen Poldern und Entschlossenheit den Sümpfen abgerungen wurde. Marin hat ihn als Holländer bezeichnet. »Die Seele des Seigneurs gehört aufs Meer«, fügt Otto hinzu. »Meine nicht, Madame.«

Nella zieht die Hand aus Peebos Käfig und setzt sich an den Kamin. »Woher wissen Sie so viel über die Seele meines Mannes?«

»Habe ich etwa keine Augen und Ohren?«

Nella ist überrascht. So viel Keckheit ist sie nicht gewöhnt. Doch andererseits nimmt auch Cornelia kein Blatt vor den Mund. »Natürlich, aber ich …«

»Das Meer hat eine Eigenschaft, die das Land niemals haben wird, Madame«, sagt Otto. »Kein Fleckchen davon bleibt jemals gleich.«

»Otto.« Plötzlich steht Marin in der Tür. Otto erhebt sich. Das Besteck liegt ausgebreitet da wie ein schimmerndes Waffenarsenal. »Er hat zu arbeiten«, wendet sich Marin an Nella. »Und zwar eine Menge.«

»Ich habe mich nur nach der Arbeit des Seigneurs erkundigt.«

»Lassen Sie das liegen, Otto«, befiehlt Marin. »Sie müssen noch die Pergamentrollen zustellen.« Marin macht auf dem Absatz kehrt und verschwindet.

»Madame«, raunt Otto Nella zu, während Marins Schritte sich entfernen. »Würden Sie gegen einen Bienenkorb treten? Da würden Sie nur gestochen.«

Nella kann nicht feststellen, ob es sich um einen Rat oder um eine Anweisung handelt. »Ich würde den Käfig geschlossen halten, Madame«, fügt er hinzu und weist mit dem Kopf auf Peebo. Nella lauscht seinen Schritten auf der Küchentreppe – leise und absolut regelmäßig.

Das Geschenk

Während der nächsten beiden Nächte im Haus wartet Nella darauf, dass Johannes sie in die Arme nimmt, damit ihr neues Leben beginnen kann. Sie lässt die schwere Schlafzimmertür aus Eiche einen Spalt offen und den Schlüssel stecken – doch wenn sie am Morgen aufwacht, ist er, so wie sie, unberührt. Offenbar arbeitet ihr Mann bis in die Nacht. Da hört sie, wie sich knarzend die Eingangstür öffnet, und dann noch einmal, am frühen Morgen, kaum dass die Sonne aufgegangen ist. Das fahle Licht scheint ihr in die Augen, als sie sich aufsetzt. Gefolgt von der Erkenntnis, dass sie wieder allein ist.

Nach dem Ankleiden schlendert Nella ziellos durch die Räumlichkeiten im Parterre und im ersten Stock. Im hinteren Teil des Hauses, den Besucher nicht zu Gesicht bekommen, sind die Zimmer schlichter ausgestattet. All der Prunk bleibt den Räumen vorbehalten, deren Fenster Blick auf die Straße haben. Sie späht um Marmorsäulen herum und in leere Kamine und mustert die Gemälde – es sind unglaublich viele! Schiffe, deren kruzifixähnliche Masten sich in den Himmel erheben. Landschaften, in denen ein heißes Klima zu herrschen scheint. Noch mehr welke Blumen, umgekippte Schädel, die braunem Wurzelgemüse ähneln, Violinen mit gerissenen Saiten, geräumige Tavernen mit Tänzerinnen, goldene Teller, glattpolierte Muschelschalen. Wenn man sie rasch hintereinander ansieht, wird einem schwindelig. Die mit Blattgold verzierte Ledertapete riecht ein wenig nach Schwein, was sie an die Bauernhöfe in Assendelft denken lässt. Als Nella sich abwendet, weil sie nicht an einen Ort erinnert werden möchte, dem sie so unbedingt hat den Rücken kehren wollen, steht sie vor gewaltigen Wandbehängen, die Bibelszenen darstellen: Maria und Martha mit Jesus. Die Hochzeit zu Kana. Der kluge Noah und seine stabile Arche.

In der guten Küche sieht Nella Johannes’ Lauten, die Cornelia sicher regelmäßig poliert, an der gefliesten Wand hängen. Als sie eine vom Haken nehmen will, zuckt sie erschrocken zusammen, denn eine Hand legt sich auf ihre Schulter, um sie daran zu hindern.

»Die sind nicht zum Spielen da«, zischt Marin. »Es sind Kunstwerke, und Ihr Herumgezupfe wird sie ruinieren.«