Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Die Magier von Tarronn - Sina Blackwood

Uräus hat den Kürzeren gezogen. Sie nimmt eine Einladung, als unerwartetes Friedensangebot des Horus-Clans, ohne zu zögern an. Aus reinen Vernunftgründen, die entfesselte Magie der Drachenwesen nicht versehentlich gegen Tarronn zu wenden, übergibt sie Imset die Tappa-Falle aus dem Anubis-Tempel. Der Drakonat schmiedet einen genialen Plan. Als die Atlan endlich Apophis fassen können, zieht der Clan gemeinsam mit den Asen und Helion gegen Seth zu Felde. Wird es der vereinten Raumflotte dreier Planeten gelingen, Seth zu stellen oder sind diesmal wirklich alle Kräfte vergebens?

Meinungen über das E-Book Die Magier von Tarronn - Sina Blackwood

E-Book-Leseprobe Die Magier von Tarronn - Sina Blackwood

Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit heute lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Was bisher geschah

Frauenpower

Neue Mitbürger

Die Wunder der Magie

Isis, Herrin des Lebens

Gegen alle Widerstände

Jamal

Die Drachenperle

Der Horus-Clan schlägt zurück

Pech für Apophis

Die Fusion

Operation Seth

Des Albtraums Ende

Das große Magier-Lexikon

Was bisher geschah

Um einen Weg zur Vernichtung des Drakon Letan zu finden, wurde die atlanische Seherin Neri mit einigen Getreuen in die Zukunft gesandt.

Vor sehr langer Zeit hatten die Großen Verborgenen Letan auf die Erde verbannt. Seitdem war der Hass des riesigen Drachen ständig gewachsen.

Die Atlan saßen ebenfalls seit vielen Hundert Jahren auf der Erde fest, nachdem Letan hier ihre Raumschiffe zerstörte. Einige Atlan konnte die Drakon Siri retten, indem sie sich ihm in den Weg stellte.

Von den Großen Verborgenen war er schließlich in einen Tiefschlaf versetzt worden, aus dem er langsam zu erwachen begann. Niemand wusste, wie lange ihn die magischen Fesseln noch ruhig halten konnten, die zudem bei jedem Vollmond erneuert werden mussten.

Der Zeitsprung brachte die kleine Gruppe in das Ägypten der 18. Dynastie. Sie glaubten, dass ihnen der wiedergeborene Atlan Rami, der bald als Ramses II. herrschen sollte, helfen könne.

Mit der Hilfe des findigen Waisenjungen Hatik gelang es ihnen tatsächlich, Rami zu finden. Doch bald lief alles ganz anders, als geplant. Neri, die Ramses liebevoll Nefertari nannte, wurde die Lieblingsfrau des Pharao und lebte viele Jahre an seiner Seite.

Als sie begriff, für ihn nur eine von Vielen zu sein, kehrten die Zeitreisenden nach Atla zurück. Sie hatten die Hüterin Kira verloren, aber einen neuen Freund gewonnen. Zu ihrer großen Freude war Hatik auf der Insel eingetroffen, der sich ihnen an Ramses’ Hof als Tarronn offenbart hatte. Solon nahm ihn bei sich auf, um über den Verlust von Rami hinwegzukommen. Immer wieder verblüffte der junge Mann die alten Magier mit ungeahnten Fähigkeiten.

Ein altes Erbstück aus Solons Familienbesitz half ihm, den Stand eines Drakonat zu erlangen, der höchsten Stufe, die ein Tarronn erreichen kann. Die Atlan begannen, wieder zu hoffen. Besonders, als sich Neri und Hatik als Paar zusammenfanden.

Eines Tages tobte auf Atla tagelang ein Unwetter mit elementarer Wucht. Seltsame Dinge geschahen. Der Drakonat wollte ihnen auf den Grund gehen und stand plötzlich seinem Vater Horus gegenüber.

Ein Wettlauf gegen die Natur und Zeit begann. Doch Horus’ Besuch auf Atla hatte ungeahnte Folgen. War sein Lebensschlüssel etwa defekt? Als Hatik dann auch noch in Kontakt mit der bösen Urmagie von Letan und dem Caiphas-Splitter kam, schien alles verloren zu sein.

Neris tiefe Liebe rettete den Drakonat schließlich.

Horus gelang es, bevor die Insel endgültig auseinanderflog, ein Evakuierungsraumschiff für die letzten Atlan aufzutreiben, das sie nach Tarronn bringen sollte.

Imset, den die Menschen und Atlan einst Hatik nannten, vernichtete im allerletzten Augenblick den schwarzen Drachen und wurde dabei selbst fast auf den Tod verletzt.

Durch die Magie des Drachenkristalls konnte er den Untergang von Atla überleben. Horus’ kleiner Gleiter brachte den Schwerverletzten zum Raumschiff, das bereits Kurs auf den Planeten Tarronn in der Caiphas-Galaxie genommen hatte. Dort gelang es Neri, ihren Gefährten zu heilen.

Noch vor dem notwendigen Zwischenstopp an der Raumstation Taris erwartete die Reisenden eine große Überraschung. Neris und Imsets Sohn Sobek kam zur Welt. Durch sein Blut, und das seiner Eltern, wurde auch Drakos, der Wächterdrache, wiedergeboren.

Am Ziel hieß das befreundete Volk der Tarronn, die Atlan gern und mit allen Ehren willkommen.

Mit äußerstem Erstaunen stellten die Tarronn fest, dass mit den Atlan endlich die Magie wiederkehrte, die sie seit Jahrtausenden verloren glaubten.

Die Neuankömmlinge nahmen den Kontinent Dafa in Besitz, wo ihnen Horus die Siedlung Neu-Atla errichten ließ, um ihnen den Start zu erleichtern. Die Atlan begannen mit Drakos Hilfe, sofort Felder anzulegen.

Der Wächter brachte sie auch zu einem Plateau, wo sich die magische Quelle von Tarronn befand, die missliebige Lebewesen stets von sich abwehrte. Die Atlan fanden ihr Wohlwollen. Nichts blieb mehr, wie es war, aber alles war nun möglich…

Drakos, als Wächter der Quelle sehr einsam, sehnte sich nach einer Gefährtin. Also flogen die Atlan, die Tarronn und Imset auf die Erde, um das Herz der Drakon Siri zu holen. Die Wiedergeburt der Drakon Siri war an das gleiche Ritual gebunden, welches Drakos ins Leben zurück verholfen hatte. Ein paar Tropfen Blut, eines Neugeborenen und seiner Eltern, waren nötig, um die Verwandlung zu vollziehen.

Als alle Stränge rissen, und sich einfach kein Nachwuchs einstellen wollte, griff Safi zu einer List, die dem gutmütigen Riesen seinen größten Traum und Merit-Amuns Kinderwunsch erfüllen sollte. Safis Plan ging auf und der weibliche Wächterdrache kehrte ebenfalls ins Leben zurück.

Die Atlan hatten dem Schicksal wieder einmal ein Schnippchen geschlagen.

Sie beschlossen, der Quelle einen Schrein zu bauen, sie wieder zu einem Zentrum der Magie zu machen, das sie es einst gewesen war.

Aus dem alten Drachenland holten sie das Material herbei und errichten eine strahlend weiße Pyramide, an deren Innenwänden in atlanischen und Tarronn-Schriftzeichen die gesamte Geschichte ihres Volkes erzählt wurde.

Sobek und sein Freund Maris, die beide in den Kreis der Magier aufgenommen worden waren, wurden nach Taris zu Horus geschickt, um zu lernen.

Mit ihrer ungezwungenen, ehrlichen Ausstrahlung und ihren unglaublichen Fähigkeiten fanden sie schnell Freunde unter den Tarronn.

Dann nahm Horus die beiden jungen Männer mit zu einem Einsatz auf die Erde. Doch das, was wie ein netter Kurzurlaub begann, endete fast in einer Katastrophe.

Der abtrünnige Atlan Tobi tauchte auf, um Horus’ Raumschiff für Seth in seine Gewalt zu bringen. Er schleuderte Zaid, der Gefährtin Sobeks, ein Messer in den Rücken und verletzte sie fast tödlich.

In rasender Wut fand der Drakonat die Macht der Drachenflamme, mit der er Tobi zu Asche verbrannte. Maris, der Heiler, riss Zaid in allerletzter Sekunde dem Tod aus den Armen.

Die Crew kehrte nach Taris zurück. Die beiden Atlan flogen mit ihren Gefährtinnen etwas später nach Dafa, wo Zaid warmherzig von Neri und Imset empfangen wurde.

Der Energietransfer durch Sobek, um sie vollständig zu heilen, hatte in Zaid die alte Magie wiedererweckt. Auch ihr Schicksal schien nun völlig offen.

Große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus.

Während die frischverliebten Pärchen, die sich auf Taris gefunden hatten, in Atla Urlaub machten, fingen die Tarronn einen seltsamen Funkspruch auf. Eine unbekannte Krankheit solle den Apfelbaum der Idun befallen haben und so, dem befreundeten Volk der Asen, der Untergang drohen. Horus beschloss, mit Maris, Sobek, Jani und der Botanik-Spezialistin Zaid nach Asgard zu fliegen, um den Asen seine Hilfe anzubieten. Obwohl sich Idun ihnen gegenüber mehr als abweisend verhielt, fand Sobek einen Weg, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Die Atlan und Tarronn durften bleiben.

Sie überraschten Apophis dabei, wie er den Baum zu Absterben brachte. Maris säuberte den Baum von Apophis Zauber und Sobek folgte unsichtbar dem Dämon. Doch am Ziel stand Sobek unvermittelt auch Loki gegenüber. Er hatte Mühe, seinen Zorn zu bezwingen, um die Mission, die sie hierher geführt hatte, nicht zu gefährden. Es blieb ihm nur, sowohl den Dämon Apophis als auch den Gott der Lüge, Loki, entkommen zu lassen.

Zaid und Jani kehrten mit ihren Gefährten nach Taris zurück. Iduns Abschiedsgeschenk hinterließ bald deutlich sichtbare Spuren. Beide Frauen wurden noch auf dem Heimflug schwanger. Die Pärchen beschlossen, nach Dafa zu gehen, um für immer dort zu bleiben.

Zaid erhielt von der Quelle Hinweise, wo die Atlan eine Seele finden, die sie Anubis zum Tausch anbieten könnten, um endlich Kira zurückzuholen. Gemeinsam konnten Neri, Imset, Sobek und Horus die schwierige Aufgabe lösen. Sie befreiten die, in ihrer Mumie gefangene, Seele der Prinzessin Schep-en-Hor. Anubis nahm freudig das Geistwesen in Empfang, doch damit kam die Hüterin noch lange nicht zurück…

Uräus weissagte, durch Merit-Amuns Mund, dass einer Atlan im Anubis- Tempel auf der Erde großes Unheil drohe. Neri konnte die Magier überzeugen, die seelenlose Hülle der Hüterin zu retten, und nach Dafa zu holen. Also flogen Horus, Imset und Neri auf die Erde.

Doch Seth hatte seine Falle geschickt gestellt. Vor den Augen des völlig entsetzten Imset verschwanden Neri und Horus spurlos. Ohne ihnen helfen zu können, flog Imset nach Tarronn zurück. Dem Tode nah, kam er an. Sobek gelang es zwar, seinen Vater zu retten, doch er konnte es nicht verhindern, dass sich Imset von seinen Freunden abwandte. Niemand wusste, ob nun die Gemeinschaft der Magier zerfällt.

Inzwischen zwingt Seth Horus, mit Neri ein Kind zu zeugen, um den ganzen Clan auf diese Weise loszuwerden. Doch, statt sich gegenseitig umzubringen, wie er es kalkuliert hatte, hielten die Mitglieder des Clans auch in diesen schweren Zeiten fest zusammen.

Horus berief das Große Tribunal ein, wo die hochrangigsten Tarronn, Asen und Helion gemeinsam Recht für mehrere Galaxien sprechen sollten. Aus diesem Anlass trafen auch, erstmalig nach der Flucht von der Erde, alle Völker mit den Atlan und Drakon zusammen und erneuerten ihre uralte Freundschaft.

Die selbstlosen Atlan boten Isis, der Herrin von Tarronn, und Cheiron, dem weisen Zentauren, Hilfe an. Osiris, der König der Tarronn und Ahnherr des Horus-Clans, existierte noch immer mehr tot als lebendig vor sich hin. Cheiron, von Zeus’ Olympiern auf Helion nur geduldet, statt wirklich gern gesehen zu sein, hatte zu Hause auch keine Hilfe zu erwarten.

Sobald das Kleine von Horus und Neri auf der Welt sei, wollten ihn die Atlan und Tarronn zu sich nach Dafa holen und alles dafür tun, dass auch Cheiron endlich einem eigenen Kind sein immenses Wissen vermitteln konnte.

Am Abschiedsabend für die Helion tauchte plötzlich Meister Arko mit einer geheimnisvollen Begleiterin auf. Als sie ihre Kapuze ablegte, wurde sie mit Jubel empfangen. Arko war das fast Unmögliche gelungen, Kira ins Leben zurückzubringen. Schnell klärte er die Magier darüber auf, dass dies die Art von Isis und Osiris sei, sich für die versprochene Hilfe zu bedanken.

Die befreundeten Völker stellten erneut fest, dass den Atlan wohl nichts unmöglich ist.

Frauenpower

Kaum lugte der erste Sonnenstrahl über den Horizont, hob das Raumschiff der Helion beinahe lautlos ab. Die Magier hatten es sich nicht nehmen lassen, zum Startplatz zu kommen, um dem schnell kleiner werdenden Fluggerät mit den Augen zu folgen. Die Drakon begleiteten das Raumschiff bis an den Rand der Atmosphäre.

Als es die Lufthülle von Tarronn verließ, ging Zeus sofort auf zehnfache Lichtgeschwindigkeit. Auch so würde die Reise noch fast zwei volle Monate dauern.

Sie hatten ein Volk kennengelernt, das fest zusammenhielt, egal, welche Widrigkeiten es meistern musste. Ein Volk, dem es sogar gelungen war, die alten Legenden wieder mit neuem und sogar besserem Leben zu füllen.

Cheiron stand am Panzerglas des Fensters. Wehmütig beobachtete er, wie Tarronn rasend schnell im All verschwand.

Arko war mit Kira Hand in Hand durch die Nacht gelaufen. Noch nie hatte er sich so auf sein Zuhause gefreut, das nur wenige Meter vom Festplatz entfernt, auf einem Hügel an den Klippen lag.

Rasch entzündete er einige Öllämpchen, die das Innere des Häuschens in eine gemütliche Atmosphäre tauchten. Er führte Kira in das geräumige Wohnzimmer, um rasch Getränke und ein paar Knabbereien aus der Küche zu holen. Interessiert musterte die Hüterin die geschmackvolle Inneneinrichtung.

Die kleinen Skulpturen, die überall standen, gefielen ihr besonders. Arko hatte nicht viel über sich erzählt. Offensichtlich war er ein sensibler Künstler, dem Gefühl über alles ging. Kira schloss die Augen. Sie ließ die neuen Eindrücke wirken. Arko kam herein, setzte das Tablett leise ab und wartete, bis Kira die neue Situation erfasst hatte.

Dann zog er sie auf seinen Schoß. Es hätte zu lange gedauert, jetzt noch Feuer im Kamin zu machen. Also wärmte er sie auf seine Weise. Kira lächelte dankbar. Sie nahm ein paar Schlucke des duftenden Fruchtsaftes und kuschelte sich an seinen Körper.

„Eigentlich bin ich furchtbar müde“, flüsterte sie.

Arko nickte. Auf seinen starken Armen trug er sie ins Schlafzimmer. Kira legte ihr Gewand ab. Kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, schlummerte sie auch schon ein. Fürsorglich deckte er sie zu. Arko zog sich ebenfalls aus, um den kurzen Rest der Nacht bei ihr zu verbringen, als ihn ein Geräusch aus seiner Werkstatt aufhorchen ließ.

Nur mit seinem Schurz bekleidet, schlich er hinaus. Ein fahler Lichtschein drang unter der Tür hervor. Arko blieb wie angewurzelt stehen. Er war ganz sicher, dass er alle Lämpchen gelöscht hatte. Langsam und lautlos zog er die Tür auf. Voller Erstaunen weiteten sich seine Augen.

Eine Art leuchtende Wolke schwebte im Raum, die sich nun, da er hineingekommen war, zu Isis materialisierte. Isis ließ ihre Finger spielerisch über die Griffe seiner Werkzeuge gleiten, während sie langsam auf ihn zuschritt.

„Man sagt, du seiest ein Meister aller deiner Werkzeuge“, flüsterte sie und tippte mit dem Zeigefinger vor seine nackte Brust. „Meinst du nicht auch, dass ich mir eine kleine Belohnung für den gestrigen Tag verdient habe?“

Arko war viel zu überrascht, um zu antworten. Nur seine Augen sprachen ziemlich deutlich aus, was er dachte. Isis lachte leise. Sie ließ ihren Finger ganz langsam tiefer sinken, bis er am Rand des Schurzes stoppte. Selbst wenn Arko gewollt hätte, er hätte sich gegen das plötzlich aufkommende Verlangen nicht wehren können.

„Wirklich meisterhaft“, hauchte sie ihm eine halbe Stunde später äußerst zufrieden ins Ohr. Dann löste sie sich wieder in einer leuchtenden Wolke auf, die langsam verblasste.

Zurück blieb Arko, der nicht wusste, ob das alles nur ein Traum gewesen war. Leise schlich er sich zurück zu Kira, schlüpfte vorsichtig unter die Decke, um ihren ruhigen Atemzügen zu lauschen. Ziemlich rasch schlief er ein.

Am Morgen fasste er im Erwachen neben sich. Ein heißer Schreck durchzuckte ihn – der Platz war leer. Mit einem Satz sprang Arko aus dem Bett.

„Habe ich dich geweckt?“, fragte Kira.

Sie hatte am Fenster gestanden und auf das spiegelglatte Meer hinausgeschaut. Kira drehte sich zu ihm um, tippte ihm sanft mit dem Zeigefinger auf die Brust. Arko schloss die Augen. Er legte den Kopf in den Nacken. Es war die gleiche Geste wie bei Isis gewesen. Wohlig aufseufzend ließ er sich rücklings auf das Bett sinken, wobei er Kira einfach mitzog. Das Meer vor dem Fenster konnte warten.

Dieser Morgen war für alle ungewöhnlich. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit trafen sich die Magier mit ihren Familien auf dem Festplatz. Immer wieder schauten sie hinüber zu Arkos Haus, in der Hoffnung, die beiden Turteltauben zu entdecken. Schließlich ergriff Mara die Initiative. Nach einigen Augenblicken intensiver telepathischer Konversation lächelte sie fröhlich. „Sie werden gleich hier sein.“

„Hast du das Atlamat dabei?“, fragte Neri Solon.

„Aber sicher. Wie könnte ich das vergessen?“, entgegnete der Magier lachend. Er zog das Fläschchen mit der blutroten Flüssigkeit aus den Falten seines Gewandes.

Mit eiligen Flügelschlägen näherten sich die Drakon. „Haben wir etwas verpasst?“, rief Drakos noch in der Luft.

„Noch nicht. Die beiden kommen verständlicherweise nicht aus dem Bett“, schmunzelte Talos.

„Wenn sie diesen Tag so beginnen lassen, wie der gestrige geendet hat, dann ganz bestimmt nicht“, feixte Safi.

„Ah! Da sind sie ja schon.“ Drakos hatte Kira und Arko zuerst erspäht. „So gefällt sie mir viel besser, als an jenem Tag, an dem ich sie in die Pyramide brachte“, stellte der Wächter nüchtern fest.

Kira hatte seine Worte gehört und begrüßte die Drakon zuerst. Ohne Scheu kraulte sie die beiden Riesen zwischen den Hörnern. „Endlich kann ich euch kennenlernen, Arko hat mir in den letzten Monaten so viel über euch erzählt.“

Dann wandte sie sich den Personen zu, die ihr, vom Gesicht her, fremd waren. „Mit den Zwillingen das ist Zaid. Jetzt weiß ich nur nicht, welcher der beiden Männer Sobek ist“, schmunzelte sie. „Dann bist du Jani und er ist Maris. Wenn Solon mit Mira da drüben sitzt, dann sind die beiden hier Luna und Kebechsenef und ihr beide seid Darina und Horus.“

„Erstaunlich“, warf Safi ein. „Und alles durch Denken mit eigenem Kopf.“

„Deine flotten Sprüche gibt es also immer noch“, sagte Kira amüsiert. „Wie ich gehört habe, hast du deine heimliche Liebe zu einer unheimlichen gemacht.“ Sie wandte sich Merit-Amun zu, die die Hüterin herzlich umarmte.

„Viele Wege führen ins Glück und alle beginnen im Tempel des Anubis“, sagte Merit orakelhaft.

Horus konnte ein Zusammenzucken nur mühsam unterdrücken. Merits Spruch traf den Kern der Sache. Dort hatte er ein paar Stunden genossen, die ihm sonst verwehrt geblieben wären.

Natürlich vergaß Kira auch Talos, Lara, Tamu und Sara nicht.

„So wie es aussieht, bist du bestens informiert und für dein neues Leben auf Dafa gerüstet“, stellte Solon fest. „Damit das Leben auch dort bleibt, wo es hingehört, haben wir dir eine kleine Überraschung mitgebracht.“ Er stellte das Fläschchen vor Kira auf den Tisch. „Trink aus. Lass nicht einen Tropfen übrig.“

Arko nickte ihr aufmunternd zu, als sie Solons Aufforderung folgte.

Hitzewellen stiegen in Kiras Körper auf, ein Gefühl, als würde sie schweben, stellte sich ein. Einige Minuten später legte sich das Euphorische. Es machte einer tiefen Zufriedenheit Platz.

„Damit wäre nun die letzte Atlan in den Kreis der Unsterblichen aufgenommen“, sagte Talos feierlich.

Hinter ihnen, begann jemand zu klatschen. Odin war mit seinen Asen unbemerkt hinzugekommen. Talos stellte die Gäste Kira vor.

Dann wandte er sich mit einem Augenzwinkern an Odin und Thor: „Ach, übrigens, Kiras Begleiter ist Arko, der Mann, den wir gestern den ganzen Tag vergeblich gesucht haben.“

Arko schmunzelte. „Ab heute kann die Werkstatt wieder besichtigt werden.“

„Nichts wie hin!“, rief Thor frohlockend.

„Wir entführen inzwischen deinen Schatz an den Strand“, wandte sich Mara an Arko. „Du weißt ja, wie du uns findest.“

Kira schaute etwas betreten drein. „Da gibt es ein kleines Problem. Ich habe nur dieses eine Gewand.“

„Komm mit!“ Mira fasste nach Kiras Hand. „Das sind alles Aufgaben, die sich rasch lösen lassen.“

Neugierig folgte die Hüterin Mira.

„So, nun schauen wir“, sagte die Weberin, als sie die Werkstatt betraten. Aus einer der großen Truhen nahm sie ein nagelneues, blütenweißes Alltagsgewand, aus einer anderen die traditionellen Tücher für den Strand. Rasch zog sich Kira um.

„Passt“, stellte Mira fest. „Dann kann es ja losgehen.“

Gemeinsam schlenderten sie durch die Siedlung. Mira erklärte, wer, in welchem Häuschen wohnte. Kira blieb stehen.

„Das ist verrückt! Aber mir fällt erst jetzt auf, dass Tarronn einen grünen Himmel und blaue Pflanzen hat!“, rief sie erstaunt.

Mira lachte. „Daran gewöhnt man sich schnell. Die grünen Pflanzen stammen übrigens allesamt von der Erde, wie auch die Hunde, die Schafe und die Hühner.“

„Hunde, Schafe, Hühner“, echote Kira. „Und was ist mit den Drakon?“

„Die stammen auch von da und essen nach wie vor nur Fisch und Früchte“, schmunzelte Mira. „Genau wie die Hunde“, erklärte sie auf Kiras erstaunten Blick.

Die beiden Frauen hatten den Strand erreicht. Atlan, Tarronn und Asen saßen oder lagen beisammen, sich blendend unterhaltend.

Neri ruhte mit Zaid und den Zwillingen im Schatten. Die beiden Kleinen legten aus bunten Muschelschalen Muster und Figuren. Kira sah ihnen interessiert zu. Sie dachte an die Zeit zurück, als Neri Nefertari, die Lieblingsfrau des Pharao, war.

Neri hatte mit ihren Kindern genau so gespielt. Das Wievielte wird es jetzt sein – überlegte Kira angestrengt.

„Das Siebente“, bekam sie laut zur Antwort und wurde rot.

„Tut mir leid“, murmelte sie verlegen.

„Warum?“, fragte Neri. „Ich liebe jedes meiner Kinder. Nur habe ich mein Soll für die Ewigkeit einfach schon übererfüllt. Auf Tarronn ist es aber das Erste. Das einzig wirklich Ungewöhnliche daran ist vielleicht, dass ich hier bald mit drei Kindern von drei verschiedenen Vätern lebe. Und noch kurioser ist, dass alle meine Kinder auf der Erde gezeugt wurden.“

Kira sah sich um. „Wenn ich es richtig einschätze, dann ist Solon der einzige Magier, dessen Gefährtin noch kein Kind geboren hat.“

„Fast richtig“, verbesserte Neri. „Luna, die Gefährtin von Kebechsenef, ist Miras Tochter. Nur ist Solon eben nicht der Vater. Er leidet ziemlich darunter, noch immer keinen neuen Stammhalter zu haben. Aber die Ewigkeit ist ja noch lang und bald ist wieder eine Nacht der magischen Monde…“

Zaid ließ Laura und Leon in Neris Obhut, um mit ein paar anderen Frauen schwimmen zu gehen.

Kira sah ihr hinterher. „Was ist das für eine Narbe?“, fragte sie.

„Dafür hat Tobi mit dem Leben bezahlt“, entgegnete Neri leise.

„Der Tobi?“

„Ja, genau der Tobi, der auch die Grotte zum Einsturz gebracht und damit Solons Rami auf dem Gewissen hat“, erwiderte Neri. „Als er versuchte, Zaid umzubringen, verbrannte ihn Sobek mit seiner Drachenflamme zu Asche.“

„Sobek ist Imsets Sohn?“, fragte Kira.

„Ja. Sobek wurde schon als Drakonat geboren“, erklärte Neri.

„Die Männer kommen mir so bekannt vor.“ Kira überlegte. „Ich weiß nur nicht woher. Ich habe weder Horus noch die anderen jemals gesehen.“

„Vielleicht sagt dir der Name Hatik etwas?“, fragte Neri hintergründig lächelnd.

„Aber ja! Da ist eine gewisse Ähnlichkeit. Wenn die bernsteingelben Augen und die stahlharten Muskeln nicht wären“, stellte Kira fest.

Neri lachte fröhlich. „Hatik und Imset sind ein und dieselbe Person. Die gelben Augen hat er erst, seit er ein Drakonat ist.“

Kira schaute Neri zutiefst ungläubig an. „Hatik war Horus’ Sohn?“

„Ja. Und keiner der beiden hat es gewusst. Das ist erst herausgekommen, als er uns zur Atla-Insel gefolgt ist“, schmunzelte Neri.

„Trotzdem verstehe ich die Welt nicht mehr“, murmelte Kira. „Du bist Hathor, aber Imsets Gefährtin.“

„Ach da ist so einiges anders gekommen, als es das Schicksal geplant hatte“, winkte Neri ab. „Ganz kommt man ja doch nicht drum herum. Ich bin zwar Imsets Gefährtin, bringe aber trotzdem in ein paar Tagen Horus’ Kind zur Welt, was wir alle vor zwei Jahren noch für völlig unmöglich hielten. Aus Gründen der reinen Vernunft geschehen eben manchmal seltsame Dinge.“

„Arko hat mit davon erzählt“, sagte Kira leise. „Und auch von dem Tribunal“, fügte sie hinzu.

Neri winkte ab. „Auch der ganze Ärger wird irgendwann vergessen sein. Wenn du das erste Mal unsere Kämpfer in Aktion gesehen haben wirst, dann weißt du auch warum. Ich werde unsere Schuppentiere, wie Safi die Drakon und die Drakonat immer nennt, bitten, dass sie extra für dich heute Abend noch einmal ihren Feuerzauber zelebrieren. Es wird dir sicher gefallen.“

„Weil du gerade Zauber sagst – war der Pferdemann gestern echt oder eine optische Täuschung?“, fragte Kira vorsichtig.

„Vollkommen echt!“, sagte Neri amüsiert. „Das war der weise Cheiron.“

„Der aus den alten Texten?“

„Genau der“, bestätigte Neri. „Er wird bald für längere Zeit nach Dafa kommen. Sobald unser Kind geboren ist, holt ihn Horus ab. Dann kannst du den nettesten Zentauren kennenlernen, den es gibt.“

Kira schwieg. Sie hing ihren Gedanken nach. Wenn sie Arkos Worten und dem, was sie in den wenigen Stunden hier erlebt hatte, glauben konnte, dann musste Dafa ein wahres Paradies sein. Von Arko wusste sie, weshalb alle Atlan wieder jung geworden waren.

Kira lächelte. Arko konnte die einfachsten Dinge mit so spannenden und treffsicheren Worten beschreiben, dass sie immer wieder staunte, wenn sie diese Dinge jetzt in der Realität erlebte. Weshalb war er ihr früher nie aufgefallen?

„Er hielt sich nicht für würdig, uns Magiern unter die Augen zu kommen“, sagte Neri, die in Kiras Gedanken las, unvermittelt. „Dabei ist er doch selbst ein ganz besonderer Mann.“

„Ja, das ist er“, bestätigte Kira. „Bei ihm fühle ich mich zutiefst geborgen.“

„Hast du in der Pyramide den Drachenaltar gesehen?“, fragte Neri.

Kira nickte.

„Den hat Arko gefertigt. Er ist ein wahrer Künstler“, erklärte die Seherin. „Er hat schon damals auf der Erde unsere Spangen für die Gewänder und Umhänge gemacht. Genau so geheim, wie Mira und Luna die Stoffe und Gewänder selbst. Wir sind froh, dass die drei bis zuletzt auf Atla geblieben und schließlich mit uns nach Tarronn geflogen sind. Das hat uns die Unabhängigkeit erhalten.“

Kira hatte aufmerksam zugehört. „Er hat nie viel über sich gesprochen, aber ich habe mich vom ersten Augenblick an zu ihm hingezogen gefühlt. Ich hatte ihn vor einiger Zeit in einer Vision gesehen und mir seitdem gewünscht, ihm einmal zu begegnen. Dabei hätte ich niemals geahnt, dass das in der Welt der Lebenden sein werde.“

„Er liebt dich so sehr, dass er sogar der Quelle sein Leben versprochen hatte, falls du ihn nicht erhören würdest“, entgegnete Neri.

Kira wurde blass. „Das habe ich nicht gewusst“, murmelte sie verlegen.

Neri lächelte. „Wie du schon treffend festgestellt hast: Er redet nicht viel, er handelt. Ach! Und da kommt er ja endlich.“

Arko kam schnellen Schrittes auf sie zu. „Tut mir leid, dass ich euch warten ließ. Ich habe mit Thor, Odin und Frigg ein paar gute Geschäfte gemacht.“

Er hauchte Kira einen Kuss auf die Stirn, schlüpfte aus seinem Gewand, dann ließ sich neben den beiden Frauen im warmen Sand nieder.

„Ich schätze“, sprach Neri, „Frigg konnte deinen Gewandspangen nicht widerstehen.“

„Stimmt auffallend“, lachte Arko. „Die ganze Sammlung mit den Eichenblättern hat sie genommen. Odin verdrehte am Ende schon die Augen.“

„Ist er denn wenigstens auch fündig geworden?“, wollte Neri wissen.

„Ja, kann man schon so sagen. Ich soll ihm zwei neue Trinkhörner mit Silber einfassen“, erklärte Arko.

„Und das gibt es hier?“, fragte Kira erstaunt.

Arko schüttelte den Kopf. „Nein, das bringen mir die Asen beim nächsten Besuch mit, auch Gold und Kupfer. Eisen müsste es hier geben, meint zumindest Drakos und der irrt sich selten.“

„Was machst du eigentlich in der Zwischenzeit? Dein Material dürfte doch fast alle sein“, fragte Neri.

„Es gibt doch genügend Holz“, sagte Arko und breitete die Arme aus. „Ich mache Spielzeug für die vielen Kinder – Bausteine, Legespiele, vielleicht noch ein paar Freunde von Pri…“

„Dir gehen wohl nie die Ideen aus?“ Kira kuschelte sich in seine Arme.

„Nicht mal hierfür“, lachte Arko. Er küsste sie zärtlich. Neri blinzelte er fröhlich zu.

Die Magier kamen wenig später mit den Asen an den Strand. Thor und Odin trugen ein derart verschmitztes Lächeln zur Schau, dass sich Neri schon denken konnte, was das zu bedeuten hatte. Frigg würde heute sicher beide Augen ganz fest zudrücken, wenn die beiden Männer über die Stränge schlügen und dem Lächeln nach, war damit auch ganz fest zu rechnen. Sie wunderte sich also nicht im Geringsten, als die beiden, ohne zu zögern, mit Kennermiene die Frauen am Strand taxierten.

Kira schüttelte amüsiert den Kopf. Offensichtlich hatte sich in den letzten Jahren bei den Atlan enorm viel geändert. Imsets und Safis Einfluss war deutlich zu spüren. Der offene Umgang miteinander gefiel ihr. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Arko ihr in aller Öffentlichkeit zärtlich den Rücken gestreichelt hätte, so wie er es im Moment gerade tat.

„Schau an, der Genießer ist wieder am Werk“, witzelte Safi.

„Ich darf das. Ich habe Nachholbedarf“, schmunzelte Arko. Er rückte noch ein Stückchen näher an Kira heran. „Außerdem sind Odin und Thor so offensichtlich auf der Jagd, dass ich meine Besitzansprüche vorsichtshalber kundgebe.“

Die beiden Asen, die das natürlich gehört hatten, brachen in schallendes Gelächter aus.

Thor kicherte: „Dabei ist der größte Schürzenjäger im ganzen Universum schon wieder auf dem Heimweg.“

„Du meinst Zeus?“, fragte Neri neugierig.

„Ja, wen sonst? Kein anderer Sternenreisender hat je zuvor so viele Nachkommen bei seinen kleinen Abenteuern gezeugt wie er. Manchmal kann sogar ich Hera nachfühlen und das will was heißen“, antwortete Thor breit grinsend.

„Dann sind die Geschichten um seine Seitensprünge also wahr?“, rief Neri fassungslos. „Ich habe es immer für blanke Übertreibung der Geschichtsschreiber gehalten.“

„Weit gefehlt!“ Odin zog ein amüsiertes Gesicht. Er begann, aus dem Nähkästchen zu plaudern. „Zum Beispiel hat er als goldener Regen Perseus gezeugt, oder als Schwan mit Leda Castor und Pollux…“

„Du hast aber ziemlich genau Buch geführt“, sagte Neri erstaunt.

Beim vielleicht zwanzigsten Abenteuer mit Folgen zog sie die Notbremse. „Hör auf, hör auf! Hat er auch mal etwas anderes gemacht in seiner Freizeit?“

„Könnte mich nicht daran erinnern“, feixte Odin und zog eine Augenbraue hoch. „Aber eins muss man ihm lassen – er kümmerte sich stets rührend um seine Kinder, auch wenn ihm Hera dabei ständig wieder kräftig in die Suppe spuckt.“

„Meinst du, Frigg werde tatenlos zusehen, wenn du es genau so triebest?“, fragte Neri.

„Bestimmt nicht“, gab Odin kleinlaut zu. „Aber sie würde ihre Wut sicher nur an mir, aber nicht an den Kindern auslassen.“

„Schon gut“, schmunzelte Neri. „Ich wollte deinen Jagdeifer nicht bremsen.“ Sie erhob sich, um mit Darina, Horus und Imset ein Stück am Strand spazieren zu gehen. „Viel Spaß noch.“

Odin sah ihr lange hinterher „Sie wäre auch ein Objekt meiner Begierde gewesen. Imset ist wirklich zu beneiden. An seiner Stelle würde es mir auch nicht schwerfallen, Horus’ Kind anzunehmen. Eines weiß ich aber ganz genau, falls wir Seth und Apophis in die Finger kriegen, wird es mir ein wirkliches Vergnügen sein, die beiden lebend an die Atlan auszuliefern.“

Er wandte sich wieder seinen Strandbeobachtungen zu.

Die vier Spaziergänger waren am Ende des Sandstreifens angekommen. Sie standen vor den schroffen Felsen der Steilküste, die auf normalem Wege unpassierbar waren.

„Teleportation?“, fragte Neri leise.

„Auf keinen Fall“, entgegnete Imset. „Ich habe es einmal in deinem Zustand getan, aber ich werde es nicht wieder tun. Das schlechte Gewissen plagt mich noch immer. Ich werde die Drakon rufen.“

Wenige Augenblicke später landete Drakos am Strand, sehr darauf bedacht, nicht in das Salzwasser zu treten. Es reichte ihm schon, während der Jagd davon benetzt zu werden. Dabei verlor er jedes Mal größere Mengen Energie.

„Wenn ich euch wieder zurückbringen soll, dann sagt Bescheid“, rief Drakos, als er die vier auf der anderen Seite der Klippen abgesetzt hatte. Der Aufwind vor den Felsen gab ihm Starthilfe. Majestätisch segelte er davon. Erst hier, in der stillen Bucht, legte Neri ihr Gewand ab. Sie hatte kein Verlangen verspürt, unter den lüsternen Blicken der vergnügungssüchtigen Asen und ihrer Mannschaft in der Sonne zu liegen. Mit dem Hüfttuch gab es ja sowieso ein echtes Problem.

„Dann lass die Tücher doch endlich Tücher sein“, sagte Imset schließlich kopfschüttelnd. „Außer uns kommt jetzt mit Sicherheit keiner hier an den Strand. Horus wird schon nicht in Ohnmacht fallen, wenn er dich nackt sieht.“ Demonstrativ legte er seinen Schurz ab und lief zum Wasser.

„Eigentlich hat er recht“, murmelte Darina. Im nächsten Augenblick hatte sie sich ihrer Strandkleidung entledigt.

Horus zuckte mit den Schultern. „Stimmt.“ Er nahm seinen Schurz ab und folgte Imset ins Wasser.

Neri seufzte, als sie endlich hüllenlos im warmen Sand lag. Warum sie sich ständig verkrampfte, wenn Horus am Strand in der Nähe war, wusste sie auch nicht recht.

Vielleicht weil sie es sich selber nicht eingestehen wollte, jene Nacht, trotz allem, genau so genossen zu haben wie er? Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Nur gut, dass die anderen weit genug entfernt waren, um das nicht zu sehen.

Am späten Nachmittag frischte der Wind etwas auf. Erstaunt beobachteten die Atlan und Tarronn, wie sich dunkle Wolken zusammenballten. Solche Naturschauspiele kamen auf Dafa nur alle paar Jahre einmal vor. Die Vegetation hier lebte vom Grundwasser und vom Tau, den es jeden Morgen reichlich gab. Imset rief sofort die Drakon.

Eine Böe wirbelte den feinen Sand auf. Noch bevor die ersten Blitze zuckten, trafen die beiden Wächter ein, um ihre Freunde nach Hause zu tragen. Die Asen hatten sich in ihr Raumschiff zurückgezogen. Sie nutzten die Gelegenheit, das seltene Phänomen zu beobachten. Atlan und Tarronn saßen in ihren Häuschen. Bei vielen kam die Erinnerung an die letzten Tage auf der Erde hervor.

Auch Horus stand am Fenster. „Irgendwie erinnert mich das an unseren ersten richtigen Kontakt.“

„Du warst genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hast uns Mut gemacht“, sagte Neri.

„Dabei hat euch mein Auftauchen mindestens einen Krug gekostet“, lachte Horus.

Imset stimmte ein. „War doch ein starker Auftritt. Dass Mara den Krug fallen lässt, konnte ich doch nicht ahnen.“

„Seid froh, dass sie ihn nicht nach euch geworfen hat. Der Tee war frisch aufgebrüht und verdammt heiß“, schmunzelte Neri.

„Autsch“, sagte Imset.

„Eben.“

„Aber seitdem habe ich, gelinde gesagt, Angst vor jedem Gewitter, die hier glücklicherweise äußerst selten sind“, fügte Neri leise hinzu.

Wie zur Bestätigung krachte ein lauter Donnerschlag. Neri zuckte zusammen. „Ich glaube, es wird wieder eine jener denkwürdigen Nächte.“

„Wie meinst du das?“, fragten beide Männer wie aus einem Munde.

Neris Lächeln fiel ziemlich gequält aus, als sie die Hände der beiden auf ihren Bauch legte.

„Wehen?“, stellte Horus eher ungläubig fest.

„Jetzt schon?“, fragte Imset.

Neri zuckte hilflos mit den Schultern. „Auf Dafa kommen wohl alle Kinder eher zur Welt, als sie eigentlich sollten.“

Wortlos legte Darina Tücher bereit, dann stellte sie den großen Wassertopf auf den Herd. Imset würde andere Sorgen haben, als das Wasser zu erhitzen.

Außer, dass Neri sehr konzentriert wirkte, war ihr nicht mehr anzumerken. Bis sie schließlich sagte. „Ich glaube, jetzt will jemand das Gewitter ganz von Nahem betrachten.“

Die wenigen Schritte bis ins Schlafzimmer fielen ihr sichtlich schwer.

„Soll ich Maris rufen?“, fragte Imset.

Neri schüttelte den Kopf. „Erstens ist es gleich soweit und zweitens kriegt ihr das auch allein hin.“

Imset sah Horus etwas hilflos an. Horus hob die Hände, als wolle er sagen: Dafür kann ich nun aber wirklich nichts. Laut bemerkte er: „So, wie es aussieht, geht sie davon aus, dass ich es hineingebracht habe und demzufolge nun auch herausholen muss.“

„Dann beeile dich bitte“, antwortete Neri mit gepresster Stimme.

Wenige Augenblicke später half Horus seinem fünften Sohn auf die Welt.

„Offenbar bist du auf Jungen geeicht“, schmunzelte Imset, als Horus mit Darina den Kleinen versorgte, während er sich nun weiter um Neri kümmerte.

Horus lachte. „Egal. Hauptsache gesund. Sobek und Kebechsenef haben ja gezeigt, dass es auch noch Mädchen gibt.“

„Wie fühlst du dich?“, fragte er, als er Neri das Neugeborene in den Arm legte.

„Ein paar Pfunde leichter.“ Neri streichelte mit dem Finger das winzige Gesicht ihres Söhnchens. „Glücklich und zufrieden.“

Der Morgen kam mit strahlendem Sonnenschein. Die letzten Pfützen verdampften schnell. Nur im Krater stand das Wasser noch knietief, als sich die Magier zum Kampf trafen.

„Ihr beide seht aus, als hättet ihr eine aufregende Nacht gehabt“, kicherte Safi, als er Horus und Imset sah.

„Ist richtig“, entgegnete Imset. „Vor allem mit der gleichen Frau.“

„Wirklich?“ Safi sah Horus unsicher an.

„Imset hat nicht gelogen. Wir hatten tatsächlich mit der gleichen Frau eine echt denkwürdige Nacht“, antwortete er.

„Und was passiert, wenn Neri und Darina das rauskriegen?“, fragte Safi erstaunt.

„Die waren beide anwesend“, antwortete Imset.

Safi klappte der Unterkiefer herunter.

Horus und Imset begannen zu lachen. „Mann, Safi, du bist doch sonst nicht so begriffsstutzig! Neri hat in dieser Nacht entbunden. Die Ankunft eines Babys ist immer denkwürdig und aufregend.“

Safi kicherte. „Da lasst ihr mich erst mühsam schmutzige Gedanken machen, dann sagt ihr so ganz nebenbei, dass wieder einmal gefeiert werden kann.“

„Und was ist es?“, fragte Kebechsenef neugierig.

„Wieder nicht die versprochene Schwester“, entgegnete Horus.

Kebechsenef winkte ab. „Ist doch völlig egal – Hauptsache gesund.“

„Siehst du, das habe ich auch gesagt“, nickte Horus. „Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.“

„Aber nicht mit Neri“, warf Imset sofort ein.

„Versprochen“, antwortete Horus.

Die Asen staunten nicht schlecht, als auf dem Festplatz erneut große Vorbereitungen im Gange waren. Egal, wen sie auch fragten, niemand konnte wirklich Auskunft geben, was am Nachmittag gefeiert werden sollte. Die Drakon kreisten schon eine ganze Weile, ohne jedoch zu landen.

Endlich kamen die Magier mit ihren Familien. Odin sah ihnen erwartungsvoll entgegen. Schließlich entdeckte er Imset, der Darina am Arm führte und Horus mit Neri. Augenblicklich war er im Bilde. Das konnte nur die Willkommensfeier für Horus’ und Neris Baby sein. Die Schlange der Gratulanten nahm gar kein Ende mehr.

Als alle auf den neuen Bürger angestoßen hatten, schaute Thor Imset zwinkernd an. „Ihr habt aber auch komplizierte Familienverhältnisse.“

„Muss wohl ein altes Erbteil sein“, lachte Imset. „Der Kleine ist sowohl mein Bruder als auch der Bruder meines Sohnes. Genau, wie Isis meine Mutter und meine Großmutter ist.“

„Verstehe einer die Tarronn“, brummte Odin in seinen Bart, dann genehmigte er sich noch einen Becher Wein.

„Jetzt wirst du wohl bald dein Versprechen an Cheiron wahr machen?“, fragte Neri Horus im Verlaufe des Abends.

„Ja, jetzt wo ich weiß, dass es euch beiden gut geht, kann ich beruhigt fliegen. Ich weiß, dass Imset auf Ihi wie auf seinen eigenen Sohn achten wird. Ich freue mich aber auch schon auf das Wiedersehen mit euch.“

Eine Woche später war es soweit. Darina und Horus nahmen Abschied. In etwa fünf Monaten wollten sie wieder zurück sein. Auch Tamu hatte sich von Sara verabschiedet. Noch einmal drückte er sie fest an sich. Dann zog er die Rampe ein und schloss die Luke. Schnell verschwand das Raumschiff hinter dem Horizont.

Darina übernahm den gleichen Dienst wie die Männer. Sie hatte Horus ausdrücklich darauf hingewiesen, keine Sonderbehandlung haben zu wollen. So kam es also auch nur alle paar Tage einmal vor, dass er sich mit Hingabe seiner Gefährtin widmen konnte.

Das tägliche Training hingegen stand fest auf dem Dienstplan. Auch wenn sich die anderen drei Männer noch solche Mühe gaben, Tamu war ihnen Meilen voraus. Horus machte es sichtlich Spaß, ihn zu fordern, aber auch zu fördern. Und Tamu war ein gelehriger Schüler.

Nach der Hälfte der Flugstrecke begann die Mannschaft, eine Wohneinheit auf die Maße eines ausgewachsenen Zentauren anzupassen. Das Bett wurde an die Außenwand gerückt, der Platz davor mit weichem Kunststoff gepolstert, ein Stuhl und ein Sessel entfernt.

Mit ein paar Tricks koppelten sie zwei Sanitärzellen, um eine extrabreite Dusche zu gewinnen. Die Durchgänge zu den anderen Einheiten werde Cheiron so nehmen müssen.

Eine Woche vor der Ankunft auf Helion bat Horus um Landeerlaubnis. Er erhielt sie umgehend für das Gebiet, in dem die Zentauren lebten. Man teilte ihm sogar die genauen Koordinaten von Cheirons Höhle mit. Offensichtlich hatte Zeus seine Leute eingehend instruiert.

Endlich schwenkte das kleine Raumschiff in die Umlaufbahn des Planeten ein. Horus gab das Landeprogramm frei. Nach ein paar Stunden erreichten sie glücklich das Vorland der Bergkette, wo die Grotte zu finden sein sollte. Weich setzte der Langstreckengleiter auf.

Nur waren weit und breit, weder Helion noch Zentauren zu sehen. Fast eine Stunde warteten die Tarronn.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Ron. „Sieht aus, als wäre niemand zu Hause.“

„Kann ich mir schlecht vorstellen“, warf Tim ein. „Der Scanner zeigt Lebewesen an.“

„Wisst ihr was“, sagte Darina endlich, „ich gehe hinaus und ihr haltet mir den Rücken frei. Sie werden mich schon nicht auffressen.“

Widerstrebend gab Horus seine Genehmigung. Kaum hatte sie das Raumschiff verlassen, setzte er sich persönlich an die Computer zum Erzeugen aller möglichen Kraftfelder.

Darina ging zielstrebig, wenn auch sehr langsam, auf den Eingang der Wohnhöhle in der Ferne zu. Vielleicht fünfzig Meter davor sagte eine Stimme in scharfem Ton: „Keinen Schritt weiter!“

Darina blieb stehen. Ihr Erschrecken geschah nur innerlich. „Lass den Unsinn, Herakles!“, gab sie gleichem Ton zurück.

„Du kennst mich?“, fragte der Genannte und kam in voller Bewaffnung hinter einem Felsblock hervor.

„Sicher. Cheiron hat mir von dir erzählt. Wenn du hier Wache hältst, ist er auf der Jagd“, sagte sie leichthin.

Herakles ging um die Frau herum, die sich nicht einmal umgewandt hatte. Mut hatte die Fremde offensichtlich.

„Was würde wohl passieren, wenn ich dich jetzt einfach mitnähme?“, fragte er lauernd.

Zu seiner Verwunderung begann Darina herzhaft zu lachen. „Dann würde dir Horus derartig Feuer unter dem Hintern machen, dass dir die Lust an solchen Spielchen für lange Zeit verginge.“

„Horus?“, fragte Herakles und spähte nach dem Raumschiff.

„Und Cheiron etwas später sicher auch“, fügte sie schmunzelnd hinzu. „Egal. Du bist jedenfalls der beste Wächter, den sich Danaë wünschen kann. Wir waren schon in Sorge, dass ihr etwas zugestoßen sein könne, während Cheiron bei uns war.“

Endlich senkte Herakles seine Waffen. „Das überzeugt mich“, sagte er. „Niemand hier weiß von ihr. Da du sogar ihren Namen kennst, musst du Cheiron sehr vertraut sein.“

„Wann kommt er wieder?“, fragte Darina und setzte sich auf einen Felsbrocken.

„Er sollte eigentlich schon da sein. Vielleicht hat ihn der Anblick eures Raumschiffes bewogen, im Verborgenen zu bleiben.“

„Versteh ich nicht“, murmelte Darina. „Er kennt doch Horus’ Gleiter.“

„Ich kenne ihn schon, konnte es aber nicht glauben, dass ihr tatsächlich schon da seid.“ Cheiron kam zwischen den Felsen hervor. Auf seiner Schulter trug er ein frisch erlegtes Reh. Rasch lud er es ab und schloss Darina in die Arme. „Schön, dich zu sehen.“

„Die Freude ist ganz meinerseits“, strahlte sie ihn an.

„Wo steckt Horus?“, fragte Cheiron, sich nach dem Raumschiff umschauend.

Sofort begann die Luft zu flimmern. Horus materialisierte sich.

Cheiron zog ihn an seine Brust. „Und? Was ist es?“, fragte er übergangslos.

„Wieder ein Junge“, schmunzelte Horus.

„Mach dir nix draus. Es heißt ja auch Horus-Söhne und nicht Horus- Töchter“, kicherte Cheiron.

„Da wollen wir aber mal hoffen, dass du es besser kannst“, konterte Horus.

Dann begrüßte er endlich Herakles, den er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Gemeinsam gingen sie zu Cheirons Höhle.

„Danaë! Alles in Ordnung, ich habe Gäste mitgebracht“, rief er am Eingang. Aus einem engen, kaum sichtbaren Seitenstollen tauchte ein schmales Gesicht auf.

Sie ist ja fast noch ein Kind, sagte Darina telepathisch zu Horus, der wohl soeben das Gleiche gedacht hatte. Sein Blick zu Darina ließ es stark vermuten. Schüchtern begrüßte Danaë die Tarronn und auch Herakles, den sie wohl bisher auch nur aus der Ferne gesehen hatte.

„Mit wie vielen Leuten seid ihr da?“, fragte Cheiron, während er das Reh fachmännisch zerlegte und die Stücke an den Bratspieß steckte.

„Mit den Vieren, mit denen ich immer fliege“, gab Horus Auskunft.

„Hol sie rüber. Es ist genug für alle da“, ermunterte ihn Cheiron.

Horus teleportierte sich zu seinen Leuten, die die Einladung des Zentauren dankend annahmen.

Gemeinsam sicherten sie den Gleiter gegen jeglichen unbefugten Zugriff.

„Konntest du wenigstens deinen Schatz endlich zu deiner Gefährtin machen?“, fragte Cheiron Tamu.

Bekümmert schüttelte der Tarronn den Kopf. „Die Natur lässt sich Zeit. Aber wenn ich die Lage richtig einschätze, dann geht es dir ähnlich.“ Tamu sprach aus, was alle dachten.

„Das ist wohl nicht zu übersehen“, entgegnete Cheiron, dabei streichelte er zärtlich Danaës Hand. „Mein einziger Vorteil dir gegenüber ist, dass ich es tun könnte, wenn ich wollte. Nur würde ich mich dabei ziemlich mies fühlen.“

Obwohl sich die beiden Männer sehr leise miteinander unterhielten, hatte Danaë alles verstanden. Sie wurde flammendrot. Sie war es nicht gewöhnt, dass offen über diese Dinge gesprochen wurde.

Herakles verließ mehrmals die Höhle und lauschte in die Nacht.

„Was hast du?“, fragte Cheiron schließlich besorgt.

Herakles wiegte den Kopf. „Es wäre besser, wenn ihr noch vor dem Morgengrauen dieses Gebiet verlasst. Es riecht verdächtig nach Ärger. Die Zentauren scheinen Horus’ Gefährtin meilenweit zu wittern.“

Horus nickte. „Wir werden deinen Rat beherzigen.“

Danaë sah aus, als ob sie sich wieder verstecken wolle. Darina nahm ihre Hand und drückte sie ganz fest. „Im Notfall werden wir auch mit ein paar wild gewordenen Zentauren fertig.“

Als das Fleisch verspeist war, griff Cheiron seinen Reisesack.

„Dann folgen wir also der Stimme der Vernunft. Herakles, ich danke dir für deine Hilfe. Bis irgendwann.“

„Viel Glück.“ Zeus’ Sohn begleitete sie zum Startplatz. Er war erst wirklich beruhigt, als sie abhoben und lautlos zwischen den Sternen am samtschwarzen Himmel verschwanden.

Am ganzen Körper zitternd, betrat Danaë das Raumschiff. Zu gut war ihr noch der Tag in Erinnerung, als man sie von der Erde nach Helion gebracht hatte. Nach ein paar Schritten auf dem Gang knickten ihr einfach die Beine weg.

Jako konnte sie gerade noch auffangen. Cheiron nahm sie ihm ab. Mit besorgtem Blick folgte er Horus und Darina. Horus öffnete die Tür. Er ließ Cheiron den Vortritt.

„Ich hoffe, dass ihr es hier einigermaßen aushaltet bis Tarronn“, sagte er, als Cheiron die ohnmächtige Danaë auf das Bett getragen hatte.

„Ihr habt extra wegen mir das halbe Raumschiff zerlegt?“, fragte der Zentaur ungläubig.

„Warum nicht?“, stellte Horus die Gegenfrage. „Sollten wir dich etwa in den Packraum sperren? Wie haben es denn die Helion hinbekommen?“

Cheiron winkte ab.

„Sieht nach Packraum aus“, mutmaßte Darina.

Der Zentaur nickte.

„Das ist eben der Unterschied, ob man mit Freunden unterwegs ist, oder mit Leuten, bei denen man nur geduldet ist“, murmelte Horus. „Aber nun zu ihr: Sie macht mir nicht den Eindruck, als ob sie zu den Ausgestoßenen gehören würde.“

Cheiron schüttelte den Kopf. „Schlimmer.“

„Geht es noch schlimmer?“, fragte Darina.

Cheiron hob den Kopf. „Ja. Es geht schlimmer. Sie war ein Menschenopfer.“

Darina legte eine Hand auf den Mund, um einen Aufschrei zu unterdrücken. Horus fuhr herum und starrte Cheiron ungläubig an.

„Sie war eine jener Jungfrauen, die Poseidon geopfert wurden. Man hat ihr die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und sie von einer Klippe ins Meer gestoßen“, erzählte Cheiron leise. Dabei streichelte er liebevoll Danaës blasses Gesicht.

„Und wie kam sie zu dir?“, fragte Darina.

„Poseidon fischte sie, mehr tot als lebendig, aus dem Wasser. Wäre sie auf der Erde geblieben, hätte man sie trotzdem getötet. Er wusste sich keinen anderen Rat, als sie mitzunehmen. Die Olympier wollten sie aber auch nicht bei sich haben. Schließlich bekam ich sie von Zeus als Geschenk, das ich dankend angenommen habe.“

„Und seitdem versteckst du sie.“ Horus schaute Cheiron fast bewundernd an.

„Ja. Es sind nun bestimmt bald zwei Jahre, wenn ich es mir genau überlege“, entgegnete der Zentaur.

„Wie alt ist sie?“, wollte Darina wissen.

„Das weiß keiner“, antwortete Cheiron. Bedauernd hob er die Hände. „Was ich ziemlich sicher weiß, sie muss aus reichem Hause stammen. Andere Mädchen in ihrem Alter müssen auf der Erde schwer arbeiten, damit die Familie existieren kann, sie weiß von alledem nichts. Möglicherweise hat man sie ganz bewusst als Opfer erzogen.“

Darina schüttelte fassungslos den Kopf.

„Dann steckt man sie ausgerechnet zu den Zentauren, über die sie die furchtbarsten Geschichten gehört hat“, sprach Cheiron weiter. „Die dummerweise auch noch zum größten Teil wahr sind.“

„Und du willst wirklich wieder nach Helion zurück?“, fragte Darina zweifelnd.

„Ich werde müssen“, murmelte Cheiron traurig.

Langsam regte sich in Danaë wieder Leben. Cheiron beugte sich über sie. Er küsste ihre Stirn. „Wie geht es dir?“, fragte er besorgt.

„Nicht besonders“, antwortete sie. „Ich habe furchtbare Angst.“

„Die musst du nicht haben. Wenn du wüsstest, was dich am Ziel erwartet, du würdest es kaum erwarten können, dort anzukommen“, sagte Cheiron.

Danaë schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie ließ sich von ihm zum Sessel tragen.

„Wie kommt es eigentlich, dass deine Leute Danaë noch nicht gefunden haben?“, fragte Horus. „Das kann ja nicht nur an Herakles’ Präsenz liegen.“

Cheiron deutete kommentarlos auf seine Nase. Horus begriff. Die Zentauren würden sie erst wahrnehmen, wenn sie zur Frau herangereift wäre. Im Augenblick war sie in Sicherheit.

Horus blieb noch einen vollen Tag in der Umlaufbahn des Planeten. Wie versprochen, meldete er sich bei Zeus, um die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu überbringen.

Helions König antwortete darauf mit fast den gleichen Worten wie Cheiron.

„Jedenfalls bist du zu beneiden“, sagte er noch. „Dein Sohn wird auch von Imset und Darina geliebt.“

„Die Vorzeichen für seine Zeugung waren aber auch völlig andere, als bei deinen vielen Nachkommen“, gab Horus zu bedenken. „Unter deinen Bedingungen bräuchte ich mich bei den Atlan nie wieder blicken lassen. Außerdem könnte es durchaus tödlich enden, bei einem Drakonat zu wildern.“

Zeus lachte. „Trotzdem werde ich meine Finger nicht ganz von anderen Frauen lassen. Du weißt ja, die Katze lässt das Mausen nicht.“

Horus verzog amüsiert das Gesicht. „Dann viel Spaß. Hauptsache, du gerätst nicht mal an eine, deren Gatte unbekannterweise am längeren Hebel sitzt.“

„Solange es mir nicht wie Osiris ergeht…“.

Zeus maß Horus’ Worten wohl doch eine größere Bedeutung bei.

„Mein Lieber – und der war völlig unschuldig“, murmelte Horus.

„Ihr habt jetzt also Danaë und Cheiron schon an Bord?“, wollte Zeus wissen.

„Ja, frisch abgeholt. Am liebsten würde ich die beiden auf Tarronn behalten“, erklärte Horus ernst.

Zeus nickte wissend. „Ich werde euch keine Steine in den Weg legen. Wenn Cheiron bleiben will, dann kann er es von mir aus tun. Er hat sich auf Helion nie wirklich wohlgefühlt.“

„Wir werden sehen“, sagte Horus, bevor er sich herzlich von Zeus verabschiedete.

„Grüß die anderen von uns!“

„Mach ich glatt. Vor allem Athene wird sich freuen.“ Zeus beendete den Kontakt.

Horus atmete tief durch. „So Leute! Ab nach Hause!“

„Das höre ich gern.“ Tamu steuerte das Raumschiff aus der Umlaufbahn.

Horus änderte noch einmal die Dienstpläne. Er hielt es, in Rücksprache mit seiner Besatzung, für angemessen, dass sich Darina fast ausschließlich um die völlig verschüchterte Danaë kümmern solle. Cheiron war ihm wirklich dankbar dafür.

„Von Frau zu Frau lassen sich viele Probleme einfacher lösen, die sie mit mir möglicherweise nie bespräche“, sagte er erfreut.

Cheiron sollte recht behalten. Nach ein paar Tagen begann Danaë allmählich, ihre übergroße Scheu abzulegen. Während sie bisher immer sofort aufgesprungen war, um ihm zu folgen, wenn er den Gemeinschaftsraum verließ, blieb sie nun öfter in der Gesellschaft der anderen zurück. Langsam begann sie ihnen, auch von sich aus, Fragen zu stellen, welche die Tarronn gern und detailliert beantworteten. Natürlich verfügte das Raumschiff über den vollen Zugriff auf alle Daten in den großen Bibliotheken des Planeten. Darina saß oft stundenlang mit ihr vor den Monitoren, rief Bilder zu allen Themen auf, die Danaë interessierten, übersetzte ihr die Hieroglyphentexte der Tarronn. Endlich begriff sie auch wirklich, was es bedeutete, eines Tages die Gefährtin von Cheiron zu werden und ihm die lang ersehnte Tochter zu schenken. Die Tarronn, aber auch Cheiron, hatten ihr reinen Wein eingeschenkt, was damit verbunden war. Lange saß sie schweigend neben Darina. Schließlich hob sie den Kopf.

„Jetzt verstehe ich, warum ihr uns nach Dafa zu den Atlan bringt“, sagte sie leise. „Cheiron war der erste Me…, der Erste“, verbesserte sie lächelnd, „der mich immer gut behandelt hat. Ich will versuchen, ihm das dafür zu geben, was er sich so sehnlich wünscht.“ Dann legte sie den Kopf an seine Schulter. „Vielleicht ist das, was ich für ihn empfinde, sogar Liebe.“

Cheiron nahm sie in die Arme. Glücklich schloss er die Augen.

„Ich glaube, unter diesen Voraussetzungen wird wirklich alles gut“, seufzte Darina erleichtert.

Auf Dafa blieben die Atlan auch nicht müßig. Sie bauten eines der Besucherhäuschen für die erwarteten Dauergäste um.

„Nehmt das, wo man einen besonders großen Garten anlegen kann“, riet Imset.

„Vorahnungen?“, fragte Safi schmunzelnd.

„Ja, so ähnlich“, gab Imset zurück.

„Sollte mich freuen“, murmelte Maris, während er einen neuen Stützbalken konstruierte. Nach einer Viertelstunde schüttelte er unwillig den Kopf. „Wird alles nichts. Anbauen!“

„Dann mal los.“ Solon rieb sich die Hände. „Wenn wir schon drüber sind, können wir auch gleich noch den Pferdestall für Merit bauen.“

„Passt doch zum Thema“, grinste er breit, als er die fragenden Blicke seiner Freunde sah.

„Unmöglicher Kerl“, schimpfte Talos. „Auch wenn du recht hast.“

Arko kam mit zwei frisch geschärften Sägen, die er den beiden Magiern reichte.

„Was hat eigentlich dein Schatz zu ihrer Statue gesagt? Darüber ist noch kein Wort gefallen“, fragte Talos Arko.

Der zuckte die Schultern. „Nichts. Seit jenem Tag ist die Statue spurlos verschwunden. Die war übrigens schon weg, als ich mit Kira nachts nach Hause kam.“

„Seltsam!“

„Ich habe auch keine Lust, mir darüber Gedanken zu machen, wo sie hin sein könnte. Das Original ist mir unendlich lieber“, schmunzelte der Meister. „Warm, anschmiegsam und kuschelig.“

„Das ist zumindest ein tröstendes Argument.“ Safi klopfte Arko auf die Schulter.

„Genau so tröstend ist, dass die Statue irgendjemandem gefallen haben muss“, grinste Arko breit. „Dann war die Arbeit wirklich gut.“

„Du brauchst dein Licht nun wirklich nicht unter den Scheffel stellen“, rief Aron. „Die Asen sind ja ganz aus dem Häuschen gewesen, als sie aus deiner Werkstatt kamen.“

„Ich hoffe nur, dass es für feste Handelsbeziehungen reicht“, sagte Arko.

„Auf alle Fälle werden sie jetzt wohl in regelmäßigen Abständen hier einreffen, weil sie echtes Interesse an unseren Schafen haben“, erklärte Imset. „Deshalb haben wir ihnen die Tiere, die sie sich ausgesucht haben, auch gleich mitgegeben. Nicht zu vergessen, dass sie auch an den Stoffen unserer Frauen großen Gefallen fanden.“

„Hat mir auch eine Menge Arbeit eingebracht“, warf Arko ein. „Ich baue gerade einen neuen Webrahmen.“

Sobek nickte. „Zaid freut sich schon darauf, mit Mira und Luna gemeinsam zu arbeiten.“

„Dafür wollen Kira und Jani Spindeln haben“, erzählte Arko. „Wäre ja nicht schlecht, wenn unsere eingelagerte Schafwolle auch endlich verarbeitet werden könnte.“

„Vielleicht solltest du noch ein paar Männer als Handwerker ausbilden“, schlug Talos vor.

„Wird nicht ganz ausbleiben“, lachte Arko. „Ich besitze ja nur zwei Arme. Nachts habe ich ganz andere Sachen vor, als in der Werkstatt zu stehen.“

„Was ist denn jetzt los?“ Aron tippte Solon an, dann deutete er auf die beiden Drakonat.

Sie hatten sich die Hände auf die Schultern gelegt und die Augen geschlossen.

„Nicht stören“, flüsterte Solon. „Sie haben Kontakt zu jemandem außerhalb unseres Planeten.“

Einige Augenblicke später lösten sich die beiden voneinander.

„Unsere Gäste werden in drei Tagen hier sein!“, rief Imset.

„Oh, ha, schnell an die Arbeit!“ Talos griff nach seinem Werkzeug.

„Und das Zauberwort mit den zwei T?“, fragte Arko.

„Aber flott!“, kicherte Talos.

„Na gut – überzeugt“, Arko trug mit Aron ein paar dicke Holzbohlen zum Haus.

Einige Zeit später schlossen sie die groben Arbeiten ab.

„Morgen noch ein paar Stunden, dann haben wir es geschafft“, stellte Talos zufrieden fest.

Am Tag der Landung war wieder einmal ganz Atla auf den Beinen. Alle, die nicht am Bau des Häuschens und des Stalles teilgenommen hatten, waren damit beschäftigt, die Festwiese herzurichten. Die Drakon brachten aus dem Urwald Bruchholz. Sie schichteten es an den üblichen Stellen zu vier großen Haufen auf. Immer wieder huschten erwartungsvolle Blicke zum Himmel.

Dann plötzlich flogen die beiden magischen Wächter pfeilschnell davon. Sie mussten die Ankunft des Raumschiffes gespürt haben. Einen Lidschlag später eskortierten sie es bereits zum Landeplatz.

Horus und Darina verließen als Erste den Gleiter. Ihnen folgten Cheiron und Danaë, die sich ängstlich an seinem Arm festklammerte. Sie hatte nicht erwartet, dass ein ganzes Volk kommen werde, um ihre Ankunft zu erleben. Trotz aller Angst war sie fasziniert von den vielen, strahlend weiß gekleideten Leuten, die ihnen fröhlich zuwinkten.

Horus und seine Gefährtin eilten sofort zu Neri, um den kleinen Ihi zu sehen. Als sich Horus’ und Neris Fingerspitzen berührten, wurden beider Flügel sichtbar. Danaë glaubte, zu träumen. Die Magier schritten auf die Gäste zu. Solon umarmte Cheiron herzlich, reichte Danaë die Hände und stellte alle einander vor.

Hatte sich das Menschenmädchen schon über Neris und Horus’ plötzliche Verwandlung erstaunt, so konnte sie die von Imset und Sobek gar nicht fassen. Als sich dann auch noch die beiden Drakon zu ihr hinunterbeugten, erstarrte sie fast.

„Keine Angst“, sprach Siri mit beruhigender Stimme zu Danaë. „Bei uns bist du in völliger Sicherheit.“

Horus war noch immer dabei, Hände zu schütteln und Umarmungen zu erwidern. Dann führten die Magier ihre lang erwarteten Gäste zum Festplatz.

„Wann war die große Feier?“, fragte Horus plötzlich quer über den Tisch.

Alle sahen ihn verwundert an. Nicht alle – Solon und Mira lächelten glücklich.

„Noch gar nicht. Wir können es noch immer nicht glauben“, strahlte der Magier Horus an.

Wieder war es Safi, der zuerst begriff. „Klingt ganz danach, als ob die beiden heimlich brüten.“

Mira lachte fröhlich. „Ich glaube, das ist eine treffende Umschreibung.“

„Die Nacht der magischen Monde?“ Horus blinzelte Mira zu.

Sie nickte lächelnd.

Einzig Danaë schaute etwas verständnislos die Atlan und Tarronn an. Cheiron erklärte ihr leise den Grund der plötzlichen Freude aller. Danaë errötete. Sie hatte nicht geahnt, dass hier alle so offen miteinander umgingen.

Tamu saß neben Talos. Er sah sehnsüchtig zu Sara hinüber. Nur war der Knoten ihres Gürtels noch immer an der gleichen Stelle. Also blieb ihm auch weiterhin nur, sie anzuschauen. Danaë beobachtete die beiden Verliebten interessiert. Tamu hatte ihr auf der Reise nach Tarronn viel über seine große Liebe erzählt.

So ähnlich wie er, musste sich wohl auch Cheiron fühlen. Die Atlan und Tarronn beobachteten ihrerseits Danaë, die völlig anders war, als in ihren Vorstellungen. Horus schaffte es in einem ruhigen Moment, die Magier und deren Gefährtinnen telepathisch über das Mädchen zu informieren.

Erfreut stellte Cheiron fest, dass sich Sara und Danaë vom ersten Moment an gut verstanden. Darina nickte ihm zu.

Als der Abend kam, bat Cheiron Imset, für Danaë noch einmal den wundervollen Feuerzauber zu zeigen. Schnell nahmen die vier Akteure ihre Plätze ein. Atemlos schaute das Mädchen den Drachenwesen zu. Die wirbelnde Spirale aus verschiedenfarbigem Feuer faszinierte sie.

Am Ende wandten sich die vier ihrem jeweiligen rechten Nachbarn zu und schickten gleichzeitig ihre sengenden Flammen kurz über dem Boden zu dessen Holzstapel. Einen Moment lang waren die Feiernden in einem Karree aus Flammen eingeschlossen, ehe sich das Holz rasch entzündete und hell aufloderte. Alle applaudierten. Die letzte Vorführung war völlig neu gewesen.

Ehrfürchtig blickte Danaë zu Imset und Sobek hinüber, die auf der anderen Seite des Tisches saßen. Cheiron hatte wahrlich ungewöhnliche Freunde. Zu vorgerückter Stunde brachten Imset und Neri die beiden Gäste zu dem frisch umgebauten Häuschen. Horus genoss es inzwischen ausgiebig, sein Söhnchen zu betreuen.

Cheiron steckte neugierig den Kopf durch die Türen der einzelnen Zimmer. „Ich glaube, ich träume! Ihr habt doch nicht etwa wirklich das Haus umgebaut?“

„Aber sicher haben wir das getan.“ Imset schaute den Zentauren belustigt an. „Schließlich sollt ihr euch bei uns wohlfühlen. Nur gibt es nicht solchen Komfort, wie in Horus’ Raumschiff.“

„Damit haben wir ja nun wirklich kein Problem. Bei uns ist im Winter das Wasser aus der Quelle eisig“, entgegnete Cheiron.

„Möchtet ihr morgen früh das Training sehen?“, fragte Neri.

„Das wäre toll. Ich habe es ja auch noch nicht besucht“, freute sich der Zentaur.

„Schön, dann holen euch die Drakon mit dem Sonnenaufgang ab. Danach geht es zum Frühstück zu uns und anschließend zeigen wir Danaë, wie schön das Meer sein kann, wenn Freunde gut auf sie aufpassen“, erklärte Imset. „Schlaft gut.“

„Danke. Das werden wir ganz bestimmt, weil wir hier nicht mit Überfällen durch liebestolle Zentauren rechnen müssen“, sagte Cheiron im Ton tiefster Zufriedenheit.

Als die beiden Atlan gegangen waren, kuschelte sich Danaë fest an Cheiron und schlief im selben Moment ein. Der Zentaur deckte sie zu, legte ihr seinen Arm um die Taille, um endlich wieder einmal eine Nacht auf festem Boden, in völliger Sicherheit zu verbringen.

Vor dem ersten Hahnenschrei weckte er Danaë. Die Zeit reichte gerade noch, sich den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen, da landeten auch schon die Drakon. Siri nahm die ängstliche Danaë vorsichtig in die Klaue, Drakos trug Cheiron.

Der Tau glitzerte auf den blauen Wiesen, die das Mädchen erst heute wahrnahm. Kopfschüttelnd betrachtete sie die ungewöhnliche Farbverteilung. Ein grüner Himmel, blaues Gras und eine orangefarbene Sonne.

„Du kannst ruhig glauben, was du wahrnimmst“, sagte Siri. „Das ist Tarronn. Wir haben ja auch fünf Monde, die du gestern nur nicht sehen konntest, weil für alle gerade Neumond ist.“

„Das ist wie ein wunderschöner Traum für mich“, flüsterte Danaë. „Und ihr seid so freundlich zu uns.“

Sanft setzten die beiden Riesen ihre Gäste auf dem Kraterrand ab.

„Wir werden bei euch bleiben. Denn was jetzt gleich geschieht, kann schlimm ausgehen, wenn man sich nicht schützen kann. Dabei bedenkt immer, es ist nur Training, niemals Ernst“, sprach Drakos.

In diesem Augenblick kündigte die flimmernde Luft bereits die Ankunft der Magier an. Erstaunt erkannten die beiden Helion, dass auch Horus und Tamu anwesend waren, nur nicht als Gäste wie sie. Kaum war der Letzte eingetroffen, als es auch schon recht heftig zur Sache ging.

An mehreren Stellen stoben die Funken, wenn sich die Energieentladungen zweier Magier trafen. Die beiden Helion erkannten schnell, dass alle gegen zwei, nämlich Imset und Sobek kämpften. Ziemlich unfair, wie Danaë zunächst fand. Sekunden später revidierte sie ihre Meinung gründlich. Die beiden Gehetzten schlugen so erbarmungslos zurück, dass der Geruch versengter Haut bis an den Kraterrand getrieben wurde, dabei hatten sich die Drakonat noch nicht einmal verwandelt. Schutzsuchend duckte sich Danaë hinter Siris Schwinge.

Manchmal hielt sie sich entsetzt die Augen zu. Was dort unten passierte, übertraf ihr Vorstellungsvermögen gewaltig. Nach einer Stunde kamen, mit Ausnahme der beiden Drakonat, alle hinauf zu Danaë und Cheiron. Selbst dem Zentauren kam das Frösteln an, als er die tiefen Brandwunden sah.

Neugierig beobachtete er, wie Maris die schlimmsten Verletzungen schloss und dem jeweiligen Opfer die Restheilung selbst überließ. Auf dem Grunde des Kraters warteten die Drakonat, um Cheiron genügend Zeit zur Beobachtung zu lassen.

„Wollen die beiden nicht heraufkommen?“, fragte der Zentaur erstaunt.

Solon schüttelte den Kopf. „Nein, denn jetzt beginnt erst der wirklich interessante Teil des Trainings. Geht am besten bei den Drakon in Deckung. Die sind in der Lage, die Querschläger zu entschärfen.“