Verlag: Aufbau digital Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Malerin E-Book

Mary Basson  

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E-Book-Beschreibung Die Malerin - Mary Basson

Eine Liebe in der Bohème. München, 1902: Gegen alle Widerstände will die junge Gabriele Münter, genannt Ella, Malerin werden. Sie nimmt Unterricht bei Wassily Kandinsky und verliebt sich in ihn, sie wird seine Muse ebenso wie seine Gefährtin auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Doch während Kandinsky schon bald als Meister der Abstraktion und Begründer des Blauen Reiters zu Weltruhm gelangt, ringt Ella zeitlebens mit ihrer Rolle als Frau in der Kunst. Und dann bricht Krieg aus, und ihre Liebe droht tragisch zu scheitern … Nach der wahren Geschichte der großen Malerin Gabriele Münter, die mit ihrer Hingabe an die Kunst und an die Liebe allen Gefahren ihrer Zeit trotzte.

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E-Book-Leseprobe Die Malerin - Mary Basson

Über Mary Basson

Mary Basson arbeitet im Milwaukee Art Museum, das die größte Gabriele-Münter-Sammlung Nordamerikas beherbergt. Münters Malerei faszinierte sie so sehr, dass sie sich auf die Spur ihrer Geschichte begab und nach München und zum Gelben Haus in Murnau am Fuße der Alpen reiste.

Gabriele Jarić, geboren und aufgewachsen im Rheinland, lebte nach ihrem Studium lange in den USA, Israel und in Frankreich, wo sie die Einzigartigkeit der französischen Atlantikküste kennen und lieben lernte. Heute arbeitet sie als freie Übersetzerin in Berlin, doch mindestens einmal im Jahr zieht es sie nach Frankreich, ans Meer.

Informationen zum Buch

Eine Liebe in der Bohème

München, 1902: Gegen alle Widerstände will die junge Gabriele Münter, genannt Ella, Malerin werden. Sie nimmt Unterricht bei Wassily Kandinsky und verliebt sich in ihn, sie wird seine Muse ebenso wie seine Gefährtin auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Doch während Kandinsky schon bald als Meister der Abstraktion und Begründer des Blauen Reiters zu Weltruhm gelangt, ringt Ella zeitlebens mit ihrer Rolle als Frau in der Kunst. Und dann bricht Krieg aus, und ihre Liebe droht tragisch zu scheitern …

Nach der wahren Geschichte der großen Malerin Gabriele Münter, die mit ihrer Hingabe an die Kunst und an die Liebe allen Gefahren ihrer Zeit trotzte.

Die junge Gabriele Münter verliebt sich in ihren Lehrer Wassily Kandinsky. Ihr Haus in Murnau wird zum Zentrum der Avantgarde, hier malen, streiten und lieben sich die beiden und entwickeln ihre Kunst zu jener Abstraktion weiter, für die Kandinsky in die Geschichte eingeht. Ella ist seine Muse ebenso wie seine Kritikerin und selbst eine der bedeutendsten Malerinnen des Expressionismus. Mit dem Ersten Weltkrieg werden sie getrennt. Ella wähnt ihren Geliebten tot, trauert um ihn. Doch Kandinsky lebt – und heiratet eine andere. Ella droht daran zu zerbrechen. Aber als die Nazis Kandinskys »entartete Kunst« rauben wollen, wagt sie das Unglaubliche: Mit einzigartigem Mut rettet sie die Sammlung des Blauen Reiters vor dem Zugriff der Nazis und erhält sie der Nachwelt.

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Mary Basson

Die Malerin

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Gabriele Weber-Jarić

Inhaltsübersicht

Über Mary Basson

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Teil I

1 Die Farben der Berge

2 Familienleben

3 Wieder in München

Teil II

4 Reisen

5 Murnau in fünf Sätzen

6 Seelenkummer

7 Krieg

Teil III

8 Abgrund

Teil IV

9 Zukunft

10 Schlangen

11 Bei Nacht und Nebel

Teil V

12 Der Blick ins Tal

Dank

Impressum

Für Alex, Duncan, Jacob und natürlich für Steve

Dem Alter bleiben Ehr und Last.

Der Tod nimmt uns auch das.

Doch vor dem Ende

lässt sich noch etwas tun. Ein edles Werk,

wie es dem Menschen steht, der sich mit Göttern maß.

ALFRED LORD TENNYSON, ULYSSES

Teil I

KOCHEL, ANFANG SOMMER 1902

Im Gasthof sangen die Männer ein Schubertlied. In Paaren saßen sie um das Feuer des großen Kamins: Tenöre, Baritone, Bässe. Sie drängten sich zusammen, um die Noten von dem Blatt abzulesen, das einer für alle kopiert hatte. »Wie schön bist du«, sangen sie, ließen ihre Stimmen verschmelzen und die Klänge leise und süß in die Nacht hinausziehen. Ella hatte sich ihnen nicht angeschlossen. Sie stand auf der Anhöhe hinter dem Gasthof unter dem Laubdach einer Buche und lehnte sich an den mit Efeu bewachsenen Stamm. Dunkelgrüne Blätter rahmten ihr Gesicht. Sie hob einem Mann ihren Mund entgegen, ein ums andere Mal.

1Die Farben der Berge

KOCHEL, ANFANG SOMMER 1902

Das Licht der Morgensonne breitete sich rosig über die Berghänge aus. Ella blieb stehen und lauschte. Hatte sie sich den Pfiff seiner Trillerpfeife nur eingebildet? Sie lehnte ihr Fahrrad an einen Baum und wartete. Ihr Blick fiel auf den Phlox zu ihren Füßen, den der Wind zerzauste. Im frühen Licht des Tages waren die Blüten zartlila, gegen Mittag leuchteten sie blau, und wenn es dämmerte, färbten sie sich dunkelviolett. Aber niemand trillerte, es waren auch keine Schritte zu hören. Er musste hinter ihr sein, sich leise lachend verbergen. Ella fuhr herum, dachte, sie würde noch einen Zipfel von ihm erhaschen. Doch da waren nur die leere Wegbiegung, Lavendelbüsche auf dem sonnenglänzenden Hang, moosbewachsene Felsen. Nun gut, der Tag hatte mehr als einen Pfiff zu bieten. Sie stellte ihre Staffelei zwischen kleinen Büscheln Edelweiß auf. Die Sonne stieg höher und tauchte die Landschaft in pfirsichfarbenes Licht. Schon wenig später nahmen die Schattierungen des Sommermorgens Ellas Aufmerksamkeit so gefangen, dass kein Raum blieb, um nach Pfiffen zu lauschen. Sie begann mit der Arbeit.

Unten, jenseits der Felsen, glänzte der Kochelsee silbrig, als hätte die Sonne ihn poliert. Eine leichte Bö löste sich, fuhr durch die Heliotrope am Ufer und weiter den Hang hinauf unter Ellas Hut. Sie verknotete das Band unter ihrem Kinn und befestigte ihr Zeichenpapier mit einer Klammer an der Staffelei. Sie wollte die Formen der Wolken zwischen zwei Bergen wiedergeben. Dunkelgrün erhoben die Berge sich über dem hellen See, doch auf diesem Bild würden sie nur in groben Zügen mit kräftigen Schrägstrichen skizziert werden. Ella ging es vor allem um die Wolken. Sie sollten zu etwas Leichtem, Vergänglichem werden. Deshalb durften sie auch keine festen Formen haben, sondern mussten Luftgebilden gleichen, so schwerelos, dass man sie wegpusten konnte. Wolkenblasen. Nein, das auch nicht. Noch formloser. Vielleicht lag es an ihren Augen, aber die Wolken wollten ihr einfach nicht gelingen. Sie stiegen kaum merklich höher, verdichteten sich, wurden wieder lichter, zerfaserten. Und noch immer hatte sie keinen Pfiff vernommen. Sie richtete ihr Gehör mal auf den Hang, mal in den Wald hinein. Der Pfiff der Trillerpfeife blieb aus.

Als das Licht des Tages allmählich verblasste und die späte Nachmittagssonne sämtliche Wolken vertrieben hatte, rollte Ella das Zeichenpapier zusammen, legte die Zeichenkohle in das Blechkästchen und wischte ihre geschwärzten Finger am Gras sauber. Sie streifte ihren Kittel ab, drehte ihn von innen nach außen und faltete den Stoff ordentlich zusammen. Dann schob sie die Staffelei zusammen, vorsichtig, um die zerbrechlichen Giraffenbeine nicht zu beschädigen, und packte alles in ihren Rucksack. Mit ihm auf dem Rücken radelte sie zum Gasthof zurück.

Gepfiffen hatte niemand.

Als Ella im Gasthof ankam, war der Speiseraum mit den dunklen hölzernen Deckenstreben leer. Doch kaum saß sie an ihrem gewohnten Platz, da stürmten die anderen Schüler herein. Laut klappernd hantierten sie mit Gläsern, Wasserkaraffen und Besteck.

»Gabriele«, sagte einer der jungen Männer. »Wir haben Sie heute gar nicht gesehen.«

»Dieses Fräulein Münter«, schaltete sich ein anderer ein und lächelte anzüglich. »Nie weiß man, wo sie steckt.«

»Ich war an einem Hang über dem See.« Sie wandte sich zu ihrem Tischnachbarn um und achtete darauf, nicht zu interessiert zu klingen. »War Professor K bei Ihnen?«

»Nein, er ist zum Bahnhof gefahren, um seine Frau Gemahlin abzuholen. Wussten Sie das nicht? Im Moment ist sie dabei, oben in ihrem Zimmer den Koffer auszupacken.«

In Ella verkrampfte sich etwas. Nein, wollte sie sagen. Bitte nicht. Ihr Tischnachbar musste etwas missverstanden haben. Oder sie hatte sich verhört.

»Seine Frau Gemahlin?« Sie umklammerte ihre Serviette.

»Ja, sie bleibt den ganzen Sommer bei uns.« Doncker, der ihr gegenübersaß, grinste.

»Eine gutaussehende Frau.« Palme zwinkerte ihr zu.

»War auch nicht anders zu erwarten.« Mühlenkamp schlug einen kleinen Trommelwirbel auf den Tisch.

Ella drückte die Serviette auf ihren Mund und entschuldigte sich. Sie stolperte die Treppe hinauf und über den engen Flur, eine Hand auf dem Mund, mit der anderen stützte sie sich an der holzgetäfelten Wand ab. Dann war sie in ihrem Zimmer und musste sich beherrschen, um nicht laut aufzuschluchzen. Sie kroch in ihr Bett, zog sich die kalte weiße Steppdecke über den Kopf und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ein einziges Wort hatte es vermocht, sie in jemand anderen zu verwandeln.

Gemahlin. Er war verheiratet, und sie, Ella, war nicht die, für die sie sich noch vor wenigen Minuten gehalten hatte. Vor wenigen Minuten war sie eine junge Frau gewesen, die auf den trillernden Pfiff ihres Verehrers gewartet hatte, die von einem berühmten Mann erwählt worden war – eine junge Frau, die dieser Mann vielleicht heiraten würde. Mit einem Mal war sie eine Närrin. In den vergangenen Wochen – nein, vorher schon – hatte sie einen Mann geküsst, von dem es nun hieß, dass er eine Gemahlin habe. Und nicht nur geküsst hatte sie ihn. Sie war bereit gewesen, sich ihm ganz und gar hinzugeben. Um ein Haar wäre es auch dazu gekommen. Sie hatte es sich sogar gewünscht.

Aber war es denn ein Wunder, dass sie sich in einem Mann getäuscht hatte? Mit Menschen hatte sie sich noch nie ausgekannt. Sie verstand nicht, was sie sagten, hatte nicht gelernt, wie man ihre Worte zu interpretieren hatte. Wie viele Dummheiten hatte sie in ihrem kurzen Leben schon begangen, wie oft sich geirrt, und wie viele Fauxpas waren ihr unterlaufen! Nie wusste sie, wie sie sich ausdrücken sollte. Schon als kleines Schulmädchen hatte sie gespürt, wie unbeholfen sie war. Die Bestätigung erhielt sie eines verregneten Nachmittags, als sie zu Hause an der angelehnten Tür des Salons horchte.

»Meinst du, mit Ella stimmt etwas nicht?« Das war Emmy. »Ich weiß, dass sie sprechen kann. Aber sie ist immer so verschlossen. Das ist doch nicht normal. – Bitte, reich mir das blaue Garn.«

»Das würde ich so nicht sagen«, antwortete ihre Mutter. »Papa hat gedacht, das gibt sich, sobald sie in die Schule geht. Aber ich werde unseren Arzt konsultieren, obwohl Papa der Ansicht ist, dass …« Der Rest war zu leise, Ella verstand nichts mehr. »Ella«, rief ihre Mutter. »Bist du das da draußen? Komm, setz dich doch zu deiner Schwester und mir.«

Sie hatte nie jemandem erzählt, was sie an jenem Tag aufgeschnappt hatte, und konnte sich auch an keinen einschlägigen Arztbesuch erinnern, doch die Worte Mit Ella stimmt etwas nicht klangen ihr ein Leben lang in den Ohren. Sie selbst hatte erkannt – schon im Alter von acht oder neun Jahren –, dass sie weder wusste, wie man lachte, noch wie man spielte. Auf dem Heimweg nach der Schule trödelte sie nicht mit den anderen Mädchen und nahm auch nicht an ihren Streichen teil. Sie hatte keine Ahnung, wie man kicherte, andere neckte oder jemandem etwas ins Ohr flüsterte. Sie wusste nicht, dass sie einsam war.

An ihrem neunten Geburtstag schenkte ihr Vater ihr ein Kästchen Zeichenkohle und einen dicken Block Zeichenpapier. Ella wunderte sich darüber. Das neue Kleid von ihrer Mutter und die Bücher von Emmy und Carl hatte sie erwartet, doch was sie mit der Zeichenkohle und dem Block anfangen sollte, war ihr schleierhaft. »Das sind Zauberstifte«, sagte ihr Vater. »Wenn du sie anweist, werden sie sprechen.« Er hob Ella auf seinen breiten Schoß. »Schau dir den Baum am Tor an oder den Weg zu unserem Haus. Ist der Baum tapfer? Lächelt der Weg dich an? Ist unser Haus starrköpfig? Die Stifte sollen uns zeigen, was du siehst.«

Anfangs wusste Ella nicht, was sie sah und was die Stifte zeigten. Doch die Kohle fühlte sich gut an, als wäre der schwarze Stift noch ein Finger, der sich zu den anderen gesellt hatte und in der Lage war, mit dem Daumen, dem Zeigefinger und dem Mittelfinger zu kooperieren. Sie erkannte, dass sie mit dem Kohlestift in der Hand angefangen hatte, sich auszudrücken.

Eine Zeitlang war das Malen für sie, als hätte sie endlich Freunde. Wenn sie an einem Bild arbeitete, war sie ganz und gar konzentriert. Sie tauchte ein in das Bild, als hätte sie die Tür zu einem Zimmer geöffnet, in dem sie sich zwischen Formen und Figuren bewegte, eine Choreographin unter Tänzern. Stell dich so, konnte sie einem Strich sagen, dem sie den Arm um die Schultern gelegt hatte. Jetzt beugen, konnte sie einem anderen befehlen. Nur dass sie nie Wörter verwandte. Solange sie arbeitete, war sie unerreichbar, sogar für ihr Bewusstsein. Bis sie Professor K begegnete – und den Fehler machte, zugänglich zu werden.

Wütend trat sich Ella die Stiefel von den Beinen und schlug die Steppdecke zur Seite. Dummkopf. Er war elf Jahre älter als sie, ein anerkannter Künstler, maßlos attraktiv, großartig. Natürlich war so jemand verheiratet. Und war es nicht bekannt, dass Männer von Frauen nur das Eine wollten? Professor K war gewiss nicht der erste verheiratete Mann, der versucht hatte, eine alberne junge Frau zu verführen. Es war ihre Schuld. Er hatte ihr Beachtung geschenkt, und sie hatte nicht gewusst, wie man darauf reagierte. Aber welche Eitelkeit hatte sie denn glauben lassen, dass sie sein Interesse verdient hatte? Ausgerechnet sie. Wieder stiegen ihr Tränen auf. Sie kniff die Augen zusammen. Sie hatte tatsächlich gedacht, wenn sie sich von ihm küssen ließe, würde er sie heiraten.

Und wie viele Küsse es gewesen waren! Allein in München hatte sie drei gezählt, obwohl jene Abende so oft vor ihrem inneren Auge abgelaufen waren, dass sie nicht mehr ganz sicher war. Doch es war einer gewesen, als sie auf dem Weg zur Trambahn vom Regen überrascht worden waren, und zwei am Abend darauf. Und was war mit dem ersten Tag des Sommerkurses hier am Berg, als sie vom Fahrrad gefallen war – das zählte doch auch. Eigentlich war sie nicht richtig gefallen, sondern beim Fahren mit dem Fuß an einen Felsvorsprung geraten, und das Rad hatte sich zur Seite geneigt. Sie war ungeschickt abgesprungen und auf einen Grasfleck geplumpst. Professor K legte sein Fahrrad ab und trat zu ihr. Sein warmer Mund berührte ihren aufgeschürften Knöchel. An jenem Abend platzierte er seine Küsse äußerst wirkungsvoll. Sie erinnerte sich an sieben, obwohl sie nicht hätte sagen können, wo der eine aufgehört und der andere begonnen hatte. Doch ihre Hände wussten noch, wie sich sein Rücken unter dem Hemd anfühlte.

Am nächsten Nachmittag fuhren sie an den See, um nach der Natur zu malen. An einer Stelle, wo sie vor den Augen der anderen Schüler geschützt waren, hatten sie sich wieder geküsst. Doch mit einem Mal sprang er auf und radelte wie ein Wilder zurück zu den anderen, und sie sorgte sich, dass ihm ihre Küsse nicht gefallen hatten und er sie als Frau für zu unbedarft hielt. Am vergangenen Abend hatte sie zugelassen, dass er sie aus dem Gasthof führte – jetzt erst begriff sie, wie töricht sie gewesen war. Die anderen hatten gesungen, während sie bis zu den Buchen hinaufgestiegen waren. Dort nahm er sie in die Arme und küsste sie – wie oft? – elf Mal. Oder war es zwölf Mal gewesen? Sie spürte seinen festen Körper, den Unterleib, der sich an sie presste. Als sie merkte, wie sich ihr Körper erhitzte und nachgiebig wurde, musste sie sich an einen Baum lehnen. Sie gestattete ihm, durch den Stoff ihrer Bluse ihre Brüste zu streicheln, und staunte sowohl über das Vergnügen, das seine Hand ihr bereitete, als auch ihre Kühnheit. Danach folgte sie ihm die dunkle Treppe hinauf zu seinem Zimmer, wollte ihn in sich aufnehmen und nie mehr loslassen. Doch als er den Riegel hob und die Tür aufging, zögerte er, und sie machte einen Rückzieher. Sich einem Mann auf diese Weise hinzugeben, das durfte nicht unbedacht geschehen. Er war immerhin ihr Lehrer. Und sie kannte ihn kaum, wusste nur, was er über Kunst zu sagen hatte. Wenn ihre Mutter noch lebte, wäre sie entsetzt gewesen. Sogar Emmy würde es missbilligen. Aber sie hatte ihn begehrt.

Mit einem Stück Laken wischte sie ihre Augen. »Dumme Gans«, sagte sie.

Alles in allem waren es fünfundzwanzig Küsse gewesen. Einen Kuss für jedes Jahr ihres Lebens. Sie hatte sich in einen verheirateten Mann verliebt, einen treulosen Mann. Warum war sie nur so vertrauensselig gewesen?

Draußen auf dem Flur knarrten Dielen. Ella zog die Decke wieder über ihren Kopf. Olga sollte nicht sehen, dass sie geweint hatte.

»Ist es der Zahn?« Olga setzte sich auf die Bettkante. Vom ersten Tag an hatte sie sich bei den Malausflügen an Ellas Fersen geheftet. »Du bist so talentiert«, hatte sie einmal gesagt, ohne auf ein Gegenkompliment zu warten. Doch Ella hätte ihr auch keines machen können.

»Ja, aber es ist nicht so schlimm.«

»Du musst etwas essen. Einen Knödel vielleicht, die sind weich.«

»Ich kann nicht nach unten gehen.«

»Brauchst du doch nicht. Ich hatte auch schon Zahnschmerzen. In Moskau. Ich musste zum – wie heißt das? – zum Zahnarzt.« Sie öffnete ihren Mund und schob einen Finger hinein. »Bleib liegen, ich bringe dir einen Teller Suppe.« Beim Verlassen des Zimmers wischte sie den feuchten Finger an ihrem Rock ab.

Als Ella vor Monaten in der neuen Phalanx-Malschule ihr erstes Stillleben in Öl fertiggestellt hatte, sagte Professor K, es sei frisch und farbig. Sie hatte das Gemälde in ihre Pension mitgenommen und gewünscht, ihre Eltern hätten sehen können, wie sehr sie sich entwickelt hatte. In Gedanken sah sie ihre Mutter in ihrem schwarzen Kleid, untersetzt und ernst, und ihren Vater mit dem schönen weißen Rauschebart. Was hätten die beiden wohl zu den fünfundzwanzig Küssen gesagt? Wahrscheinlich, dass sie es in ihrem Alter eigentlich besser wissen müsste. Ella kroch noch tiefer unter die Decke.

Wenig später hörte sie Olgas Schritte auf der Treppe. Sie brachte die Suppe auf einem Tablett. »Wenn du aufgegessen hast und dich besser fühlst, kommst du runter und trinkst ein Bier.« Sie zog die Bettdecke glatt. »Dann schläfst du nachher gut. Schlaf ist die beste Medizin. Ich warte unten auf dich.«

Olgas mütterliche Art war ein Trost und der Zahn eine gute Ausrede, in ihrem Zimmer bleiben zu können. Es gab Tage, da hatte Ella tatsächlich Zahnschmerzen. Erst in der vergangenen Woche hatte man ihr das Essen deswegen ans Bett bringen müssen. Auch diesmal würde man ihr glauben. Sie konnte nicht nach unten gehen. Wie sollte sie das Geschwätz der anderen Schüler ertragen und sich dabei immer wieder fragen, ob Professor K zum Essen erscheinen und seine Ehefrau mitbringen würde. Ella stöhnte. Er war verheiratet. War die ganze Zeit verheiratet gewesen.

Eine klügere Frau als sie wäre vorsichtiger gewesen. Aber sie war eben einfältig. Obwohl sie beileibe kein Kind mehr war, nur unerfahrener als andere Frauen. Dabei hatte Emmy doch schon vor Jahren mit ihr gesprochen, von Schwester zu Schwester, und ihr geraten, auf der Hut zu sein, weil Männer vielleicht etwas wollten. Was, hatte sie für sich behalten. Wollten sie das, was ein verheirateter Mann erwarten durfte? Und was wusste Emmy überhaupt von solchen Dingen, hatte Ella sich damals gefragt, zu der Zeit war ihre Schwester noch unverheiratet und lebte in ihrem Elternhaus.

Ella wischte sich die Augen und setzte sich auf. In Wahrheit hatte es ihr geschmeichelt, dass eine graue Maus wie sie die Aufmerksamkeit des berühmten Wassily Kandinsky erregt hatte. Die »unscheinbare kleine Ella«, so hatte man sie früher genannt. Doch er hatte in ihr etwas Schönes entdeckt. Das hatte er jedenfalls behauptet, dass in ihrer Seele etwas sei, das sie auszeichne. Das Gleiche galt für ihn. Tiefsinnig war er und durchgeistigt, ganz anders als die farblosen Lehrer an den Damen-Akademien, die sie vorher besucht hatte, auch als die stumpfsinnigen, aufdringlichen Jungen früher in der Schule. Professor K war gereift, würdevoll, intelligent, sogar brillant, ein Mann, der über ihr scheues Lächeln hinausgesehen hatte. Wer hätte sich da nicht geschmeichelt gefühlt? Konnte man ihr einen Vorwurf machen? Sie war die Schülerin, die er bevorzugt hatte.

Vielleicht traf das, was man ihr vorhin im Speiseraum gesagt hatte, ja auch gar nicht zu. Ihre Mitschüler waren junge Männer, die sich einen Spaß daraus machten, andere zu necken, und die sich mit allem möglichen Wissen brüsteten. Ständig taten sie das. Vielleicht hatten sie sich geirrt. Es wäre nicht das erste Mal.

Nach einer Weile stand Ella auf und aß ihre Suppe. Mit dem Wasser aus dem Krug feuchtete sie einen Waschlappen an und kühlte ihr Gesicht. Sie kämmte sich, strich ihre Bluse glatt und rückte den breiten Gürtel um ihre schmale Taille zurecht. Auf geht’s, sagte sie sich. Es gab Menschen, die vor der Wahrheit zurückschreckten, doch zu denen gehörte sie nicht. »Schau den Tatsachen ins Auge«, hatte ihr Vater immer gesagt. Sie würde sich zwingen, nach unten zu gehen und sich Gewissheit zu verschaffen. Falls es eine Ehefrau gäbe, wüsste sie wenigstens Bescheid, und der Fall wäre erledigt.

Auf der Treppe war ihr jedoch, als würden die schmalen Stufen sie nicht tragen, als wären sie aus Luft wie die Wolken zwischen den Bergen, und die Beine unter ihrem langen Rock waren ganz weich. Das Stabilste war noch das Tablett in ihren Händen. Sie stemmte es auf eine Hüfte, um sich Halt zu geben.

In diesen ersten Sommertagen war das Licht draußen bis nach neun Uhr abends taubenblau, doch die Abende selbst waren frisch. Mit dem Rücken zum Kaminfeuer saßen Olga und die anderen Schüler in einem Halbkreis um Professor K.Er belegte den größten Sessel, die Füße zum Feuer hin gestreckt. Eine kleine blonde Frau hockte auf einem niedrigen Schemel an seiner Seite und hatte die Arme um ihre Knie geschlungen.

Als Professor K Ella erblickte, erhob er sich und deutete eine Verneigung an. »Ah«, sagte er. »Da kommt ja auch die Dame, die noch gefehlt hat. Fräulein Münter, bitte gestatten Sie, dass ich Sie mit Fräulein Anna Tschimiakin aus Moskau bekannt mache.« Die kleine Frau stand auf und hielt Ella die Hand hin.

Ella deutete auf ihren Mund. »Ich bitte um Verzeihung. Ich habe Zahnschmerzen.«

»Setzen Sie sich doch zu uns.« Professor K zeigte auf eine Bank. »Wir haben uns gerade über finnische Folklore unterhalten.«

Ella ließ sich neben der fülligen Olga nieder und wunderte sich.

Fräulein Tschimiakin? Die Frau auf dem Schemel war, ebenso wie sie, ein Fräulein? Nicht Frau Kandinsky? Ihre Mitschüler hatten sich also doch geirrt. Ella faltete die Hände auf dem Schoß.

»Wir haben über den Wert der Volkskunst debattiert.« Professor K lehnte sich zurück. »Ich hatte über das Kalevala gesprochen. Das ist ein Epos, das Elias Lönnrot, ein finnischer Gelehrter, zusammengetragen hat. Der beste Weg, sich dem Kalevala zu nähern, führt allerdings über die Vertonung. Es ist ein Wechselgesang, der klingt, als würden Engel sich duellieren.«

Sein Blick wanderte zu Ella. Sie wagte kaum zu atmen und schaute zu Boden. Er überkreuzte die Füße in den Halbstiefeln.

»Aber zurück zu unserem Ausgangspunkt. Natürlich drückt ein Epos wie das Kalevala den Geist eines ganzen Volkes aus. Aber wahre Kunst darf weder nationalistisch noch politisch sein. Sie muss der Seele des Künstlers entspringen.«

Die Schüler, die dem Kaminfeuer am nächsten saßen und die Flammen mit Strohhalmen gefüttert hatten, ließen davon ab und wandten sich ihrem Lehrer mit ernsten, aufmerksamen Mienen zu.

»Ich werde Ihnen etwas erzählen«, fuhr Professor K fort und berichtete, dass er in Wologda studiert hatte, als er das Kalevala las, in einem Ort, noch über dem nördlichen Polarkreis. An einem bitterkalten Abend hatte er dieses Epos in seinem Zimmer gelesen, und da hatte sich für ihn eine Wahrheit herauskristallisiert: Kunst bedeute Ausdruck, nicht Nachahmung.

»Wir Künstler können – wir müssen – über das, was wir als Gegenstand sehen, hinausgehen. Wir müssen grundlegende Gedanken ausdrücken, reine Gedanken.« Seine Augen hinter den runden Brillengläsern funkelten. »Wahre Kunst muss wie Musik sein. Das bedeutet, sie muss abstrakt sein.«

»Einen Moment«, sagte Palme. »Schuberts Schöne Müllerin ist nicht abstrakt.«

»Ich spreche nicht von den Liebesliedern und Balladen, die wir singen. Sie haben ihren eigenen Zweck.«

Mühlenkamp gluckste und senkte den Blick.

»Ich liebe die Schubertlieder ebenso wie Sie«, sprach Professor K weiter. »Aber stellen Sie sich ein Streichquartett als intimes Gespräch von vier engen Freunden vor – ein Streichquartett von Beethoven beispielsweise. Überlegen Sie, ob nicht die Sätze, die Phrasierung und der Klang etwas von ihrer Seele ausdrücken.« Er hob die zusammengelegten Hände und öffnete sie, als wolle er seine Gedanken freilassen. »Eine Erzählung kann das nicht. Auch nicht die simple Wiedergabe eines Gegenstands.« Sein Blick glitt von einem Zuhörer zum anderen. »In der Malerei erzählen wir keine Geschichten. Die Zukunft der Kunst bedeutet nicht, die Natur zu kopieren. Nein, meine Freunde, die Kunst wird zu visueller Musik werden, abstrakt und expressiv.«

Ella warf einen Blick auf Olga, die wie sie selbst aufgeregt die Hände gefaltet und ein Stückchen ihres Rocks gerafft hatte. Ella stieß sie unauffällig an. Später, in ihrem Zimmer, würde sie Olga fragen, was sie von Professor K und seinen neuen Ideen hielt. Es war nicht anzunehmen, dass Olga ihnen folgen würde.

»Professor K«, sagte Schneider. »Das verstehe ich nicht. Soll das bedeuten, dass wir weder Früchte noch Sonnenuntergänge malen sollen?«

»Ich bewundere Ihre Logik«, antwortete Professor K. »Eines Tages wird die Antwort ja lauten.« Er machte eine lange Pause, ließ die Stille im Raum wachsen. »Die Kunst wird nur noch Geist sein. Sie wird nichts mehr erzählen, wir werden keine Bilder mehr malen.«

Schneider sah zu Boden. Andere hüstelten. Olga schluckte hörbar. Das, was Professor K verkündet hatte, war ungeheuerlich. Keine Bilder mehr malen? Selbst Olga hatte die Tragweite seiner Aussage erfasst.

Professor K lächelte Anna Tschimiakin an, als sie zu ihm hochschaute. Er ließ seinen Blick über die Gruppe wandern. Sokrates und die Athener, dachte Ella.

»Ja, meine jungen Freunde, Blumen und Früchte müssen wir hinter uns lassen. Der reine Ausdruck, nicht die Wiedergabe von Objekten, das ist Kunst.« Er lehnte sich zurück und wartete, dass sich seine Worte setzten.

»Aber«, begann Mühlenkamp, der älteste unter den Schülern. »Warum lernen wir in Kochel dann noch nach der Natur zu malen? Wenn wir Bergblumen, Hügel und Seen nicht mehr malen sollen, hätten wir doch auch in München bleiben können.«

»Da ist es jetzt zu warm«, sagte Palme und lachte. »Ich bin lieber hier bei unserem Herrn Professor in der kühlen Bergluft. Und ich verspreche, den ganzen Sommer nicht einen einzigen Apfel zu malen.«

»Ach, Carl«, entgegnete Mühlenkamp. »Es geht doch auch um die Symbolik dieser Motive.« Er wandte sich wieder an Professor K. »Was sollen wir als Thema wählen, wenn wir die Dinge, die wir interpretieren, vergessen sollen? Wenn wir zusammen malen, fordern Sie uns auf zu sehen. Aber was sollen wir sehen?«

»Meine Herren«, begann Professor K. »Und natürlich auch, meine Damen. Sie sollen die Essenz eines Objekts erkennen, es mit der Kraft Ihres Geistes durchdringen, ihm etwas von Ihrer Seele schenken.« Er holte eine zierliche Pfeife aus der Jackentasche. »Ebenso wie die meisten von Ihnen habe ich als Junge Szenen aus Volksmärchen gemalt. Meine Großmutter hat sie mir vorgelesen, sowohl deutsche als auch russische. Diese Märchen liebe ich noch heute, wie könnte es auch anders sein.« Er räusperte sich, beugte sich vor und gestikulierte mit der kalten Pfeife. »Das, was wir malen, ist unwichtig.« Diese Aussage war eine solche Provokation, dass es allen die Sprache verschlug. Professor K nutzte die Stille, um seine Pfeife geruhsam mit dem Tabak aus einem kleinen Lederbeutel zu stopfen und seine Schüler noch ein wenig hinzuhalten.

Ella atmete das würzige Tabakaroma ein und dachte daran, wie seine Haut roch, wie sein Bart sich auf ihrer Haut anfühlte. Wie sein Mund schmeckte.

»Die Frage ist, warum wir malen. Nicht, was. Warum.« Er wühlte in seinen Jackentaschen. »Hat jemand ein Streichholz für mich?«

Mühlenkamp war sofort mit einem brennenden Streichholz zur Stelle. Professor K schützte die Flamme mit der Hand, sog mehrmals kurz an der Pfeife, inhalierte tief und stieß eine lange Rauchwolke aus.

»Wir malen, um das auszudrücken, was wir sind – Wesen voller Gefühle, geistige Wesen.« Seine Stimme bekam etwas Prophetisches. »Gestern haben wir das gemalt, was wir als Kinder gesehen haben. Morgen werden wir das malen, was sich in unserer Seele verbirgt.«

Ella lauschte hingebungsvoll. In der Kammer, die sie in München bewohnte, hatte sie stundenlang auf dem Eisenbett gelegen und die Zimmerdecke studiert. In den dünnen Rissen und Unebenheiten des Gipses hatte sie Formen und Gesichter entdeckt und gespürt, wie ihre Seele aufstieg, um ihnen Leben einzuhauchen. Die Anziehungskraft von Professor K war nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger Natur. Er wusste seine Gedanken in Worte zu kleiden – in Worte, die ihr fehlten.

»Olga«, flüsterte sie eine Weile später. »Wann, meinst du, kommt das Bier?«

»Ah«, sagte Professor K. »Unsere junge Kranke möchte etwas trinken. Palme, bitte laufen Sie zu Frau Puntel in die Küche und bringen Sie uns das Bier in dem großen blauen Krug. Und ein paar Salzbrezeln.«

Während des Redens hatte er sie also doch nicht aus den Augen verloren.

Als jeder ein Bier getrunken hatte, ergriff Professor K wieder das Wort.

»Bevor wir uns heute schlafen legen, machen wir ein Spiel, an dem bitte jeder von Ihnen teilnimmt.« Er schaute Ella direkt an. »Dieses Spiel wird uns helfen, ohne unsere Augen zu sehen.«

Die Schüler tauschten unsichere Blicke.

»Sie erinnern sich doch alle noch an die Geschichte von Hänsel und Gretel.«

Alle nickten.

»Als Sie heute Nachmittag fleißig bei der Arbeit waren, habe ich den Hänsel gespielt und einen Weg mit Steinen markiert. Es sind große helle Steine, sichtbarer als Brotkrumen.«

Palme und Mühlenkamp lachten gezwungen.

»Ich möchte, dass Sie diese Steine im Mondlicht suchen und ihnen folgen. Benutzen Sie all Ihre Sinne zur Orientierung, nicht nur Ihre Augen.«

»Allein, Professor K?«, fragte Olga nervös. »Sollen wir allein durch die Dunkelheit laufen?«

»Ich bitte Sie, Fräulein Stanukowitsch, ich würde Sie doch niemals einer solchen Gefahr aussetzen. Jeder von Ihnen wird einen Begleiter haben.« Professor K legte mehrere Zettel auf den Tisch an seiner Seite. »Bevor Sie losziehen, erhalten Sie die Namen Ihrer Partner.« Er rieb sich die Hände. Dann hob er den Zeigefinger. »Es gibt bloß eine Regel, und die lautet, dass Sie die Steine schweigend suchen. Lassen Sie nur Ihre Sinne sprechen und hören Sie ihnen zu. Lauschen Sie dem Wind. Fühlen Sie die Bergluft. Öffnen Sie sich den Schönheiten der Nacht, überlassen Sie Ihre Seele ihren Geheimnissen. Werden Sie eins mit der Nacht. Also los.«

Alle flatterten aufgeregt umher, streiften Jacken über, suchten Umhänge. Ella wurde von ihrem Eifer angesteckt und lief hinauf in ihr Zimmer, um ihre warme Stola zu holen. Vielleicht wäre er ihr Partner, und sie konnten eine Zeitlang allein sein. Dann musste er ihr sagen, was er für sie empfand und was es mit dieser neu angekommenen Frau auf sich hatte. Sie hoffte doch zumindest auf einen besonderen Platz in seinem Herzen – aber wenn nicht, wollte sie sich der Wahrheit stellen, auch wenn sie schmerzhaft war.

Ihr Vater war immer couragiert gewesen, eine Abenteurernatur. Wie oft hatte er seine Kinder aufgefordert: »Greift die Gelegenheit beim Schopf, die Welt ist voller Möglichkeiten.« Dieses Motto hatte sich ihnen eingeprägt. Wenn in der Schule etwas vorgefallen war, sangen Ellas Geschwister die Worte, bis das, was man ihnen angetan oder was sie falsch gemacht hatten, unwichtig wurde. Zum Schluss sprangen sie umher und zerstampften den Rest des Kummers mit ihren Füßen. Ella hatte an dem Spektakel nie teilgenommen. Aber im Stillen war auch sie mutig gewesen und hatte sich den Platz vorgestellt, den sie in dieser Welt voller Möglichkeiten erobern wollte.

Sie hüllte sich in ihre Stola. »Na los«, flüsterte sie auf dem Weg nach unten. »Gekniffen wird nicht.«

Ihre Mitschüler hatten sich schon versammelt und nahmen die Namen ihrer Partner von Professor K entgegen.

»Fräulein Stanukowitsch«, sagte Doncker. »Wir werden den Gefahren der Nacht gemeinsam trotzen.«

Olga zog verlegen die Schultern hoch und kicherte.

Wüst und Brumder waren ebenfalls ein Paar. Palme gesellte sich zu Kleuver, Schneider trat zu Mühlenkamp.

Ella stand allein da. Professor K hatte die Brauen zusammengezogen und sprach erregt auf Anna Tschimiakin ein. Er hatte die Stimme gesenkt, doch Ella hörte die Schärfe heraus.

»Ich bin überhaupt nicht müde, Wassily Wassiljewitsch«, entgegnete Fräulein Tschimiakin und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich möchte mit der Gruppe gehen. Die junge Dame da wird mich begleiten.« Sie deutete auf Ella. »Du kannst hier warten, bis wir alle wieder zurück sind. Au revoir.« Sie wandte sich ab und nahm Ellas Arm.

Kurz darauf spazierte Ella mit der Frau in die Nacht, von der es hieß, dass sie die Ehefrau ihres Liebsten war.

Gleich hinter dem Gasthof stiegen die Wiesen zu einem Wald an, in dem ein Bergsee versteckt lag. Für eine kleine Weile war Professor K noch im Türrahmen zu sehen, beschienen vom Licht der Gaststube. Dann schloss er die Tür. Nun spendete nur der helle Vollmond noch Licht, doch immer wieder zogen schwere Wolken über ihn hinweg. Er erinnerte Ella an eine Frau, die hier und da den Kopf senkte, um in ein Taschentuch zu weinen. Solange der Mond klar war, erkannte man den Weg und die Bäume, dann wieder versank alles in schwarzer Nacht, und man konnte die Hand nicht mehr vor Augen sehen. Ella machte kleine, vorsichtige Schritte und wartete darauf, dass ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Eine Zeitlang richtete sie sich nach dem Geräusch der Schritte der anderen vor ihr, doch sie verstummten nach und nach.

Wie sonderbar die Dinge sich entwickeln können, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht wusste diese Anna Tschimiakin von den Küssen und hatte sich vorgenommen, sich an Ella zu rächen, sie in die Nacht hinauszulocken und irgendwo stehenzulassen. Oder ihr sonst etwas anzutun. Aber Ella mochte zart gebaut sein, doch ängstlich war sie nicht. Wenn die Kinder früher abends auf dem zugefrorenen Teich »Fang den Schlangenschwanz« spielten, war sie so schnell wie der »Schlangenkopf« Schlittschuh gelaufen. Zwar hatte sie das Spiel nicht mitgemacht, aber wie war sie über das Eis geflitzt, ein winziger Satellit in seiner eigenen Umlaufbahn. Schneller, befahl sie sich dann, weiter, weiter. Und war sie nicht im Alter von zwanzig Jahren mit dem Schiff nach Amerika gefahren, nur von ihrer Schwester begleitet? In Texas hatte sie mit ihrem Bruder Carl und seiner amerikanischen Frau Mary an einem Viehtrieb teilgenommen. Auf Pferden waren sie durch die Weite der texanischen Landschaft galoppiert und hatten gelacht, als sie riesige Staubwolken aufwirbelten, die sich auf ihre Haare und ihre Kleidung setzten. Dieser nächtliche Ausflug war nichts dagegen.

Sie waren ein Stück weit vom Gasthaus entfernt, als Anna Ellas Arm fasste. »So ein Nachtspaziergang ist doch unheimlich, finden Sie nicht? Ich hatte keine Ahnung, dass es so dunkel sein würde.«

Ella legte einen Finger auf die Lippen.

»Ja, ich weiß, wir dürfen nicht sprechen, aber stellen Sie sich vor, es käme jemand.« Anna schauderte. »Zu Hause gehe ich in der Dunkelheit nie spazieren.«

Durch den dünnen Stoff ihres Blusenärmels spürte Ella, wie der Griff um ihren Arm fester wurde. Es war ihr unangenehm, aber sie ließ es geschehen. »Ich kann die Steine sehen«, sagte sie leise.

Eine Zeitlang konnte Ella die Steine von Professor K tatsächlich erkennen. Anfangs hatte er die Abstände zwischen ihnen gering gehalten. Doch als sie sich dem Wald näherten, konnte Ella kaum noch einen Weg ausmachen, geschweige denn Steine darauf. Etwas, das wie ein heller Stein gewirkt hatte, stellte sich als Fleckchen nackte Erde heraus. Ein andermal war es ein Stückchen ausgebleichte Borke.

»Fräulein Münter, können Sie die anderen Schüler hören?«

Ella zuckte mit den Schultern. Auch durch die Sohlen ihrer Stiefeletten konnte sie keinen Stein ertasten. Ihr Weg führte weiter in die Höhe, und sie stolperten immer wieder über Wurzeln. Anna verlor den Halt und stürzte, beinahe hätte sie Ella mit sich gerissen. Diese Frau war nichts als lästig.

»Es tut mir leid, Fräulein Münter, bitte verzeihen Sie mir. Ich sehe wirklich nichts.« Unbeholfen hatte sie sich hingesetzt und hielt ihren Fußknöchel.

Offenbar verlangte das Spiel von Professor K robustere Naturen als dieses Püppchen. Ella half ihr hoch. »Wir müssen langsam gehen, dann kann uns nichts passieren.« Sie waren jetzt im Wald. Es wurde noch dunkler, nur hier und da blitzte der Mond über den Wipfeln der Bäume auf. Ein Weg war nun gar nicht mehr zu erkennen.

»Ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht«, sagte Anna. »Ich muss mich wieder setzen.« Sie rieb an ihrem Stiefel. »Dieses Spiel war keine gute Idee. Wassily Wassiljewitsch hätte uns begleiten müssen.«

So weit oberhalb des Gasthauses kannte Ella sich nicht aus, und in der undurchdringlichen Schwärze war auch nichts erkennbar, woran sie sich hätte orientieren können, keine Formen, nicht einmal Laute waren zu vernehmen. Doch die Luft war schwer und feucht, als wären sie nicht weit von dem Bergsee entfernt oder vielleicht schon an seinem Ufer. Wenn sie ins Wasser fielen, würden sich ihre Röcke vollsaugen, und sie wären verloren. Sie könnten auch auf der kleinen Landzunge sein, dann würde bereits der nächste Schritt ihr Unglück bedeuten. Aber stehen bleiben konnten sie auch nicht. Ella setzte einen Fuß vor den anderen.

»Der Pfad ist ziemlich schmal«, sagte sie. »Wir müssen hintereinander gehen. Legen Sie die Hände an meine Taille, und halten Sie sich an mir fest.«

Einige Minuten lang tappten sie im Tandem weiter. Das Spiel war ihr verdorben worden, dachte Ella verärgert. Sie hatte das tun wollen, was Professor K ihnen aufgetragen hatte, den Weg ohne Augen zu sehen, nur wie sollte das mit dieser hilflosen Person im Schlepptau gelingen? Aber würde sie hier in Kochel überhaupt noch an etwas Freude haben, wenn sie nicht wusste, welche Rolle diese Frau spielte? Die Ungewissheit war ihr unerträglich.

»Fräulein Tschimiakin«, begann sie, »kennen Sie Professor K schon lange?«

»Professor K?« Anna kicherte und ließ sich ziehen. »Ich kenne Wassily Wassiljewitsch, seit wir Kinder waren. Er ist mein Cousin. Wir sind zusammen zur Universität gegangen.« Ihr Tonfall wurde klagend. »Können wir uns bitte ausruhen. Mein Knöchel wird dick.« Sie bückte sich und stöhnte, während sie ihren Stiefel aufschnürte.

Ein Cousin also. Aber warum beruhigte diese Nachricht sie nicht? Vielleicht weil diese Frau Professor K vorhin nicht wie eine Cousine angeschaut hatte. Sie hatten auch nicht wie Cousin und Cousine gestritten. Ella runzelte die Stirn.

»Kommen Sie.« Wieder half sie ihrer Partnerin auf. Sie liefen weiter, um sie herum eine Schwärze, die Ella nur von Winternächten kannte. Sie waren noch immer im Wald, allein das war gewiss. Mit ausgestreckten Armen bewegte sie sich voran, aus Furcht, ein Zweig könnte ihr ins Auge stechen oder ein Ast ihre Wange aufschürfen. Dann wieder sorgte sie sich, sie könnte auf dem unebenen Boden stolpern, und griff haltsuchend nach Zweigen. Das Schlimmste war jedoch, nicht zu wissen, wo im Wald sie war und wohin sie ging. Ella hielt für Anna einen Ast hoch. Nach einer Weile spürte sie, dass der weiche Moderboden unter ihren Füßen wieder fester wurde und sich trocken anfühlte. »Aufgepasst«, sagte sie. »Hier ist eine Wurzel.« Sie prüfte den Boden mit der Fußspitze. »Fallen Sie nicht wieder.« Und weiter ging es, jeder Schritt ein Wagnis. Dann endlich schien der Wald sich zu lichten. Die Frauen setzten sich auf eine grasbewachsene Erhebung und warteten, dass sich ihr Herzschlag beruhigte.

»Ich kann nicht mehr«, sagte Anna. »Es tut zu sehr weh.« Sie zog ihren Stiefel aus und massierte ihren Knöchel.

»Soll ich allein weitergehen und Hilfe holen?«

»O ja. Entschuldigen Sie, dass ich Sie darum bitten muss.« Anna wimmerte. »Oder nein, lieber nicht. Ich kann hier nicht allein sitzen bleiben. O Gott, was sollen wir nur tun?«

Ella legte ihre Stola um die zitternde Frau und versuchte, die Nacht mit dem Blick zu durchdringen. Möglicherweise blieb ihr nichts anderes, als sich allein auf den Weg zu machen. Die Frage war nur, auf welchen Weg? Doch noch während sie in die Finsternis spähte, riss der Wind die Wolken auf. Im Mondlicht entdeckte Ella nicht allzu weit unter ihnen eine Baumgruppe, die sie gut kannte. Es waren die Buchen am Hang über dem Gasthaus, in deren Schutz sie Professor K am Vorabend geküsst hatte.

»Ich weiß, wo wir sind«, sagte sie. »Wir sind im Kreis gelaufen.« Sie griff nach Annas Hand. »Kommen Sie, ich stütze Sie.« Sie legte Annas Arm um ihre Schultern und zog die Frau an sich. So stiegen sie zu den Buchen hinab.

Der Wind wurde stärker, dichte Wolken jagten über den Mond hinweg. In den kurzen Momenten, in denen er sich unverhüllt zeigte, erkannten die Frauen Bäume und Sträucher. Sobald er wieder verdeckt wurde, waren sie wie Blinde. Doch Ella setzte einen behutsamen Schritt vor den anderen. Ihre Augen schmerzten schon vom Starren in die Dunkelheit, aber nun wusste sie wenigstens, in welche Richtung sie laufen musste. Wenig später entdeckte sie weiter unten etwas Schimmerndes.

Gleich darauf stieg ihnen ein Duft entgegen, leicht und blumig, als näherte sich eine schöne Frau, deren Parfum bereits ihre Reize ankündigte. Man sah eine bleiche Fläche und kleine weiße Formen. Es war der Mondgarten ihrer Gastwirtin, eine Reihe großer weiß blühender Beete, die dazu dienten, Wanderern nachts den Weg zum Gasthof zu weisen. Ella und Anna bewegten sich darauf zu. Kurz darauf passierten sie ein Beet kugeliger Hortensien und aufgeblühter Pfingstrosen, die im Mondlicht wie Lämpchen glühten. Weiße Rosen, Lilien und Phlox wuchsen kniehoch, schneeige Büschel Geranien, Gänseblümchen und Springkraut wucherten unter einem Horst schmalblättriger Lanzenfunkien hervor.

Auf der anderen Seite des Mondgartens standen Professor K und die anderen Schüler und sahen ihnen entgegen.

»Wassily Wassiljewitsch«, rief Anna.

Professor K lief zu Ella.

»Gott sei Dank«, sagte er.

Er drehte sich zu Anna um, legte einen Arm um ihre Schultern, tröstete und stützte sie.

»Für einen Spaziergang war es tatsächlich sehr dunkel.« Palme schob die Hände in seine Jackentaschen. »Die beiden Damen hätten nicht allein gehen dürfen.«

»Warum ist überhaupt einer von uns durch die Nacht getrabt?«, murmelte Mühlenkamp.

»Ich fand es wunderbar.« Doncker rückte dichter an Olga heran.

»O ja«, bestätigte Olga. »Zuerst hatte ich Angst, aber Herr Doncker war fabelhaft. Wir sind wirklich ohne Augen gelaufen.«

Doncker berührte ihre Hand.

»Ich glaube, jeder von uns hat etwas gelernt.« Wüst rieb sich die Arme warm.

Professor K war schon an der Hintertür. Er drehte sich um. »Dann war das Spiel ja ein Erfolg.«

In dieser Nacht schlief Ella unruhig, immer wieder zuckten ihre Beine. In ihren Träumen griff sie blind in die Dunkelheit und suchte auf einem Boden Halt, der sie nicht tragen wollte.

Am nächsten Morgen stellte Ella ihre Staffelei unten am Kochelsee auf. Sie wollte, dass der am Ufer blühende Ackersenf den Vordergrund ihres Gemäldes bildete. Dahinter sollte sich das glitzernde Wasser erstrecken. Aber irgendetwas stimmte nicht. Am Vortag hatte die Natur ihren Geist und ihre Seele beim Malen inspiriert, an diesem Morgen jedoch war in ihrem Inneren alles bleiern und stumpf.

Vielleicht lag es an dem grässlichen Nachtspaziergang. Oder daran, dass sie immer noch nicht wusste, was es mit Fräulein Tschimiakin auf sich hatte. Seit ihrer Ankunft verhielt Professor K sich anders als sonst. Das war nicht mehr der Mann, der mit Ella spazieren gegangen war, sich mit ihr unterhalten, sie berührt und geküsst hatte. Wahrscheinlich war Anna doch mehr als eine Cousine, schließlich konnte man auch eine Cousine heiraten. Ein Onkel ihrer Mutter hatte das getan. Wie tapfer sie sich gefühlt hatte, als sie am Vorabend den Weg von ihrem Zimmer nach unten gefunden hatte. Doch der Abend hatte an ihren Nerven gezehrt, die Nachtwanderung sie zermürbt. Als sie sich schlafen legte, war sie tiefunglücklich gewesen.

Sehr viel besser ging es ihr auch an diesem Morgen nicht. Wie sollte sie sich da auf ihre Malerei konzentrieren können? Aber die Sonne ließ den See so schön funkeln, und die kleinen gelben Senfblüten entlang des Ufers bildeten einen wundervoll leuchtenden Kontrast – nein, sie durfte diesen Tag nicht vergeuden. Sie packte ihren Rucksack aus und straffte ihre Schultern. Es würde ihr gelingen, die trübseligen Gedanken abzuschütteln und nur in Farben zu denken, die harmonische Kombination zweier Farben zu finden – Gelb und Grün, Blau und Rot. Jawohl, sie würde sich in ihre Arbeit versenken. Zu malen war heilend.

Ella beschloss, dass der Ackersenf und der See das Bild farblich dominieren würden. Die grünen überhängenden Zweige der Bäume und das Rot-Violett der Anemonen könnten den Blick des Betrachters führen. Es dauerte nicht lange, da war sie in ihre Arbeit vertieft. Mal mischte sie auf ihrer Palette Farben aus zwei oder drei Tuben, mal trug sie nur etwas aus einer auf. Sie wollte klare Linien und einfache Formen, sie sollten die Kraft und Reinheit der Landschaft wiedergeben, die Farben so leuchtend, dass es dem Betrachter den Atem verschlug. Sie arbeitete konzentriert. Die Erinnerung an den Nachtspaziergang verblasste, auch an die Frau, die sich an sie geklammert hatte und die sie nicht gemocht, aber auch nicht hatte im Stich lassen können. Sogar die Erinnerung an Professor Ks distanziertes Verhalten wurde schwächer. Ella wurde ruhiger, die Enge in ihrer Brust löste sich.

Gegen Mittag suchte sie sich einen Platz unter den Lärchen am Ufer und nahm den Imbiss zu sich, den die Wirtin für sie eingepackt hatte: eine dicke zusammengeklappte Scheibe Schwarzbrot, mit Senf bestrichen und würzigem Käse belegt. Zum Nachtisch gab es zwei reife Pfirsiche und einen Riegel Bitterschokolade. Ella trank aus der Feldflasche, die sie am Brunnen des Gasthofs gefüllt hatte. Um sie herum war es still, nur hier und da hörte man den See gegen das Ufer schwappen. Die warme Sommerluft strich über ihre Haut, der Harzgeruch der Bäume stieg ihr in die Nase, und ihre Lider wurden schwer. Sie legte sich in das warme Gras zurück, drehte sich auf die Seite und schob ihren Rucksack als Kopfkissen unter ihre Wange. Kurz darauf war sie in ihrem kleinen Nest eingeschlafen. Sie träumte, dass die Sonne auf ihren Rücken brannte und sich wie eine Decke um sie schmiegte. Sie wollte die Decke abschütteln, doch es war keine Decke, sondern ein Mann, der hinter ihr lag und einen Arm um sie geschlungen hatte, eine Hand dicht an ihrer Brust.

»Liebe Freundin«, flüsterte er. »Nicht aufwachen.«

Ella spürte das Gewicht seines Arms und wie sich sein Körper an sie drängte. Entsetzt sprang sie auf, bürstete die Gräser von ihrem Rock und versuchte, sich wieder zu fassen.

Als wäre nichts gewesen, legte Professor K sich auf den Rücken und verschränkte die Hände unter dem Kopf. »Dieser Bergsommer besitzt die Schönheit einer russischen Ikone«, sagte er. »Alles ist golden oder kobaltblau. Empfinden Sie das auch so, Fräulein Münter?« Er inhalierte tief, als wolle er die Luft der gesamten Berglandschaft in sich aufnehmen. »Sind Sie mit der Arbeit gut vorangekommen?« Geschmeidig wie eine Katze stand er auf und trat an die Staffelei, die Ella zum Schutz vor der Sonne unter einen Baum gestellt hatte.

»Die Farben haben Sie großartig gemischt«, sagte er. »Was für ein schönes Gelb. Das sind die Senfblumen dort, nicht wahr? Die kleinen gespachtelten Stellen sind auch recht gut geworden.« Seine Stimme war gleichzeitig volltönend und samtweich. »Man könnte meinen, die Blüten bewegten sich im Wind. Und der See erst, das ist ein wundervolles Blau. Ich glaube beinahe, es ist Ihnen gelungen, die Essenz des Sees einzufangen.«

Ella wagte sich einen Schritt vor, doch ihre Nerven flatterten noch immer. Er war so plötzlich da gewesen, hatte sich einfach zu ihr gelegt. Wie sollte sie das mit seinem kühlen Verhalten am Vorabend in Einklang bringen, wie mit dem Erscheinen Anna Tschimiakins? Und warum sprach er mit ihr wieder wie ein Lehrer? Inzwischen bedeutete sie ihm doch hoffentlich mehr. Sie wusste nicht, wie sie seine Worte verstehen und was sie darauf antworten sollte, ihr war ja nicht einmal klar, was sie von ihm noch erwarten konnte.

»Sie sind eine wahre Künstlerin«, fuhr er fort. »Ich schätze Sie sehr. Sie sind noch so jung, und trotzdem kann ich Ihnen nichts beibringen. Alles, was ich für Sie tun kann, ist, Ihr Talent zu hüten, nichts Falsches dazukommen zu lassen. Ihr eigener Geist wird Sie führen.« Er nahm ihren Spachtel und wischte die Farbreste mit den Fingern ab. Dann bückte er sich, rieb seine Finger an ihrem im Gras liegenden Kittel sauber und legte den Spachtel darauf. Er trat zu Ella und sah sie eindringlich an. »Aber das ist nicht alles. In Ihrer Seele leuchtet ein Licht, das mich blendet. Bitte glauben Sie mir, wenn ich sage, dass ich unsere gemeinsame Zeit und die Gespräche, die wir über die Freiheit der Seele geführt haben, aus tiefstem Herzen schätzte. Die Regeln der Welt haben über uns Künstler keine Macht. Ich bin sicher, dass Sie das verstehen. Sie und ich, wir sind –«

»Ist Anna Tschimiakin Ihre Ehefrau oder Ihre Cousine?«, fiel Ella ihm ins Wort.

Seine Kinnlade versteifte sich, und an seiner Schläfe begann eine Ader zu pochen. Er kehrte zu dem Bild auf der Staffelei zurück, nahm eine Farbtube auf, legte sie wieder hin, tat das Gleiche mit den nächsten. »Was ist das für ein scheußliches Grün auf Ihrem Gemälde?« Er fegte die Tuben von der Ablage ins Gras. »Benutzen Sie diese Farbe nie wieder!«

Ella wich zurück, als hätte sie eine Ohrfeige bekommen.

»Anna Tschimiakin ist meine Cousine.« Er klang sachlich, war wieder ruhig. »Ich kenne sie seit Kindertagen. Sie war mit mir auf der Universität, und dann sind wir Freunde geworden.« Er senkte den Kopf. »Ja, sie ist auch meine Ehefrau.«

Ella lehnte sich an einen Baum und zwang sich, Haltung zu bewahren.

Für einen Moment barg er sein Gesicht in den Händen. »Anna entstammt der Adelsfamilie, zu der auch meine Urgroßmutter gehörte. Meinen Nachnamen anzunehmen, wäre für sie herabwürdigend gewesen. Sie hat ihren Mädchennamen behalten, so macht man das in Russland in solchen Fällen. Das konnten Sie natürlich nicht wissen.« Er trat einen Schritt auf Ella zu, doch dann verharrte er. »Ich habe Ihre Jugend ausgenutzt, und das war falsch. Es war auch falsch, meine Frau zu betrügen. Trotzdem bedaure ich unsere gemeinsame Zeit nicht. Ihre Freundschaft hat mich glücklich gemacht, und ich empfinde große Zuneigung zu Ihnen. Natürlich habe ich nicht das Recht, das Gleiche auch von Ihnen zu erwarten.«

»Weiß Ihre Frau das?«

»Nein, sie weiß nichts von unserer besonderen Beziehung. Während des Nachtspaziergangs waren Sie übrigens sehr fürsorglich, und dafür ist sie Ihnen dankbar. Ebenso wie ich.« Nun machte er doch einen Schritt auf sie zu. »Ich dachte, wir könnten – trotz meiner Ehe – zusammen sein. Zu dritt.« Er stieß einen langen Atem aus und fuhr sich mit den Händen durch das Haar. »Es war eine Idealvorstellung, eine Phantasie. Absurd.« Er schwieg.

Ella brachte kein Wort hervor. Das, was sie gehört hatte, war mehr, als sie verarbeiten konnte. Ihre Kehle wurde eng, aber sie zwang sich, die aufsteigenden Tränen hinunterzuschlucken.

»Bitte verzeihen Sie mir, Fräulein Münter. Versprechen Sie mir, dass wir uns als Künstler verbunden bleiben. Alle anderen Gefühle werden wir vergessen.«

Als Ella ihre Stimme wiederfand, klang sie gepresst, als würde ihre Luftröhre zusammengedrückt und als könne sie kaum noch atmen. »Wenn Sie das möchten.« Woher kam der Stein in ihrem Magen, so groß, dass er in keine ihrer Taschen passen würde?

Stumm standen sie sich gegenüber. Auch ringsum herrschte noch immer Stille. Er wandte sein Gesicht ab, betrachtete den glitzernden See. »Der derzeitige Zustand ist unhaltbar. Ihre Anwesenheit ist mir – unangenehm. Ich kann die anderen Schüler nicht im Stich lassen, und meine Frau kann ich nicht zurückschicken.« Er stellte sich mit dem Rücken zu dem Bild mit dem falschen Grün und richtete seinen Blick auf Ella. »Ich muss Sie bitten, Kochel zu verlassen«, sagte er so leise, dass seine Stimme gerade noch das Schwappen der Wellen übertönte. »Vielleicht finden Sie in München einen anderen Lehrer. Verzeihen Sie mir.«

Er hob sein Fahrrad aus dem Gras auf, stieg auf und radelte davon. Nach der ersten Biegung des Wegs war er nicht mehr zu sehen.

Ella raffte ihren Spachtel und den Kittel auf und stopfte beides in ihren Rucksack. Beim Schließen der Lasche wollten ihre Finger ihr kaum gehorchen. Fünfundzwanzig Küsse. Was für eine Torheit. Wie naiv sie gewesen war, als sie die Küsse zuließ. Und was für ein dummes Schaf zählte überhaupt Küsse? Sie war vom rechten Weg abgekommen, hatte von geistiger Verbindung phantasiert – und sich küssen lassen. Und jetzt wünschte er, dass sie verschwand, von ihrem Berg, aus seinem Unterricht, aus seinem Leben. Tränen drangen in ihre Augen. Sie musste sich setzen.

Erst nach einer ganzen Weile war sie imstande, die im Gras liegenden Farbtuben einzusammeln. Die Tube, die das geschmähte Schweinfurter Grün enthielt, warf sie in den Kochelsee.

Der nächste Morgen war grau und regnerisch. Herr Puntel, der Wirt des Gasthofs, fuhr mit dem Pferdewagen vor. Palme wuchtete Ellas schwere Reisetruhe, ihre Reisetasche und ihren Rucksack auf die Ladefläche, wo Kleuver stand, die Sachen befestigte und eine Zeltplane darüberbreitete. Als Letztes kam ihr Fahrrad. Olga nahm Ellas Hand.

»Schau, dass der Zahnarzt dir nicht gleich den Zahn zieht. Vorher muss er dir eine heiße Packung verschreiben, mit Kräutern, von denen die Schwellung zurückgeht. Und wenn es dir bessergeht, kommst du wieder.« Sie drückte Ellas Hand. »Du wirst mir fehlen.«

»Mein Vater war Zahnarzt«, erwiderte Ella. »Ich lasse mir nicht so schnell einen Zahn ziehen.«

»Hier, nimm mein Taschentuch. Siehst du, jetzt musst du wiederkommen und es mir zurückgeben.«