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Während Dorfschullehrer Ludwig Kofler als Aushilfe bei der jährlichen Bergbahnrevision arbeitet, wird er dazu verdonnert, zwei störende Gletscherleichen auf dem Friedhof zu entsorgen. Sie entpuppen sich jedoch als erstaunlich lebendige Bergsteigerpioniere des 19. Jahrhunderts, die durch eine Katastrophe in das 21. Jahrhundert katapultiert wurden. Bei ihrer Wiedereingliederung muss Ludwig sie im Eiltempo mit zahlreichen neuen Umgangsformen und Technologien vertraut machen. Von Hightech-Bauern, Balkanroute, herumstreifenden Bären bis zur Ahnenforschung reichen die Herausforderungen. Selbst der Papst muss sich mit den ehemaligen Bergführern beschäftigen. Neben Journalisten und Wissenschaftlern zeigen aber auch Geheimdienste und sogar Google massives Interesse an den Tiroler Neubürgern, die vermutlich eine biologische Sensation darstellen.
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Henrik Carl Josefsson Die Männer aus dem ewigen Eis - Neubeginn Roman
Zu diesem BuchWährend sich der junge Dorfschullehrer Ludwig Kofler als Aushilfskraft beiden jährlichen Revisionsarbeiten an der Bergbahn etwas dazuverdienen möchte,wird er dazu verdonnert, zwei aufgefundene Gletscherleichen auf den Friedhofzu schaffen.Diese entpuppen sich als Bergsteigerpioniere des 19. Jahrhunderts, die durcheine kleinere Katastrophe ins 21. Jahrhundert katapultiert wurden. IhreWiedereingliederung erweist sich für die jungen Alt-Tiroler und ihr Umfeldals nicht ganz unkompliziert. Dabei muss Ludwig sie im Eiltempo mitzahlreichen neuen Umgangsformen und modernen Technologien vertrautmachen.Neben neugierigen Pressevertretern zeigen auch unterschiedlich motivierteWissenschaftler großes Interesse an den Neubürgern. Zudem treten mehrereGeheimdienste und andere finstere Gestalten den run auf eine biologischeWeltsensation an. Selbst der Papst muss sich mit dem Dilemma der Liebezwischen den Jahrhunderten beschäftigen.
HENRIK C. JOSEFSSON, der 1976 das erste Nordlicht erblickte, ist der leichtverschrobene Spross einer norwegisch-deutschen Wissenschaftlerfamilie. Mitseiner Familie lebt er auf einer malerischen Halbinsel Jeløy im Oslofjord und imAllgäu.Trotz seiner Herkunft spricht er nur Englisch, Deutsch und kaum Norwegisch,was er seinen unsteten Eltern verdankt, die aufgrund verschiedensterAnstellungen häufig zwischen einem gefühlten Dutzend nordeuropäischerStädte und dem ruhenden Pol bei den Großeltern in den Alpen pendelten.Falls Henrik Josefsson nicht gerade an einem neuen Buch schreibt,arbeitet er als Dozent für Wirtschaft und Wirtschaftspsychologie. NebenWandern, Skilaufen und Radfahren singt er gerne A- oder mit capella.
Henrik C. Josefsson
Die Männer aus dem ewigen Eis
- Neubeginn -
Roman
MidsommarVerlag.com
1.AuflageNovember2019©www.MidsommarVerlag.comISBN978-3-948509-02-6
PrintedinGermanyUmschlaggestaltungundFotos:FOTOKUNSTUlrich
Ende Oktober war es im Kostnertal normalerweise schon kalt und feucht. Nur selten erreichte das Thermometer noch zweistellige Temperaturen. Während die ersten Herbststürme reinigend über die Berge und durch die Täler zogen, hatte es nachts bereits den ersten leichten Frost.
Grimmig graue Wolken lagen, selbst wenn es gerade nicht regnete, über dem langen, weiten Hochtal. Die Bauern gingen auf ihren Höfen all den Aufgaben nach, die noch vor dem ersten stärkeren Schneefall zu erledigen waren.
Am dringendsten mussten die Wege außerhalb des Dorfes mit Kies ausgebessert werden. Außerdem waren Dächer, Türen und Wände auf etwaige Schwachstellen hin zu kontrollieren. Die gebrauchten Erntewerkzeuge wurden gründlich gereinigt und verräumt. Das Vieh wurde nur noch einen halben Tag auf die näher gelegenen Weiden getrieben, damit die Grasnarbe nicht komplett abgefressen wurde, denn nur dann konnte im Frühjahr das dringend benötigte Gras möglichst rasch nachwachsen.
Da es bereits schon vor dem Abendläuten dunkel wurde, blieb tagsüber kaum Zeit für tiefschürfende Betrachtungen des Wetters. Das wäre ohnehin nichts als vertane Zeit, und davon gab es in den kommenden Wintermonaten noch mehr als genug. Das Wetter wurde ohnehin so, wie es wurde. Hier oben war es immer besser gewesen, wenn man sich auf das unangenehmste Wetter einstellte.
Im Jahre 1883 war es Ende Oktober nochmals außergewöhnlich mild, trocken und sonnig. Ein langer Spätsommer hatte das ruhiger werdende Hochtal über einige Wochen hinweg richtiggehend verwöhnt. Und so gingen die Bauern im Kostnertal ihren Arbeiten ein klein wenig entspannter als sonst nach.
Wegen des guten Wetters machten sich die Vettern, der Leitner Toni und der Vogler Alois, nochmals auf eine Erkundungstour als Vorbereitung für die englischen Abenteurer, die auch den kommenden Sommer wieder im Kostnertal verbringen wollten.
Seit einigen Jahren quartierten sich über die Sommermonate regelmäßig junge Engländer bei ihnen ein. Den Einheimischen erschienen sie als exotische Zeitgenossen, die offenbar keiner anderen irgendwie gearteten sinnvollen Beschäftigung nachgehen mussten und das nötige Geld für derlei Sommerfrische übrighatten.
Nur so konnten sie auf die eigenartige Idee gekommen sein, plötzlich die Tiroler Bergwelt in verschiedensten Bereichen zu erkunden. Einige Engländer erforschten das gesamte Tal, indem sie alle Tiere und Pflanzen systematisch untersuchten. Andere, vermutlich angehende Kartografen, vermaßen das Gelände und die Berge mit äußerst kompliziert wirkenden Geräten. In der Dorfschänke wurde die neu vermessene Höhe eines Berggipfels stolz verkündet oder munter über seine wahre Höhe gestritten.
Für die Einheimischen war es jedoch völlig einerlei, ob ein Gipfel nun ein paar Meter höher oder weniger hoch war. Sie stuften die Berge einfach nach der Gefährlichkeit für das Tal ein: Geröll- oder Schneelawinen an den gefährdeten Hängen oder besonders unwegsames Gelände, in das sich ein Tier verirrte und dabei möglicherweise sogar verletzte. Gut zugängliche und saftige Hochwiesen waren dagegen ein Gewinn für die Fütterung des Viehs.
Aber auch Künstler zählten zu den Sommergästen. Diese fertigten zahlreiche Skizzen oder Bilder des Tales und der umgebenden Bergwelt an. So konnten sie immerhin ein Stück Bergwelt mit nach Hause nehmen. Einem Einheimischen wäre es nie und nimmer eingefallen, solch ein Bild anzufertigen. Sie sahen ihre Bergwelt schließlich tagein und tagaus, oft länger, als ihnen lieb war. Manch junger Bauer, der ein paar Tage unten in der Landeshauptstadt verbracht hatte, sehnte sich anschließend eher nach mehr Abwechslung und Modernität. Zahlreiche der englischen Urlauber wanderten jedoch am liebsten in der möglichst schroffen und einsamen Bergwelt umher.
Die mutigsten der jungen Abenteurer stiegen dabei auf die allerhöchsten Gipfel. Bergregionen, die für die Einheimischen eigentlich nur unnütz oder hochgradig hinderlich waren. Hinderlich auf dem Weg ins nächste Bergdorf oder benachbarte Tal und unnütz, da es dort oben ohnehin nur das kargste Futter gab oder sich manches Stück Vieh auf seiner Futtersuche dort in unwegsamem Gelände verstiegen oder verletzt hatte.
Nicht zuletzt wegen der dort erst sehr spät zurückweichenden Schneemengen waren diese „oberen Gebiete“, wie sie bei den Bauern genannt wurden, über Monate hinweg kaum passierbar und bedrohten das Tal mit Lawinen.
Kaum hatte im Frühsommer die Schneeschmelze die letzten Reste der weißen Masse säuberlich entfernt, drohten bei stärkeren Regenfällen große Gefahren wie Steinschläge und Murenabgänge. In diese Regionen zog es die einheimische Bevölkerung kaum. Höchstens ein paar umherziehende Besenbinder oder Scherenschleifer, die ihr Kommen mit einer schrill klingenden Schelle ankündigten, oder die deutlich leiser arbeitenden, nicht gänzlich unbekannten Schmuggler fanden den ein oder anderen Weg über die Höhenzüge in die Nachbartäler.
Berufsbedingt musste der Jäger des Landgrafen mehr oder weniger regelmäßig den Bestand an Rotwild und Gämsen kontrollieren. Dabei kam es manchmal zu wenig angenehmen Aufeinandertreffen mit Wilderern, die versuchten das karge Mehlsuppen-Einerlei durch das ein oder andere Stück Fleisch aufzuwerten.
Selten konnte der Jäger einen Wilderer stellen. Ab und an trug ein einheimischer Bursch von einer ungeplanten Begegnung dubiose Verletzungen davon, die im Dorf eher lakonisch kommentiert wurden: „Da hob i mi beim Heu machen gschnitten“. In einzelnen Fällen wurde deshalb schon im April „Heu gemacht“. Da das Gras dort oben so früh im Jahr normalerweise selten hoch genug für einen ersten Schnitt stand, wusste damit jeder um die Umstände der nicht ganz unheroischen Verletzung.
Leider waren manchmal auch Todesopfer zu beklagen. Dies waren meistens Wilderer, die sich partout nicht stellen lassen wollten. Selten verunglückte aber auch ein Jäger des Landgrafen. Die sich anschließenden polizeilichen Nachforschungen waren in solch einem Fall jedoch um ein Mehrfaches gründlicher und folgenreicher für die Bevölkerung als beim „unglücklichen Absturz“ eines Wilderers.
Durch den Besuch der englischen Abenteurer bot sich den Bauern des Kostnertales eine willkommene Möglichkeit, im harten Bergbauernalltag ein Zubrot zu verdienen, indem sie ihnen neue Wege auf Berggipfel zeigten.
Von der heutigen Tour versprachen sich Toni und Alois einen richtig großen Erfolg. Sie waren nämlich Hinweisen eines „mutigen Burschen“ aus dem Nachbardorf nachgegangen, bei dem es Zuhause öfter als nur zu den kirchlichen Hochfesten Fleisch im Eintopf gab.
Sein Hinweis bestand in einer vom Tal aus nicht einsehbaren Route an der Südost-Flanke der Glutterspitz, die über eine kurze Scharte einen gut kletterbaren Weg zum Gipfel ermöglichen sollte. Mit Hilfe von Leitern wäre im Sommer sogar das zusätzliche Überqueren des Glutterferners als Abkürzung machbar. Diese Variante könnte die Tour um gut zwei Stunden Gehzeit verkürzen. Die notwendigen Holzleitern konnten sie den Sommer über bedenkenlos am Rand des Ferners deponieren. Die Gämse würden sich schon nicht damit abplagen. Aufgrund ihrer famosen Kletterkünste kamen sie auch ohne Leitern scheinbar mühelos die steilsten Felswände hoch und runter.
Immerhin zählte die Glutterspitz zu den höchsten Gipfeln der gesamten Region. Ein englischer Kartograf, der im letzten Sommer unzählige Täler und Gipfel vermessen hatte, meinte sogar, dass sie knapp über 3.500 Meter hoch sein müsse, und dass dort oben nachweislich bislang noch kein Mensch gewesen sei. Folglich handelte es sich um eine besonders lohnenswerte Erstbesteigung. Nach dem mühsamen Durchstieg der angegebenen langen und steilen Scharte eröffnete sich den Burschen tatsächlich der Blick bis hinauf zum majestätisch thronenden Gipfel.
Gerade das langgezogene, gleichmäßig ansteigende, leicht überhängende Gipfelmassiv verlieh der Glutterspitze ihr markantes Erscheinungsbild, das sie von allen Seiten aus als gut erkennbaren Orientierungspunkt auszeichnete.
Von ihrem aktuellen Standpunkt hinter der bezwungenen Scharte machten die Bergsteiger mehrere mögliche Gipfelrouten aus und skizzierten diese mit Bleistift rasch auf einem Stück Papier, damit sie direkt am Berg auf eine kleine Erinnerungsstütze zurückgreifen konnten. Anschließend stiegen sie über die ihnen am geeignetsten erscheinende Route weiter auf, die sie nur selten korrigieren mussten. Am frühen Nachmittag hatten sie endlich den Punkt erreicht, von dem aus der restliche Weg zum Gipfel durchgängig einsehbar war. Ihr Ziel lag buchstäblich zum Greifen nah.
Nachdem sie den letzten, etwa dreihundert Meter langen markanten Grat aufgestiegen waren, standen sie erschöpft, aber zufrieden über die gemeisterte Route an ihrem Ziel. Eine Markierung brachten sie nicht an, denn der Gipfel sollte schließlich erst im nächsten Sommer mit den gut entlohnenden englischen Abenteurern als „Erstbesteigung“ erobert werden.
Ein Blick nach Westen ließ ihr Hochgefühl jedoch jäh in starke Besorgnis kippen, da sie nun die sich abzeichnende Wetteränderung in vollem Umfang überblicken konnten. Hätten sie die Luftdruckveränderungen mit einem Barometer ablesen können und sich mit moderner Wetterkunde ausgekannt, wären sie über die Dramatik des Wetterumschwungs deutlich früher informiert gewesen.
Hinter dem mächtigen Gipfel offenbarte sich eine riesige kohlrabenschwarze Wolkenfront, die zwar noch in der Ferne lag, sich ihnen jedoch mit bedrohlich hohem Tempo förmlich entgegenwälzte. Beinahe über die gesamte Breite des Alpenhauptkamms rollte sie aus Nordwest auf sie zu, klar abgegrenzt gegenüber einem stahlblauen Spätsommerhimmel. Der vordere untere Rand der schier endlos breiten Wolkenwalze war nicht nur rabenschwarz, sondern hatte eine leicht bräunliche Färbung. Dies war ein untrügliches Anzeichen für stärkste Gewitter mit Hagel- und Blitzschlag.
Als Bergler hatten sie zwar schon manch heftiges Gewitter erlebt, ein solch massives, hohes, breites und schnell heranziehendes Wettergebilde war ihnen bislang jedoch nicht unter die Augen gekommen. Einige Meter unterhalb des Gipfels, im Windschatten sitzend, kürzten sie ihre Brotzeit deshalb auf ein absolutes Mindestmaß, da mittlerweile das erste ferne dumpfe Donnergrollen die Luft vibrieren ließ und nichts wirklich Gutes versprach. Aufgrund ihrer Erfahrung wussten sie aber auch, dass die größte Gefahr in den Bergen von übereilten Abstiegen ausging.
Nachdem sie ihre Brotzeit mit einigen raschen Schlucken aus den Feldflaschen hinuntergespült hatten, zogen sie ihre Filzhüte tiefer ins Gesicht und machten sich mit ihren Wanderstangen auf den Heimweg. Diese Abstiegshilfe hatten sie den Schäfern abgeschaut, die die langen Holzstangen gleichsam als drittes Bein einsetzten und damit gerade im Absteigen mehr Halt fanden.
Als sie eine halbe Stunde später gerade wieder in die steile Scharte einstiegen, fielen schon die ersten Regentropfen, die schnell in einen heftigen Schauer und kurz vor dem Ende der Scharte in eisigen Graupel übergingen.
Das Gehen wurde immer schwieriger, da sie auf dem matschigen Pfad nicht ausrutschen wollten. Beherzt, aber vorsichtig ging es deshalb Passage für Passage das Bergmassiv hinunter.
Trotz des garstigen Wetters versäumten sie nicht, immer wieder kurz Halt zu machen, um ihre Route zu kontrollieren, damit sie sich nicht auch noch in unpassierbares Gelände verstiegen.
Um den allerstärksten Schauern zu entgehen, legten sie unter einem größeren Felsüberhang, der den Großteil von Wind und Regen abhielt, eine Rast ein. Ihre bewährten Wolljacken waren mittlerweile vollständig durchnässt und lagen schwer wie Blei auf ihren Schultern.
Da der Gewitterschauer nach mittlerweile einer halben Stunde nicht das leiseste Anzeichen eines Abklingens andeutete und ihnen dazu leicht kalt wurde, entschieden sie sich, den Obstler aus ihrem Rucksack zu ihrer Stärkung einzusetzen, und so zumindest für ein wenig „innere Wärme“ zu sorgen.
Während sich das Gewitter mit Regen, Graupel, Blitz und Donner entlud, neigte sich der Inhalt der Flasche irgendwann dem Ende zu. Nicht nur die Gewitterzelle hatte sich mittlerweile gründlich entleert.
Als sie zur Fortsetzung ihres Heimwegs aufbrachen spürten sie von der Wirkung des Obstgeistes glücklicherweise kaum etwas. Langfristig sollte seine belebende Wirkung für sie sogar enorm lebensverlängernde Auswirkungen haben, von der sie zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht das Geringste ahnen konnten. Dagegen mussten sie feststellen, dass das Gewitter ihren Weg mit einen halben Meter an Hagel- und Graupel-Gemisch überzogen war. Der kalte, scharfe Wind hatte die nass-feuchte oberste Schneeschicht an manchen Stellen zu einer kleinen Eiskruste zusammenbacken lassen. Ihren Abstieg konnten die Burschen nur äußerst behutsam und vorsichtig fortsetzen.
Angesichts der schon deutlich fortgeschrittenen Tageszeit entschieden sie sich, die Abkürzung über den Glutterferner zu nehmen, mit der sie zwei bis drei Stunden Wegzeit einsparen würden. Jedoch mussten sie beim Queren des Gletschers nun noch mehr aufpassen, da die Graupelmasse auf dem Eis sogleich angefroren war und bei jedem Schritt mal mehr, mal weniger nachgab.
Da sie wegen des Gewitters über die Gletscherpassage gehen mussten, banden sie sich zu ihrer Sicherheit das mitgebrachte gut dreißig Meter lange Hanfseil im Abstand mehrerer Meter über Schulter und Bauch. Für den einfacheren, aber längeren Weg war es deutlich zu spät.
Sie hatten den oberen Rand des Ferners beinahe überquert, als Toni auf einem glatten Stein ausrutschte. Dabei verlor er trotz seines langen Wanderstabes das Gleichgewicht und fiel kopfüber auf das frisch vereiste Schneefeld. Da Alois für einen kurzen Moment nochmals auf ihren zurückgelegten Weg Richtung Gipfel geschaut hatte, traf ihn der heftige Ruck am Seil völlig unvorbereitet. Er versuchte zwar noch, sich mit einem kurzen festen Ausfallschritt der Wucht des Seils entgegenzustemmen, hatte aber nicht den Hauch einer Chance und wurde mit auf den Gletscher gerissen. Über die erste Gletscherspalte flogen beide aufgrund der frisch entstandenen Schneeverwerfungen noch hinweg, was jedoch lediglich von drei irritiert schauenden Gämsen vom gegenüberliegenden Berghang aus beobachtet werden konnte. Danach ging es in einem flacheren Bereich weiter und ihre rasante Rutschpartie verlangsamte sich ein klein wenig.
Trotz ihrer in äußerster Verzweiflung ausgeführten heftigen Fußtritte und Schläge mit den bloßen Händen oder dem Wanderstock, gelang es ihnen auf der rutschigen Gletscheroberfläche aber nirgendwo, genügend Halt für ein ausreichend starkes Bremsmanöver zu finden. Außer dem gleichzeitigen Dröhnen und Poltern der mittlerweile niederfahrenden Lawine, die sie wie wild umhergeworfene Holzstücke eines tosenden Gebirgsbaches mitspülte und herumwirbelte - abwechselnd mal unter sich, mal wieder auf sich - konnte Toni nur Alois‘ verzweifelte Rufe „Halt! Jesus Maria! Halt ein!“ hören. Am Ende des Schneefeldes steuerte ihre wilde Rutschpartie auf eine große Kluft zu, über deren schneebedeckte Kante sie in die Tiefe gerissen wurden.
Glücklicherweise schlugen ihre Körper nicht mit voller Wucht am Grund der Spalte auf, sondern wurden nach dem ersten, schrägen Aufprall an der Gletscherwand auf einen Zwischensims der Gegenwand geschleudert, von dem aus sie in einem letzten Schwung zu Boden fielen. Wie durch ein Wunder waren sie am Grund der Gletscherspalte ohne die geringsten Verletzungen ankommen, da sich dort durch den heftigen Wind in extrem kurzer Zeit eine dicke, weiche Schneedecke gebildet hatte.
Gleichzeitig schütteten Teile der durch ihren Sturz ausgelösten Lawine in die Spalte. Spätestens der erste Aufprall an der Eiswand ließ die beiden Abenteurer ohnmächtig werden. Hier am Boden sorgten schließlich der eisige Wind und die tiefen Temperaturen dafür, dass ihnen Atmung und Blutkreislauf in kürzester Zeit stockten.
Innerhalb von fünfundsiebzig Sekunden verpufften ihre Träume und Hoffnungen von der geführten Erstbesteigungs-Bergtour mit den abenteuerlustigen Engländern in einem besonders eisigen Wind, der durch die Gletscherspalte wie durch eine Art von Düse gedrückt wurde. Hätten die beiden wackeren Burschen ihren fulminanten, dramatischen Sturz ein wenig länger überstanden, so wären sie sicher durch die extrem widrigen Bedingungen in der Gletscherspalte innerhalb weniger Stunden - vielleicht auch nur weniger Minuten - an extremer Unterkühlung gestorben. Obwohl ihre Kleidung vollständig aus bester Wolle bestand, dem damals besten und teuersten Material, hätte sie in diesem durchnässten Zustand dem eisig kalten Wind nicht wirklich viel entgegenzusetzen gehabt. Selbst sofort eingeleitete Rettungsversuche wären ohne die geringste Chance geblieben. Ihre ohnehin dürftigen Spuren waren durch den Schneesturm mittlerweile zugedeckt. Selbst die anfangs noch gut erkennbare Gletscherspalte war nun vollständig verschlossen.
Da der Wetterumsturz im Tal zwar deutlich, wenn auch weniger stark zu spüren war und die beiden Burschen zu später Stunde nicht heimgekehrt waren, machten sich ihre Eltern, Geschwister und Alois‘ Verlobte, die Griesacher Anna, große Sorgen. Noch in der Dämmerung bildeten die beiden Väter und alle greifbaren Brüder eiligst einen kleinen Trupp, der den beiden Wanderern entgegenzog. Vielleicht hatte sich einer der Burschen verletzt und sie kamen deshalb nur schleppend voran. Während des Gewitters hatte es im Tal nur geregnet. Dass am Berg deutlich mehr Schnee und Graupel liegen geblieben sein musste, war jedoch allen Beteiligten klar. Doch als die letzten Karbidlampen der Gruppe erschöpft waren, mussten sie ihre Suche vorerst einstellen und enttäuscht heimkehren.
Da am nächsten Morgen noch immer kein Lebenszeichen von den als zähen und kräftigen Saumgängern bekannten Burschen vorlag, wurde ein größerer Suchtrupp zusammengestellt, zu dem außer der direkten Verwandtschaft noch ein gutes Dutzend Dörfler zählte. So zogen etwa fünfundzwanzig Leute mit langen Stecken, Schaufeln und Hanfseilen ausgerüstet auf der ursprünglich geplanten Tour Richtung Glutterspitz.
Abends kamen sie jedoch mit enttäuschten Gesichtern von der Suchaktion zurück. Allein Tonis Aluminiumfeldflasche, die er offenbar bei einer Rast auf einem Felsvorsprung vergessen haben musste, war gefunden worden.
Traurig wurde dieser stille Zeuge den daheimgebliebenen Eltern übergeben. Man sprach sich noch Mut zu, die Köpfe nicht hängen zu lassen. Irgendwie würden es die beiden Burschen bestimmt wieder schaffen. Vielleicht kämen sie in ein paar Tagen völlig unbeschadet und breit strahlend zurückgewandert, da sie wegen des Schneesturms vielleicht in ein Nachbartal abgestiegen waren.
Mit jedem vergangenen Tag wurde dies für die meisten Dorfbewohner aber immer unwahrscheinlicher, obwohl die Beiden doch zu den kräftigsten und bergerfahrensten Männern des ganzen Tals zählten.
Trotz widrigster Umstände wären sie normalerweise schon lange wieder daheim oder hätten zumindest über das Telegrafenamt in einem Dorf des Nachbartals ein Lebenszeichen von sich gegeben.
In den folgenden Tagen hatte sich das Wetter erstaunlich rasch wieder beruhigt. Es blieb deutlich kälter und die Sonne schien nur noch ab und zu. Eine Woche nach dem großen Gewitter setzte ein verhältnismäßig starker Winteranfang ein.
Die oberen Weiden, von denen gerade erst die letzten Graupelreste des großen Unwetters abgetaut waren, sowie das restliche Tal wurden von einer dicken Schneedecke überzogen. Die Suche nach Toni und Alois wurde nun endgültig eingestellt, da keine Hoffnung mehr auf Rettung bestand.
Seit ihrem Verschwinden wurde in ihren Elternhäusern viel geweint. Besonders Alois‘ Verlobte wurde von Trauer und Kummer schier zerfressen, bis sie Alois’ Eltern gestand, dass sie und Alois bald ein Kind bekommen würden und sie ohne Alois nun in schwerer Not sei.
Als Ledige mit Kind traute sie sich nicht mehr zurück zu ihren sehr strengen Eltern. Anfangs war Alois‘ Vater noch sehr zornig über das erwartete ledige Kind. Seine Frau versuchte ihn aber immer wieder davon zu überzeugen, dass es schließlich auch Alois’ Kind und damit sein eigener Enkel wäre, den er zusammen mit der Anna verstoßen würde. Da ein nichteheliches Kind damals eine rechte Schande für die Familie war, so konnte man als guter Christenmensch die Anna eben nicht einfach vom Hof jagen.
Daher nahmen sie, nach Rücksprache mit dem wohlgesonnenen Dorfvorsteher, die Anna letztlich an Kindes statt an und hatten damit gleichzeitig Alois‘ Kind als künftigen Enkel in die Familie aufgenommen. Da von den beiden Vermissten bis Heilig Abend noch immer kein Lebenszeichen vorlag, wurden sie vom Herrn Pfarrer in die großen Fürbitten des Hochamts einbezogen.
Selbst nach dem Einzug des Bergfrühlings und dem Verschwinden des Schnees in den höheren Lagen waren keine weiteren Spuren der Abenteurer gefunden worden. Sämtliche Befragungen in allen Nachbardörfern jenseits der Berge hatten keinen einzigen Hinweis erbracht, sodass die Burschen vom Dorfvorsteher als verschollen erklärt wurden.
Ein trauriger und freudiger Anlass zugleich war kurz darauf die Geburt eines gesunden Sohnes durch die Griesinger Anna, die sich mittlerweile auf dem Hof von Alois’ Familie gut eingelebt hatte. Wo sie konnte, packte sie schon während ihrer Schwangerschaft mit an und war sich selbst an langen Winterabenden für keine Fleißarbeit zu schade. Vor ihren neuen Eltern genoss sie die gleiche Anerkennung wie eine rechtmäßige Schwiegertochter.
Im verhängnisvollen letzten Herbst war ihre Hochzeit für Mitte November anberaumt gewesen, sodass ihr Sohn eines der besonders gut entwickelten Siebenmonatskinder geworden wäre. Wegen des engen Zusammenhanges mit dem Hochzeitstermin wurden derlei „starke Frühgeburten“ weder von der Hebamme noch vom Dorfarzt als besonders gefährdet eingestuft. Den wahren Grund für die schnelle und gesunde Entwicklung des Kindes wusste selbstverständlich jeder im Dorf, offiziell konnte so aber niemandem eine außereheliche, oder gar voreheliche Beziehung nachgewiesen werden.
Genau ein Jahr nach dem unerklärlichen Verschwinden von Toni und Alois ließen die Elternpaare der Verschollenen mit Zustimmung des Herrn Hochwürden am Rand des Gottesackers neben der Kirche einen Gedenkstein aufstellen, der mit seiner Inschrift einem Grabmal sehr ähnelte.
An der schon recht alten roten Vierer-Kabinenumlaufbahn mussten im Frühjahr des Jahres 2015 die jährlichen Revisionsarbeiten durchgeführt werden, damit die TÜV-Abnahme abschließend fristgerecht über die Bühne gehen konnte. Die Herren Seilbahnfachprüfer des TÜV-Austria – eine der letzten Männerdomänen im Land - waren um diese Jahreszeit einfach sensationell gut ausgebucht, da alle Liftbetreiber möglichst nahtlos und fast gleichzeitig vom Winterbetrieb - das heißt vom Skibetrieb - auf den Wanderbetrieb umstellen wollten. Und ohne die alle fünf Jahre notwendige besonders ausführliche TÜV-Abnahme ging eben gar nichts!
Alle Arbeiten waren dabei straff organisiert und hochkonzentriert auf den Tag der heuer fälligen großen TÜV-Abnahme ausgerichtet. „Im April bekommt man leichter eine Audienz beim Papst als einen neuen Abnahmetermin beim TÜV-Austria!“ So jedenfalls betonte Hans Klotz, der Leiter des Seilbahnbetriebs bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit, da eine Nichteinhaltung folglich eine mehrwöchige Verspätung der Sommersaison bedeutet hätte. Auch für den in diesen Tagen immer angespannt wirkenden Tourismusdirektor, Dr. Klaus Loosbichler, lag äußerst viel an einem pünktlichen Start des Sommerbetriebs, da er seit der aufwändigen, aber durchaus erfolgreichen Werbekampagne für den hochgepriesenen „Krokus-Bergfrühling im Kostnertal“ größere Touristen-ströme im sonst schwachen Frühling einherpilgern sah.
Fast verwunderte es, dass die Liftbetreiber noch nicht auf die Idee gekommen waren, mit den kurz vor ihrem Abtransport ins Sommerlager stehenden Schneekanonen noch schnell die letzten traurigen Schneeflecken rückstandslos zu entfernen oder mit dezent gedüngtem Wasser das Wachstum des Bergkrokus „a bisserl“ zu beschleunigen. Glücklicherweise werden beide Maßnahmen vom betreffenden Bergkrokus, der es grundsätzlich nicht zu nass und nicht überdüngt mag, mit einer ein- bis zweijährigen Blühpause vergolten.
Da der Beginn der Revisionsarbeiten gerade dieses Jahr auf das letzte Wochenende der Osterferien fiel, bemühte sich der technisch interessierte Junglehrer Ludwig Kofler einmal mehr um eine Hilfstätigkeit. Da sich das Wetter im Kostnertal zu dieser Jahreszeit meist recht durchwachsen geben konnte, hatte die junge Familie bereits über die Ostertage die Schwiegereltern besucht.
Ludwigs großes Interesse an Technik sowie die nicht gerade üppig gefüllte Haushaltskasse der frisch angewachsenen Lehrerfamilie ließen ihn mancher ungewöhnlicheren Zusatztätigkeit nachgehen, die mit seiner Haupttätigkeit gerade noch zu vereinbaren war. Daneben konnte er bei solchen Arbeiten sein fachliches Wissen für den Technikunterricht auffrischen oder ergänzen.
Trotz seines sehr guten zweiten Staatsexamens hatte sich Ludwig Kofler, ein neunundzwanzigjähriger motivierter Junglehrer, vor drei Jahren an der sehr abseits gelegenen Kleinstschule beworben, in der alle Klassenstufen von der ersten bis zur achten Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Seiner Meinung nach war diese, leider vom Aussterben bedrohte Schulart doch geradezu hochmodern, da der Lehrer dort alle Kinder gleichzeitig zum eigenständigen Lernen anleiten musste. Dabei bedurfte es immer auch älterer Kinder, die den Jüngeren Dinge erklärten und bei Übungen helfen konnten. Hier musste der Lehrer viel mehr als Lernkoordinator und Moderator denn als zentraler Wissensvermittler fungieren, wie er es im Referendariat bei seinen bisherigen Vorzeigeschulen nur zu gut erlebt hatte. Die moderierenden und koordinierenden Eigenschaften der Zwergschule waren gerade die Kernelemente des viel gepriesenen skandinavischen Schulsystems, das landauf und landab zum leuchtenden Polarstern der Bildungspolitik stilisiert wurde.
Bei landesweiten Leistungsvergleichen schnitten seine Schüler zwar nicht ganz im obersten Bereich ab, dafür zeichnete die ehemaligen Zwergschüler aber besonders ihre hohe Selbstständigkeit und Eigeninitiative aus. Hierin lagen sie sogar vor den bestens ausgestatteten Privatinternaten, in denen der oft rebellische und überhebliche Nachwuchs von Großindustriellen, internationalen Hoteliers und des Adels gefördert, gefordert und gedrillt wurde.
Dort war allerdings auch die Zahl der Rechtsstreitigkeiten gegenüber dem Lehrpersonal am höchsten, da junge Sprösslinge hier besonders oft aus „irgendeiner misslichen Lage gerettet werden mussten“, wie es Ludwigs Schulleiter während des Referendariats häufig umschrieb.
Der Grund für die jährliche Zitterpartie um den vorläufigen Weiterbestand der von der Bevölkerung liebevoll titulierten „Zwerglschule“ war einmal mehr der Streit um die Kosten. Die Zuschüsse zum Schulbusverkehr, der die Kinder in die achtzehn Kilometer entfernte Stadt hin- und zurückkarren müsste, seien doch geringer als die Unterhaltskosten für das kleine Gebäude der Zwergschule.
Für die Eltern bedeutete die Nähe zur Schule sehr viel, da die jüngeren Kinder nach ihrem früheren Schulschluss in der Stadt oft etwa stundenlang auf den nur einmal am späteren Nachmittag verkehrenden Schulbus warten müssten. Ginge es einem Kind während des Schultages schlecht, weil es krank würde, so könnte es dennoch erst am Nachmittag nach Hause. Nur in den allerdringendsten Fällen hätten die Eltern die Möglichkeit, zum Abholen des erkrankten Nachwuchses eine spontane Sondertour in die Stadt zu organisieren.
An der Dorfschule dagegen konnte ein leicht krankes Kind direkt nach Hause geschickt werden. Zur Sicherheit rief der Lehrer immer noch kurz bei den Eltern oder, falls diese während der Feldarbeit nicht erreichbar waren, bei den Nachbarn an, um sie über die Erkrankung und den früheren Schulschluss zu informieren. Weiter argumentierten die Eltern nicht ganz unberechtigt, dass das Lehrergehalt und ein Klassenraum ohnehin hier wie dort bezahlt werden müssten.
Nach ewigen Diskussionen bestand der Kompromiss zwischen Staat und Gemeinde darin, dass die Zwergschule selbst bei den eigentlich etwas zu niedrigen Schülerzahlen so lange erhalten bliebe, wie sich eine Lehrkraft für die Stelle finden würde. Und eben nicht zuletzt aus diesem Grunde meldete sich Ludwig auf den geringer bezahlten Allroundjob im Kostnertal, anstatt sich auf einer höher dotierten Stelle an einem Eliteinternat um den anspruchsvollen Nachwuchs der Vielleicht-Elite kümmern zu müssen.
Ludwigs Ortswunsch hing aber nicht nur mit seiner Begeisterung am fast archaischen Schultyp der Zwergschule zusammen. Ein weiterer Wunsch war, dass er endlich wieder aus der Großstadt und ihrer allgegenwärtigen Hektik herauskommen wollte. Seine Jugendliebe und mittlerweile Ehefrau Margret sah dies jedoch nicht so positiv. Das Leben im Kostnertal war ihr anfangs als sehr ruhig, fast zu ruhig vorgekommen. Letztlich ausschlaggebend war für sie aber, dass es sich mit Kindern hier im Dorf deutlich unproblematischer als im dritten Stock einer Stadtwohnung lebte. Deshalb willigte Margret, die zum Zeitpunkt der Ortswahl gerade mit ihrem ersten Kind schwanger war, zuerst auf fünf Jahre befristet in das Zwergschulexperiment ihres Mannes ein.
Und Kinder wünschten sich Ludwig und Margret reichlich. Richtig wuseln sollte es vor neugierigem und staunendem Leben bei ihnen. Margret und Ludwig stammten aus jeweils aus Familien mit mehreren Geschwistern, wobei sich beide als Sandwichkinder häufig zwischen älteren und jüngeren Geschwistern behaupten oder zwischen ihnen vermitteln mussten. Vielleicht waren sie gerade deshalb mit dem Wesen des Anderen so vertraut. Sicher war das zwar nicht der einzige Grund, warum sie sich liebgewonnen hatten; völlig unbedeutend für den Beziehungsalltag war diese Eigenschaft aber sicher auch wieder nicht.
Vom anstehenden Aushilfsjob bei der Seilbahn versprach sich Ludwig die Chance, die faszinierende Seilbahntechnik aus nächster Nähe kennen zu lernen. Auf den anstehenden Arbeitseinsatz freute er sich dabei fast wie ein Kind aufs Weihnachtsfest. Als Bub hatte er nach Weihnachten und dem Geburtstag jedes neue Spielzeug in kürzester Zeit zerlegt und meist wieder erfolgreich zusammengebaut. Ganz selten waren die ursprünglichen Funktionen ein wenig durcheinandergeraten. Wie gesagt: Ein ganz normaler Bub mit einer gesunden technischen Neugier!
Damals konnte er die heftigen Reaktionen seiner Eltern nach seinen Montage- beziehungsweise Demontageversuchen nie richtig nachvollziehen. „Ich muss doch wissen warum sich das grad so rum dreht und net anderscht!“ war seine grundehrliche Antwort auf die Einwände seiner besorgten Mutter: „Da kannst dich gscheit verletzen oder gar an einem Stromschlag sterben!“
In der Position des einzigen Namensträgers und zumindest damals noch vermeintlichen Hoferben der Familie hatten die Eltern dabei vielleicht nicht immer so ganz unrecht. Für ihn selbst war all dies jedoch kein nachvollziehbarer Grund, seine Neugier auch nur irgendwie einzuschränken.
Zusätzlich zur großen Seilbahnrevision mussten auch zahlreiche Wanderwege wieder in Schuss gebracht werden, da über die Wintermonate Lawinen und Erdrutsche manche Wege, Schilder und Markierungen stark in Mitleidenschaft gezogen hatten.
Der zuständige Alpenverein konnte das komplette Wegenetz aufgrund der zurückgehenden Anzahl aktiver Wegewarte schon seit vielen Jahren nicht mehr allein in Schuss halten. So war zusätzlich ein Team von vier Mitarbeitern der Seilbahngesellschaft im Bereich westlich der Bergstation unterwegs.
An der Stelle, an der der Wanderweg – ein beliebter Höhenweg rund um die Glutterspitz – den sich zunehmend verkümmernden Gletscher passierte, machte das Team am Mittag seine verdiente Brotzeit. Als einer der Arbeiter etwas abseits in einer Senke am Rand des Gletschers zum Piseln austrat, überkam ihn während des Wasserlassens ein schaurig gruseliges Gefühl, das ihm noch lange wildeste Alpträume verursachen sollte.
Durch das trübe, mit Erdreich verdreckte Eis kam es ihm vor, als ob er einen alten Wollhandschuh im Eis stecken sähe, in dem offenbar noch die Hand eines Toten steckte. Mehr konnte und wollte er aufs erste gar nicht erkennen.
Aufgeregt rannte er zu seinen Kollegen zurück, die ihn aber zuerst wegen seiner noch sperrangelweit offenstehenden Hosenfalle auslachten. Als er endlich zu Wort kam, schilderte er noch ganz verdattert den grausigen Fund am Gletscherrand.
Mit einem Mal war Schluss mit lustig und der Brotzeit! Alle packten ihre Grabwerkzeuge wie Pickel, Schaufeln und Äxte zusammen, um nach dem vielleicht grusligen Fund zu schauen.
Am Gletscherrand angekommen bestätigte sich die Vermutung ihres Kollegen, dass es sich bei dem Fund nicht nur um einen ausgeaperten alten Handschuh handelte. Mit behutsamen Schlägen legten sie die vollständige Eisleiche eines bärtigen Bergsteigers frei. Obwohl er offensichtlich schon seit geraumer Zeit tot war, gingen sie dennoch nur sehr ruhig und leise miteinander und mit der Leiche um. Selbst Kommandos für ein gemeinsames Anheben wurden eher halblaut gerufen. Nach vollständiger Auskavierung legten sie den leblosen, noch steif gefrorenen Körper auf eine der Schubkarren, die eigentlich für den Transport von Splitt und Werkzeug vorgesehen waren.
Kurz nach dem Abschluss der Ausgrabungsarbeiten entdeckten sie unweit der ersten Stelle noch eine zweite, offenbar ebenfalls männliche Leiche, die sie ebenfalls sehr vorsichtig freilegten. Mit der tiefgefrorenen Kleidung und Ausrüstung sahen die beiden Toten dem Anschein nach aus, als ob sie hier etwa seit den 1940er oder 1950er Jahren gelegen haben konnten.
Da der Vorarbeiter nach den Sondergrabungen bemerkte, wie viel Zeit sie mittlerweile für diese Aktion verbraucht hatten, besann er sich darauf, dass solche Fälle aufgrund der immer stärker zurückgehenden Gletscher in den letzten Jahren schließlich immer wieder vorkämen. An den abschließend genauer inspizierten Eisleichen konnten sie nicht die geringsten Ähnlichkeiten zum weltbekannten Mann vom Similaunjoch, dem sogenannten Ötzi ausmachen. So entschied er, dass die beiden leblosen Körper möglichst schnell ins Tal zum Herrn Pfarrer zu verbringen seien. Dieser hätte sicher noch ein geeignetes Armengrab auf dem Friedhof frei. Die Meldung bei der Polizei würde Hochwürden, wie üblich, sicher gleich miterledigen.
Just zu diesem Zeitpunkt würde eine polizeiliche oder langwierige gerichtliche Untersuchung den kompletten Zeitplan der Bergbahnrevision nur völlig durcheinanderbringen. Ihr gerne etwas cholerischer Chef würde deshalb garantiert mehrere Wochen lang toben und schimpfen. Was aber noch gravierender erschien, war, dass sie dann in der nachfolgenden Saison gewiss nicht mehr eingestellt würden, ganz gleich, ob sie für den Fund verantwortlich waren oder nicht! In dieser Beziehung kannte er seinen Chef mittlerweile leider schon recht gut.
Mit Schubkarren wurden die beiden Körper zügig zur Bergstation und von dort aus mit der frisch überholten Kabinenbahn weiter als ideale Testpersonen ins Tal transportiert. Der kniffeligste Teil der Revisionsarbeiten war zum Glück bereits erledigt. Er bestand aus dem Prüfen und Nachschmieren der zahlreichen Seilrollen von einer Revisionsgondel aus, die lediglich aus einer Art hängender Arbeitsplattform bestand. Auf dieser ließen sich die Arbeiter per Funk aus genau zur jeweiligen Stütze fahren und stiegen, mit Klettergurten gesichert, zu den Seilrollen hoch. Dort mussten sie das Tragseil soweit hochdrücken, dass sie jede Rolle einzeln im Freilauf auf ihren Zustand hin überprüfen konnten. Abschließend wurden die Lager jeweils noch mit einer Fettpresse geschmiert. Wegen des notwendigen Austauschs einzelner Seilrollen war die Mitnahme von lebenden Personen bis zur Freigabe durch den TÜV-Inspekteur strengstens verboten. Deshalb wurde der Fund aus dem Gletscher ohne Begleitung in eine der alten roten Vierergondeln gesetzt. Soweit man überhaupt von sitzen sprechen kann, denn sie mussten eher hineingestellt werden. Sollte sich doch der supergescheite Junglehrer um die beiden frostigen Kollegen kümmern und sie auf dem Friedhof der Pfarrei entsorgen. Sofort nach dem Ausgraben war ihm dieser Auftrag per Funk mitgeteilt worden.
„Da hat der „Herr Sturm und Drang“ erst einmal eine sinnvolle Aufgabe! Bevor er uns noch aus der Arbeit drängt“, kommentierte ein Arbeiter. Der Ruf seiner technischen Begabung eilte dem neuen Dorfschullehrer bereits voraus. Ganz selten war dies, wie in diesem Fall, jedoch auch ein wenig hinderlich.
Im Tagesverlauf hatte währenddessen ein rascher Wetterwechsel eingesetzt. Dem sonnigen Morgen folgte gegen Mittag leichter Nieselregen, der wenig später von einem ausgewachsenen Gewitter abgelöst wurde.
Als die Bahn nun auf der außerplanmäßigen Kontrollfahrt mit den zwei Testpersonen beladen wurde, war bereits ein leichtes Donnergrollen zu hören. Nach den ersten Metern der Fahrt kündigte sich jedoch plötzlich ein zusätzliches Problem an. Dem Seilbahnbediener fiel auf, dass die Seilbahn ohne sein Zutun immer schneller wurde und das mehrfach gesicherte Bremssystem nicht wirklich zu greifen schien. Zum Leidwesen des Maschinisten ließen alle Sicherheitsbremsen Seil und Gondeln nicht spürbar langsamer werden. So etwas konnte, durfte wegen der Mehrfachsicherungen eigentlich gar nicht passieren! Und doch: Tragseil und Gondeln beschleunigten ohne das Zutun irgendeiner Person auf die mindestens das fünffache der üblichen Geschwindigkeit. Glücklicherweise waren bislang erst drei Gondeln eingehängt, die nun jedoch geradezu filmreif Richtung Talstation rasten. Der einzige Trost, den der Seilbahnbediener sich selbst eher zur Beruhigung zuraunte, war: „Zum Glück sand koane echtn Leit drin, also no lebende Leit!“
Eine gute Viertelstunde zuvor war Ludwig telefonisch zum Abtransport der Eisleichen abkommandiert worden. Aufgrund der großen Ladefläche seines Kombis wollte er die angekündigten Leichen praktischerweise in einem Rutsch zum Friedhof transportieren. In seinem Auto hatte er deshalb bereits die Rückbank umgeklappt und wartete nun auf dem Parkplatz fünfzig Meter neben der Talstation auf die kalte Fracht. Damit sich Margret daheim nicht unnötig Sorgen machte, rief er sie noch kurz an. Er konnte sie, die von den chaotischen Vorfällen noch kaum etwas mitbekommen hatte, ein wenig beruhigen, indem er ihr in kürze über die Geschehnisse berichtete. „I muss nur no auf a Fuhre woarten, die I no wegfahrn sod. Aber auf’d Brotzeit werd I scho wiada dahoam sein!“ verabschiedete er sich von ihr.
Da Ludwig während des Wartens der Gedanke kam, dass Eisleichen vermutlich eine nicht geringe Menge an Wasser im Kofferraum hinterlassen könnten, machte er noch einen kurzen Abstecher ins Lager des Gemeindebauhofes und organisierte dort eine große Folie, mit der er den Kofferraumboden wannenartig doppelt auslegte.
Als er wieder auf den Parkplatz vor der Talstation einbog, sah er, dass die benachbarte Trafostation lichterloh brannte und sich in mehreren Stichflammen gerade vollends auflöste.
Zwei junge Burschen, die mit ihren BMX-Rädern am Parkplatz standen, berichteten ihm brandaktuell von dem sensationellen Crash der Bergbahn. Ebenso schilderten sie ihm, dass dabei zwei komische Typen oder Puppen aus der Talstation hinüber auf den Hackschnitzelhaufen geflogen seien.
Kurz bevor die erste, mit den Gletscheropfern besetzte Gondel in die Talstation einfuhr, besser gesagt einraste, fand ein ausgewachsener Blitz seinen, von einem Knall begleiteten Weg ins Motorenhaus am Ende der Talstation.
„Als hätt‘s an Gewehrknall direkt am Ohr gmacht“, wurde dieser Moment später vom Maschinisten beschrieben, der zum Zeitpunkt des Unfalls am Bedienpult im Kommandoraum stand. Der Einschlag hatte ihn einige Meter durch die glücklicherweise offenstehende Tür aus dem Steuerhaus auf die Wiese katapultiert.
Außer einigen ordentlichen Prellungen, einer leichten Gehirnerschütterung und einem leichten Knalltrauma hatte er glücklicherweise keine Schäden davongetragen. Der behandelnde Arzt im Spital meinte später zu ihm: „Wenn die Tür zum Leitstand nicht gerade offen gestanden wäre, hätten ihre Verletzungen sicherlich deutlich ernsthafter ausgesehen!“
Nach den Beschreibungen der Ersthelfer über den vermutlichen Hergang war er auf diese weise Einsicht allerdings schon deutlich früher selbst gekommen.
Gerade als die erste Gondel mit den Eismännern in rekordverdächtiger Fahrt in der Talstation angelangt war, griff fast gleichzeitig mit dem Blitz das Bremssystem wieder abrupt.
Der Trägheit der Masse folgend wurden die drei Gondeln deshalb in eine ruckartige Wippbewegung versetzt, die sie vereinzelt sogar über das Förderseil hochschwingen ließen - je nach ihrem Abstand zum nächsten Tragmasten. Unglücklicherweise traf die einzige mit Menschen besetzte Gondel in der Talstation dabei einen Querträger aus Stahl, was vor allem für die Gondel weniger zuträglich ausging. Sie riss dabei an der Außenseite vollständig auf und die beiden Insassen, oder besser Stehgäste, wurden unsanft hinausgeschleudert.
In hohem Bogen katapultierte es sie aus dem offenen Teil der Talstation in Richtung der Parkplätze. Just in dem Moment, als die beiden nicht offiziell gemeldeten Passagiere den äußerst ungewöhnlichen Ausstieg aus der ehemals intakten Gondel nahmen, zischte vom Motorenraum der Talstation ein riesiger Lichtbogen durch die Luft hinüber zur unweit gelegenen Trafostation.
Die beiden nun fliegenden Mitfahrer kamen dem Lichtbogen dabei bedrohlich nah, hatten aber gleichzeitig wiederum gehöriges Glück, da sie in dem etwa drei bis vier Meter hohen Hackschnitzelhaufen am Rand des Parkplatzes landeten, der hier vor zwei Tagen vom örtlichen Bauunternehmer für den Abschluss der Wegsanierung abgeladen worden war.
Für das gesamte Gebirgstal bewirkte diese kurzzeitige massive Überspannung einen zwanzigstündigen vollständigen Stromausfall, da neben der Talstation, deren Motorraum bald in lodernden Flammen stand, ebenfalls das benachbarte Trafohäuschen deutlich in Mitleidenschaft gezogen wurde und nun munter brannte. „Das alles is grad erst passiert!“, berichteten die BMX-Burschen buchstäblich brandaktuell.
„Oh weh, sonst is no koaner verletzt?“ fragte Ludwig besorgt nach. „Den Maschinisten in der Talstation hat’s dabei aus dem Kontrollraum geschmissen, aber is nach a poar Minuten von alloings wieder aufgstanden.“ erläuterten sie.
„Um die beiden ‚Puppen‘ derf I mi jetzt kümmern!“, erklärte Ludwig trotz des sie umgebenden Chaos erstaunlich gelassen. Die Jungs schickte er weiter weg vom Ort des Geschehens, da sich vom Dorf her bereits akustisch ein größeres Aufgebot an Feuerwehren und Polizeiautos ankündigte. „Hier wird’s sicher glei recht wild zugehn. Schauts lieber zu, dass ihr auf‘d andre Straßenseite und den Hang naufkommts. Sonst gibt’s glei ghörigen Ärger mit der Polizei und der Feuerwehr!“
Einer der Burschen meinte zwar, dass sein Vater und sein Onkel bei der Feuerwehr wären, und sie deshalb weiter ganz vorn zuschauen dürften, was Ludwig aber aus Sorge um ihre Sicherheit nicht als Ausrede gelten ließ. Kaum hatten die Burschen ihre Bikes weggeschoben, rauschten auch schon das erste Polizeiauto und der Feuerwehrzug aufs Gelände.
Die nächsten Stunden waren geprägt von intensiven Löscharbeiten der Feuerwehren - zusätzlich waren die Wehren aus drei Nachbardörfern mit schwerem technischen Gerät ausgerückt - um anschließend möglichst rasch den Wiederaufbau der Stromversorgung sicherstellen zu können. Die Trafostation galt es dabei mit äußerster Vorsicht abzulöschen, da anfangs noch nicht auszuschließen war, ob sich dort nicht noch stromführende Teile befanden.
Um die beiden frischen Leichen hingegen kümmerte sich nun sonst niemand anderes mehr. Von ihnen wusste ohnehin nur der fleißige Wegetrupp und der zum Abtransport abkommandierte Junglehrer. Optisch erregten die Eisleichen auf dem dunkelbraunen Hackschnitzelhaufen kein großes Aufsehen, nicht zuletzt wegen ihrer ältlichen, in dunklen Grau-, Grün- und Brauntönen gehaltenen verwitterten Kleidung.
Zuerst musste sich Ludwig überwinden, um die festen, aber schon deutlich angetauten Körper vom Hügel herunterzuziehen und auf die ebene Ladefläche seines Kombis abwechselnd hineinzuschieben und von der hinteren geöffneten Seitentür aus hereinzuziehen. Gleichzeitig überlagerte seit dem ominösen Blitzeinschlag ein in der Luft hängender Schmorgeruch alles und jeden.
Von den Eisleichen selbst ging momentan noch kein wirklich wahrnehmbarer Eigengeruch aus. Der würde aber bald folgen, sobald sie mehr und mehr auftauten. Neben den bereits klatschnassen und leicht modrig riechenden Jacken und Hosen der beiden Ice-Ager war eine leichte Spur von den Brand- und Schmorspuren angesengten Fleisches wahrnehmbar, der sich allerdings mit dem Hackschnitzeldampf und den vom Wind herübergewehten Rauchschwaden der brennenden Anlagen mal mehr, mal weniger angenehm vermischte.
Als Ludwig den Kofferraum schon schließen wollte, faltete er noch die Plastikplane auf und wollte sie aus Pietätsgründen über die Gesichter der rücklings eingeladenen Mitfahrer legen. Eine Ausbildung zum Leichenwagenfahrer hatte er zwar keine genossen, aber während seiner Dienstjahre als Ministrant in der Dorfpfarre war ihm der respektvolle Umgang mit Verstorbenen gründlich eingeimpft worden.
Als er nun die Gesichter der beiden Mitfahrer bedecken wollte, hatte er plötzlich ein sehr komisches Gefühl. Er fragte sich, ob er die letzten chaotischen und turbulenten Minuten vielleicht doch nur geträumt habe? War Ludwig nun selbst völlig überarbeitet oder am Durchdrehen, sah er schon Gespenster, oder hatte nicht wirklich irgendetwas an einer der Eisleichen minimal gezuckt? Einer der Eismänner, deren Alter er auf etwa Anfang bis Mitte vierzig schätzte, schien ein Auge ein kleines bisschen bewegt und tatsächlich eine Hand etwas geöffnet zu haben.
Das gesamte Geschehen der vergangenen Stunden war ohnehin schon ein deftiger Schock gewesen. Zuerst der seltsame Fund zweier Eisleichen, der ihn wieder zu niedrigsten Hilfstätigkeiten degradierte, dann der Unfall mit der außer Kontrolle geratenen Bergbahn mit der in die Talstation gekrachten Gondel und in direkter Folge die explodierte Trafostation samt dem mehr oder minder großen Großbrand. Lag es daran, dass er plötzlich Gespenster sah? Aber reine Hirngespinste waren die Bewegungen gerade eben irgendwie doch nicht, dafür waren sie wiederum einfach ein Stück zu real.
Nachdem er schließlich losgefahren war, schaute er nach den ersten Kurven nochmals über die Schulter zu seinen beiden stillen Mitfahrern. Da die Plastikfolie durch die Kurvenfahrt offenbar wieder von ihren Köpfen weggerutscht war, sah er, dass die auf der Beifahrerseite liegende Eisleiche plötzlich mit den Augenlidern blinzelte. Als er bereits an der Dorfgrenze angekommen war, schaute er sich erneut kurz um und bemerkte, dass eine Hand eine kleine zuckende Bewegung machte, gerade so, als würde sich eine Raupe in ihrem Kokon gerade auf’s Ausschlüpfen vorbereiten. Nachdem er sowohl das krächzende Radio als auch das Gebläse ganz ausgeschaltet hatte, glaubte er sogar ein leises, ruckweises Schnaufen hören zu können. Jeweils in zwei kleinen Ruckerln ein-, und dann wieder in zwei leichten Ruckerln ausatmend, als müsste dabei ein leichter Widerstand überwunden werden.
Dass es Ludwig bei diesen Beobachtungen gleichzeitig heiß und kalt überkam, wäre noch eine massive Untertreibung gewesen und damit seiner Gefühlslage in keinster Weise gerecht geworden. Zum einen waren seine Beobachtungen oder vielleicht auch nur eingebildeten Beobachtungen absolut schaurig, zugleich fand er die Reaktionen aber auch aufs Höchste spannend. Die Situation kam ihm wie eine wilde Mischung der wenigen Horror-Filme, die er kannte vor. Gleichzeitig wuchs in ihm das Bedürfnis, doch irgendetwas für die offenbar auf etwas bizarre Weise erwachenden Gletscheropfer tun zu müssen. Nach den ersten, eher gruseligen Anwandlungen gewann in ihm der Helferwille die Überhand und so fing er maschinengleich an, mögliche Rettungsszenarien im Geiste durchzuspielen.
Die erste Möglichkeit bestand noch immer darin, dass diese ganzen Reaktionen ihm nur ein Scheinleben vorgaukelten, das vielleicht von ihrem doch recht dramatischen Abtransport herrührte. Vielleicht würde es in wenigen Minuten wieder genauso abrupt enden wie es begonnen hatte. Vor längerer Zeit hatte Ludwig eine leicht bizarre Wissenschaftssendung gesehen, die sich mit sogenannten „lebenden Leichen“ befasste und in der die chemischen Verdauungs- und Verrottungsprozesse als Auslöser für Leichenbewegungen entlarvt worden waren. Das passte zwar nicht ganz zur frostigen Umgebung eines Gletschers, aber vielleicht hatte der spektakuläre „Abflug“ aus der Seilbahnkabine irgendetwas dieser Art zumindest vorübergehend bei den Opfern in Bewegung gesetzt. In diesem Fall wäre der Friedhof sicherlich weiterhin das am besten geeignete Fahrtziel.
Sollte sich die Kurzlebigkeit der Phänomene aber nicht bestätigen und die beiden Männer gegen jede Wahrscheinlichkeit tatsächlich längerfristig zu neuem Leben gekommen sein, wären alle denkbaren offiziellen Stellen für die Wiederbelebten sicher ein enormer Schock und würde sie sicher permanentem Stress aussetzen. Was müsste nicht alles untersucht und ermittelt werden! Die Männer wären die lebende Mega-Sensation schlechthin: Ein Leben unter dem Brennglas der Wissenschaft und ständig im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen, wäre kein auch nur ansatzweise erstrebenswertes Leben. Und das nach dem Schock einer solch spektakulären und unfreiwilligen Wiederbelebung.
Als Ludwig von einem der Hinterbänkler die ersten Laute vernahm, die ihn an ein leicht vernebeltes, ersticktes „koit“ und drei Kurven später „Wo’ sama?“ erinnerten, sah er sich durch die Kraft des Faktischen dazu gezwungen, die erste Option zur Seite zu legen. So war nun also guter Rat teuer und alle möglichen Rettungsszenarien liefen vor seinem inneren Auge ab. Etwa zur Polizei, deren sicher hochinteressierte Gerichtsmedizin die Lage für die Burschen vermutlich kaum wirklich entspannen konnte? Oder zur dörflichen Pflegestation? Oder doch besser ins Tal hinunter ins Krankenhaus? Die beiden ehemaligen Eisleichen konnten sicherlich keine aktuell gültigen Krankenversicherungskarten oder andere Ausweise vorlegen. Damit steckten sie sicher rasch in einer massiven Klemme!
Alle weiteren Gedankenspiele liefen für die betroffenen Wiedergeborenen auf ein recht drastisches Wiedereingliederungsprogramm hinaus, auf das alle vorstellbaren Institutionen sicherlich nicht wirklich gut vorbereitet waren. Letztlich kam Ludwig der beinahe naheliegendste Gedanke an eine ihrer beiden derzeit leerstehenden Ferienwohnungen.
Dafür müsste er lediglich Margret in sein Vorhaben einweihen, von der er wusste, dass sie nicht ausgesprochen überängstlich war. Ob sie aber derart abenteuerlich wiederbelebten Menschen, die vielleicht nicht ausgesprochen lebensfähig waren, Asyl gewähren würde, oder ob sie nicht vielmehr sofort eisern darauf beharren würde, dass Ludwig sie auf der Stelle doch ins Spital fahren musste, das konnte Ludwig nur herausfinden, indem er Margret behutsam in seine ausgesprochen abenteuerliche Idee einweihte.
