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Magisterarbeit aus dem Jahr 2003 im Fachbereich Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe, Note: 1,1, Humboldt-Universität zu Berlin (Kulturwissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: Auf die Frage „Was ist ein Diskurs und was wollen uns die Dichter und Denker sagen?“ kann mit vorliegender Arbeit nicht geantwortet werden. Meine Frage lautet „Wie macht sich das Sagen zwischen Aussagen des geisteswissenschaftlichen Diskurses und metaphorischen Konstellationen der Poesie bemerkbar?“ Wie läßt es sich kulturwissenschaftlich denken und analysieren? Eines der wichtigsten Eingeständnisse der modernen Geisteswissenschaften ist, daß epistemologische Zentren wie ein kognitives Selbst, zu vervollkommnende Erfahrung und das Suchen nach letzten Wahrheiten an Bedeutung verlieren. Ein literatur- und diskurstheoretisch reformuliertes Interesse am Text will also nicht Interpretieren und Dekonstruieren. (Vgl. Silverman 1994, 246 und 256.) Vielmehr will ein solches Interesse abendländische Denktraditionen perforieren, indem es diskursive Zentren zum einen identifiziert und zum anderen Formationen ähnlicher Aussagen ihrer Struktur nach differenziert und analysiert. Hierbei erweist sich der topologische Diskurs als sinnvolles epistemologisches Werkzeug, das der Gefahr einer begrifflichen Beliebigkeit bzw. interpretativer Willkür vorbeugt. Die Kapitel sind historisch geordnet nach Autoren der Sprach-, Kultur- und Literaturphilosophie des zwanzigsten Jahrhunderts. (Saussure, Wittgenstein, Heidegger, Derrida, Foucault, Deleuze, Serres, Eco, Bachelard, Blanchot, Jabès, Baudrillard). Eine zentrale Aussage der verbalinspirierten Existenzphilosophie Heideggers lieferte hierzu die Initiation. So unmöglich es ist, das Sein des Selben zu identifizieren, offenbaren sich dennoch erkennbare Strukturen der Wiederholung im diskursiven Sprechen der Sprache, d. h. im Sagen des Denkens an sich. “Darum sagen die wesentlichen Denker stets das Selbe. Das heißt aber nicht: das Gleiche. Freilich sagen sie dies nur dem, der sich darauf einläßt, ihnen nachzudenken. […] In das Gleiche flüchten ist ungefährlich. Sich in die Zwietracht wagen, um das Selbe zu sagen, ist die Gefahr.” (Heidegger 1981, 53.) Topologische Begriffe wie Ort, relative Lage, Rand, Dimension, Faltung und Mannigfaltigkeit sowie Hier und Anderswo bilden die terminologische Grundlage meiner Analyse. Die danach zu befragenden Begriffspaare sind beispielsweise Aussage – Gedanke, das Selbe – das Andere, der Diskurs – das Diskursive und das Innen – das Außen.
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Veröffentlichungsjahr: 2007
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Auf die Frage „Was ist ein Diskurs und was wollen uns die Dichter und Denker sagen?“ kann mit vorliegender Arbeit nicht geantwortet werden. Meine Frage lautet „Wie macht sich das Sagen zwischen Aussagen des geisteswissenschaftlichen Diskurses und metaphorischen Konstellationen der Poesie bemerkbar?“ Wie läßt es sich kulturwissenschaftlich denken und analysieren? Eines der wichtigsten Eingeständnisse der modernen Geisteswissenschaften ist, daß epistemologische Zentren wie ein kognitives Selbst, zu vervollkommnende Erfahrung und das Suchen nach letzten Wahrheiten an Bedeutung verlieren. Ein literatur- und diskurstheoretisch reformuliertes Interesse am Text will also nicht Interpretieren und Dekonstruieren.1Vielmehr will ein solches Interesse abendländische Denktraditionen perforieren, indem es diskursive Zentren zum einen identifiziert und zum anderen Formationen ähnlicher Aussagen ihrer Struktur nach differenziert und analysiert. Hierbei erweist sich der topologische Diskurs als sinnvolles epistemologisches Werkzeug, das der Gefahr einer begrifflichen Beliebigkeit bzw. interpretativer Willkür vorbeugt.
Die Kapitel sind historisch geordnet nach Autoren der Sprach-, Kultur- und Literaturphilosophie des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Auswahl ist methodisch notwendig, um möglichst viele einflußreiche Denkrichtungen der geistwissenschaftlichen Moderne und Postmoderne einzufangen. Eine zentrale Aussage der verbalinspirierten Existenzphilosophie Heideggers lieferte hierzu die Initiation. So unmöglich es ist, das Sein des Selben zu identifizieren, offenbaren sich dennoch erkennbare Strukturen der Wiederholung im diskursiven Sprechen der Sprache, d. h. im Sagen des Denkens an sich.
Diese bleibende und in ihrem Bleiben auf den Menschen wartende Ankunft des Seins je und je zur Sprache [zur Schrift] bringen, ist die einzige Sache des Denkens. Darumsagendie wesentlichen Denker stetsdas Selbe.Das heißt aber nicht:das Gleiche.Freilich sagen sie dies nur dem, der sich darauf einläßt, ihnen nachzuden-1 Vgl. Silverman 1994, 246 und 256.
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ken. […] In das Gleiche flüchten ist ungefährlich. Sich in die Zwietracht wagen, umdas Selbe zu sagen,ist die Gefahr.2
Topologische Begriffe wie Ort, relative Lage, Rand, Dimension, Faltung und Mannigfaltigkeit sowie Hier und Anderswo bilden die terminologische Grundlage meiner Analyse. Die danach zu befragenden Begriffspaare sind beispielsweise Aussage - Gedanke, das Selbe - das Andere, der Diskurs - das Diskursive und das Innen - das Außen.
Jacques Lacan und Friedrich Nietzsche können nicht zu thematisierende Autoren meiner Arbeit sein. Lacans Psychoanlayse des Subjektes formiert für sich einen hysterischen Diskurs, also den nicht erkenntniserweiternd integrierbaren Rand eines wissenschaftlichen Diskurses. Nietzsches so genannte Negativitätsphilosophie operiert im Poetischen und ist deshalb an dieser Stelle nicht produktiv diskursivierbar bzw. nur sehr schwer analysierbar.3
2 Heidegger 1981, 53. Hervorhebungen von mir.
3 Eine diesbezügliche Lektüre sei Gianni Vattimo,Jenseits vom Subjekt. Nietzsche, Heidegger
und die Hermeneutik,Passagen, Böhlau 1986.
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Die Moderne beginnt spätestens mit dem ideengeschichtlichen Gebrauch des Wortesmodern.Die begrifflichen Wurzeln dieses Gebrauchs reichen selbstverständlich weiter zurück.4Der BegriffdieModerne wurde von Eugen Wolff 1887 inDie Moderne, zur Revolution und Reform der Literaturprogrammatisch geprägt für die naturalistische Literatur seiner Zeit. Literaturtheoretisch präzisiert hat Wolff diesen Begriff 1888 in dem AufsatzDie jüngste deutsche Literaturströmung und das Prinzip der Moderne.Darin treffen sich in einem Wirtshaus je ein Ästhetiker, Alltagsmensch, Idealist, Moralist, Naturalist und Naturwissenschaftler zu einem biederen Herrenabend, der mit der Frage „Was will die Dichtung?“ eröffnet wird. Nach einem vierzigseitigen argumentativen Disput über den aktuellen Stand der Literatur bezüglich der Geistes- und Naturwissenschaft, greift der Wirt, ein Literaturhistoriker namens Eugen Wolff, in dem Moment ein, als der Ästhetiker verzweifelt ruft:
„Halt! […] Wozu die vielen Worte? Sage uns endlich miteinemNamen, was dein gepriesenes neues Ideal, das Prinzip deiner neuen Dichtung ist.“ […] Als man nun von allen Seiten: „Ein Wort! Ein Ideal!“ rief, sagte der Hausherr [Literaturhistoriker]: „Nun gut, so nenne ich im Gegensatz zur Antike das moderne Ideal:Die Moderne.[…] Der Einfluß der Antike auf unserLebenist zu Ende. Das Leben ist nicht die Schule, das Leben ist nicht das Buch, das Leben ist - das Leben. […] „Die Poesie der Alten war die desBesitzes,die unsrige ist die derSehnsucht.“[Schlegel,Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur,(1809, Leipzig 1932, Bd. 1, S. 13] Und singen Shakespeares Hexen nicht: „Schönist wüst und wüst ist schön!“[Macbeth, 1. Akt, 5. Scene]. […] In dem modernen Leben scheint mir vor allem die Aufgabe angewiesen,die mechanischen Errungenschaften[Industrie der Dampfmaschine]zu geistigen Gütern umzuwerten, aus dem neuen Leben die neue Ideezu abstrahieren.5
Mit dem AufsatzDie Überwindung des Naturalismusverhalf Hermann Bahr diesem Kunstprinzip der Sehnsucht 1891 zur programmatischen Durchset-
4 Vgl. bezüglich des Verhältnisses von katholischer Theologie, Recht, Politik und Wissen-
schaft siehe Paolo Prodi (Hg.),Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) und die Moderne,Ber-
lin 2001.
5 Wolff 1998, 67 bis 69. Eugen Wolff war Literaturhistoriker und Professor an der Universität
Kiel.
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zung. Drei weitere mit dem WortModerneüberschriebene Aufsätze aus den Jahren 1890/91 bilden in diesem Sinne das Manifest der modernen Literatur und Geisteswissenschaft. Im Stile biblischer Propaganda glaubt Bahr inbrünstig an einen gegenwärtigen Neubeginn, der das Innen des Geistes von finsterer, verlogener Vergangenheit reinigt. Der wirkliche Segen kann für ihn danach nur aus der äußeren Realität der Industrie, der Dampfkraft, der Elektrizität und des Kapitals empfangen werden. Diese neue Kunst des Bedenkens und Erlebens der Umwelt will neue Religion sein oder alles Denken nivellierender Wahn.
Es kann sein, daß wir am Ende sind, am Tode der erschöpften Menschheit, […]. Es kann sein, daß wir am Anfange sind, an der Geburt einer neuen Menschheit, […]. Diese Auferstehung, glorreich und selig, das ist der Glaube der Moderne. […] Das Leben hat sich gewandelt, […]. Aber der Geist blieb alt und starr […]. Wir wollen werden, was unsere Umwelt geworden. […] Gegenwart wollen wir sein. […] Draussen, in dem Gewordenen von heute ist die Erlösung. Innen, in dem Überlieferten von gestern, ist der Fluch. […] Bis der neue Geist wird, […]. Bis die Lüge in uns, das Anderssein, anders als der Dampf und das Elektrische, erwürgt ist. Wir haben nichts als das Außen zum Innen zu machen, [… und] Eigentum erwerben. […D]er Einzug des auswärtigen Lebens in den innern Geist, das ist die neue Kunst. […] Und es wird die neue Religion sein. Denn Kunst, Wissenschaft und Religion sind DASSELBE.6
Heinrich Hart propagiert in ähnlich religiösem Ton das Ziel der Moderne. Bezüglich der Unsicherheiten einer theoretischen Begriffbestimmung zum gegenwärtigen Stand der als teleologisch aufgefaßten Entwicklung des christlichen Abendlandes, verweist Harts Utopie einer Epoche, „die nur noch Werkzeuge fertigt, aber keine Waffen“7, lediglich auf die explizite Abgrenzung von der Antike. In seinem Sinne währte sie über die Aufklärung als Überschätzung des Fernen und Fremden sowie über die Romantik als Unterschätzung des Naheliegenden und Bekannten hinaus. Für die moderne Literatur bedeutet dies eine zunächst dichterische Aneignung der aktuellen und diesseitigen Lebenswelt, vor allem der des Fortschritts der Naturwissenschaft und des sich ankündigenden Sozialismus. Nötig dafür sei eine neue Individuation des Einzelnen.
DieAntikeringt in den letzten Todeskrämpfen, dieModernehebt sich jugendlich empor. […] Sie überschätzte das Fernliegende, das Unbekannte und unterschätzte das Naheliegende, das Bekannte. […] Ohne Zweifel gemahnt Plato und Kant […]. Und doch ist es etwas anderes, diese Tatsache [Gegensatz von Idee - Wirklichkeits-form, Ding an sich - Welt der Erscheinung] mit den offenen und klaren Augen des
6 Bahr 1998, 97 bis 102.
7 Hart 1998, 127.
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Wachen zu sehen, als mit den Augen des halbwachen Träumers. […] Kopernikus und Kepler, Bacon und kant, Darwin und Bunsen […]. Sie haben uns die letzte Binde von unseren Augen genommen und nun ist es an uns, zu denken [Wissenschaft], zu empfinden [Kunst], zu handeln [Politik], wie es Sehenden geziemt. […] Schon ist es ein Tagesklatsch geworden, daß die Masse sich lockert, nach Individuation ring [vgl. Principium individuationis, in: Schopenhauer 1986, 173, § 23]. […] Der Sozialismus wäre dann eine notwendige Durchorganisation zu einem ge-sunden Individualismus gewesen [Eindrucksvolles Beispiel für eine Utopie als Futurum exactum oder Futur 2]. - Nicht minder deutlich tritt die Hinwendung zur Moderne in der Literatur hervor. Sie steht imengsten Zusammenhang mit Erkenntnis,welche unser Jahrhundert gewonnen hat. Der Übergangsmensch und der Zukunftsmensch [vgl. NietzschesUnzeitgemäße BetrachtungenundDie fröhliche Wissenschaft]sindliterarischeIdeale geworden […]. Die Moderne kann sich nicht offener ankünden. […] Ihre Wurzeln finden sich bei Shakespeare und Goethe. Sie sind die Propheten der Moderne. […] Das Ziel sei gesteckt, der Weg begonnen! […] Das Ziel der Moderne ist es, das Menschliche zum Göttlichen heraufzubilden.8
Diesen Worten zufolge hat die Moderne nach zwei Weltkriegen sowie religiös und wirtschaftlich motiviertem internationalen Terror bis heute nicht begonnen. Weniger dramatisch aber dennoch programmatisch versucht Friedrich Michael Fels 1891 eine weitgehend an der Wiener Moderne orientierten Standortbestimmung der Gegenwartsliteratur. Im Festhalten an das historische Prinzip vom stetigen Werden und Überwinden wendet er einerseits den Dekadenzbegriff ins Positive. Andererseits kann er sich in Anerkennung der Divergenz verschieden ausgeprägter Literaturströmungen nicht vom vorherrschenden Naturalismusbegriff lösen. In dieser systematischen Engführung offenbart sich flexible Beliebigkeit als Programm: „Programm- und Orientierungslosigkeit werden zum richtungsweisenden Programm erhoben.“9Mit seinem ironischen Verweis auf die Unschärfe der zu erwartenden Inhalte will Fels vor allem auf die phänomenale Form der neuen Kunstrichtungen aufmerksam machen.
Die Vorwürfe, die von den Anhängern der älteren Kunstrichtung gegen uns erhoben werden, laufen im Grunde immer auf den einen hinaus: daß wir keine Achtung haben vor dem Bestehenden, daß wir einreißen und nur einreißen […] Aber auf der anderen Seite darf niemals übersehen werden, von welchem Standpunkte aus und zu welchemEndzieledies alles geschieht. […] Wir stehen an der Grenzscheide zweier Welten […]. Das ist das dekadente Bekenntnis […]. Man hat ja immer und stets die Erfahrung gemacht, daß jede neue Generation ihren Vätern dekadent erscheint, […]. Die moderne Anschauung deckt sich hier mit der biblischen vom ersten Sündenfall. […] Es kam dann schon der Mann [Nietzsche], der ebenso gewissenlos, das
8 Hart 1998, 124 bis 128. Bemerkungen und Hervorhebungen von mir.
9 Fels 1998, 131 (Kommentar der Herausgeber).
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Gewissen der Zeit spielte. […] Die Unhaltbarkeit der literarischen Zustände hat sich auch herausgestellt, […]. Wenn diese neue Kunst [beispielsweise Impressionismus und Symbolismus] wirklich eine Form hätte, die wir nur nicht erkennen, weil sie neu ist wie ihr Inhalt […]. Das neue Schlagwort […] heißt Naturalismus. […] Aber die uns getauft haben, haben glücklicherweise den Begriff so weit gezogen, […]. Naturalist ist schließlich jeder. […] Naturalist ist jeder gute Dichter, […]. Die neue Literatur [hat] hervorgebracht Beachtenswertes, sei es nun naturalistisch oder neuidealistisch, symbolistisch oder impressionistisch […]. Das Zeugnis werden sie uns nicht versagen können: daß wir uns, […] wenigsten in dem einen konsequent geblieben sind: in der großen Inkonsequenz […], unserem künstlerischen Programm.10
Fast ein Jahrzehnt nach diesen programmatisch-enthusiastischen Initiationen resümiert der Wiener Jurist und Theaterdirektor Max Burckhard 1899 erste erkennbare Strukturen des Modernen eher kritisch. Das Wortmodernwar längst zum prominenten, alsomodischenReizwort der Epoche geworden. Mehr noch, dessen inflationärer Gebrauch führte dazu, daß es „bereits zum integralen Bestandteil diesesDiskursesgeworden“11war und deshalb eine Definition des Modernen an sich unmöglich machte. In kritischer Analogie zum Begriff Evolutionsdruck innerhalb des Modells der von Darwin 1859 und 1871 formulierten Evolutionstheorie versteht Burckhard das Phänomen der Diskursivierung prozessual und dynamisch. Die Propagandisten der Moderne begaben sich danach in die synchrone Fatalität eines um seiner selbst willen artikulierten Fortschrittsglaubens. Dem daraus resultierenden Innovationsdruck scheint nun keine sowohl künstlerische als auch geisteswissenschaftliche Bestrebung mehr entgehen zu können.
Es ist eines der modernsten Worte, das Wortmodern.[…] Und der, zu dem wir reden, weiß auch gleich, was wir meinen. Wirklich?Weißer das?Wissenwir es selbst? Der Hörer und der Sprecher wissen nur, daß in ihnen beidendieselben oder doch ziemlich ähnliche Vorstellungen und Gedankenreihenberührt und erweckt werden, wenn das Wortmodernangeschlagen wird. […] Was ist also modern? […] Das Wortmodernist über seinen ursprünglichen Begriff hinausgewachsen [hin zu einem selbsttätig prozessierenden Diskurs], […], es ist der Ausdruck geworden für die Empfindung von der Notwendigkeit des entwicklungsgeschichtlichen Fortschritts. […]Anderswill er [der Moderne Mensch, Künstler, Wissenschaftler] alles machen, als es bisher war. […] Darum ist er ein Revolutionär auf dem Gebiete, auf das er sich wirft. […] Mögen dieAlten[Konservativen, Romantiker, Naturalisten] noch so überzeugt sein, daß es ein Irrweg ist, auf den die Modernen drängen, […] darum bleibt dieModernedoch das treibende Prinzip des Fortschrittes.12
10 Fels 1998, 132 bis 136.
11 Burckhard 1998, 215, (Kommentar der Herausgeber).
12 Burckhard 1998, 216 bis 218. Bemerkungen von mir. Mit dem von Burckhard erwähnten
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Zweifel an der gesellschaftlichen und erkenntnistheoretischen Bedeutung der modernen Geisteswissenschaften folgten. Bis heute befinden sie sich im Spannungsfeld zwischen ihren Ursprüngen der aufklärerischen Moderne des achtzehnten Jahrhunderts und ihrer postmodernen Transformation seit Ende der sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. In ihrem Wissenschaftsverständnis sind Geisteswissenschaften grundsätzlich grenzüberschreitend und interdisziplinär. Ihre wesentliche Methode ist die der Verfremdung, d. h. Diskursivierung alskritische Distanzierung des Allzu-Nahen.Die phänomenal positiven Gegenstände traditioneller Geisteswissenschaft spielen dann eine sekundäre, aber dennoch nicht unbedeutende Rolle. Innerhalb der sich so entfaltenden Theoriebildung über historisch-kulturelle Wirklichkeiten etablierte sich die Kulturwissenschaft, einschließlich ihrer Methodenvielfalt, zur modernen Geisteswissenschaft par excellence.13Auch wenn die Sehnsucht nach Wahrheiten und anhängenden Diskurszentren, vor allem die der Philosophie, seit spätestens der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu sterben beginnt, und statt dessen die einsetzende Dissemination oder das Flottieren und Supplemetieren dieser erkenntnis-theoretischen Fluchtpunkte akzeptiert wird, so schieben sich beispielsweise bei Dietmar Kamper symptomatisch topographische Metaphern unter die methodischen Verfremdungen, d. h. Diskursivierungen.
Wir haben uns angewöhnt, von Geisteswissenschaften wie von Geisterwissenschaften zu sprechen. Ähnlich wie Geisterstädte sind sie nicht mehr bewohnbar, aber es gibt sie noch, und man kann, indem man siedurchstreift,sehr viel von dem entdecken, was einmal Gegenstand wissenschaftlichen Interesses gewesen ist. […] Man hat im Gegenteil Grund zu der Annahme, daß es die genuinen Gegenstände der Geisteswissenschaft gar nie gegeben hat, daß sie mit den Einsatz der Wissenschaften konstruiert wurden und dann nach und nach abgebaut [analysiert] worden sind. […] Die Gegenstandslosigkeit [der modernen Geisteswissenschaft ist] ein Effekt der Arbeit am Gegenstand und das Wissen des Effekts muß endlich in die Wissenschaften selbst rückgekoppelt werden.14
Genau hier beginnt das Selbstverständnis der Kulturwissenschaft als interdisziplinäre Wissenschaft: Strukturen dieser Wissenseffekte zu erkennen, zu beschreiben und epistemologisch zu deuten, nicht zuletzt abseits philosophischer Hermeneutik. Doch liegt hierin eben auch die Gefahr. Jede kulturwissenschaftliche Analyse solcher Sinneffekte kann „zu Tode Verstandenes pro-
kommunikationstheoretischenProblem beginnt denn auch das im ersten Kapitel des
Hauptteils meiner Arbeit zu besprechende BuchGrundlagen der allgemeine Sprachwissen-
schaftvon Saussure, das den Auftakt des Linguistischen Paradigmas repräsentiert.
13 Vgl. Reinalter 1998, 11f.
14 Kamper 1998, 25f. Bemerkungen von mir.
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duzieren, das in gar keiner Weise mehr integriert werden kann,“15d. h. keinem Diskurs erkenntniserweiternd zuschreibbar ist und im medialen Rauschen aufgrund eines nicht identifizierbaren Diskursiven an sich untergeht. Der Philosophin Elisabeth List zufolge, glaubt die Geisteswissenschaft Philosophie, einer solchen Einengung des Denkens zu entgehen, wenn der Separatismus von Geistes- und Naturwissenschaft aufgehoben würde. Zum einen ist die Grenze zwischen beiden Wissensbereichen jedoch schon mit der Verabschiedung deterministischer und mechanistischer Modelle in den Naturwissenschaften perforiert. Zum anderen zeichnet sich hier ein nicht nur terminologischer zu verstehender
Paradigmenwechsel von der Geistes- zur Kulturwissenschaft [ab]. [Er] manifestiert sich insbesondere in der Rolle bestimmter Konzepte und Themen, die das intellektuelle Profil der geisteswissenschaftlichen Disziplinen und ihre theoretische Architektonik entscheidend verändern. Es geht aber unter der Devise „Vom [hegelianischen] Geist zur Kultur“ nicht um die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“ [Kittler (Hg.), Stuttgart 1980], sondern um die Thematisierung der Materialität [als Medialität und Textualität] und die konkreten soziohistorischen Kontexte seiner kulturellen Manifestation.16
Philosophie als Geistes- oder Kulturwissenschaft ist danach selbst Teil des modernen Netzwerkes diskursiver Streifzüge durch Kampers Geisterstädte, d. h. durch Gewebe von Texten, Abhandlungen, Methoden und Systemen, in denen das Denken sich notwendig stets neu zu orientieren sucht. Der gegenwärtigen Kulturwissenschaft stellt sich also die paradoxe Aufgabe,
diese Supplementarität in die Zentralität ihrer Ursprünge einzutragen […] in einer Lektüre, die streng genommen voninnenher nicht erfolgen könnte, in einer Lektüre, die nicht bloß Kommentar und Darstellung, sondern - viel wichtiger - Philosophieren selbst ist.17
Vor dem Hintergrund dieser endlosen Re-Lektüre rückt zwingend die Problematik des Verhältnisses von Philosophie und Poesie ins Zentrum, der sich eine zentrale Denkrichtung der Kulturwissenschaft widmet―die Diskurs-theorie und ihre Methode der Diskursanalyse. Eine derartige Ausgrenzung im Sinne einer unaufhaltsamen geisteswissenschaftlichen Dezentralisierung durch die Kulturwissenschaft kann die Philosophie natürlich nicht akzeptieren, aber ihr machtbesessener „Jenseitigkeitswahn mag folgen, wohin der religiöse voranging.“18
Befreit, aber dennoch nicht frei von Wahn und Irre, zeigt das postmoderne
15 Kamper 1998, 27.
16 List 1998, 109.
17 Silverman 1994, 256.
18 Hausdorff 1898, 55.
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Denken fortan in gänzlich verschiedene Richtungen. Neben anderen sind die Ähnlichkeiten zweier von ihnen relevant für meine Analyse. Die eine begibt sich in das nicht aufzulösende Paradox, in dem die einzige Wahrheit die Nichtexistenz irgendeiner Wahrheit darstellt. Und wenn es eine Wahrheit geben sollte, können wir sie in ihrer Ganzheit nicht erkennen, weil das DenkenalsDasein notwendig selbst Teil dieser Wahrheit ist.19Eine andere Richtung fügt sich einem Axiom des Poststrukturalismus, wonach sämtliche Diskurse bestimmten epochal geschlossenen Wissensproduktionen, Diskursordnungen und Machtstrukturen unterworfen sind. Als ein in Frankreich begründeter Zweig der Wissenschaftskritik betrifft er in erster Linie die Psychoanalyse, Philosophie und Literaturtheorie. Sein Wegbereiter war die Diskursanalyse des Historikers Foucaults. In entscheidender Trennung vom frühmodernen Strukturalismus, der von historischen Zusammenhängen zu abstrahieren suchte, erkannte Foucault ende der sechziger Jahre, daß das historische Subjekt selbst ein bündelndes und nicht reduzierbares Produkt komplexer Fremdeinwirkung ist. Das Subjekt als kreatives und schöpferisches Wesen wird zwar nicht mehr verneint, aber verstanden als determiniert durch die Epoche, einschließlich ihrer herrschenden Diskurse und technisch-medialen Dispositive. Die Diskursanalyse versucht alsArchäologie des Wissens(Foucault),Karten zu(Härle)denTausend Plateaus(Deleuze)je diskursiver Spuren des Denkens zu entwerfen. Für die anhängende Literaturwissenschaft hat danach jedes literarische Werk oder gar jeder Text Palimpsestcharakter als gleichsam selbst Löcher hinterlassender Faden und Gewebe aus anderen Texten(text(us), texere).
