Die männliche Unreife des Todes - Ralph Roger Glöckler - E-Book

Die männliche Unreife des Todes E-Book

Ralph Roger Glöckler

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Beschreibung

Wenn du jetzt erwartest, den Sensenmann auf einem Pferd zu treffen, dann lass das Buch liegen. Auf diesen Seiten gibt es keine schaurige, düstere oder grausame Gestalt zu erblicken. Es wird auch kein Grauen an die Tür klopfen, kein Weinen, kein Betteln, kein Klagen zu hören sein. Aufhören. Nur das Aufhören existiert. Tick-tack, Tick-tack ... Das Aufhören ist immer zu hören. Bis zum Zerbrechen. Und sie zerbrechen jeden Tag aufs Neue: Die, die noch kein hohes Alter haben, die keine Erfahrungen besitzen, die sich in einer Entwicklung befinden, nach Frische duften, sich nach Liebe sehnen, Erwartungen und Träume haben. Solche unreifen und labilen Gemüter wirst du hier finden, missbrauchte und selbstbetrogene Leiber, zartrosige Fleischeslüste und sinnliche Entlarvungen. Die Landschaft wird in Ölfarbe getaucht. Das Licht bringt dich in ein Künstleratelier. Die Sonne wird dich vergeblich versuchen zu wärmen. Immer wieder wirst du ihnen begegnen: jungen Männern, jungen Körpern; wie sie zerbrechen. Bist du stark genug, dieses Aufhören zu hören? Tick-tack, Tick-tack ... Tick-Tack ... Ralph Roger Glöckler zelebriert in diesen fünf Novellen die Eroberungsmesse des Todes über das Leben, ohne Weihrauch und biblische Hallelujas, aber mit wortgewaltiger und aussagekräftiger Sprache. Seine Charaktere stol-pern über missverstandene Gefühle, ersuchen den Sinn des Lebens in Kunst, in Hetero- und Homosexualität und verfangen sich in der Unfähigkeit zu sein. Der Tod lauert immer und überall. Als Erlöser. Und trotz des unvermeid-lichen Schicksals aller Menschen erweist sich dieses Werk, gerade wegen des Todes, als meisterlich inszenierte Hymne auf das Leben, denn nichts ist wertvoller, nichts ist vergänglicher als das Leben selbst.

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Die männliche Unreife des Todes

Die Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dieses Buchin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Erste Auflage 2016© Größenwahn Verlag Frankfurt am Main, 2016www.groessenwahn-verlag.deAlle Rechte vorbehalten.ISBN: 978-3-95771-079-6eISBN: 978-3-95771-080-2

Ralph Roger Glöckler

Die männliche Unreife des Todes

Novellen

für Günter

IMPRESSUMDie männliche Unreife des Todes

AutorRalph Roger Glöckler

SeitengestaltungGrößenwahn Verlag Frankfurt am Main

CovergestaltungMarti O´Sigma

CoverbildFerdinand Hodler, »Die Nacht« (Auszug)

LektoratThomas Pregel

Größenwahn Verlag Frankfurt am MainApril 2016

ISBN: 978-3-95771-079-6eISBN: 978-3-95771-080-2

die männliche Unreife des Todes

Bericht in eigener Sache

Max

Villa Sonnentau

Valentinas Tod

Spiegelungen

Biographisches

Bericht in eigener Sache

Da steht er nun, der arme Tor, und ist noch dümmer als zuvor. Ach, das ist böse, mein Spott zu gar nichts nütze, habe ich doch meine Pflicht zu erfüllen, mich jeden Kommentars zu enthalten. Mitleid, Spott, Sarkasmus tun nichts zur Sache, beweisen aber, dass ich endlich motiviert bin, diesen Fall zu beenden.

Die Mitglieder dieser Agentur, einer globalen Organisation kompensatorischer Strategie, haben nämlich einen gewissen Freiraum, der es erlaubt, Arbeiten vorzuziehen oder zu verzögern. Wer sich für die Dienstleistungen von KompenStrat, so unser Firmenname, entscheidet, wird sich, von wenigen, bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen, auf unbegrenzte Zeit mit uns einlassen. Wir sind erschwinglich, ein modernes, effizientes Unternehmen. Unsere Verträge sind juristisch abgesichert, haben keine einschränkenden Klauseln. Leistungsfähigkeit, die wir stets garantieren, ist unser Markenzeichen, ebenso Diskretion, werden unsere Verträge doch niemals aufgefunden. Die Lösung eines Falles hängt, wie gesagt, vom Engagement der Mitarbeiter ab, kann von daher eine Frage der Zeit sein. Wir bemühen uns stets um die angemessene Strategie, was ein gründliches Studium des einzelnen Auftrages erfordert. Die Struktur der Fälle ist oft ohne Logik. So ist es vorgekommen, dass wir Kunden jahrzehntelang beobachtet haben, bevor wir uns befähigt sahen, unsere Aufgabe zu erfüllen. Kein leichter Job, im Gegenteil, er stellt hohe Anforderungen. Der Kunde weiß nicht, worauf er sich einlässt, verkauft er seine Seele doch gegen das Gefühl, ein fähiger Mensch zu sein. Illusion ist alles. Wir, jedoch, müssen ihn entsorgen. Der Preis ist hoch. Das hat er nun davon.

Ich habe früher, das ist undenklich lange her, schon bessere Zeiten gesehen, wohl wahr, darf mich aber nicht beklagen. Das wäre ungerecht, war es doch meine Entscheidung, hier mitzuarbeiten. Ja, ich muss sagen, dass es keinen anderen Beruf für mich gibt, geben kann, und wenn ich der Lust gedenke, die ich bei meiner Tätigkeit empfinde, dann sind die erlittenen Qualen vergessen.

Der arme Tor, Kundenkürzel Ky0, aber nennen wir ihn der Einfachheit halber »T«, wir sind, wie gesagt, diskret, wartet auf das Flugzeug um zwölf Uhr dreißig aus London. Seine Geliebte, deren Rolle ich im Rahmen unserer Strategie übernommen habe, kommt von einer Geschäftsreise zurück. Nun starrt er sehnsüchtig auf die sich automatisch öffnenden Türen, aus denen mit Gepäck beladene Passagiere treten. Es war leicht, ihm den Kopf zu verdrehen. Ich bin darin sehr geschickt. Aber davon später mehr. »T« bebt vor Wiedersehensfreude, stellt sich gar auf die Zehen, um besser sehen zu können, und bemerkt nicht, dass ich ihn beobachte.

Natürlich komme ich nicht aus London. »T« wird niemals erfahren, woher ich komme, so ich von irgendwoher komme. Eine Grundregel unserer Agentur, weder unseren Aufenthaltsort, noch unseren wahren Namen zu sagen. Verena Kästner, auf die er wartet, gibt es nicht. Eine Erfindung. Sollte eine Frau dieses Namens im Telefonbuch aufgelistet sein, so ist sie nicht mit mir identisch. Mit mir ist gar nichts identisch, und wenn, dann nur ... Die namentliche Übereinstimmung wäre rein zufällig. Identität ist Wegwerfware in unserem Geschäft. Wir sind äußerst einfallsreich, für raffinierte Manöver bekannt.

Ein Wort zu Kundenkürzel Ky0: Dieser Auftrag hat sich uns vor etwa zwanzig Jahren erteilt. Die Agentur ist damals vom Gekreisch einer bis über die Schmerzgrenze gestoßenen Kreatur alarmiert worden, verfügen wir doch seit jeher über ein Online-Warnsystem (OWS), also eine Art mental operierender Detektei, die nicht nur die genauen Daten des jeweiligen Falles kommuniziert, sondern auch jene Mitarbeiter ermittelt, die über alle zur Lösung des Falles erforderlichen Eigenschaften verfügen.

Ich wurde abkommandiert, war sofort zur Stelle und stand vor einem jungen, sich auf dem Boden windenden Mann, der sich im Holzfäller-Training eine große Zehe abgehackt hatte. Da lag sie nun! Kein schöner Anblick, wie sich denken lässt, weshalb ich mich nicht bei diesen unästhetischen Einzelheiten aufhalten werde, das führt zu weit, fällt dies außerdem in den Zuständigkeitsbereich unserer Visualisierungs-Abteilung. Auch bei uns gibt es Kompetenz-Gerangel.

Nur so viel, dass die blutige Zehe wie ein zu Tode erschreckter Frosch durch die Seele ihres abgehackten Herrn sprang, der sich auf dem sandigen Boden krümmte, Schmerzensschreie ausstieß und sich ob seiner Ungeschicklichkeit selbst verfluchte. Der körperliche Schmerz steigerte sich in der unerträglichen Erkenntnis, ein unfähiger Mensch zu sein, ja, nur dazu zu taugen, sich selbst zu verstümmeln. Die Kinder, mit denen er früher gespielt und die ihn wegen seiner Fahrigkeit gehänselt hatten, stimmten ein Gelächter zu höherem Hohn in seiner Erinnerung an, selbst das Waldgetier und die Arbeitskollegen fielen in den schadenfrohen Chor ein.

Wie sollte er also weiterleben können, wenn die eigene Blödheit jede Zukunft wie eine Zehe von ihm abtrennte? Er war in diesem vermaledeiten Augenblick bereit, alles, ja wirklich alles für ein Bewusstsein einzutauschen, gut, ausgezeichnet, brillant zu sein.

Wir wurden handelseinig.

Ky0 fiel nach Unterzeichnung unseres Vertrages in tiefe Ohnmacht, was ich dazu benutzte, bei ihm zu sitzen, seinen Kopf zu streicheln, ihm nicht nur von dieser Agentur erarbeitete, symmetrisch erscheinende, in Wahrheit aber vielfach gebrochene Formeln ins Ohr zu flüstern, sondern mich ganz und gar in seine Seele zu formen, um ihn davon zu überzeugen, viel besser als das zu sein, wofür er sich selbst und die anderen ihn hielten. Der Kunde wusste, als er Stunden später im örtlichen Unfallkrankenhaus mit wieder angenähter Zehe erwachte, ein riesiger, süßlich duftender Blumenstrauß mit unleserlichem Empfehlungskärtchen der Agentur auf dem Nachttisch, er wusste also, dass er das Abitur nachholen, ein Studium der Politikwissenschaften anschließen würde, und hatte, da wir effiziente Arbeit leisten, bereits begonnen, von einer Berufung zum Staatsmann zu träumen.

Schließlich vernichtende Schläge: die Dissertation scheiterte, wurde nur als Magisterarbeit anerkannt. Da Ky0 in unserem Überlebenstraining gelernt hat, besser zu sein, als er ist, verwandelte er die Enttäuschung in das Bewusstsein, das grundlegende, völlig verkannte Werk über die Außenpolitik eines asiatischen Staates geschrieben zu haben, ließ einen Stempel mit seinem Namen und dem Zusatz M. A. anfertigen, was seine akademische Qualifikation beweisen sollte und sich auf den Briefen wie Dr. las.

Wäre ich zynisch, was wir nur sind, wenn wir es sein müssen, würde ich behaupten, ihn dabei beobachtet zu haben, den Stempel fest auf das farbgetränkte Kissen und sofort auf zwanzig Briefumschläge gepresst zu haben. Was er nicht tat und wenn, dann nur in übertragenem Sinn, so wie ich kein Zyniker bin, auch wenn ich zu boshaften Emotionen neige. Die Mitarbeiter dieses Instituts müssen kalt sein, abgebrüht, gnadenlos. Gefühle sind Masken, die bei Gelegenheit auf ganz natürlich erscheinende Weise verwendet werden. Nichts weiter. Wenn sie sich gelegentlich regen, so mag dies ein Grund für den Erfolg unseres Hauses sein, sind sie doch, analysiert, höllisch sublimiert, die Essenz unserer Arbeit.

Zurück zu »T«. Die politische Partei, deren Parlamentsfraktion er leiten wollte, um später Vorsitzender, schließlich Premierminister oder Präsident der Republik zu werden, beauftragte ihn, weiterführende Kurse (politische Bildung!) in einer ihrer kulturellen Organisationen zu geben, stellte sogar in Aussicht, ihn möglicherweise zum Leiter der Institution zu ernennen. Was nicht geschah. Der Kollege wurde berufen: eine arglistige, gezielt gegen ihn gerichtete Intrige, so unser Kunde, die seine gewissenhaft geleistete Arbeit zunichtemachte. »T« war außer sich, haderte mit der Menschen Boshaftigkeit, haderte mit seinem Pech, und wir hätten ihn fast mit einem Autounfall erwischt.

In Volkshochschulen beschäftigt, schuftet er wie ein Besessener, um den Anforderungen gerecht zu werden, rast von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, ein wahrer Bildungsfeuerwehrmann, der zeigen muss, was er kann. Das Scharren im Sand verklärte sich für ihn zur genialen Arbeitsleistung, zum Beweis seiner politischen Berufung.

Dies nur als Beispiel. Ich könnte weitere anführen, wenn sie nicht so langweilig wären, außerdem geht es in diesem Bericht, nicht um »T«, Ky0 oder um andere Kunden, sondern um Strategien und Kollaborateure dieser Agentur. Ein Bericht in eigener Sache, sozusagen, dies nur in Klammern, soll er doch als Anhang zum Curriculum Vitae von Verena Kästner verwendet werden, die morgen ganz anders heißen und sich um Beförderung bewerben wird.

Wir verloren das Interesse, verständigten uns ratlos über diesen Vertrag: Keiner von uns hatte Lust, ihn zu erfüllen. Was also tun mit dieser Seele? Sollten wir ihn wie ein tolles Kaninchen halten, um gelegentlich damit zu spielen? Wir hätten ihn aus dem Vertrag entlassen können, allein Erlösung ist nicht unser Geschäft. Wir hatten gedacht, unsere Einflüsterungen würden ihn zu großartigen Aufschwüngen stimulieren, die auch uns ... »T«, so folgerten wir, schien eine Art Kurzschluss in unserem System zu sein, was nicht außergewöhnlich ist, sich im Übrigen automatisch reguliert. Wir haben gedacht, wir hätten uns täuschen lassen! Auch das kommt vor. Wir haben falsch gedacht. Das System ist feinsinnig, schließt keine Verträge ab, ohne zu wissen weshalb. Dafür ist es viel zu berechnend. Diese Seele schrie ja geradezu nach unserem Engagement. Das Gekreisch, damals, war viel bedeutungsvoller, als wir dachten. Wir hätten das wissen müssen.

Plötzlich war es soweit: Alle Warnsignale in der Überwachungszentrale blinkten rot, die Gau-Sirene schrillte. Die Mitarbeiter folgten den Ereignissen auf den Monitoren mit gespannter Aufmerksamkeit. Ky0, der sich um eine neue Stelle bewirbt, verleugnet seine schwarze Lebensgefährtin, verleugnet sie bei der Wohnungssuche, noch ein drittes Mal, bevor der Wecker schellt, ja, wahrlich ein drittes Mal, bevor der Wecker am ersten Arbeitstag schellt. Wahrlich, sagt sie, sie habe gewusst, dass er sie dreimal verleugnen würde, bevor die U-Bahn fahre. Sie solle doch verstehen, sagt er, es gehe um seine Zukunft, einer wie er sei zu Höherem berufen.

Verena Kästner, ich, war sofort zur Stelle, sann lustvoll auf die angemessene Strategie, beobachtete den Kunden, fand heraus, wie einsam er bei aller Arbeit war, blickte ihm beim Lesen der Rubriken »Sie sucht Ihn« über die Schulter.

Ich wusste, was zu tun war, setzte mich an den Computer und gestaltete einige verlockende Sätze, die wir, verschiedentlich variiert, in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichten. Wir haben im Ausbildungsprogramm der Agentur gelernt, einprägsame Anzeigen zu formulieren, sind sie doch wie Spiegel, vermögen, geschickt verfasst, unwiderstehliche Anziehungskraft zu entfalten. Sirenengesang ist unser Metier. Wer, fragt sich der Kunde, ist diese Person, koloriert sie mit den Farben seiner Wünsche, fühlt den süßen Zwang, wenn nicht sofort, so doch alsbald darauf zu antworten: Liebe Unbekannte, liebe Inserentin, liebe ... Er wird innehalten, plötzlich an der Figur aus dem Nichts zweifeln. Was, wenn es eine Fata Morgana der Hoffnung wäre, nur eine Illusion? Er wird ernüchtert auf das Blatt blicken, von seinem Überschwang beschämt sein, wird sich fragen, wozu er sich da hinreißen lasse, wird den Kugelschreiber weglegen, die Anzeige ausschneiden, sich gedankenverloren in seinem Stuhl zurücklehnen. Wir kennen das schon.

So stieß Ky0 an einem trüben Novembersamstag auf das Inserat einer Frau, die, selbst Ende dreißig, Akademikerin, kulturell interessierte Geschäftsfrau, einen sensiblen, aufgeschlossenen, erfolgreichen Mann (bis Mitte vierzig) zum Aufbau einer Beziehung suchte. Er kreuzte die Anzeige mit dem Rotstift an, das war die Frau, von der er träumte, spannte ein Blatt in seine Schreibmaschine, setzte sofort ein Schreiben auf, da es, wie bei allen Bewerbungen, auch in diesem Fall darauf ankam, keine Zeit zu verlieren: Sehr geehrte Dame! Er hielt inne, wusste nicht, was er sagen sollte. Nein, so ging es nicht, strich die gewohnheitsmäßige Anrede. Hallo Fremde! Das war schon besser. Er schloss einen klar gegliederten Text an, in dem er die Umstände, erstens, zweitens, drittens seines Lebens schilderte, ließ hier und da anklingen, was er für seine wesentlichen Eigenschaften erachtete, und endete in der Hoffnung auf eine baldige Antwort und mit freundlichen Grüßen, brachte den Brief ins Reine, überflog ihn noch einmal, ja, so war es gut, tadellos, steckte ihn in einen mit Adresse und Chiffre versehenen Umschlag, drückte sein Siegel darauf und lehnte sich erschöpft zurück.

Wir vereinbarten das erste Treffen in einer elegant möblierten Wohnung, die wir zu diesem Zweck angemietet hatten, scheuen wir doch weder Mühe noch Ausgaben. Da stand er vor mir: groß, kräftig, mit kantigem Schädel, eine Flasche Portwein in der Hand, sah mich überrascht an, Déjà-vu, fragte sich, woher er mich wohl kenne.

Guten Tag, mein Lieber, sagte ich. Guten Tag, Verena K., sagte er leise, schluckte verlegen und gab mir so zu verstehen, wie sehr ich ihn bezauberte, was, wie gesagt, nicht schwierig war, stelle ich doch eine Art höherer Vision seiner selbst dar: schön, unabhängig, erfolgreich. Da ich, natürlich nur für ihn, als Justitiarin einer internationalen Immobiliengesellschaft, viel auf Reisen bin, verströme ich, einen Slogan zitierend, den Duft der großen weiten Welt, vermenge mehrere Sprachen, um ihn ein wenig zu verwirren. Das ist apart, manchmal witzig, passt zu meiner feschen Kleidung. Mein Gesicht ist schmal, das Profil markant, fast römisch, habe kurzes, dunkles Haar, ach, wenn er wüsste, dass ich ein Mann bin, schlank, durchtrainiert, von seltsam erotischer Ausstrahlung, ja, wenn er die Wahrheit wüsste, wär er noch blöder als zuvor. So kleide ich mich, um jeden Zweifel zu zerstreuen, in reine Wolle, Leinen, Seide, für einen Bummel auch in Jeans, habe menschliche Schwächen, neige zu Pedanterie, Depressionen, nervösen Verspannungen des Leibes, die ich manchmal schweflig fahren lasse.

So lebten wir dahin. Ich nistete mich in seinen Gefühlen ein, lockte ihn aus sich heraus, bis er mir ganz verfiel. Das ist übrigens schwierig und nur geschäftlich zu ertragen, weil man weiß, dass alles ein berechnetes Ende hat, gehört unser Mann doch zu jenen Kunden, die partnerschaftlichen Parasitismus entwickeln, wenn sie sich sicher fühlen, wollen den anderen beherrschen, nehmen hemmungslos, ohne jemals zu geben, saugen aus, weil sie denken, mit fremdem Blut leichter zu überleben. So ihre Philosophie, so ihr Schicksal. Dafür gibt es uns.

Da kommen die Passagiere aus London. »T« reckt sich, um besser zu sehen, versteckt einen Strauß Blumen hinter dem Rücken. Ich trete lautlos heran, lege meine Hand auf seine Schulter. Ky0 zuckt nur, weil er nicht damit rechnet, dass ich ihm auf diese Weise komme. Infam, ich weiß, lächle amüsiert, kann aber nicht anders, so wahr mir die Agentur helfe. Geschäftsgebaren: unberechenbar ehrlich. Der Kunde reagiert nicht, wird von der Erwartung besessen, mich endlich zwischen den anderen Passagieren zu erkennen. Woher, so denkt er, kann einer kommen, wenn nicht aus der Gepäckausgabe.

Ich ziehe die Hand zurück. Da dreht er den Kopf, nur ein Reflex, als wolle er ein ungebetenes Wesen auf seiner Schulter verscheuchen, sieht mich nicht an, erfasst nur vertraute Züge, die sich, das kann doch nicht sein, über die ankommenden Passagiere blenden. »T« dreht sich ungläubig um. Ich lache ihn an, Du armer Tor, habe Mühe, nicht in schrilles Gelächter auszubrechen. Sein Gesicht spiegelt Überraschung, die für den Bruchteil einer Sekunde in den Augenbrauen zuckende Erkenntnis, hinters Licht geführt worden zu sein. Dann ist er selig.

Verena, stößt er hervor.

Liebster, sage ich, schließe ihn in die Arme.

Dass Du schon wieder abreisen musst, sagt er traurig, hebt meinen Koffer auf die Gepäckwaage des Abfertigungsschalters. Seine Gefühle sind aufrichtig, hat sich mit mir in trügerischer Hoffnung gewiegt, fürchtet die schmerzlichen Entzugserscheinungen des Alleinseins. Anstrengend, Spielplatz eines Narren zu sein! Macht nur anfänglich Spaß, dann wird es langweilig, ja lästig, hat gar gefährliche Momente. Für jemanden wie mich, jedenfalls, das will ich nicht verheimlichen. Aber davon später mehr. Gut, dass wir Tarife haben, viel verdienen, in Werten, die bürgerliche Ökonomie übersteigen, bin aber dennoch froh, dass dieser Fall ein baldiges Ende haben wird. So ist es mir gelungen, den Kunden zu warnen, gewisse, wie soll ich sagen, Maschen seiner Gefühle zu öffnen, durch die ein Aufblitzen unserer unerschütterlichen Vertragstreue, auch wenn er es nicht wahrhaben will, in ihn eindringen konnte, kurze, in seinen Affekten sofort verlöschende Lichter, an die er sich später erinnern wird. Mein persönlicher Einsatz ist nach dieser Abschiedsszene beendet, der Agentur sei Dank, alles weitere sind Schreibtischarbeiten, die ich online erledigen werde.

Schade, ja, sage ich, wirke betrübt.

Ruf mich an, sagt er, während wir zur Passkontrolle gehen.

Ich werde es versuchen, antworte ich. Du weißt ja, die Inseln liegen am anderen Ende der Welt. Kann sein, dass Du erst einmal nichts von mir hören wirst.

Via Satellit, sagt er aufmunternd, weil er mich für traurig und sich für meine große Liebe hält.

Meinst Du, sage ich einfältig, denke, was ich zu denken habe, kämpfe gegen ein Gelächter an. Ich werde Dir schreiben!

Ich freue mich jetzt schon auf Deinen Brief, sagt er, schließt mich mit einem Seufzer in die Arme, hält mich fest, möchte mich gar nicht ziehen lassen, ja, so ist es recht, mein Lieber, das haben wir beabsichtigt. Dein Herz wiegt wie ein Stein. Du hast noch nicht verstanden, dass wir es gerade in finsteres Gewässer geworfen haben, in dem es auf ewig versinkt. Schon trifft es mit dumpfem Schlag auf das andere Geröll, das sich dort unten auf einer Schutthalde häuft, die niemand jemals gesehen hat, sind wir doch für unsere Umweltfreundlichkeit bekannt. Aber ich will nicht leugnen, Du armer Tor, dass ich ein wenig mit dir fühle, auch wenn ich saubere Arbeit geleistet habe.

Leb wohl, sage ich, blicke ihn ernst an. Manchmal verachte ich meinen Beruf, sind Gefühle doch etwas sehr Schönes, gäbe etwas darum, sie mit jemandem teilen zu können, und sei es auch nur mit einem Verräter wie Dir. Ich zeige meinen Pass, wende mich noch einmal um, winke »T« zu.

Die Agentur hat die Wohnung gekündigt, die Schlüssel zurückgegeben. Das Leben geht weiter, als wäre nichts gewesen. Der Mieter wird niemals erfahren, dass wir von seinem Raum und seiner Zeit profitiert haben, im Gegenteil, zeigt sich die Agentur für diese Art unfreiwilliger Diensterbringungen doch äußerst erkenntlich. Dafür gibt es einen Fond. Der Mieter wird einen finanziellen, von der Bank nicht aufzuklärenden Irrtum zu seinen Gunsten auf dem Konto finden. Wir sind wirklich sehr großzügig ... Verena Kästner, die nie existierte, ist aus dem Telefonbuch verschwunden, selbst wenn sie die Frau wäre, die sie vorgab zu sein, würde die Auskunft nichts von mir wissen. Die Nummer, unter der ich eben noch zu erreichen war, ist der Anschluss einer fremden Person. Alle Spuren sind beseitigt. Ky0 wird Verena Kästner niemals wiedersehen.

Mein Lieber! Ich will sofort mit der Niederschrift des Briefes beginnen, weil der Kunde nicht länger als zehn Tage auf die Folter gespannt werden darf, die exakte Spanne, um jenen Leidensdruck zu erzeugen, den wir für unsere Strategie benötigen. Vorbereitungsund Laufzeit des Briefes sind aufeinander abgestimmt, vom Computer unter Eingabe aller Kundendaten berechnet. Wir haben deshalb einen kleinen Archipel im pazifischen Ozean ausgewählt, auf dem einer unserer Lehrlinge den Brief mit dortiger Frankierung aufgeben wird: Briefmarke mit dem Konterfei eines Herrschers, Stempel wie von Ky0s Kissen.

Ja, schreibe ich, es ist einfach, dich von hier aus anzurufen. Sogar im Direktwählverfahren. Du hast ganz recht: Satelliten würden es ermöglichen. Kein Ort auf diesem Globus ist zu fern, um einander nicht zu finden. Lass mich Dir also erklären, warum ich nicht angerufen habe. Ach, es fällt mir schwer, diese Zeilen zu schreiben, weil es mir schwerfällt, zu verstehen, was sich mit mir ereignet. Ich verstehe mich nicht. Einer meiner Widersprüche, mit denen Du mich gehänselt hast. Das ist gut, klingt unzufrieden, zerknirscht, schuldbewusst. Du magst das für Schwäche halten, für Feigheit. Nein, streichen, das wäre eine Aufforderung, sich über mich zu erheben. So einer ist schnell über die andern erhaben, wirft sich selbstgerecht in die Brust. Außerdem wäre es albern, weil wir beide wissen, dass ich weder schwach noch feige bin. Also keine falsche Rhetorik. Ich habe gewisse menschliche Schwächen, das schon, bin unaufrichtig, opportunistisch, aber schwach und feige, das bin ich nicht. Oder versucht Verena K. als inexistente Identität sich über ihre Eigenschaften hinwegzutäuschen? Lassen wir das.

Du hast mich gelegentlich nach meiner Traurigkeit gefragt, danach, ob unser gemeinsames Wochenende sie nicht lindern würde. Ja, du warst dir sicher, dass ich zu viel allein, zu viel auf Reisen sei! Wenn Du nur wüsstest, oh armer Tor, wie mein Überdruss an dieser Inszenierung dabei geholfen hat, mich traurig, niedergeschlagen, depressiv sein zu lassen. Aber so ist es: Selbst Überdruss steht im Dienst der Agentur ... Die Traurigkeit ist, fahre ich fort, eine Konsequenz unserer Beziehung. Ich habe mich bemüht, deine Gefühle zu erwidern. Du wärst es wert gewesen, sich in dich zu verlieben, bist liebevoll, gütig, ja, und ein prachtvoller Mann dazu, ich aber bleibe halbherzig, werde Dir nicht gerecht. Das verdienst Du nicht. Kannst Du verstehen, dass ich regelrecht Angst vor unserer letzten Begegnung hatte? Sie sollte, was mich anbelangt, über unsere weitere Zukunft entscheiden, machte alles davon abhängig. Ein unglücklicher, ja, ein verzweifelter Versuch. Das muss ich sagen.

Schon sehe ich den herablassenden Zug in seinem Gesicht. So einer ist hochmütig, gut, das haben wir ihm eingeredet, Hochmut kommt vor dem Fall. Ich darf mich nicht in Schuldgefühlen wälzen, was schlecht für mich ist, haben die Beamten dieser Agentur doch die Neigung, sich diesen Gefühlen hinzugeben und darüber zu vergessen, dass es sich um geschäftlichen Bluff handelt, um ein Spiel mit gezinkten Karten. Das Schuldbewusstsein hat mit unserer Herkunft zu tun.

Erinnerst Du dich an die letzte Nacht? Wir hatten lange nicht miteinander geschlafen. Du warst zärtlich, hattest Dich für mich aufgespart. Ich wollte dich nicht, auch nicht als Trankopfer. Ich konnte es nicht ... Natürlich nicht. Was denkst Du denn, schließlich wollten wir jenes Grauen in dir vorbereiten, das dich nach der Lektüre dieses Briefes erfassen, dein Bewusstsein mit irren Blitzen zerreißen wird. Ach, es erfüllt mich mit ebenso irrer Freude. Wenn ich ihn abgewiesen habe, so auch, weil wir verführbar sind und er mich zu etwas Selbstzerstörerischem verleitet haben würde: Werden wir doch übertariflich bezahlt, um Zärtlichkeiten nicht zu erliegen. So geschah es einmal, dass ich in ekstatische Höhen entglitt, wo andere das Namenlose erschauen: Für mich steht dort der furchtbare Engel. Aber gut. Wir haben es so gewollt. Eine Wahl ohne Alternative. Begnügen wir uns also mit fingierten Orgasmen.

Du warst enttäuscht, schreibe ich, ja, verletzt. Ich kann es Dir nicht verdenken, hast aber sofort einen Grund gefunden, mir zu verzeihen: die Reise, die Depression, die ... Du armer Tor, der noch viel angeschmierter war als je zuvor. Wie konntest Du auch wissen, dass alles, was ich beginne, auf ein zweifelhaftes Ende zielt? Ich wusste, als Du dich einsam verströmtest, dass ich es nicht mehr ertragen würde, mein Leben mit dem deinen zu teilen. Du brauchst einen Menschen, der nur für dich existiert ... als ob es das gäbe! ... Ich bin dieser Mensch nicht ... Verena K. ist ja so wohlmeinend, nicht wahr, die Güte in Person. Der Agentur sei Dank, dass es sie nicht mehr gibt. Bin ganz krank von so viel Zynismus – nur ganz anders, als man denken mag.