29,99 €
Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe, Note: 1,3, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (ISK - Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft), Sprache: Deutsch, Abstract: Ludwig Wittgensteins Konzeption sozialer Sprachspiele eignet sich auch heute noch hervorragend dazu, verstehbar zu machen, wie zwischenmenschliche Kommunikation und Sprache überhaupt funktionieren. Darüber hinaus können seine Ausführungen für den Nachweis nutzbar gemacht werden, dass Sprache als ein universelles Medium aufzufassen ist. Hierbei handelt es sich um eine Sichtweise, die in weiten Teilen der wissenschaftlichen Mediendebatte kaum Beachtung findet. Während unterschiedliche Formen elektronischer Kommunikation im Zentrum des Interesses stehen, wird der Medialitätsstatus der Sprache häufig bewusst geleugnet. Das liegt zum einen daran, dass in der genannten Debatte keineswegs Einigkeit darüber herrscht, was eigentlich unter einem Medium zu verstehen ist; ein anderer Grund ist, dass Sprache in sehr vielen Theorien lediglich als Transportmittel zur bloßen Übertragung medienunabhängiger Informationen konzipiert wird. Es ist allerdings fraglich, ob dieses Modell dem Phänomen gerecht werden kann. Die in den PU vertretene Sprachauffassung weist diesbezüglich einen völlig anderen Weg: Natürlich spricht Wittgenstein an keiner Stelle explizit von der ‚Medialität’ der Sprache. Dennoch lassen sich bei genauer Lektüre sehr viele Charakteristika von Sprache herausstellen, die mit der Behauptung, dass Sprache ein Medium ist, in Einklang gebracht werden können. In dieser Magisterarbeit wird daher der Versuch unternommen, mit Hilfe von Wittgensteins Spätphilosophie den Sonderstatus der Sprache zunächst deutlich herauszuarbeiten. Die hieraus gewonnenen Ergebnisse sollen anschließend dazu benutzt werden, eine angemessene Antwort auf die Frage zu geben, was denn eigentlich ein Medium ist und warum sich üblicherweise die Medialität von Sprache (und anderen Medien) so schwer fassen lässt. Die PU liefern insofern einen profitablen Zugang zum Medialitätsproblem und es zeigt sich, inwieweit Wittgenstein diesbezüglich schon als eine Art Vordenker zu gelten hat. Zur weiteren Vertiefung wird letztlich die Notationstheorie von Nelson Goodman in die Analyse einbezogen, da sie das logische Handwerkszeug bereitstellt, das Wittgenstein uns vorenthalten hat.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2007
Page 1
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaften
M A G I S T E R A R B E I T
zum Abschluss des Studiengangs Kommunikationswissenschaft
Wie lassen sich WittgensteinsPhilosophische Untersuchungen
Page 3
Ludwig Wittgenstein zählt zweifelsohne zu den einflussreichsten Philosophen des letzten Jahrhunderts und mit seinem zweiten Hauptwerk,Philosophische Untersuchungen(PU), hat er den Blick auf Sprache für damalige Verhältnisse in vollkommen neue Richtungen gelenkt. Seine Konzeption sozialer Sprachspiele eignet sich aber auch heute noch hervorragend dazu, verstehbar zu machen, wie zwischenmenschliche Kommunikation und Sprache überhaupt funktionieren. Vieles von dem, was wir diesbezüglich inzwischen für völlig selbstverständlich halten, hat seinen Ursprung in der Spätphilosophie Wittgensteins. Darüber hinaus können seine Ausführungen für den Nachweis nutzbar gemacht werden, dass Sprache als ein universelles Medium aufzufassen ist. Hierbei handelt es sich um eine Sichtweise, die in weiten Teilen der wissenschaftlichen Mediendebatte kaum Beachtung findet. Während unterschiedliche Formen elektronischer Kommunikation im Zentrum des Interesses stehen, wird der Medialitätsstatus der Sprache häufig bewusst geleugnet. Das liegt zum einen daran, dass in der genannten Debatte keineswegs Einigkeit darüber herrscht, was eigentlich unter einem Medium zu verstehen ist; ein anderer Grund ist, dass Sprache in sehr vielen Theorien lediglich als Transportmittel zur bloßen Übertragung medienunabhängiger Informationen konzipiert wird. Es ist allerdings fraglich, ob dieses Modell dem Phänomen gerecht werden kann: Denn ist es nicht die Sprache, die die elektronischen Medien überhaupt erst ermöglicht? Ist nicht ohnehin, wenn man einmal eine erkenntnistheoretische Perspektive einnimmt, jeder menschliche Weltbezug in irgendeiner Weise an Medien gebunden? Und wenn dem so ist, lässt sich dann noch leugnen, dass Sprache aufgrund ihrer vielfältigen Funktionalität und Leistungsfähigkeit ein Medium von ganz besonderem Rang ist? Die in den PU vertretene Sprachauffassung weist diesbezüglich einen völlig anderen Weg: Natürlich spricht Wittgenstein an keiner Stelle explizit von der ‚Medialität’ der Sprache, d. h. er verwendet den Begriff nicht; dieser ist deutlich jüngeren Datums und hat vorwiegend erst mit dem Aufkommen der Neuen Medien an Popularität gewonnen. Dennoch lassen sich bei genauer Lektüre der PU sehr viele Charakteristika von Sprache herausstellen, die mit der Behauptung, dass Sprache ein Medium ist, in Einklang gebracht werden können.
In der vorliegenden Magisterarbeit wird daher der Versuch unternommen, mit Hilfe von Wittgensteins Spätphilosophie den Sonderstatus der Sprache zunächst deutlich herauszuarbeiten. Die hieraus gewonnenen Ergebnisse sollen anschließend dazu benutzt werden, eine angemessene Antwort auf die Frage zu geben, was denn eigentlich ein Medium ist und
Page 4
warum sich üblicherweise die Medialität von Sprache (und anderen Medien) so schwer fassen lässt. Die PU liefern insofern einen profitablen Zugang zum Medialitätsproblem und es zeigt sich, inwieweit Wittgenstein diesbezüglich schon als eine Art Vordenker zu gelten hat. Um jedoch mehr Klarheit gewinnen zu können, müssen zwangsläufig auch andere Theorieansätze diskutiert werden.
Die Arbeit gliedert sich dementsprechend in zwei aufeinander aufbauende Themenblöcke. InWittgensteins Sprachauffassung in denPhilosophischen Untersuchungengeht es zuerst um Wittgensteins Auseinandersetzung mit dem augustinschen Mythos1, an dem er die Unzulänglichkeit anderer Sprachauffassungen demonstriert. Im Mittelpunkt des Kapitels steht eine umfassende Analyse der Sprachspielkonzeption, die gleichsam deutlich macht, wie Sprache als Kommunikationsmedium funktioniert. Hierbei spielen die für das Verständnis von Wittgensteins Spätphilosophie zentralen Begriffe wie Bedeutung, Regel, Grammatik und Unhintergehbarkeit der Sprache eine wichtige Rolle. Zudem wird erklärt, welche erkenntnistheoretischen Konsequenzen sich aus Wittgensteins Sprachauffassung ergeben, warum der Sprachgebrauch in eine öffentliche Praxis eingebettet sein muss und weshalb es keine private Sprache geben kann.
Im FolgekapitelDas Medialitätsproblem - Sprache als Mediumwerden die medientheoretischen Implikationen aus Wittgensteins Sprachspielkonzeption konkret auf zentrale Themen der Mediendebatte bezogen. An dieser Stelle drängt es sich auf, zunächst einen angemessenen Medienbegriff zu reflektieren, damit die Medialität der Sprache fassbarer werden kann. Dazu ist es nötig, den Begriff des Mediums ganz klar abzugrenzen von dem des Mittels. Des weiteren muss die performative Dimension von Medialität ins Zentrum gerückt werden. Wittgensteins Philosophie liefert hierzu, wie sich zeigen wird, zahlreiche Ansatzpunkte, die es zu vertiefen gilt. Dann wird nämlich deutlich, warum z. B. die kognitivistische Linguistik, in der die Medialität von Sprache vollkommen ausgeblendet wird, in die Irre führt. Nachdem das Verhältnis zwischen Mentalität und Medialität geklärt ist, lässt sich im Anschluss an Wittgenstein Sprache als universelles Medium auffassen. Dazu wird letztlich die Notationstheorie von Nelson Goodman in die Analyse einbezogen, da sie das logische Handwerkszeug bereitstellt, das Wittgenstein uns vorenthalten hat. Als Textgrundlage derPhilosophischen Untersuchungendient Wittgensteins ‚Werkausgabe Band I’ in der ersten Auflage von 1984, erschienen bei Suhrkamp, Frankfurt am Main.
1Dieser Begriff stammt von Stetter, Christian (1999a), S. 545.
Page 5
In diesem Kapitel geht es um Wittgensteins Sprachspielkonzeption inklusive der Folgethemen, die für unsere Fragestellung von Interesse sind. Dazu sei vorweg ganz allgemein bemerkt, dass Wittgenstein in den PU keine stringente Theorie entwickelt hat, wie man das ja durchaus von einem Klassiker der Philosophie erwarten könnte. Aber nach seiner Auffassung „dürfen [wir] keinerlei Theorie aufstellen. […] AlleErklärungmuß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.“2Damit ist schon ein wesentlicher Zug von Wittgensteins Vorgehensweise in den PU gekennzeichnet: Der Untersuchungsgegenstand, nämlich die Sprache, ist so vielseitig und unüberschaubar, dass man ihm mit keinem in sich geschlossenen Theoriegebäude gerecht werden kann.
Man sollte wissen, dass sich Wittgenstein in der frühen Phase seines Philosophierens aber gerade daran versucht hatte: Sein erstes HauptwerkTractatus logico-philosophicus3war verbunden mit dem Anspruch, den undurchsichtigen Komplex der Sprache in seine Elemente zu zerlegen, um auf diesem Weg Klarheit über seine Struktur zu gewinnen. Das geschah jedoch nicht, wie in den PU, am Beispiel der Alltagssprache, da ihr vorgeworfen wurde, sie sei zu ungenau und lasse zu viele Verwirrungen zu.4Im Tractatus hingegen versuchte Wittgenstein, auf idealsprachlicher Basis mit logischen Mitteln jede Einzelheit der Sprache als Bestandteil eines durchweg regelgeleiteten Gesamtsystems herauszuarbeiten.5Im Vorwort der PU distanziert er sich radikal von jenem Anspruch und gibt selbstkritisch folgende Rechtfertigung zu Protokoll:
„Nachmanchen mißglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Gan-zen zusammenzuschweißen, sah ich ein, daß mir dies nie gelingen würde. […] daß
meine Gedanken bald erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche
Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. - Und dies hing freilich mit der Na-
tur der Untersuchung selbst zusammen.“6
Die PU bezeichnet er im Gegensatz zum Tractatus als „eine Menge von Landschaftsskizzen“7, die im weitverzweigten und nicht überall klar abgegrenzten Irrgarten der Sprache eine gewisse Orientierung geben sollen. Seinen Untersuchungsgegenstand vergleicht er nun auch mit einer alten Stadt, in der es viele verwinkelte Straßen gibt, wo moderne Häu-
2Wittgenstein,Ludwig (1984): PU § 109 [im folgenden zitiert als: PU …]
3vgl. Wittgenstein, Ludwig (1984)
4vgl. Wittgenstein, Ludwig (1984): Tractatus logico-philosophicus, 3.323
5vgl. Savigny, Eike von (1970), S. 36 ff. sowie Majetschak, Stefan (1996), S. 365 ff.
6PU, S. 231
7PU, S. 231
Page 6
ser neben alte gebaut werden und wo neue Vororte das Stadtbild stetig verändern.8Diese metaphorische Beschreibung erklärt auch den ungewöhnlichen Aufbau seines Buches: Hier gibt es keine einzelnen Kapitel und dementsprechend auch kein Inhaltsverzeichnis. Der Text ist lediglich in durchnummerierte Paragraphen unterschiedlicher Länge unterteilt; manche kommen als Aphorismen daher, andere sind in Dialogform mit imaginären Gesprächspartnern verfasst und dergleichen mehr. Hinzukommt, dass Wittgenstein keine wirklichen Definitionen formuliert oder explizite logische Analysen durchbuchstabiert. Sein Schreibstil zeichnet sich größtenteils durch Einfachheit aus und dahinter steht die Überzeugung, dass sprachphilosophische Probleme und irreführende Wortverwendungen, die in der alltagssprachlichen Kommunikation auftauchen, eben auch nur indieserSprache gelöst werden können. Wittgenstein betont an mehreren Stellen, dass es generell nicht die Aufgabe der Philosophie sein dürfe, den tatsächlich praktizierten Gebrauch der Sprache in irgendeiner Form anzutasten, sondern sie könne ihn nur beschreiben.9Das ist der Zugang, den der Autor wählt: Die reine Beschreibung bzw. Beobachtung dessen, wie die Alltagssprache in gängigen Situationen im Umgang mit anderen Menschen verwendet wird und wie wir uns damit verständigen können, was ja keineswegs trivial ist.
Direkt im ersten Paragraphen der PU gibt Wittgenstein ein anschauliches Beispiel für solch eine alltägliche Sprachverwendung: Da wird jemand einkaufen geschickt. Zu diesem Zweck wird ihm ein Zettel zugesteckt, auf dem die Zeichenfünf rote Äpfelstehen. Beim Kaufmann angekommen, überreicht er diesem den Zettel und die Operation mit Worten beginnt. Die Lade mit der AufschriftÄpfelwird geöffnet, das Wortrotwird mit Hilfe einer Mustertabelle der entsprechenden Farbe zugeordnet und bis zum Wortfünfwerden die Grundzahlwörter durchgezählt. Bei jeder ausgesprochenen Zahl wird schließlich ein roter Apfel aus der Lade genommen.10Diese Prozedur wirkt ohne Zweifel sehr konstruiert, aber sie verdeutlicht das Problem, das Wittgenstein ihr durch folgendes Augustinuszitat vorangestellt hat:
8vgl. PU § 18
9vgl. PU § 124
10vgl. PU § 1
Page 7
„Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei
ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch die Lau-
te, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie aufihnhinweisen wollten. […]
Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch
sie meine Wünsche zum Ausdruck.“11
Das Problem besteht in der uralten philosophischen Frage, wie es kommt, dass die Wörter unserer Sprache eine Bedeutung haben. Im augustinschen Mythos ist dieser grundlegende Zusammenhang ganz klar festgelegt: „Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“12Deshalb spricht man hierbei auch von der sogenanntenGegenstandstheorie der Bedeutung.Die Bedeutungen werden nach dem Vorbild von Gegenständen gedacht, Sprache und Wirklichkeit als strukturidentische Größen, d. h. nach diesem Verständnis kann und muss Sprache die Wirklichkeit so abbilden, wie sie ist.13
Das Augustinuszitat beinhaltet jedoch noch weitere Implikationen: Da ist die Rede davon, dass Wünsche zum Ausdruck gebracht werden. Gemäß dieser Theorie werden also auch private Gefühle oder Absichten etc. wie Gegenstände behandelt. Ganz allgemein lässt sich festhalten, dass im augustinschen Sinne einzelne Wörter immer als äußerliche Zeichen bzw. Benennungen von je einzelnen Gegenständen aufzufassen sind und Sätze entsprechend als Verbindungen solcher Benennungen. Wer so argumentiert, schließt zum einen aus, dass ein Wort auch mehrere Bedeutungen haben kann, und zum anderen, dass es ganz viele verschiedene Wortarten gibt, die keine Gegenstände, sondern Tätigkeiten, Eigenschaften oder dergleichen bezeichnen. Der einzige Zweck für die Verwendung der Zeichen besteht hier jedenfalls darin, als Namen für Gegenstände zu fungieren; das Benennen wird dabei aufgefasst wie ein seelischer Akt.14Des weiteren muss man sich vor Augen führen, dass es in dem Zitat um den kindlichen Spracherwerb des jungen Augustinus geht. Dadurch wird der gesamte Sachverhalt noch problematischer gestaltet als er ohnehin schon ist.15
Der augustinsche Mythos dient Wittgenstein sozusagen als Fundgrube zahlreicher Missverständnisse und Fehlinterpretationen, die es im folgenden auszuräumen gilt; zudem verbirgt sich dahinter eine grundlegende Kritik an der Sprachauffassung des Tractatus’. Es lohnt sich, diese Kritik kurz zu skizzieren, da sie einen guten Zugang zu Wittgensteins
11PU § 1
12PU § 1
13vgl. Savigny, Eike von (1970), S. 61 sowie Krämer, Sybille (2001), S. 123
14vgl. Stetter, Christian (1999a), S. 545 f.
15vgl. PU § 1 sowie Savigny, Eike von (1994), S. 33 f.
